Stramm nähert sich Strick. Der Teufel flüstert dem Dicken ins Ohr: »Ick
boxe jetzt mit dem linken Arm. Und paß mal auf, was ich dann mache.«
»Mit wem?« winselt der mißtrauisch.
»Paß mal auf,« zischt der andere verlogen.
Wieder schmettern die Hiebe auf Feuchtedengel, jetzt springt aber der
Teufel mit ihm von Ecke zu Ecke.
Es kommt ihm vor, als ob er Kraft in den Beinen habe.
Plötzlich fühlt er sich aufgehoben; über einen Schemel fünf Schritt weit
fliegt er auf den anstürmenden Feind. Der, angeprallt an Brust und Hals,
zu Boden gewuchtet, taumelt rückwärts auf die Knie, tippt seitlich auf
die Hände. Mit doppeltem Gekrach fallen sie hin. Im Nu hockt der Teufel
über ihm, eins, zwei, drei, schlägt ihm die Faust gegen Schläfe und
Augen.
Dann würgt er ihn ab, sitzt aufgeblasen wie ein Frosch über dem blauen
Mann, wichtig beschäftigt, freut sich, wirft verliebte Blicke auf ihn,
wie er immer weniger mit dem Mund schnappt, mit den Füßen zappelt, ganz
ruhig ist. Immer wieder probiert er, ob der andere noch blauer werden
kann.
Streichelt ihm herzlich vergnügt die Backen: »Nun bist du fertig.« Sich
selber streichelt er: »Ei, ei, das ist schön.«
Er geht gemächlich blasend im Zimmer herum, sieht sich die Bücher an,
setzt sich, nachdem er sich geschnäuzt hat, an den Tisch, trinkt Kognak.
Die blanken Schaftstiefel Stricks glänzen herüber.
»Zu meinen Lebzeiten war ich Pferdeknecht. Ist lange her. Will auch mal
Reitstiefel mit Sporen haben wie ein Herr, und eine Reitpeitsche dazu.«
Setzt sein Gläschen hin, zieht dem Assistenzarzt die Stiefel rechts ab,
links ab, steigt selber ein. Die Peitsche mit dem Elfenbeingriff nimmt
er vom Spind, stolziert vor dem Spiegel. »Ei, Widuwio, wie siehste nu
aus. Jetzt gehört sich für dich ein Pelz, eine warme Mütze, dann bist du
der Herr Baron.« Aus dem Spind holt er den Pelz, vom Rechen die
gefütterte Mütze. Hat den Pelz am Leib, die Mütze auf dem Kopf. Sagt
nachdenklich in der frischen Luft am Fenster: »Wir gehen etwas aus. Wir
haben genug gearbeitet. Es ist Frühling im Januar.«
Feuchtedengel sieht ihn gravitätisch zur Türe stelzen: »Was soll aus mir
werden?«
Verächtlich schweigt der Teufel, schließt hinter sich ab.
Die beiden liegen allein.
Ruft der Dicke nach einer Zeit: »Strick.« Der dreht den Kopf, glotzt
seinen Nachbar an.
»Strick, was machst du?«
Kläglich stottert der: »Nun bin ich auch tot.« Weint: »Meine Stiefel
haben sie mir ausgezogen.«
Es schlägt fünf. Jammert Strick: »Wie lange sollen wir hier noch
liegen.«
»Ich weiß nicht. Der amüsiert sich jetzt in deinen Sachen, spielt den
Herrn Baron. Den mußt du sehen, wie der sich benimmt. Und uns läßt er
liegen, als wenn's nichts wäre. Wer soll denn jetzt Visite machen: es
ist fünf.«
Da hebt der Doktor den Arm: »Schon fünf und noch keine Visite. Einer muß
gehen, du oder ich.«
»Ich kann nicht, Werner. Ich kann wirklich nicht. Mir pellt sich schon
die ganze Haut ab. Was sollen sich die Patienten von unserem Krankenhaus
denken, wenn ich Visite mache.«
»Zeig' mal,« sagt Strick. Der dreht sich ihm zu. »Pfui, siehst du aus.
Da muß ich gehen. O je, bin ich geschunden.«
Strick hinkt zur Tür: die ist abgeschlossen, die Nebentür steht auf. Auf
der Station sehen ihn die Schwestern an. Die eine jammert: »Sind Sie
schon tot? Ach Gott, erst der Medizinalpraktikant und dann Sie.«
Eine andere weint: »Es ist aber schnell gegangen. Wie blau Sie sind.
Jetzt haben wir keinen Doktor mehr.« Die Dritte blickt mitleidig auf
seine Füße: »Sie gehen schon auf Strümpfen.«
Herzlich spricht ihm die Oberschwester ihr Beileid aus, zugleich für die
verreiste Oberschwester der Nachbarstation. Sie begleiten ihn zum
Ausgang, geben ihm zwei Kränze mit, die sie für einen anderen gekauft
haben: winken mit den Taschentüchern hinter ihm her. Vor seiner Wohnung
macht er Halt: ihm ist sein Zimmer, der Teufel samt Feuchtedengel
zuwider. Er will sich zu den Kränzen nur noch einen anständigen Sarg
kaufen. Der Portier leiht ihm einen Schafpelz und Filzpantoffeln. »Gehen
Sie rasch, Herr Doktor,« sagt er, »dann reicht's zwei Stunden. Lassen
Sie die Kränze hier, ich leg' sie Ihnen oben rauf.« Strick hetzt durch
die Läden, in der Kapellenstraße wird er matt, läuft, um sich zwei
silberne Reitpeitschen zu kaufen. Oben im verschneiten Stadtpark sinkt
er auf eine Bank, fällt ganz auf die Seite, herunter vom Sitz, freut
sich: »Jetzt wird man mich ehrlich begraben.« Liegt im Schnee, im
Finstern.
