Vorsichtig fragte Jürgen: „Wollen Sie etwas zum Essen holen? Wurst?“

Der einarmige Bettler war noch immer mit Zählen beschäftigt. Er

kicherte, nachdem der Schwindsüchtige mit Jürgens Geldschein

fortgegangen war. „Den haben Sie gesehen. Der kommt nimmer. Iiiii! die

Gauner kenne ich ... Und der dort, der jetzt da kommt, den schauen Sie

sich an, das ist Herr Knipp. Der hat ausgerechnet, daß er von seinem

Steinbruch, wenn er immer nur soviel brechen läßt, wie er fürs tägliche

Leben braucht, bis zu seinem achtzigsten Jahr leben kann, ohne selbst

was tun zu müssen. Deshalb läßt er seit Jahr und Tag nur zwei Leute im

Steinbruch arbeiten. Er selber angelt seit Jahr und Tag. Der will nur

angeln. Nichts als angeln! Und pfeifen kann der, sag ich Ihnen! Er hat

nämlich ein Klavier. Darauf spielt er, ganz ohne Noten, und pfeift dazu.

Schon in aller Früh! Sie können sich nicht vorstellen, wie der pfeifen

kann. Das klingt wie Geigen und Flöten. Die Arbeiter, wenn sie früh in

die Fabrik gehen, bleiben stehen und horchen ... Und dann angelt er. Den

ganzen Tag. Sogar manchmal nachts.“

Herr Knipp hatte umständlich geschnupft, schäkerte freundlich und ganz

für sich allein mit dem Wurme, der sich am Angelhaken bäumte: „Warte

doch, warte doch ... Er kanns nicht erwarten.“ Dann beobachtete er,

zufrieden mit der Welt, den schaukelnden Schwimmer. Herr Knipp war erst

einundvierzig Jahre alt.

„Der kommt nimmer ... Ihr Geld ist futsch.“

Gleich darauf erschien der Arbeitslose, aus einer anderen als der

erwarteten Richtung kommend, in der Ferne.

„Jetzt sagt er, er hätts Geld verloren.“

„Um zwanzig Brot. Die Wurst kost vierzig.“ Er packte das armlange Stück

aus, zählte das übriggebliebene Geld auf Jürgens Handfläche.

„Pferdewurst! Die ist billiger. Und besser ist sie auch.“

Der Krüppel blickte von der Wurst weg schief wasserwärts, in der

Erwartung, daß seine Verdächtigung dem Arbeitslosen mitgeteilt werden

würde, und bekam, als Jürgen, anstatt zu denunzieren, ihn zum Mitessen

aufforderte, in seine bösen, einsamen Augen einen Blick wie ein

Findelkind, dem unvermittelt gesagt wird, seine Mutter sei gefunden und

stehe vor der Tür. Seit Jahren nicht mehr aufgestiegene Schamröte

veränderte das verwüstete Gesicht. Er klemmte das Taschenmesser zwischen

die Knie, zog die Klinke hoch und schnitt sich ein Stück Wurst ab.

Der schwindsüchtige Arbeitslose kaute langsam, den Blick über den Fluß

weg ins weite, dämmerige Hügelland gerichtet. Herr Knipp, dem noch viele

tausend Tage zur Verfügung standen, atmete zeitlos.

Die Straßen waren noch menschenleer. Vor dem Gefängnis stand eine

Droschke. Stand schwarz in der Dämmerung vor dem düsteren Gebäude.

Kutscher und Pferd regten sich nicht.

‚Sicher! Ganz sicher! Sie transportieren ihn heute schon ... Vielleicht

um etwaige Befreiungsversuche unmöglich zu machen?‘

Erst nach einer langen halben Stunde schritten zwei dunkelgekleidete

Kriminalbeamte, zwischen sich einen bartlosen jungen Mann in hellbraunem

Anzuge, durch das Tor zur Droschke. Der eine ging um die Droschke herum.

Sie stiegen durch beide Türen gleichzeitig ein, als der Gefangene schon

saß.

Die einzigen Geräusche, die Jürgen vernahm in der schlafenden Stadt,

waren das Klappern der Räder und das Klopfen seines Herzens. ‚Die

Regierung beschließt: Auslieferung. Die Regierungsmitglieder schlafen

jetzt. Aber in dieser Droschke fahren zwei beamtete Henker und dieser

Mensch zum Bahnhof.‘

Vorüber am Hauptportale, Gleis entlang, Richtung Rangierbahnhof, bis zu

einem einzelnen Personenwagen, der auf dem dritten Gleis stand. Hinter

dem Rangierbahnhof ertönten Pufferknall und die langgezogenen Rufe der

Eisenbahnarbeiter, die den Zug erst zusammenstellten.

Jürgen beobachtete, wie die drei einstiegen, wie der eine Beamte wieder

ausstieg, zwischen dem Gleis auf das Bahnhofsgebäude zuschritt, hinein

in das Restaurant.

Alles wie im Traume: Hinweg über die Gleise. In den Wagen. Stück durch

den Laufgang. Schiebetür zurück, auf der ‚Dienstabteil‘ stand. Sprung

auf die Bank. Und von oben herab auf den breiten Rücken des Beamten,

der, stehend, durch das geschlossene Fenster geblickt hatte.

„Los! Renn! Renn! ... Los!“

Der schmalgesichtige Attentäter blieb so reglos in der Ecke sitzen, als

ginge ihn diese Sache gar nichts an, schüttelte verneinend den Kopf.

Der Mund des Beamten zischte vor Kraftanstrengung. Er bekam einen Arm

frei. Griff in die Tasche nach dem Revolver.

