Hier Bienemann. (Pause.)

_Karinkel_

(setzt sich den Zylinder auf)

Ich bin neugierig, ob der Präsident eine Rede halten wird.

_Mettenschleicher_

Er kann Seiner königlichen Hoheit nicht vorgreifen.

_Bienemann_

(am Telephon)

Unsinn! -- Wie? Gesehen worden? Wo? In Aßmannshausen? Da lebt

ja die Frau jetzt? So. Einen Liebhaber. So. Natürlich.

Durchgeprügelt? Nein! Nicht möglich! Da hat man Ihnen einen

Bären aufgebunden. Einen Bä--ren! Das wäre ja unerhört.

_Karinkel_

Was ist denn los?

_Bienemann_

(am Telephon)

Ich gebe nichts auf solche Gerüchte. Schicken Sie einen

verläßlichen Menschen hin. Schluß! (Läutet ab.) Recht

heiter. Der Hockenjos soll in Aßmannshausen gesehen worden

sein.

_Karinkel_

(wie erstarrt)

Um Gottes willen, Mensch, was reden Sie da!

_Mettenschleicher_

Das fehlte nur noch!

_Bienemann_

Er soll seine Gattin mit einem Viehhändler erwischt und den

Galan windelweich geschlagen haben.

_Karinkel_

Aber lieber Bienemann, -- das ist ja um den Verstand zu

verlieren ...

_Bienemann_

Ich halte das Ganze für einen blinden Alarm.

_Karinkel_

Sie nehmen mir einen Stein vom Herzen.

_Bienemann_

Man will uns ins Bockshorn jagen.

_Mettenschleicher_

Eine Frivolität sondergleichen.

_Bienemann_

Kümmern wir uns nicht darum.

_Karinkel_

Wenn aber doch was Wahres dran ist ...

_Bienemann_

Bah! meine Informationen waren immer verläßlich. Wenn der

Tagesbote jemand als tot meldet, dann ist er tot.

_Karinkel_

Es ist höchste Zeit. Wir müssen zur Bahn. Machen Sie sich

nur gleich an die Arbeit, Bienemann. Lassen Sie uns nicht im

Stich.

_Bienemann_

Auf Wiedersehen, meine Herren.

_Karinkel und Mettenschleicher_

(ab).

_Bienemann_

(setzt sich vor den Schreibtisch, zündet eine Zigarre an;

behaglich)

Was der Sybarit für einen weichen Lehnsessel hat! Wenn ich

nicht Bienemann wäre, möchte ich Karinkel sein. (Legt das

Papier zurecht.) Los also! Her mit euch, ihr bebänderten

Adjektiva und geschniegelten Substantiva! ihr großmäulichen

Interjektionen und schmetternden Exklamationen! ihr

Metaphern, Hyperbeln und Epitheta! Ich rühr euch zusammen

wie Mandeln und Rosinen in einem Kuchenteig, von dem die

ganze Welt Verdauungsbeschwerden kriegt.

_Abendrot_

(tritt mit verstörtem Gesichtsausdruck unter die Türe;

winkt)

Herr Bienemann! -- Herr Bienemann!

_Bienemann_

Was gibt's? Ich habe keine Zeit.

_Abendrot_

(flüsternd)

's isch was Schreckliches passiert, Herr Bienemann ...

_Karinkel_

(kommt im Sturmschritt zurück, den Zylinder schief auf dem

Kopf)

Bienemann, wir sind verloren!

_Mettenschleicher_

(seine Würde mühsam bewahrend, ist Karinkel gefolgt)

Eine Katastrophe!

_Karinkel_

(mehr heulend als redend)

Der Abendrot hat ihn zuerst gesehen. In der Bahnhofsstraße

hat er ihn gesehen. Mitten unter den Leuten.

_Bienemann_

Und hat ihn jemand erkannt?

_Abendrot_

Noi, noi ...

_Bienemann_

War er allein?

_Abendrot_

Ganz alleine.

_Mettenschleicher_

Was für Maßregeln gedenken Sie zu treffen?

_Karinkel_

Er muß auf der Stelle fort.

_Bienemann_

Ist bis jetzt etwas unternommen worden?

_Karinkel_

Kommissär Binder ist mit zwei Wachleuten ausgerückt.

Hoffentlich gelingt es, den Kerl festzuhalten.

_Mettenschleicher_

Es ist eine entsetzliche Blamage.

_Karinkel_

Ich lasse ihn einsperren.

_Bienemann_

Überlegen wir die Sache gut, meine Herren, sonst kann's uns

an den Kragen gehn.

_Karinkel_

(wild)

Lassen Sie mich in Frieden mit Ihrem Kragen, Sie, Sie ...

Unerschütterlicher!

_Mettenschleicher_

Es gibt nicht viel zu überlegen, hier heißt es handeln.

_Bienemann_

Also handeln wir.

_Karinkel_

Tun Sie mir nur den Gefallen, lieber Professor, und

empfangen Sie den Präsidenten. Der Zug muß ja jeden Moment

eintreffen. Irgend ein Würdenträger muß ihn doch begrüßen.

(Das Telephon klingelt.) Großer Gott, was ist denn das schon

wieder? (Bienemann eilt zum Telephon.)

_Mettenschleicher_

Die ungleichen Schalen: Fünf einaktige Dramen · 第 65 / 74 题