Das Christenthum Abessiniens, dessen Lehren und Verwahrlosung. –
Der Abuna. – Art des Gottesdienstes. – Die lasterhafte
Geistlichkeit. – Mönche und Klöster. – Politische Asyle. –
Zeitrechnung. – Feste. – Taufe, Ehe, Begräbniß. – Die Kirchen,
ihre Einrichtung und Ausschmückung. – Die verschiedenen
Missionsversuche in Abessinien, deren Mißlingen und Urtheile
darüber.
Unter den Sonderkirchen des Morgenlandes, die durch das Dogma der
Dreieinigkeit mit der allgemein christlichen zusammenhängen, aber nach
zwei verschiedenen Richtungen hin von ihr infolge der Bestimmungen sich
lösten, denen im fünften Jahrhundert die Vorstellung von der Gottheit und
Menschheit Christi unterworfen wurde, giebt es zwei Volkskirchen, die
beide fast monophysitisch sind, beide von selbständigen Sprachen,
Stiftungen und Ueberlieferungen getragen werden, die beide tief verfallen
und entartet sind: die armenische und abessinische Kirche. Die letztere,
die entlegenste, abgesperrteste, ist auch die entartetste, die am meisten
von Heidenthum, Judenthum und Muhamedanismus durchsetzte und überhaupt dem
Christenthum am fernsten stehende. Byzantinische Scheinrechtgläubigkeit
hat diese Kirche in den Fanatismus der Formel versetzt, und die Waffen des
Geistes werden vor dem priesterlichen Bann gestreckt; das Leben dieser
Kirche basirt auf dem Anblasen und Handauflegen des Abuna, des obersten
Bischofs, und leere Ceremonien gelten für Gottesverehrung. Dazu gesellt
sich, daß die Träger dieser Kirche, vom höchsten Kirchenfürsten an bis zum
niedrigsten Mönche herab, durch eine grenzenlose Sittenlosigkeit dem
ganzen Volke mit üblem Beispiel vorangehen und daß sie die bedeutende
Macht, welche sie ausüben, meistentheils zum eigenen Nutzen verwenden.
Selbst die große Versunkenheit, in welche die europäische Geistlichkeit im
Mittelalter zum Theil verfallen war, reicht noch lange nicht an jene der
abessinischen Priester heran.
Von der Einführung des Christenthums war bereits die Rede, sehen wir nun,
wie dasselbe heute beschaffen ist. Die Abessinier sind koptische Christen.
Sie glauben an eine göttliche Offenbarung in der Heiligen Schrift, doch
hat die kirchliche Tradition genau dieselbe Geltung wie die Bibel. Nach
dem Missionär Isenberg haben sich bei ihnen die Hauptlehren des
Christenthums von dem Dreieinigen Gott, dessen Wesen, Eigenschaften und
Werken, von der Schöpfung der Welt, von den Engeln, von der Schöpfung, dem
Fall, der Erlösungsbedürftigkeit des Menschen, von der Erlösung durch
Christum, von dem Heiligen Geiste, der christlichen Kirche, den
Sakramenten, von der Auferstehung und dem letzten Gericht erhalten; aber
zum Theil durch allerlei Zuthaten so verändert, daß nur noch mit Mühe ein
biblisches Moment darin zu erkennen ist. Den Heiligen Geist lassen sie nur
vom Vater ausgehen, leugnen jedoch nicht, daß er nur durch Christus
vermittelt ist. In Christus nehmen sie mit den übrigen _Monophysiten_ nur
eine Natur an, sind jedoch über die Art der Vereinigung des Göttlichen und
Menschlichen in ihm verschiedener Meinung. Ihre Lehre von der Schöpfung
und Regierung der Welt, sowie ihre Engellehre ist voll von heidnischen,
jüdischen und muhamedanischen Vorstellungen. Sie glauben an das durch
Christus vollbrachte Heilswerk, beschränken dasselbe jedoch durch
Pelagianismus, d. h. sie leugnen die Verderbniß der menschlichen Natur
durch die Folgen der Sünde Adam’s und erklären die natürlichen Anlagen und
Kräfte des Menschen für hinreichend zur Erlangung der Seligkeit. Die
Jungfrau Maria genießt unter den Abessiniern eine ganz besondere
Verehrung; allgemein ist der Glaube unter ihnen verbreitet, daß sie für
die Sünden der Welt starb und 144,000 Seelen dadurch errettete. Aus diesem
Grunde sagte dem Volke auch die Lehre der katholischen Missionäre weit
mehr zu als diejenige der Protestanten.
Viel zu schaffen machte den Abessiniern vor etwa 70 Jahren die Lehre von
den _drei Geburten Christi_, ein Dogma, das von einem Mönche in Gondar
aufgebracht wurde. Hiernach war Christus vor allem Weltanfang schon aus
dem Vater hervorgegangen (erste Geburt), dann Mensch aus der Jungfrau
Maria geworden (zweite Geburt) und durch die Taufe im Jordan durch den
Heiligen Geist zum dritten Male geboren. Nach einem langen Kampfe mit der
Gegenpartei, die nur zwei Geburten annahm, wurde 1840 durch Befehl Sahela
Selassié’s, des Königs von Schoa, der Glaube an die drei Geburten als
allein rechtgläubig durchgesetzt und die Anhänger der zwei Geburten mußten
das Feld räumen. Sie flohen zum Abuna in Gondar, der sie in seinen Schutz
nahm und vom Könige verlangte, daß er die Vertriebenen wieder aufnehme, da
ihr Glaube, als mit demjenigen des heiligen Markus übereinstimmend, der
einzig rechte sei. Als Sahela Selassié sich nicht fügen wollte, bedrohte
ihn der Abuna mit Krieg, der jedoch erst 1856 unter König Theodoros gegen
Sahela’s Sohn zur Ausführung kam. Dieser unterwarf Schoa und führte die
Lehre von den zwei Geburten wieder ein, die nun allein herrschend ist,
nichtsdestoweniger aber als „Karra-Haimanot“, d. h. Messer-Glauben
bezeichnet wird, da sie die dritte Geburt Christi gleichsam „abschnitt“.
Sündentilgungsmittel der Abessinier sind strenge Fasten, Almosengeben,
Kasteiungen, Mönchthum und Einsiedlerleben, nebst Lesen und Abbeten
größerer oder kleinerer Abschnitte aus der Heiligen Schrift und andern
Büchern. Der Priesterstand übernimmt für Geld ebenso wie in der
katholischen Kirche diese Verrichtungen, daher _Ablaß_ und eine Art von
Seelenmessen auch hier stattfinden. Die Abessinier fasten in jeder Woche
des Jahres, mit Ausnahme der Zeit zwischen Ostern und Pfingsten, zwei
Tage, und zwar, gleichwie es in alten Zeiten bei den Juden Gebrauch war,
am Mittwoch und Freitag. Außerdem enthalten sie sich noch an folgenden
Tagen des Essens: an den drei letzten Tagen des Monats Ter, zum Andenken
der Buße von Ninive’s Bewohnern; während der 55 Tage, die unmittelbar dem
Osterfeste vorangehen, wovon 41 Tage dem Andenken an die Fasten Christi in
der Wüste, 7 der Passionswoche und 7 andern Erinnerungen geweiht sind; die
Fasten der Apostel sind von verschiedener Länge, je nachdem Pfingsten
früher oder später fällt; die Fasten zu Ehren der Jungfrau Maria, wozu 15
Tage des August bestimmt sind, von ihrem Sterbetage bis zu ihrer
Himmelfahrt; vierzigtägiges Fasten zur Vorbereitung auf das Fest der
Geburt Christi vor Weihnachten. Man sieht aus diesem Verzeichniß der
Fastenzeiten, von welchen die letzten beiden nicht von allen christlichen
Abessiniern gehalten werden, daß ein diesen Enthaltungsvorschriften
nachlebender Christ im Laufe des Jahres beiläufig 192 Tage, d. h. weit
über die Hälfte des Jahres zu fasten hat. Rechnet man hierzu noch einzelne
Straffasten, so kommt _dreivierteljähriges Fasten_ heraus! Daß dieses
nicht streng gehalten werden kann, liegt auf der Hand, aber vor Ostern,
sowie den Mittwoch und Freitag, beobachtet man die Regeln unweigerlich.
Aehnlich wie die Juden verachten die Abessinier das Nilpferd, den Hasen,
die Gänse und Enten und meistens auch das Schwein als unreine Thiere.
Was den Heiligen Geist angeht, so kennt der Abessinier nur die
Wunderkräfte, mit denen er Propheten und andere Heilige ausrüstete; auch
glauben sie an eine Mittheilung des Heiligen Geistes durch die Taufe. Was
die Kirche betrifft, so gelten hier die alten Ueberlieferungen von einer
_Verlosung der bewohnten Welt unter die Apostel_, sie können aber nicht
nachweisen, welchen Theil gerade jeder Apostel bekommen habe. Daß Petrus
und Paulus Rom und Europa, Johannes Antiochien, Kleinasien und Syrien,
Marcus Aegypten bekommen habe, steht ihnen fest; daher halten sie diese
drei Kirchen für einander gleichstehend. Sie erkennen dem Papste als
Nachfolger Petri einen gewissen Vorzug als dem Ersten unter
Gleichgestellten zu. Ihre Kirchenverfassung ist episkopal. Der zu Kairo
residirende koptische Patriarch von Alexandrien ist das Oberhaupt der
abessinischen Kirche und von ihm erhalten sie ihren Bischof, den sie
vorzugsweise _Abuna_, unser Vater, nennen. Als einziger Bischof des
Landes, und zugleich in der Hauptstadt residirend, ist er zugleich
Metropolitan. Seit Abuna Tekla Haimanot, der im 13. Jahrhundert die
sogenannte salomonische Dynastie wieder herstellte, besteht die
Verordnung, daß _kein Abessinier_ mehr zu dieser Würde gelangen darf,
sondern immer nur ein Kopte dieselbe bekleiden kann, um der Hoffnung Raum
zu geben, immer einen neuen Zufluß theologischer Anregung von außen zu
bekommen, da jener Heilige selbst, der letzte Abuna aus abessinischem
Stamm, daran verzweifelte, tüchtiges theologisches Leben in der
Geistlichkeit seines Landes zu erhalten. Dieser Tekla Haimanot (ums Jahr
1284) setzte ein Drittel des Bodens des ganzen Landes für kirchliches
Einkommen fest, von welchem er den bedeutendsten Theil für seine Person
erhielt. Der Abuna allein hat das Recht, Könige zu salben und Priester und
Diakonen zu ordiniren; in andern theologischen und kirchlichen
Angelegenheiten entscheidet er gemeinschaftlich mit dem _Etschegé_, dem
Oberhaupte der Mönche.
