Jürgen kassierte den Zins ein bei den Parteien der drei Mietskasernen,
zu deren Verwalter die Tante ihn unversehens gemacht hatte, füllte neue
Mietsverträge aus, beaufsichtigte das Tapezieren einer Wohnung, ging
zwischendurch ins Kolleg. An den Abenden in Arbeiterversammlungen.
Eine neue Partei verlangte, daß die Küche frisch geweißt werde. Nach der
Tante Meinung war die Küche noch weiß genug. Jürgen mußte vermitteln. Er
sah, wie nie vorher in seinem Leben, von Angesicht zu Angesicht die Not.
Wurde gegen seinen Willen Zeuge von Haßausbrüchen zwischen
Proletarierehepaaren, sah machtlos zu, wie abgearbeitete, machtlose
Väter ihren Zorn an den machtlosen Kindern ausließen; wie
Gerichtsvollzieher letzte Stücke pfändeten; mußte Mietzins verlangen von
Arbeiterfrauen, in deren Augen unvertreibbar Gram und Sorge hockten, und
Mietzins für ein Zimmer – nicht vier Meter im Quadrat –, in dem Mann und
Frau, zwei erwachsene Söhne und zwei erwachsene Töchter in drei
stinkenden Betten die Nächte, ihr Leben verbrachten.
Der Tapezierer war fertig. Jürgen blickte die Wand an. Die knallroten
Rosen der neuen Tapete wurden lebendig, kreisten wie ein Feuerwerksrad.
‚Tragisch – so eine Rosenwohnung! Viele tausend Rosen, und wenn dann die
Leute darin leben ... stinkts!‘
Vor dem Hause, herum um das Kanalgitter, drehten sich drei fahle
Proletarierkinder im Ringelreigen. In der Mitte kniete eine Vierjährige
und machte das zum Spiel gehörige Märchengesicht.
‚Für diese Kinder scheint das Kanalloch der Mittelpunkt zu sein, wie das
reich ausgestattete Spielzimmer der Mittelpunkt für die andern Kinder
ist. Daß die Faust der Armut auch die Kinder würgt, das hat mich schon
als Gymnasiast empört ... Und die Kinder, neben denen die Gouvernante
geht? ‚Mademoiselle Katharina, Sie dürfen nicht mit den Armen
schlenkern. Mademoiselle Katharina, Sie dürfen sich nicht umsehen. Beim
Atmen müssen Sie die Lippen geschlossen halten, Mademoiselle Katharina.‘
Es war die Stunde, da die proletarische Jugend, weil sie eigentlich
schon zuhause hätte sein müssen, in der heißesten Spiellust
zusammengetan ist. Geschrei durch Straßen. Erhitzte Gesichter. Gespannte
Knabenkörper, in Fluchtstellung atemlos den Verfolger erwartend.
‚Die dürfen mit den Armen schlenkern. Umsehen dürfen die sich auch. Und
den Mund können sie aufreißen, so weit sie wollen.‘
Abendglocken läuteten, verklangen. Arbeiter marschierten heimwärts. Der
warme Sommerhimmel dämmerte der Nacht entgegen. Laternen funkten auf.
Der Tag war schön gewesen.
‚Es ist doch schön – man begreifts nur meistens nicht.‘
Viele Geschäfte waren noch beleuchtet. Aus anderen strömten schon die
bleichen Ladnerinnen, sahen in den Himmel und streiften dabei die
Handschuhe über. Ein Invalide, der seinen verkrüppelten Fuß, der wie
eine verkümmerte Hand aussah, nackt auf dem Gehweg liegen hatte, hob die
Mütze zu Jürgen empor. „Du wirst nicht wollen, daß ich leide“, sang ein
hemdärmeliger Tenor im vierten Stock tragischen Tones vergnügt zum
Fenster hinaus.
An dem Theater rollten Autos vor und ab. Toiletten stiegen aus. Ein
zahnloser Menschenmund rief: „...tung mit den neuesten Kursberichten!“
Der aus den Zugangsstraßen immer neu genährte Zug derer, die aus den
Werkstätten, aus den Fabriken kamen, marschierte vorüber. Alle schritten
im gleichen Tempo, nahmen Jürgen mit.
Über eine eiserne Kanalbrücke, neben der ein Schiffer auf dem Deck im
Kochtopf rührte. Vorüber an einem Bureau, in dem zwei beleuchtete,
einander belauernde Tuchgrossistengesichter noch einen Abschluß
ausfochten. Aus offenen Kneipentüren schlug schlechter Fettgeruch
heraus.
Die Straßen wurden enger, dunkler, die Häuser kleiner. Unbebaute
Stellen, lange, verfaulende Bretterzäune (eine Ratte verschwand), Ziegen
auf dem Heimtrieb, ein Schuppen, Gestank. Das kleine Fenster hing nah
der Erde rotleuchtend in der Finsternis. Die Haustür war nur angelehnt.
„... Denn überall haben in Wirklichkeit die Monopolisten die ganze
Macht: eine Macht, so unbeschränkt, daß auch die Schule, Kanzel, Presse,
öffentliche Meinung, Polizei, Militär, Justiz, der ganze Staat ihr Staat
ist und die Regierungen in allen Vaterländern nur die Schatten der
Monopolinhaber sind, Schatten, die, wie der Schatten eines beweglichen
Gegenstandes, jede Bewegung dieser Allmächtigen mitmachen müssen. Schon
stehen die Monopolinhaber aller Vaterländer wieder vor dem Knopf, und
die Schatten blicken unverwandt auf die Monopolinhaber, bereit und
gezwungen, den Krieg – Krieg um Rohstoffquellen, Eisenbahnkonzessionen,
Absatzmärkte, um den Weltprofit – zu erklären in dem Moment, da jene auf
den Knopf drücken“, schloß der Agitator, der unter dem dösenden Gaslicht
auf einem Küchenhocker saß, seinen Vortrag.
Katharinas Zimmer war sehr niedrig. Der Agitator erhob sich, vorsichtig,
um mit dem Kopfe nicht anzustoßen an den Gasarm. „Nicht nur für einzelne
Menschen, Genosse Jürgen, auch für das Proletariat gibt es, da die
ökonomischen Voraussetzungen zur Ablösung der kapitalistischen
Konkurrenz-Profitwirtschaft durch die proletarische Bedarfswirtschaft
längst gegeben sind, immer wieder das, was du Schicksalspause nennst –
weltpolitische Situationen nämlich, in denen das Proletariat sich
entscheiden kann für die soziale Revolution oder für einen
imperialistischen Krieg, in dem Millionen fallen. Das Weltproletariat
steht immer wieder in dieser Schicksalspause. Wie wird es sich das
nächste Mal entscheiden?“
Und während er seine Notizen einsteckte: „Der Genosse Jürgen! ... Unsere
Bezirksführer! Und hier: Unser Vertrauensmann.“
Die neun standen an der Wand lang, hockten auf dem Fußboden und dem
Fenstersims. Zwei rauchten aus kurzen Pfeifen den Tabak, dessen
dunkelblauer Qualm, von dem Spaziergänger unverhofft im Freien
eingeatmet, gut riecht und im Zimmer wie Gift beißt.
Jürgens Augen folgten dem Blicke des Agitators, der lächelnd sagte: „Ihr
beide kennt einander ja schon sehr lange, hast du mir erzählt.“
Katharinas Gesicht, das außerhalb des Lichtkreises hinter der
Schreibmaschine im Schatten hing, sah übermüdet aus. Neben ihr stand ein
grauer Emailteller mit kaltgewordenem Kraut und kaltgewordenen
Fettbrocken, an der Rückwand ein Gaskocher und ihr schmales Eisenbett.
Fühlbar stand die Wirkung des Vortrages im Zimmer und sichtbar in den
Blicken der neun Bezirksführer.
Ein noch junger Holzarbeiter, dessen Gesicht, eingetrocknet und kleiner
geworden, schon einer gedörrten Frucht glich, sagte, leicht werde es ihm
nicht fallen, an die Genossen in seinem Bezirke alles das klar und
faßlich weiterzugeben. „Aber faßlich muß es sein, sonst verstehts
niemand.“
Der Vertrauensmann, ein dunkelgesichtiger, stoppelbärtiger
Metallarbeiter, an dessen rechter Hand zwei Finger fehlten, streckte
diese Hand vor: „Vier Hauptpunkte mußt du festhalten“, sagte er, zählte
an den Fingern her und mußte schon wieder beim Daumen beginnen: „Und
viertens, daß die Arbeiterschaft gegen einen derartig gewaltigen
Machtblock eben nur bei schärfster Disziplin und überhaupt nur durch
eine ganz starke Organisation etwas ausrichten kann.“
Unter dem Sims, mit dem Rücken gegen die Fensterwand, saß auf dem
Fußboden ein schon bejahrter Kartonnagenarbeiter. Seine Hand rückte
ununterbrochen und selbsttätig unsichtbare Gegenstände zehn Zentimeter
seitwärts: Die arbeitende Hand machte den Griff, den sie ein Leben lang
von früh bis abends in der Papier- und Kartonnagenfabrik des Herrn
Hommes gemacht hatte.
„Beruhig du dich nur. Die Genossen in deinem Bezirk werden dich schon
verstehen. Was dir deiner Lebtag auf die Haut brennt, das begreifst du
leicht“, sagte er und setzte sich auf die arbeitende Hand, die sich
Sekunden später wieder befreite und weiter ihre Arbeit tat.
„Wegen der Frauenlandeskonferenz! Weil sie eben in dieser Woche in vier
Versammlungen das Referat hatte. Und auch sonst viel Arbeit, Sitzungen,
Schreibereien und so ... Jetzt mußt du ein paar Tage ausspannen,
Genossin Lenz.“
„Ich brauche nur Schlaf. Fünf Stunden!“
„Ja, ja, Schlaf“, sagte der Kartonnagenarbeiter und setzte sich wieder
auf seine tätige Hand.
Katharina wandte das Gesicht Jürgen zu. Und es schien, als habe sie den
Blick, mit den sie ihn vor acht Jahren im öffentlichen Parke angesehen
hatte, in ihre Augen zurückgeholt. Sie lächelte, und hinter diesem
Lächeln stand die Antwort auf seine damalige Frage: ‚Aber wie? Wie soll
man sich aufopfern?‘
„Der ist erst fünf Tage später abtransportiert worden.“
Dann hörte Jürgen, wie der Metallarbeiter zu den zwei Pfeifenrauchern
sagte: „Weil der Kriminaler, der mit dem Kopf ins Fenster gefallen ist,
dabei ein Aug eingebüßt hat und deshalb die Reise nicht mitmachen
konnte.“ Und trat zu den Dreien in die Fensterecke. Auch der Agitator
war hinzugetreten.
„Wenn sie den packen – unter fünf Jahr gehts nicht ab“, sagte der
Metallarbeiter noch.
Der Holzarbeiter mit dem vertrockneten, kleiner gewordenen Gesicht
sprach schriftdeutsch: „In der Zeitung stand: Ein gutgekleideter,
ungefähr fünfundzwanzigjähriger Mensch, Kaufmann oder Student,
augenscheinlich ohne Kopfbedeckung.“
Und der Agitator: „Auch heute waren wieder Kriminalbeamte im
Parteibureau ... In diese romantischen Polizeischädel geht es nicht
hinein, daß die Aufgabe der modernen Arbeiterbewegung nicht darin
besteht, Attentate zu organisieren und Attentäter gewaltsam zu
befreien.“
Die Mütze hatte ich in der Tasche, dachte Jürgen und fragte: „Was sagten
Sie eben?“
„Das Gefühl der Empörung übrigens, das diesen jungen Menschen zu dem
Befreiungsversuch veranlaßte, ist dasselbe, das in allen Klassenkämpfern
lebendig ist; aber die müssen, so schwer das ihnen auch wird, ihre
Empörung oft in sich zurückhalten“, fuhr der Agitator fort, Blick vor
sich hin gerichtet und in einem Tone, als dachte er, wie sehr viel
leichter das Leben sein würde, wenn der Kampf um den Sozialismus in
derartigen Taten bestehen könnte, anstatt in der jahrelangen,
lebenslangen, zermürbenden, täglichen Hingabe.
„Ja, aber dazu noch wöchentlich zweimal Bildungskurs in der
Jugendorganisation!“ rief bei der Rückwand ein Bezirksführer. Zwei
andere sprachen über den letzten Lohnkampf, der die Transportarbeiter
sehr geschwächt habe. Im Stock erklang das in sich erstickende Geschrei
eines Säuglings.
Unter dem Brustbein empfand Jürgen einen immer schwerer werdenden Druck,
als stecke er bis zum Kinn in dickflüssiger Moorerde.
„Wollen wir anfangen?“ fragte der Agitator. Und Katharina hob den Deckel
von der Schreibmaschine.
Die zehn schritten durch die Finsternis, vor sich die fensterlosen
Rückseiten schmaler, turmhoher, freistehender Mietskasernen: tote
Silhouetten. Ein langer Güterzug kroch aus dem Arbeiterviertel heraus,
ins flache Land hinein. Wasserglanz in dunkler Ferne und das gedämpfte
Rasseln eines Schleppers, der eine Reihe Frachtschiffe stadtwärts zog.
Der lange Pfiff der Lokomotive schlug einen Bogen durch die Nacht.
Geschrei brach ihnen entgegen, stieg an: ein Knäuel Wutgebrüll. Über
allem die Frauenstimme, die wie die Verzweiflung selber schrie. Und als
die zehn den Lichtkegel, der aus dem Parterrefenster auf die Straße
fiel, erreicht hatten und ihn durchschritten, war es drinnen völlig
still. Drückende Stille. Und dann Wimmern, Weinen, gestoßen
ausbrechendes Geheul, fessellos, als weine die Verzweifelte alle Not
ihres Lebens und das Leben selbst aus sich heraus.
Darüber entstand ein Gespräch. Ob der Mann die Frau und weshalb er sie
wohl geschlagen habe, und warum sie gar so arg flenne. „Die Gründe kennt
man“, sagte der Holzarbeiter.
„Ja, das sind im Grunde immer die selben.“
„Wie schön die Nacht ist.“
„Ja, wenn man so marschiert.“
Die neuen Backsteinhäuser des wachsenden Arbeiterviertels, gleichförmig,
unverputzt, wie über Nacht hingestellt – lineare Straßen, bei den
Feldern endend wie abgehauen –, stießen feuchten Kalkgeruch ab. Kein
Fenster war erleuchtet. Die Arbeiter schliefen schon. Vor einer alten
Villa, die eingeholt und überholt worden war von der wachsenden Stadt,
stand ein Schutzmann mit einem Polizeihund.
Das Weinen war verendet. Die Schritte hallten im Gleichmaß.
„Aber Parteimitglied wurde ich – das sind jetzt sechsundzwanzig Jahre
her“, erzählte der Kartonnagenarbeiter. „Seitdem hat sich viel
geändert.“
Sechsundzwanzig Jahre, dachte Jürgen. Sechsundzwanzig Jahre.
Hohe, leuchtende Fenster, fünf lange Reihen übereinander, traten aus der
Dunkelheit heraus. Die zehn schritten hinein in das Klipp-Klapp-Geräusch
der Transmissionen: die Nachtschicht bei der Arbeit.
„Heut ist die Partei eine Macht ... Wenns auch langsam geht ...
Mitbestimmungsrecht ... Die straffe Organisation ... Ja, viel Arbeit
gewesen“, vernahm Jürgen, der mit dem Holzarbeiter und dem
Metallarbeiter einige Schritte voraus war.
Schweigend über die kleine Eisenbrücke. Durch den kühlen Teergeruch. Auf
der äußersten Spitze des zugebretteten Frachtschiffes im Kanal stand ein
winziger Hund, der blickte. Schon durchbrach dort und hier das
Lichtermeer die Baumkronen.
Jürgen konnte nicht durchatmen, als wären seine Lungen luftgefüllt und
hermetisch verschlossen. Konnte nur vom Halse weg atmen. ‚Lebenslang
außerhalb des Lebens zu stehen, bedeutet es. Und nur ein winziges
Teilchen der großen Bewegung zu sein und gewesen zu sein.‘ Der Druck in
seiner Brust wich nicht.
Sie gerieten in die Menge hinein, die das Theater verließ und dem Korso
zustrebte. Es war erst zehn Uhr. Vor allen Cafés saßen die Gäste im
Freien. Auch vor dem Grandhotel ruhten elegante Herren und elegante
Damen in Korbsesseln und genossen die herrliche Sommernacht. Auf der
funkelnden Weinterrasse, blumenüberhangen, von der Straße leicht
abgesondert durch Lorbeerbäume, rollten die Kellner lautlos die
Servierwagen an und ab, tranchierten Geflügel, öffneten Weinflaschen. Zu
Verbeugungen erstarrte Fragen. Das Streichquartett spielte diskret.
Die vier Bogenlampen über des Juweliers Schaufenster spritzten weißes
Licht in die Menge – Studenten, junge Kaufleute, Fremde und Offiziere
mit ihren Kokotten und Damen –, die straßauf, straßab bummelte, in so
gemächlichem Tempo, daß die zehn wie ein marschierender Fremdkörper
wirkten. Vor dem Juwelier blieben sie stehen. Alle zehn. Jürgen mit dem
Blick zur Weinterrasse.
