Abb. 9. =Bronzemünze (As) des Kaisers Augustus aus dem Alberthafen in
Dresden-Friedrichstadt= (Privatbesitz)
4/5 der natürlichen Größe
]
Die ersten vier Jahrhunderte n. Chr. bezeichnen wir als _römische
Kaiserzeit_. Die in der Zeit bis 200 n. Chr. links und rechts der Elbe
(rechtselbisch vermutlich nur in den nördlicheren Gebieten, obwohl
der Nachweis durch Funde hier bisher nicht geführt ist!) sitzenden
westgermanischen Hermunduren werden von den aus der Lausitz kommenden
ostgermanischen Burgunden über die Elbe zurückgedrängt. Von 200 bis
400 n. Chr. ist die Elbe der Grenzstrom zwischen Ost- und Westgermanen
(vgl. dazu Deichmüller, a. a. O., S. 155, Figg. 87 bis 110 und
Bierbaum, a. a. O., Taf. II, Figg. 43 bis 52). Für unser Gebiet fehlen
bisher Funde von Gräbern oder Siedlungen aus diesem Zeitabschnitt.
Nur einige Münzfunde kommen in Betracht: eine Bronzemünze (As),
geprägt nach dem Tode des Kaisers Augustus († 14 n. Chr.),
am 20. August 1892 beim Bau des Alberthafens im Ostragehege
in _Dresden-Friedrichstadt_ ausgebaggert (Abbildung 9).
Vorderseite: Kopf des Kaisers nach links, ~DIVVS AVGVSTVS
PATER~; Rückseite: Großer Altar, zu den Seiten ~S[enatus]
C[onsulto]~; darunter ~PROVIDENT[ia]~. Sie ist in Privatbesitz.
Verschollen ist eine Münze des Kaisers Diocletian (284 bis
305), welche im Baugrunde der neuen Schule in _Dresden-Cotta_
zutage kam. Ebenfalls in Privatbesitz befinden sich die übrigen
Münzen: eine ägyptische Bronzemünze von Ptolemäus X. Soter
II. (117 bis 81 v. Chr.) mit Cleopatra III. (117 bis 111 v.
Chr.), 1922 in Spatenstichtiefe beim Umgraben in einem Garten,
wohl gegenüber dem Gasthofe, in der Flur _Niederhermsdorf_
gefunden; eine Bronzemünze (Sesterz?) des Königs Antiochus IV.
(Epiphanes), der 38 bis 72 n. Chr. das Königreich Kommagene
in Nordsyrien beherrschte, wie die vorige mit griechischer
Aufschrift versehen (1896 auf der Flur _Großopitz_ beim
Pflügen auf dem Felde des Herrn Albert Donath ausgeackert);
eine Bronzemünze (Dupondius = 2 As-Stück) des Kaisers Augustus
(27 v. bis 14 n. Chr.), durch den Gegenstempel ~TI A/~
(Tiberius Augustus) auf der Rückseite für die Provinz für die
Regierungszeit des Tiberius (14 bis 37 n. Chr.) kursfähig
gemacht. Das Stück stammt von _Tharandt_; es wurde 1860 beim
Umgraben eines Beetes im Garten der jetzigen Pfarre – das
Grundstück gehörte damals dem Professor an der Forstakademie
Hofrat Robert Preßler – entdeckt.
Alle diese Münzen sind aber nicht etwa als Zahlungsmittel im
Sinne unseres heutigen Metallgeldes zu uns gekommen – der
Handel war damals ja noch ausschließlich Warentausch – sondern
sie bildeten vielmehr Schmuckstücke oder Amulette, die man bei
sich trug.
Die _Völkerwanderungszeit_ von 400 bis 600 n. Chr. ist bisher durch
Funde im Lande nur schwach vertreten. Die um 800 v. Chr. erwähnte
Klimaverschlechterung mochte wohl in ihrer Auswirkung auf die
Besiedlungsdichte ihr Höchstmaß erreicht haben. Wir kennen aus Sachsen
nur das große Skelettgräberfeld (den Wechsel in der Bestattungsform
für diese Zeit hatte ich oben bereits erwähnt) von der Flur
_Elstertrebnitz_ bei Pegau, welches den Warnen zugeschrieben wird,
ferner aus dem Elbtale ein offenbar langobardisches Frauen- und ein
Männergrab von _Nickern_ bei Dresden und neuere, noch nicht weiter
bekannt gewordene Funde von _Riesa a. E._ Der Plauensche Grund ist
unbesiedelt gewesen.