Beim Amtsantritt des Abuna muß die abessinische Regierung dem Patriarchen
ein Geschenk von 7000 Thalern einhändigen. Lejean erzählt, daß die stolze
Fürstin Menene über den letzten im Herbste 1867 gestorbenen _Abuna Abba
Salama_ geäußert habe: „Dieser Sklav, den wir aus unserm Beutel bezahlt
haben, benimmt sich sehr hochmüthig.“ Das kam dem Oberpriester zu Ohren
und er antwortete: „Allerdings bin ich ein Sklave, aber einer, der viel
werth ist. Hat man doch 7000 Thaler für mich gezahlt! Mit der Fürstin
Menene verhält es sich freilich anders. Man könnte sie auf dem Markte zu
Wochni ausstellen und bekäme nicht zehn Thaler für sie.“ Auf jenem Markte
werden nämlich sehr schlechte Maulthiere feilgeboten. – Andraos (Abba
Salama oder Frumentius ist sein Bischofname) war etwa 1815 geboren und kam
1841 unter Ubié zu seiner Stellung. Dem Kaiser Theodor gegenüber hatte er
eine eigenthümliche wandelbare Stellung. Beide beobachteten einander,
legten sich gegenseitig Hindernisse in den Weg, haßten und fürchteten sich
und stellten sich doch, als ob sie gute Freunde seien. Sehr oft machte
Theodoros gar keine Umstände mit dem Seelenhirten; er sperrte ihn in eine
Feste und legte ihn in Ketten, worauf ihm Leute vom Hofgesinde auf den
Knieen Speise reichen und die Füße küssen mußten. Salama, ein geborener
Aegypter, galt für einen Freund der Engländer. Als er sich früher in Kairo
der Studien halber aufhielt, besuchte er die protestantisch-englische
Schule des deutschen Missionärs Lieder, der im Auftrage der anglikanischen
Missionsgesellschaft arbeitete. Diese glaubte an ihm einen Proselyten
gemacht zu haben, sah sich aber arg getäuscht, denn der Abuna erklärte
später die Protestanten für Ketzer. Als er einmal auf das Aeußerste
gebracht war, drohte er Theodor in den Bann zu thun, dieser aber ließ eine
Hütte aus dürren Zweigen errichten, worin der Abuna verbrannt werden
sollte. Dies that er, um sich nicht in „blutiger“ Weise an dem Gesalbten
vergreifen zu müssen. Schleunig hob jedoch nach solchem Vorgange der Abuna
den Bann auf.
[Illustration: Debteras vor dem Abuna singend und tanzend. Nach
Lefêbvre.]
Bald nachdem Theodoros zur Macht gelangt war, fand sich David (Daud), der
Patriarch von Alexandria, im Auftrage des ägyptischen Vizekönigs in
Abessinien ein und benahm sich dort sehr hochfahrend, gleichsam als Herr
und Gebieter. Theodoros seinerseits begegnete ihm mit Spott und Hohn und
jener schleuderte ihm dafür mündlich den Bann ins Gesicht. Theodor blieb
ruhig, spannte eine geladene Pistole, schlug auf den Patriarchen an und
bat ganz sanft: „Bester Vater, gieb mir deinen Segen!“ David fiel auf die
Kniee, stand wieder auf und ertheilte mit zitternden Händen den Segen.
Der Reisende _Apel_ schildert den Abuna Salama folgendermaßen: „Er ist ein
trauriges Bild des lasterhaften, ignoranten Zustandes der ganzen
abessinischen Kirche. Stolz, unwissend, grausam, intrigant, sucht er auf
jede Weise sich Gewalt und Reichthum zu erwerben. Er treibt sogar
Sklavenhandel und nimmt nicht einmal Anstand, sich die Kirchengefäße
anzueignen, sie nach Aegypten zu senden und dort zu verkaufen. Er ist der
geschworene Feind aller Europäer.“ Der Empfang, welchen der Reisende bei
diesem „Kirchenfürsten“ fand, war nichts weniger als erbaulich. Als er
gefangen in Gondar eingebracht wurde, empfing ihn dort mit finsterer Miene
ein Mann, der ihn italienisch anredete. Es war der Abuna. „Bist du
wieder“, so begann er seine Schimpfrede, „einer von diesen vermaledeiten
Ketzern, welche unsere Religion, die wir von den Heiligen Frumentius und
Aedilius selbst empfangen haben, umstürzen wollen?“ Apel antwortete, daß
er sich keineswegs hiermit befasse, und wurde nun weiter gefragt: „Hast du
keine Bibel mitgebracht, das Volk irre zu führen und unsere heilige Kirche
zu untergraben?“ Als nun der Fremdling sagte, er sei Arzt und kein
Geistlicher, bemerkte der Abuna: „Ihr seid aber alle Räuber und Lügner,
ihr Engländer! Ihr kommt zu uns als Werkleute verkleidet, gebt vor, euch
mit der Arbeit zu beschäftigen, unterrichtet aber das ganze Volk und führt
es zum Verderben.“ Schimpfreden gegen die Missionäre beschlossen den
Sermon des Kirchenfürsten.
Günstiger urtheilt Heuglin von dem Manne, den er 1862 besuchte: „Er mag 45
Jahre alt sein, ist ein schöner Mann von kräftiger Statur, jedoch viel
leidend und in Folge eines Katarakts auf dem linken Auge erblindet. Sein
Schicksal, für Lebzeiten an dieses Land gebannt zu sein, trägt der Abuna
mit mehr Humor als christlicher Ergebung. Auf die abessinische
Geistlichkeit ist der Bischof sehr schlecht zu sprechen, er hält dieselbe
für vollkommen unverbesserlich, auch spricht er sich unumwunden über die
vielen Mängel und angestammten Krebsschäden der hiesigen Kirche aus;
trotzdem ist er aber den europäischen Missionären höchst abhold und
erklärt, er halte sich unter den obwaltenden Umständen für verpflichtet,
jede Art von Propaganda zu unterdrücken.“ Abba Salama, der 27 Jahre über
Abessinien als Kirchenfürst regierte, starb am 25. Oktober 1867.
So traurig steht es heute um den höchsten Kirchenfürsten Abessiniens, und
ihn übertreffen die übrigen niedrigeren Geistlichen an Schlechtigkeit und
Unwissenheit noch bedeutend. Diese sind an Rang und Würde zwar
untereinander verschieden, allein außer dem Abuna hat keiner das Recht, zu
ordiniren. Außer den Priestern und Diakonen besteht noch das Amt des
kirchlichen Thürhüters und Brotbäckers. Jede Kirche hat noch ihren Aleka,
dessen Geschäft darin besteht, die Geistlichen anzustellen, zu
beaufsichtigen und zu besolden und die Verbindung zwischen Kirche und
Staat zu vermitteln.
[Illustration: Erzbischöfliche Würdezeichen des Abuna. Nach Lefêbvre.]
Die Kirche hat ferner diejenigen, welche sich ihrem Dienste widmen wollen,
zu unterrichten. Zum Diakonenamte wird jeder ordinirt, der sich dazu
meldet, wenn er nur lesen kann. Will sich darauf einer dem Priesterstande
ganz widmen, so heirathet er in der Regel vorher, weil es ihm später nicht
mehr erlaubt ist. Die Ordination ist sehr einfach: der Diakon sagt das
Nicäische Glaubensbekenntniß her, bezahlt zwei Salzstücke an den Abuna,
der ihm das Kruzifix entgegenhält und den Segen über ihn spricht. Unter
dem Abuna Kyrillos, der vor etwa dreißig bis vierzig Jahren lebte, sollen
Priester aus Kaffa nach Gondar gekommen sein und einen Ledersack
mitgebracht haben, in welchen der Abuna Luft hauchen sollte, um mittels
derselben diejenigen ihrer fernen Landsleute zu ordiniren, die sich dem
Dienste der Kirche weihen wollten!
Die Thätigkeit der Priester besteht in täglichem drei- bis viermaligen
Gottesdienst bei Tag und Nacht, wobei des Morgens früh die Priesterschaft
mit Mönchen und Schülern zum Genusse des Abendmahls zusammenkommt.
Außerdem fallen Taufen, Trauungen, Messelesen, Beichtehören in ihr
Bereich. Der _Kirchengesang_ ist, obgleich höchst unerbaulich, doch sehr
künstlich und mit Mimik verbunden; das Studium desselben, sowie das
Einlernen der langen Liturgie kostet den angehenden Priestern viele Jahre
Zeit. Lächerlich erscheint uns auch die Art und Weise, wie die Priester
aus ihren heiligen Büchern lesen, denn das Lesen an und für sich gilt
schon als verdienstlich. Das Wort, mit dem sie dasselbe benennen,
entspricht unserm „plappern“ und paßt daher gut, um das gedankenlose,
überaus schnelle Lesen zu bezeichnen. Ein Priester, der seine oft ungemein
lange Liturgie schnell zu Ende bringen will, liest oft mit solcher
Behendigkeit, daß das Ohr in seinem Lesen die Artikulation der Stimme kaum
besser unterscheiden kann, als das Auge die einzelnen Speichen eines
schnell kreisenden Rades. – Was die Zahl der _Sakramente_ betrifft, so
scheinen sie nur zwei, Taufe und Abendmahl, anzunehmen. Zum letzteren
bedienen sie sich gesäuerten Weizenbrotes, das von bestimmten Personen
gebacken sein muß, und des Saftes ausgepreßter Weintrauben. Dieses wird im
Abendmahlskelch zusammengemischt, etwas Wasser zugegossen, das Ganze
geweiht und mit einem Löffel den Abendmahlsgenossen gegeben. Ihre Beichte
übertrifft alles, was in dieser Art anderweitig noch vorkommt. Nach einem
vorgeschriebenen Formulare (Nusasié) fragt der Priester den Beichtenden,
ob er gewisse Sünden, die in einer ungeheuren Schandliste alle
auseinandergesetzt sind, nicht begangen habe. Auf jeder Sünde steht nun
eine vorgeschriebene kirchliche Strafe, die durch Fasten oder Bezahlung
abgebüßt wird.
Diese Bezahlungen und andere zusammengebettelte Summen dienen dem Priester
dazu, über Massaua und Kairo eine Wallfahrt nach Jerusalem zu machen, die
überhaupt das höchste Ziel der Wünsche eines Abessiniers zu sein scheint,
weil er dadurch nach seiner Rückkehr gleichsam das Recht erhält, seine
wohlhabenderen Landsleute auf die unverschämteste Art um Geschenke zu
bestürmen. Der Einfluß, welchen sich die Priester auf die Bevölkerung zu
verschaffen wissen, ist trotz ihres offenbaren unsittlichen Lebenswandels
ein außerordentlich großer. Wenn in der Hauptstadt Gondar eine Frau einem
Priester ihrer Bekanntschaft auf der Straße begegnet, so küßt sie
demselben ehrfurchtsvoll die innere Seite der Hand; Männer thun dies wohl
auch, aber doch nicht in der Regel. Zwei sich begegnende Priester küssen
zur Begrüßung einander gegenseitig die rechte Schulter. Schon durch die
_Tracht_ unterscheidet sich der Priester vor seinen Mitmenschen. Sie,
sowie diejenigen, welche sich zur gebildeten Klasse zählen, tragen am Kinn
einen kurzen Bart, rasiren sich das Haupt und umwinden es turbanartig mit
einem weißen Tuche. Den Oberkörper deckt eine weiße Weste mit weiten
Aermeln; außerdem haben sie weiße, weite Beinkleider, eine schmale
Leibbinde und ein großes weißes Umschlagetuch mit farbigem Randstreifen.
