_Karinkel_
Und man könnte die Verleumder damit zum Schweigen bringen.
Nicht schlecht. Was meinen Sie, Bienemann?
_Bienemann_
Ein ziemlich teurer Spaß. Es fragt sich, ob die Interessen,
die dabei im Spiele sind, eine solche Ausgabe fordern.
_Karinkel_
Es sind _ideale_ Interessen, mein Lieber. Dafür ist nichts
zu teuer.
_Bienemann_
Ideale Interessen? Entschuldigen Sie, meine Herren, aber an
ideale Interessen glaub ich nicht. Sie auch nicht. Das
Publikum auch nicht. Das ist eben das Heikle mit den idealen
Interessen, daß niemand daran glaubt, weil zu viele ihren
Vorteil daraus ziehen.
_Karinkel_
Pfui, Bienemann! Beständig gießen Sie Ihr nüchternes Öl in
die Wogen unserer Begeisterung.
_Bienemann_
Das ist mein Beruf.
_Mettenschleicher_
Ein trauriger Beruf.
_Bienemann_
Sie dürften damit den Nagel auf meinen Kopf getroffen haben,
Herr Bürgermeister. Wer mit Papier gefüttert wird, dem
wachsen keine Blumen auf der Zunge.
_Karinkel_
Wenn Ihnen an meinem ferneren Vertrauen gelegen ist, so
unterstützen Sie uns jetzt mit allen Ihren Kräften,
Bienemann.
_Bienemann_
Ich soll also gewissermaßen die öffentliche Meinung
beruhigen ...
_Mettenschleicher_
Ja ... wenn Sie es so betrachten ... obwohl, -- öffentliche
Meinung gibt es nicht.
_Karinkel_
(bürstet seine Kleider)
Die öffentliche Meinung sind wir.
_Mettenschleicher_
Öffentliche Meinung ist die Konspiration der Dummköpfe.
_Bienemann_
Die Herren sind entschlossen, wie ich sehe. Allen Respekt.
Nun, was an mir liegt, soll geschehen. Die Druckerpresse hat
schon ganz andere Dinge gerechtfertigt als Denkmäler. Die
Ingredienzen, aus denen man den Brei der
Zeitungsunsterblichkeit kocht, sind billig zu haben. Die
Hauptsache ist der Superlativ. Das ist das Universalrezept.
Der Superlativ ist für den Leser, was neunzigprozentiger
Fusel für einen Gewohnheitstrinker ist. Leider nützen sich
die Superlative jetzt so stark ab, daß eine neue Steigerung,
ein Über-Superlativ eine wahre Wohltat für die Menschheit
wäre.
_Karinkel_
Das ist mir zu hoch, davon versteh ich nichts.
_Bienemann_
Na, schön. Ich will Ihnen einen Hockenjos hinstellen, der
sich gewaschen hat. Ich werde Ihnen mit einer Verklärung
aufwarten, daß der Mann in seinem Grab noch Lust zu einer
Himmelfahrt bekommt. Ich tue einfach, als ob Tizian ein
Zimmermaler und Feuerbach der kleine Moritz gegen ihn wäre.
_Mettenschleicher_
Ich hoffe, daß diese Übertreibungen nur Ausflüsse einer
momentanen Laune sind.
_Bienemann_
Nein, Herr Professor. Sie kennen den Abonnenten nicht. Wenn
man dem Abonnenten einen neuen Mann glaubhaft machen will,
muß man erst einen alten in Stücke reißen. Der Abonnent ist
grausam, er will Blut sehen.
_Karinkel_
Ich denke, wir überlassen Bienemann da am besten seinem
Genius.
_Bienemann_
Keinesfalls werde ich etwas davon wissen, daß der arme
Hockenjos in unserer Mitte beinahe verhungert ist. Daß er
mit Hohn abgefertigt wurde, als er sich vor vier Jahren um
das Staatsstipendium bewarb. Apropos, waren Sie es nicht
selbst, Herr Professor, der diese Sache damals
hintertrieb --?
_Mettenschleicher_
(ärgerlich)
Mein Gott ja, ... ich kann nicht leugnen ... der Mann war mir
_persönlich_ unsympathisch.
_Karinkel_
(ebenso)
Wozu kramen Sie denn die alten Sachen aus?
_Bienemann_
Ich werde auch davon schweigen, daß das Publikum vor seinen
Bildern Lachkrämpfe bekam und der Magistrat ihm das Atelier
auf der Schanze kündigen ließ, aus Gründen, die der Anstand
zu erwähnen verbietet.
_Karinkel_
(wie oben)
Das war wegen der Modelle. Aber die Kunst, lieber Bienemann,
wie soll ich sagen, die Kunst braucht eben keine Moral.
_Mettenschleicher_