Im Jahre 531 wurde bei Burgscheidungen an der Unstrut die große
Entscheidungsschlacht geschlagen, in welcher das Thüringerreich durch
die Franken und Sachsen zertrümmert wurde. Wahrscheinlich hatte das
eine weitere Entvölkerung des nur noch schwach besiedelten Landes
zur Folge, sodaß es den von Osten her ins Land eindringenden Slawen
ein leichtes war, das Land ziemlich kampflos im Anfang des siebenten
Jahrhunderts zu besetzen.
Die dichte Besiedlung des Landes zur _Slawenzeit_ (600 bis 1000
n. Chr.) beweist, daß es sich um erhebliche Volksmassen gehandelt
haben muß. Auch unser Gebiet wurde wieder besiedelt. Von der Flur
_Dresden-Cotta_ stammen slawische Lesefunde. Ein Gefäß mit dem
für diese Zeit typischen Wellenlinien-Ornament, dem sogenannten
»Burgwall«-Ornament (Bierbaum a. a. O., Taf. II, Figg. 53 bis 58),
und darunterliegenden horizontalen Furchen fand man um 1900 in
_Dresden-Löbtau_ in der Nähe des Dorfplatzes. Da es sich um einen
Einzelfund handelt, der wohl nur mangelhaft beobachtet worden ist,
kann nicht entschieden werden, ob es sich um eine Siedlung handelt,
was das wahrscheinlichere ist (zumal auch in anderen Teilen der
Ortsflur slawische Lesefunde gemacht worden sind), oder um ein Grab.
Die Slawen haben anfangs ihre Toten verbrannt; erst später, vermutlich
mit der zunehmenden Ausbreitung des Christentums, sind sie zur
Skelettbestattung übergegangen.
Die am Forsthaus in _Dresden-Plauen_ unter dem »Hohen Stein« 1922
beim Erweiterungsbau der Reichseisenbahn angeschnittene slawische
Kulturschicht deutet auf eine in der Nähe gelegene Siedlung hin. Auch
diese Stelle könnte noch im Bereich des früheren Plauener Tännichts
gelegen haben.
[Illustration: Abb. 10. =Slawische Scherben mit Wellenlinienverzierung=
1922 am Forsthaus in Dresden-Plauen gefunden]
Die Kulturschicht enthielt slawische Gefäßreste und
Tierknochen, welche vielleicht von einer früher am »Hohen
Stein« befindlichen, jetzt völlig zerstörten Schanze stammen
könnten. Um so mehr, als man den Eindruck hat, daß die
Gegenstände von oberhalb herabgeworfen worden sind. Die
Abbildung 10 zeigt Randstücke und einige andere Scherben,
welche fast alle das mit einem schmalen Kamm bewirkte
Wellenlinien-Ornament erkennen lassen. Unter den Knochen fanden
sich solche von Ziege, Schwein, Rind, Hirsch, Bär, Wisent (?),
Wildschwein, einem nicht näher bestimmbaren Nager und von
Vögeln. Manche Röhrenknochen sind zur Gewinnung des Markes
aufgeschlagen worden, das man als Leckerbissen schätzte.
Auch die _Heidenschanze_ von _Altcoschütz_ ist nach reichlich
tausendjähriger Pause zur Slawenzeit wieder besiedelt. Die nach
den gemachten Angaben aus der slawischen Kulturschicht stammenden
Knochenpfriemen (Abbildung 11), der Meißel (Abbildung 11, vorletztes
Stück der unteren Reihe rechts) und das Falzbein aus einer Rippe
(Abbildung 11, letztes Stück der unteren Reihe) mögen zugleich als
Beweis dafür dienen, daß die Kultur der Slawen nicht eben eine
besonders hohe war. Man muß schon bis zu jungsteinzeitlichen Kulturen
zurückgehen, um Vergleichsmaterial für solche Dinge zu finden, denen
andere: Hacken, Nadeln, ja sogar Pfeilspitzen aus Hirschgeweih
oder Knochen zugesellt werden können. Besonders interessant ist
die Auffindung eines sogenannten Schlittknochens aus dem rechten
Speichenknochen des Hirsches, der als Vorläufer unseres Schlittschuhs
oder der Schlittenkufe anzusehen ist. Solche Schlittknochen sind auch
auf anderen slawischen Wällen Sachsens gefunden worden (Bierbaum, a. a.