Plötzlich bekam er einen Schlag gegen das Herz. Sagte zweimal den Satz:
„Das ist es ja nicht. Das ist es ja nicht.“ Sah an sich hinunter,
überzeugte sich, daß er sorgfältig gekleidet war, und drehte sich wieder
um zum Schaufenster.
„Also, auf morgen!“ rief der Holzarbeiter noch zurück und lächelte
bekannt und dennoch fremd.
Die erste Geige sprang mit einem unerwarteten, funkelnden Saltomortale
aus der Begleitung heraus, jubelnd empor. Ein übriggebliebener Gedanke
irrte noch in Jürgen umher, wurde immer wieder zurückgestoßen, schrie
lautlos und gellend das Wort ‚Schicksalspause‘. „Das ist es ja nicht.
Das ist ja unwichtig“, murmelte Jürgen und zog die Handschuhe über.
Erst als er schon vor einem weißgedeckten Tischchen auf der Weinterrasse
saß, gegenüber zwei schweigsamen, schönen Engländerinnen, bemerkte er
Adolf Sinsheimer und noch drei Schulkameraden, die, elegant
zurückgelehnt, ihre seidenen Strümpfe sehen ließen und, die ganzen
Oberkörper langsam vorbeugend, Jürgen grüßten. Er setzte sich zu ihnen.
Stand sechs Stunden später auf der Straße. Die Vögel pfiffen schon. Die
Menschen schliefen noch. „Nun, und jetzt? ... Ich war betrunken.“
Er dachte, von Ekel geschüttelt, an die Szene in dem orientalischen
Salon, in dem er mit den Schulkameraden gewesen war. Sah die Amsel an,
die auf dem Staketenzaun saß. Seine Knie wurden weich. Er mußte sich auf
die Steintreppe setzen. „Das Ganze hat nicht mehr und nicht weniger zu
bedeuten, als mein imaginäres Duell mit Karl Lenz.“
Die Amsel sperrte weit den gelben Schnabel auf: „Das stimmt. Und stimmt
doch nicht.“
„Denn einmal, meinst du, nicht wahr ...“
„Eben das meine ich!“
Jürgen hatte das Empfinden, in die Tiefe zu stürzen, und fuhr aus dem
Schlummer. „Wenn das so weiter geht, werde ich einmal nichts mehr selbst
entscheiden können. Das Schicksal wird mir keine Pause mehr gewähren.“
Am Nachmittag – sie hatten eben Kaffee getrunken – blickte Jürgen
nachdenklich die im Sessel schlummernde Tante an, lehnte sich auch in
den Sessel zurück, Wange auf dem gehäkelten Schutzdeckchen.
Die Heiligenbilder an den Wänden hielten die segnenden Hände erhoben
über die beiden. Auch der Vogel im Käfig ließ die Schlafhäutchen über
die Augen herab. Die blauen und silbernen und goldenen, kopfgroßen
Glaskugeln im Garten funkelten in der Nachmittagssonne. Eine Wolke zog
still am Himmel hin. Der Perpendikel sagte: Rich...tig, rich...tig.
Das fadendünne Drahtseil lief von Jürgens bequemem Backenstuhl weg, in
viel tausend Meter Höhe vorbei an den in Not und Kampf Stehenden dieser
Welt. Jeder hielt sein gepeinigtes Herz in der Hand. Da, wo das Seil
endete – in ungeheuer weiter Ferne –, leuchtete Katharinas Stube. Auf
Jürgen zu, in blauer, gefährlicher Höhe, bewegten sich die neun
Proletarier und erwarteten Jürgen so gläubig, daß er nicht widerstehen
konnte, das fadendünne, schwindelhohe Seil ebenfalls zu besteigen.
Ein paar Meter vor ihm balancierte, vom Absturze bedroht, ein Mensch auf
dem Seile. Jürgen erkannte in dem gefährlich Schwankenden sich selbst,
rief sich an in kaltem Schrecken.
Da marschiert er mit den neun Proletariern den Korso hinauf, sieht die
promenierende Menge, die vier lichtspritzenden Bogenlampen über des
Juweliers Schaufenster. Hört die Streichmusik, erkennt die Melodie.
Die Schicksalspause tritt ein.
‚Also, auf morgen!‘ sagt der Holzarbeiter.
Diese photographische Genauigkeit! Ich sah im Traume sogar die gelbe
Rose in Adolfs Knopfloch, deren tatsächliches Vorhandensein mir gestern
nicht einmal in der Wirklichkeit bewußt geworden war, denkt Jürgen, der
träumte, erwacht zu sein. Steckt sich die Rose ins Knopfloch.
Sitzt mit Adolf Sinsheimer und den drei Schulkameraden auf der
Weinterrasse. Plötzlich verdichten sich die vier Körper in einen Körper,
auf dessen Hals die vier Köpfe stecken.
Alle vier Gesichter haben den selben zotigen Zug um den Mund, denkt
Jürgen. ‚Wie Männer, wenn sie eine wehrlose Frau auf der Straße ansehen.
Den selben, das Menschenauge schändenden Blick, den kein Tier dieser
Erde hat.‘
Alle vier Münder gleichzeitig sprechen ein furchtbares Wort: Ein
Menschenschrei, gefangen im Kellergewölbe. Dann nimmt der Vierköpfige
ein kleines Küchenmesser mit brauner Holzschale aus der Westentasche und
stemmt Jürgens Schädeldecke auf.
Die Hauptmasse des Gehirns reißt er mit der Hand heraus. Das
Hängengebliebene kratzt er mit dem Küchenmesser sorgfältig ab.
Dabei hört der zu maßlosem Entsetzen Erstarrte die erste Geige im
Weinrestaurant jubelnd in die Höhe steigen.
Der Vierköpfige wickelt ein sorgfältig verpacktes, neues Gehirn aus, um
das herum – wie um eine Sektflasche die Steuerbanderole – das
Fabrikzeichen klebt, preßt es in Jürgens offenen Kopf hinein und paßt
die Schädeldecke wieder auf.
Schmerz und Entsetzen verschwinden augenblicklich.
Die Schulkameraden sind jetzt wieder alle vier da. Als fünfter sitzt
Jürgen bei ihnen, spricht wie sie, denkt, lacht wie sie, hat den selben
zotigen Zug um den Mund, den selben Blick, weiß das alles und fühlt sich
wohl dabei.
Nur der Menschenschrei im Kellergewölbe, der wie gefangener Gesang
klagend weiter tönt, stört ihn. Deshalb leert er die bis zum Rande mit
Sekt gefüllte große, weiße Kaffeekanne auf einen Zug. Steht plötzlich in
dem orientalisch ausgestatteten Salon, in dem fünf halbbekleidete
Mädchen auf Ottomanen liegen. Schaudert zurück, weil die Brüste mit
kurzhaarigem Pelze bewachsen sind. Und erwachte wirklich.
Der Vogel und die Tante schliefen noch. Und die still am Himmel
hinziehende Wolke hatte noch nicht einmal die Krone des Nußbaumes im
Garten passiert. Die selbe Fliege saß noch auf der weißen Kaffeekanne
und saugte an dem selben Tropfen, der an dem Schnabel hing.
Als ob der Entschluß, der seinem ganzen weiteren Leben eine andere
Richtung geben mußte, sekündlich in Jürgens Empfinden übergegangen wäre,
hatte sich mit dem Entschlusse unversehens sein ganzes Körpergefühl
verwandelt. Gang und Glieder waren schwer geworden. Alles Gewesene und
die Umwelt hatten an Gewicht verloren.
Jürgen, entschlossen, sich auf sich zu nehmen, verließ, ein schweres
Ganzes, die Villa, um nicht mehr zurückzukehren.
Sein Gefühl wußte, was er auf sich nahm. Dieses Gefühlsbewußtsein
lastete von dem ersten Schritte an, den er außerhalb des Gartens tat, so
schwer in ihm, als hätte es seit Jahren sein Wesen bestimmt. Das
Bisherige war versunken. Dahin gab es kein Zurück mehr.
Er möge ein bißchen warten, rief Katharina durch die verschlossene Tür,
trat schnell vom Arbeitstisch weg in die Mitte des dunklen
Balkenkreuzes, das den Fußboden vierteilte.
Beide Hände in den Taschen des Sweaters, blickte sie prüfend rundum in
ihrem großen Parterrezimmer, ohne sich vom Platze zu bewegen. Die
geblümte Tapete, älter als Katharina, war mit vielen kreisrunden
Rostflecken übersät, an vielen Stellen gesprungen und mit Markenpapier
zusammengeklebt. Nur eine Gasflamme brannte an dem Doppelarm.
Nachdenklich strich sie sich mit dem dünnen Mittelfinger über die
braune, gebogene Braue, berührte dabei die Lippe mit der Zungenspitze,
wie vor Jahren an dem Abend, da sie, stehend in ihrem Mädchenzimmer, den
Entschluß, für immer das Elternhaus zu verlassen, gefaßt und sofort
ausgeführt hatte.
Auch jetzt machte sie diese Doppelgebärde, als habe sie einen Entschluß
gefaßt, entzündete den zweiten Glühstrumpf, schloß das Fenster, von dem
aus die fernblinkenden roten und blauen Lichter des Rangierbahnhofes und
der Eisenbahnwerkstätte zu sehen waren, und zog den Vorhang zu. Mehr
Verschönerungsmöglichkeiten gab es nicht.
Im Zimmer, nun abgeschlossen von der Außenwelt, war es ganz still. Nur
das Herz klopfte. Schon mittenweges zur Tür, kehrte sie noch einmal um,
setzte sich, Hand auf dem Herzen, und staunte.
Hinter der verschlossenen Tür stand Jürgen in schwerer Ruhe.
Sie schob, nachdem sie die Tür geöffnet hatte, beide Hände sofort wieder
in die Sweatertaschen, erkannte an Jürgens Blick sofort, daß der Grund
seines Besuches ein anderer war, und nahm die Hände wieder heraus.
Er hatte ihr nicht die Hand gereicht. Er saß schwer am Tisch und
erzählte, ohne Einleitung, sachlich und ohne Scham, als schildere er das
Erlebnis eines andern, was sich gestern mit ihm ereignet hatte. Dabei
machte seine Hand, die schwer auflag, kleine verstärkende Bewegungen.
Auch als er, bemüht, sich und ihr das gestern Geschehene verständlich zu
machen, in großen Zügen sein bisheriges Leben erzählte, schilderte er
die Leiden, die Demütigungen und die nicht durchgekämpften Kämpfe des
Kindes und Jünglings so, als spräche er von einem beliebigen anderen.
So ergab sich, während sie die Abendsuppe bereitete auf dem Gaskocher,
der auf einem niedrigen Kistchen stand, so daß sie öfters in tiefer
Kniebeuge sitzen mußte, ein Gespräch über Einzel-Ich und Umwelt.
Einst, vor Jahren, als sie noch nicht Sozialistin gewesen sei, habe sie
sich vorgestellt, was geschehen würde, wenn einmal eine ganze Generation
nicht als machtlose Kinder, sondern, ungebrochen durch falsche
Erziehung, Autorität und Umwelt, gleich als Zwanzigjährige geboren
werden und so auf dem Kampfplatz erscheinen würde. Mit der Kraft ihres
unverbogenen Wesens würde diese Generation ohne Schwierigkeit das Ganze
über den Haufen werfen.
„Leider aber kommt der Mensch als wehrloser Säugling auf die Welt“,
schloß sie und lächelte froh, als sei diese Wehrlosigkeit das
Erfreulichste, das dem Säugling geschehen könne. Das Herz klopfte nicht
mehr.
Sie gab sich Mühe, besonders gut zu kochen, fragte, ob er die Hafersuppe
lieber dick oder dünn, süß oder weniger süß esse.
„Das ist mir ganz gleich. Ich habe noch niemals Hafersuppe gegessen.“ Er
beobachtete, wie sie herumhantierte, sich tief zu Boden beugte, wieder
senkrecht stand. ‚Glatt und fest wie ein junges Baumstämmchen, junges
Nußbaumstämmchen‘, fiel ihm ein.
Sie stand, ein rechter Winkel, über den Gaskocher gebeugt. Von jetzt an
wirst du vermutlich sehr oft Hafersuppe essen, dachte sie, während sie
die zwei dampfenden, zu vollen Suppenteller vorsichtig durch das Zimmer
trug zum Tisch, der am Fenster stand.
Jürgen, tief dabei, die Summe seines bisherigen Erlebens, Erleidens,
Erkennens zu ziehen, bereitet und gewillt, von nun an klaren Bewußtseins
zu handeln, bedurfte in dieser Stunde, da er im Rückblick auf sein Leben
schon und erst den Aufbruch zu sich selbst begann, noch des Verweilens
bei den Ursachen, bestrebt, ihr Ineinandergreifen fehlerlos zu erkennen.
Er dachte: Der Sozialismus muß sich auf allen Gebieten des Lebens mit
absoluter Notwendigkeit und Ausschließlichkeit ergeben aus dem Wahnsinn
des Bestehenden. Die Rechnung muß stimmen. Und sagte:
„Es gibt nicht nur eine herrschende Klasse und unterdrückte Klassen; es
gibt auch eine jeweils herrschende Generation, die durch alle Klassen
durchgeht: Alle Erwachsenen nämlich, die, machtstrotzend, mit Hilfe der
bestehenden Seelenmord-Gesellschaftsordnung, in der sie selbst tödlich
verstrickt und untergegangen sind, die heranwachsenden Generationen
abwürgen, entselbsten ... In diesem Sinne bilden alle Erwachsenen
zusammen eine granitene Einheit, einen Wall, gegen den die
Heranwachsenden vergebens anrennen, so lange anrennen, bis sie selbst
entselbstete, lebende Leichen sind und Teile des Walles bilden gegen die
neu heranwachsenden Generationen.“
Sie stand rückwärts und rieb, betrachtete den Löffel, rieb weiter,
hauchte ihn an. Der verzinnte Blechlöffel bekam keinen Glanz.
„Denn wenn es auch eine Tatsache ist, daß jeder Mensch als ‚Reines Ich‘
geboren wird, ist es eine ebenso unumstößliche Tatsache, daß das Reine
Ich ganz und gar unentwickelt, ganz und gar versunken und verschüttet
und ertötet ist im Bürger des zwanzigsten Jahrhunderts ... Aber wie
steht es mit der Entwicklungsmöglichkeit des Ich im Proletarierkinde?
Wie verhalten sich Umwelt und proletarische Eltern zu dem Ich im
proletarischen Kinde und umgekehrt?“
Darüber habe sie noch nicht nachgedacht. Katharina stand noch einmal
auf, kramte lange in einer Schublade und legte dann eine Papierserviette
vor Jürgen hin.
„Das ist aber eine sehr wichtige Frage. Auch hier müßte die Rechnung
stimmen.“
Wahrscheinlich könne auch diese Frage nur von dem Standpunkte aus, daß
es eine herrschende und eine ausgebeutete Klasse gäbe, richtig
beantwortet werden, sagte Katharina. „Vielleicht sollte man diese Frage
so stellen: Was erhält das bürgerliche Kind von der Umwelt dafür, daß es
seinen Protest, sein Wesentlichstes: sein Ich und damit sein Schöpfertum
und die Fähigkeit, das Leben auch psychisch zu erleben, aufgibt, sich
unterordnet, sich der Umwelt anpaßt, selbst zu einem Teile der Umwelt
wird gegen noch Protestierende? Und was tauscht das proletarische Kind
gegen die Aufgabe seines schöpferischen Ich ein? Was widerfährt dem
Bürgerkinde, wenn es versucht, zu kämpfen, zu protestieren? Und was
geschieht in diesem Falle dem proletarischen Kinde? Erhalten beide und
geschieht beiden das gleiche?“
Sie hörten, wie jemand absprang, das Fahrrad gegen die Mauer lehnte.
Eine Sekunde später trat der junge Arbeiter ein, atmend, verschwitzt und
seelenruhig lächelnd. „Die ganze Belegschaft der Hommesschen
Papierfabrik ist in den Streik getreten, Genossin Lenz.“ Er wischte sich
mit dem Taschentuch rund um den Hals. „Der Genosse Ingenieur läßt dir
sagen, du sollst morgen früh um sieben Uhr in der Redaktion sein.“ Und
da sie nickte, war er draußen.
Sie rief ihn zurück. Ob die Werkmeister und Vorarbeiter mitstreikten?
