Lohmen

führt. Dieser Flecken von ungefähr 800 Einwohnern, der im 17ten

Jahrhundert Städtlein hieß, und noch im Besitze mehrer städtischen

Gerechtsame ist, hat seinen Nahmen vielleicht von den Edlen von Chlumen

oder Chlomen, welche auch das alte Schloß erbaut haben mögen. Die

Geschichte dieses Geschlechts, das in dieser Gegend früh ansässig

gewesen zu sein scheint, ist jedoch sehr dunkel, und es läßt sich nicht

mit Gewißheit bestimmen, daß die Burg +Lohmen+ ihm zugehört habe, die

selbst zu der Zeit, als ein Edler von Chlomen in der letzten Hälfte

des 15ten Jahrhunderts die ganze Herrschaft +Wehlen+ besaß, einen

andern Besitzer aus dem alten meißnischen Geschlechte von Köckeritz

hatte, dessen Vorfahren +Wehlen+ lange eigen gewesen war, und der

später jene Herrschaft wieder erwarb, wozu +Lohmen+ seit den ältesten

Zeiten als Beisitz oder Nebengut gehört zu haben scheint. Nach mehren

Besitzveränderungen kam die Herrschaft an die Herren von Schönburg,

von welchen dieselbe mit Lohmen und Hohnstein um die Mitte des 16ten

Jahrhunderts an den Herzog Moritz von Sachsen überging. Später kam

das Schloß +Lohmen+ wieder in den Besitz von Privatpersonen, bis es

1620 fürstliches Eigenthum ward. Seit dem Tode der Gemahlinn des

Kurfürsten Johann Georg II, deren Witwensitz es war, und die hier 1687

starb, blieb es landesherrliches Kammergut. Wir sehen es in seiner

kühnen und mahlerischen Lage auf dem Gipfel eines überhangenden, in

der Mitte zerklüfteten Sandsteinfelsens, wenn wir, von +Mühlsdorf+

kommend, jenseit der Brücke am Ufer der +Wesenitz+ hingehen. Folgen

wir dem Wege aufwärts an der +Wesenitz+, der durch die verheerende

Ueberschwemmung im Sommer 1822 sehr gelitten hat, so kommen wir bald

zur +Hintermühle+. In der Nähe derselben öffnet sich der +Lohmner

Grund+, dessen Felsenumgebungen in seltsamen Gestalten empor steigen,

bis sie endlich zusammen rücken und den Weg sperren. Wir kehren zu der

Mühle zurück, und es öffnet sich uns bald ein Weg in die anmuthigen

Gartenanlagen, die sich zu dem Schlosse hinan ziehen und uns überall

angenehme Ruheplätze darbieten. Einen der günstigsten Standpunkte

finden wir hier auf dem Felsenvorsprunge über der Hintermühle, wo wir

einen Blick in das Thal der +Wesenitz+ werfen. Das Schloß besteht aus

zwei Hauptgebäuden, die durch einen Altan zusammen hangen, der auf

einer Felsenspitze angelegt ist. Nur an der Hinterseite sieht man

noch in den kleinen Erkern und Fenstern Ueberreste des Alterthums.

Das Schloß ist jetzt der Sitz einer bedeutenden Landwirthschaft, mit

welcher eine Schäferei verbunden ist. Wir verweilen einige Augenblicke

auf dem Altan, wo wir eine reizende Aussicht genießen. Vor ungefähr 40

Jahren stürzte ein junger Landmann, der arbeitmüde auf diesem Altan

eingeschlummert war, als er mitten in der dunklen Nacht aus dem Schlafe

auffuhr, von dem 76 Fuß hohen Felsen in die Tiefe und wurde dennoch

glücklich geheilt. Eine gereimte Inschrift auf einer hier eingemauerten

Tafel erzählt diese Lebensrettung.

Unweit des Schlosses sehen wir die freundliche Kirche, eine der

schönsten ländlichen Kirchen Sachsens. Das Pfarrhaus und die

Försterwohnung sind mit wohlfeilen, aus Blechstreifen gemachten

Blitzableitern versehen; eine Erfindung des vormahligen Pfarrers

Nicolai in Lohmen, dessen Wegweiser durch die sächsische Schweiz[1],

als eine der ersten Beschreibungen des meißnischen Hochlandes, viel

beigetragen hat, diese Gegenden bekannt zu machen.

Folgen wir oberhalb der Kirche der, nach +Stolpen+ führenden Straße,

so kommen wir in den obern Theil des +Lohmner Grundes+, welchen uns,

auf dem Wege von der +Hintermühle+, die Felsenwände versperrten.

