Eine Frau, die eines Tages, so wie die Dinge lagen, den Traum, den sie
sich von ihrem Leben machen zu dürfen gemeint hatte, begraben musste,
weinte ganze lange Tage und Wochen lang über den Verlust desselben. Als
sie aber endlich ihren Schmerz ausgeweint hatte, war sie, fast zu ihrem
eigenen Erstaunen, eine böse Frau geworden, die von nun an kein so
lebhaftes Bedürfnis mehr wie dieses hatte, andere Frauen recht bestürzt,
verlegen und niedergeschlagen zu sehen, indem sie sie unglücklich zu
machen versuchte. Sie fing mehr und mehr an, jedes fröhliche weibliche
Gesicht zu hassen, weil sie sich durch jede glückliche Miene gekränkt
und beleidigt fühlte. Es drängte sie, gegen jederlei Vergnügen, das sie
erblickte, Ränke und Bosheitspläne zu schmieden, da jeder heitere
Anblick ihr weh zu tun schien. Darf ein unglücklicher Mensch es im
Menschenhass so weit treiben? Nun und nimmer! muss entschieden
geantwortet werden. Die durch vielerlei Leid, durch gescheitertes
Streben nach Lebensglück verdorbene böse Frau machte es sich zur
traurigen Aufgabe, junge Mädchen mit jungen Männern geschickt
zusammenzuführen, sie gegenseitig aufeinander aufmerksam zu machen, sie
enger und enger zusammen zu befreunden und, wenn dann die holde
Freundschaft ihr reif zu sein schien, dieselbe durch listige
Verrätereien, rohe Künste, grausame Verleumdung und Verwirrung, wieder
zu zerreissen. Der Anblick einer weinenden verratenen Angehörigen ihres
Geschlechts tat ihr dann wohl und war für sie ein Genuss. So und ähnlich
trieb sie es ziemlich lange, währenddessen die um ihre Freude und ihre
Zufriedenheit betrogenen Mädchen sie für eine edle und feine Frau
hielten. Nach und nach aber merkte jedermann, wie böse sie sei, und
sobald die Leute sich hierüber Gewissheit verschafft hatten, so wurde
die gefährliche Gesellschaft fortan sorgfältig vermieden, derart, dass
die böse Frau bald keinerlei Gelegenheit mehr erhielt, Unglück
anzustiften, Böses zu tun und Unfrieden und Unbehagen zu verbreiten.
Berta.
Berta arbeitet als fleissige Angestellte im Kontor einer Fabrik. Ihr
Vorgesetzter, ein allerdings leider Gottes schon etwas ältlicher Herr,
sehr galant natürlich, spielt, so ist mir neulich zufälliger Weise zu
Ohren gekommen, da er den Tag über mit ihr in Berührung kommt, den
Liebhaber bei ihr. Einmal tut er, als sei er verliebt in sie bis über
die Ohren und ein anderes mal wieder gebärdet er sich wie der gestrenge
Herr und Meister und behandelt das ganz gewiss nette Mädchen mit
ausgesuchter Kälte. Ist das nicht entweder ein Schlaukopf oder aber
einer, der nicht weiss, was er will. Heute ist er ein Verehrer und
morgen ist er ein Verächter des weiblichen Geschlechtes, je nachdem es
ihm zu passen scheint. Gewiss steht dieser Herr keineswegs in seiner Art
einzig da, es gibt ihrer mehr, die es genau so oder ähnlich machen. Zu
der und der Stunde möchte er sie vor lauter Verliebtheit auf den Händen
tragen, ihr vielleicht gar die Hand kniefällig küssen; zu einer andern
Zeit hingegen scheint er sich besonnen zu haben und alsdann kommt sie
ihm nicht anders als ein armes Tröpfchen vor, das nicht wert ist, auch
nur flüchtig mit einiger Freundlichkeit und Achtsamkeit betrachtet zu
werden. O, so ein Schurke, so ein Hauptkerl! Bald ist er Herr, und bald
ist er Diener bei ihr, bald schnauzt und knurrt er sie mit groben
Vorgesetztentönen an; bald bettelt er mit flehender Miene und Stimme
wieder um Gnade, ganz je nachdem er geruht, aufgelegt zu sein. Sollte es
nicht als Verdienst und als wichtige Aufgabe gelten, dass jemand, der
diese Art von Arbeit über sich zu nehmen entschlossen wäre, dem
wetterwendischen Halunken einen gehörigen Puff gäbe. Gewiss sind
hunderte von Menschen ganz meiner Meinung, wenn ich sage, dass der
Spitzbube zehntausend Rippenstösse verdiente. Geht auf Verehrersfüssen
und gleichzeitig noch auf andern Füssen. Ist er etwa ein Vierfüsser? Ich
weiss es nicht genau. So viel aber weiss ich, dass ich nächstens Berta
raten werde, alles aufzubieten, damit sie sich den launenhaften Mann
unterjoche. Teufel noch einmal, so einer sollte mir, wenn ich Frau wäre,
parieren!