„Ah, wo werden denn diese Arschkriecher mitstreiken! Er will ja auch
auswärtige Streikbrecher heranziehen. Aber unsere Streikposten stehen
schon. Auch am Bahnhof! Die Polizei, selbstverständlich, ist auch schon
aufmarschiert!“
„Da möchte ich gleich Streikposten stehen“, sagte Jürgen, „gegen Herrn
Hommes.“
„Das besorgen die Betriebsgenossen schon selber.“ Sie setzten sich
wieder. Und da Jürgen mit den Augen fragte, fuhr sie fort:
„So gewiß es ist, daß die Natur die Trennung der Menschen in Klassen,
das heißt: die Verhunzung des Menschen durch die kapitalistische
Gesellschaftsordnung, immer wieder aufhebt durch das Hervorbringen
körperlich und geistig vollwertiger Kinder bürgerlicher und
proletarischer Eltern, so unzweifelhaft ergibt sich aus dem, was ist,
daß die Trennung in Klassen auf bürgerliche und proletarische Kinder
total verschieden wirkt.“
Unversehens war die Gefühlsschwere von Jürgen gewichen. Entlastet atmete
er aus. „Was dem Bürgerkinde, das sich nicht anpassen will, geschieht,
weiß niemand besser als du und ich“, sagte er, im Blicke tiefe Freude
über die schwer errungene persönliche Befreiung. „Ein zeitlebens
seelisch gefährdeter Mensch, Irrenhaus oder Selbstmord! Oder,
bestenfalls, als Dreißigjähriger ein zuckendes Nervenbündel! ... Und für
die anderen, für die übergroße Mehrzahl, für diejenigen Bürgerkinder
nämlich, die den Kampf gegen die Umwelt sofort aufgeben, ist das
Nichtmehrprotestieren, das Sichaufgeben, das Sichanpassen
gleichbedeutend mit Bequemlichkeit, kampflosem Siegen, mit der
uneingeschränkten Möglichkeit, sich zu bilden, mit glattem Emporkommen
in eine bevorzugte Stellung, mit standesgemäßer Heirat, mit Reichtum,
Macht, Geachtetwerden, kurz: mit dem vollen Genusse des Lebens ... Die
geben ihr Ich hin, tauschen aber dafür alles ein, was das Leben bietet.“
Er schob den nicht ganz geleerten Teller auf die Seite.
Durch die rückwärtige Tür trat Katharinas Wirtin ein, stellte einen Krug
voll Wasser neben das schmale Eisenbett. „Schläft der Genosse hier? Die
letzte 54 ist nämlich weg ... Dann bringe ich die Decke.“
„Er schläft doch nicht hier“, sagte Katharina. „Nein, nein, er schläft
nicht hier.“
Und Jürgen fuhr schnell fort: „Das Sichanpassen des Bürgerkindes wäre
demnach gleichbedeutend mit dem vollen Lebensgenusse eines Angehörigen
der herrschenden Klasse. Dieser Angepaßte ist dann zwar in keiner Weise
mehr er selbst, ist eine Ich-Leiche, aber eine geachtete, mächtige,
herrschende, die das Leben, wie es ist, mitbestimmt und dieses Leben
genießt. Eine Leiche, die lebt und gut lebt! Von dieser Seite ist also
gewiß nichts zu erwarten für die Befreiung.“
„Wenn aber die Umwelt“, sagte Katharina, „sich Kindern gegenüber sieht,
denen sie, im Gegensatze zu den bürgerlichen Kindern, für das
Sichanpassen nichts zu geben hätte als Not, Qual, Prügel in jeglicher
Form, die Verweigerung aller Bildungsmöglichkeiten und des
Lebensgenusses, nichts als Hunger, Kälte, Schmutz, Arbeitenmüssen für
andere und Demütigungen auf allen Wegen? ... Das Proletarierkind, das
geneigt ist, sich der Umwelt anzupassen, wird von der Umwelt selbst,
wird durch die herrschende Klasse und deren Staat immer wieder in den
Protest gegen die Umwelt zurückgestoßen. Dieser brutale, unaufhörliche
Stoß verleiht und erleichtert dem proletarischen Kinde die Möglichkeit,
etwas mehr von seinem Ich zu bewahren. Die Proletarier kommen aus dem
Proteste nie ganz heraus, können folglich ihr Ich nie ganz verlieren und
sind auch mit aus diesem Grunde als Klasse schöpferisch und dazu
bestimmt, im Gange der Geschichte über die unschöpferisch gewordene
bürgerliche Klasse hochzusteigen ... Aber erst in der klassenlosen
Gesellschaft tritt dein Reines Ich auf den Plan, wird es jedem Einzelnen
verstattet sein, er selbst zu werden und zu sein.“
Jürgen sah den Vierköpfigen, hob langsam den Kopf, empor aus dem
Lauschen und seinen Vorstellungen, blickte, den Gedanken erst
formulierend, Katharina an: „Auf der einen Seite also, in der
kapitalistischen Gesellschaft, meinst du: ungeheuerlichste Ungleichheit
in materieller Hinsicht und eine vielleicht noch ungeheuerlichere
blödsinnige Gleichheit aller im Geistigen ...“
„Ja, und das wird Individualismus genannt.“
„... auf der anderen Seite, in der klassenlosen Gesellschaft: materielle
Gleichheit für alle und infolgedessen, nicht wahr, infolgedessen im
Geistigen absolute individuelle Verschiedenheit jedes Einzelnen von
jedem Einzelnen. Jeder ein Reines Ich! Ein schöpferischer Mensch!“
„Und das wird die öde Gleichmacherei der Sozialisten genannt ...
Zwischen diesen zwei Extremen liegt allerdings zunächst die Revolution.“
„Wie unsäglich wunderbar das sein wird: Die Seele, die ihr Ich durch den
Körper gewinnt und im Gleichgewicht in sich selber ruht.“
Beide schwiegen. In die Stille klang wieder das in sich erstickende
Geschrei des Säuglings. Fernher tönten Pufferknall und die monotonen
Rufe der Eisenbahnarbeiter, die einen Zug zusammenstellten.
Dieser Befreiungsversuch war ein herrlicher Seitensprung, dachte er
stolz, lächelte gerührt, wie über eine teure Jugenderinnerung. Und trat
in seinem Gefühle wieder ein in die Reihen der Millionen, die sich auf
dem langen, generationenlangen Marsche befanden.
„Dein Zimmer – diese drückende Decke, das kleine Fenster – ist wie ein
niederstirniges Gesicht“, sagte er, empfand plötzlich wieder Druck über
dem Herzen.
„Ja, wir leben vergraben, geduckt, nur von uns selbst und der Idee
beschirmt ... Bist du nun sicher, daß die Rechnung stimmt?“
„Das solltest doch du am ehesten begreifen, daß ich, da hinter mir nicht
der materielle Druck stand, der die Massen klassenbewußt macht, zum Teil
auch auf dem Wege über den Verstand zum Sozialismus kommen mußte. Das
Gefühl war vorher, war ja immer da.“
„Wie wir einander wiederfanden, du und ich! ... Wie schön, wie wunderbar
ist das!“
Da schlug das Glück durch ihn durch, legte Jürgens Hand um ihren Nacken.
So stand er, Blick in ihrem Blick, nahe seine Lippen dem kleinen, festen
Mund. Ihr Körper gab nach, antwortete frei.
Dann sagte Jürgen, halb fragend: „Wo ich heute nacht schlafen werde, bei
wem, das weiß ich freilich nicht.“
V
„... und auch deshalb, damit Du nicht glauben solltest, ich sei
verunglückt, ertrunken, ermordet worden (ich habe mich, im Gegenteil,
vor dem Ertrinken, vor dem Erstickungstode gerettet), teilte ich Dir
meinen Eintritt in die sozialistische Partei und den Entschluß mit,
nicht mehr zurückzukehren.
Wie noch vor kurzem kein Mensch, und wäre er der klügste auf der Welt
gewesen, mir hätte begreiflich machen können, daß ich nur durch diesen
Schritt mein Dasein in Einklang zu bringen vermöchte mit den Tatsachen
des Lebens, so könnte ich die Beweggründe dieses Schrittes auch Dir
nicht begreiflich machen, so wenig wie Herrn Papierfabrikant Hommes,
Geheimrat Lenz, Bankier Wagner, den Professoren, Studenten, Söhnen und
Töchtern, das heißt: allen diesen klugen, gebildeten Menschen Deiner
Kreise, für welche die sozialistischen Arbeiter Existenzen sind, die
alles gleichmachen und verteilen, nichts arbeiten, sich täglich
betrinken wollen, und diejenigen, die sich zu den Sozialisten gesellen,
schwachsinnige Schwärmer, Narren oder Verbrecher, ja sogar Verräter an
dem Ideale.
Wenn ich versuchen wollte, Dir zu erklären, daß der Sozialismus, über
alles Materielle hinaus, auch eine gewaltige Kulturbewegung ist und
verwirklicht werden muß, soll nicht die ganze Menschheit zugrunde gehen,
müßte ich ein dickes Buch schreiben, und auch dann würdest Du nichts
begreifen. Denn sogar Menschen meiner Wesensart vermögen die Größe und
geschichtliche Notwendigkeit des Sozialismus erst dann ganz zu erkennen,
nachdem sie den kleinen, aber entscheidenden Schritt, den Sprung gemacht
haben – hinüber zur Arbeiterklasse, in ihr leben und zusammen mit ihr
kämpfen.
Ich habe den Sprung gemacht. Gräme Dich nicht darüber. Glaube mir, liebe
Tante, daß dies allein für mich die Rettung sein konnte vor dem
furchtbarsten, dem geistigen Tode. Daß dies allein die Rettung sein kann
für jeden.
Und glaube mir auch, daß ich, würde ich einmal wieder zurückkehren zu
jenen, die mit Blindheit geschlagen sind und offenbar nur noch durch
eine Art Staroperation sehend werden können, ein Verräter an mir selbst,
Verräter an der Idee geworden wäre: ein verlorener Mensch, gleich allen
Angehörigen der bürgerlichen Jugend, deren Tugenden durch die Erziehung
in Schule und Elternhaus beschnitten werden auf das schickliche Maß, das
ein gutes Fortkommen gewährleistet, und deren solchergestalt noch übrig
gebliebener Idealismus auf der Universität von der tätigen Hingabe an
die fließende Wirklichkeit vollends abgelenkt, mit falschen,
überkommenen, erstarrten Inhalten gefüllt und dem Staate dienstbar
gemacht wird, dessen Institutionen sich mit ganzer Wucht gegen
diejenigen richten, durch deren Hände Arbeit die Existenz dieses
Staates, Reichtum und Zivilisation des Landes und auch die Ausbildung
der entselbsteten bürgerlichen Jugend, sowie deren ausschließliche
Beschäftigung in den Bezirken des, wenn auch verfälschten,
sterilgewordenen Geistes erst ermöglicht wird.“
Den letzten Satz strich Jürgen wieder weg und schickte den Brief an die
Tante.
Er wohnte sei Monaten in dem Loch, das durch eine Tür mit Katharinas
Zimmer verbunden war. Das windschiefe Fenster ging auf einen Rattenhof
hinaus, in dem Küchenabfälle und allerlei Unrat seit Jahren faulten und
stanken und tagsüber zwanzig Proletarierkinder an ihrer Welt bauten.
Katharina und Jürgen führten gemeinsamen Haushalt. Ein Anzug nach dem
andern, die Uhr, die Hemden waren, auf dem Wege über das Pfandhaus, zu
Holz und Kohle, Kartoffeln, Wurst und Brot geworden.
Seit dem Tage, da die Tante zum erstenmal den Namen Jürgen Kolbenreiher
in Verbindung mit einer öffentlichen Arbeiterversammlung, gerichtet
gegen den Papierfabrikanten Hommes, im Abendblatt gelesen hatte,
eingepfeilt zwischen Schimpfworte, Hohn, Verleumdungen und verbrämt mit
Bedauern für die hochachtbare alte Patrizierfamilie, die schon im 15.
Jahrhundert der Stadt einen Bürgermeister geschenkt habe, waren die
Bittbriefe, des Inhaltes, Jürgen möge vernünftig werden, sich wieder
darauf besinnen, was er sich selbst, seinem Stande und seiner Erziehung
schuldig sei, ausgeblieben.
Durch den Streik der Papierarbeiter waren eine kleine Lohnerhöhung und
für die stillenden Kartonnagenarbeiterinnen die Erlaubnis, ohne
Lohnabzug dreimal täglich je fünf Minuten ihre Säuglinge befriedigen zu
dürfen, erkämpft worden. Vier Streikposten, die in eine Schlägerei mit
Polizisten und auswärtigen Arbeitswilligen geraten waren, saßen,
verurteilt wegen schwerer Körperverletzung, in Tateinheit mit Störung
der öffentlichen Ordnung, noch im Gefängnis und zwei schwerverletzte
Streikposten lagen noch im Krankenhause. Herr Papierfabrikant
Hommes hatte eine Summe ‚Für wohltätige Zwecke oder sonstige
Kulturbestrebungen‘ gestiftet.
Die Zeit ging hin. Jürgen hatte schon in vielen Versammlungen
gesprochen. Leitete seit einem Jahre den Bildungskurs des Bezirkes, in
dem er wohnte. In den Nächten schrieb er an einem Schriftchen: ‚An die
bürgerliche Jugend‘. Denn auch jetzt noch stockte sein Herz, wenn er der
Ereignisse gedachte, die ihn zum Schreiben dieses Aufrufes an die Jugend
veranlaßt hatten.
Vor dem Staatsgebäude fünfzigtausend Proletarier, demonstrierend für die
Forderung, daß es jedem freistehen solle, seine Kinder am
Religionsunterricht in der Schule teilnehmen zu lassen oder nicht; vor
den demonstrierenden Arbeitern die Polizeikette, und hinter den
Polizisten, aufgerufen von den Professoren, die ganze studentische
Jugend, demonstrierend für die Beibehaltung des Religionszwanges.
‚Mußte der Student denn nicht zusammen mit der Arbeiterschaft eintreten
für die Freiheit des Gedankens, wenn er nicht sich selbst aufgeben
wollte in seinem geistigen Bestande? Und was sind die Ursachen der
Schande, daß er es nicht tat?‘
Suchend nach den Ursachen saß er an dem als Schreibtisch dienenden
Küchentisch. Das Licht von links. Freute sich des Tages über das Licht
von links und in den stillen Nächten an dem Gasarm, den er durch eine
Rohrverlängerung mit Hilfe eines seiner Genossen über den Schreibtisch
montiert hatte.
Wenn alles schlief und nur das Gaslicht summte, spielten im Hofe die
Ratten, läutete fein das Glöckchen, das ein Proletarierjunge einer Ratte
um den Hals gehängt hatte.
‚Und im Zimmer nebenan atmet Katharina, die ich liebe. Viel mehr Glück
kann man vom Leben nicht erwarten!‘ Er berührte den Bleistift zärtlich
mit den Lippen. Weil Katharina ihn vielleicht einmal in die Hand nehmen
würde.
In diesen nächtlichen Stunden, da das Glöckchen in die Stille klang und
die Sätze ihm gelangen, fühlte Jürgen sich und sein Ich organisch
eingereiht in das Geschehen.
Der Staatsanwalt hatte gegen die drei jungen Genossen und Katharina,
denen es damals gelungen war, durch die Polizeikette durchzuschlüpfen
und, unter Hohn und Prügel seitens der Studenten, Flugblätter zu
verteilen, Anklage erhoben, ebenfalls wegen Störung der öffentlichen
Ruhe, in Verbindung mit Aufreizung zum Klassenhaß. Die drei hatten je
sechs Monate Gefängnis bekommen und saßen schon. Katharina, deren
Vernehmung und Schlußrede als Sensation von den Zeitungen abgedruckt
worden waren, verbrämt mit Bemerkungen tiefsten Bedauerns für Herrn
Geheimrat Lenz, sollte am nächsten Tage in das Gefängnis.
Jürgen schrieb bis in den Morgen hinein. Erst als er das Klappern des
Waschgeschirres vernahm, klopfte er. Katharina war noch nicht
angekleidet. Und wie beide, stehend, in der Umarmung verharrten, erhob
sich in der Ecke Katharinas schmutziggelber, langhaariger Schnauz,
schritt langsam herbei und blieb, als gehöre er zu allem, was geschah,
dazu, vor ihnen stehen, den Blick zu Boden gerichtet.
Es war erst fünf Uhr. Schon fiel der erste Sonnenstrahl auf das
Fenstersims, brach sich, huschte schräg an der Wand entlang und verfing
sich in der Ecke.
Um acht Uhr mußte sie im Gefängnis sein. Sie saß, im Hemd, auf ihren
Händen auf dem Bettrand. Der Schnauz war im Hofe bei den Ratten.
Später sprachen sie von anderen Dingen. Er solle sorgen, daß für die
drei Genossen gesammelt werde. Des einen Mutter habe nichts zu essen,
solange der Sohn im Gefängnis sei.
„Nach dem Examen nehme ich sofort eine Stellung an als
Verwaltungsbeamter in einem großen Betriebe. Dann werden auch wir eine
bessere Wohnung haben und regelmäßige Einkünfte. Und ich werde obendrein
noch enger bei den Arbeitern sein als jetzt. Wir werden heiraten, um
unnötige Scherereien zu vermeiden ... Überhaupt – ein Glück haben wir,
ein Glück! ... Es wird ein Jahr vergehen, es werden fünf Jahre, zwanzig
Jahre vergehen, und immer werden wir zusammen sein. Was wir alles
erleben werden! Ungeheuer viel! Wir sind Lebensgefährten. Katharina,
welch ein Glück! ... Sofort nach dem Examen nehme ich eine Stellung an.“
Katharina, die schon als Siebzehnjährige, anstatt Blumen malen zu lernen
und für Buddha zu schwärmen, begonnen hatte, das Mehrwertgesetz und die
Kapitalskonzentration zu studieren, sagte, wie er, der als
linksgerichteter Sozialist bekannt sei, dessen Name schon oft in den
Zeitungen gestanden habe, ernstlich glauben könne, in irgendeinem
Großbetriebe angestellt zu werden.
„Nun, dann eben nicht!“ Sie blickten einander an, bis das selbe Lächeln
in beider Gesichter entstand und sie wieder gleich auf gleich waren.
„Deine Augen, Katharina, ach, deine Augen!“
Wie unsagbar glücklich das eine Frau machen kann, dachte Katharina.