Große Schnabelschuhe vollenden den Anzug. Selten fehlt dem Priester ein
Kruzifix, das die ihm begegnenden frommen Personen küssen, und ein bunter,
aus Haaren verfertigter Fliegenwedel. Um den Hals tragen sie außer einer
blauen Seidenschnur, ohne welche man nie einen abessinischen Christen
sieht, meistens einen Rosenkranz, der aus Jerusalem stammt. Die Priester
jeder Kirche (die normale Zahl derselben an einer Hauptkirche beträgt
nicht weniger als _einundzwanzig_!) wohnen immer in kleinen Häusern, die
sich innerhalb der Mauer befinden, welche die Kirche sammt den sie
umschattenden Baumgruppen gewöhnlich umfaßt. Dieser abgeschlossene Raum
wird oder wurde als ein heiliger Ort betrachtet, der gegen Plünderungen
gesichert ist.
[Illustration: Abessinischer Klostergeistlicher und Student der
Theologie aus Schoa.
Originalzeichnung von Eduard Zander.]
Auch den _Bannfluch_ kennt die abessinische Kirche. Als Isenberg mit
seinem Mitarbeiter 1843 nach Adoa kam, mußte er vor der versammelten
Geistlichkeit der Stadt ein förmliches Examen über seinen Glauben ablegen.
Man fragte ihn: ob er das Kreuz und die Kirche küsse? ob er an eine
Verwandlung von Brot und Wein in den Leib und das Blut Christi beim
Abendmahl glaube? und ob er glaube, daß die Jungfrau Maria und die
Heiligen uns mit ihrer Fürbitte bei Christo vertreten? Vom
protestantischen Standpunkt setzte er nun seine Ansichten lang und
weitläufig auseinander, allein dieses genügte, um ihn als Ketzer
erscheinen zu lassen. Kaum hatte er daher mit seinem Genossen der
Versammlung den Rücken gewandt, als ein Priester feierlich über beide den
Bannfluch aussprach, indem er ihre Seelen dem Satan, ihre Leiber den
Hyänen, ihr Eigenthum den Dieben übergab und jeden, der ihnen nahe kommen
oder sie bedienen würde, gleichfalls exkommunizirte.
Eine besondere Stellung in der abessinischen Kirche nehmen noch die
_Debteras_ ein. Debtera ist allgemeiner Gelehrtentitel, den Alle erhalten,
die sich hauptsächlich mit Büchern beschäftigen, sobald sie eine gewisse
Bekanntschaft mit denselben erhalten haben. Die eigentliche Bedeutung des
Wortes ist nach Isenberg Zelt; es wird gebraucht von der Stiftshütte, und
der zu Grunde liegende Gedanke dieses Titels ist wahrscheinlich der, daß
die Gelehrten ebenso das Heilige in ihrem Lande einschließen sollen, wie
es die Stiftshütte that. Ein Debtera wird nicht ordinirt; seine
Beschäftigung besteht im Unterrichtertheilen, im Kopiren der heiligen
Bücher auf Pergament und – wenn es nothwendig ist – im Assistiren in der
Kirche. Unordinirt sind auch die _Alekas_, die Kirchensuperintendenten,
die das Eigenthum der Kirche verwalten und die Vermittelung zwischen
Geistlichkeit und Staat herstellen. Schon sehr frühzeitig widmen sich die
Abessinier dem geistlichen Stande; die Kenntnisse, welche diese Studenten
der Theologie zu erlangen haben, sind gering. Sie lernen die
Kirchensprache, einige Geéz-Wörter, die Geheimnisse des abessinischen
Gesanges und Tanzes. Das Anhauchen des Abuna und die Zahlung von zwei
Salzstücken an denselben macht sie dann zu fertigen Priestern. Unsre
Abbildung (S. 119) zeigt einen Studenten der Theologie aus Schoa, der in
Schafpelz gekleidet ist und den Bettelstab und Bettelkorb – seine einzigen
Lebensstützen – bei sich führt. Neben ihm sitzt ein Bursche aus Gondar mit
einem Sonnenschirm aus Grasgeflecht (Eipras).
Die Art und Weise, wie der Gottesdienst, zumal bei großen Festen,
abgehalten wird, erinnert in vieler Beziehung mehr an das heidnische
Schamanenthum, als an christliche Ceremonien. Als Rüppell die Kirche von
_Koskam_, etwa anderthalb Stunden nordwestlich von der Hauptstadt Gondar,
besuchte, um dort dem Feste zum Andenken der Rückkehr Christi aus Aegypten
beizuwohnen, fand er dieselbe außerordentlich mit Menschen angefüllt,
sodaß er nur sehr schwierig einen Platz in derselben erhalten konnte. Vor
dem Gebäude hatte man große Tücher von fußbreiten blauen, weißen und
rothen Streifen aufgespannt, um der Menschenmenge Schutz gegen die Sonne
zu gewähren. Die Aufmerksamkeit der Anwesenden war auf eine im
Vordergrunde befindliche Gruppe von Priestern gerichtet, welche unter
schrecklichem Geheul konvulsivische Bewegungen mit dem ganzen Körper
machten und mitunter auch abwechselnd wild in die Höhe sprangen. Jeder
Priester hatte in der einen Hand eine Rassel (Sanasel), in der andern
einen langen krückenartigen Stab. Die Rassel hat die Form einer
zweizinkigen Gabel, welche durch Querstäbchen oben geschlossen ist, und in
ihr befinden sich mehrere Metallringe, welche hin und her bewegt durch
ihren rasselnden Ton den singenden und tanzenden Priestern zum
Taktschlagen dienen. Dieser Gebrauch muß ein sehr alter sein, denn schon
unser Landsmann Christoph Fuhrer berichtet in seiner 1646 zu Nürnberg
gedruckten „Reisbeschreibung in Egypten“: „Gegenüber unter den Armeniern
haben die Abyssinier ihren Ort, welche gar seltsame Ceremonien halten.
Wann sie Meß singen, brauchen sie wunderbarliche Instrumenta, als zwei
Trummel, wie die Heerpauke, darauf sie unter dem Singen schlagen; einer
hat ein Schlötterlein, welches voll Schellen hängt, daran er mit der
andern Hand schlägt, daß es klingelt: ein andrer hat ein Instrument, wie
es die Moren gebrauchen, einer halben Trummel gleich, auch mit Schellen
behängt, die stehen beieinander, hüpfen und tanzen zugleich miteinander,
singen viel Alleluja, welches lächerlich zuzusehen und zu hören ist, seynd
aber dabei fromme und gottesfürchtige Leute.“ – Inmitten der Gruppe sich
verzerrender Priester saß einer auf dem Boden und schlug eine große, von
Silberblech gearbeitete türkische Trommel. Nachdem diese religiöse
Belustigung einige Zeit gedauert hatte, hielten sämmtliche Priester
innerhalb der Kirche singend einen Umzug um das die Bundeslade enthaltende
Heiligthum. Zwei von ihnen trugen auf dem Kopfe sehr große Helme von
Goldblech, mit getriebener Arbeit reich verziert. Dies waren die beiden
Kronen, welche einst der Kaiser Joas und sein Vater, der Kaiser Jasu, bei
großen Feierlichkeiten zu tragen pflegten und die später der Kirche
geschenkt worden waren. Diese Kronen, welche von einem Griechen aus Smyrna
gefertigt wurden, sind von Gold- und Silberblechen in getriebener Arbeit
gemacht und mit farbigen Steinen oder Stücken Glasfluß verziert. Einige
der Priester hatten eine Art Meßgewand von Brokat an, das jedoch sehr
verschabt war; andere trugen Stäbe mit Bronzekreuzen und über dem
vornehmsten wurde ein blauer, mit Goldfranzen besetzter Sammetschirm
getragen. Die ganze Feierlichkeit entbehrte aller Ordnung und erregte in
Rüppell mehr Neigung zum Lachen als religiöse Empfindung.
[Illustration: Krone des Kaisers Jasu.
Nach Rüppell.]
Neben dieser Weltgeistlichkeit, die sich mit sehr geringen Ausnahmen durch
Hochmuth, Unwissenheit und lasterhaftes Leben wenig vortheilhaft
auszeichnet, steht noch eine große Schar von Mönchen und Nonnen in
Abessinien, die nach den uralten Regeln des Pachomius zusammen leben.
Dieser, ein Schüler des heiligen Antonius, war der erste, der die
Einsiedler ums Jahr 340 auf der Nilinsel Tabenna im Kloster zusammenführte
und auch später das erste Nonnenkloster gründete. Seine keineswegs
strengen Regeln eignen sich für die immer noch lebenslustigen
abessinischen Mönche und Nonnen am besten, die aber oft genug dieselben
überschreiten.
Abessinien ist überfüllt mit Mönchen und Einsiedlern, die sich in gelbe
Gewänder, das Zeichen der Armuth, oder in gegerbte Antilopenfelle hüllen.
Gewöhnlich führen diese Leute einen unsittlichen Lebenswandel, schwärmen
durch das ganze Land und sind die Pest und Plage der Gegend, welche sie
heimsuchen. Die Männer können in jeder Periode Mönche werden; die, welche
mit schweren Krankheiten behaftet sind, thun das Gelübde, nach ihrer
Heilung ins Kloster zu gehen, und vermachen diesem ihre ganze Habe. Reiche
übergeben ihr Vermögen den Kindern, werden Mönch und lassen sich dann von
ihren Erben bis ans Lebensende unterhalten; arme Mönche dagegen leben von
der Gnade des Königs und der Gemeinde. Viele dieser Klostergeistlichen
sehen aber niemals ihre Zellen, sondern leben gemüthlich mit Weib und Kind
zu Hause und betteln auf Grund ihres gelben Gewandes oder der Agaseenhaut,
die mit dem ungewaschenen Aeußern zusammen an die Legende von ihrem großen
Ordensstifter Eustathius erinnert, welcher sich rühmte, niemals seinen
Körper gewaschen zu haben, und wunderbarlich auf dem fettigen Mantel über
die Fluten des Jordan schwamm, ohne daß ihn ein Tropfen Wasser feindlich,
d. h. reinigend, berührte.
Eins der berühmtesten Klöster befindet sich auf dem _Debra Damo_ in
Tigrié, vier Stunden nordöstlich von Ade Pascha. (Siehe S. 35.) Dort oben
leben gegen 300 Mönche in kleinen Hüttchen zusammen. Nach Zander’s Bericht
führt kein Weg hinauf und Menschen wie Nahrung werden an der Nordseite des
Felsens mit Seilen hinaufgezogen. Das Kloster ist stets auf viele Jahre
hinaus mit Lebensmitteln versehen und gilt in unruhigen Zeiten als ein
besonders sicherer Zufluchtsort. Oben findet man eine Quelle, die das
ganze Jahr hindurch vorzügliches Trinkwasser liefert und niemals
versiecht. An Handschriften und Büchern, die noch keinem europäischen
Reisenden zugängig waren, ist es sehr reich. Der senkrechte Fels besteht
aus Grauwacke und Sandstein, die Grundlage desselben ist Urthonschiefer,
die Höhe über dem Meere 6800 Fuß. In früheren Zeiten galt Debra Damo als
Gefängniß der jüngeren Zweige des herrschenden Geschlechts. Diese Sitte
soll im Jahre 1260 durch den König Jakuno Amlak eingeführt und bis ins
vorige Jahrhundert beobachtet worden sein. In Schoa vertrat die Festung
Godscho dieselbe Stelle bis auf unsere Tage herab.