Der Teufel späht unter die Bank mit einer Laterne, sieht ihn liegen,
klopft ihm freundlich den Schnee ab: »Man soll's nicht übertreiben,
lieber Junge. Nun wird dir gleich wohler.« Er führt ihn am Kragen.
Strick, vergrämt über sein Pech, gerät in Zorn, weil der ihn duzt,
verbittet sich das, macht sich schwer. Der andere näselt vornehm, daß er
jetzt den feinen Mantel anhabe und die Mütze und die blanken
Reitstiefel, und die beiden neuen Peitschen werde er sich auch behalten.
Strick verlangt die Peitschen zurück, flucht, bis der andere ihn am Wege
zur Parkstraße über die Bordschwelle hinwirft, schwörend, er werde noch
den dusseligen Feuchtedengel holen, dann werde er ihnen die Suppe
versalzen. Als die beiden an seinen Armen wackeln, bläkt und schimpft
der Teufel, wer nur hier der feine Mann sei und wer der Prolet; wer
anderen Leuten das Leben schwer mache; was seien sie beide für
Lumpenbagage: der eine ohne Hut und im ungebügelten Paletot, daß man
sich schämen müsse vor die Damens, der andere in Filzpantoffeln, im
Portierpelz mit Mottenfraß und dabei noch mit zwei Reitpeitschen. Ohne
Pferd und kann nicht mal hopp hopp machen.
Er hängt sie zum Austrocknen statt an einen Baum, wie sich's gehört, an
den Latten eines Zaunes auf, mit dem Blick auf altes Eisen, zerbrochene
Kochtöpfe. Erst am Morgen nimmt er sie herunter. Da ist Strick ganz Gift
geworden. Der Teufel prahlt keck, wie er mit ihnen des Wegs zieht:
»Jetzt sind wir zu dreien. Kommt noch der Gendarm und will mich
verhaften, nehm ich ihn mit und wir sind vier. Ich muß mich beeilen.«
Strick wiehert lachend: »Du Hund. Wenn Feuchtedengel nicht gewesen wäre,
hättest du nicht mal mich gekriegt.«
»Was,« faucht der andere, »Hund sagt der zu mir? Und das wollen
Kavaliere sein? Ich hab' genug.«
»Ich auch,« höhnt Strick.
»Mein Arm,« winselt Feuchtedengel, aufwachend, »wer soll mich
verbinden?«
»Ich hab' genug,« brüllt der Teufel, läßt sie fallen, dreht sich um sich
selbst, »haltet die Schnauzen!«
Stößt, auf der Allee stehend, mit den Füßen rückwärts, scharrt wie ein
Pferd.
»Was macht er nur,« denken die beiden im Schneehaufen.
Er bläst sich auf, der Mantel platzt, sein Bauch dringt vor, wird groß
wie ein Globus, reicht rund herum vom Hals bis unter die Knie, seine
Hose folgt, seine Weste gibt nach. Seine Arme stecken oben wie kleine
Stiele in der Kugel. Bückt sich keuchend, langt sich den Doktor, der ihn
anspucken will, läßt ihn auf dem linken Arm, der linken Schulter nach
dem Hals zu rutschen. Zwischen Weste und Hals stürzt Strick kopfüber
abwärts, die Beine ragen zuletzt heraus. Die zappelnden Pantoffeln reißt
der Teufel ab. Rechts versinkt Feuchtedengel. Der Bauch weitet sich,
wirft Falten, steht prall. Der Teufel bläst die Backen auf. Die Kugel
dampft, glüht, versengt die Kleider, dunkelblaue Flammen schlagen
heraus, stehen über ihr wie eine Glocke. Der Teufel holt Luft, zieht
sich schnurrend zusammen, schüttelt sich. Asche, weiße Knöchelchen
fallen von ihm ab.
Freundlich sieht er an seinem Bauch herunter, sagt: »Ei, liebes
Bäuchlein.« Hebt die Pantoffeln, beide Reitpeitschen auf, geht allein
spazieren.
Zu einem Fräulein, die ihn wegen seiner erschöpften Haltung an der
Großhafenstraße anspricht, sagt er: »Sehr gebummfidelt, höchst
schmeichelbar. Ja, es war allerhand. Der eine, der Strick, Herr Strick,
Herr Doktor Strick hatte starke Muskeln, aber der andere war noch
schlimmer, der mit dem Bandwurm. Der knaute Ihnen und maulte und jaulte
den ganzen Tag und wurde nich fertig. Et war mich zu viel. Et war mich
zu viel. Und nu, nu sehn Se, liebes Fräulein --«
»Gehen wir ein paar Minuten ins Café Braune, mein Herr.«
»Gewiß doch, meine Dame. Und nu haben se beide nichts. Nu sind sie nich
im Himmel und nich in der Hölle. Nu sind sie einfach tot.«