1. Reise durch den obern Kirnitschgrund zum Tollenstein.

Wir gehen in 4 Stunden nach +Hinterhermsdorf+ (S. 115.), wo wir

übernachten, und am folgenden Morgen kommen wir auf dem früher (S.

116.) angedeuteten, sehr anmuthigen Wege an das Ufer der +Kirnitsch+.

Der Wald wird dichter; hohe Felsenwände steigen empor, unter welchen

einige, zu +Hinterhermsdorf+ gehörende Häuser unter Obstbäumen liegen.

Unser Weg geht aufwärts am Bache, und führt uns zu einem einsamen, zur

böhmischen Herrschaft +Kemnitz+ gehörenden Jägerhause, +der Jäger+

genannt. Bald sehen wir uns wieder von mahlerischen Felsen umgeben, an

deren Fuße der Bach hinab rauscht, und unter reizenden Abwechselungen

führt uns das bald offene, bald wieder von hohen bewaldeten Wänden

eingeschlossene Thal über die Dörfchen +Khaa+ und +Langengrund+

zu dem freundlichen Städtchen +Schönlinde+, wo das Thal der, hier

entspringenden +Kirnitsch+ sich in eine anmuthige Gegend öffnet. Das

freundliche Städtchen, das Zwirnmanufacturen und ansehnliche Bleichen

hat, und viele Wechselgeschäfte für den innern Verkehr treibt, liegt

dritthalb Stunden von +Hinterhermsdorf+, in einem heitern Thale,

welches ein Gebirgkranz einfaßt, der von +Rumburg+ längs der Lausitzer

Gränze läuft. Ueberall sehen wir in diesem einspringenden Theile des

Leitmeritzer Kreises die Spuren reger Betriebsamkeit. In dem großen

Dorfe +Niedergrund+, das sich in einem langen Bogen durch das Thal

zieht, ist eine bedeutende Manschestermanufactur und eine ansehnliche

Kattunfabrik, deren Erzeugnisse neuerlich durch Walzendruck zu höherer

Vollkommenheit gebracht worden sind, jedoch nur im Inlande abgesetzt

werden. Wir kommen bald auf die von +Rumburg+ nach Prag führende

Straße, und immer reizender wird die Landschaft, über welche die hohen

Rücken der Lausitzer Gebirge hervor ragen. Das Städtchen +Georgenthal+,

anderthalb Stunden von +Schönlinde+ liegt freundlich am Abhange des

+Kreuzberges+, und hat seinen Nahmen von Georg von Schleinitz, der

es im 16ten Jahrhundert erbaute. Auf der Spitze des Berges steht die

Georgskapelle, ein viel besuchter Wallfahrtort. Eine Viertelstunde

südlich von der Stadt, nahe an der sogenannten +Kaiserstraße+, erheben

sich auf einem steilen, meist nackten Porphyrfelsen die Trümmer der

Burg +Tollenstein+, die im Mittelalter dem mächtigen Geschlecht

+Schleinitz+ gehörte, das in diesem Theile Böhmens und im angränzenden

Meißen ansehnliche Güter (s. S. 73.) besaß. Im Jahre 1337 und vollends

1475 wurde das Schloß, auf Befehl des Kaisers, von Zittau’s Bürgern

mit Hilfe der Schlesier zerstört. Man sieht noch einige verfallene

Ringmauern, mehre Keller und Thürme. Gegen Mittag ist das Hauptthor.

Westlich ruhen die Burgmauern auf Felsen. Südwestlich hinter der

Burg ragt der hohe +Dammberg+ empor. Das Volk erzählt sich allerlei

Sagen von wunderbaren Schätzen, die besonders im nahen +Meisengrunde+

verborgen sein sollen.

Wir haben von hier noch anderthalb Stunden bis zu dem sächsischen

+Waltersdorf+, einem ansehnlichen Weberdorfe, am Fuße der +Lausche+,

und auf dem, durch herrliche Aussichten anziehenden Wege über

+Johnsdorf+ und den +Johnsberg+ kommt man von +Waltersdorf+ in 2

Stunden auf den +Oybin+. Wir aber kehren von +Georgenthal+ entweder

auf dem angegebenen Wege über +Schönlinde+ und +Hinterhermsdorf+, oder

auch über +Lichtenberg+, +Carlstein+ und +Hirnischkretschen+ nach

+Schandau+ zurück, oder machen den anziehenden Umweg über +Rumburg+,

+Ehrenberg+, +Zeidler+, und die +Thomschenke+ nach +Lichtenhain+, oder

von +Ehrenberg+ durch das Kirnitschthal nach +Hinterhermsdorf+.

Wollen wir die Reise nach +Tetschen+, das 3 Meilen vom +Tollenstein+

entfernt ist, mit dieser Wanderung verbinden, so gehen wir von

+Georgenthal+ zu dem freundlichen Marktflecken +Kreybitz+. Wir

sind hier am Fuße des nach Ost und Südost laufenden Zuges der

sächsisch-böhmischen Sandsteingebirge, der vom Hochwalde bis

an die Elbe gegen 7 Meilen lang ist und das Elbgebirge mit dem

Sandsteingebirge um +Zittau+ verbindet. Der Sandstein wird in diesem

Landstriche zuweilen von andern Gebirgarten, bald von Hornstein und

bald von Granit, am häufigsten von Basalt unterbrochen, bei +Kreybitz+

aber sehen wir wieder die, dem Sandsteine eigenen nackten, zerrissenen

Felsenbildungen aufsteigen, die sich hier durch mehre schroffe

Seitenthäler fortsetzen. Der +Tannenberg+, wo wir einen großen Theil

der Oberlausitz und Schlesiens überschauen, und der +Kaltenberg+, auf

dessen Gipfel wir bis +Königstein+ sehen, ragen unter den umliegenden

Bergen hervor. Wir gehen weiter über +Wendisch-Kemnitz+ am Fuße des

+Rosenbergs+, dessen schöne Kuppe wir auf unsern frühern Wanderungen

von so vielen Standpunkten erblickt haben. Der kegelförmige Berg

steigt ziemlich steil hinan, aber reich ist die Aussicht, die zwischen

den Buchen, die seinen Gipfel krönen, sich uns öffnet. Die Abhänge

sind mit schwarzgrauem Basalt bedeckt, der auf der Sandsteinkuppe in

vesten, fünf- und sechsseitigen Säulen zu Tage ausgeht. Der Lauf des

+Kemnitzbaches+, der den Fuß des Berges bespült, zeigt uns den Weg nach

+Hirniskretschen+, setzen wir aber unsre Wanderung in südwestlicher

Richtung fort, so kommen wir bald auf eine Höhe, wo wir +Tetschen+ und

das reizende Elbthal erblicken.

Vergißmeinnicht Ein Taschenbuch für den Besuch der sächsischen Schweiz und der angränzenden Theile Böhmens · 第 37 / 44 题