Zahlreiche Klosteranstalten finden sich auch in Walduba; berühmt sind noch
die Klöster von Axum und Debra Libanos, wo der erwähnte Abuna Tekla
Haimanot geboren wurde. Nie darf ein Frauenzimmer ein Mönchskloster
betreten, allein das hält die Insassen keineswegs ab, einen liederlichen
Lebenswandel zu führen. Die Nonnen zeichnen sich durch ein schwefelgelbes
baumwollenes Hemd und ein Käppchen von derselben Farbe aus; sie haben alle
das Keuschheitsgelübde abgelegt, befinden sich jedoch meist in
vorgerückten Jahren. Wichtig werden die Klöster namentlich dadurch, daß
viele derselben als _politisches Asyl_ gelten, nach dem zur Zeit der
Bürgerkriege viele Flüchtlinge sich retten. Dieser Umstand führte zu
großen Mißbräuchen und gestaltete die Aufenthaltsorte der Mönche zu ewigen
Sitzen der Unruhe um, zumal die Unantastbarkeit der Freistätte meistens
streng eingehalten wurde, bis König Theodoros auch hier einen gewaltigen
Schritt that und mit kühner Hand seine Feinde selbst aus den Asylen
hervorholte.
Neben der Unsittlichkeit der Geistlichen, der frechen Simonie, der
übermäßigen Bilderverehrung, dem Glauben an Weissagereien und
Vorbedeutungen, der Auslegung von Träumen, Furcht vor Hexerei und bösen
Künsten muß andererseits hervorgehoben werden, daß jedenfalls im Lande
kein Unglauben und keine Gottesverachtung herrscht. Der Formengeist, der
allen Semiten eigen ist, klebt auch den Abessiniern an, jene
Wichtigmachung von Gebräuchen und äußern Werken, die Unterscheidung
zwischen Rein und Unrein, die Beschneidung, das Hängen am Buchstaben. Für
das Hauptübel Abessiniens aber erklärt Munzinger den Stolz, der, von dem
kleinsten Erfolg aufgeblasen, sich überheilig und überweise wähnt und nur
ungern von Fremden sich Raths erholt. Der Stolz, von dem kein Abessinier
frei ist und eigentlich kein Semite, hat eine andere gefährliche Seite;
der Messias ist ihm immer ebenso gut wie den Aposteln ein weltlicher Herr;
die Herrschsucht der Eingeborenen wird dem fremden Missionär sehr
gefährlich, da sie ihn, ohne daß er es ahnt, in die Landespolitik
hineinzieht.
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Die _abessinische Zeitrechnung_ ist eine keineswegs christliche, da sie
von der Erschaffung der Welt und nicht von der Geburt Christi an rechnen.
Nach ihnen ist das Jahr 1868 das siebentausenddreihunderteinundsechzigste.
Der Jahresanfang fällt auf den 10. September. Sie theilen das Jahr in
zwölf Monate von je dreißig Tagen und zur Ausgleichung fügen sie denselben
am Jahresschluß noch einen verkrüppelten dreizehnten Monat bei, der in
drei Jahren fünf, in dem vierten aber sechs Tage hat. Im gewöhnlichen
Leben und auch in ihren historischen Annalen werden die vier Jahre nach
den Namen der Evangelisten bezeichnet und zwar in folgender Reihe:
Johannes, Matthäus, Marcus und Lucas, letzteres hat am Schluß den
eingeschalteten sechsten Tag des dreizehnten Monats. Es heißt oft in den
Landeschroniken schlechtweg: Dieses ereignete sich in dem Jahre des
Evangelisten Matthäus oder Lucas u. s. w. Die Namen der dreizehn Monate
sind: Maskarem, Tekemt, Hedar, Tachsas, Ter, Jacatit, Magabit, Mijazia,
Ginbot, Sene, Hamle, Nahasse, Paguemen. Kein einziger fällt natürlich ganz
mit einem unserer Monate zusammen; so reicht der Maskarem vom 10.
September bis 9. Oktober und so fort, bis endlich der verkrüppelte
dreizehnte Monat, der Paguemen, vom 5. bis 10. September reicht. Die
Abessinier setzen die Geburt Christi in das Jahr der Welt 5500; aber von
dieser Periode bis zu unserer Zeit rechnen sie 7 Jahre und 122 Tage
weniger als wir Europäer; die Ursache dieses Unterschieds ist die von den
alexandrinischen Bischöfen befolgte Chronologie des Julius Africanus und
später durch den Bischof Anatolius von Laodicea daran gemachte zehnjährige
Abänderung.
Am 10. September, dem Neujahrstage, machen sich die Bewohner der
Hauptstadt wie bei uns Gratulationsbesuche und die Frauen überreichen
ihren Bekannten Blumensträuße, wobei sie ausrufen: „Glück bringe dir das
neue Jahr“. Auch finden Tänze mit Gesang und Schmausereien statt. Das
größte Fest in Abessinien feiert man jedoch am 16. Maskarem (26.
September) zum Andenken an die infolge eines Traumgesichts der heiligen
Helena stattgefundene Entdeckung des Kreuzes Christi. Um die Kunde dieses
Ereignisses möglichst schnell nach Konstantinopel zu bringen, bediente man
sich der Feuersignale, und die Versinnlichung dieses Ereignisses ist der
Hauptzweck der Ceremonien des _Maskalfestes_. Am Vorabend lodern
Freudenfeuer auf den Hügeln, Männer mit Rohrfackeln ziehen in Prozessionen
auf und kriegerische Tänze werden abgehalten. Der Anblick der
bronzefarbigen, halbnackten Gestalten, die in dunkler Nacht, vom Scheine
der Brandfackeln beleuchtet, sich taktmäßig hin und her bewegen, ist
ungemein malerisch. Die Hauptprozession findet jedoch erst am folgenden
Tage statt. Dann ziehen alle waffenfähigen Männer zu Fuß oder zu Pferde
nach einem nahen Hügel, auf welchem bei Sonnenaufgang ein Feuer angezündet
wird. Dem Zuge voran gehen Musikanten mit Hörnern und Pauken; nachdem die
Menge an dem Scheiterhaufen sich gewärmt, kehrt sie zurück, um mit
Reiterspielen und kriegerischen Tänzen die Feierlichkeit zu beschließen.
Der Gouverneur hält offene Tafel und ungeheuere Portionen rohen Fleisches
werden verschlungen. Andere Feste sind Ledat (Weihnachten), Domkat (Taufe
Christi), Fasaga (Ostern) und die verschiedenen Heiligenfeste.
Die _Taufen_ finden in der Kirche statt und zwar bei den Knaben 40 Tage,
bei den Mädchen 80 Tage nach der Geburt, weil nach der Tradition der
Abessinier Adam erst 40 Tage nach der Schöpfung in das irdische Paradies
eingeführt wurde und Eva ihm dahin 40 Tage später nachfolgte. Die
Ceremonie selbst ist von der bei uns üblichen in vieler Hinsicht
abweichend. Jedes Kind hat seinen Pathen; als Taufstein gilt eine thönerne
Schüssel, deren Wasser erst beräuchert und dann mit dem Fuße des
Geistlichen berührt wird, worauf dieses für geweiht gilt; Loblieder zu
Ehren der Jungfrau Maria und das schnelle Ablesen eines Kapitels aus dem
Evangelium Johannes vollenden die Vorbereitungen; dann werden die
Täuflinge nach allen vier Himmelsgegenden geneigt und bis über den Kopf
ins Wasser getaucht; schließlich wird dem Täuflinge eine in geweihtes Oel
getauchte Schnur um den Hals gebunden und die Ceremonie ist vorüber.
Vorher aber sind die Kinder beiderlei Geschlechts beschnitten worden.
Die _Ehe_ ist in Abessinien, wo allgemeine Sittenlosigkeit und die
allergrößte Freiheit im Umgang der Geschlechter herrscht, eine rein
äußerliche und sehr lose. Die Trauungen werden nur selten kirchlich
geschlossen, was einfach dadurch geschieht, daß die Brautleute das
Abendmahl zusammen nehmen. Werden die Gatten einander untreu, so trennen
sie sich einfach und haben dann das Recht, noch zweimal sich kirchlich
trauen zu lassen. Da jedoch die meisten Ehen wild sind, so betrachtet man
die kirchliche Trauung als Nebensache. Wie entsetzlich die Zustände in
dieser Beziehung sind, geht aus der Bemerkung Isenberg’s hervor, daß er
während der ganzen Zeit seines Aufenthaltes in Abessinien unter einer sehr
großen Zahl kirchlich getrauter Leute _kein einziges_ Paar kennen lernte,
daß einander treu blieb. Das Gesetz, daß man sich nur dreimal trauen
lassen darf, gilt jedoch nur in der Theorie. Rüppell traf zu Ategerat ein
hübsches, erst _siebzehnjähriges_ Frauenzimmer, welche bereits von
_sieben_ mit ihr ehelich vermählten Männern geschieden war und im Begriffe
war, sich zum _achten Male zu vermählen_! Ehescheidungen sind bloße
Privatangelegenheiten, welche nur dann vor die Behörden gebracht werden,
wenn man in Betreff der Vermögenstheilung sich nicht miteinander
verständigen kann. Sonst hat die Obrigkeit damit gar nichts zu thun, und
die Ehe besteht nur so lange, als beide Theile damit zufrieden sind.
Eifersucht ist in Abessinien ein unbekanntes Ding und eheliche Untreue das
Gewöhnliche, besonders noch dadurch begünstigt, daß die Zahl der Frauen
überwiegt. Dies mag auch ein Grund dafür sein, daß unter jenen Christen
die _Vielweiberei_ geduldet ist; aber nur die Reichen pflegen an dem
nämlichen Orte mehrere Frauen zu haben, von denen jede einzelne in einem
besonderen Hause wohnt. Diejenigen Abessinier, welche sich ihrer Geschäfte
halber an verschiedenen Orten aufhalten, haben gewöhnlich an jedem
derselben eine Frau. Im Allgemeinen benimmt sich die Frau sehr aufmerksam,
dienstwillig und selbst demüthig unterwürfig gegen ihren Mann. Sie darf
ihn nur als ihren Herrn und im Plural anreden, während der Gatte gegen sie
das „Du“ gebraucht; sie muß ihm, wenn er es verlangt, die Füße waschen und
ihm bei Tische häufig die Speisen in den Mund stopfen! Jenes Betragen der
abessinischen Frauen geht jedoch nicht aus Liebe hervor, sondern ist
berechnete Schmeichelei. Liebe in reinerem Sinne kennt man in jenem durch
die größte Sittenverderbniß ausgezeichneten Lande gar nicht. Zum Heirathen
genügt schon ein Vermögen von wenigen Thalern, ein baumwollenes Hemd für
die Braut, etwas Geld für die Eltern sind die Geschenke bei Armen. Bei
reichen Leuten werden große Gelage gehalten, welche mehrere Tage dauern.