O., Taf. II, Fig. 58).
[Illustration: Abb. 11. =Knochenpfriemen, Knochenmeißel= (vorletztes
Stück der unteren Reihe) =und Falzbein= (letztes Stück der unteren
Reihe) =aus der slawischen Kulturschicht der Heidenschanze von
Altcoschütz=]
Ein Vergleich dieser Funde mit den prächtigen Stücken des Tharandter
Forstgartens läßt wohl nur folgenden Schluß zu: die Menschen der
Bronzezeit waren keine Slawen, sie müßten denn im Verlauf von etwa
2000 Jahren von der damaligen Kulturhöhe zu dieser primitiven
Kulturstufe herabgesunken sein, wie wir sie in allen slawischen
Siedlungen antreffen. Die Bewohner Sachsens zur Bronzezeit können gar
keine Slawen gewesen sein, da die Slawen nach dem heutigen Stande
der Sprachforschung wie der Ortsnamenforschung, der Archäologie wie
der Pflanzengeographie in den Jahren 400 v. bis 400 n. Chr. noch in
ihrer südrussischen Urheimat, und zwar in Wolhynien in der Gegend
zwischen Pinsk und Kiew hausten, als Sachsen bereits von germanischen
Stämmen besiedelt war. Das Zurücktreten aller Metallfunde während der
slawischen Besetzung des Landes bestätigt nur das eben über die Höhe
slawischer Kultur Ausgesprochene. Eisen findet sich nur zu Messern,
Sicheln, Beilen (?) und Pferdegeschirr verwendet; Bronze bisweilen
in den sogenannten »Schläfenringen«, wie sie uns in slawischen
Skelettgräbern entgegentreten. Und Silber kommt außer in der Form
der Schläfenringe nur in Gestalt von Münzen vor. Diese sind allem
Anschein nach barbarische Nachbildungen der kaiserlichen, und zwar
speziell Magdeburger Denare Ottos III. (983 bis 1002) oder Heinrichs
II. (1002 bis 1024). Sie sind charakterisiert durch einen erhabenen,
d. h. beiderseits vorstehenden, reifenartigen Rand und verwirrte
Schrift und werden als »Wendenpfennige« bezeichnet. Vier Stück solcher
Wendenpfennige, welche die Besiedlung der Heidenschanze bis ins elfte
Jahrhundert hinein beweisen, sind bisher von Altcoschütz bekannt
geworden. Zwei davon zeigt die Abbildung 12.
Mit diesen Funden ist der Endpunkt der Besiedlung der Heidenschanze
erreicht. Jüngere Funde liegen nicht vor. Wir müssen daher annehmen,
daß der Wall, welcher nach den dort reichlich vorhandenen Stücken
gebrannten Lehmes, des Hüttenbewurfes, zum mindesten in der
Slawenzeit ein befestigter Wohnplatz gewesen ist, im Anfang des
zweiten nachchristlichen Jahrtausends als solcher, wohl infolge eines
kriegerischen Ereignisses, durch Feuer vernichtet und aufgegeben
worden ist. Vielleicht geschah dies zugunsten des _Burgwartberges_
von _Nieder-Pesterwitz_ (Abb. S. 146), dessen deutsche Burgwarte
Buistrizi (daher »Weißeritz!«) Kaiser Heinrich IV. in einer Urkunde vom
Jahre 1068 nennt. Trotz jeder auch von dieser Stelle bisher fehlenden
systematischen Ausgrabung beweisen doch vereinzelte Scherbenfunde
durch die verwendete Masse, die Verzierung und ihren harten Brand die
_frühdeutsche Besiedlung_ dieses Platzes im Gau Nisan.
[Illustration: Abb. 12. =Zwei silberne Wendenpfennige von der
Heidenschanze Altcoschütz.= Fast natürliche Größe]
Nur der Vollständigkeit halber möchte ich hier erwähnen, daß
in der Gegend der heutigen Hahnebergstraße in Dresden für
die vorchristlichen Zeiten ein heiliger Hain vermutet worden
ist. Da aber aus diesem Bezirk bisher keinerlei Funde bekannt
geworden sind, handelt es sich bei dieser Vermutung wohl nur um
eine in die Zeiten der Romantik zurückreichende Gleichsetzung
von _Hahn_ mit _Hain_, wie sie des öfteren mit derselben
Grundlosigkeit stattgefunden hat. Die Zeiten für romantische
Phantasien im Bereich vorgeschichtlicher Forschungsarbeit sind
aber für die ernste Wissenschaft endgültig vorbei.