Die Wurst.
An was denke ich? An eine Wurst denke ich. Es ist schrecklich.
Jünglinge, Männer, die ihr dem Staate dient, auf die der Staat seine
Hoffnung setzt, betrachtet mich sorgsam und nehmt an mir ein
abschreckendes Exempel, denn ich bin tief gesunken. Ich vermag mich vom
Gedanken nicht loszureissen, dass ich soeben noch eine Wurst besass, die
nun für immer dahin ist. Ich zog sie aus dem Kleiderschrank hervor, und
bei dieser Gelegenheit ass ich sie. Mit offenbar nur allzu aufrichtigem
Behagen habe ich verzehrt, was noch vorhanden sein könnte, wenn ich es
nicht vertilgt hätte. Vor wenigen Minuten war die beste saftigste Wurst
noch leibhaftig da, doch jetzt ist durch leider nur allzu voreiliges
Verzehren die wohlschmeckendste Wurst verschwunden, worüber ich
untröstlich bin. Was soeben noch da war, ist fort und niemand bringt es
mir jemals wieder. Ich ass, was ich nimmermehr so schnell hätte essen,
was ich mir lieber nimmermehr so eilig hätte schmecken lassen sollen.
Ich habe aufgegessen, was mir noch jetzt schmecken könnte, wenn ich der
Begierde widerstanden hätte. Ich beklage tief, dass ich der Begierde
nicht widerstanden habe und dass ich verbraucht habe, was vor wenigen
Minuten noch frisch und rot zu meiner Verfügung stand, was aber nun und
nimmermehr zu meiner Verfügung stehen wird, weil ich es voreilig
verbrauchte. Ich habe Gebrauch gemacht, wovon ich noch jetzt Gebrauch
machen könnte, wenn nicht vorgefallen wäre, was vorgefallen ist und was
nicht wieder gut zu machen ist. Was dahin ist, könnte noch ruhig und
friedlich da sein, und was auf Nimmerwiedersehen verloren gegangen ist,
könnte Appetit erwecken, doch das Appetit Erweckende ist dahin, und das
beklage ich ehrlich, obschon ich einsehe, dass alles Klagen wenig oder
gar nichts nützt. Was angetastet wurde, könnte unangetastet, was
gegessen wurde, könnte unaufgegessen, was weggeschnappt wurde, könnte
unaufgeschnappt sein, wenn ich vorsichtiger und enthaltsamer gewesen
wäre, aber leider war ich weder enthaltsam noch vorsichtig, und das
bedaure ich tief, obschon ich einsehe, dass Klage und Reue wenig oder
gar nichts nützen. Was verschwunden ist, könnte vorhanden sein und was
tot ist, könnte fröhlich leben. Was grausam zerbissen und zerstückt
wurde, könnte ganz sein, aber es ist leider zerstückt, da hilft keine
Klage. Was nicht mehr dient, könnte die besten Dienste leisten, und was
weg und fort ist, würde mich noch jetzt mit seiner schönen Gegenwart
erfreuen, wenn ich das Beklagenswerte nicht getan hätte, was ich mit
leider nur zu viel Grund bedaure. Was, wie gesagt, fort ist, brauchte,
wie gesagt, nicht bereits abhanden gekommen zu sein, wenn ich
widerstandsfähiger und stärker gewesen wäre und bösen Neigungen entsagt
hätte. Schlimme Begierden, ihr habt mich meiner Wurst beraubt. Ich habe
gekostet, was als Kost noch fernerhin zu kosten wäre, wenn ich es
ungekostet und ungenossen liegen gelassen hätte, worüber ich, wie ich
bereits mehrfach sagte, trostlos bin, was ich nur immer wiederholen
kann. Ich brachte mir eine Schlappe durch Probieren einer nur zu
vorzüglichen Kost bei, die nun ausgekostet und ausprobiert ist, weil ich