Gegen Ende derselben führt der Bräutigam, auf einem Maulthier reitend, die
Braut scheinbar aus dem älterlichen Hause in das seinige. Die Mädchen
werden in der Regel noch ungemein jung, zuweilen schon in ihrem neunten
Jahre verheirathet; so erzählt Pearce, daß ein mehr als siebenzigjähriger
Landesfürst die noch nicht zehnjährige Tochter des Kaisers heirathete!
Sieht ein Abessinier seine Todesstunde herannahen, so läßt er den
Geistlichen rufen, dem er eine Beichte ablegt, um die Absolution zu
empfangen. Der würdige Priester benutzt dann gewöhnlich diese Gelegenheit,
um möglichst viel von dem weltlichen Gute des Sterbenden für sich und die
Kirche zu erlangen, während er für das _Begräbniß_ selbst keinen Heller
nimmt. Dieses findet meistens noch am Todestage statt. Der Körper wird mit
gekreuzten Armen in ein baumwollenes Tuch geschlagen, dann mit einer
Lederhaut umwickelt, in der Kirche eingesegnet und in einer kleinen Grube
bestattet. Nach der Beerdigung versammeln sich Freunde und Verwandte im
Sterbehause, wo das Klagegeheul angestimmt und dann ein großes Mahl
gehalten wird. Um tiefe Trauer wegen des Todes eines Verwandten
auszudrücken, pflegt man sich das Haupthaar abzuscheren, den Kopf mit
Asche zu bestreuen und die Schläfen zu zerkratzen, bis Blut fließt. Alles
dieses ist jedoch blos äußerliche Heuchelei und fern von tiefgefühlter
Betrübniß, denn grenzenloser Leichtsinn ist ein Hauptcharakterzug der
Abessinier.
Abessinien ist reich an _Kirchen_, doch sind dieselben meistentheils nur
klein. Viele stehen als Wallfahrtsorte in hohem Ansehen und werden von
großen Scharen frommer Pilger besucht, die, oft aus weiter Ferne
herziehend, häufig zugleich den bei der Kirche aufgeschlagenen Markt zu
Einkäufen benutzen. So knüpfen sich auch hier die Messen an die Kirchen,
wie in den meisten anderen Ländern der Erde gleichfalls. Gewöhnlich sind
die Kirchen im Grundrisse rund und 20–24 Fuß hoch; viereckige gehören zu
den seltenen Ausnahmen. Beinahe jede abessinische Kirche oder Kapelle hat
an ihrer Façade zwei gleich große, dicht nebeneinander stehende Thüren und
im Innern eine Art von großem hölzernen Sessel oder Thron, der die
Bundeslade der Israeliten vorstellt. Dieser Sessel, auf welchem Brot und
Wein für das Abendmahl eingesegnet werden, führt den Namen Manwer oder
Tabot und ist überall in Abessinien der Gegenstand der größten Verehrung.
Glocken befinden sich nur in wenigen Kirchen der größeren Städte; statt
ihrer behelfen sich die Priester mit dünnen Steinplatten, die schwebend
aufgehängt sind und durch deren Anschlagen die Gläubigen zusammenberufen
werden. Die gewöhnlichen Kirchen auf dem Lande bestehen aus zwei
Gemächern, deren Inneres beinahe ganz dunkel ist und welche durch eine
Flügelthüre miteinander in Verbindung stehen. Sie sind mit einem
gemeinschaftlichen kegelförmigen Strohdache überdeckt und fast immer von
schönen Bäumen umgeben, welche den um die Kirche herumliegenden Friedhof
beschatten, der jedoch keinerlei Grabsteine aufweist. Einige dabei
befindliche kleine Hütten beherbergen die den Kirchendienst versehenden
Priester. Das Ganze ist durch eine niedrige Mauer umschlossen. Wer Schuhe
oder Sandalen trägt – übrigens eine Seltenheit in Abessinien – zieht
dieselben beim Eingange des Kirchhofes aus. In der vorderen Abtheilung,
der eigentlichen Kirche, versammeln sich die Leute, nachdem sie beim
Eingange die mit schreckhaften kolossalen Engelsfiguren bemalten Thüren
ehrfurchtsvoll geküßt haben. _Gemalte_ Bilder werden in Abessinien
verehrt, keineswegs jedoch _geformte_, und deshalb zeigt das abessinische
Kreuz auch keinen Christusleib, weil dies nach Auffassung jener Kirche
gegen das zweite Gebot verstoßen würde. Das Küssen der Kirche ist als
Zeichen der Gottesverehrung üblich, sodaß der Ausdruck „die Kirche küssen“
gleichbedeutend mit unserem „in die Kirche gehen“ ist. Ueberhaupt werden
alle für heilig gehaltenen Gegenstände, Kirchen, Kreuz, Bilder und Bücher
geküßt. Die Eingetretenen setzen sich oder knieen auf den Boden hin. Durch
die offene Flügelthür erblickt man im zweiten Gemache den Tabot, um den
Priester in zerlumpten seidenen Kitteln umherstehen, jeder von ihnen hält
eine brennende Wachskerze in der Hand, außerdem Schelle und Rauchfaß, die
sie beim Heulen der Psalmen schwingen. Zuweilen liest einer eine kurze
Phrase aus einem auf der Bundeslade liegenden Buche oder reicht den
Anwesenden das Kreuz zum Küssen dar – von einer christlichen Erbauung
gewahrt man jedoch bei diesen keine Spur; sie plappern zwar fortwährend
mit den Lippen Gebete her, aber ihren Blicken nach zu urtheilen sind ihre
Gedanken bei ganz anderen Gegenständen.
[Illustration: Grundriß der Kirche Lalibela.
Nach E. Zander.]
Besser sind die Kirchen in den großen Städten beschaffen, namentlich zu
Gondar, wo es allein gegen fünfzig giebt. Die größte ist die
_Bada-Kirche_, welche Kaiser Tekla Haimanot um das Jahr 1775 erbauen ließ.
Mit ihrem hohen konischen Dache überragt sie alle anderen Gebäude der
Stadt und zeichnet sich außerdem durch ein großes griechisches Kreuz von
Messing auf dem Giebel aus. In ihr, sowie in anderen Kirchen Gondars zeigt
man mehrere etwa fünf Fuß lange Kisten aus Sykomorenholz, welche ringsum
mit Heiligenbildern und auf dem Deckel mit der Figur eines in ein
Leichentuch gehüllten Menschen bemalt sind. Sie enthalten die Gebeine von
Personen, welche in ganz besonderem Ansehen standen. Diese müssen jedoch
erst herkömmlicher Weise fünfzig Jahre lang in der Erde geruht haben, ehe
sie zu der Ehre gelangen, auf diese Art aufbewahrt zu werden. Die übrigen
Kirchen sind gewöhnlich von Bogengängen umgeben, von denen aus mehrere
große Thüren in das Innere führen. Wände, Thüren und Querbalken des
Gebäudes sind mit Malereien bedeckt und die innere Seite der Thürgesimse
mit kleinen Porzellanplatten ausgekleidet; Teppiche decken den Boden; doch
Lampen sind eine seltene Erscheinung.
Vorzüglich schöne und geschmackvolle Holzschnitzereien, die, was die
Arabesken betrifft, auch einem europäischen Künstler Ehre machen würden,
enthält die _Kirche Lalibela_ zu Gondar, ein Bauwerk der Fürstin Menene.
Ihr Grundriß ist rund, das Dach, wie allgemein üblich, konisch und an der
Spitze mit dem Kreuz geziert. Ihr Inneres besteht aus drei konzentrischen
Abtheilungen. Der äußere, von Säulen getragene Kreis, ist der allgemeine
Raum für die Kirchgänger; der zweite, mittlere Raum ist für die
Abendmahlempfänger bestimmt; der innerste, viereckige, enthält die
Bundeslade. Die erwähnten reichen Holzschnitzereien sind flachrelief an
Thüren und Fenstern angebracht.
Wohl die berühmteste Kirche in ganz Abessinien ist jene zu _Axum_ in
Tigrié, in der ehemaligen Hauptstadt des den Griechen und Römern bekannten
axumitischen Reiches. Sie liegt inmitten des politischen Asyls und wurde,
wie schon ihre Bauart zeigt, unter portugiesischem Einfluß 1657 an der
Stelle der 1535 von Muhamed Granjé zerstörten alten Kirche erbaut. Durch
Größe, Reichthum und Heiligkeit übertrifft sie alle anderen Kirchen
Tigrié’s. Auf einer mit Stufen versehenen, aus gut behauenen Quadern
erbauten Terrasse schreitet man zu ihr hinauf. Vier dicke Pfeiler bilden
eine Art Porticus, von welchem man durch drei Thüren in den inneren Raum
gelangt. Dieser ist durch zwei Reihen plumper Pfeiler in drei Schiffe von
gleicher Höhe abgetheilt, welche durch einige kleine und sehr schmale
Fenster ein sehr spärliches Licht erhalten; die Decken bilden horizontal
liegende Balken; die Wände sind mit geschmacklosen, stark beschädigten
Malereien beklext, der Boden mit Teppichen belegt. (Rüppell fand ihn
voller Schmuz.) Ein kleiner Thurm enthält eine Treppe, die zu dem flachen,
mit Zinnen gekrönten Dache führt. Salt, welcher die Kirche gemessen hat,
giebt ihre Länge zu 111, ihre Breite zu 51 Fuß an. In der Nähe steht ein
kleines niedriges Haus, in welchem zwei sehr roh in Abessinien selbst
gegossene Glocken hängen, und in einem anderen Gebäude werden die
Pretiosen der Kirche, die Metallkronen, Kreuze und Manuskripte aufbewahrt.
Nach der Ansicht der Abessinier ist die hier aufbewahrte Bundeslade die
echte jüdische aus der Zeit des Königs Salomo, welche Menilek, der Sohn
der Königin von Saba, in Jerusalem stahl und hierher brachte (vergl.
S. 3). Der Name der Kirche ist Hedar Sion und ihr Hüter, der Gouverneur
von Tigrié, führt den Titel Nabr Id (Hüter der Bundeslade). Die Abbildung
zeigt unsere Anfangsvignette.
