Wir haben im geologischen Teil von der Eiszeit gehört. In die Eiszeit
fällt das erste Auftreten des Menschen, und zwar des Menschen der
_Altsteinzeit_. So nennen wir, kulturgeschichtlich gesprochen,
die erdgeschichtlich als Eiszeit (Diluvium) bezeichnete Epoche.
Eiszeitliche Menschenreste sind in Sachsen bisher noch nicht
aufgefunden worden. Es ist jedoch durchaus möglich, daß wir eines
Tages auf solche stoßen bei der großen Ausdehnung, welche der während
der letzten Eiszeit gebildete fruchtbare Lößboden (z. B. Lommatzscher
Pflege!) im Lande hat. Wir können die Anwesenheit des Menschen
also nicht direkt aus seinen körperlichen Überresten erschließen,
sondern nur aus der Hinterlassenschaft seiner _Werkzeuge_, welche
vorwiegend aus Feuerstein angefertigt waren. Bis zum heutigen Tage
sind altsteinzeitliche Feuerstein-Werkzeuge aus unserem Gebiet nicht
bekannt geworden. Wir haben aber zahlreiche Funde der in diesen frühen
Zeitläuften anderwärts als gemeinsam mit dem Eiszeitmenschen lebend
festgestellten _Tierwelt_ auch aus dem Plauenschen Grunde, so den
Moschusochsen (vom »Schusterhaus« in Dresden-Cotta bei Anlage des neuen
Weißeritzbettes), das Mammut, den »König« unter der eiszeitlichen
Tierwelt (Dresden-Briesnitz, Dresden-Plauen – hier erst im letzten
Jahre noch bei der Anlage der neuen Straße, die den Plauenschen Ring
über die Westendstraße nach Südost verlängern soll), das wollhaarige
Nashorn (Dresden-Löbtau: Brauerei Reisewitz; Dresden-Plauen:
Felsenkeller-Brauerei, Eisenbahneinschnitt zwischen Dresden-Plauen und
Forsthaus, unterhalb der Begerburg, Dölzschen und Freital-Deuben),
das Renntier (Dresden-Plauen: Felsenkeller-Brauerei), das Wildpferd
(Dresden-Plauen: Felsenkeller-Brauerei, Waitzmannsche Ziegelei und
Begerburg) und den Wisent (unterhalb der Begerburg). Und wir kennen
aus unserem Gebiet auch die Überreste eiszeitlicher _Pflanzen_, und
zwar aus der aufgelassenen Ziegeleigrube von Zechel und Hänsel in
Freital-Deuben, wo 1888 und 1894 z. T. arktisch-alpine Laubmoose,
Riedgräser (Segge und Wollgras), Miere, Hahnenfuß, verschiedene
Steinbrecharten, Knollenknöterich und verschiedene Zwergweiden
aufgefunden wurden. Diese Tundrenflora war von mehreren Käferarten
begleitet.
Ebenso fehlen bis heute in unserem Gebiet noch alle Anzeichen
für die Anwesenheit des Menschen der _mittleren Steinzeit_,
welche wir etwa in die Jahre 13000 bis 5000 v. Chr. verlegen,
in der, nach Funden in den sogenannten Küchenabfallhaufen
des Nordens zu urteilen, die erste Töpferware und das erste
Haustier des Menschen, der Hund, auftritt.
Erst mit dem Seßhaftwerden des Menschen in der sogenannten _jüngeren
Steinzeit_, welche in unserem Sachsenlande wohl in die Jahre 5000
bis 2500 v. Chr. angesetzt werden muß, beginnt vom Elbtal her die
Besiedlung der Nachbarschaft des Plauenschen Grundes. Gewaltige
kulturelle Fortschritte charakterisieren die Menschheit der jüngeren
Steinzeit: die Kenntnis der Herstellung von Töpferwaren und die
Anfertigung von _Steinbeilen_ (anfangs Flachbeile) aus anderem
Material als nur aus Feuerstein; später das Polieren und sehr oft
auch die Durchbohrung solcher Beile. In der Hauptsache finden wir den
Hornblendeschiefer zu Beilen verarbeitet. Er war wegen seiner Zähigkeit
sehr geschätzt und zweckmäßig und wird deshalb als der »Stahl« der
jüngeren Steinzeit bezeichnet. Geräte aus Diabas, Basalt oder anderem
Gesteinsmaterial finden sich weit seltener.