nicht enthaltsam gewesen bin, was ich bereue. Reue nützt nichts; sie
macht den Wurst-Verlust eher grösser als kleiner, ich will daher
versuchen, auf Reue zu verzichten, was aber jedenfalls sehr schwer ist,
weil die Ursache, reuig zu sein, stark und gross ist. Ich habe mir eine
Niederlage zugezogen, weil ich nicht aufgespart habe, was ich unbedingt
hätte aufbewahren und in Acht nehmen sollen, was ich aber leider nicht
in Acht nahm, obschon ich es kaum glaube, da ich immer des Glaubens war,
dass ich stark und widerstandsfähig sei, worin ich mich aber scheinbar
irrte, was mich schmerzt, obschon, wie gesagt, Reue offenbar gar nichts
nützt. O, diese Wurst, ich schwöre, sie war herrlich. Wunderbar
geräuchert war sie, und mit entzückenden Speckmocken war sie gespickt,
und eine durchaus stattliche, annehmbare Länge hatte sie, und einen Duft
hatte sie, so milde, so bestrickend, und eine Farbe hatte sie, so rot,
so zart, und gekracht hatte sie, als ich sie zerbiss, ich höre noch
jetzt beständig, wie sie krachte, und saftig war sie, etwas Saftigeres
habe ich in meinem ganzen Leben nie gegessen, und dieses Saftige und
Schmackhafte könnte noch jetzt schmackhaft und saftig sein, das Rote und
Zarte noch jetzt rot und zart, das Wohlriechende noch jetzt
wohlriechend, das Vorzügliche und Appetitliche noch jetzt vorzüglich und
appetitlich, das Längliche und Runde noch jetzt rund und länglich, das
Geräucherte noch jetzt geräuchert und das Speckgespickte noch jetzt mit
Speck gespickt, wenn ich Geduld gehabt hätte. Ich könnte es noch jetzt
krachen hören, wenn ich es nicht schon krachen gemacht hätte, und zu
beissen gäbe es noch jetzt, was ich leider allzu schnell zerbiss.
Der Junggeselle.
Letzthin, beim Mittagessen, sagte mir mein täglicher Tischgenosse, der
Herr Doktor G..., dass er soeben auf gewisse Art und Weise seinen
liebsten Freund verloren habe. Auf meine Frage, wie das gekommen sei,
antwortete und erzählte er, dass er soeben die Einladung zu seines
Freundes Hochzeitsfeier erhalten habe, und er fügte mit gewissermassen
traurig verschleierter Stimme bei, dass er mir eigentlich nichts weiter
mehr zu sagen brauche, da damit schon alles gesagt sei. Er lächelte sein
eigentümliches, sehr feines und gescheites Lächeln und machte eine
kleine Pause, während deren er bestimmte aufdringliche Gedanken
verdrängen zu wollen schien. Ich kannte den Doktor G... als eine zarte
und, wie ich sagen möchte, empfindsame und poetische Natur. Er ist
ausserordentlich gebildet und dazu ausserordentlich ungeschickt,
weswegen ich ihn sehr hoch achte und sehr gern habe. An gewandten Leuten
bemerkt man stets irgend etwas Gemeines. Doktor G... liest die Memoiren
des Herzogs von Saint Simon und er begeistert sich für die majestätische
Gestalt Ludwigs des Vierzehnten. Er schwärmt für Alexander den Grossen,
und er findet den Emporkömmling Napoleon unerträglich. Die Frauen
schätzen ihn, wie ich längst gemerkt habe, ziemlich gering, weil er
nicht den Eindruck eines energischen Mannes macht. Ich dagegen, der ich
ein Mann bin, finde ihn beachtenswert, weil er eine weiche Seele ist,