*Die Missionen in Abessinien.*
Schon bald nach Entstehung der englischen „Missionsgesellschaft für Afrika
und den Osten“ wandte diese ihre Aufmerksamkeit auf Abessinien, in der
Absicht, dem dortigen Christenthume frische Anregungen zuzuführen und
dasselbe aus seiner Versunkenheit herauszuziehen, sowie vor dem Untergange
im Muhamedanismus zu bewahren. Zu diesem Zwecke wurden nun
Missionsstationen in Malta, Kairo, Smyrna u. s. w. angelegt, von denen aus
man allmälig bis Abessinien vordringen wollte, und durch einen
abessinischen, nach Jerusalem gepilgerten Mönch die ganze Bibel in die
amharische Sprache übersetzt, welche die verbreitetste unter den
abessinischen Mundarten ist. Die ersten Missionäre, welche nach Ategerat
(Adigrat) in Tigrié im Jahre 1830 vordrangen, waren die beiden Deutschen
_Gobat_ und _Kugler_. Der Detschasmatsch Sabagadis empfing sie freundlich,
indessen die politischen Verhältnisse, die immerwährenden Kriege zwischen
Sabagadis und Ubié um die Herrschaft Tigrié (vergl. S. 107) waren ihrem
Werke nicht günstig. Trotzdem drang Gobat bis nach der Hauptstadt Gondar
vor, während Kugler in Tigrié zurückblieb, um bald an den Folgen einer
Verwundung, welche er sich auf der Jagd zugezogen, zu sterben. Als nun zu
derselben Zeit Sabagadis von Ubié geschlagen und getödtet wurde, brach
auch für den wackern Gobat eine Zeit der Verfolgungen herein. Längere Zeit
hielt er sich in den politischen Asylen, namentlich im Kloster Debra Damo,
verborgen, mußte schließlich aber nach Aegypten fliehen. Die Erfahrungen,
die er bezüglich seines Missionswerkes gemacht hatte, waren jedoch nur
trauriger Art; er fand, „daß der Leichtsinn dieses Volkes nicht leicht die
Wahrheit des Evangeliums auf Herz und Leben wirken läßt“. _Der erste
mißlungene Versuch._
[Illustration: Gefangennahme des Missionärs Krapf durch Adara Bille.
Nach Krapf’s Reisewerk.]
In Karl Wilhelm _Isenberg_ aus Barmen erhielt 1834 der zurückgekehrte
Gobat einen treuen Freund und Unterstützer, der mit neuem Eifer das
schwierige Geschäft anzugreifen begann. Nach langer Fahrt durch das Rothe
Meer und dreimonatlichem Aufenthalte in Massaua kamen beide im April,
begleitet von ihren Frauen, in Tigrié an, wo die Bürgerkriege immer noch
fortwütheten. Ubié sicherte indessen den Missionären seinen Schutz zu, die
nun mit der Verbreitung von Bibeln begannen. Gobat jedoch war infolge von
Krankheit genöthigt, schon 1836 zurückzukehren und gegen den bleibenden
Isenberg richtete sich nun der Haß der abessinischen Geistlichkeit, die
ihren Einfluß durch seine Anwesenheit bedroht sah. Indessen Isenberg hielt
wacker aus und fand in dem Deutschen _C. H. Blumhardt_ einen Unterstützer
in seiner aufreibenden Arbeit. Um auf die Jugend, die man zunächst im Auge
hatte, besser wirken zu können, begann man mit dem Schulunterricht und
baute ein großes Missionshaus in Adoa, das jedoch bald die Eifersucht und
den Verdacht des Kirchenvorstehers wie des Herrschers Ubié erregte, da es
für eine Festung angesehen wurde, von welcher unterirdische Gänge zum
Waffen- und Truppentransport bis Massaua führen sollten! Als mit Ende des
Jahres 1837 auch Ludwig _Krapf_ aus Württemberg zu der kleinen Mission
stieß, fand er schon große Schwierigkeiten, um zugelassen zu werden, und
bereits im Sommer 1838 erhielten die Missionäre den Befehl, das Land
wieder zu verlassen. Wie Isenberg bemerkt, geschah dieses nicht ohne
Zuthun der mittlerweile gleichfalls nach Abessinien gekommenen
katholischen Missionäre, namentlich Sapeto’s, dessen wir bereits oben
S. 31 gedachten. _Der zweite mißlungene Versuch._
Nachdem so im Norden Abessiniens keine Aussichten mehr für eine
gedeihliche Wirksamkeit vorhanden schienen, beschloß man mit zäher
Ausdauer im Süden, in Schoa, das Werk fortzusetzen.
Schon im Jahre 1837 kam zu den deutschen Missionären in Adoa ein Bote des
Königs von Schoa, welcher einen in deutscher Sprache geschriebenen Brief
überbrachte, der von Martin Bretzka, dem ehemaligen Jäger Rüppell’s,
herrührte. Durch diesen ließ Sahela Selassié die Missionäre um Arznei und
einen tüchtigen Mechaniker bitten, ja er verlangte, daß die Missionäre
womöglich selbst zu ihm kommen möchten. Arznei wurde sofort nebst einem
langen Briefe von Isenberg überschickt, ein Mechaniker aber war nicht
vorhanden. In dem Schreiben fragte der Missionär, ob der König ihm sein
Missionswerk in Schoa gestatten wolle. Wenn er diese Frage bejahe, würde
er sammt seinem Kollegen Blumhardt kommen, sei dieses aber nicht der Fall,
so müsse er von der Reise nach Schoa absehen. Da Blumhardt jedoch auf eine
indische Station gesandt wurde, machten sich 1839 Krapf und Isenberg auf
den Weg nach Schoa und kamen nach einer höchst beschwerlichen Reise auf
einem bis dahin unbekannten Wege über Tadschurra und das Adal-Land am 6.
Juni in Ankober beim Könige Sahela Selassié an, der sie mit der größten
Freundschaft aufnahm und behandelte. „Hier nun gelang es unter sehr
günstigen Umständen einen guten Anfang mit der Verkündigung des
Evangeliums und dem Schulunterrichte zu machen.“ Da es jedoch an Büchern
und Lehrmitteln fehlte, kehrte Isenberg nach freundlichem Abschiede im
November 1839 nach Europa zurück, um das zur Fortführung der übernommenen
Aufgabe Nöthige zu holen.
Krapf blieb nun längere Zeit allein in Schoa, fühlte sich aber wohl sehr
einsam und beschloß, ehe er sein Werk weiter fortführte, seine Braut
heimzuführen. Am 11. März 1842 unternahm er die äußerst gefahrvolle Reise
von Ankober nach Massaua. Er hatte seine Richtung durch das nördliche
Schoa und das Land der muhamedanischen Wollo-Galla genommen. Er wollte
über Gondar gehen und dort die Bekanntschaft des neuen, erst ein Jahr
vorher berufenen Abuna machen.
[Illustration: Ludwig Krapf. Nach dem Stahlstich in dessen Reisewerk.]
Vom Könige Sahela Selassié mit einem silbernen Schwerte beschenkt, welches
ihm den Rang eines Gouverneurs ertheilte, und wohl versehen mit
amharischen Bibeln, machte sich der muthige Glaubensbote, nachdem er vom
Könige und der damals in Schoa weilenden britischen Gesandtschaft Abschied
genommen, auf den gefahrvollen Weg. In Sella Dengai stattete er noch der
einflußreichen Mutter des Königs, welche beinahe halb Schoa unabhängig
beherrschte, einen Besuch ab. Sie empfing ihn, auf ihrem Lager sitzend und
umgeben von Dienerinnen, sehr friedlich, ließ sich einen bunten Schal,
einige Scheren, sowie ein Neues Testament in äthiopischer Sprache
schenken, und entließ darauf unseren Landsmann, der in die hohen kalten
Berge hinaufstieg, die sich an der Grenze der Provinzen Mans und Tegulet
hinziehen. Mans ist die größte Provinz Schoa’s und wird als Gut der
Königin-Witwe betrachtet; doch leben die Eingeborenen unabhängig und mit
allen Nachbarn im ewigen Kampfe. Auch gegen Krapf waren sie höchst
unfreundlich, der sich freute, ihr kaltes Land bald verlassen zu können.
Er passirte verschiedene nach Westen fließende kleine Zuflüsse des Nil und
stieg dann von den Höhen beim Dorfe Amad-Wascha in das Thal des Flusses
Katscheni hinab, der die Grenze gegen die von den Wollo-Galla bewohnte
Provinz Gesche ausmacht. Der Häuptling der Galla, Adara Bille, residirte
damals im Distrikte Lagga Gora und stand mit Schoa in friedlichen
Beziehungen; er empfing den Gast freundschaftlich und entließ ihn am
nächsten Tage mit einem Führer versehen.
Am 23. März gelangte der Reisende an das Ufer des Flusses Beschlo und
erstieg die Hochebene von Talanta. Hier kamen ihm zahlreiche Flüchtlinge
entgegen, die mit Weib und Kind vor der Invasion eines Galla-Stammes davon
flohen und auch Krapf veranlaßten, zu dem anscheinend freundlichen Adara
Bille umzukehren, der auch noch immer die alten Sympathien für den
Reisenden zu hegen schien. Als jedoch nach Verlauf von zwei Tagen das Land
sich einigermaßen beruhigt hatte und Krapf seine Reise fortsetzen wollte,
erklärte ihm Adara Bille, daß er ihn nach Schoa zurücksenden müsse, da er
nur für _einmal_ die Erlaubniß erhalten hätte, das Land zu verlassen.
Vergebens war alles Protestiren. Man suchte Gold bei ihm, nahm ihm seine
Maulthiere und Pferde und ließ ihn durch Soldaten bewachen. Als er nun
trotzdem seine übrig gebliebene Habe zusammenpackte und aufzubrechen
versuchte, wurde er ergriffen und in ein kleines Gemach abgeführt, wo man
ihm, unter Androhung der Todesstrafe, sein ganzes Gut, sogar seinen Mantel
wegnahm. Selbst die Taschen kehrte man ihm um und raubte ihm die letzten
Kleinigkeiten. In diesem Zustande hielt man ihn mehrere Tage gefangen, und
auf vieles Bitten gelang es ihm endlich sein Tagebuch, 3 Thaler und das
schlechteste Maulthier wieder zu bekommen. Dagegen waren fünf Maulthiere,
140 Thaler, die Pistolen und Flinten, der Kompaß, die Uhr und viele andere
werthvolle Dinge unwiderbringlich verloren. Gott war der einzige Trost des
frommen Mannes in diesen Leiden, der nun, von sechs Soldaten begleitet,
über die Grenze transportirt wurde.(1)
Bettelnd gelangte er in das schöne, vom Dscherado durchströmte Thal
Totola, in dem ein lebhafter, aus allen Theilen Abessiniens besuchter
Markt abgehalten wird. Zu beiden Seiten desselben erheben sich hohe mit
Dörfern, Weilern und Wachholderbäumen bestandene Bergketten, die den
gebeugten Krapf durch ihre wunderbare Schönheit entzückten. Allein die
rohen Soldaten trieben ihn mit den Worten fort: „Du bist unser Vieh, wir
können mit dir anfangen, was uns beliebt.“ Am Ufer des Flusses Berkona,
der dem Hawasch zufließt, traf man auf einen Kaufmann, der nicht wenig
erstaunt war, einen weißen Mann auf diese Art durch das Land geführt zu
sehen. Dieser, in dessen Brust wol Mitleid rege wurde, ertheilte Krapf den
Rath, er solle laut schreien, wenn er viele Leute in den Feldern bemerke;
diese würden alsbald herbeieilen und ihn zum Gouverneur Amadié führen, der
auf einem hohen Berge zu Mofa, in der Nähe des Sees Haik, residire. Krapf
befolgte diese Weisung und sah sich bald von Landleuten umringt, die ihn
trotz des Sträubens der Soldaten befreiten und zu Amadié führten, dem
Häuptlinge der Tehulladarié-Galla. Dieser schickte die Soldaten Adara
Bille’s augenblicklich zurück und ließ den geprüften Mann ruhig seine
Straße ziehen. Auf mühevollem Wege wanderte Krapf nun von Station zu
Station durch wilde ungastliche Völker von dem See Haik an der
nordöstlichen Grenze von Schoa über Jedschau, Angot, Wafila, Lasta,
Enderta und das östliche und nordöstliche Tigrié bettelnd bis Massaua, wo
der französische Konsul de Goutin ihm die Heimreise möglich machte, die er
am 4. Mai antrat. In Schoa aber befand sich keine Mission mehr. _Der
dritte mißlungene Versuch._
Wer jedoch glauben würde, die eifrigen Missionäre hätten sich durch
solchen betrübenden Ausgang abhalten lassen, weiter zu wirken, würde arg
irren. Mit einer Menge Lehrmittel, Bibelübersetzungen und Wörterbüchern
versehen, preiswürdigen Zeugnissen echt deutschen Fleißes, gingen 1842
Isenberg, Krapf und Mühleisen abermals nach der Somaliküste, um über Zeyla
nach Schoa vorzudringen, wo immer noch die britische Gesandtschaft unter
Kapitän Harris weilte. Schon an der Küste stellten sich die größten
Schwierigkeiten einem weiteren Vordringen nach Schoa entgegen und man traf
auf Intriguen aller Art. Auch soll der französische Reisende Rochet seinen
ganzen Einfluß bei Sahela Selassié angewandt haben, um den deutschen
Männern den Eingang nach Schoa zu verschließen. (Vergl. S. 29.)
