2. Reise von Schandau nach Tetschen.

Wir brauchen zu dieser Wanderung nur eine Tagereise, und kommen auf der

Elbe, oder auf einem der oft angegebenen Wege nach +Hirniskretschen+.

Längs dem Strome hinan gehend, bleiben wir, ehe wir das +Belvedere+ (s.

S. 66.) erreichen, vor der Oeffnung stehen, wo der +dürre Grund+ sich

hinabsenkt, und finden uns reichlich belohnt, wenn wir dem Thale bis

zu der Mühle folgen, die wir zwischen ungemein mahlerischen, frisch

begrünten Felsen eingeklemmt sehen. Wir setzen den Weg an der Elbe

fort. Oberhalb +Elbleiten+ liegt jenseit des Flusses zwischen schroffen

und dürren Felsen das Dorf +Niedergrund+, wo das östreichische

Gränzzollamt, oder die zweite Elbzollstätte stromabwärts ist, und

die Prager Handels- und Schiffahrt-Assecuranz-Gesellschaft seit 1822

ihren Sitz hat, wiewohl gegen die Wahl dieses Ortes als Zollstätte und

Umladeplatz, besonders wegen der, aus der Lage desselben hervorgehenden

Schwierigkeiten einer Verbindung mit dem Innern Böhmens, gegründete

Einwendungen gemacht worden sind. Von hier kommen wir in 2 Stunden nach

Tetschen,

das ungemein anmuthig auf dem rechten Elbufer am kleinen Flusse

+Polzen+ im Leitmeritzer Kreise liegt. Das Städtchen, schon im

12ten Jahrhundert als Veste bekannt, gehörte mit der gleichnahmigen

Herrschaft um die Mitte des 11ten Jahrhunderts den mächtigen Berka von

Duba und Leipa, fiel aber nach der Schlacht am weißen Berge bei Prag,

wo der damahlige Besitzer, Rudolf von Bünau, nach Sachsen flüchtete,

an das gräfliche Haus von Thun, das es noch besitzt. Ein hoher

Sandsteinfelsen über der Stadt trägt das schöne Schloß, das theils

gegen Ende des 17ten Jahrhunderts, theils erst im vorigen Jahrhunderte

neu erbaut wurde, eine aus dem Felsen gehauene, 936 Fuß lange und 32

Fuß breite Einfahrt und einen, über 70 Klafter tiefen Felsenbrunnen

hat. Die Büchersammlung ist ziemlich ansehnlich und die Rüstkammer

reich an alten Waffen. Ein Lustgarten umgibt das Schloß, und das

Ganze wird von dem geschmackvollen Besitzer immer mehr verschönert.

In dem Städtchen, das 1600 Einwohner, eine Kattundruckerei,

Baumwollenspinnerei, und viel Handel und Schiffahrt hat, besuchen

wir die, im 17ten Jahrhundert erbaute, Lorettokapelle auf dem

schönen Marktplatze, die Sakristei in der Stadtpfarrkirche mit guter

Bildhauerarbeit, und den Wasserthurm, wo ein vom Mühlbache getriebenes

Rad über 40 Eimer füllt und eine in den Schloßgarten geführte Röhre

sich ausgießt. Der Fluß +Polzen+, der hier in die Elbe fällt, hebt

gewöhnlich im Frühlinge zuerst die Eisdecke des Stromes und veranlaßt

dadurch die Ueberschwemmung in Sachsen, während die Moldau bei Prag

noch zugefroren ist. Die seit 50 Jahren bekannte Heilquelle, das sehr

gut eingerichtete +Josefsbad+, liegt nahe bei dem Dorfe +Weyer+.