Steinbeile als Einzelfunde sind aber kein unbedingt
zuverlässiges Merkmal für die Besiedlung einer Gegend,
selbst dann nicht, wenn sie in Formen auftreten, welche
in ihrer Zugehörigkeit zu ganz bestimmten Abschnitten der
Vorzeit einwandfrei festgestellt worden sind, wie z. B. der
»Schuhleistenkeil« der Bandkeramik, die vielkantige Streitaxt
der Schnurkeramik eigen ist. Man hat mit diesen Werkzeugen,
sogar in noch nicht sehr lange zurückliegender Zeit, allerhand
_Aberglauben_ verbunden, welcher soweit gegangen ist, daß
Nachbildungen solcher – meist aus Serpentin, von dem aber auch
echte Stücke vorkommen – in den Apotheken verkauft worden sind.
Als Zaubermittel gegen allerhand Krankheiten und Gebrechen
des Viehs und des Menschen sollten sie dienen, sowie als
Schutzmittel vor Blitz- und Hagelschlag in Haus, Hof und Feld
(vgl. dazu »Über Berg und Tal«, 29. Jg., Nr. 4 vom 15. April
1906, S. 38 mit Angaben über einen Fall dieses eigentümlichen
Aberglaubens von Kreischa). »Donnerkeile« nannte man sie ja
auch. Als Talisman trug man sie bei sich. Ja, man vergrub sie
sogar auf den Feldern, weil man dadurch eine gute Ernte zu
erzielen gedachte, sah in ihnen also Fruchtbarkeitsbringer.
Erst in Verbindung mit jungsteinzeitlichen Siedlungsplätzen gewinnen
Steinbeile die rechte Bedeutung. So könnten die _Steinbeilfunde_
von _Dresden-Cotta_ (ein durchbohrter Schuhleistenkeil aus
Hornblende-Grünschiefer von der Ockerwitzer Straße, früher Brauerstraße
5, 1899 gefunden) und _Dresden-Löbtau_ (ein durchbohrter Hammer von
der Tharandter, früher Plauenschen Straße Nr. 32, 1878 gefunden, und
ein durchbohrter Amphibolit-Hammer von der Kronprinzenstraße, 1909
gefunden) sehr wohl zu der bandkeramischen Siedlung in Dresden-Cotta
oder Dresden-Löbtau Beziehung haben. Fraglich ist es dagegen für
einen Amphibolit-Flachbeilfund von der Flur _Roßthal_, der von einem
Lesesteinhaufen ~SO~ des Dorfes stammt, ferner für einen am Schaftloch
abgebrochenen Diabashammer (1902 im Abraum des Steinbruchs ~S~ von
_Obergorbitz_ gefunden), sowie für eine ebenfalls am Schaftloch
abgebrochene, jedoch von neuem durchbohrte vielkantige Streitaxt aus
Nephelinbasalt, welche im _Tharandter Forstgarten_ beim Vorrichten des
Platzes, auf welchem 1855 die Königseichen gepflanzt wurden, zutage
kam. Da dies Tharandter Stück zeitlich der Schnurkeramik zugehört,
welche bisher aus dem Plauenschen Grund noch nicht bekannt geworden
ist – aus dem Forstgarten stammen nur die später noch zu erwähnenden
bronzezeitlichen Schatzfunde – werden wir wohl an eine Verschleppung
des Stückes durch die Bronzezeitmenschen zu denken haben. Genau wie
auf dem Pfaffenstein, wo in einer bronzezeitlichen Siedlung plötzlich
ein Schuhleistenkeil der Bandkeramik auftauchte, welche für den
Pfaffenstein durch Scherbenfunde bisher noch nicht belegt ist. Übrigens
ein gutes Beispiel für die Vorsicht, die solchen Steinbeilfunden
gegenüber stets am Platze ist.
Unsicher ist auch der 1919 oder 1920 unter anderen Geröllen
an der Zahnradbahn vom Oppelschacht in _Zauckerode_ nach
Freital-Döhlen zu aufgefundene Klopfstein aus einem Gerölle von
rotem, kieseligem Sandstein. Er ist von elliptischer Form und
besitzt eine dellenförmige Vertiefung auf der einen Oberfläche.
Für die Besiedlung zu einer bestimmten Zeit beweist er nichts,
weil solche zum Zerkleinern des Getreides verwendeten Steine in
den verschiedensten vorgeschichtlichen Abschnitten auftreten.
Sichere Besiedlung einer Flur liegt dort vor, wo Gefäßscherben auf
Wohnplätzen angetroffen oder Gräber gefunden werden. Denn zu den
Stellen, auf denen man die Toten der Erde übergab, gehört in der
Nähe irgendwo stets auch eine Wohnstätte. Sie kann bisweilen auf der
Nachbarflur liegen. Fehlt sie einmal, dann ist sie nur noch nicht
aufgefunden worden und kommt sicher eines Tages zum Vorschein.