Krapf hatte einen Brief an Sahela Selassié geschrieben und angezeigt, daß
er nach Ankober gehen würde. Nach der Ankunft des Schreibens wurden
Versammlungen in allen Kirchen der Hauptstadt gehalten, und Deputationen
der Geistlichkeit, Priester und Mönche verfügten sich geraden Weges zum
Palaste, um den König anzuflehen, daß weder Krapf noch Isenberg zugelassen
werden möchten. „Ihre Werke sind nicht die unserigen und ihr heiliges Buch
ist verschieden von dem, was in unserem Lande als das wahre betrachtet
worden ist. Erlaubt man ihnen zurückzukehren, so wird das Volk vom Glauben
seiner Väter abfallen.“ Dergestalt gedrängt, entschied Sahela Selassié
gegen Kapitän Harris, welcher sich für die Missionäre verwandte: „Isenberg
und Krapf können nicht wieder in mein Land kommen, mein Volk will es ihnen
nicht erlauben. Ich habe lange darüber nachgedacht und es ist besser, wenn
sie wegbleiben; ich will keinem wieder erlauben, je wieder über den
Hawasch zu kommen.“ Und dabei blieb es, die Missionäre zogen betrübt ab.
Man kann sich vorstellen, wie dieses abermalige Scheitern aller Hoffnungen
auf die glaubenseifrigen Priester zurückwirken mußte, welche durch ein
Schreiben des Kapitän Harris von diesen Vorgängen in Schoa in Kenntniß
gesetzt wurden. „Gern hätten wir unseren Augen und Ohren und ebenso dem
Zeugnisse dieses Briefes nicht getraut, gern uns die Sache anders gedeutet
und dargestellt; dazu fehlte uns aber alles Material, und wir mußten bei
der ersten Thatsache stehen bleiben: die Mission in Schoa ist aufgehoben,
sie ist nicht mehr.“ _Der vierte mißlungene Versuch._
Waren dergestalt alle Aussichten im Süden benommen, so wollte man abermals
das alte Feld im Norden, in Tigrié, aufsuchen und sehen, ob sich hier die
Verhältnisse seit 1838 nicht etwa günstiger gestaltet hätten. Im April
1843 brachen Isenberg und Mühleisen, fortwährend große Massen von Bibeln
verbreitend, von Massaua aus, die Provinz Hamasién durchziehend, nach
Adoa, der Hauptstadt Tigrié’s, auf, wo sie ihr altes Haus zum Theil
verwüstet fanden. Gleich nach ihrer Ankunft wurde die Priesterschaft und
das Volk gegen sie aufgehetzt und ihre Lage gestaltete sich von allem
Anfange an noch schwieriger als zuvor. Die Missionäre hatten ein
förmliches theologisches Examen vor den abessinischen Geistlichen zu
bestehen und wurden, als dieses nicht nach dem Wunsche der letzteren
ausfiel, in Bann gethan. Auch soll der katholische Bischof de Jacobis,
welcher damals in Adoa eine Mission leitete, gegen sie intriguirt haben.
Isenberg reiste nun selbst in das Feldlager des Herrschers Ubié, wurde
aber von diesem nicht vorgelassen, sondern mit dem Bescheid abgewiesen:
„er habe die Abessinier lange genug durch Abendmahlhalten, Taufen, Trauen,
Begraben in seinem Hause beleidigt, deshalb sei er früher aus dem Lande
gewiesen; jetzt sei er wiedergekommen und verharre in seiner
Hartnäckigkeit; er habe die Jungfrau Maria gelästert, ja, er sei soweit
gegangen, daß er in den Schriften der Apostel unterrichten wolle. Er solle
also in sein Land zurückkehren, denn in Tigrié dürfe er nicht bleiben.“ So
mußten die Missionäre also auch jetzt wieder umkehren, und nun schien der
letzte Hoffnungsstrahl vernichtet. Isenberg tröstete sich dann über das
Scheitern seines Missionswerkes folgendermaßen: „Durch das ganze Land
hindurch hat sich ein bestimmter Eindruck von dem Zwecke unserer Mission
verbreitet, und was noch weit mehr ist, sie haben mehr als 8000 Exemplare
verschiedener Theile der Heiligen Schrift in amharischer und äthiopischer
Sprache, unter welchen sich eine Anzahl amharischer ganzer Bibeln
befindet, erhalten, welche nun auch nicht müßig liegen, sondern gewiß eine
stille Wirksamkeit auf manche ihrer Besitzer und Leser ausüben werden. Die
Abessinier haben sich durch gleichgiltige Vernachlässigung und ungläubige
Verachtung des Evangeliums, durch ihr starres Anhangen an ihren
eingewurzelten Thorheiten und Sünden, durch ihre allgemeine Trägheit und
Habsucht einer längeren Fortdauer der evangelischen Mission in ihrem Lande
für unwerth erklärt, und dem Herrn hat es in seinem Wunderrathe gefallen,
sie für die nächste Zukunft aufzuheben.“ _Der fünfte mißlungene Versuch._
Ehe wir die ferneren Anstrengungen der protestantischen Missionäre hier
schildern, die trotz Allem keineswegs gewillt waren, das unfruchtbare Feld
aufzugeben, müssen wir hier die Thätigkeit der kaum minder eifrigen
katholischen Glaubensboten anführen, die aber fast ebenso wenig Erfolge
aufzuweisen haben, wie jene. Es ist eine betrübende Thatsache, daß überall
katholische und protestantische Missionäre einander befeinden. Kaum ist
ein Katholik auf irgendeinem neuen Gebiete erschienen, um für seinen
Glauben Propaganda zu machen, so folgt ihm ein Protestant, macht ihm das
Feld streitig und beginnt unter den braunen, schwarzen, gelben oder rothen
Menschen für seine Sache zu wirken. Oder umgekehrt. Leicht wäre es,
hierfür viele Beispiele anzuführen, denn in Afrika, Nordamerika, auf
Madagascar, in der Südsee, überall wiederholt sich dasselbe Schauspiel,
und die Eingeborenen sollen schließlich Richter sein zwischen den Lehren
des Protestantismus und Katholizismus. Daß auf diese Weise die Sache nicht
gefördert wird, ist nur zu natürlich. Jeder Theil schiebt indessen die
Schuld auf den andern, und dem Unparteiischen fällt es schwer, anders zu
entscheiden, als daß _beide_ gefehlt. So auch in Abessinien.
Die katholische Kirche betrachtete das Land seit der Verjagung der
Jesuiten im 17. Jahrhundert immer nur wie eine abgefallene, aber wieder zu
erobernde Provinz und beschloß, auch diese Eroberung zu beginnen, kurz
nachdem die Protestanten sich in Tigrié niedergelassen hatten. Der Anfang
damit wurde im März 1838 gemacht, als der italienische Priester _Giuseppe
Sapeto_ zugleich mit dem Reisenden _M. Abbadie_ in Adoa ankam. Bei Ubié
stellte er sich als Eins mit den Abessiniern in der Religion dar und
gewann bald Einfluß, den er, eingestandenermaßen, gegen die Ketzer
Isenberg und Krapf verwandte, sodaß diese mit Recht seinem Einflusse ihre
Verjagung aus Adoa zuschreiben. Sapeto besuchte nun die abessinischen
Kirchen, schloß sich dem Gottesdienst an und geberdete sich in Allem als
abessinischer Christ und arbeitete nicht ohne Erfolg. Er machte 22
Proselyten, die jedoch später wieder zu ihrer Landeskirche zurücktraten.
Ehe er Abessinien verließ, bewog er den Etschegé, das Oberhaupt der
abessinischen Mönche, einen Brief an den Papst zu schreiben, dessen Primat
als Nachfolger Petri die Abessinier im Allgemeinen anerkennen, ohne ihm
jedoch eine Macht über ihre Kirche einzuräumen. Die verschiedenen
Sendungen der französischen Regierung trugen ohnehin dazu bei, das Werk
der römischen Mission in Adoa zu fördern, und so entschloß sich denn der
Papst, mit noch größerem Nachdrucke aufzutreten. Der Pater de Jacobis, ein
Piemontese von Geburt und früher Beichtvater der Königin von Neapel, ein
durch große Kenntnisse und geistige Gaben ausgezeichneter Mann, ging mit
sechs Gefährten nach Adoa, wo er bei Ubié zu bedeutendem Einflusse
gelangte und von diesem mit der Gesandtschaft betraut wurde, welche 1841
den neuen Abuna Abba Salama abholen sollte. Während de Jacobis weiter nach
Rom ging, wo er einige junge Abessinier als „Gesandte des Königs von
Aethiopien an den Papst“ vorstellte, agitirte der junge Abuna hinter
seinem Rücken und griff zu allen möglichen Mitteln, um die katholischen
Proselyten wieder zur Landeskirche zurückzubringen, was ihm auch gelang,
sodaß Jacobis nach seiner Rückkehr in Adoa sich darauf beschränken mußte,
seiner zahlreichen Dienerschaft im Missionshause Gottesdienst zu halten.
Wie der Abuna über den katholischen Missionär dachte, sieht man aus einem
Schreiben, welches er 1843 an Isenberg kurz vor dessen Abgang richtete und
in welchem es heißt: „Wenn Sie selbst den „Jakob“ vertreiben können _und
dann in Ruhe hier bleiben_, so wird Alles gut gehen; wenn Sie das aber
nicht können, so werde ich auch ihm nicht erlauben, in unserm Lande zu
bleiben. Wenn ich ihn aber vertreibe, so werden wir verhaßt werden, und
man wird sagen, ich sei ein Freund der Engländer. Wenn Sie mir aber sagen,
ich solle ihn vertreiben, so will ich ihn vertreiben.“ Die Katholiken
hatten eine lange Zeit in Abessinien wirken können, denn erst im Frühjahr
1855, als Theodor über seinen Gegner Ubié siegte, wurden sie von ersterem,
dem es an der Einheit der Staatskirche lag, verjagt. Justin de Jacobis
sollte Anfangs getödtet werden, allein Theodoros ließ sich durch den Abuna
bestimmen, ihn einfach über die Grenze zu weisen und mit 100
Stockstreichen zu bedrohen, wenn er wieder nach Habesch kommen sollte.
