Personen:
Karinkel, Bürgermeister
Bienemann, Redakteur
Mettenschleicher, Bildhauer
Hockenjos
Hannewickel, Stadtrat
Abendrot, Amtsschreiber
Binder, Kommissär
Ein Amtsdiener, ein Kellnerbursche
Spielt in einer kleinen süddeutschen Stadt.
Kanzlei des Bürgermeisters. Rechts und links Türen. Hinten
zwei Fenster mit Aussicht auf einen von altertümlichen
Häusern umgebenen Platz, in dessen Mitte das noch umhüllte
Denkmal steht.
_Abendrot_
(schlägt mit einem Aktenheft Fliegen tot)
Hin muscht werde! Pardon gibt's net ... hätt'scht es vorher
überlegt, mei Schätzle ... hin muscht werde, sag' ich ...
_Karinkel_
(ein untersetzter, glattrasierter, eiliger Mann, kommt; er
ist im Frack)
Was treiben Sie denn da, Abendrot?
_Abendrot_
Die Fliege schlag' i tot, Herr Bürgermeischter.
_Karinkel_
Die Fliegen schlagen Sie tot? Sind Sie verrückt, Mensch? Wo
wir bis an den Hals in Arbeit stecken!
_Abendrot_
Ich hab' ja bei der Denkmalsenthüllung nix zu tun, Herr
Bürgermeischter.
_Karinkel_
Scheren Sie sich an die Arbeit. Und wenn Sie nichts zu tun
haben, dann tun Sie wenigstens so, als ob Sie was zu tun
hätten. Das fordert die Würde des Amtes. Der Professor
Mettenschleicher muß jeden Moment kommen, -- was soll er sich
denken, wenn Sie Allotria treiben.
_Abendrot_
Isch scho guet, Herr Bürgermeischter ...
_Karinkel_
Keine Widerrede! Diese Biederkeit, diese ewige
Treuherzigkeit! wie sie mir auf die Nerven geht! Ich weiß
nicht, wo mir der Kopf steht, und der Mensch schlägt Fliegen
tot. (Es klopft.) Herein!
_Mettenschleicher_
(tritt ein; ein großer, würdevoll aussehender,
schwarzbärtiger, seriöser Mann, ebenfalls im Frack)
Guten Morgen.
_Karinkel_
Guten Morgen, lieber Professor. Wie geht's? wie steht's? Gut
geschlafen? gut geträumt? Hat unser bescheidenes Hotel Ihren
Ansprüchen genügt? Oder haben Sie irgend welche
Rekriminationen? Ich lege großen Wert darauf, daß es Ihnen
bei uns gefällt.
_Mettenschleicher_
Danke, ich bin zufrieden. In so einem Städtchen wird mir
immer behaglich zumut.
_Karinkel_
Na, na, Professor ... Städtchen ...
_Mettenschleicher_
Nun ja, es ist doch eine sehr kleine Stadt ...
_Karinkel_
Eine sehr kleine Stadt? -- Eine kleine Stadt, das eher. Aber
es ist gut, daß Sie sich wohl fühlen. Man hat nicht oft die
Freude, einen so berühmten Meister bewirten zu dürfen. Noch
dazu bei so feierlichem Anlaß ...
_Mettenschleicher_
(steif)
Zu viel Ehre.
_Karinkel_
Sagen Sie mal, verehrter Professor, um unser gestriges
Gespräch fortzusetzen ... (Zögert, da er sich der Gegenwart
Abendrots erinnert.) Gehen Sie hinüber in den Schwan,
Abendrot, und bestellen Sie mir ein Gabelfrühstück. Fragen
Sie, -- aber fragen Sie Herrn Gumpelmaier selber -- was man
haben kann. Etwas Warmes natürlich. Am liebsten etwas vom
Kalb.
_Abendrot_
Oder vielleicht Schweinsrippche?
_Karinkel_
(tiefsinnig)
Schweinsrippchen ... nicht übel. Schweinsrippchen oder
Kalbsherz. Auch saure Nieren wäre eine Idee. Beraten Sie
sich nur mit Herrn Gumpelmaier, der kennt meinen Geschmack.
Der Kellner soll laufen, damit die Sache unterwegs nicht
kalt wird. Dann gehn Sie in die Redaktion des Tagesboten und
fragen Sie Herrn Bienemann, ob er meine Rede schon fertig
hat. Er soll sich sputen, um zwölf Uhr kommt der Prinz, da
muß alles auf dem #qui vive# sein.
_Abendrot_