Auf dem Wege bis vor das Gefängnistor erlebten sie eine Stunde
vollkommensten Verbundenseins, wie nur zwei Menschen es verstattet sein
kann, deren Liebe vertieft ist durch die gemeinsame Hingabe an die selbe
Idee. Sie schritten in ihrem Gefühle.
„Über alle Begriffe schön kann das Leben sein.“ In ausbrechender Freude
schlug sie die Arme um ihn. Wandte sich, zog die Glocke. Und wurde von
dem schwarzen Tore geschluckt.
„Wo ist die Einsamkeit? ... Ah, meine Herren, es gibt keine Einsamkeit.
Nicht einmal eine Trennung!“ frohlockte Jürgen und ging an seine Arbeit.
Ob der Herr in Reichtum oder im Elend lebt, aus einem warmen
Teppichzimmer in eines mit feuchten Wänden und verfaulendem Fußboden
übersiedeln muß, ob er Erfolge erringt oder vom Leben Nackenschläge
bekommt, hohe Ehren einheimst oder in Schimpf und Schande gerät – der
Hund hängt seinem Herrn immer gleich an. So unvernünftig ist der Hund,
dachte Jürgen. ‚Nur eines erträgt er offenbar nicht: getrennt zu werden
von dem, dem seine Sympathie gehört.‘
Katharinas Schnauz, bisher ein ausgelassen heiteres Tier gewesen, hatte
am zweiten Tage das unruhvolle Fragen eingestellt; er blickte Jürgen gar
nicht mehr an, fraß nicht mehr, leckte manchmal etwas Wasser und kroch
wieder in seine Ecke zurück. Jürgen mußte ihn gewaltsam füttern.
Der ‚Aufruf an die bürgerliche Jugend‘ war erschienen. Bei dem letzten
Besuche, den Jürgen im Gefängnis machte, versuchte er, den Schnauz, der
einzugehen drohte, mitzunehmen.
Der Gefängnisdirektor, der aussah wie ein auf der Schwanzflosse
aufrechtstehender, schwarzer Fisch mit dickem Bauch und kleinem, rotem
Kopfe, ein vollblütiger, fünfzigjähriger Mann, höflich und
zurückhaltend, gab nach minutenlangem, von bedauerndem Achselzucken und
erschrecktem Augenaufschlagen begleiteten Erklärungen und Fragen,
zwischen die er eine Serie korrekten Lächelns gleichmäßig verteilte –
Lächeln nicht eines harten Gefängnisdirektors, sondern eines Menschen
mit Herz und Gewissen, der aber leider an Pflicht und Gefängnisordnung
gebunden ist –, schließlich die Erlaubnis zur Mitnahme des Hundes.
Beugte sich plötzlich herab und tätschelte wehmütigen Mundes das Tier.
Und dann kam, als sei er schon zu weit gegangen und Jürgen schon zu
lange im Direktionszimmer geblieben, unerwartet schnell die knappe
Verbeugung und sofort ein Lächeln wehmütig in die Wangen zurückgezogener
Mundwinkel. Und sofort wieder das erschreckte Augenaufschlagen.
Jürgen war, wie er mit dem Schnauz die abgetretene Steintreppe
hinaufstieg, der festen Überzeugung, daß der Gefängnisdirektor früher
oder später ins Irrenhaus kommen werde.
Im Stocke stank es scharf nach Abort. Die Wärterin – lippenloser,
strichdünner Mund im festen Gesicht – schloß eine Tür auf. Sie schritten
durch einen großen Saal, in dem zwanzig zweimeterbreite, dreimeterlange
und zweimeterhohe, engmaschige Drahtgitterzellen nebeneinander standen.
Dazwischen die Gänge, wie in einer Menagerie. In jeder Drahtzelle eine
Gefangene. Frauen, junge Mädchen und, gleich bei der Eingangstür, in
zwei nebeneinanderstehenden Käfigen je eine Siebzigjährige. Alle in
grauen Leinensäcken. Der Raum zwischen den gleichhohen Zellen und der
Saaldecke war leer.
Einige Gefangene schritten auf das Leben zu: drückten die Gesichter
gegen das Drahtgeflecht. Blickende Augen. Eine Siebzehnjährige mit
verwüstetem Gesicht lockte mit Zeigefinger und Daumen und sagte zweimal:
„Schnauzel!“ Der Schnauz wedelte mit dem Schwanzstumpf.
„Den ganzen Tag macht sie sichs“, rief die Siebzigjährige der Wärterin
nach. „Immer hat das jung Luder die Finger unterm Rock.“
Sie schritten durch die entgegengesetzte Tür hinaus, in einen langen
Gang, an dessen Ende rot ein Gaslicht brannte. Links und rechts:
Zellentür neben Zellentür, jede mit einem Beobachtungsfenster.
Schon als die Wärterin den Schlüssel suchte, stellte der Schnauz die
Vorderpfoten gegen die Zellentür. Sein Maul öffnete sich, die Zunge
erschien, Spitze nach oben gebogen.
Wimmernd schlüpfte er, durch die Beine durch, voran. Und es wäre
Katharina unmöglich gewesen, ihn nicht zuerst zu begrüßen. Denn seine
Liebe war stürmischer. So stürmisch, daß er unter Katharinas
Liebkosungen nicht lange stillhalten konnte, sondern hin- und herrasen
mußte, von der Fensterwand zur Zellentür, beim Wenden jedesmal
ausglitschend auf dem glatten Betonboden.
Sogar der strichdünne, lippenlose Mund ließ Zähne sehen.
Sie hatten einander nur die Hand gereicht. Setzen konnte Jürgen sich
nicht. Die Pritsche blieb tagsüber an die Wand geschnallt.
„Heute war bei mir, hergeschickt natürlich von meinem Vater, der
Irrenarzt.“
Die Wärterin stand bei der Tür, ohne sich anzulehnen, blickte blicklos.
„Das ist so zu verstehen, daß meinem Vater eine geisteskranke Tochter
lieber wäre als die Schande, eine Sozialistin zur Tochter zu haben ...
Ich ging auf das Gerede gar nicht erst ein, schickte ihn gleich wieder
fort, was ihn natürlich auch nicht von meinem Gesundsein überzeugte.“
Der Schnauz hatte sich etwas beruhigt. Er lag, offenen Maules atmend,
die Vorderpfoten vorgestreckt, blickend auf den Betonboden, überzeugt,
daß seine Leiden nun zu Ende seien: er hierbleiben oder Katharina
mitgehen werde. Auch sie steckte in einem grauen Leinensack, etwas
kleidsamer gemacht dadurch, daß sie die Bluse beim Hals eingeschlagen
hatte.
Bei dem ersten Tone, den die Wärterin sprach, erhob sich der Schnauz und
bellte. Die Versicherungen Katharinas, daß sie in einer Woche kommen
werde, nützten nichts. Der Schnauz stemmte sich mit allen Vieren und
mußte so von Jürgen hinausgeschleift werden.
„Das ist nicht erlaubt.“ Die Wärterin deutete auf den schwachen
Schatten, durch dessen Vorhandensein das Vorhandensein von Brüsten
vermutet werden konnte. „Immer wenn der zu Besuch kommt – diese
Dummheit!“
Katharina nahm den Einschlag heraus, so daß der Sack wieder rund um den
Hals anschloß.
„Sie können es gar nicht erwarten, was! ... Direktor melden“, hörte
Katharina noch. Die Tür fiel ins Schloß.
Schon überquerte Jürgen den Hof, halb springend, um noch vor Ablauf der
Besuchszeit die Männerabteilung zu erreichen. Blieb aber plötzlich
stehen: Durch das Tor rollte, gezogen von zwei schweren Pferden, ein
auch oben zugebretterter Kastenwagen, aus dem rückwärts ein starkes
Gestänge ragte, gleich einem Stück Eisenbahngleis, stabilisiert durch
ein eisernes Querstück an der Stirnseite. Der Fuhrmann pfiff. Der Wagen
rollte durch das sich eben auftuende zweite Tor in den Hof der
Männerabteilung und weiter durch das dritte Tor in den Zuchthaushof, in
dem am nächsten Morgen eine Hinrichtung stattfinden sollte.
Sekündlich hatten alle Empfindungen Jürgens Körper verlassen. Er wollte
die Genossen mit seinem Zustand nicht zu belasten, umkehren, konnte aber
nichts wollen. Selbsttätig trugen die Beine ihn weiter, der Tür zu.
So schritt er, in den Knien kraftlos, zusammen mit zwei Wärtern, die
eine Art Tragbahre, beladen mit mehr als hundert Weißblechschüsseln,
schleppten, den Gang vor.
Der Wärter, der Jürgen führte, ein großer, alter Mann, der, im Rücken
gebogen, mit jedem knieweichen Schritt, den er tat, müden Blickes auf
sein Leben zu treten schien, schloß wortlos die Zellentür auf und
gleichzeitig reichte wortlos ein Essenträger die verrostete Blechschale
Jürgens jungem Genossen, der den Inhalt, eine schwarze Brühe, wortlos in
den Abortkübel goß. Die Brotscheibe legte er auf den Klapptisch.
„Das Zeug zu saufen hat gar keinen Wert.“ Er geriet beim Erblicken
Jürgens sofort in Erregung. „Die Brüh soll das Abendessen vorstellen.
Mittags gibts einen Mansch, den du frißt, weil du mußt. Und morgens die
selbe Zichorienbrüh und auch ein Stück Brot. Das ist alles.“
„Sie dürfen nicht über das Essen schimpfen zu einem Besuch.“
„Ein paar Monate hältst du das ja aus. Aber da sind viele ...“
„Wenn Sie davon weitersprechen ...“
„... die schon lang sitzen und noch viele Jahre sitzen müssen.“
„... muß der Besuch sofort raus aus der Zelle.“
„Die, also die müssen verhungern. Die müssen glatt verrecken. Du machst
dir keinen Begriff, Genosse, wie die Leute aussehen.“
„Sie haben zu schweigen jetzt!“
„Darüber mußt du in unserer Zeitung schreiben, Genosse!“ rief er Jürgen
nach, der die Nummern der Zellen nannte, in denen seine zwei anderen
Genossen waren. Der Wärter schritt schon auf die Treppe zu. „Die
Besuchszeit ist vorbei.“
Der grüne Wagen, in dem die Gefangenen vom Polizei- und vom
Untersuchungsgefängnis in das ständige Gefängnis überführt werden, war
eben angekommen. Zehn Verurteilte, Frauen und Männer, standen in dem
Bureauraum, wo die Personalien aufgenommen wurden. Die Gefangenen mußten
ihre letzten Habseligkeiten abgeben, die männlichen auch ihre
Hosenträger abknöpfen. Wärter schleuderten den Gefangenen die graue
Anstaltskleidung in die Arme. Gesprochen wurde nichts.
Die Maschine funktioniert, dachte Jürgen und schritt der Ausgangstür zu.
Da schoß ein schon älterer, stoppelbärtiger Mann mit schwärenbesetztem
Gesicht und verschleimten Augen aus dem Bureau heraus, zuckte suchend
hin und her, spähenden Blickes, der blitzhell offenbarte, daß er die
Hölle, in die er kommen sollte, schon kannte, und schoß Jürgen nach,
bestrebt, auch die aussichtsloseste Situation nicht unversucht
vorübergehen zu lassen, um der Freiheit willen. Denn war er erst in der
Zelle, dann gab es keine Zufallsmöglichkeiten mehr.
Die Wärter lachten. Unwirsch stieß ihn einer zurück.
Mit seinem letzten Blick fing Jürgen noch das Lächeln des Sträflings
auf, der damit den Wärtern gegenüber seinem mißglückten Fluchtversuche
die Ernsthaftigkeit nehmen wollte. Und dieses bebende Lächeln schien
Jürgen das Grauenvollste von allem zu sein. Die schwere Tür drückte ihn
hinaus.
Geblendet stand er im Sonnenschein. Ging langsam weiter. Neben ihm
tappte, Hinterteil und Schwanzstumpf kläglich eingezogen, der Schnauz.
Jürgen hob ihn auf. „Etwas muß der Mensch doch in den Armen haben.“ Der
zitternde Hund bohrte, stürmisch drängend, seinen Kopf unter Jürgens
Rock.
‚Wieviel Städte gibt es? Und wieviel Gefängnisse in jeder Stadt? Wieviel
Zellen in jedem Gefängnis? ... Und in jeder Zelle ein Mensch! In jeder
Zelle das, was von einem Menschen übriggeblieben ist! Hunderttausende
Menschenreste! Und in der einen Zelle dort hinten einer, der weiß, daß
ihm morgen früh – um fünf? um sechs? um viertelsieben? er weiß die
Minute nicht, weiß sie nicht – der Kopf abgeschlagen wird! ... Kultur!‘
Die Machtlosigkeit zog alles Blut aus Jürgens Adern und setzte sich als
dunkler Druck unter das Brustbein. ‚Diese Bestien! ... Aber wer ist
schuld? Der Gefängnisdirektor? Der Richter? Der Staatsanwalt? Oder gar
die Gefangenen? ... Sie so wenig wie der Steinbrucharbeiter, der die
Steine bricht, und wie der Maurer, der sie zum Gefängnis fügt, und nicht
mehr als diese der Schlosser, der vor das Zellenfenster das Eisengitter
einzementiert, hinter welchem den Klassengenossen das Leben vergeht. Es
gibt keinen Verantwortlichen ... Der Staat? Der Staat ist ein
Machtinstrument gegen die menschliche Gemeinschaft. Ist keine Person. Du
findest im bürgerlichen Staate keinen Verantwortlichen. Du greifst in
die Luft ... Die Ordnung der Dinge, sie ist schuld.‘
Auf dem Tische lag wieder ein Brief von der Tante. Er schob ihn
ungelesen weg. Auch als Katharina schon zurückgekommen war – Jürgen
hatte den Fußboden geschruppt, ein Buch verkauft, für das Geld ein paar
Blumen gekauft, das kniehohe, eiserne Glühteufelchen geheizt, denn es
war an den Abenden schon kühl –, lag der Brief noch ungeöffnet zwischen
den Papieren.
Der Schnauz war wieder heiter geworden. Den Winter über schrieb Jürgen
Artikel für das Arbeiterblatt, hielt sozialwissenschaftliche Vorträge im
Bildungskurs, sprach in Versammlungen. Die Kollegs besuchte Jürgen
unregelmäßig.
So lebte er in seinen sechsundzwanzigsten Frühling hinein, ohne
irgendwelche Beziehungen zu seinem früheren Leben, auch innerlich durch
nichts mehr gefesselt an die Erlebnisse in seiner Jugend. Denn in dieser
Zeit überfielen ihn auch die Angstträume nicht mehr, wie früher fast
jede Nacht, da der Vater, die Professoren, die Tante machtstrotzend ihn
angeblickt hatten und er, der Erwachsene, als Kind bebend in der
Zimmerecke gekauert war, ohnmächtig ausgeliefert; andere Träume, von
Jürgen bisher nie erlebt, schoben sich ein. Kampfträume, aus denen er
siegreich und erfrischt hervorging.
Aber erst nach der Nacht, da er im Traume, anstatt in Angst zu erbeben,
auch dem Vater ins Gesicht gelacht und des Vaters Hand mit dem drohend
deutenden Zeigefinger furchtlos zur Seite geschleudert hatte, war dessen
Macht ganz gebrochen gewesen. Erst nach diesem Erwachen hatte Jürgen
ganz sicher gewußt, daß alle Ungeheuer seiner Jugend und Erziehung
völlig überwunden waren. Nie mehr war im Traume der Vater erschienen.
‚Jetzt erst entscheidet nicht mehr ein fremder Wille in mir meine
Handlungen. Und dazu mußte ich sechsundzwanzig Jahre alt werden ...
Jetzt keuche ich einen anderen endlosen Berg hinauf; aber ... ich
selbst, ich selbst keuche ihn hinauf. Ich selbst habe mich dafür
entschieden, frei entschieden, diesen Weg zu gehen; nicht das Fremde in
mir zwingt mich.‘
‚Es denken und fühlen die allermeisten Menschen bis zu ihrer Todesstunde
Gedanken und Gefühle, die nicht sie selbst denken und fühlen: es begehen
die allermeisten Menschen bis zu ihrer Todessekunde Handlungen, die
nicht sie selbst tun; die Summe der Ermordungen, an ihrem Wesen verübt
von den Autoritäten, dieser Zwingherren der Seele, denkt, fühlt,
handelt.‘
Noch nach Jahren erinnerte Jürgen sich jenes Morgens, da er zum ersten
Male die ruhige Sicherheit empfunden hatte, durch nichts Fremdes mehr
vergewaltigt, sondern ganz und gar Selbstherrscher seines Gefühlslebens
zu sein. Dieser Wendepunkt seines Daseins war begleitet gewesen von der
unbegreiflich lastlosen Empfindung, seine Vergangenheit liege nicht mehr
hinter ihm, sondern vor ihm.
Kopf in die Linke gestützt, war er seitwärts am Schreibtisch gesessen,
mit dem Blicke zur Verbindungstür, und hatte gedacht: Von nun an gibt es
für mich keine Abwälzung der Verantwortung mehr durch den Hinweis auf
die in Kindheit und Jugend empfangenen Wunden. Es können neue Wunden mir
geschlagen werden von der Umwelt; aber alte Wunden für mein künftiges
Tun und Unterlassen verantwortlich zu machen, geht nicht mehr an. Ich
stehe am Anfang meines Ich. Um so gewaltiger die Verantwortung! Wie
ungeheuer wäre der Verrat erst solch eines Menschen, der sein gewonnenes
Ich verkaufen würde um des Lebensgenusses willen, angesichts allein nur
der einen Tatsache, daß jene hunderttausende Gefangenen nur ein einziges
winziges Feld des millionenfeldigen Schachbrettes der Leiden füllen!