Wir unterscheiden an _jungsteinzeitlicher Töpferware_ (Keramik) in
Sachsen bisher drei Gruppen: 1. die _Bandkeramik_ (entweder in der
Form der Linienband- oder als Stichband-Keramik, je nach der Art, in
welcher das schmückende Ornament angebracht worden ist; beide Formen
kommen übrigens gern miteinander vergesellschaftet vor), 2. die
_Kugelamphoren-Keramik_ und 3. die _Schnurkeramik_ (vgl. dazu Bierbaum,
G., »Nordsächsisches Wanderbuch« (Mittleres Nordsachsen), Verlag v.
Kommerstädt & Schobloch, Dresden-Wachwitz, 1925, Taf. I, Figg. 1, 3, 6
bis 8). Das Zentrum der Bandkeramik liegt in den mittleren Donauländern
(Niederösterreich, Mähren und Böhmen); von dem lateinischen Wort für
die Donau (Danubius) hat man die Träger dieser Kultur auch mit dem
rein geographischen Namen als »_Danubiner_« bezeichnet. Die Kultur kam
wohl aus dem Westen ins Land, nicht etwa direkt aus Böhmen entlang der
Elbe. Denn das Elbsandsteingebirge war dazumal noch ein unbezwingliches
Verkehrshindernis. Im Osten des Landes fehlt diese Kultur ganz; sie
hat zwar die Elbe überschritten, aber ihre rechtselbischen Siedlungen
liegen alle in unmittelbarer Flußnähe. Daher kann diese Kultur nicht
aus dem Osten zu uns gekommen sein.
In diese _Bandkeramik_ gehören die Siedlungen von _Dresden-Cotta_ (1.
an der heutigen Weißeritzmündung am »Schusterhaus«, 1892 erste Funde;
2. an der Ecke der Warthaer und Cossebauder Straße, 1893 bis 1894
und 3. an der Hamburger Straße) und _Dresden-Löbtau_ (~SW~-Ecke des
Nostitz-Wallwitzplatzes, zu beiden Seiten der Reisewitzer Straße).
Die beigegebene Abbildung 1 zeigt in ~OW~-Orientierung das
Profil längs der an der Südseite der Hamburger Straße in
Dresden-Cotta im Juni 1906 angeschnittenen Lehmwand mit den
jungsteinzeitlichen Herdgruben. Unter der Oberfläche zog
sich der ganzen Länge nach eine 0,7 bis 0,8 Meter mächtige
gleichmäßig dunkel gefärbte Schicht hin, in welcher vereinzelt
Kulturreste verteilt waren. Diese humusreiche Schicht verdankte
ihre Entstehung dem Ackerbau wie der dadurch bewirkten
Zerstörung der oberen Teile der Herdgruben und Beimengung des
dunkelfarbigen, holzkohlereichen Inhaltes derselben unter die
Ackererde. Unter dieser Schicht traten dann die unverletzten
tieferen Teile der Herdgruben deutlich begrenzt in dem gelben
Lehm zutage.
[Illustration: Abb. 1. =Ost-West-Profil der Herdgruben der Linien- und
Stichbandkeramik an der Südseite der Hamburger Straße in Dresden-Cotta=]
Linienband- und Stichbandkeramik fanden sich vereinigt in den Cottaer
wie in den Löbtauer Herdstellen; dazu Reste von Steinbeilen, auch ganze
Stücke (Cotta), messerartige Späne und Schaber aus Feuerstein (Cotta),
Hüttenbewurfstücke (Cotta), Mahlsteine und Schleifsteine (Cotta),
Knochen und Zähne von Rind, Pferd und Hirsch (?) (Cotta) und eine
zylindrische, längsdurchbohrte Tonperle (Cotta).
[Illustration: Abb. 2. =Bombenförmiger Napf der Linienbandkeramik von
Dresden-Cotta.= 7/10 der natürlichen Größe]
Die Abbildung 2 zeigt einen typischen bombenförmigen Napf der
Linienbandkeramik von Dresden-Cotta (Hamburger Straße), die
Abbildung 3 Gefäßscherben der Linienbandkeramik (ebendaher),
die Abbildung 4 Gefäßscherben der Stichbandkeramik (ebendaher).
– Das Material für diese Töpferware ist ein ziemlich sorgsam
geschlämmter Ton.
