_Emma Lyon_
Jetzt bleibt Ihnen nichts übrig, als daß Sie selbst die
Flucht ergreifen, Mylord.
_Lord Hamilton_
(bleibt unwillkürlich stehen)
Ich fliehe nicht, ich ignoriere bloß.
_Emma Lyon_
Aber Sie haben mich doch nicht ignoriert, als Sie Spione auf
meine Spur geschickt haben, die meine Vergangenheit
durchschnüffeln mußten, -- wie kommt das?
_Lord Hamilton_
Es geschah für die Ehre der Familie.
_Emma Lyon_
Und sind Sie überzeugt davon, daß man Ihnen die Wahrheit
berichtet hat?
_Lord Hamilton_
Man hatte keinen Grund zu Entstellungen.
_Emma Lyon_
So war es nicht gemeint. Ich bezweifle nur, daß man imstande
gewesen ist, Ihnen die _ganze_ Wahrheit zu enthüllen.
Vielleicht hätten Sie dann eine Kompagnie Soldaten
aufgeboten, um Sir Francis' Unschuld vor mir zu schützen.
_Lord Hamilton_
Dieser Zynismus entwaffnet mich nicht. (Finster.) Sagen Sie
in aller Kürze, was Sie noch zu sagen haben. Ich will
versuchen, Sie anzuhören, um mich nicht dem Vorwurf
auszusetzen, als ob ich ungehört verdammte.
_Emma Lyon_
Warum sollten Sie mich denn verdammen, Mylord? Ist es etwa
nicht erlaubt, daß einer von dem Kapital lebt, das er
besitzt? Ziehen Sie nicht mit Hilfe Ihrer Pächter aus Ihren
Ländereien so viel Gewinn, wie Sie daraus ziehen können? Sie
würden lachen, obwohl Sie vermutlich ungern lachen, wenn
ich Sie bitten würde, mir eine Wiese oder ein Stück Wald zu
schenken. Warum also sollte ich mich verschenken? Ich habe
nur mich selbst. Ich beleidige Ihr keusches Ohr, ich weiß
es. Es gibt keinen Kiebitz, der nicht die Tugend preist. O
ja, die Tugend ist eine ganz schöne Sache, wenn das
Lebensspiel sie nicht als Einsatz fordert. Wenn mir das
Schicksal die Versprechungen erfüllt, die ich ihm abgerungen
habe, will ich so tugendhaft sein wie ein zahnloses altes
Weib. Bis dahin kann mich nicht einmal Ihre Verachtung
hindern, meine -- Wälder und Ländereien zinstragend zu
verwerten.
_Lord Hamilton_
(begegnet endlich ihrem Blick, wendet jedoch sofort wieder
die Augen ab. Die schlaue Emma Lyon bemerkt, daß er nicht
mehr daran denkt, sie durch Hinausgehen zu brüskieren. Diese
Sicherheit gibt ihr noch mehr Impertinenz. Der Lord zieht
die Brauen zusammen und versetzt widerwillig)
Das alles interessiert mich nicht. Auch sehe ich keinen
plausiblen Grund darin, weshalb Sie Ihre Netze gerade nach
meinem Sohn werfen mußten.
_Emma Lyon_
Na, einer muß es doch sein.
_Lord Hamilton_
Die vernünftige Erwägung muß Ihnen sagen, daß diese
Spekulation verfehlt ist.
_Emma Lyon_
Keineswegs. Weshalb denn? Was können Sie ihm anhaben? Sie
werden ihn aufs Trockene setzen. Gut. Sie werden ihn des
baren Geldes berauben, mehr ist Ihnen nach den Gesetzen
unseres Landes nicht verstattet. Grund und Boden muß er
erben. Sie sehen, auch ich habe mich unterrichtet.
_Lord Hamilton_
Francis ist nicht der Mann, um einer Torheit willen zwanzig
Jahre lang zu hungern. Denn so lange gedenke ich mindestens
noch auf Easton Park zu wohnen.