Diese enge wilde Schlucht, durch welche die schäumende +Wesenitz+

hinab stürzt, heißt die +Brausenitz+. Auf beiden Seiten steigen die

prächtigen Felsenwände in seltsamen Gestalten hinan. Es gibt hier

mehre Steinbrüche, die sich bis gegen +Porschendorf+ hinauf ziehen,

wo das Wesenitz-Thal sich erweitert. Der Sandstein dieser Brüche ist

feinkörniger, aber auch weicher als im Liebethaler Grunde, und mit

vielen dunkelbraunen eisenschüssigen Adern durchzogen. Es werden hier

große Schleifsteine gebrochen, die bis nach Dänemark ausgeführt werden.

Im Gasthofe zu +Lohmen+, wo man gute Bewirthung findet, und gewöhnlich,

wenn man bei Tagesanbruche die +Bastei+ besuchen will, das Nachtlager

nimmt, treffen wir mit Reisenden zusammen, die aus andern Gegenden

kommen. Wer aus der Gegend von +Radeberg+, oder +Stolpen+ die

sächsische Schweiz bereiset, kommt über +Porschendorf+ und +Liebethal+

dahin. Von +Pirna+ führt eine gute Fahrstraße über die Anhöhe von

+Doberzeit+, wo sich eine reiche Aussicht nach Dresden, Pillnitz,

Pirna und Königstein vor uns öffnet, und selbst die Felsengruppen um

Schandau in der Ferne hervor ragen. In der Umgegend von +Doberzeit+,

ungefähr 3 Viertelstunden von +Lohmen+, findet man viele Geschiebe von

Kalzedon, Jaspis, Avanturin und schöne Versteinerungen. Hat man Zeit,

hier zu verweilen, so lasse man sich zu den Felsenwänden am linken Ufer

der +Wesenitz+ hinab führen, wo man nach einem halbstündigen Wege,

dem Dorfe +Hinter-Jessen+ gegenüber, eine Sandsteinwand erblickt,

worein viele Steinkohlentrümmer gemengt sind, welche, wie man glaubt,

das Dasein eines Kohlenflötzes verrathen. Nicht weit davon entspringt

eine Quelle, die im Winter nie zufriert, im Sommer aber sehr kalt

ist, und viele kleine Kohlentrümmer auswirft. Als im Jahre 1770 nach

anhaltendem Regen die Oeffnung der Quelle zu klein war, die Wassermasse

auszuströmen, öffnete sich der Ueberfluß weiter aufwärts am Fuße jener

Sandsteinwand einen andern Weg, floß einige Jahre lang, und warf auch

hier Steinkohlentrümmer aus, welche zum Brennen gebraucht, den eigenen

Kohlengeruch gaben.

Unweit +Doberzeit+ führt ein Fußpfad zu einem Felsenthale, von dessen

jenseitiger Höhe das Dorf +Mockethal+ herab blickt. Unten am Eingange

eines andern Thales liegt ein einzelnes Wirthshaus, der +graue Storch+,

und gegenüber unter den Felsenwänden das Dörfchen +Zatzschka+. Eine

Vertiefung in einem Felsen, wird der +Riesenfuß+ genannt, weil nach

der Sage ein Riese hier den Abdruck seines Fußes hinterlassen hat. Der

nächste Weg von +Pillnitz+ über +Ober-Poyritz+ und die +Dietzmühle+

nach +Wehlen+ geht über diese Höhe. Unweit des Riesenfußes öffnet sich

ein Felsenthal, welches von dem am Elbufer, +Pirna+ gegenüber liegenden

Dorfe +Posta+ den Nahmen +Alte Poste+ erhalten hat. Vom grauen Storche

senkt sich ein enges Felsenthal zur Elbe hinab. Die +alte Poste+

zieht sich zwischen Sandsteinfelsen hinan und führt auf die Hochebene

von +Lohmen+, wo eine sanft ansteigende Höhe, der +Kohlberg+, sich

erhebt, auf dessen Spitze, die ein einzelner Baum bezeichnet, eine

ungemein anziehende Aussicht vor uns liegt, welche die Umgegend von

+Lohmen+, die Felsen von +Rathen+, den +Lilienstein+, +Königstein+,

+Pfaffenstein+ und +Quirl+ und in der Ferne den dämmernden Gipfel des

+Schneebergs+, die Gebirge um +Altenberg+ und die Höhen von Dresden bis

Meißen einschließt.

Wer zu Wagen reiset, fährt von +Lohmen+ über +Rathewalde+ auf einem

bequemen Wege bis nahe vor den Felsenvorsprung der +Bastei+, oder läßt,

wenn er vorher den Ottowalder Grund besuchen will, den Wagen nach

+Rathewalde+ fahren. Wir lassen uns von +Lohmen+, oder wenn wir auf dem

+Kohlberge+ verweilten, gleich von hier in den

Vergißmeinnicht Ein Taschenbuch für den Besuch der sächsischen Schweiz und der angränzenden Theile Böhmens · 第 11 / 44 题