und ich schätze ihn höher als zweitausend Energische, denn die Energie
ist durch die Verbreitung von Büchern wie z. B. das Buch: »Wie werde ich
energisch« ganz gemein geworden. Nachdem er, wie gesagt, eine Weile
geschwiegen hatte, gestand er mir, dass er sich fast fürchte, bei der
Hochzeit seines Freundes zugegen zu sein, dass er nichtsdestoweniger
selbstverständlich der Einladung folgen werde, die ihm peinlich sei,
weil er so wenig Ursache habe, sich über das Ereignis zu freuen. Er
komme sich wie aus einer traulichen warmen Stube auf die kalte Strasse
hinausgestellt vor, und er habe sich weniger auf eine Lustbarkeit als
auf den Umstand gefasst zu machen, dass er auf unerfreuliche Weise mit
seinem Innern werde kämpfen müssen. Er fühle sich so arm wie noch nie,
es sei ihm zu Mut, als habe ihm irgend jemand einen rücksichtslosen
Stoss versetzt, wodurch er sich in das traurige Bewusstsein geworfen
sehe, das ihm sage, dass er sehr einsam geworden sei. Im übrigen sei ihm
das alles sehr klar, und er verstehe alles sehr gut, weil sich alles
ganz von selbst verstehe. »Alter, trockener Junggeselle«, murmelte er
vor sich hin, und ich sah deutlich, wie seine Augen mit einmal voll
Tränen waren. Ich muss gestehen, dass ich mich tüchtig über seine Trauer
lustig machte, und ich gebe gern zu, dass das nicht sehr zart war.
Zahnschmerzen.
Ich erinnere mich, dass ich einmal eine Zeitlang heftige Zahnschmerzen
hatte. Um die Qualen zu betäuben, lief ich ins Feld hinaus und brüllte
dort wie König Lear. Zu Hause beliebte es mir, gegen die Wand zu rennen
und im Grimm einige wertvolle Stühle aus der Biedermeierzeit zu
zerschlagen, aber das Zahnweh hörte deswegen keineswegs auf, vielmehr
wurde das Übel von Stunde zu Stunde ärger. Des Nachts weckten die
Schauderszenen, die ich veranstaltete, sämtliche Hausbewohner, es war
ein Skandal. Der häufige Genuss von feinstem Cognac half wenig. Ich
versetzte mir Hiebe ins Gesicht, ähnlich wie Sancho Panza, als er den
Verlust seines Esels wahrnahm. Einmal brachte ich mir mit einem Messer
eine allerdings glücklicherweise durchaus nicht lebensgefährliche Wunde
bei, aber diese grobe Massnahme besserte an meinem Zustand nicht das
Geringste, sondern schien die Folter nur noch zu verstärken. Endlich
ging ich zum Zahnarzt, und zwar der lieben Billigkeit halber in eine
zahntechnische Klinik, wo ich mich mit Vergnügen zu Studienzwecken
hergab. Mein Mund wurde von der Hand eines Lehrfräuleins sorgfältig
untersucht und hierauf begannen die Operationen. Ich darf wohl mit
einiger Berechtigung sagen, dass ich Vieles sanft über mich ergehen
liess und dass ich Allerlei mit starker Fassung hinnahm. Manches ertrug
ich geduldig, doch von Zeit zu Zeit fand ich es für angebracht, einen
ziemlich lauten Schrei auszustossen, was ich absichtlich tat, denn
dadurch erreichte ich, dass der Meister herbeisprang, um mit seinem
meisterlichen Können helfend einzugreifen, was für mich keine
unerhebliche Wohltat war. In solchen Fällen zürnte mir freilich das
Fräulein, und sie fand, dass es sehr unartig von mir sei, so starkes
Geräusch zu verursachen. Ich erlaubte mir, ihr zu sagen, dass ich noch