Kindergeschrei im Hofe. Frühlingssonne, die den letzten Rest des
schmutzigen Altschnees schmolz. Aus der lecken Dachrinne fielen in
Pendelregelmäßigkeit die schweren Tropfen, blitzten vorbei an Jürgens
Fenster und platschten in die Pfütze. Im Zimmer nebenan klapperte die
Maschine. Katharina arbeitete. Sie arbeitete immer.
Auch Jürgen trug in sich das Gefühl, daß in einer Lebensordnung, in der
fast jeder Genuß des einen nur auf Kosten eines anderen zu gewinnen sei,
der Sozialist alles, was er an Leben gewönne, nur auf Kosten seiner
Hingabe an die Idee gewinnen könne.
‚Aber was ist Pflicht? habe ich als Abiturient die Tante gefragt ... Wir
stecken, zusammen mit den Entrechteten, tief unten in der Spitze, in der
tiefsten Tiefe eines gewaltig großen Trichters. Oben ist der Trichter
erdenbreit, oben ist das Leben. Und nur zusammen mit den Entrechteten
dürfen wir vorwärtsschreiten, nach oben, wo das Leben ist. Das
Bewußtsein, dieses Bewußtsein ist alles. Weh dem, der seine Pflicht
verletzt; der die verläßt, die in schweren Leiden und Kämpfen nur in
qualvoll langgezogener Spirale aufwärts zu gehen vermögen, im
millionenfältigen Schritt der Massen ... Jetzt weiß ich, was Pflicht
ist.‘
Wenn Jürgen zurückdachte an den Abend, da er, Kopf in die Linke
gestützt, diese Gedanken gedacht hatte, schien es ihm, als sei erst eine
Woche vergangen.
Im Bildungskurs immer die selben Gesichter, die selben Fragen und
Einwände. Der Verlauf der Versammlungen immer der selbe. Ein
halbgewonnener Streik. Einer, durch den eine winzige Lohnerhöhung
erkämpft worden war. Und wieder ein verlorener Streik. Dazwischen eine
Demonstration. (Der Agitator und einige Genossen waren verhaftet
worden.) Bildungskurs. Versammlungen. Kämpfe kleiner und kleinster Art.
Enttäuschungen. Und wieder Bildungskurs. Versammlungen.
Ein Tag wie der andere, und alle grau. Die Zeit flog, entschwand seinem
Gefühle so schnell, als ob sie stehe, gar nicht vergehe. Es gab kein
Ereignis, von dem, erinnernd, er hätte sagen können: das erfrischte
mich. Es war, als ob seither erst ein Tag vergangen wäre, der in
rasender Schnelligkeit sich selbst immer wieder einhole und so
Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft fresse.
So stand er in der immer gleichen Grauheit des immer gleichen Tages.
Anfangs hatten sich durch seine Verbundenheit mit Katharina in dieser
Eintönigkeit die großen Stunden aufgetan, Minuten, Blicksekunden von
solcher Tiefe des Glücks, daß die Erfüllung der ältesten Sehnsucht des
Menschen – die Überwindung der schicksalhaften Einsamkeit, die jedes
Lebewesen dieser Erde trennt vom andern – ihm zuteil geworden war. Aber
die Erinnerung daran, daß er dies Unfaßbare des Daseins einmal geschaut
hatte, und auch das Wissen, daß dieses Entrücktsein nur solchen
verstattet sein konnte, deren Verbundenheit vertieft ist durch ihre
gemeinsame Hingabe an die Idee, war verblaßt.
Jürgen stand am Schreibtisch. Seine Hand legte einen Bleistift hin, nahm
ihn wieder, legte ihn hin, nahm ihn. ‚Immer das selbe zu tun, das selbe
zu tun, selbe zu tun und nichts zu erleben, da verflackert die Flamme
... Jahrelange Hingabe, ausschließlich durch sich selbst genährt! Ist
sie menschenmöglich?‘
Er hätte schon fort sein müssen, um rechtzeitig in die Redaktion zu
kommen. „So leben wir, so leben wir, so leben wir alle Tage ... Wo war
das? Tatsächlich, ungefähr so leben die. Und wir leben so. Das ist ein
Leben!“
Wieder tropfte die lecke Dachrinne. Die Proletarierkinder tobten im
Hofe, wo der graue Haselnußstrauch schon braunviolette Knospen trug.
Wieder war ein Jahr vorbei.
‚Innere Vertrocknung. Ja, ja, innere Vertrocknung.‘ Er horchte auf das
Klappern der Maschine. ‚Dieses Mädchen, Menschenkind, Menschheitskind
mit dem großen, milden, starken Herzen, lebenslänglich hingegeben der
Idee, ganz und gar!‘
Die Erschütterung ging durch den ganzen Mann durch. „Das Leben, sein
Leben hinzugeben, auf einmal, ist ein Nichts ... Da drinnen sitzt die
Größe. Die Größe bei der kleinen Arbeit! Das Kleine, das Tägliche, das
Treue, täglich, durch Jahre, durch Jahre im Dienste der Idee getan, ist
die Größe. Der Held ist tot. Der Held gehört vergangenen Jahrhunderten
an ... Katharina sitzt, wie der Verurteilte, lebenslänglich im
Gefängnis. Hat sich selbst verurteilt ... Verteile, wie sie, ein Leben
lang deine Hingabe auf jährlich dreihundertfünfundsechzig Tage – erst
dann hebe stillen Blickes die Hand in Stirnhöhe, wenn gerufen wird: Wer
noch vermehrte die Zahl der vielen, auf deren dargebrachtem Leben ich,
die Menschheit, in die Befreiung schritt? ... Ich weiß, daß dies, daß
dies die wahre Größe ist“, flüsterte er bebenden Mundes.
Blickte, umstanden von Grauheit, zurück auf die Grauheit der vergangenen
Jahre, suchenden, tastenden, flehenden Blickes auf die Grauheit
künftiger Tage. Und hatte, Minuten später, unversehens den verluderten
Backsteinwürfel verlassen, durch die Hintertür.
Schritt, von Lebensgier gestoßen, hinaus. Dem Walde zu. Hinaus über
fette Schollenäcker. Atmete und schritt. Ihm entgegen stürzte das Leben.
Birken – butterzartes Hellgrün – säumten den Wald, dessen
billionenknospiges Geäste violett im Frühlingsdampfe stand.
Der grüne Tunnelberg, strotzend von Brombeer und Schlehdorn, Brennessel,
Felsmoos, zugeflogenen jungen Birken, wilden Obstbäumen und allerlei
Grün – ein wild und dicht bewachsener Riesenrücken, in der Sonne
funkelnd und glitzernd –, war schweißnaß.
Jürgen stand vor dem schwarzen Tunnelloch, blickte hinein, forschend,
wie zurück in seine Vergangenheit. „Bis hierher rannte ich, damals, als
die Tante mich angespuckt hatte. Wollte ich mich überfahren lassen? Da
war ich fünfzehn Jahre alt“, sagte er, ergriffen von Sympathie für den
Knaben. „Spuckt ihm ins Gesicht, dem Jungen. So ein Mistvieh! ... Nun,
diese Ungeheuer in mir sind tot.“
Dies war nun schon seine vierte Wanderung in diesem Frühling. Immer war
er vollgesogen, erfrischt, verdreckt und ausgehungert zurückgekehrt. Und
Katharina hatte gesagt: „Das solltest du öfters tun.“
Einmal, schon vor Wochen, waren beide zusammen gewandert. Wachstum und
Grün, noch gebunden, erst als Verheißung über den unabsehbaren
Buchenwäldern. Schäumende Bäche, nasse Täler, Nebeldämpfe, die wie Rauch
und Erde rochen, hatten Kälte verbreitet, in der schon die Glut des
Kommenden prickelnd enthalten gewesen war.
Neugierig, was zu sehen sein werde, waren sie seitwärts aus einem von
noch kahlem Gesträuche überhangenen Hohlweg emporgestiegen und auf die
Landstraße gekommen, die, eben und linealgerade, weit, weit hinaus und
zuletzt wie ein weißer Pfeil in den geheimnisvollen Horizont stieß.
Die Vorstellung: ein Mensch geht aus der Stadt hinaus, geht auf der
Landstraße hin, läßt alles hinter sich, alle Qualen, alle Pflichten,
geht immer weiter, weiter auf der Landstraße hin – hatte Jürgen, der
Jüngling, jahrelang in sich getragen.
Katharina saß auf dem Kilometerstein, Jürgen neben ihr auf dem
Baumstumpf. Durchwärmte Körper und kalte Wangen, die vor Hitze
prickelten.
Während sie Brot und Wurst aßen, hing Jürgen jener alten Sehnsucht nach.
„Wenn wir beide jetzt einfach losgingen, da hinaus, jetzt auf der
Stelle, und ohne jemals umzukehren, immer weiter, du und ich, fort,
immer weiter fort!“
„Ohne Zahnbürste, ohne Nachthemd, ohne Ausweispapiere“, hatte Katharina
lächelnd geantwortet. „Ohne Wohin! Nur zusammen!“
„Ja, du und ich! Ohne Geld! Ohne Rückblick! Nicht mehr dies und das,
nicht jenes, nicht die Redaktion, der Bildungskurs, nicht Doktorexamen
und Ausweispapiere – nur der Mensch ist die Instanz. Wir, der Mensch,
gehen und lassen, endlich! endlich! den Menschen atmen, fühlen, tun,
erleben. Nur ihn! ... Müde, übermüdet, klopfen wir an ein Bauernhaus und
bitten um ein Nachtlager.
‚Wer seid ihr?‘
‚Der Mensch!‘
Wir kommen in eine kleine Stadt, mitten hinein in das verfilzte Mein und
Dein, und sagen: ‚Der Mensch ist da.‘
Ungeheures Erstaunen! Alle geben uns, was wir brauchen. Denn in tiefster
Heimlichkeit haben alle den Menschen erwartet, an dessen Kommen sie
schon gar nicht mehr geglaubt hatten.“
„Der Mensch ist aber noch nicht da, Jürgen. Den gibt es noch nicht, kann
es noch nicht geben. Mensch zu sein, kann dem Einzelnen erst dann
verstattet sein, wenn es allen verstattet sein wird ... Welch
furchtbaren Verrat an der Idee wir begehen würden!“
„Du sprichst so ernst, als ob ich wirklich alles rücksichtslos
abschütteln und auf dieser Landstraße weiterwandern wollte, hinaus in
das Leben ... Würdest du darunter leiden?“
Wie seltsam tief ergriffen und dennoch heiter sie mich da angeblickt
hat, erinnerte Jürgen sich und glaubte Katharinas Worte wieder zu
vernehmen, die gesagt hatte:
„Muß denn nicht gerade der Mensch, der, sein Ich um jeden Preis zu
gewinnen, jeder Pflicht entläuft, indem er, um des Lebensgenusses
willen, rücksichtslos sein eigenes Ich zur obersten Instanz erhebt, sein
Ich ganz und gar verlieren? Muß nicht gerade in dem Menschen, der
ausschließlich seinen Wünschen und Begierden folgt, der Mensch ganz und
gar untergehen? Und wird der Mensch und das in diesem Zeitalter
verstattete Maß an Ich nicht erhalten bleiben nur in dem, der sie
erfüllt: die Pflicht?“
Langsam hob er den Kopf, tat, wie damals, noch einen Blick in die
wunderbare Ferne. Wandte sich wie gezogen um, starrte in das schwarze
Tunnelloch: „Das ist die Pflicht ... Wenn ich mich nicht schon
entschieden hätte, müßte ich mich doch wieder, doch wieder ... ich müßte
mich doch wieder für die Pflicht entscheiden.“
„Doch wieder! Doch wieder!“ Trotzig wiederholte er im Schrittakt diese
Worte. Während der letzten Jahre war Jürgen seiner Gedanken und Gefühle
so sicher gewesen, daß er sie auch jetzt nicht kontrollierte.
Vor ihm lag sanft gewellt die Hochebene: Schollenäcker, Frühsaatflächen,
weit hingebreitet, braun und grün. In der Nähe erklang Frauenlachen, dem
eine baßtiefe Lachsalve folgte: Auf dem nächstgelegenen Hügel saßen die
Fabrikantensöhne und -töchter beim Picknick. Am Fuße des Hügels standen
sechs Kraftwagen, darunter der postgelbe des Bankiers Wagner.
Hand in Hand sprangen zwei weißgekleidete Mädchen herab, die in Jürgen
den Bräutigam der einen, der zu Fuß hatte nachkommen wollen, vermuteten.
Enttäuschung, Lächeln und ein kurzer Schmerzensschrei in einem. Gestützt
auf ihre Freundin und auf Jürgen, hinkte die Braut, die sich den Fuß
übertreten hatte, zurück.
‚Und wenn ich ganz abgerissen wäre, würde mir das auch nichts
ausmachen.‘ Die ausgefranst gewesene letzte Hose seines letzten Anzuges
war zu einer kurzen Hose zurechtgeschneidert und von den Abfällen war
ein Hinterteil frisch aufgesetzt worden, in Breechesschwung.
Adolf Sinsheimer kam lustig entgegen, in der vorgestreckten Hand eine
gebratene Hühnerkeule für den Erwarteten. Sein Mund öffnete sich.
„Tut schon nicht mehr weh“, sagte die Braut beruhigend.
Aber die vorgestreckte Hand ließ die Hühnerkeule senkrecht fallen. „Das
ist Jürgen Kolbenreiher; und hier: Elisabeth Wagner, meine Braut“,
stellte er, während er den Knochen wieder aufhob, das andere Mädchen
vor, das auf dem Herwege Jürgen in keiner Weise beachtet hatte und nun,
zu plötzlich überrascht, in unverhohlener Spannung ihn ansah.
Jürgen war für Elisabeth Wagner so lange vollkommen uninteressant
gewesen, bis sie erfahren hatte, daß ihre Mitschülerin Katharina ihn
liebe. Seitdem hielt sie Jürgen, da Katharina schon im Institut für ein
unzugängliches, wählerisches Mädchen gehalten worden war, für einen ganz
besonders interessanten, bedeutenden Menschen, dessen Bekanntschaft
machen zu dürfen sie seitdem immer wieder Drohungen, Spott und alle
Mittel ihres überlegenen Verstandes dem Bräutigam gegenüber angewandt
hatte.
Sofort begann sie von Katharina zu sprechen, die zwar zwei Jahre älter,
aber im selben Institut mit ihr gewesen sei. Und auch als sie bewundernd
ausrief, wie Katharina es nur ertragen könne, im Gefängnis zu sitzen,
fühlte Jürgen, daß die Bewunderung ihm galt.
Erst viel später gestand er sich ein, daß er, nur um Elisabeths
Interesse noch zu steigern, versucht hatte, sich gleich wieder zu
verabschieden.
Mit leisem Schmollen, das ihrem kühlen Wesen fremd war, bat sie, er möge
doch mit zur Gesellschaft kommen. „Adolf, bitte du ihn!“ Sie hielt
Jürgens Hand fest.
„Na, so komm doch mit ... Aber wenn du nicht willst ...“ Jetzt erst
bemerkte Adolf, daß er den staubigen Hühnerfuß wieder aufgehoben hatte,
und schleuderte ihn seitwärts ins Feld, blickte dabei wütend seine Braut
an.
Das angenehme Machtgefühl ließ Jürgen mitgehen. Die drei setzten sich,
etwas abgesondert von den andern, auf die Wolldecke.
„Gebratenes Huhn und Rotwein, im Freien genossen – darüber hinaus gibt
es nichts.“ Die andere Braut sagte dem Genießer, wer der Gast sei, dann
wurde es auch auf dieser Wolldecke stiller.
Die fünfundzwanzig gepflegten, gesunden Menschen gehörten den reichsten
Familien der Stadt, die Männer fast alle Jürgens Generation an:
Fabrikantensöhne, die in den Geschäften der Väter arbeiteten oder sie
schon selbständig führten, wie Adolf die Knopffabrik und das
angegliederte Knopfexporthaus.
„Tüchtige Kerle! Daß der dort sich schon einen Namen in der Wissenschaft
gemacht hat, weißt du ja. Unser Abiturientenjahrgang kann sich sehen
lassen. Einer ist sogar schon Reichstagsabgeordneter. Der war ja immer
einer der besten Schüler.“
Elisabeth begann von Literatur zu sprechen, lobte ein jüngst
erschienenes Buch. Jürgen, ausgehungert, aß schweigend und viel.
Streitsüchtig nannte Adolf eine Anzahl so schlechter Bücher, die er für
weit besser halte, daß Elisabeth lachen mußte. Und zu Jürgen, mit einem
Blick des Einverständnisses: „Davon versteht er gar nichts.“
Die sechs Kraftwagen rollten langsam hügelaufwärts. Nachdem Elisabeth
erzählt hatte, daß sie erst vor ein paar Tagen wieder Jürgens Tante
besucht habe, die bedenklich krank sei, sprach Adolf sehr orientiert von
der Wirtschaftslage des Landes. „Die ganze Dichterei ist mir, offen
gestanden, natürlich recht gleichgültig, und was du treibst – Arbeiter
verhetzen, Bomben fabrizieren, wie? – ist gar der reine Blödsinn ...