[Illustration: Abb. 3. =Gefäßscherben in Linienbandkeramik von
Dresden-Cotta=]
_Kugelamphorenleute_ und _Schnurkeramiker_ sind nicht in den
Plauenschen Grund gekommen; die nächsten Fundplätze dieser Kulturen
sind _Cossebaude_ (Kugelamphoren-Gräber) und das heute zu Radebeul
gehörige _Serkowitz_ (Schnurkeramik). Die Kugelamphorenleute kamen
vom Norden, die Schnurkeramiker vom Westen – Zentrum in Thüringen
– ins Land. Während die Kugelamphorenleute nur westelbisch lebten,
überschritten die Schnurkeramiker die Elbe und drangen weiter nach
Osten vor, wo wir ihre Gräber in Klotzsche und dann weiter vor allem
auf dem Lößboden in der Umgebung von Bautzen finden.
[Illustration: Abb. 4. =Gefäßscherben der Stichbandkeramik von
Dresden-Cotta.= 5/12 der natürlichen Größe]
Bereits in den Übergang zur Bronzezeit gehört die Kultur der
Glockenbecherleute (2500 bis 2400 v. Chr.), die von Böhmen her
den Westen des Landes besiedelten.
Die unserem Gebiet am nächsten gelegene Fundstelle dieser
Keramik liegt in der Flur Dresden-Leuben (Parzelle 95; November
1926).
Die Menschen der jüngeren Steinzeit _wohnten_ in Hütten, welche sie
über dem Herd in der Art errichteten, daß sie Stangen ins Erdreich
steckten, welche oben zusammengefaßt wurden. Diese Stangen wurden mit
Ruten und Reisig durchflochten und das ganze dann mit Lehm überzogen.
Diese Hütten ähneln ganz auffallend den Köhlerköten, wie sie sich noch
heute in dem deutschen Mittelgebirge erhalten haben. Die Herdgrube
ist also nichts weiter als der Rest des in die Erde eingetieften
Kellerloches und die von Cotta erwähnten Hüttenbewurfstücke sind Stücke
gebrannten Lehms, welcher zum Teil noch die Spuren der Hölzer erkennen
läßt.
Die _Kleidung_ bestand neben Fellen wohl bereits in einfachsten
leinwandbindigen Geweben aus Wolle und Flachs. Anderen Orts in solchen
Herdstellen aufgefundene Spinnwirtel und sogenannte Webstuhlgewichte,
ferner Scherben von Lockwitz und von Draschwitz bei Leisnig, die
deutlich ein Gewebe erkennen lassen, zeigen, daß die Kenntnis der
Flechterei und Weberei unseren Steinzeitleuten bekannt war.
An _Getreide_ baute man Weizen, Gerste und Hirse, wie Funde von
anderen Stellen verraten, die meist aus dem Hüttenbewurf stammen; an
_Haustieren_ hatte man außer dem von Cotta bereits erwähnten Rind das
Schaf, die Ziege, das Schwein und den Hund.
Die Toten _bestattete_ man unverbrannt – nur in ganz seltenen Fällen
ist Leichenbrand während der Jungsteinzeit in Sachsen bisher beobachtet
worden – in der Form des meist »liegenden Hockers«. Man band die
Unterschenkel gegen die Oberschenkel, die Unterarme gegen die Brust und
beerdigte den so paketartig verschnürten Toten, um seine Wiederkehr und
eine Belästigung der Überlebenden zu verhindern.
Diese Art der Totenbestattung besteht auch noch während der nun
anschließenden frühen _Bronzezeit_ (2400 bis 1700 v. Chr.) bei
uns weiter. Wir bezeichnen die frühbronzezeitliche Kultur nach
einem böhmischen Fundorte als »_Aunjetitzer_« Kultur. Sie ist in
geschlossenen Siedlungsgruppen verbreitet über Niederösterreich,
Böhmen, Schlesien, Sachsen und Thüringen, hat aber von da aus nach
allen Richtungen hin ihre Ausläufer entsandt. Nach Sachsen gelangte sie
von Böhmen wohl direkt über den Lückendorfer Paß bei Zittau (Schatzfund
von Olbersdorf bei Zittau vom Jahre 1778). Der Plauensche Grund ist
nicht davon berührt worden. Nur in der unmittelbaren Nachbarschaft
desselben, in _Dresden-Briesnitz_, sind einige Funde von Bronzen dieser
Zeit in der Max Nötzoldschen Ziegelei gemacht worden. Die Abbildung
5 zeigt ein Randbeil vom »sächsischen« Typus (1892 gefunden), die
Abbildung 6 einen dreieckigen Dolch aus Bronze mit vollgegossenem Griff
mit geradlinig geführten Dreieckverzierungen (1900 gefunden). Diese
Form hat sich vielleicht in Oberitalien entwickelt und von da aus weit
über West-, Mittel- und Nordeuropa verbreitet (vgl. Bierbaum, G., a. a.