öfters schreien wolle, sobald man mir überflüssige Pein zufüge. Das sei
gar nicht hübsch von mir, so zu reden, gab sie zurück. Ich kam nach und
nach in einen ganz fröhlichen Verkehr mit ihr und einmal hatte sie den
Einfall, mich zu fragen, was ich sei. Ich sei etwas wie Schriftsteller,
erwiderte ich bescheiden. Sie rief laut in die zahnärztliche Stube
hinaus: »Ich habe einen Schriftsteller,« worauf sämtliche Herren und
Damen, darunter auch der Meister, herbeigeeilt kamen, um den
eigenartigen Patienten behaglich zu betrachten. Ich wurde einer genauen
Besichtigung unterworfen. »Wenn Sie Schriftsteller sind,« sagte der
Meister, »dann sind Sie sicher einer von den ärmern, einer von denen,
die ihr Leben lang erfolglos bleiben, denn das sieht man Ihnen deutlich
an.« Ich musste über die feine Bemerkung lachen und erwiderte: »Ich bin
allerdings arm und an Erfolglosigkeit hat es mir bis heute nie gefehlt,
aber das Leben kann auch ohne Erfolg hübsch sein. Wenn ich nur wieder
gesunde und schöne Zähne habe, was ich lebhaft hoffe, so springe ich
herum, wie ein Hirsch und bin fröhlicher als mancher sogenannte
Glückspilz.«
Der andere Junggeselle.
Ein anderer Junggeselle, einer der hartnäckigsten, die es je gab, ein
Frauenfeind erster Güte und doch wieder absolut kein Frauenfeind,
sondern ein ganz netter, artiger Mensch, der keinem weiblichen Wesen nur
ein Haar krümmte, tat seine Sache, erfüllte auf das Eifrigste seine
Obliegenheiten und war ehrlich, solid und lebensfröhlich. Das aber war
es ja gerade, das Schurkische, nämlich, dass er fröhlich war, denn es
gab Leute, die das unverzeihlich fanden. Es gab ehrenwerte und nette
Leute, die der Meinung waren, dass der gute Junggeselle verpflichtet
sei, sich unglücklich zu fühlen. Das war er jedoch keineswegs, sondern
er lebte, wie gesagt, ganz vergnügt dahin und von Verzweifeln wegen
seines Junggesellentums war bei ihm keine Spur. Der Junggeselle ahnte,
dass er einige nette und achtenswerte Leute mit seiner Vergnügtheit und
Zufriedenheit beleidige, und dass seine heitere unbefangene Existenz für
diejenigen fast ein Ärgernis sei, die lebhaft wünschten, dass der
Junggeselle an seinem Junggesellenwesen zerschelle. Allerlei nette und
achtenswerte Leute trafen allerlei gefährliche kriegerische
Vorkehrungen, um dem Unhold sanft oder unsanft auf den Leib zu rücken,
ihm das edle Gleichgewicht zu rauben, die Seele zu erschüttern, den
guten Glauben an sich selbst zu untergraben und seine Charakterfestigkeit
zu nichte zu machen. Zahlreiche, wohlvorbereitete Angriffe wurden ins
Werk gesetzt, um des Junggesellen zähes Selbstbewusstsein zu
zerschmettern, doch es wurde nichts erreicht, denn der Schreckliche
blieb unerschütterlich. Unerhörte Leckerbissen wurden der grausamen
Bestie mit wir möchten sagen vollendeter Kunst vorgeworfen, aber das
Ungeheuer verzichtete mit diebischem Vergnügen auf alle dargebotenen
Genüsse, recht wohl wissend, dass es die liebliche Kost mit dem Verlust
von Freiheit und Unabhängigkeit bezahlen müsse. Fallstricke wurden
gelegt, Schlingen und Angeln säuberlich und appetitlich dargehalten,
Fallgruben vorbereitet, schön mit Höflichkeiten und Artigkeiten
zugedeckt, Netze wurden ausgestreckt, doch der Junggeselle fiel nicht in
die Falle und stürzte nicht in die Grube, ging nicht in die Schlinge
und rannte nicht ins Netz. Eine Dame, die sich besonders Mühe gegeben
hatte, unsern guten und muntern Junggesellen zu entjunggesellen, schrieb
ihm eines Tages voll Unmut und Ungnade: »Wissen Sie, dass Sie sehr
unhöflich sind? Wissen Sie, dass es scharmante Leute gibt, die
berechtigt sind, von Ihnen zu sagen, dass mit Ihnen nichts anzufangen
sei? Wissen Sie, dass man allgemein über Ihr Betragen, das sehr
absonderlich ist, die Achsel zuckt und den Kopf schüttelt? Man glaubte
sich einreden zu dürfen, dass Sie unglücklich seien, nun sind Sie aber
scheinbar ganz glücklich und vergnügt. Statt herzlich froh zu sein, dass
reizende und nette Leute Sie aus dem Kerker des Junggesellenstandes zu
erlösen versuchten, spötteln und lächeln Sie wohl gar noch! Das ist
nicht fein, leben Sie wohl. Ich überlasse Sie der Menge von Vorwürfen,
die Sie sich zu machen haben. Ihr Betragen muss von niemand anderem so
aufrichtig bedauert werden, wie von Ihnen selber.« -- »Gnädige Frau«,
schrieb der standhafte Junggeselle anmutig und manierlich zurück: »Ich
vermag nicht einzusehen, wie ich mir irgend einen Vorwurf zu machen
hätte. Gnädige Frau werden mir gütig erlauben, zu bemerken, dass ich mir
unmöglich einreden darf, es habe irgend jemand an der rein menschlichen
Verfassung, die ich vergegenwärtige, ein Interesse. Ich beklage die sehr
unangenehme und bedauerliche Tatsache, dass sich nette und scharmante
Leute meinethalb umsonst angestrengt haben; verantwortlich kann ich mich
jedoch hiefür ganz unmöglich fühlen. Ich bin so frei, Sie daran zu
erinnern, dass ich als Mann von einiger Bildung entschlossen sein muss,
zu denken, ich sei fähig, für mein Wohlergehen jederzeit selber zu
sorgen.«
Schwendimann.
Einmal war ein sonderbarer Mann. Hallo, hallo, was denn für ein
sonderbarer Mann? Wie alt war er, und woher kam er? Das weiss ich nicht.
So kannst du mir vielleicht sagen, wie er hiess? Er hiess Schwendimann.
Aha, Schwendimann! Gut, sehr gut, très bien, très bien. Fahre also fort,
wenn es dir gefällt und sage uns: was wollte denn der Schwendimann? Was
er wollte? Hm, das wusste er wohl selber nicht recht. Er wollte nicht
viel, aber er wollte etwas Rechtes. Was suchte, nach was forschte
Schwendimann? Er suchte nicht viel, aber er suchte etwas Rechtes.
Zerfahren, verloren in weiter Welt war er. So, so? Verloren? Aha,
zerfahren! Grosser Gott, wo hinaus soll es denn mit dem armen Mann? Ins
Nichts, ins All oder in was sonst? Bange Frage! Alle Leute schauten ihn
fragend an, und er die Leute. O wie ängstlich, wie kläglich! Er ging so
dahin, matt und schwerfällig, mit wankenden unsicheren Schritten, und
die Schulkinder liefen ihm mutwillig nach und neckten und fragten ihn:
»Was suchst du, Schwendimann?« Er suchte nicht viel, aber er suchte das
Rechte. Mit der Zeit hoffte er das Rechte schon zu finden. »Das wird
sich finden«, murmelte er in seinen zerzausten schwarzen Bart.
Schwendimanns Bart war ganz struppig. So, so? Struppig? Sessa! Voilà!
Ausgezeichnet. In der Tat! Hochinteressant! Mit eins und so stand er vor
dem Rathaus. »Mir ist weder zu helfen noch zu raten«, sagte er, und da
er seines Wissens im Rathaus nicht das geringste zu suchen hatte, so
ging er sachte weiter und kam vor das Armenhaus. »Ich bin wohl arm,
aber ich gehöre nicht ins Armenhaus«, dachte er und ging fleissig
weiter, und nach einer Weile kam er unvermutet vor das Spritzenhaus. »Es
brennt nirgends!« machte er und ging mürrisch weiter. Einige Schritte
weiter kam das Pfandhaus. »Ich habe in Gottes weiter Welt nichts zu
pfänden«, und eine kleine Strecke weiter das Badhaus. »Ich brauche nicht
zu baden!« Als er nach einiger Zeit vor das Schulhaus kam, sagte er:
»Die Zeiten, wo ich zur Schule gegangen bin, sind vorüber«, und ging
leise weiter, indem er den sonderbaren Kopf schüttelte. »Mit der Zeit
komme ich schon vor das rechte Haus«, sagte er. Nicht lange und so stand
Meister Schwendimann vor einem grossen, finstern Gebäude. Es war das
Zuchthaus. »Ich verdiene nicht Strafe, ich verdiene etwas Anderes«,
sprach er dunkel vor sich hin und marschierte weiter und gelangte bald
vor ein anderes Haus, nämlich vor das Krankenhaus, wo er sagte: »Ich bin
nicht krank, ich bin anders. Ich habe keine Krankenpflege nötig, ich
habe etwas ganz Anderes nötig.« Schwankend ging er weiter, heller,
heiterer Tag war's, die Sonne blitzte und die hübschen Strassen waren
voll Leute, und das Wetter war so säuberlich, so freundlich, aber
Schwendimann achtete nicht auf das schöne Wetter. Da kam er vor das
Elternhaus, vor das liebe Haus der Kindheit, vor sein Geburtshaus. »Ich
möchte wohl wieder ein Kind sein und Eltern haben, aber die Eltern sind
gestorben und die Kindheit kommt nicht wieder zurück.« Zögernd mit
bedächtigen Schritten ging er weiter und sah das Ballhaus und nachher
das Kaufhaus. Vor dem Tanzhaus sagte er: »Ich mag nicht tanzen«, und vor
dem Kaufhaus: »Ich kaufe und verkaufe nichts.« Da wurde es allmählich
Abend. Wohin gehörte denn eigentlich Schwendimann? Ins Arbeitshaus? Er
hatte keine Lust mehr, zu arbeiten. Oder ins Freudenhaus? »Lust und
Freude sind mir vergangen.« Nicht lange ging es und so stand er vor dem
Gerichtshaus, und da sagte er: »Ich brauche keinen Richter, ich brauche
etwas Anderes.« Vor dem Schlachthaus meinte er: »Ich bin kein
Schlächter.« Im Pfarrhaus hatte er seines Bedünkens nichts zu schaffen,
und im Schauspielhaus haben Leute wie Schwendimann kaum etwas zu suchen,
auch ins Konzerthaus treten solche Leute nicht. Still und mechanisch
ging er weiter, vermochte kaum die Augen offen zu behalten, so müde war
er. Es war ihm, als schlafe er, als marschiere er im Schlafe. Wann
kommst du wohl vor das rechte Haus, Schwendimann? -- Geduld, das wird
sich finden. Er kam vor ein Trauerhaus. »Ich bin wohl traurig, aber ich
gehöre nicht ins Trauerhaus« und ging weiter; kam vor das Gotteshaus und
ging wortlos weiter und kam vor ein Gasthaus, wo er sprach: »Ich bin
kein guter Gast, und niemand sieht mich gern,« und ging seinen Weg
weiter. Endlich, nach beschwerlicher Wanderung, nachdem es schon dunkel
geworden war, kam er vor das rechte Haus, und sobald er es sah, sagte
er: »Endlich habe ich gefunden, was ich suche. Hier hinein gehöre ich.«
Ein Gerippe stand an der Türe, er fragte: »Darf ich wohl hier eintreten,
um auszuruhen?« Das Gerippe grinste auf das freundlichste und sagte:
»Guten Abend, Schwendimann. Ich kenne dich wohl. Komm nur herein. Du
bist willkommen.« Er trat in das Haus hinein, das am Ende jeder findet,
und wo nicht nur für ihn, sondern für Alle Platz vorhanden ist, und wie
er hineingekommen war, sank er um und war tot, denn er war ins
Totenhaus gekommen, und hier hatte er Ruhe.
Ich habe nichts.