Sieh dir an, was unsere Industrie auf dem Weltmarkte gilt, und werde
vernünftig! Das ist der Rat eines Menschen, der kein Jüngling mehr ist,
sondern die Verantwortung für das Wohl und Wehe von sechshundert
Angestellten und Arbeitern ganz allein zu tragen hat. Meine Freunde
hier, sieh dir sie an – lauter tüchtige Menschen! Der eine im Bankfach,
andere in der Industrie oder in der Wissenschaft, in der Politik,
Menschen, die sich und ihr Vaterland vorwärtsbringen ... Und Leo Seidel
– erinnerst du dich noch an den Sohn des Briefträgers? Die
Weltgeschichte, weißt du! Der ist heute, nachdem er eine Zeitlang
Impresario und weiß der Teufel was alles gewesen war, Bankier in Berlin.
Sitzt im Aufsichtsrat von einem Dutzend großer Aktiengesellschaften.
Eine tolle Karriere! In ein paar Jahren kann er durch das Geben oder
Verweigern seiner Unterschrift die Börse beeinflussen. Würde mich nicht
wundern ... Wirklich, solltest meinen Rat befolgen und die Augen auch
aufmachen.“
Jürgen lächelte das Lächeln eines Menschen, der seiner Sache sicher ist,
diesen Rat nicht nötig hat, und gab keine Antwort, reichte beiden die
Hand, schlug Elisabeths Bitte, im Wagen mit zurückzufahren, ab und
schritt, nach einer knappen Verbeugung zur Gesellschaft hin, waldwärts.
‚Wie schloß Adolf seinen Hymnus auf sich und auf die Stellung unserer
Industrie in der Welt?: Nur wer auf irgendeinem Gebiete etwas leistet,
hat Macht. Und nur dem Mächtigen gehört das Leben.‘
‚Das stimmt. Aber wer sind die Mächtigen und was für Eigenschaften
müssen sie besitzen, um mächtig werden zu können? ... Es gibt eine
bestimmte große Anzahl solcher, die schon oben geboren werden und sich
eben weiter vorwärtsbringen, wie geölt; eine kleine Anzahl Leo Seidels,
die nicht nur über Verstand, Begabung und eiserne Gesundheit, sondern
auch über eine ganz besonders große Portion Brutalität,
Rücksichtslosigkeit und Gemeinheit verfügen müssen, um durch die
erdenbreite Eisenplatte, die auf den Rücken der Millionen lastet, durch-
und hinaufkommen zu können. Außerdem gibt es noch einige Jürgens, die
oben sein könnten, aber heruntergehen und nur auf der Leiter des Verrats
an der Idee wieder hinaufzusteigen vermöchten ... So liegt die ganze
Drahtleitung.‘
Innerlich grau geworden, starrte er den sechs Kraftwagen nach, die,
schon in weiter Ferne, eben um den Fuß eines bewaldeten Hügels
herumsausten, auf der Höhe wieder erschienen und, ein sich
schlängelnder, dünner, schwarzer Strich, im Blau verschwanden.
‚Im Auto würde man aus der tiefsten Tiefe des Trichters, in dem das
Proletariat kämpft und krepiert, sehr schnell heraus und nach oben
kommen, wo das Leben ist ... Ja, ich brauchte sogar nur einen einzigen
Gedanken zu denken, den Gedanken: Jeder für sich! Oder: Vervollkommnung
der Persönlichkeit! Und schon würde ich oben sein.‘
Erfüllt von Widerwillen gegen alles, gegen das Leben und gegen sein
Leben, gegen die Ausflügler und gegen den Bildungskurs, den er heute
abend noch abzuhalten hatte, langte er vor der Haustür an. ‚Die Jugend
scheint bei mir vorüber zu sein. Die Jugend! Man wird älter und alt!‘ Er
nahm dem Postboten einen Brief ab. Die ungelenke Handschrift war ihm
nicht bekannt: Phinchen flehte, er solle kommen, die Tante sei noch
immer sehr krank. Und weshalb er auf den letzten Brief nicht geantwortet
habe.
„Jetzt wirst du großen Hunger haben.“
„Nicht einmal! Ich habe ja ... Ich habe eigentlich wenig Appetit ...
Hier, lies den Brief!“
„Fühlst du dich nicht wohl? Ich meine, weil du nicht hungrig bist.“
„Doch, ich bin ganz gesund ... Aber, was meinst du, soll ich da tun?“
„Weshalb solltest du sie nicht besuchen!“
Während des ganzen eineinhalbstündigen Vertrages, den Jürgen im
Bildungskurse hielt, fühlte er sich gepeinigt von dem Bewußtsein, seine
Begegnung mit den Ausflüglern Katharina verschwiegen zu haben. Erst
gegen Morgen, nach einer in unruhigem Halbschlafe verbrachten Nacht,
schlief Jürgen ein.
Und stand um zwölf Uhr vor der Villa, die er vier Jahre nicht mehr
gesehen hatte. Die Tante saß, in Decken gehüllt, im Lehnstuhl. Phinchens
Gesicht, glücklich lächelnd, war tränennaß geworden beim Erblicken
Jürgens.
Es sei, wie immer, die Brust, antwortete die Tante. Sie trug, wie immer,
ihr schwarzseidenes Spitzenkopftuch, sah ganz unverändert aus. Bei dem
linken Ohre beginnend, über Schläfe und Stirn, bis zum rechten Ohr,
lagen, platt angedrückt wie immer, die mit der Brennschere sorgfältig
gedrehten schwarzen zwölf Fragezeichen.
Erst in diesem Zimmer, wo der Fußboden so rein war wie der Vorhang und
so funkelte wie die Fensterscheiben und die polierten Möbel, fühlte
Jürgen, sitzend an dem einladend gedeckten Tisch, wie heruntergekommen
er in seinem letzten Anzuge aussehen müsse.
Die Tante sprach nicht, fragte nicht. Und bemerkte alles. War entsetzt
über Jürgens Aussehen. ‚Seine Manschetten sind ausgefranst, die
Hemdbrust und der Kragen ungewaschen. Diese Stiefel! Die Absätze sind
schiefgetreten bis zur Kappe.‘
Und ohne Überleitung, als ob sie, während Jürgen aß, an nichts anderes
gedacht hätte: „Ich würde ... wir würden noch einen zweiten Stock
aufsetzen lassen. Ihr würdet oben wohnen. Die Grundmauern der Villa sind
stark.“
„Wer soll oben wohnen.“
„Wenn du heiraten würdest.“
Jürgen schüttelte den Kopf. ‚Es ist doch zu toll!‘ Antwortete nicht, aß
weiter. Er saß mit dem Rücken zur Tante. Der Lehnstuhl stand am Fenster
in der Sonne.
„Und wenn ich sterbe, könnt ihr unten Wohnzimmer, Eßzimmer und Salon
haben, im Stock Empfangsräume, und oben schlafen ... Phinchen würde ja
auch bei euch sein ... Und der Garten. Der schöne Garten!“
Phinchen versuchte, das Weinen zu verschlucken, heulte los und rannte
mit der vollen Schüssel wieder hinaus. Es war still. Die Tante blickte
Jürgens Rücken an, sah durchs Fenster auf den blühenden Magnolienbaum,
wieder Jürgens Rücken an. „Aber wissen müßte ich, wem ich mein sauer
erworbenes Vermögen hinterlasse. Denn so schwer es mir auch fallen würde
...“
Er legte die Gabel, mit der er ein Stück Fleisch von der Platte hatte
nehmen wollen, wieder zurück, wandte sich langsam um. „Du müßtest mich
enterben, was?“
„So furchtbar schwer mir das auch fallen würde!“
„Und du glaubst, daß ich mich ... Glaubst du denn wirklich, daß ich mich
mit so etwas bestechen lasse?“
Die Tante strich sich über die Augen, legte die Hand an das Kinn, sah
weg. Und Jürgen drehte sich wieder um zum Tisch. So stehts denn doch
noch nicht mit mir, dachte er. Und, plötzlich im Tiefsten betroffen:
‚Was war das? Was war das? Was?‘
„Ich sage dir nur, was mein Herz mir eingibt.“ Die Tante redete weiter.
Er hörte nichts mehr. ‚Was war das? ... Wie also stehts denn mit mir?‘
So sitzt sie immer, wenn sie einem Plane nachhängt, dachte er auf der
Straße. Er wußte nicht, wann und wie er die Villa verlassen hatte. ‚Wie
ging ich denn weg? ... Was war das? Wie also stehts mit mir? ...
Streicht sich mit der Hand erst über die Augen und dann bleiben ihre
Fingerspitzen am Kinn haften. So macht sie es immer. Da sitzt dieses
winzige, gelbgesichtige Persönchen im Lehnsessel und macht Pläne: über
das morgige Mittagessen, oder ob sie ihr Vermögen, ihr sauer erworbenes,
vergrößern kann, wenn sie dieses oder jenes Wertpapier kauft oder
verkauft, oder über den Tag der nächsten großen Wäsche, oder über mein
zukünftiges Leben. Wenn sie Schlitzaugen hätte, würde sie ganz so
aussehen wie eine alte Chinesin.‘
Plötzlich blieb er stehen. ‚Alles das stimmt. Ist aber ganz unwichtig;
wichtig ist, zu wissen, was eigentlich mit mir los ist ... Was will ich
denn?‘ Die weiße, linealgerade Landstraße schoß wie ein Pfeil in den
geheimnisvollen Horizont. ‚Das ist Unsinn. Das Fortlaufen ist Unsinn ...
Aber das Gefühl, das hinter diesem Wunsche steht, ist kein Unsinn.
Dieses Gefühl bin ... ich, ist der Mensch in mir, so wie er ist ... Wie
er offenbar nun einmal ist!‘
Und dann geschah es, daß Jürgens Körper selbsttätig auf die Bank in der
Anlage zuschritt, sich setzte. Und nun: Hände weg von allem! Alle
Muskeln entspannt! Alles Denken und jede Selbstbeobachtung aufgegeben!
Den Willen ausgeschaltet! Weg mit dem Bewußtsein! Der Mensch, er allein!
soll sagen, was er will, dachte Jürgen noch und schloß, bereit, zur
Kenntnis zu nehmen, was auch kommen möge, ganz entspannten Wesens die
Lider.
Anfangs kam nichts. Knapp vor den Augen farbige Pünktchen im Grau. Er
saß in der Mitte seines Lebens, in dem nichts war. Saß so still, so
leblos, daß ein Vogel anflog, auf der Banklehne zwitschernd hüpfte,
wieder abflog.
Menschen und Gesichtsausdrücke, Menschengruppen, eine Flußlandschaft:
Lebensbilder, die vor langer Zeit Jürgens Gefühl getroffen hatten und
deren Sinn ihm unerkennbar blieb, tauchten auf, schemenhaft, verblaßt,
und versanken wieder. „Das ist nebensächlich“, flüsterte er einige Male.
Ferne Stadtgeräusche, kaum hörbar von Hupentönen durchstoßen: Das Leben
der Gegenwart, die Arbeit, die ihren Gang ging, laut und leise. Bei der
Bank war es still.
Ein schwarzgekleideter Herr dreht die Schulter halb rückwärts, grüßt,
etwas hochmütig, nach der Seite hin. Viele Herren und dekolletierte
Damen bewegen sich unter den lichtblitzenden Riesenkronleuchtern im
großen Saale. Alle grüßen den Schwarzgekleideten. Blicke, achtungsvolle,
neidische, prüfende, folgen ihm.
‚Der Schulkamerad, der sich in der Wissenschaft schon einen Namen
gemacht hat ... Mag er!‘
Sie essen nicht, trinken nicht; sie gehen umher, blicken dem
Schwarzgekleideten nach, sprechen über ihn und warten. ‚Nein, Musik ist
keine da.‘
Jürgen, in knappsitzendem Gesellschaftsanzug, beherrschte Kraft in
Schultern und Brust, beherrschtes, natürliches, berechtigtes
Selbstbewußtsein in Blick und Worten, tritt ein, spricht leicht und
freundlich mit seinen Partnern, die schnell wechseln, sich unauffällig
an ihn heranmachen. Keiner hat ein eigenes Gesicht. Der auf der
Anlagenbank sitzende Jürgen sieht und fühlt nur sich, nur den seines
Geistes und seiner Kraft und Macht bewußten Frackherrn-Jürgen, der
höflich zuhört, knapp und freundlich antwortet.
Der andere Schwarzgekleidete schrumpft zusammen, drückt sich unbeachtet
an der Seite umher. Der Mittelpunkt ist Jürgen. Denjenigen, die sich an
ihn nicht heranwagen, geht er selbst entgegen, begrüßt sie
liebenswürdig, nicht herablassend, nicht hochmütig. ‚Wer eine Leistung
vollbracht hat, wer etwas leistet, ist nicht hochmütig, hat es ja auch
nicht nötig, hochmütig zu sein.‘
Alle sprechen von ihm. Aller Blicke sind auf ihn gerichtet. Jürgen ist
so sehr Mittelpunkt, daß er sich bemüht, weniger Mittelpunkt zu sein,
das Interesse etwas auf den anderen Schwarzgekleideten abzulenken, wofür
er verhaltenes Lächeln der Bewunderung erntet. Sein Wille, sein Geist
wirken in allen, bestimmen Gedanken, Gefühle und Mienen aller
Anwesenden.
Jürgen lehnte nicht mehr, entspannt, Augen geschlossen, in der Bankecke;
gleichzeitig mit dem Eintritt des Frackherrn-Jürgen in den Saal hatte er
sich aufgerichtet, war mit seinen Gefühlen in den Eingetretenen
hineingeschlüpft. Seine Schultern und seine Hände, sein Gesicht hatten
alle Bewegungen und das Mienenspiel des andern mitgemacht.
Er saß, alle Muskeln gespannt, vorgebeugt, starrte auf den grünen
Bretterzaun, in den er das Bild seines Wunsches hineingesehen hatte. Und
als er plötzlich nur noch den grünen Bretterzaun sah, strich seine Hand
über die Augen und blieb, wie die der Tante, am Kinn haften.
‚Das also wünsche ich ... wünscht er: der Mensch in mir.‘
Langsam lehnte er sich wieder zurück. ‚Aber welcher Art ist denn seine
Leistung? Was hat er ... was habe ich ... also, ich meine, was möchte
ich denn eigentlich leisten? ... Ist ja ganz gleich, was einer leistet,
wenn er nur überhaupt auf irgendeinem Gebiete, ganz gleich welchem,
etwas leistet und Macht und Einfluß gewinnt.‘
Eine Stunde später saß er untätig an seinem Küchentisch. Der Artikel,
den er zu schreiben hatte, langweilte ihn. ‚Immer wieder der selbe
Artikel!‘ Seine Hand legte den Bleistift hin, wurde zur Stütze für den
Kopf. Der Frackherr-Jürgen tritt in den großen Saal. Das Bild verschwand
sofort wieder.
Denn im Nebenzimmer begann das Klappern der Maschine. Der Haß gegen das
Klappern sickerte in jeden Herzschlag hinein. Im besonnten Hofe war es
vollkommen still. Die Proletarierkinder trieben sich im Walde umher. Von
den alten, faulenden Küchenabfällen stiegen Dämpfe auf. Das Fenster
stand offen.
Plötzlich vernahm der reglos Sitzende das feine Klingeln. Horchte.
Blickte. Vernahm es wieder. Maßlose Wut stieg in ihm auf. Mit äußerster
Vorsicht griff er nach dem Schotterstein, der ihm als Papierbeschwerer
diente, schlich auf den Zehenspitzen unhörbar zum Fenster, stand, die
Hand wurfbereit erhoben.
Da hörte die Maschine auf zu klappern. Katharina trat ein. „Wollen wir
... Was machst du denn da?“
„So sei doch still!“ brüllte er ihr ins Gesicht, drehte sich wieder um
und schleuderte voller Wut den Schotterstein in die Richtung, wo er die
Ratte vermutete. „Das verdammte Vieh! Dieses unerträgliche Geklingel!“
„Das Klingeln war dir doch immer so angenehm in den Nächten, wenn du
schriebst, und jetzt, auf einmal ...“
„Ja, jetzt, auf einmal! Siehst du, jetzt, auf einmal!“
„Ich wollte dich eben fragen, ob wir heute, weil der Tag so schön ist –
einen Spaziergang in den Park, hatte ich gedacht. Aber wenn du so bist
... So warst du noch nie zu mir ... Dann tippe ich lieber weiter.“ Sie
schritt zur Verbindungstür. Er, vornüberstürzend, ihr nach.
Später saßen sie, versöhnt, im öffentlichen Parke, in dem sie vor elf
Jahren das erstemal miteinander gesprochen hatten, von Duft und Farben,
Blumen, spielenden Kindern, Himmelsbläue und Gouvernanten umgeben, wie
heute.
„Seither ist jene Generation groß geworden und schon in die Privilegien
der damaligen Väter nachgerückt“, sagte Katharina. „Und die Last liegt
heute wie damals auf den andern.“
„Ja, wo sind die Erfolge der Arbeiterschaft! Nichts! Der Sozialismus
schwebt nach wie vor in blauer Ferne.“
„Das wollte ich damit nicht sagen“, entgegnete ruhigen Tones Katharina.