O., Taf. I, Figg. 10 bis 14).
[Illustration: Abb. 5. =Bronzenes Randbeil vom »sächsischen« Typus von
Dresden-Briesnitz.= (Als Maßstab gilt dazu der Maßstab der Abbildung 6)]
Wir sind heute noch nicht in der Lage, zu entscheiden, ob die
Aunjetitzer nicht etwa ausschließlich aus den Danubinern hervorgegangen
sind; immerhin wird man annehmen dürfen, daß in der Aunjetitzer
Bevölkerung ein starker Prozentsatz der alten Danubiner steckt.
Hinsichtlich der Wohnungsform und Kleidung gilt das für die
jüngere Steinzeit bereits Erwähnte. Zu den bisher angebauten
Getreidearten ist vielleicht schon in dieser Zeit der Hafer
hinzugekommen; in der älteren und mittleren Bronzezeit (1700
bis 1200 v. Chr.) war er in Mitteldeutschland jedenfalls
bekannt. Der Roggen dagegen ist erst seit dem Übergang von der
Bronze- zur Eisenzeit angebaut worden.
Nach den heute besonders für Schlesien vorliegenden Untersuchungen
scheint die Entwicklung der Kultur der _älteren_ und _mittleren
Bronzezeit_ aus der Aunjetitzer Kultur ziemlich sicher zu sein. Wir
haben also keine ganz neue Bevölkerung uns, wenn wir jetzt in diese
eintreten. Für die _ältere Bronzezeit_ (1700 bis 1400 v. Chr.) kennen
wir freilich aus Sachsen bisher _keine sicheren Grabfunde_. Nur Einzel-
und Schatzfunde kommen vor. Sie betreffen aber nicht unser Gebiet.
Anders liegen die Verhältnisse in der _mittleren Bronzezeit_ (1400
bis 1200 v. Chr.), in der die Besiedlung des Landes immer mehr ihrer
stärksten Dichte während der Vorzeit entgegengeht. Südlich von
_Obergorbitz_ fand man 1902 das Bruchstück eines Gefäßes der für diese
Zeit charakteristischen Keramik vom sogenannten Ȋlteren Lausitzer
Typus«. Auch das ~N~ des »Kohlenweges« gelegene Gräberfeld von der
Flur _Kleinpestitz_ gehört mit seinen ältesten Bestattungen in diese
Zeit. Die Funde sind hier 1903 bis 1906 gemacht worden. Und neuerdings
ist von dem sogenannten Ternickel in der Flur Freital (Potschappel)
ein Lesefund dieser Zeit in das Städtische Museum Freital eingeliefert
worden.
[Illustration: Abb. 6. =Dreieckiger Bronzedolch mit voll gegossenem
Griff von Dresden-Briesnitz=]
Wir haben damit einen _Wendepunkt_ in der _Bestattungsform_
erreicht, welche vielleicht der letzten Folgerung entspricht,
die man aus der Furcht vor einer Behelligung der Überlebenden
durch den Toten zog: die bisherige Skelettbestattung – unsere
Unkenntnis für die Zeit von 1700 bis 1400 v. Chr. auf diesem
Gebiet infolge mangelnder Funde habe ich oben bereits erwähnt
– in der Form des Hockers wurde aufgegeben. Man verbrannte
die Verstorbenen auf dem Scheiterhaufen; die Knochenreste
setzte man in Urnen bei (meist auf sogenannten Urnenfeldern,
seltener in Hügelgräbern), denen man Beigefäße mitgab.
Diese Beigefäße enthielten wohl ehedem Speise und Trank als
Wegzehrung für die Reise des Toten ins Jenseits. Diese Sitte
der Leichenverbrennung wird nun von 1400 v. Chr. ununterbrochen
bis 400 n. Chr. im Lande ausgeübt.
Wahrscheinlich gehören in diese Zeit auch die Funde (1909 und 1925)
vom Ostabhang des _Collm-Berges_, welcher auf dem Oberreitschen Atlas
noch als Spittel-Berg (er gehörte einmal dem Dresdner Maternihospitale)
bezeichnet ist. Die oberflächlich aufgesammelten Scherben sind im
Besitz der heimatgeschichtlichen Sammlung für den Plauenschen Grund
und seine Umgebung in Oberpesterwitz, gestatten aber ohne planmäßige
Untersuchung der Fundstelle keine Entscheidung darüber, ob sie von
einem Wohnplatz oder einem Gräberfelde herrühren.