Wir sind hier in einer Gegend, die man mit Recht Böhmens Paradies

nennt, und gewiß ist kein Theil des Elbthales schöner, als das Uferland

von +Tetschen+ bis +Aussig+, wo zwischen mahlerischen Felsengestalten

ein reizendes, fröhlich geschmücktes Gelände sich durchschlingt, und

hier Felsenstirnen mit Burgtrümmern, dort Weinberge mit Winzerhütten,

dort freundliche Dörfer mit ihren Kirchthürmen sich in dem still

bewegten Strome spiegeln, den Schiffe und leichte Kähne beleben. Alles

ladet uns ein, in dem Städtchen länger zu verweilen, wo ein guter

Gasthof uns alle Bequemlichkeiten darbietet. In der Nähe und Ferne

locken uns reizende Gegenden. Wir besuchen die anmuthige Meierei

+Liewerda+, 3 Viertelstunden von +Tetschen+. Der 2 Stunden entfernte

+Schneeberg+ (s. S. 126.) ist von hier am bequemsten zu besteigen.

Wir gehen durch +Tichlowitz+, eine Meile aufwärts am rechten Elbufer,

zum +Zinkenstein+, auf dessen Gipfel wir von sieben verschiedenen

Standpunkten die bezauberndsten Aussichten genießen. Auf dem halben

Wege nach +Aussig+, eine Viertelstunde ostwärts von der Elbe, erhebt

sich unweit des Dorfes +Nieder-Welhottin+ der schroffe +Spaltenstein+,

eine auf grauem Sandstein aufsitzende, dreimahl gespaltene Basaltkuppe,

die aus Laubholz- und Tannenwipfeln, gegen 700 Fuß hoch über der

Elbe, mahlerisch hervor ragt. Nicht weit von hier ziehen sich am

Elbufer die +Podskalsky+-Weinberge nach +Aussig+ hinan, die einen,

im ersten Jahre wie Champagner schäumenden weißen und rothen Wein

liefern. Oberhalb +Aussig+, das auf dem linken Elbufer liegt, erhebt

sich der +Schreckenstein+, ein nackter Porphyrfelsen, dessen von den

Hussiten zerstörte Burg auf das blutige Schlachtfeld hinabschaut, wo

im Brachmonat 1426 gegen 12000 Meißner und Thüringer, die Friedrichs

des Streitbaren großherzige Gemahlinn, Katharina, zum Schutze des

Vaterlandes gesammelt hatte, im Heldenkampfe erlagen.

Haben wir uns verleiten lassen, so weit unsere Wanderung fortzusetzen,

so miethen wir in +Aussig+ einen Kahn, der uns nach +Schandau+ zurück

bringt.

Dritter Abschnitt.

Rückreise nach Dresden.