Theodoros hielt sich zu diesem Schritte berechtigt, so lange der Papst in
Rom anders lehrende Priester in seinem Gebiete und seiner Kirche nicht
dulde und weil er neben seinem eigenen Papste (dem Abuna) einen fremden
nicht zulassen könne. Die Anhänger der römisch-katholischen Kirche mußten
zum abessinischen Glauben zurückkehren, und so war die siebzehnjährige
Thätigkeit derselben mit einem Schlage vernichtet. Jacobis zog sich nach
dem Grenzorte Halai zurück, wo er am 31. Juli 1860 starb. Indessen sollen
noch mehrere Gemeinden in Okulekusai und das Hirtenvolk der Irop zu den
eifrigen Anhängern der katholischen Mission zählen. Auch in der Provinz
Agamié und Bogos (zu Keren) waren Jesuiten angesessen, und mehr als 30
eingeborene Priester, die für das Land sehr gebildet sind, breiteten den
Glauben um so eifriger aus, da sie als Landeskinder nicht das Mißtrauen,
das jeden Fremden empfängt, zu bekämpfen hatten. Die Kirchen wurden
fleißiger besucht, die Ehen regelmäßiger geschlossen und das Volk darum
schon eher für den Katholizismus gewonnen, weil die Jesuiten namentlich
den Mariendienst stark kultivirten, der den Abessiniern zusagt. Allein
gegen die Feindschaft Theodor’s und des Abuna konnten auch die Katholiken
nicht aufkommen, und ihre Mission hatte ein Ende. _Der sechste mißlungene
Versuch._
Zu derselben Zeit nun, als die Katholiken aus Abessinien vertrieben wurden
und dort die großen politischen Umwälzungen stattfanden, welche Theodor
ans Ruder brachten, beschloß Bischof Gobat die protestantische Mission,
die in Tigrié seit 1838 unterbrochen war, abermals zu erneuern und sandte
zu diesem Zwecke Ludwig Krapf, den unermüdlichen Kämpfer, und _Martin
Flad_, gleich jenem ein Württemberger, im Dezember 1854 nach Abessinien.
Die Sendboten landeten am 20. Februar 1855 zu Massaua. Hier traf nun bald
der flüchtige de Jacobis ein, dessen Stelle zu besetzen die
protestantischen Missionäre sich schleunig anschickten. Alles stand für
sie günstig; sie brachen ins Innere auf und fanden den König im Lager in
der Nähe von Debra Tabor, der sich ungemein freundlich gegen die
Missionäre benahm. Daß er die Protestanten schützen, die Katholiken aber
keineswegs dulden wolle, war eine angenehme Nachricht für Krapf, der
sofort seine Geschenke auspackte. Diese bestanden in einem ägyptischen
Teppich, einem Revolver, einem silbernen Becher, einem Taschentuch, auf
dem eine Flaggenkarte abgedruckt war, und aus einer Bibel in amharischer
Sprache. Das Taschentuch freute den König sehr, und als er bemerkte, daß
die Flagge von Jerusalem nicht in der Mitte stehe, fragte er nach der
Ursache. Krapf theilte nun dem Könige mit, daß Bischof Gobat ihm eine
Anzahl christlicher Handwerker, Büchsenmacher, Schmiede u. s. w. schicken
wolle. Dieser Plan fand günstige Aufnahme, um so mehr als der König
bereits die Absicht hatte, nach Deutschland, England und Frankreich zu
schreiben, um sich von dort Arbeiter kommen zu lassen. Die Freiheit der
Religion wurde diesen Leuten ausdrücklich gewährleistet, eine
Missionsthätigkeit unter den christlichen Abessiniern ihnen jedoch nicht
gestattet. Krapf und Flad zogen hierauf über Wochni, Metemmé und Sennar,
den Nil abwärts nach Europa, wo sie Bericht über ihre Reise erstatteten.
Schon im April 1856 gingen denn unter Flad’s Leitung mehrere Laienbrüder
aus dem Chrischona-Institute bei Basel nach Abessinien. Sie wurden Anfangs
gut aufgenommen und zu Dschenda bei Gondar und Gafat bei Debra Tabor
angesiedelt. Ihre spätere Wirksamkeit fällt indessen mit der politischen
Geschichte des Königs Theodoros zusammen, weshalb wir hier darauf
verzichten, sie zu schildern. Wohl waren sie als Handwerker thätig,
indessen konnten sie für die Ausbreitung des Protestantismus so gut wie
gar nichts thun, und ihre Anwesenheit in Abessinien bezeichnet den
_siebenten mißlungenen Missionsversuch_. Gleich ihnen waren auch die etwas
später eintreffenden Judenmissionäre _Stern_ und _Rosenthal_ unglücklich,
deren Beginnen als der _achte mißglückte Versuch_ hier angeführt werden
muß.
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Wohl ist das Missionswerk ein preiswürdiges, wohl verdienen jene Männer
wegen ihres Eifers, ihrer unermüdlichen Ausdauer unser Lob. Allein von
Mißgriffen waren die wenigsten frei und das stete Einmischen in die
politischen Verhältnisse des Landes ein arger Fehler. Auch ist ihr Blick
selten vorurtheilsfrei den gegebenen Verhältnissen gegenüber gewesen und
leere Hoffnungen traten stets an die Stelle wirklicher Erfolge. Reisende,
die ungetrübten Blickes Land und Leute kennen lernten, waren deshalb auch
ferne von den gleichen argen Täuschungen und stellten mit seltener
Einmüthigkeit das Erfolglose der Missionsbestrebungen in Abessinien dar.
Allein ihre klaren, für uns unumstößlichen Anschauungen und Beweise haben
für die Missionäre nicht die geringste Geltung, die beim Buchstaben der
Schrift stehen bleiben. Doch halten wir mit dem eigenen Urtheile zurück
und lassen wir die Aussprüche einiger der bewährtesten Reisenden über die
Missionen in Abessinien folgen.
_Werner Munzinger_ ist mit der Handwerkermission, insofern dieselbe
einfach Bildung verbreiten hilft, einverstanden. „Abessinien aber
protestantisch machen zu wollen, fährt er fort, das wäre ein Beginnen, so
radikal allem Hergebrachten ins Gesicht schlagend, daß die Leute, denen
man plötzlich ihren frommen Glauben und besonders die Verehrung der Mutter
Gottes rauben wollte, von allem Christenthum abwendig würden. Das
rücksichtslose Abreißen würde sie so stutzig und verwirrt machen, daß sie
das Kind mit dem Bade ausschütten und den Glauben allen zusammen, sogar an
Gott, wegwerfen würden, und mit der Verkündigung einer Religion, die keine
Verwandtschaft mit dem hat, was bis jetzt für schönes goldenes
Christenthum galt, wird allein ein krasser, gedankenloser Unglaube
gepflanzt, der dem Volke den moralischen Halt nimmt, den ihm sein alter
Glaube verliehen hatte. Wo aber ein Volk einmal den Glauben der Apostel
rein bewahrt zu haben glaubt, da darf man des Systemes halber nicht in ein
Extrem fallen; man muß nur das Mögliche versuchen, nur das Mögliche ist
gut.“
Weit unumwundener spricht sich _Alfred Brehm_ aus. Er schreibt: „Die
Bemühungen der Missionäre sind zeitweilig von großen Erfolgen gekrönt
gewesen. Zeitweilig, sage ich, das heißt, so lange die Mission Geschenke
der verschiedensten Art, namentlich Schnaps und Wein, zu verabreichen
hatte. Je mehr aber der Vorrath an diesen beliebten Getränken abnahm, um
so lauer wurden auch die Christen, und in den Zeiten der Dürre benahmen
sie sich regelmäßig so, als wären sie niemals Christen gewesen. Es geht
hier eben wie fast überall, wo christliche Missionäre wirken: sie gewinnen
in kurzer Zeit eine Menge Leute, welche sich dazu verstehen, einige
Gebräuche des Christenthums nachzuäffen! Daß man sich in der Lehre, wie in
der Ausübung auf Aeußerlichkeiten beschränkt, versteht sich ganz von
selbst. – – Es verdient endlich einmal gesagt zu werden, daß die
christlichen Missionen in Afrika in Glaubenssachen eben nichts anderes
bewirken, als überspannten oder glaubenskranken Europäern eine gewisse
Genugthuung zu geben.“
Der klar blickende _Baker_, welcher in Galabat mit ein paar von den
Chrischona-Missionären zusammentraf, unter denen sich ein Grobschmied
befand, machte ihnen bemerklich, daß daheim in Europa ein sehr großes Feld
für die Missionsthätigkeit offen liege und daß es sicherer und besser sei,
dieses zu bebauen. „Ich konnte aber den Grobschmied, dessen Kopf so hart
wie sein Amboß war, nicht überzeugen. Er hatte sich vollständig
eingeredet, daß das Wort Gottes der Hammer sei, mit dem er, seinem
Handwerk entsprechend, seine Ansichten von der Wahrheit den Leuten in die
dicken Schädel treiben müsse. Ich rieth ihm wieder zu seinem Handwerk zu
greifen, das ihm mehr Respekt verschaffen werde als sein Predigen. Er
antwortete, das Wort Gottes müsse in allen Ländern gepredigt werden; der
Apostel Paulus sei auch Gefahren und Schwierigkeiten begegnet, aber er
habe nichtsdestoweniger gepredigt und die Heiden bekehrt. So oft ich einem
übermäßig unwissenden Missionär begegnet bin, hat er sich immer mit dem
Apostel Paulus verglichen.“
Endlich urtheilt der fromme und religiöse _Zander_, hart aber wahr,
folgendermaßen: „Alle abessinischen Missionen, die bisher hier waren,
haben ihre Aufgabe durchaus falsch angegriffen, indem sie sich an die
Erwachsenen wandten. Das Volk könnte nur einzig und allein dadurch gehoben
werden, daß man sich der Kinder von früh auf sorgfältig annähme und sie
gut erzöge. Eine Mission, die sich ungehindert dieser Aufgabe hingeben
würde, könnte unendlichen Segen und Nutzen stiften, allerdings nicht für
die Gegenwart, wohl aber für die Zukunft. Doch die bisherigen Leiter aller
Missionen sammt ihren Gehülfen waren rein unfähig, eine solche Aufgabe zu
vollführen, und die Missionshäupter wurden stets von Eitelkeit, Hochmuth
und grenzenloser Selbstsucht regiert. Sie schütteten stets das Kind mit
dem Bade aus.“
Diese vorurtheilsfreien Stimmen, neben welchen leicht noch viele ähnlich
lautende Aussprüche angeführt werden könnten, mögen zur Bildung eines
Urtheils über das abessinische Missionswesen genügen.
[Illustration: Abessinierin, Getreide reinigend. Originalzeichnung von
Eduard Zander.]