Vor allem aber fällt in die mittlere Bronzezeit die erste Besiedlung
der _»Heidenschanze« von Altcoschütz_, die in Dresdens Umgebung einen
der wenigen, wenn auch leider nur unvollkommen erhaltenen sichtbaren
Zeugen aus den Tagen der Vorzeit darstellt. Da systematische Grabungen
dort bis heute bedauerlicherweise nicht haben vorgenommen werden
können, kann nicht vollkommen sicher entschieden werden, ob dieser
Abschnittswall bereits damals angelegt worden ist, wie man vielleicht
annehmen darf. Jedenfalls ist das Gebiet der Heidenschanze von 1400 ab
ununterbrochen bis 500 v. Chr. besiedelt gewesen; denn auch die jüngere
Bronzezeit ist mit Funden von Gefäßscherben aus der Riefenkeramik,
dem sogenannten »jüngeren Lausitzer Typus« (1200 bis 1000 v. Chr.)
vertreten und auch die jüngste Bronzezeit mit der Töpferware aus dem
Aurither Kreise (1000 bis 800 v. Chr.). Weiterhin aber ist auch die
ältere vorrömische Eisenzeit mit der Keramik vom »Billendorfer Typus«
(800 bis 400 v. Chr.) von hier bekannt geworden.
Wir können die Bronzezeit nicht verlassen, ohne der _bronzenen
Schatzfunde_ zu gedenken, welche im akademischen Forstgarten zu
_Tharandt_ entdeckt worden sind. Die Abbildung 7 gibt die gefundenen
Gegenstände wieder. Sie stammen von drei ziemlich nahe beieinander
gelegenen Stellen.
1876 zu 1877 ist beim Rigolen die bronzene Lanzenspitze in
zirka 0,50 Meter Tiefe gefunden worden; sie stellt den letzten
Überrest eines nur aus Lanzenspitzen bestehenden Fundes dar,
dessen andere Stücke leider als verschollen gelten müssen.
Am 20. Oktober 1898 entdeckte man am östlichen Hange unter
den »Königseichen« zwischen den Wurzeln einer Birke die fünf
Knopfsicheln (vier gerundet, bei einem Exemplar fehlt die
Spitze; eine mit hochgeschweifter Spitze) und den kleinen nicht
völlig geschlossenen Bronzering von linsenförmigem Querschnitt
(in der Abbildung unter den Sicheln gelegen).
Am 5. November 1898 stieß man am östlichen Hange unter den
»Königseichen«, vier Meter ~SO~ von der Fundstelle der
Sicheln und des Ringes, auf die unverzierte, wenig gewölbte
Bronzescheibe mit mittlerer Unteröse. Ihr Durchmesser beträgt
elf Zentimeter; ihre Oberseite ist glänzend hellgrün patiniert,
der Rand schmal abgesetzt vertieft.
Am 3. Dezember 1898 kam, in einer Tiefe von nur 0,25 Meter
und nur etwa 0,25 Meter vom Fundplatze der Sicheln und des
kleinen Ringes entfernt, folgendes zutage: eine breitbandige
Armspirale von fast zwölf Windungen, welche in der geraden
Mittellinie senkrecht gestrichelt ist und deren glatte Enden
nur je eine Windung haben (Abbildung oben links); eine kleine
Armspirale von sieben Windungen mit glatten runden Enden und
im Zickzack verlaufender Schrägstrichelung (die Entscheidung
ist bei dem stark abgeriebenen Muster nicht vollkommen sicher;
Abbildung links unter der eben genannten); zwei große stark
verschlungene und dadurch zum Teil zerbrochene Armspiralen,
im Zickzack einfach senkrecht gestrichelt, mit quergekerbten
runden Enden (die beiden Stücke oben rechts in der Abbildung);
zwei vierkantige, übergreifende, niedrige Kinderarmbänder
(Abbildung links, Mitte); ein dicker, rundstabiger, glatter,
offener Armring (Abbildung links, darunter); ein ziemlich weit
gedrehter, mit Stempelenden versehener, vierkantiger Beinring
vom sogenannten »illyrischen« Typus (Abbildung Mitte, unten)
und das Bruchstück eines solchen (Abbildung links neben dem
eben erwähnten Stück).