Wir stehen damit bereits im _Morgenrot der Geschichte_ und könnten
daher das Wort für alles weitere dem Geschichtsschreiber getrost
überlassen. Und doch möchte ich hier noch etwas anschließen zur Klärung
einer Frage, welche sich dem aufmerksamen Leser wahrscheinlich ganz von
selbst aufgedrängt haben wird: _Wie kommt es, daß_, namentlich von der
Habsburger Straße ab weißeritzaufwärts gerechnet, _alle die erwähnten
Fundstellen auf den Höhen beiderseits der Weißeritz liegen_, während
der eigentliche Grund (abgesehen von dem chronologisch unbrauchbaren
Klopfsteinfund vom Oppelschacht in Zauckerode) fundleer ist?
Die _Orts- und Flurnamen_ des Grundes und seiner Umgebung geben uns
hier _Aufklärung_. Sie beweisen, daß der _Plauensche Grund_ noch
zur Slawenzeit _sumpfig und waldig_ war, für eine Besiedlung in
noch früherer Zeit also gar nicht in Frage kam, weil da infolge der
Unmöglichkeit einer gründlichen Rodung nur waldfreies Gebiet bewohnt
werden konnte.
_Döhlen_ bedeutet die »Niederung«. »Die Sumpf-Wiesen« kommen
als Flurname in _Altcoschütz_ noch auf dem Flurkroki von 1835
am ~SW~-Abhange des Collm-Berges nach der Weißeritz zu vor.
_Deuben_ ist das »Eichendorf«; der Ortsteil von Potschappel
rechts der Weißeritz heißt noch heute _Leißnitz_, das zu
Deutsch etwa soviel wie »Walddorf« ist (vom slawischen les =
Wald; vgl. auch Lößnitz!). In _Burgk_ haben wir ein kleines
Kieferngehölz (altwendisch: boriku); Birkigt ist das Birkenland
und _Niederhäslich_ erzählt uns von Haselbestand. Die Höhen vom
Windberg bis zur Lockwitz trugen Heide. Waldstücke am Abhange
des Windberges auf der Flur _Niederhäslich_ hießen noch im
sechzehnten Jahrhundert die Kolicka, »die kleine Heide«; die
Goldene Höhe ist noch auf dem Oberreitschen Atlas vom Jahre
1821 als »Gohlig-Berg« – auch Golig geschrieben – bezeichnet.
Ihr Name leitet sich also auch von »Heide« ab. Genau wie der
Name des Ortes Golberode = Heidefurt (vgl. Trautmann, O.: Zur
Geschichte der Besiedlung der Dresdner Gegend, Mitteilungen des
Vereins für Dresdner Geschichte 1912, Heft 22, S. 11). Auf den
Wildreichtum weisen die Ortsnamen Schweinsdorf und _Zauckerode_
hin. Letzteres hat mit »roden« nichts zu tun. Der Zauckeroder
Bach ist 1206 als »rivulus Zuchewidre« bezeichnet, was in
seiner Ableitung aus dem Slawischen zu Deutsch etwa »der dürre,
austrocknende Otternbach« bedeutet. Die Fischotter ist ja durch
Funde aus dem Knochenmaterial von der Heidenschanze belegt.
_Sumpfige und waldreiche Wildnis war also das Tal der Weißeritz_
in slawischer Zeit – und wohl noch weit in die historischen Zeiten
hinein –; in dieses Tal führte vielleicht erst seit 1560 (Leßke,
Beiträge zur Geschichte und Beschreibung des Plauenschen Grundes,
III, Seite 19) eine Straßenverbindung, wenn man an den Begriff der
Straße nicht gerade einen allzu modernen Maßstab legt. Erst 1745 wurde
vom Staat die »Tharandter« Landstraße durch den Grund gebaut (siehe
S. 161). _Auf der Höhe liefen die alten Verkehrswege_; namentlich
über Altcoschütz, Birkigt und Niederhäslich gelangte man in das
abgeschiedene Weißeritztal. Auf demselben Wege führte man nach der
Entdeckung der Kohlen in Zauckerode diese dem Elbtal nach Leubnitz zu.