Wir verlassen +Schandau+ bei Tagesanbruche und wenn wir in einer

Gondel hinabschwimmen, landen wir in einer Stunde bei +Halbstadt+, dem

Städtchen +Königstein+ gegenüber. Wir sind hier unter dem

Lilienstein,

dem höchsten der zwölf frei stehenden Felsen in der Umgegend, der aus

ungeheuren, enge verbundenen Sandsteinblöcken besteht, die auf dem

Rücken des Berges sich erheben. Das Gestein gleicht völlig dem übrigen

Sandstein des Elbgebirges, ist aber gegen die Mitte der steilen Höhe

des Berges mit röthlichem, oder bräunlichem Eisenoker durchzogen. Es

führen viele Pfade auf die Höhe des Berges, da die Landleute, welche

die hier häufig wachsenden Beeren suchen, über die Abhänge nach allen

Richtungen Pfade gebahnt haben. Vom Dorfe +Ebenheit+, am Fuße des

Berges, wo wir auch einen Führer finden, zieht sich der Hauptweg an der

Südseite längs dem Rande des Gehölzes. Wir steigen auf ausgehauenen

Felsenstufen hinan, wo aber die Felsen unersteiglich empor ragen,

führt eine Balkenbrücke über den Abgrund an der Seite der schroffen

Wand und endlich bringen uns andre Stufen zwischen Felsenspalten auf

die Kuppe des Berges, die mit Kiefern und Fichten bedeckt ist. Auf

der Südseite sehen wir die Trümmer einer Jagdhütte, die im Jahre

1771 errichtet ward, als der jetzige König den Felsen erstieg. Auf

einer vorspringenden, durch Spalten getrennten Felsenwand steht eine

Spitzsäule, zum Andenken des Jahres 1708, wo des Königs Urgroßvater

den Berg besuchte. Die Inschrift: ~Fridericus Augustus, Rex et Elector

Sax. ut fortunam virtute ita asperam hanc rupem primus superavit

aditumque faciliorem reddi curavit. Ao. 1708~, (d. i. König Friedrich

August, Kurfürst von Sachsen, erstieg muthvoll, wie er sein Schicksal

ertrug, zuerst diesen rauhen Felsen und ließ den Zugang bequemer

machen,) erinnert an die Bedingungen des Friedens von Alt-Ranstädt,

nach welchen Karl XII. seinem Gegner nur den Königsnahmen, nicht

aber die Erwähnung der polnischen Krone gestattete. Die Aussicht vom

Gipfel, der nach neuern barometrischen Messungen 1297 Par. Fuß über

dem Meere liegt, ist bezaubernd und reich, besonders gegen Morgen. Wir

verweilen bei der Spitzsäule, einem günstigen Standpunkte, wo unser

Auge dem Strome aufwärts über +Schandau+ und den +großen Winterberg+

bis zu Böhmens Gebirgen folgt. Eben so schön ist die Aussicht, die

sich uns auf der Abendseite öffnet. Wir sehen +Stolpen+ über den

Wipfeln des Waldes, +Dresden+, +Scharfenberg+ und den schönen Bogen

der Elbe zwischen den nach +Meißen+ sich hinabziehenden Rebenhügeln.

Eine gegen Abend aufsteigende Kuppe ist von dem Hauptfelsen durch eine

tiefe Kluft getrennt und unersteigbar, doch scheint sie einst mit

jenem durch Kunst verbunden gewesen zu sein. Man weiß indeß nichts von

der ältern Geschichte des +Ylgensteins+, wie der Felsen vor Zeiten

hieß, als die unbestimmte, aus einer Urkunde hervor gehende Andeutung,

daß noch zu Ende des 14ten Jahrhunderts eine veste Burg hier stand,

die wahrscheinlich als böhmisches Schloß mit dem nahen +Königstein+

denselben Besitzer hatte, und mit diesem an den Burggrafen von Dohna

kam. In frühern Zeiten sah man noch mehre Ueberreste von altem Gemäuer,

als jetzt, und auf einem Steine des 1708 geräumten Brunnens war die

Jahrzahl 1499 noch um die Mitte des vorigen Jahrhunderts zu lesen.[12]

Die Sage hat das Innere des Felsens, der viele finstere Höhlen und

Schluchten enthält, mit Geistern bevölkert, die unermeßliche Schätze

bewachen. Die Gegend um den Fuß des Berges war der Schauplatz des

harten Schicksals, welches dem sächsischen Heere in den unglücklichen

Octobertagen des Jahres 1756 durch die Fehler seiner Führer bereitet

wurde, und mit der Uebergabe desselben endigte, nachdem es 34 Tage

lang eingeschlossen gewesen war, und Drangsale aller Art mit

ungebeugtem Muthe und ungeschwächter Kampflust ertragen hatte. Noch

sieht man am Fuße des Berges die alte Linde, wo Friedrich II. in jenen

Tagen verweilt haben soll. Die Franzosen legten im Sommer des Jahres

1813 auf dem untersten Kranze des Felsens veste Verschanzungen an,

wozu das Holz bis ans Stromufer hinab, größtentheils weggeschlagen

wurde. Napoleon ließ, um die Verbindung mit diesen Bevestigungen

zu erleichtern, eine auch für Geschütz fahrbare Straße (s. S. 74.)

durch die Felsenumgebungen von +Hohnstein+ anlegen, die von hier über

+Heeselicht+ nach +Stolpen+ führte, und bis auf einige Theile, welche

die Eigenthümer der Grundstücke, worüber sie war gelegt worden, sich

wieder zugeeignet haben, ist sie noch immer in gutem Stande. Wie wir

die Reise zum +Lilienstein+ an andre Wanderungen knüpfen können, haben

wir früher (S. 43.) schon gehört.

Vergißmeinnicht Ein Taschenbuch für den Besuch der sächsischen Schweiz und der angränzenden Theile Böhmens · 第 38 / 44 题