1908 endlich fand man, etwa zehn Meter von der Stelle des
Fundes vom 20. Oktober 1898 entfernt nach den Königseichen zu,
die beiden Beile mit mittelständigen Lappen und gerader Bahn
(Abbildung rechts unten).
Die Funde gehören wegen der vierkantigen Beinringe vom
»illyrischen« Typus und der mittelständigen Lappenbeile in den
Übergang von der mittleren zur jüngeren Bronzezeit, d. h. etwa
in die Jahre 1300 bis 1100 v. Chr.
[Illustration: Abb. 7. =Bronzene Schatzfunde aus dem akademischen
Forstgarten in Tharandt=]
Wir haben deutliche Beweise dafür, daß solche Bronzegeräte auch in
unserem Gebiet hergestellt worden sind, wenn auch das Rohmaterial im
Handel bezogen werden mußte. Von der _Heidenschanze in Altcoschütz_
und aus ihrer nächsten Umgebung stammen verschiedene _Gußformen_, von
denen hier nur die schönste Erwähnung finden soll. Sie ist aus Gneis
hergestellt und war zum gleichzeitigen Guß von zwei Bronzesicheln
geeignet (vgl. Bierbaum, G., Zur Vorgeschichte Freitals, in: Freital,
Deutschlands Städtebau, Schrifttum Nr. 75, S. 17, Abb. 4 oben).
Es würde zu weit führen, wollte ich hier auf die _Keramik_ der über
ganz Sachsen, abgesehen vom Erz- und Elbsandsteingebirge, stark
verbreiteten _Bronzezeit_ näher eingehen. Zur Orientierung darüber
verweise ich auf die in diesen Mitteilungen Bd. XII, 1923, S. 148
bis 156 erschienene Arbeit J. V. Deichmüllers über »die sächsischen
Urnenfelder«, wo in den Figg. 5 bis 13 die Töpferware von 1400 bis 1200
v. Chr. dargestellt ist, während die Figg. 14 bis 25 die Riefenkeramik
von 1200 bis 1000 v. Chr. wiedergeben (vgl. auch Bierbaum, G.,
Nordsächsisches Wanderbuch, 1925, Taf. I, Figg. 15 bis 20 und 22 bis
26). Eine Bearbeitung der Keramik des Aurither Kreises (1000 bis 800 v.
Chr.) für Sachsen fehlt leider bis heute noch vollständig.
Wir verlassen damit die Bronzezeit und treten um 800 v. Chr. in
die _ältere vorrömische Eisenzeit_ ein, deren Töpferware nach dem
Gräberfelde von Billendorf im Kreise Sorau (Schlesien) als Keramik vom
»_Billendorfer_« Typus bezeichnet wird (vgl. dazu Deichmüller a. a. O.,
S. 152, Figg. 39 bis 51 und Bierbaum, a. a. O., Taf. I, Figg. 29 bis
33).
In dieser Zeit, in der nach den heute darüber vorliegenden
Untersuchungen eine erhebliche Verschlechterung des Klimas die
Bevölkerungsdichte mehr und mehr zurückgehen ließ, in der im sonnigen
Süden die »ewige Stadt« gegründet wurde, kam eine neue Kultur zu
uns vom Osten ins Land, die Kultur des Eisens. Entgegen neueren,
erst in letzter Zeit aufgetauchten Meinungen, unter Annahme eines
Bevölkerungswechsels Westgermanen als Träger dieser Kultur anzusehen,
möchte ich doch noch, solange keine zwingenderen Beweise dafür
vorliegen, an der bisherigen Auffassung festhalten, nach welcher die
Bevölkerung des Landes auch während der älteren vorrömischen Eisenzeit
dieselbe wie in der Bronzezeit, d. h. wenigstens von 1400 v. Chr. ab,
geblieben ist, wenn sie auch eine neue Kultur angenommen hatte. Die
Weiterbenützung der bronzezeitlichen Urnenfelder und Siedlungsplätze
während dieser frühen Eisenzeit spricht meines Erachtens doch sehr
stark für diese Ansicht (in unserem Gebiet z. B. in Kleinpestitz und
auf der Heidenschanze). Wer waren aber dann die Leute, welche von
1400 bis 400 v. Chr. das Land bewohnten? Ich kann leider hier nicht
speziell darauf eingehen. Soviel aber möchte ich doch sagen: Es waren
sicher _keine_ Germanen und sicher _keine_ Slawen, wie Tschechen
(diese schon _vor_ dem Kriege) und Polen (diese erst _nach_ dem
für uns unglücklichen Kriegsende) aus allzu durchsichtigen Gründen
(Selbstbestimmungsrecht der Völker übertragen auf die Verhältnisse der
Vorzeit!) in ihrer stark tendenziös und nationalistisch eingestellten
Vorgeschichtsforschung so gerne glauben machen möchten. Sondern es
war ein ursprünglich im Süden wohnender Volksstamm, vielleicht der
der _Illyrier_, da diese Vermutung heute wissenschaftlich durch die
Angaben des Tacitus im 43. Kapitel seiner Germania vom Jahre 98 n. Chr.