Mit dem angesammelten Zorn seines ganzen Lebens schleuderte Jürgen den

Beamten von sich, daß dessen Kopf und Oberkörper durch die zerkrachende

Fensterscheibe schossen, stürzte aus dem Wagen, über die Gleise, durch

die Bahnhofsanlage, Häuser entlang. Vernahm einen Trillerpfiff, schon

fernher.

Ruhigen Schrittes ging er in einen offenen Lagerplatz, in dem mehrere

Möbelwagen und viele andere Fuhrwerke standen, und setzte sich auf einen

Handwagen. Eine Schar Hühner eilte sofort auf ihn zu.

‚Die Rechnung ist einfach: Der eine war im Bahnhofsrestaurant; der

andere konnte mir nicht nach, weil er den Gefangenen nicht verlassen

durfte. Außerdem war ich, bis er seinen Kopf befreit hatte, schon weg.‘

Dabei zerbrach Jürgen das Brotstückchen, das er in seiner Tasche

gefunden hatte, und streute die Krümel unter die übereinandersteigenden

und -fliegenden Hühner.

‚Und jetzt? ... Jetzt wird er hingerichtet.‘

Erst als Jürgen, heimwärtsschreitend, schon mehrere Querstraßen hinter

sich hatte, rannte der Beamte, der in der Restauration gewesen war, über

den Bahnhofsplatz, in der Hand den Browning.

Zierlich gekleidete Zofen eilten im gepflegten Villenviertel an Jürgen

vorbei. Gebadete Damen in hübschen Morgenkleidern nahmen das Frühstück

und sonnten sich im Liegestuhl auf den Balkonen. Die Gärten dufteten.

Ich scheiß auf all das. Das Ganze ist gemein, dachte Jürgen und klinkte

die Tür auf. Die Tante, erzürnt, weil er die Nacht außer Haus zugebracht

hatte, ging grußlos an ihm vorüber. ‚Auf alles!‘ dachte er und schlief

sofort ein.

„Und ich erkläre Ihnen, das ist ausgeschlossen.“

Aber der feine, schmale Frackherr, mit dem Scheitel von der Stirn bis

zum Nacken, ein Herrchen, nur so groß wie ein Tintenfaß, ein winziges

Frackherrchen, verbeugt sich, lächelt höflich und sicher und sagt: „Ich

bin die Achtung. Bin das Ganze. Und ich erkläre Ihnen: Ich sitze in

Ihrem Hinterkopfe.“

„Sie stehen ja vor mir.“

„Und sitze gleichzeitig verborgen in Ihnen. Bin Ich und bin die Achtung.

Bin das Ganze und bin Sie, weil ich in Ihrem Hinterkopfe sitze.“

Da erwachte er. Es war ein Uhr nachmittags. Die Tante stand vor seinem

Bett. Ohne Einleitung und als lese sie wieder den letzten Willen des

Vaters aus ihrem Haushaltungsbuch vor: „Auf das Haus, in dem du geboren

wurdest, und auch auf die drei Miethäuser habe ich deinem Vater schon

vor zwanzig Jahren die Hypotheken geliehen. Die Häuser gehörten schon zu

Lebzeiten deines Vaters ganz und gar mir. Er hat dir nichts

hinterlassen. Du solltest dich also nicht länger, als unbedingt nötig

ist, von mir ernähren lassen. Das ist eine Schande. Steh auf und geh in

dein Kolleg.“

Er stützte sich auf, sah die Tante an, schwieg noch zwei Sekunden: „Ich

verzichte auf dein Geld. Ich lebe und bin da. Das Weitere wird sich

finden. Und jetzt geh, bitte ... Also geh schon!“

Es waren nicht die Worte selbst, nicht Sinn und Inhalt der Worte, es war

das an Jürgen bisher nie bemerkte einfache, ruhige Kraftbewußtsein, das

hinter den Worten stand und die Macht der Tante über ihren Neffen

verdunsten ließ.

Er kleidete sich sofort an. Ging aus der Stadt hinaus, auf der

Landstraße hin. Rückblickend auf sein Leben, ziellos weiter durch den

heißen, weißen Staub, mit sich tragend das lastende Gefühl, daß dies die

Stunde sei, die seines Daseins folgenschwerste Entscheidung in sich

berge: die Möglichkeit, daß heute sein Leben in zwei Teile gespalten

werde.

Die alte Sehnsucht nach der Landstraße, die er seit Jahren in sich trug,

die Sehnsucht nach den Hafenstädten und fernen Erdteilen, der Wunsch,

allen Qualen, allen Pflichten zu entlaufen, schritt hinter ihm her,

schob ihn immer weiter auf der Landstraße hin.

Der Wiesenabhang links von Jürgen war von der Sonne braun gebrannt. Die

Luft zitterte vor Hitze. Kein Bauer auf dem Felde. Kein Vogel pfiff. Die

Mittagssonnenstrahlen sengten senkrecht herab auf die menschenleere

Landschaft.

„Und die weiße Straße geht in der Sonne vor Einsamkeit sich selbst

entlang“, flüsterte Jürgen. Und glaubte, in dieser Sekunde den tiefsten

Sinn des Menschendaseins erkannt zu haben und zu fühlen. Tat einen

langen Blick noch auf die weiße Landstraße, weit hinaus.

Und wandte sich, schritt schnellen Schrittes zurück und in die

Arbeiterversammlung, deren Ankündigung er im ‚Klassenkampf‘ gelesen

hatte.

Der Bürger · 第 14 / 40 题