Auf dem Reitwege, nur durch eine brusthohe Buchshecke von dem Parke
getrennt, galoppierte eine Gruppe Damen und Herren vorüber. Die beiden
saßen reglos und schwiegen. Auf der breiten Fahrstraße rollten
Equipagen, überholt von einzelnen Reitern.
„Es ist am besten, wir kriechen wieder in unser Loch zurück“, sagte
Jürgen, dessen Wesen zweigeteilt war wie eine Schleudergabel.
Die schenkeldicke Fontäne überholte unaufhörlich sich selbst. Das lange,
postgelbe Automobil des Bankiers Wagner rollte vorüber. Die zwei Damen,
in die Polster zurückgelehnt, machten eine Spazierfahrt durch den Duft.
Eine dunkle Riesenfaust preßte Jürgens Herz zusammen, als er Elisabeth
erkannte, die sich umwandte und prüfenden Blickes die beiden ansah. Sie
war eben bei der Tante zu Besuch gewesen.
„Das ist Elisabeth Wagner“, sagte Katharina. „Elisabeth war im Institut
eines der klügsten Mädchen gewesen ... Gestern wurde erzählt, das
Bankhaus Wagner stehe vor dem Zusammenbruch. Ich habe es von den
Genossen in der Hommesschen Papierfabrik erfahren. Der Betrieb würde im
Falle eines Zusammenbruches geschlossen werden müssen. Elisabeths
Bräutigam hat die Verlobung gelöst. Ein konsequenter Herr!“
Schwuppdich, dachte Jürgen.
„Aber hast du das andere Mädchen gesehen. Sie ist wunderschön. Eine
Jugendfreundin von mir. Der Garten ihrer Eltern stößt an den Garten
meiner Eltern. Von ihr kann ich dir eine traurige Geschichte erzählen.
Die traurigste Geschichte, die ich kenne!“
„Nein, nein, nicht umkehren!“ bat Katharinas schöne Jugendfreundin und
legte scheuen Blickes ihre Hand auf Elisabeths Hand. Aber der Chauffeur
hatte die Schleife schon genommen. Das Auto rollte sehr langsam auf die
beiden zu.
„Kennst du sie denn? Elisabeth hat dir zugenickt.“
„Wieso denn mir!“ sagte Jürgen. „Nun, und die traurige Geschichte von
der andern?“
Da wandte auch diese sich um und blickte, wie zurück in ihre Kindheit,
gefühlsschwer Katharina an, die erzählte:
„Bis zu unserem siebzehnten Jahre waren wir immer zusammen, jeden Tag
viele Stunden. Wir haben einander das Versprechen gegeben, uns ganz
aufzuopfern, auch nie einem Manne anzugehören. Wir wollten die Welt
erlösen. Um jeden Preis!“
„Das wollen sehr viele in ihrer Jugend.“
„Ja, und später lächeln sie darüber ... Wenn sie nur über die Art, wie
sie helfen oder die Welt ändern wollten, lächeln würden, hätten sie ja
ganz recht; aber sie lächeln, weil sie es überhaupt tun wollten. Sie
lächeln nicht nur über den Inhalt ihres Idealismus; sie lächeln über den
Idealismus ihrer Jugend überhaupt.“
Und dann sagte Katharina, rätselhaft tief bewegt, den Satz vor sich hin:
„Viele Menschen tragen als Kinder in den Augen ein Ideal, das erstrebt
zu haben sie später lächeln macht; und doch wiegt vielleicht allein die
Tatsache, daß sie dieses Ideal einmal wenigstens erstrebt hatten,
schwerer als alle Ziele, die sie später tatsächlich erreichten.“
„Wie du das sagst! Es wird einem kalt. Wie du das sagst!“
„Dieses Mädchen ... du machst dir keinen Begriff, welch leidensfähiges,
mildes Herz sie hatte. Und jetzt – wie lebt sie! Sie ist mit dem
Oberstaatsanwalt verlobt.“
„Ist das die Geschichte? Ist sie das?“
„Eigentlich ist das schon die ganze Geschichte.“ Und dann erzählte sie
doch: Die Mutter ihrer Jugendfreundin, eine sehr gebildete, reiche Frau,
habe ihre Tochter ganz bewußt zur Wohltätigkeit erzogen. Immer habe das
Kind den Armen die Gaben reichen müssen.
„Und da geschah es einmal – und dies ist die Geschichte –, daß das Kind
von seiner Mutter in den Garten geschickt wurde, einer alten
Bittgängerin ein abgetragenes Kleidungsstück zu bringen. Da bricht das
Kind, wie es unter dem Blicke der Alten steht, vor Trauer und Scham, daß
es geben und die Weißhaarige von ihm empfangen muß, in Schluchzen aus,
läßt das Geschenk fallen, läuft weinend zurück, kann und kann nicht
beruhigt werden, schluchzt sich in eine Krankheit hinein ... Von dieser
Zeit an hat es sich nie mehr zu solchen Wohltätigkeitshandlungen
brauchen lassen. Denk an, da war sie sechs Jahre alt. Ihr Herz wußte
schon alles ... Und jetzt? Wie furchtbar, wie tragisch ist das Leben,
daß selbst solch ein Wesen so erkranken, solch ein Herz so verhärten
konnte.“
Eine ungeheuere Erregung, die er mühsam zu unterdrücken versuchte, hielt
Jürgen gepackt. Nur um etwas zu sagen, fragte er: „Und wenn ihr einander
begegnet, grüßt ihr euch nicht?“
„Wie sollten wir! Jeder lebt auf einem anderen Planeten.“
Lebt auf einem anderen Planeten, flüsterte Jürgen innerlich. In weniger
als einer Sekunde war der Saal mit dem Frackherrn-Jürgen aufgetaucht und
wieder verschwunden gewesen.
Und plötzlich glaubte Jürgen, seine Schädeldecke hebe sich ab vor
Grauen. Denn er wußte nicht, ob er selbst oder ob ein anderer in ihm
gedacht, gefühlt und gesagt hatte: ‚Wie entsetzlich! Dann ist er
unüberbrückbar auch von Katharina getrennt! ... Wer hat das gedacht?‘
fragte er. ‚Das habe nicht ich gedacht.‘
„Es ist im Grunde die Geschichte aller in ihrer Jugend idealistisch
gewesenen Menschen“, hörte er Katharina sagen. „Du folgst deinen
Wünschen und Begierden gegen das bessere Wissen deines Herzens, betrügst
dein Bewußtsein, dein Ich, indem du nach Besitz, Macht, Erfolg, Genuß
und Achtung strebst, dann kann es geschehen, daß du viel erreichst oder
auch zugrunde gehst, in bürgerlicher Schande oder in bürgerlichen hohen
Ehren ertrinkst, oder vielleicht in der Familienbequemlichkeit und einer
– mittleren Stellung untergehst ...“
‚Das nun sollte mir nicht passieren.‘
„... daß du Automobile, betreßte Diener, eine Villa, verschönt durch
edle Kunstwerke und Bücher, die du nicht nur hast sondern auch
verstehst, daß du Fabriken, Ruhm, Achtung, Frauen, einen Kassenschrank
voll Aktien und Gewalt über Tausende von Menschen eroberst ...“
‚Das will er, der Mensch, der Frackherr in mir.‘
„... aber in jedem Falle mußt du – und dies ist die Tragik des Menschen
unseres Zeitalters – das Bewußtsein von der Wirklichkeit, wie sie sein
könnte und wie sie ist, mußt du dein Bewußtsein, die Leidensfähigkeit
und Güte deines Kindheitherzens und damit dein Ich, deinen Idealismus
verlieren, der in unserem Zeitalter nur in dem hingabebereiten Kampfe um
den Sozialismus seinen Inhalt haben kann.“
Und das weiß mein Bewußtsein, dachte Jürgen. Und hatte plötzlich gesagt:
„Dagegen kann ich nicht einmal etwas einwenden.“
Zuerst schwieg Katharina. Dann wich sie mit dem Oberkörper seitwärts,
sah Jürgen betroffen an: „Weshalb solltest denn du dagegen etwas
einwenden?“
Zum zweitenmal empfand Jürgen in seinem Herzen Zorn gegen Katharina und
schwieg.
Erst auf dem Heimwege – die freistehende Mietskaserne kam schon in
Sicht: „Die Tante hat gesagt, es hänge noch ein ganz guter Anzug von mir
im Schrank.“
„Den solltest du dir holen, wenn sie ihn dir gibt ... Ich habe damals,
als ich wegging von zuhause, fast nichts mitgenommen. Aber wenn ich die
Sachen jetzt holen wollte, die würden mir nichts geben.“
„Ach nein, so ist sie nicht. Enterben, vielleicht ja; aber sonst ...“
Einige Tage sprachen sie selten miteinander; Jürgen hatte in Gegenwart
Katharinas das Gefühl, auf Luft zu gehen, und wich ihr aus, sooft er
konnte.
Eines Abends, als er diesen Zustand qualvoller Spannung nicht länger
mehr ertragen konnte, sagte er: „Wer bis zu seinem dreißigsten Jahre
noch nichts geleistet und erreicht hat, wird auch später nichts mehr
erreichen.“ Er stand am Schreibtisch, Katharina neben ihm, mit dem
Rücken gegen das Fenster. Sie antwortete nicht.
„So wird man schließlich vierzig. Und was kann dann noch viel
Erfreuliches kommen! Dann ist das Leben in der Hauptsache vorüber ...
Natürlich, wer ganz bedingungslos glaubt an den Sozialismus ... Wer
einfach glaubt!“
„Was willst du denn erreichen, Jürgen?“
„Das ist es ja eben. Ich bin kein Jüngling mehr. Man wird doch immer
älter – und älter ... Eh man sich versieht, ist das Leben vorbei, nicht
wahr?“
Katharina antwortete nicht mehr. Sie ging langsam auf die Verbindungstür
zu, ging durch, schloß die Tür. Sie stand in ihrem Zimmer. Sie legte die
Hand aufs Herz. Sie wußte alles.
Jürgen sah, durch die verschlossene Tür durch, Katharina stehen, so wie
sie stand. Preßte die Hand auf das rasend klopfende Herz. Zuckte auf die
Tür zu. Wollte nachstürzen.
Zuckte zwischen der Verbindungstür und der Ausgangstür wie ein von
Verfolgern eingekreister Flüchtling im Zickzack hin und her. Und stürzte
mit einem innerlichen, furchtbaren Todesschrei aus dem Hause.
Rannte aus der Stadt hinaus, querfeldein, über Schollenäcker zum
Bahndamm, zwischen den Schienen weiter, bis vor das schwarze Tunnelloch.
Diesmal blieb er nicht stehen und kehrte er nicht um. „Fort! Fort!
Fort!“ befahl der Herzschlag, jagte ihn den Schienen nach, hinein in die
Finsternis.
Er stolperte. Seine Hände streiften den Boden. Er empfand darüber
Befriedigung. Raste weiter, stieß mit dem Kopf gegen die Mauer. Und
blieb keuchend stehen. In undurchdringliche Nacht gestellt, erblickte er
plötzlich seine Genossen, klein und weiß. Katharina blickt verächtlich
ihn an, deutet mit dem Finger auf ihn.
„Fort! Fort!“ schrie der Herzschlag. Vor sich, weit in der Ferne, sah
Jürgen ein rotes Tunnellämpchen. Nach zwei Sprüngen war er schon daran
vorbei, stolperte, stürzte. Und blieb hocken, dicht neben dem Lämpchen,
das jetzt weit hinter ihm in der Finsternis schwebte.
Glotzend hob er den Kopf, sah die schneeweißen, starren Gesichter seiner
Genossen. Duckte den Kopf zwischen die Schultern, schloß die Augen. Sah
die schneeweiße Gruppe der Genossen. Katharina dreht sich kalt und
gleichgültig weg.
‚Wie sie mich verachtet!‘
Die Schienen im Tunnel begannen zu lispeln.
Gierig suchte Jürgen nach jemand, der ihn nicht verachtete. Sitzt sofort
bei der Gesellschaft auf dem besonnten Hügel, neben Adolf und Elisabeth.
Die Tante und der Vater treten hinter dem Busch vor, blicken ihn
achtungsvoll an.
Plötzlich steht Phinchen vor Jürgen im Tunnel, große Liebe im Gesicht.
‚Phinchen, bin ich ein Verräter? Ja oder nein? Wer hat recht: Katharina
oder ich? Sage mir nur ruhig die Wahrheit. Ich halte alles aus.‘
‚Sie haben recht, lieber Herr Jürgen. Sind ein unendlich guter Mensch.
Ich weiß, wie sehr Sie schon als Kind und Jüngling gekämpft und gelitten
haben.‘ Phinchen kniet nieder.
‚Brauchst nicht zu knien vor mir. Ach nein, vor mir braucht kein Mensch
zu knien.‘ Und er steht im großen Saale, beherrschte Kraft in Blick und
Miene, begrüßt seine Bewunderer ohne Herablassung und Hochmut.
Katharina, schneeweiß, schreitet im Tunnel vorüber, auf die schneeweiße
Gruppe der Genossen zu. Des Hockenden Kopf sank wieder zwischen die
Schultern, tief auf die Brust.
Das Lispeln der Schienen war vernehmlicher geworden. Die Luft im Tunnel
zitterte leise. Jürgen schluchzte. Warme Tränen rollten.
Die Schienen sangen lauter und stählern. Ganz plötzlich bebte der Tunnel
so stark, daß Wassertropfen von der Decke fielen. Einer patschte kalt
auf Jürgens Hand.
Er horchte in sekündlichem Entsetzen auf das rapid stärker werdende
Geräusch, sprang auf.
Da knallte der Donnerschlag in den Tunnel. Der ganze Berg wankte. Die
glänzenden Schienen wurden zu roten Fühlern eines Riesentieres, die
Fühler wurden immer länger, strahlten sausend auf Jürgen zu.
Er rannte ihnen entgegen, den Ausgang zu gewinnen. Ein ungeheurer Tumult
erfüllte zerstörerisch den Tunnel, umtoste Jürgen und zwang ihn,
stehenzubleiben. „... Bin ich verloren?“
Die Lokomotive krachte auf ihn los.
Jürgen fühlte, wie seine Haare weiß wurden, gab sich auf und starb.
Unabänderlich donnerte der Zug auf seiner vorgeschriebenen Bahn weiter.
Das Geräusch wurde mit einem Schlage hell.
Noch eine Weile sangen die Schienen. Sandkörnchen fielen in die betäubte
Stille.
Ein Mensch lag im Tunnel auf dem Gesicht. Für ihn hatte sich zwischen
Leben und Tod ein Drittes eingeschoben, das nicht Leben war und nicht
Tod.
Jürgen war bei vollem Bewußtsein und wußte dabei nicht, ob er noch
existiere. Seine Augen starrten und erblickten nichts. Der Angstgedanke:
‚Wenn ich jetzt schreie und höre meinen Schrei nicht, bin ich tot‘,
verhinderte ihn, zu schreien.
In dieses zeit-, raum- und vorstellungslose Nichts hinein erklang, da
Jürgen als einziges erdhaftes Ding plötzlich das rote Tunnellämpchen
erblickte, sein tierisch wilder Schrei nach dem Leben.
Von den Flammen des Lebens emporgerissen, drehte er sich, den Ausgang zu
gewinnen, einigemal im Kreise und begann schreiend zu rennen, in
gieriger Sehnsucht nach dem wilden Nußbaum, der beim Tunneleingang
stand.
Galoppierte in rasendem Tempo die Dunkelheit hinter sich und hinein in
eine fremde Gegend: Er war auf der anderen Seite des Tunnels
herausgekommen. In der Höhe stand still die zerfallende Burgruine, Erker
vornübergeneigt, als müsse er jeden Augenblick stürzen.
Jürgen blickte in das schwarze Tunnelloch zurück, klopfte dabei
automatisch den Kohlenstaub von seinem Anzug, strich sich über die
Haare. ‚Sie werden weiß geworden sein ... Daran wird Katharina erkennen,
wie ich gekämpft und gelitten habe. Möge sie nur sehen, wie sehr!‘
Blickte noch einmal hinein in den Tunnel. „Entronnen!“ sagte er.
„Entronnen!“ Und wandte sich um. Da war die Welt, fern und nah. Sonne,
Blau, Grün und Fluß.
Der Herr solle nur über das Großdorf machen. Von dort aus führe der Weg
direkt in die Stadt, sagte die verhutzelte Häuslerin und schob den
ächzenden Schubkarren weiter, auf dem eine hohe Ladung Fallholz lag.
Jürgen wußte den Weg; er hatte nur gefragt, um eine Menschenstimme zu
hören. ‚Nur wer dem Tode entronnen ist, der, nur der weiß, was leben
heißt ... O, Anfang! O, Leben! O, Grashalm! O, Glück des Atmens!‘
So schritt er aus. ‚Komme, was will – ich lebe!‘ Als der hohe
Backsteinwürfel in Sicht kam, dachte er: Was sie sagen wird, daß ich mit
dem Leben davongekommen bin?
„Wunderst dich, wie ich aussehe, was? Der Anzug, das Loch im Knie!“ Und
er erzählte.
Sie aber hatte die schwerste Stunde ihres Daseins erlitten und
durchlitten und hatte aufgegeben und hinweggehen lassen, was nicht zu
halten war.