(betrifft Ost) und durch die bekannte Karte des griechischen Astronomen
und Geographen Ptolemäus vom Jahre 150 n. Chr. am besten gestützt ist.
Soviel nur davon (vgl. dazu Bierbaum, G., Mitteilungen der Vereinigung
Sächsischer Höherer Staatsbeamter e. V., 6. Jg., Nr. 2, Dresden,
Februar 1927, S. 6 bis 8: Zur Frage des Volkstums der Bewohner Sachsens
in der Vorzeit).
[Illustration: Abb. 8. =Links: Henkelkännchen von dem Gräberfeld an der
Waltherstraße in Dresden-Friedrichstadt=
=Rechts: Henkelkännchen von dem Gräberfeld am Nostitz-Wallwitz-Platz in
Dresden-Löbtau.=
Etwa 7/10 der natürlichen Größe
]
Außer den in diese Zeit gehörigen, bereits erwähnten Grabfunden
von der Flur _Kleinpestitz_ (Gräberfeld ~N~ des Kohlenweges)
und den Siedlungsresten von der _Heidenschanze_ sind hier
aufzuführen das ebenfalls bereits in der Bronzezeit beginnende
Gräberfeld an der Waltherstraße (am alten »Berliner Bahnhof«) in
_Dresden-Friedrichstadt_, aus welchem ich hier in der Abbildung 8
(links) ein Kännchen mit durchbohrter Wandung, oft »Tränenkrüglein«
genannt (speziell für diese Form ist dieser Ausdruck geprägt worden,
vor allem für solche Gefäße _ohne_ Standfläche! – Deichmüller, a.
a. O., S. 152, Fig. 43 –) aus einem Kindergrabe wiedergebe. Weiter
das in den Jahren 1893 bis 1895 beim Abgraben der Erdmassen zur
Planierung des Nostitz-Wallwitz-Platzes in _Dresden-Löbtau_ entdeckte
Urnenfeld (Abbildung 8, rechts: ebenfalls ein Kännchen mit durchbohrter
Wandung) und ein Gefäßfund von 1900 oder 1901, ~S~ vom Wirtshause
des »Hohen Steines« bei _Dresden-Plauen_ erhoben. – Eine Wohngrube
dieser Billendorfer Kultur entdeckte man im Sommer 1913 vor der 39.
Volksschule in der Schleiermacherstraße in _Dresden-Plauen_ beim
Schleusenbau. Die Fundstelle gehört damit vielleicht noch in den
Bereich des ehemaligen Plauener Tännichts.
Um 400 v. Chr. beginnt die volle Eisenzeit, die bis Christi Geburt
dauert. Als _Latène-Zeit_ wird sie nach einer wichtigen Fundstelle
im Neuenburger See in der Westschweiz bezeichnet. Die Illyrier sind
aus dem Lande verschwunden – ihr Verbleib von da ab ist heute noch
nicht aufgeklärt. Vielleicht sind sie, zum Teil wenigstens, mit der
germanischen Bevölkerung der Folgezeit verschmolzen. Irminonische
Elbgermanen suebischer Stammeszugehörigkeit haben nunmehr das
Land besiedelt. Unter der von ihnen verwendeten Töpferware (vgl.
Deichmüller, a. a. O., S. 153, Figg. 65 bis 76 und Bierbaum, a. a.
O., Taf. II, Figg. 36 bis 39) begegnen uns zum ersten Male auf der
_Drehscheibe_ hergestellte Gefäße. Bis dahin waren alle Töpferwaren,
wohl von den Frauen, vollkommen aus freier Hand geformt worden. Durch
die Beziehungen zu den um 500 v. Chr. vom Westen Deutschlands bis
zur Saale hin vorgestoßenen Kelten hatten die Elbgermanen diesen
technischen Fortschritt kennengelernt. Aus dem Plauenschen Grunde
sind bisher keine Funde bekannt geworden, nur aus dem nicht allzuweit
entfernten _Dresden-Briesnitz_ liegen gleichzeitige vor.
[Illustration: