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für Schweizer Art und Kunst« wurde an das Ende des Textes verschoben.
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Prosastücke von
Robert Walser
[Illustration]
Schriften für Schweizer
Art und Kunst. 55
VERLAG RASCHER u. CIE, ZÜRICH
1916
PROSASTÜCKE
von
ROBERT WALSER
1917
VERLAG VON RASCHER & Cie IN ZÜRICH
Erstes und zweites Tausend.
Nachdruck verboten.
Übersetzungsrecht vorbehalten.
Copyright by Rascher & Co., Verlagsbuchhandlung in Zürich 1917.
Zürich
Buchdruckerei Züricher Post
Das Seestück.
Dieses Stück ist sehr einfach, es handelt von einem schönen Sommerabend
und von vielen Leuten, die am Seeufer hin- und herpromenierten. Die
Menschenmenge, unter der auch ich mich befand, war ausserordentlich. Die
ganze Stadt schien zu spazieren. Wenn ich sage, dass der weite,
nächtliche See einem schlummernden Helden glich, dessen Brust auch im
Schlafe noch von Angelegenheiten der Kühnheit und der hohen Denkart
bewegt sei, so drücke ich mich vielleicht etwas gewagt aus. Viele
lichtergeschmückte Nachen bewegten sich im dunklen Wasser. Die Strassen
und Nebenstrassen, die zum See führten, schienen mir Kanäle zu sein, und
ich bildete mir mit Leichtigkeit ein, dass die Nacht eine venezianische
Nacht sei. Heller Feuerschein loderte da und dort rötlich aus dem
Schwarz auf, und nächtliche Menschengestalten spazierten in die hellen
und in die dunklen Stellen. Es fehlte an Liebespaaren keineswegs, die
sich hinter allerlei Dickicht zärtlich umarmten und küssten, und ebenso
wenig fehlte es an kosender und lispelnder, an freundlich streichelnder
und gleich einem plätschernden Gewässer rieselnder Nachtmusik. Der
Halbmond in der Höhe glich, wie soll ich sagen, einer Wunde, woraus ich
folgere, dass der schöne Körper der Nacht verwundet war, ähnlich wie
eine schöne edle Seele verletzt und verwundet sein kann, und darum ihre
Hoheit und Schönheit noch deutlicher offenbart. Im Leben, das roh und
unedel ist, macht sich mitunter die verletzte edle Seele lächerlich,
nicht aber in der Dichtkunst, und der Dichter lacht niemals über
empfindlicher Seelen Verletzbarkeit. Da ich über eine gebogene Brücke
ging, hörte ich von unten, aus dem Wasser, eine wundervolle Stimme zu
mir heraufdringen, es war ein hellgekleidetes Mädchen in einer hier
vorüberfahrenden Gondel, und ich und vielleicht noch ein Anderer, den
die zarte Stimme ebenfalls interessierte, beugten uns über das Geländer,
um auf den entzückenden Gesang mit angespannter Aufmerksamkeit zu
lauschen, der im Zirkus oder im Konzertsaal, den die holde Nacht
bildete, warm und hell verhallte. Wir Zwei oder Drei, die wir lauschten,
gestanden uns, dass wir noch nie so schön singen gehört hätten, und wir
sagten uns, dass das Lied der im beinahe unsichtbaren Nachen
dahingleitenden liebenswürdigen Sängerin weniger durch Kunst und grosses
gesangliches Können als vielmehr nur durch eine wunderbare
Seelen-Anspannung und durch die Begeisterung eines lieben edlen Herzens
gross sei. Wir sagten uns ferner, das heisst es fiel uns ein, zu denken,
dass vielleicht, ja sogar sehr wahrscheinlich die junge Sängerin unten
im dunklen Boot über die Kühnheit und Hochherzigkeit ihres Gesanges und
wegen ihrer Fähigkeit, sich zu berauschen und zu begeistern, glühend
erröte, und dass ihre reizende jugendfrohe und süsse Wange vor Scham
über die Freiheit und über den Enthusiasmus des himmlischen gesanglichen
Ergusses heftig brenne. Königspalastähnlich wurde das Lied und wuchs zu
fabelhafter Grösse empor, dass man Prinzen und Prinzessinnen auf
herrlich geschmückten Pferden vorübertanzen und -galoppieren zu sehen
meinte. Alles verwandelte sich in tönendes Leben und in eine tönende
Schönheit, und die ganze Welt erschien wie die Liebenswürdigkeit selber,
und am Leben, am menschlichen Dasein gab es nichts mehr auszusetzen.
Ganz besonders anziehend und schön war, wie das Mädchen so ihre zarte
Seele singend preisgab, alle ihre Geheimnisse öffnete, hoch über sich
selbst und über ihre Zurückhaltung, über alle anerzogene Sittsamkeit
hinwegdrang, alles Denken und Sehnen offen aussprach, dass es, Heldinnen
gleich, wie eine Gestalt in die Luft hinaufragte. Der Kampf, den das
zarte Wesen mit der Schüchternheit und mit dem alltäglichen Benehmen
kämpfte, ergab die schönste Klangfarbe, und auf den schamhaft-stolzen
Klang lauschten, wie bereits gesagt, mehr Leute, die alle bedauerten,
dass das Lied nun nach und nach in der Ferne sich verlor.
Die italienische Novelle.
Ich habe starke Ursache, mich zu fragen, ob eine Geschichte gefallen
wird, die von zwei Leuten oder Leutchen, nämlich von einem reizenden
netten Mädchen und von einem in seiner Art mindestens ebenso netten
braven guten jungen Mann berichtet, die im schönsten und innigsten
Freundschaftsverhältnis zu einander standen. Die zärtliche und
leidenschaftliche Liebe, die sie gegenseitig fühlten, glich an Hitze der
Sommersonne und an Reinheit und Keuschheit dem dezemberlichen Schnee.
Ihr beidseitiges liebenswürdiges Vertrauen schien unerschütterlich, und
die feurige unschuldige Neigung wuchs von Tag zu Tag wie eine
wundervolle farben- und duftreiche Pflanze. Nichts schien den
allerholdesten Zustand und das allerschönste Zutrauen stören zu können.
Alles wäre schön und gut gewesen, wenn nur der brave gute liebe und
junge Mann die italienische Novelle nicht so gut gekannt hätte. Die
exakte Kenntnis jedoch von der Schönheit, Pracht und Herrlichkeit der
italienischen Novelle machte ihn, wie der aufmerksame Leser sogleich
erfahren wird, zum Schafskopf, raubte ihm für eine Zeitlang die Hälfte
des gesunden Verstandes und veranlasste, zwang und nötigte ihn eines
Tages, morgens oder abends, um acht, zwei oder sieben Uhr zu seiner
Geliebten mit dumpfer Stimme zu sagen: »Du, höre, ich habe dir etwas zu
sagen, etwas, das mich schon die längste Zeit drückt, plagt und foltert,
etwas, das uns Beide vielleicht unglücklich machen wird. Ich darf es dir
nicht verschweigen, ich muss, ich muss es dir sagen. Nimm allen deinen
Mut und alle deine Festigkeit zusammen. Es kann sein, dass dich die
Kunde von dem Schrecklichen und Furchtbaren tötet. O ich möchte mir
tausend schallende Ohrfeigen geben und mir das Haar ausraufen.« Das arme
Mädchen rief angstvoll aus: »Ich kenne dich nicht mehr. Was quält, was
peinigt dich. Was ist es Schreckliches, das du mir bis dahin
verheimlicht und das du mir anzuvertrauen hast. Heraus mit der Sprache
auf der Stelle, damit ich weiss, was ich zu fürchten und was ich
irgendwie noch zu hoffen habe. An Mut, das Härteste zu dulden und das
Äusserste zu ertragen, fehlt es mir nicht.« -- Die so redete, zitterte
freilich vor Angst am ganzen Körper, und das Unbehagen verbreitete eine
tödliche Blässe über ihr liebreizendes, sonst so frisches und hübsches
Gesicht. »Vernimm«, sagte der junge Mann, »dass ich leider nur ein zu
gründlicher Kenner der italienischen Novelle bin und dass eben diese
Wissenschaft unser Unglück ist.« -- »Wieso das, um Gotteswillen?«,
fragte die Bedauernswürdige, »wie ist es möglich, dass Bildung und
Wissenschaft uns trostlos machen und unser Glück zerstören können?«
Worauf es ihm beliebte, zu erwidern: »Weil der Stil in der italienischen
Novelle an Schönheit, Saft und Kraft einzig dasteht, und weil unsere
Liebe keinen derartigen Stil aufzuweisen hat. Dieser Gedanke macht mich
trostlos, und ich vermag an kein Glück mehr zu glauben.« Beide guten
jungen Leute liessen zirka zehn Minuten lang oder etwas länger den Kopf
und das Köpfchen hängen und waren völlig rat- und fassungslos. Nach und
nach gewannen sie jedoch die Zuversicht und den verlorenen Glauben
wieder zurück, und sie kamen wieder zur Besinnung. Sie rafften sich aus
Trauer und Entmutigung auf, schauten einander freundlich in die Augen,
lächelten und gaben sich die Hand, schmiegten sich eng zusammen, waren
glücklicher und vertraulicher als je zuvor, indem sie sagten: »Wir
wollen nach wie vor trotz allen stilvollen und prachtvollen
italienischen Novellen Freude und Genuss aneinander haben und uns
zärtlich lieben, so wie wir einmal sind. Wir wollen genügsam und
zufrieden sein und uns um keine Vorbilder kümmern, die uns nur den
Geschmack und das natürliche Vergnügen rauben. Schlicht und ehrlich
aneinanderhängen und warm und gut sein ist besser als der schönste und
vornehmste Stil, der uns gestohlen sein kann, nicht wahr.« Mit diesen
fröhlichen Worten küssten sie sich auf das innigste, lachten über ihre
lächerliche Mutlosigkeit und waren wieder zufrieden.
Koffermann und Zimmermann.
Ein bekannter und rühriger Verleger, unternehmungslustig wie er war,
sagte eines schönen Tages zum Schriftsteller Koffermann: »Lieber
Koffermann, packen Sie sofort Ihren Koffer oder meinetwegen Köfferchen
und reisen Sie, ohne dass Sie sich vorher lange besinnen, nach Japan.
Haben Sie verstanden?« Der flinke und behende Koffermann, sogleich
entschlossen, den schmeichelhaften Auftrag auszuführen, besann sich
keine zehn Minuten lang, sondern machte sich auf die Beine, packte alle
seine Gedanken und Utensilien in seinen Handkoffer, stieg in den
Eisenbahnwagen und dampfte, reiste und fuhr ab nach dem berühmten und
sehenswerten Lande Japan. Der Verleger oder Verlagsmann telephonierte
einem mächtigen Zeitungsmann, er möchte so freundlich sein und es in die
Zeitung setzen, dass Koffermann seinen Koffer gepackt habe und nach
Japan abgeflogen und fortgeflutscht sei. Das las bald ein anderer
Verleger oder Verlagsmann und er forderte den Schriftsteller Zimmermann
auf, so rasch wie möglich zu ihm zu kommen, denn er habe ihm etwas
Wichtiges zu sagen. Zimmermann war gerade damit beschäftigt, eine
höfliche und weitläufige Ansprache an seine Katze zu halten, auch
schlürfte er Thee, und rauchte er eine Cigarette, als der Brief
anlangte, der ihm ankündigte, er solle zu seinem Verleger rennen, weil
ihm derselbe etwas Wichtiges zu sagen habe. Er zog seinen bessern Anzug
an, bürstete, säuberte, kämmte, wusch und verschönerte sich, wie es sich
schickte, und marschierte in aller Seelenruhe zu seinem Geschäftsmann.
»Lieber Zimmermann,« sagte derselbe zu Zimmermann, »ich weiss, dass Sie
ein ruhiger Mensch sind, der seine Ruhe liebt! Jetzt aber müssen Sie aus
aller Behaglichkeit heraus und mit der grössten Unruhe, Hast und
Schleunigkeit nach der Türkei fliegen. Koffermanns Verleger hat
Koffermann nach Japan entsandt, weshalb ich nun Sie, mein lieber
Zimmermann, nach der Türkei senden muss. Haben Sie begriffen?«
Zimmermann aber begriff nicht so leicht; er besass keine so leichte und
flinke Auffassungsgabe wie Koffermann. Er bat sich eine Bedenkzeit von
acht Tagen aus und ging wieder in sein Zimmer zurück, wo er sich ebenso
vergnüglich wie nachdenklich auf seinen alten Reisekorb setzte, der
unter der Last zu ächzen und zu seufzen begann, wie Reisekörbe bei
solcher Gelegenheit zu tun pflegen. Zimmermann, der seine Ruhe und
seinen stillen Aufenthalt im Zimmer liebte, war unfähig, von demselben
Abschied zu nehmen. »Ich bin unfähig, vom Zimmer Abschied zu nehmen,
auch ist mein Reisekorb alt, und es würde mir weh tun, ihn auf eine so
weite Reise zu schicken,« schrieb Zimmermann seinem Geschäftsmann, »ich
habe mir die Sache überlegt, und bitte Sie versichert zu sein, dass ich
nicht nach der Türkei reisen kann. Ich eigne mich nicht dafür. Ich bin
soeben in Gedanken eine halbe Stunde lang in der Türkei gewesen und habe
es dort sehr langweilig gefunden. Mit dem ehemaligen Königreich Polen
möchte ich es wohl eher probieren. Lassen Sie mich bitte Ihre Meinung
wissen. Ich gebe Ihnen acht Tage Bedenkzeit. Nach Polen passe ich
nämlich besser als nach der Türkei.« Der Verleger lachte, als er den
Brief las und sagte: »Mit Zimmermann ist nichts anzufangen.«
Der Flinke und der Faule.
Ich gestehe, dass mich die Erfindung der Geschichte, die ich hier
erzähle, die grösste Mühe gekostet hat, obwohl man vielleicht finden
wird, dass sie ein wenig läppisch sei. Sie handelt von einem faulen
Flinken und von einem flinken Faulen. Zu beachten ist, dass der Flinke
mit all seiner eichhornhaften Flinkheit weit hinter des Faulen grober
Faulheit zurückblieb, worüber er sich nicht wenig verwunderte, was recht
sehr zu begreifen ist. Das Seltsame und Bemerkenswerte an der
einfältigen und albernen Geschichte, die glücklicherweise nicht allzu
lange und breite Umstände macht, ist, dass der Flinke im Grunde der
Faule ist und der Faule im Grunde der Flinke, und zwar deshalb, weil der
Flinke eigentlich leider nur zu flink war und weil der Faule mit der
gesamten Summe seiner Faulheit sich glücklicher- oder unglücklicherweise
glänzend bewährte, indem er gar nicht flink und dennoch, im Grunde, viel
flinker war als der flinkste Flinke, während leider der Flinke mit dem
ganzen Reichtum seiner Flinkheit und Behendigkeit zwar durchaus nicht
faul und dennoch viel fäuler war als der fäulste Faule, was jedenfalls
recht sehr bedauerlich ist. Der Flinke übertraf freilich den Faulen an
regelrechter Flinkheit, aber er kam dennoch zu kurz und stand zuletzt
weit hinter dem Faulen, welcher, falls wir uns nicht gröblich irren,
freilich den Flinken hoch an Faulheit überragte, indem er faul war wie
die personifizierte Faulheit, dennoch aber lange nicht so faul und viel
flinker war, als der Flinke dachte, den er weit hinter sich liess und
prächtig besiegte, über welchen ausserordentlichen Umstand der
bedauernswürdige arme Flinke fast vor Schreck umkam. Dieses, mein bester
Leser, ist die Geschichte vom Flinken und vom Faulen oder vom Faulen und
vom Flinken, je nachdem du willst und wie es dir gefällt. Beurteile sie
milde, belache sie und zürne nicht allzustark ihrem Verfasser, dem sie
so fest im Kopf sass, dass er sich genötigt sah, sie niederzuschreiben,
um sie loszubekommen.
Der Maskenball.
Einmal gab es einen Maskenball, der von vielen lebenslustigen und
vergnügungsfröhlichen jungen Leuten besucht wurde, die sich alle hier
einfanden, um recht aus der Seele und aus vollem Herzen glücklich zu
sein, Sorgen und Kümmernisse auf ein paar Stunden zu vergessen, zu
lachen, zu tändeln und zu tanzen und sich frei und leicht zu fühlen wie
die ersten Menschen, die vom erbärmlichen Kampf ums Dasein und von der
traurigen Jagd nach dem Erwerb noch überhaupt nichts wussten. Herrlich
war der Anblick des von einem vorzüglichen Geschmack und von einem
feinen und zarten Kunstsinn dekorierten, blumen- und bändergeschmückten
Tanzsaales, dessen hohe Wände entzückende Wandmalereien deckten, die,
man kann sagen, von demselben Geist und von derselben Erfindung waren
wie die graziöse reizende Musik, die sommerregengleich von einem Podium
herab in den Saal und in den heiteren Tanztumult niederrieselte und
säuselte, damit die versammelten fröhlichen Menschen sich nach dem
schmeichlerischen wellenhaften Takt ihrer süssen und angenehmen Melodien
hin und her bewegten und drehten. Das tat denn auch alle Welt und es
war ein blitzendes, geschmeidiges Gewoge, das da durcheinanderwogte. Auf
die lächelnden Gesichter herab schimmerte der Strahl der Kerzen, deren
blendendes Leuchten den Saal zu einem Zauberpalast machte. Alles war
glücklich, alles lachte und scherzte. Neid, Bosheit und Missgunst und
noch manche andere üblen Eigenschaften und bösen Empfindungen hatten
keinen Einlass in das schöne Lokal gefunden, das lediglich von
Heiterkeit, Behagen und Lebensfreude widerhallte und widerstrahlte.
Jedoch waren alle Geräusche der Freude und des Vergnügens angenehm
gedämpft, wie wenn alle Teilnehmer lebhaft gefühlt hätten, dass selbst
im Rausch und im Entzücken der Mensch sich, aus Rücksicht und aus Liebe
für seinen Mitmenschen, Zügel auferlegen muss, um die allgemeine
Schönheit und das allgemeine Gefallen nicht zu verletzen. Gelächter
vermischte sich mit Gläsergeklirr, das wie Silber an den Wänden
widertönte. Schelmische Witze wurden gerissen, die niemanden
beleidigten. Nur Dummköpfe und eitle hochmütige Menschen ärgern sich
über einen guten Witz, der so gut ein Recht zu existieren hat wie der
düstere, bittere Ernst; denn der liebe Gott gab uns nicht umsonst die
liebenswürdige Fähigkeit, zu lachen und den Dingen die heitere und
lustige Seite abzugewinnen.
Solche Paare, die von der Anstrengung des Tanzens müde waren, zogen sich
für eine Weile, um recht behaglich auszuruhen und sich an allerlei
Erfrischungen zu erlaben, aus dem Getümmel in irgend eine reizend
versteckte grüne weiche Plaudernische zurück, während andere Paare
frisch sich in das anmutige Gewoge stürzten. Hier sah man Einen vor der
Dame seines Herzens leidenschaftlich niederknien. An einer andern
Stelle wieder suchte ein Tänzer seine entschwundene, im Gewirr
verlorengegangene Tänzerin. Andern Ortes wieder erteilte eine Schöne
ihrem bisher so dienstfertigen Galan und Ritter urplötzlich den
Abschied, dass ihn die Bestürzung, in die er sich unvermuteterweise
geworfen sah, zittern machte, und ihm die grausame Enttäuschung die
Gesichtszüge verzerrte.
Colombine, so nannte sich eine übermütige schelmische Tänzerin, die mit
ihrer ans Unglaubliche grenzenden Tanzkunst die Bewunderung aller derer,
die sie sahen, hervorrief. Sie tanzte ganz allein, als wenn es keinen
Tänzer gegeben hätte, der fähig gewesen wäre, sie mit einigem
gleichmässigem Geschick zu accompagnieren. Und doch gab es einen! Aber
von diesem tollen Burschen reden wir später. Einstweilen neigen wir uns
voll Staunen und Mitleid zu einem armen Narren herab, der, einer Statue,
einem Steinbild ähnlich, in einem Winkel des Saales am Boden kauerte, wo
er sich auf die ausgiebigste Art mit düsterer Philosophie, mit
schrecklicher Betrachtung des Lebens abzugeben schien, ganz in Trauer,
in Wehmut und in tödliche Melancholie gehüllt. Tausenderlei giftige
Spitzfindigkeiten schienen den armen unglücklichen Menschen in diesen
Zustand der Gebrochenheit und Zerrissenheit versetzt zu haben. Pierot
oder Mehlmann hiess er, und er glich auf gewisse Art dem tödlich
verwundeten Helden, der das Gefühl hat, dass er verbluten muss. Sein
eigenes krankes Wesen war es vielleicht, das ihn hier im verlassenen
Winkel an den Boden niederstreckte. Des armen tragischen Narren Wangen
waren mit Mehl bestreut. Seine Lippen waren rot wie Rosen, aus seinen
jungen dunkeln Augen drang ein unnennbarer Seelenschmerz, und die
gefärbten Lippen lächelten ein graziöses und verzweifeltes Lächeln.
»Schade um den jungen Mann!« musste der ausrufen, der ihn sah, aber es
beachtete ihn niemand, dessen Kopf ein zierliches Dummkopfkäppchen
schmückte, dass der Schmerz und der Gram noch lächerlich aussahen und
der Hoffnungslosigkeit, dem Leid noch der Ausdruck frivoler Dummheit
anhaften musste. Warum kam er hierher, wo alles lachte und tanzte? Was
bezweckte er mit seinem unerfreulichen Auftreten? Was hoffte er von
seiner Erscheinung? Vielleicht war er ehmals fröhlich gewesen. Jetzt
aber war er todesmüd und matt. Denn von der Lebensmüdigkeit, die ihn
erfüllte, redete die Sterbensblässe, die ihn bedeckte, deutlich. Wer
versetzte ihm den Stoss? Sein eigener verderblicher Charakter selber?
Hm! Kann sein.
Angenehm oder unangenehm bemerkbar machte sich auf dem Maskenball durch
ein höchst lächerliches Gehaben und Gebaren, das ihn zum vollkommenen,
ganz und gar in der Schafsköpfigkeit ertrunkenen Schafskopf stempelte,
ein zweiter und zwar ältlicher, sehr soignierter Narr. Vorhergehender
Narr war sozusagen ein ernster Narr. Dieser aber gehörte zu der
Kategorie der fraglos lächerlichen Narren. Himmlisch war der hohe,
steife, feierliche Hut auf seinem ausgesprochenen Pantoffelheldkopf.
Seine enorme Krawatte war grasgrün, seine gebogene lange Nase
gesprenkelt mit roten und weissen Tupfen. Fabelhaft lächerlich war sein
Beinkleid, mit welchem er offenbar zu imponieren hoffte. Die Handschuhe,
die er trug, waren knallgelb und sein ganzes Auftreten zeugte von
verblüffender Geschmacklosigkeit. Der Herr hiess Pantalone oder
Hosenmann und wie es sich herausstellte, war er fürchterlich verliebt,
der alte Racker, und zwar in wen?, ei ja doch, in die reizende
Colombine, für die er ein verliebtes süsses Liebesbriefchen in der
Tasche trug, um es der Schelmin bei günstiger Gelegenheit in der
Einbildung zu übergeben, die ihm vorschwindelte, dass das schöne junge
Mädchen Gefallen am alten, aber freilich schwerreichen Gecken finden
werde, sobald der alte Torenknabe nur seine Börse öffnen würde. Hui!
aber das Liebesbrieflein mit den üblen Anspielungen flog ihm um die Nase
und wurde in tausend kleine Fetzen zerrissen, die wie Schneeflocken
herumwirbelten, und Pantalone musste mit samt seinem gravitätischen
imposanten Spazierstock gütig abspazieren und noch dazu eine ganze
Salatschüssel voll Gelächter und spöttischer Bemerkungen aufessen.
Ausgelacht und fortgeschickt zu werden ist wahrhaftig kein Leckerbissen.
Drohungen ausstossend und Augen wild rollend verliess Hosenmann den
Tanzsaal, und die Grazien riefen ihm nach: »Auf Nimmerwiedersehen.«
Wir haben den tiefernsten und trauervollen Narren und dann den eitlen,
albernen und spiessbürgerlichen Narren gesehen und wenn uns diese beiden
interessiert haben, so wird uns gewiss nicht minder der dritte, nämlich
der fröhliche kecke und übermütige, der schöne und glückliche Narr
interessieren, das Ideal des Maskenballes, Hanswurst oder Harlekin mit
der spitzbübischen frechen Pritsche, mit welcher er, leise alle Menschen
neckend, im Saal herum tanzte, indem er alle, die ihn sahen, durch seine
unschuldige antiloppenhafte Fröhlichkeit und Lustigkeit in helles
Entzücken setzte. Sein leichtes Kleid oder Gewand klebte ihm nur so am
jugendlich-schönen tänzerischen und turnerischen Körper, der die
gewagtesten und zugleich anmutigsten Bewegungen ausführte, dass es eine
Freude war, ihn tanzen und tändeln zu sehen. Dieser Bursche war der
erklärte Liebling aller und er war im besondern der Geliebte der schönen
Colombine, die mit ihm in treuer Anhänglichkeit und Liebe starb und
lebte. Ihre Augen verfolgten jeden Augenblick seine liebenswürdige
Gestalt, die bald erzkomisch stillstand, als sei Harlekin oder Hanswurst
ein rechter Trottel, die aber bald wieder wie eine durch keinerlei
Schwergewicht gehemmte Engelsgestalt sich vom Tanzboden loslöste und
alsdann Wunder der Tanzkunst verrichtete, bald einem eilfertigen artigen
Windhund, bald einem Wiesel, bald einem Eichhörnchen glich und immer
voll bildhafter Schönheit war. Flog Hanswurst am schwermütig träumenden
und kauernden armen Pierot vorbei, so versetzte er ihm mit seiner
Narrenpritsche einen leichten kameradschaftlichen Schlag auf die
Schulter und sprach flüchtig zu ihm: »Komm, sei doch vernünftig, du
dauerst mich.« Hanswurst, dieser tolle Bursche, der mit seinen
geschmeidigen Beinen alle Schwere und allen Erdenernst verspottete, war
in seinem witzigen Übermut so schön, und in all seiner Ausgelassenheit
so treuherzig, dass niemand im Saal auf den Einfall kam, ihm sein
lustiges Wesen übel zu nehmen, vielmehr befreundete sich jedermann im
Augenblick mit ihm, und es hatten ihn alle von Herzen gern. Aber der
liebe Bursche selber auch hatte ein Gefühl und ein Herz und ein Denken
für alle, das sahen und fühlten alle. Indem er witzelte und tändelte,
blieb er immer eine freundliche und angenehme Erscheinung, und indem er
lustig war, belustigte und ergötzte er die andern. Seine bildhübsche
Gestalt und seine scherzhafte Einfalt verbreiteten tiefe Rührung, und
wenn er in die Luft emporflog und tanzte, war er gross und bedeutend.
Sein Glück machte alle andern glücklich. Sein Anblick war zugleich
unterhaltend und wohltuend. Indem Hanswurst an sich selber und an sein
eigenes Vergnügen dachte, wollte es der Geist, der ihn trieb, und der
eigentümliche Umstand, dass er an alle andern dachte und dass er die
Ursache vom allgemeinen Vergnügen war.
Die Verlassene.
Eisig kalter Wind brüllte und sauste durch die düsteren Strassen.
Unbarmherziger Wind, und alles war finster, hoffnungslos und düster.
Alle guten Eingebungen und alle guten Gedanken waren mir verloren, und
ich selbst war verloren. Alles Gute, Milde und Schöne war hoffnungslos
verloren. Die Seele war verloren. Alles kalt und tot, und die Welt
gestorben. Alles Leben, alle Liebe und alles gute Denken waren wie vom
finster brüllenden und tosenden Wind verschlungen, der wie ein
gefrässiges Ungeheuer durch die hoffnungslosen, öden und leeren Strassen
stürmte. Behaglichkeit und Geselligkeit waren wie für immer von der Erde
verschwunden. Befriedigung und Freude schien es von nun an keine mehr
geben zu können. Die langen Strassen voll scheusslicher Freudlosigkeit,
voll entsetzlicher Leere zogen sich ins Ungeheure, ins Namenlose, ins
Unendliche und ins Unfassbare hinaus, und endlos schienen
Hoffnungslosigkeit und Lieblosigkeit zu sein. Kein Stern und kein
freundlicher Mond waren am Himmel, das Furchtbare und Schreckliche war
zur gähnenden Wirklichkeit geworden, und das Gerechte, Gute, Sanfte, ach
du grosser Gott im Himmel, war nur noch ein bleicher, müder,
nebelhafter Traum, wert, dass man ihn matt belächle. Und die Menschen
waren arme, bleiche, kranke, sturmgejagte, ins Entsetzen
hineingepeitschte Sklaven. Niemand traute mehr dem Andern. Nachbarliebe
und Güte waren verschwunden, verloren, und die Wohnhäuser waren
Schreckens- und Entsetzenshäuser, Stätten des erschütternden Hasses und
des vernichtenden Mordes. Wild stürmte ich dahin, gejagt und getrieben
von wilden Gewissensbissen, von schrecklicher Vorwürfen ungeheuerlich
lodernder Feuersbrunst. Alles war verloren, ich hatte keinen einzigen
guten Gedanken mehr. Arm und elend war ich, wie nie zuvor. Zerrissen im
Innersten war ich, wie nie zuvor. Unglücklich, arm und elend, o, dass
ich es noch einmal sage, war ich, wie nie zuvor. Der Sturmwind riss mir
den Mantel empor, dass er sich über meinem Kopfe hochauftürmte, und ich
glich auf der finstern mitternächtlichen Strasse in all der Finsternis
und Düsternis dem fürchterlichen König Richard, dem ewigen Juden und dem
Mörder Paricida. Ich war betrogen worden und war wieder selber Betrüger,
ich war belogen worden und log wieder selber. Die Menschen hassten mich
und ich hasste, verachtete die Hasser und Verächter. Sie hatten mich
verraten und an den Verrätern übte ich selber wieder traurigen Verrat.
Ein unendliches Sehnen nach Einfachheit, nach reiner Sitte, nach Treue
und Liebe, nach Treuherzigkeit und nach Vertrauen, jagte mich umher, bis
ich endlich ein trauriges verwahrlostes Armutshaus fand, in das ich
eindrang.
Obwohl das Haus einem Schlupfwinkel für Räuber und Verbrecher glich,
trat ich dennoch ohne das geringste Zögern und mit guter Zuversicht
hinein, denn ich musste mir sagen, dass ich nichts mehr zu verlieren
hatte. Die verhärtete, eisenfeste, hoffnungsarme Seele war auf alles
Schreckliche und Hässliche nur zu lang schon gefasst. Nicht von Ferne
erwartete ich mehr irgend etwas Gutes und etwas Schönes. Kälte
ringsumher und Kälte mitten im eigenen Herzen. Ich stieg das armselige,
verwüstete, finstere Treppenhaus empor, auf einem Treppenabsatz kauerte
ein armes junges Mädchen, dessen Haar ich mit der Hand streifte. Die
Treppe war in ihrer ächzenden, stöhnenden, krachenden Verlottertheit
furchtbar, denn mir war es, indem ich sie betrat, als sei sie die letzte
aller Treppen, die Treppe, die zur Vernichtung, zur Verzweiflung, zum
verzweiflungsvollen Selbstmord führen müsse. Trotzdem stieg ich empor,
und ich erinnere mich, dass mir das elende Herz vor Bangigkeit zum
Zerspringen klopfte und dass ich nach jedem kleinen Schritt innehielt,
um mit angespannter Sorgfalt in all die Leere und in all die grausame
kalte Finsternis hinein zu horchen und zu lauschen, aber es bewegte,
regte, rührte sich in all der Entlegenheit und Einsamkeit nicht das
Mindeste. Alles war totenstill im schrecklichen Haus der Armut. Im
Bauche eines schlummernden Ungetümes konnte es nicht lautloser und
stiller sein.
Über die Wohnungstüre, an die ich endlich im Dunkel tappte, muss ich
noch besonders reden, denn sie war nicht wie irgend eine andere
beliebige Türe, sie war offen! Sonst sind Türen sorgfältig verschlossen,
ja sogar manchmal oder vielmehr häufig, ängstlich zugeriegelt. Diese
Türe hier war nur nachlässig angelehnt, so als verlohne sich in der
ganzen Welt in Zukunft infolge überhandnehmender Gleichgültigkeit und
Herzlosigkeit keinerlei Treue und behutsame Aufmerksamkeit und Sorgfalt
mehr und so, als sei in Zukunft im menschlichen Leben alles, alles
gänzlich gleichgültig, und so, als sei alles, alles lebensüberdrüssig,
müd, abgestumpft, ruchlos, kalt und gleichgültig, und so, als sei es
gleich geworden, ob noch ein Leben vorhanden sei oder ob alles tot,
nackt und zerrissen sei, und ferner so, als sei jede feinere, zartere
Gemütsbildung ein Ding der Undenkbarkeit und etwas völlig
Nebensächliches und Überflüssiges geworden, und zuletzt so, als freute
sich die geknickte, zertretene und entmenschte Menschheit gar noch über
ihre Verwahrlosung, über ihre Zerstückelung und über die Verwüstung.
Wüste hier und Wüste dort, doch das macht nichts. Es ist ja jetzt alles,
alles, alles gleichgültig ... So ungefähr redete die wüste, müde,
traurige Türe, die ich nicht zu öffnen brauchte, weil sie bereits offen
war. Eine solche Türe hindert niemanden, in eine Wohnung einzudringen,
und so drang ich denn in den Korridor hinein, Schritt für Schritt,
äusserst behutsam und vorsichtig, und bei jedem Schritte fleissig
lauschend.
Vorhin die elende, traurige Treppe, dann die Türe, die nicht minder arm
und elend war, und jetzt der dumpfe kalte Korridor, der ebenso arm, öd
und elend war wie Treppe und Türe, ich selbst angestrengt auf das
hervortretende Schrecknis lauschend, auf dessen Erscheinen ich gefasst
war, weil ich mir sagte, dass an solchem Ort nichts anderes als
Schreckliches zu erwarten sei, mein Dastehen in der entsetzlichen
Erwartung dessen, was jetzt kommen musste: Ich darf wohl sagen, dass es
einigen Mut brauchte, um den sinkenden, zusammenstürzenden Mut noch
einigermassen aufrecht zu halten und in dieser Öde auszuharren, in
diese Wüste und Öde weiter einzudringen. Plötzlich jedoch zitterte ein
süsser zarter Lichtschein aus einer Ritze mir entgegen, und ich glaubte
eine schöne hohe gelinde Liebesmelodie zu vernehmen von weit, weit her
und doch auch wieder aus allernächster Nähe. Ich öffnete eine Türe und
stiess einen Schrei des Entzückens, der entzückenreichen Überraschung
aus. In einem lichten schönen warmen Zimmer oder Gelass sass eine Frau,
und ich kannte sie von früheren Zeiten her und jetzt tönte von allen
Seiten her frohe Freuden- und Trostmusik. Wie von allen offenen blauen
Himmeln herab rauschte und rieselte das goldene, heitere Konzert, und
Wälder, Wiesen und Felder schienen mir mit einmal nah, ich sah alle
schönen, guten, befriedigenden lieben Farben, und die schöne Frau, die
wie ein Engel aussah, lächelte mich freundlich und liebreich an, als sie
mich elenden armen Wanderer, Umhergetriebenen erblickte. Alles war
plötzlich wieder gut, eine sonnige, wonnige Jugendkraft stürzte über
mein Wesen, und ich vergass mit einmal allen Gram, und alles Elend,
aller Unglauben waren mit einmal dahin. Ja doch, das war der wunderbare,
wenngleich düstere Ort, wo ich die herrliche Verlassene wiederfand, der
Ort der Einsamkeit, wo ich die schöne Verlassene wiedersah. Das war sie,
die himmlische Ausgestossene, die wunderbare Verfehmte, die himmlisch
schöne Einsame und Verlassene. Ich eilte, hinreissendem Antrieb
gehorchend und mich zu der schönen Bewegung beglückwünschend, zu ihr
hin, zu der Frau, die hier in der Verstossenheit und in der Verfehmtheit
hauste und kniete vor ihr nieder, und die Entzückende schaute mich gütig
an. -- Sie tat nicht fremd. Ich war ihr gut. Ich war ihr recht. Sie
zeigte sich über meine Gegenwart erfreut, und das freute mich unendlich.
Die Mörderin.
Es fällt mir ein, dass ich neulich mit einem Landwirt über den Berg
ging. Wie wir so von allerlei Dingen plauderten, trat uns auf der
Strasse, mitten im hübschen Bergdorf, eine stämmige Frau entgegen. Diese
Bauernfrau war mir durch weiter nichts als durch ihre feste kerngesunde
Erscheinung aufgefallen. Näher war mir nicht eingefallen, sie zu
betrachten. Als die Frau an uns vorübergegangen war, hielt es der Wirt
für erlaubt (worin er ganz recht hatte) die ruhige Bemerkung zu machen:
»Der Frau, die da soeben an uns vorüberging, haben Sie gewiss nicht
angemerkt, dass sie fünfundzwanzig Jahre Zuchthaus hinter sich hat.«
Erstaunt fragte ich: »Warum?« Mein Wirt beeilte sich mit Aussagen in
keiner Weise. Es verging eine Pause, nach deren Verlauf er sagte: »Sie
hat einst ihren Mann totgeschlagen.« Entsetzt erkundigte ich mich nach
den näheren Umständen. Wieder schwieg der Landmann, der über den Berg
ging, um seine Matten zu beschauen, eine kleine Weile, worauf er mit
sonderbarer Behaglichkeit, als sei er ein überlegener Erzähler, und als
erzähle er eine halbverschollene Ballade oder Schauergeschichte,
Folgendes vorbrachte: »Eines Morgens trat sie mit einer Hacke oder Karst
in der Hand in das Schlafzimmer ihres Mannes, der im Bett lag. Als
derselbe die Augen aufmachte und sie so sah, fragte er, weil ihn
offenbar die Hacke erschreckte: »Was willst du hier im Zimmer mit der
Hacke?« Darauf erwiderte die Mörderin: »Das will ich dir eben jetzt
zeigen.« Mit diesen furchtbaren, gewissermassen trocken-humoristischen
Worten, holte sie zum Schlag aus und schlug ihm den Kopf ein.« Ich bat
den Wirt, mir zu sagen, weshalb die Frau eine so grässliche Tat verübt
habe. »Es ist nicht bekannt«, antwortete er, »man hat es vergessen.
Möglich ist, dass der Mann ein Trinker war, der nicht schaffen wollte
und damit seine Ehefrau in die Erbitterung trieb.« Da ihn seine
Absichten einen andern Weg als den, den ich verfolgte, gehen hiessen, so
verabschiedete er sich, und ich ging allein weiter, indem ich über das
Verbrechen noch allerlei stille Betrachtungen anstellte und mich
besonders über das gute unbefangene Aussehen der Frau wunderte, die wir
so still und ohne alles Auffallen an uns hatten vorbeigehen sehen, als
sei sie nicht sie selbst, sondern eine beliebige Andere, nicht eine
Mörderin, sondern irgend eine wackere rechtschaffene fleissige Frau.
»Erstaunliche Kraft muss jedenfalls in ihr liegen«, dachte ich, »eine
Untat und fünfundzwanzig Jahre Zuchthaus und von allem dem nicht das
geringste Kennzeichen zu offenbaren: Welche Summe von Unbeugsamkeit.« --
Die Brüder.
Darf ich dich, o du Guter, leise und gewiss ganz zaghaft an die Zeit
erinnern, wo wir Beide, du als beginnender schaffender Maler und ich als
heimlich beginnender angehender Poet, uns mit unserer jugendlich
anstrebenden Kunstburschen- oder Kunstlehrlingschaft und was alles
hübsch damit zusammenhing, zu S.... aufhielten? Meines Wissens schrieb
und schickte ich dir, bevor ich in Person bei dir anlangte und
auftauchte, ein ziemlich langes Sehnsuchts- und Freundschaftsgedicht,
das du empfingest und mit Genuss lasest. Himmlisch dünkt mich das, wenn
ich daran denke, obgleich es natürlich zum Lachen ist. Göttlich schön
und gross ist es, junge Wangen und junge Lebensanschauungen zu haben,
ein unaussprechliches Sehnen nach dem Leben zu empfinden und achtzehn
Jahre alt zu sein, denn ungefähr so alt waren wir damals beide. Herrlich
kamen mir die Residenzstadt S.... und du selbst vor; du warest in den
Augen des frischen Ankömmlings nichts geringeres als ein imposanter
Haupt- und Weltstädter. O wie sind jugendliche Unwissenheit und
Unerfahrenheit schön! Was Gutes und Schönes erwirbt man denn eigentlich
mit der Erfahrung? Sehr viel Wertvolles sicher nicht. Du geleitetest
mich freundlich durch die Strassen in eine gewisse Gerbergasse hinein
und dann hinein in die berühmte und sicher uns allen beiden
unvergessliche Herberge zur Heimat, wo wir gemeinsam ein Zelt
aufschlugen oder mit andern Worten eine Stube bezogen, um
gemeinschaftlich darin zu wohnen und zu hausen, was sicher nur unser
Vorteil und nicht unser Nachteil war. Entzückend, so schwöre und
behaupte ich, sind erste kühne Künstler-Flugversuche, die mit öfteren
Abstürzen verbunden sind. Aber ist das Hüte aus dem Fenster hinaus- und
auf Passanten in die Strasse herabwerfen nicht vielleicht noch fast
schöner als alles Malen, Musizieren und Dichten? Waren wir nicht im
Hutwerfen erlesene erste Meister und wahre dämonische Virtuosen, und sah
sich der gute freundliche Wirt oder Herbergsvater nicht genötigt, uns
vor Fortsetzungen des reizenden Unfuges väterlich zu warnen? Ach es ist
vielleicht, von einem gewissen Gesichtspunkt aus gesehen, hundert-, wenn
nicht gar tausendmal schöner, seinen oder seines Bruders Hut aus dem
Fenster fliegen und wirbeln zu lassen, damit Vorübergehende unten
staunen, als ein vollendetes Gedicht zu schreiben, damit das liebe
Publikum staune. Gab es nicht in unserer Kunststube eines schönen Tages
einen überraschenden Hofpredigerbesuch, über den wir Beide einen Monat
lang lachten? Ich stand gerade nackt da, dir als Modell zu einem Cäsars
Leichnam beweinenden Markus Antonius dienend, als die Türe des Studier-
und Aktzimmers unerwarteterweise aufging und dicht und urplötzlich vor
uns strebenden armen Sündern wer stand? Der Herr Hofpfarrer. »O Gott,
was muss ich mit meinen Augen erblicken? Was geht hier vor?« rief er aus
und trat unverzüglich den Rückzug an, der in wilde Flucht ausartete. Wie
gab uns das Entsetzen des guten Herrn, der künstlerischen Übungen
offenbar fremd gegenüberstand, zu lachen. Lebten wir zwei Jünger und
Brüder, Neulinge, Anfänglinge und Novizen nicht wie auf einer reizenden
Freundschafts- und Verbrüderungsinsel, auf der alles gut und schön und
sorglos ist, wo in ununterbrochenem freundlichem Gelispel und Gesäusel
und in einem fortwährenden süssen Frieden die lebendigen Geschöpfe sich
des zutrauenreichen, gütigen Daseins erfreuen, Himmel und Erde und
Kreatur zusammengewachsen sind, und wo der Mensch so harmlos und
gutherzig wächst und hinlebt vom Tag in die Nacht und von der Nacht in
den Tag hinein wie die duftenden Blumen, die Pflanzen und die treuen
guten Bäume. Wateten wir nicht ganze schöne Sonntage und sonstige Tage
lang im üppig-grünen Landschaftsgras und in der göttlich weichen,
träumerischen Mai-Landschaft umher, um dann da und dort unter blühenden
Apfel- und Birnenbäumen vom Streifen und »Landschaften«, vom schwierigen
Malen und Versemachen köstlich auszuruhen, wobei wir oft einzuschlummern
geruhten wie Grafen und Fürsten, um später wieder zu erwachen wie
Prinzen? Wir lasen noch nicht Verlaine, aber wir lasen dafür doch
Heinrich Heine und Uhland, und die mundeten und schmeckten uns nicht
schlecht. War nicht auch das freie gliedererfrischende Baden im Neckar
herrlich und beglückte uns nicht in Dorfgasthäusern der Genuss von
Birnenmost? Wenn wir vom kühnen Ausmarsch grässlich staubig und hungrig
wieder in unsere Herberge zurückkamen, so bestellten wir ja bekanntlich
jeweilen je einen Rostbraten mit gemischtem Salat für die Wanderer und
Herren Gebrüder, worüber die ganze Stube höchlich staunte. Soupieren und
dinieren grosse und reiche Herren reicher und besser als wir Zwei
damals? Das finde ich sehr fraglich, denn für uns war der Rostbraten ein
Götterschmaus nach trefflich überstandenen Wanderanstrengungen. Wie ist
es schön, arm und jung und unbekannt zu sein. Wie gerne gäbe mancher
Schwerberühmte seinen Ruhm und all sein Ansehen für einen Achtel oder
auch nur Achtzigstel, für einen Drittel oder Dreissigstel des
Jugendzustandes her. Die Jungen sehnen sich nach Ehre, Ruhm, Erfolg und
Ansehen, aber die Berühmten und die Mächtigen sehnen sich wieder in das
arme wilde Jugendsehnen und in das heisse beglückende Ringen mit der
Existenz zurück. Der Erfolg macht nicht glücklich, aber es muss ja eine
Arbeit und ein Streben auf dieser armen, widerspruchsvollen Erde sein.
Es muss ja einen Ruhm und einen Reichtum geben, aber Ruhm und Reichtum
vermögen nur niedrige und flache Seelen zu beglücken. Es muss auf dieser
Erde ein ewiges Auf und Ab und eine ewige Niebefriedigung sein. Ist
nicht auch dir, ganz so wie mir, die Gestalt der gütigen,
liebenswürdigen Opernsängerin B... in Erinnerung geblieben, die die hohe
Freundlichkeit hatte, uns zwei doch sicher ziemlich arme Teufel, wahre
Muster und Vorbilder an Unbeachtetheit, zu einem graziösen
schöngeistigen Tee huldreich einzuladen? Sprangen und liefen wir nicht
eine Zeitlang fast allabendlich mittels uns vom gnädigen und freigebigen
Freiherrn-Intendanten gütig verabreichten und freundlich gegönnten
Freikarten in das schimmernde Hoftheater, wo wir unter zahlreichen
andern reichen Stehparterregenüssen den Genuss hatten, die Eysoldt als
zierliche Desdemona und den kraftvollen Matkowsky als dieselbe im Sturm
der Mohreneifersucht tötenden und abmordenden Othello zu sehen, und gab
es für uns etwas Höheres und Schöneres als das? Nicht von ferne! Und die
dürren oder gedörrten Zwetschgen, die wie unglückliche arme Ertrunkene
auf dem Mittagstisch im Teller voll Wasser schwammen, könnte es denkbar
sein, dass du sie vergessen hättest oder dass du sie je würdest
vergessen können? Ebenso des knorrigen Betknechtes und -Bruders Knoop
schrille Andachtstimme und Worte? Was vermöchtest du mir
entgegenzustellen, wenn ich auf die Tribüne der Beredsamkeit stiege und
laut sagte, dass nach dem Gefühl derjenigen, die vermöge einer
erreichten Altersstufe in das abendsonnen- und morgensonnenbeschienene
Land der Vergangenheit blicken, vergangene schöne Stunden ein Heiligtum
seien? Ergreift nicht dich auch Rührung bei dem Gedanken an das
fröhliche Frühe, an das heitere Einst?
Schüler und Lehrer.
Ein Lehrer, den seine Schüler um seines lebhaften Wesens willen
hochachteten und lieb hatten, ertappte eines Tages in der Stunde einen
von denselben bei einer Schlingelei, worüber er ausserordentlich zornig
wurde. Der Schüler, der das Unglück hatte, seines Lehrers Unmut in so
hohem Mass auf sich zu lenken, war bis dahin der Lieblingsschüler des
Mannes gewesen, den er unvorsichtigerweise tief gekränkt hatte, aber von
nun an war er in des Lehrers Augen ein Abscheuling, den derselbe Tag für
Tag vor der ganzen Klasse grausam herabsetzte und erbärmlich
verprügelte, eine Behandlung, die der Erzürnte dem armen Jungen
versprach pünktlich und getreulich fortzusetzen. Zweifellos hatte der
Lehrer einen persönlichen Hass auf ihn geworfen, und der Erwachsene ging
hierin dem Kleinen gegenüber zu weit. Der Knabe, der sich so urplötzlich
aus dem weichen Sitz des Wohlwollens auf die harte Bank der Ungnade
herabgeworfen und sich so unvermutetermassen vom gepriesenen Schüler in
einen notorischen Bösewicht verwandelt sah, wusste sich nicht zu helfen.
Nachdem er indessen durch Wochen so tapfer als er vermochte, das
traurige Los eines gesunkenen Bevorzugten und die damit verbundene
grausame und verachtungsvolle Behandlung ertragen hatte, griff er eines
Tages, vom Bedürfnis gedrängt, eine Veränderung der schier
unerträglichen Lage herbeizuführen, zur Feder und schrieb an seinen
grimmigen Verfolger und Peiniger Folgendes: »Ich kann mich, da ich
meinen lieben Eltern kein Geständnis machen darf, weil ich ihnen nicht
zu den vielen Sorgen, die sie haben, noch eine neue bereiten will, an
niemand anderes als an Sie selber wenden, um zu versuchen, ob es mir
möglich sei, wieder einige Gunst von Ihnen zu erlangen. Vielleicht wird
dieser Brief Sie veranlassen, aufzuhören, mich mit Schmach zu bedecken.
Da ich, wie ich bereits sagte, meinen Eltern mein Leid nicht klagen
kann, so klage ich es Ihnen. Da ich diejenigen nicht bitten will, mich
in Schutz zu nehmen, die mich lieben, so trage ich die Bitte dem vor,
der mich hasst und an mir seinen Zorn auslässt. Also bitte ich den um
Schutz, dem ich schutzlos preisgegeben zu sein scheine und ersuche den
um Schonung, der, weil er sich durch mein Betragen beleidigt fühlt,
schonungslos mit mir verfährt. Ich habe den Mut, wie Sie sehen, dem mein
Leid zu klagen, der es mir zufügt und dem meinen Schmerz anzuvertrauen,
der ihn verursacht. An der Schule habe ich keine Freude mehr.« Der
Lehrer, dem der Inhalt des Briefes allerlei zu betrachten und zu
bedenken gab, verhielt sich gegenüber dem Schüler von da an wieder
milder.
Sohn und Mutter.
Ein liebes, gutes Mütterchen, wahrhaftig: ich meine, man sollte ihr ein
Denkmal errichten! führte durch fleissige Sparsamkeit und durch
nächtelanges, emsiges Nähen die schöne Möglichkeit herbei, dass ihr
Sohn, den sie fast wie einen Abgott liebte, die hohe Schule besuchen und
sich dadurch die beste Bildung erwerben konnte. Merke dir, lieber
aufmerksamer Leser, was nun geschah. Der grosse Sohn, Gegenstand der
mütterlichen Aufopferung, blitzendes Juwel und köstlicher Edelstein von
Sohn, machte freilich mit der Zeit so grosse Fortschritte, dass er in
jungen Jahren schon hoch hinaufkletterte und es zu einer Stellung
brachte, die ihm nicht nur erlaubte, die ihn vielmehr geradezu nötigte,
sich aufzublasen, hochmütiges Wesen kalt und nachlässig zur Schau zu
tragen und den grossen Herrn zu spielen, als welcher er sich rasch über
seine arme bescheidene Herkunft hinwegsetzen lernte. Vorzüglich dickes,
fettes und hochangesehenes Tier, wie man so sagt, fühlte er sich über
alle kleinen engen Nöte des täglichen Lebens erhaben, und mit der stets
höher und höher steigenden Wertschätzung der eigenen werten und
wichtigen Person vergass er den mütterlichen Menschen. Das arme gute
Mütterchen! Ei, die soll doch nur hübsch brav in ihrem Sorgen- und
Dachstübchen stillsitzen, denn derlei Personen kann man ja unmöglich in
die feine Gesellschaft einführen. In der hohen Atmosphäre und in den
glänzenden Verhältnissen, in denen Emporkömmlinge leben, redet
bekanntlich niemand ein Wörtchen über Kindesdankbarkeit und -Liebe. Von
schwüler, genussreicher Liebe wird dort wohl gesprochen, aber über
schlichte Liebe zuckt man bestenfalles mitleidig die stolze Achsel. Wenn
wir nun auch den Fall setzen und annehmen, dass der grosse Sohn sein
Mütterchen einmal habe besuchen wollen, so müssen wir doch sogleich
bedenken, dass ein solcher Besuch unmöglich war, weil der Vortreffliche
ja für den Eintritt in die Armutstube durch den engen ärmlichen Rahmen
der bescheidenen Stubentüre viel zu breit und breitspurig, viel zu dick
und zu geschwollen, viel zu stolz und zu reich war. Für den Stolz und
für den Hochmut gibt es Palast- und hohe breite Salontüren. Mehr zu
sagen, ist wohl überflüssig, und man wird schon verstehen, wie ich es
meine. Der Weg zum Mütterchen und damit zur menschlichen Bescheidenheit
war und blieb dem Parvenü versperrt, wegen des Rahmens und wegen der
kleinlichen Verhältnisse, in die er sich wieder zu schicken gehabt
hätte. Vielleicht erlaubt man mir die freilich scheinbar etwas
gefühlvolle Bemerkung, dass ich grosse Lust hätte, zu sagen, ich wolle
vor dem lieben alten Mütterchen niederknien und dass es mich fast
hinreissen möchte, das Geld, das die Mutter für den stolzen Tölpel in
mühseliger Nachtarbeit zusammenrackerte, ehrfürchtig zu küssen. Der
Tölpel mag nur immerhin mit Seinesgleichen spazieren gehen, wo es ihm
beliebt. Vor ihm und Seinesgleichen beuge ich mich nicht, und ich werde
für ihn und Seinesgleichen weder eine Artigkeit, noch irgend eine
Achtung übrig haben.