„Kommt der Zug auf mich zugerast“, wiederholte er. „Es ist total
finster. Zermalmt er mich?“ Gierig suchte er Liebe und Schreck in ihrem
Gesicht.
Sie war in dieser Stunde innerlich so grau und alt geworden, daß sie
geglaubt hatte, für den Geliebten nicht einmal mehr Verachtung empfinden
zu können. Und nun schlug sie, verletzend gleichgültigen Gesichtes, doch
verachtungsvoll zurück: „Wenn man sich eng gegen die Mauer preßt, was
kann da passieren!“ Auch dies noch ist ja überflüssig. Weshalb sagte ich
es. Weshalb rede ich noch, dachte sie. Und fühlte ihr wimmerndes Herz.
„Verstehst du denn nicht ...“
„Ich verstehe dich schon, ich verstehe dich.“ Entschlossen, auf sich zu
nehmen, was unabänderlich war, sah sie ihn an, und ihr Blick fragte:
‚Was soll also jetzt geschehen? Was suchst du noch hier?‘
„Wie ich nur zugerichtet bin!“ Er zeigte auf das Loch in der Hose. Und
da sie schwieg und weiter fragte:
„Jetzt wird es Zeit, daß ich mir den andern Anzug hole ... Wir könnten
uns später in der Stadt treffen, dann in die Redaktion gehen und
zusammen nachhause.“
Und als er fort war, dachte sie doch darüber nach, ob es keine
Möglichkeit gebe, ihn zu halten, ihn zum Ausharren zu bewegen. ‚Dadurch
vielleicht, daß ich mit rücksichtsloser Klarheit ausspreche, was ist?‘
Sie setzte sich an ihren Arbeitstisch, blickte blicklos in das Zimmer,
in dem, mächtig wie nie vorher, unvertreibbar die Vereinsamung stand.
‚Aber er ist sich ja klar; er kann ja nicht genommen werden wie ein
unklarer Mensch mit phantastisch idealistischen Vorstellungen und
Zielen, dessen Idealismus zersplittert, sobald er mit der harten
Wirklichkeit zusammenstößt. Jürgen kennt ja die Wirklichkeit, denn er
hatte den Inhalt seines Idealismus in dem Kampfe um den Sozialismus
gefunden.‘
„Das Bad ist fertig. Die Wäsche habe ich auf den Stuhl gelegt. Die
Schuhe stehen darunter“, sagte, glückstrahlend, Phinchen zu Jürgen.
„Unterdessen bügle ich den Anzug auf. Er ist noch sehr schön.“
‚Immer wieder sagte er: Man wird alt ... Und etwas erreichen will er.
Etwas werden. Einfluß gewinnen und Macht. Er will geachtet sein ... von
denen, deren Achtung entwürdigend ist für den, der sie genießt ...
Genießt. Er will genießen, leben ... Dies sind auch bei allen anderen
die Motive des Abfalls, des Verrates an der Idee, ob die Verräter nun
klar oder unklar, Sozialisten oder Phantasten waren. ‚Jeder für sich‘
wird, uneingestanden, ihre Weltanschauung.‘
Auch als Jürgen, gebadet, in frischer Wäsche und in dem gutsitzenden,
schwarzen Anzug, die Treppe herunter auf das Wohnzimmer zuschritt, saß
Katharina noch am Tische, reglos. ‚Auch das alles weiß Jürgen selbst.
Deshalb muß und kann nur er selbst entscheiden ... Er hat entschieden.‘
„Ja, ich erwarte Besuch. Elisabeth Wagner und ihre Freundin. Wenn ich
gewußt hätte, daß du kommst, würde ich abgesagt haben.“
Er stand vor dem gedeckten Kaffeetisch. Ich kann ja gehen ... Die
Freundin wird wohl das schöne Mädchen sein, das in seiner Jugend ...
dachte er und fragte.
„Ja, sie ist sehr schön und mit dem Herrn Oberstaatsanwalt verlobt ...
Auch dein Schulfreund, Karl Lenz ... Ist er älter als du?“
„Zwei Jahre. Er war nämlich so blöd, daß er im Gymnasium zweimal
sitzenbleiben mußte. Aber was ist mit ihm?“
„Schon Staatsanwalt geworden! Vor vierzehn Tagen. Denk an, so jung!“
‚Das sollte ja auch ich werden. Oder Amtsrichter! Dem bin ich
entronnen.‘
„Deshalb glaubte ich, Karl Lenz müsse ein besonders fähiger Schüler
gewesen sein.“
„Das nicht; aber Angehöriger der vornehmsten Verbindung.“ Jetzt
verschwinde ich, dachte er, als die Wohnungsglocke läutete. Und fragte:
„Geht es dir besser?“ Warf einen Blick in den Spiegel, der einen knapp,
sorgfältig und schwarzgekleideten Herrn zeigte. „Die Wäsche, die von mir
noch da ist, könntest du mir schon spendieren“, sagte er, schalkhaft
lächelnd.
‚Das Geld hätten wir schon aufgetrieben. Wenn ihm unser Leben zu
ärmlich, zu leer war, wir hätten etwas besser wohnen, manchmal ausgehen,
mehr Bücher kaufen, im ganzen etwas besser leben können. Der Ingenieur
tut es ja auch. Gewiß ein guter Genosse! Eine Grenze nach unten, eine
Grenze nach oben – in der Mitte genug Spielraum, nicht so erlebnisarm zu
sein. Verkehr mit einigen sympathischen, klugen Menschen. Auch eine
kleine Reise hin und wieder. Innere Erfrischung. Jeder braucht sie. All
das würden keine unüberwindlichen Schwierigkeiten gewesen sein ... Aber
das ist es ja nicht. Das ist es ja nicht. Er hat den Kampf aufgegeben.
Er paßt sich dem Leben an ... Aber mir, mir, warum hat er mir das
angetan. Warum hast du mir das angetan.‘
Gesicht neigte sich langsam auf die verschränkten Arme. Der ganze Körper
verzuckte im Weinen. Sie wimmerte immer den selben Ton. Ließ sich
versinken, ganz und gar preisgegeben dem Schmerze.
Nach einer Weile tappte der Schnauz zu ihr, berührte sie mit der Pfote.
Und da sie reglos blieb, legte er sich in die Zimmermitte, Kopf auf den
vorgestreckten Pfoten. Drehte hin und wieder, ohne den Kopf zu heben,
die Augen zu ihr hin.
„Plötzlich kommt der Zug angerast ... angerast. Zermalmt er mich? Wohin
springe ich? Es war total finster.“
„Allmächtiger!“ rief die Tante. Und Elisabeth: „Ich wäre vor Schreck
gestorben.“ Dabei lächelte sie und horchte gespannt; ihre grauen Augen
schienen zu sehen, wie das Eisenungetüm den Menschenkörper zermalmte.
Unter der zarten Haut ihres Halses tickte der Herzschlag.
Jürgen unterdrückte die Genugtuung und sagte leichthin, auch er habe
geglaubt, seine Haare seien weiß geworden.
„Und das erzählt er so, als ob er selbst gar nicht daran beteiligt
gewesen wäre“, sagte Elisabeth, mit anerkennendem Wechselblick zwischen
Jürgen und der Tante, die sich aufrichtete, einen geradeliegenden
Kaffeelöffel geradelegte und glatt heraus sagte: „An allem ist nur
dieses Mädchen schuld.“
„Aber Tante, sprich nicht von Dingen, die du nicht verstehst.“
„Und wenn du überfahren worden wärest!?“
„Nun, nun, ich brauchte mich ja nur eng gegen die Mauer zu pressen, was
konnte da viel passieren ... Natürlich“ – und er sah heiter lächelnd
Elisabeth an – „denkt man in so einem Augenblick nicht an das
Nächstliegende.“
„Das eine weiß ich: dein ganzes Unglück ist dieses Mädchen.“
Geschmacklos ist sie nicht, dachte Jürgen, da Elisabeth sich sofort auf
Katharinas Seite stellte durch ein Lächeln des Einverständnisses mit
ihm. „Das sollten Sie nicht sagen; Katharina ist doch immerhin ein
ungewöhnlicher Mensch, den man nicht mit dem gewöhnlichen Maße messen
darf.“
„Davon versteht die Tante nichts“, sagte Jürgen in dem selben Tonfall,
wie damals auf dem Hügel Elisabeth zu Jürgen gesagt hatte, von Literatur
verstehe Adolf nichts.
Warme Sympathie und Achtung für Katharina erfüllte ihn und wohltuender
Stolz auf sie, die zusammengesunken und versunken in Schmerz und
Vereinsamung am Tische saß und weinte und nur und immer wieder das eine
dachte: Warum, warum hat er mir das angetan.
Die Tante wurde mutig: „Daran kannst du sehen, wohin dich diese
Beziehung noch bringen würde ... hätte bringen können. Einfach in den
Tod! ... Ein zu verrücktes, ein ... unordentliches Mädchen, finden Sie
nicht auch?“
„Sie sollten nicht so streng sein gegen Katharina, die doch wirklich
nicht so beurteilt werden kann wie irgendein dummes bürgerliches
Mädchen.“
Jürgen zeigte die Miene eines Menschen, der es sich erlauben kann,
Dummheiten anzuhören, ohne zu widersprechen. Übrigens, auch Elisabeth
scheint keine bürgerliche Gans zu sein, dachte er.
„Nichts als Unruhe, ewige Unruhe kommt dabei ... würde dabei ... wäre
dabei herausgekommen.“
„Die ist zäh“, sagte Jürgen, kräftig lachend, als die Tante aus dem
Zimmer war, sich umzuziehen für den Kirchgang. „Die gibt den Kampf nicht
so leicht auf. Jetzt glaubt sie, schon gesiegt zu haben in dieser Sache,
in der sie nie siegen kann. Niemals!“
Mit einem Blicke nahm Elisabeth den Kampf offen auf. So daß Jürgen nach
langem Blick- und Wortgeplänkel schließlich fragen konnte: „Und Adolf?“
„Er ist mir zu dumm. Einfach zu dumm!“ sagte sie, strahlend vor
ehrlicher Überzeugung. Und ob Jürgen sie begleiten wolle, sie müsse
Einkäufe machen.
Auch Katharina ging, in der Hand das in Papier eingewickelte belegte
Brot, das sie abends in der Redaktion essen wollte, durch die
Geschäftsstraße. Der Schreck schlug durch ihren ganzen Körper durch. So
stand sie, gedeckt von der kauf- und schaulustigen Menschenmenge, die,
ein geschecktes, langes, vielhundertfüßiges Tier, langsam an den
Auslagen entlang kroch, und sah, wie Elisabeth Jürgen an der Schulter
faßte, ihn vor ein Spielwarenschaufenster führte.
An der Art des Nebeneinanderstehens erkannte Katharina, daß sie schon
eine Gegnerin bekommen hatte, berührte mit der Zungenspitze nachdenklich
ihre Lippen und ging weiter.
Immerzu sah sie die zwei vor dem Schaufenster stehen, sah Elisabeths
zartgegliederte, weiße Hand auf Jürgens schwarzem Rücken liegen und
dachte sich den deutenden Zeigefinger dazu. ‚Was sie ihm wohl gezeigt
haben mag? Eine Puppe? Ein Schaukelpferd?‘
Die ganze Straße hinunter interessierte Katharina sich dafür, auf was
wohl Elisabeth Jürgen aufmerksam gemacht habe, stellte sich die
Gegenstände eines Spielwarenschaufensters vor. Erst als sie mit dem
innern Blick plötzlich des Geliebten Gesicht sah, stellte sie sich der
Hauptsache. Der schneidende Schmerz zwang sie, Hand auf dem Herzen,
stehenzubleiben. ‚Und jetzt? Was ist jetzt? Soll ich ... soll ich
kämpfen um ihn?‘
Aber das Bewußtsein, daß Jürgen ja nicht ihr, sondern sich selbst und
seiner Hingabe entlaufen sei, und daß sie, was sie durch den Kampf um
ihn gewönne, nur auf Kosten ihrer Hingabe gewinnen könne, stieß
Katharina hinein in die graue Hoffnungslosigkeit.
Dennoch stand sie zur verabredeten Zeit an der Straßenecke, gepeinigt
von dem Bewußtsein, daß sie, in ihrem persönlichen Leben nun so ganz und
gar verarmt, noch die Gebende sein müsse. Denn der Fraueninstinkt sagte
ihr, daß Jürgen nur deshalb für Elisabeth interessant und begehrenswert
sei, weil er mit der als merkwürdig und unnahbar geltenden Katharina
befreundet war. ‚Wenn sie seine Frau wird, hat er das mir zu verdanken.
Wie entsetzlich!‘ Katharina fror bei diesem Gedanken.
Sorgfältig gekleidet, durch Bad, reine Wäsche und durch das
Beisammensein mit Elisabeth erfrischt, schritt er, beherrschte Kraft in
den Gliedern, lebensfroh dem verabredeten Orte zu, sah Katharina stehen,
sah sekündlich den unüberschreitbaren Abgrund, den seine momentanen
Gefühle zwischen ihm und Katharina aufrissen, blieb stehen, stand an dem
Rande des Abgrundes, der nur gleichzeitig mit diesen neuen Gefühlen
verschwinden konnte, die schon nicht mehr verschwinden konnten, tappte
über den Rand des Abgrundes hinaus, stand und schritt auf Luft. Wildes,
besinnungsloses Aufsiezustürzen kam in seinen Gang und falsche
Wiedersehensfreude und gleichzeitig Scham in sein Gesicht.
Sie aber stand, ein Mensch, grau und wissend und bewußt, und nahm auf
sich ihr Schicksal. So blickte sie ihn an.
„Wie die leben, die Bürger! Die, ah, die wissen schon, was sie wollen
... Aber was alles sie zusammenredet, die Tante, du machst dir keinen
Begriff ... Für die ist alles höchst einfach.“
„Deine Tante will, daß es dir gut gehe; sie will, daß du Elisabeth
Wagner heiratest.“ Sie horchte auf sein falsch-herzhaftes Lachen und
fühlte: Wie weit, wie weit ist er schon weg.
„Wahrhaftig, du sagst es. Genau das will sie ... So ein Unsinn! ... Hab
mich aber ganz gut mit ihr unterhalten. Sie ist nicht dumm, weißt du,
und eigentlich gar nicht bürgerlich ... Ein liebenswürdiges Geschöpf.“
„Ja, Jürgen, sie ist ein kluges Mädchen, ein liebenswertes Mädchen.“
„Kennst du sie denn so gut, weil du sagst, sie sei ein liebenswertes
Mädchen?“
„Weshalb denn kein liebenswertes Mädchen, Jürgen, weshalb nicht
liebenswert“, sagte Katharina in schwerem Leid und dachte: Wie wiegen
die Worte so schwer ... fallen wie Blei.
„Sie hat sogar deine Partei ergriffen, hat dich verteidigt.“
‚Wie ist es möglich, daß er mich so beleidigt.‘ Die Häuser neigten sich;
die Straße drehte sich um Katharina herum. Sie mußte sich festhalten an
Jürgen, nicht zu versinken in dem schwarzen Nebel vor ihren Augen.
„Du arbeitest zuviel; solltest dich schonen, etwas mehr schonen.“
Da riß ihr Blick, in dem nicht Zorn und nicht einmal mehr Verachtung
war, alle Masken und jede Selbstbelügung weg und traf ihn so, daß er
plötzlich vor der Tatsache stand.
Seine Stimme war rauh: „Entscheide du!“ ‚Laß mich leben oder knalle mich
nieder; aber entscheide du!‘ schrie, völlig preisgegeben, sein Wesen.
Die Augen glotzten.
Sie schwieg, bewegte den Kopf nicht. Nichts rührte sich an ihr und in
ihr. Ihr Blick blieb blicklos.
Und Jürgen wußte, daß auf der Welt nur er allein entscheiden konnte,
gestand zum erstenmal sich ein, daß er sich schon entschieden hatte.
„Geh, Katharina, geh, geh du nachhause jetzt, Katharina.“ Seine Stimme
ertrank in innerlichem Weinen. „Schlafe gut.“
„Schlafe du auch gut.“
Das war der Abschied.
Ihr Leben öffnete sich bis in die frühen Kindheitstage. Sie sah die
lange Kette des Leides und der Hingabe. Sah, was ihr noch verstattet und
beschieden sein konnte. Sie nahm ihr Leben an die Brust.
„Du auch, schlafe du auch gut“, flüsterte Jürgen immerzu und mußte dem
Zwange folgen, immer in die Mitte der Steinplatten zu treten, mit denen
der Gehweg belegt war. Um nicht auf eine Ritze zu treten, mußte er drei
ganz kleine Schritte machen. „Schlafe du auch gut.“ Und einen Sprung, da
eine große Platte kam. „Du auch gut.“
Überquerte halb die Straße, lief zwischen den Schienen weiter. Die
Straßenbahn kam auf ihn zugesaust. „Entscheide dich! Entscheide dich!“
schrie er, gepackt von dem Zwange, die Schienen erst verlassen zu
dürfen, nachdem er bis zehn gezählt hatte. „... zwei ... fünf ... acht,
neun, zehn ...“
„Noch bis fünfzehn!“ schrie er. Zählte: „... zwölf, dreizehn, vierzehn
...“
Und erwachte zwei Tage später im Schlafzimmer der Tante, Kopf und Beine
in dicken Verbänden. Elisabeth saß bei ihm.