_Emma Lyon_
Das glaub ich. Aus lauter Trotz werden Sie am Ende hundert
Jahre alt. Aber auf die Dauer können Sie nicht so verblendet
sein, der friedlichen Fortpflanzung Ihres Geschlechts
unnötige Hindernisse zu bereiten.
_Lord Hamilton_
Sie irren.
_Emma Lyon_
Ich gebe Ihnen mein Wort, daß ich Lady Hamilton sein werde,
-- so oder so.
_Lord Hamilton_
(kalt)
Dann werde ich Ihnen beweisen müssen, daß es noch Mittel in
England gibt gegen Abenteuerinnen Ihres Schlags.
_Emma Lyon_
Nein, Mylord, die gibt es nicht. Und wissen Sie, warum
nicht? Weil in England Männer regieren.
_Lord Hamilton_
Ja, glauben Sie denn im Ernst, daß Ihnen kein Mann im
Königreich gewachsen ist?
_Emma Lyon_
Ach, Mylord, Sie tun mir leid! Sie ahnen nicht, wie sie alle
schmelzen, wie die stolzesten Hähne klein werden und sich
die Federn putzen und wie gefällig sie mit den Füßen
scharren und wie einladend sie krähen, wenn ich bloß am
Horizont auftauche. Neulich hatte ich in Kings bench zu tun;
na, da war ein Richter, -- ich kann Ihnen sagen, sein Gesicht
war saurer als Essig, und er hatte eine Art dreinzublicken,
als läge es in seiner Macht, die ganze Christenheit um einen
Kopf kürzer zu machen. Ich war angeklagt, weil der Sohn des
Lord Hervey idiotisch genug war, hunderttausend Pfund in
meiner Gesellschaft zu verspielen, als ob es meines Amtes
wäre, erst nachzufragen, wie lang ein Grünspecht vom
Wickeltisch zum Pharaotisch sich Zeit lassen muß. Kaum hatte
ich angefangen, mich zu verteidigen, kaum hatte ich mein
seidenes Tuch gezogen, um meinen Tränen ein anständiges
Quartier zu verschaffen, da zerging der Gestrenge schon wie
Butter, er machte Zeichen mit den Händen, grinste wie ein
Hökerweib am Feierabend und hatte Augen so lang wie ein
Hummer, wenn man ihn ins heiße Wasser tut. Ich konnte nicht
widerstehen, ich mußte ihn durch ein paar freundliche Worte
aufmuntern.
_Lord Hamilton_
(dem plötzlich unbehaglich wird)
Ich bin nicht fähig, Ihrer Suada zu begegnen, Madame. Ich
bekenne offen, daß ich ein schlechter Redner bin. Selbst das
Zuhören ermüdet mich, und meine Gedanken schweifen haltlos
umher. Haben Sie doch die Güte, mich jetzt allein zu lassen.
Vielleicht erteilen Sie Mister Wardle Auftrag, daß er Ihnen
den Lunch serviere, bevor Sie Easton Park den Rücken kehren.
_Emma Lyon_
Wenn ich in Easton Park den Lunch nehme, Mylord, werde ich
es entweder in Ihrer Gesellschaft oder gar nicht tun.
_Lord Hamilton_
(setzt sich mit versorgtem Gesicht)
Also wie soll das enden?
_Emma Lyon_
(mit versteckter Schelmerei)
Ist Ihnen nicht wohl, Mylord? Sicherlich ist Ihnen nicht
wohl. Es wäre grausam, wenn ich Sie jetzt allein ließe.
_Lord Hamilton_
Es scheint, Sie treiben ein Spiel mit mir ...
_Emma Lyon_
Gott bewahre. Dazu ist mein Respekt viel zu groß. Ich habe
ein bißchen Revolution auszuführen versucht, das ist alles,
aber Ihre Unerschütterlichkeit flößt mir Bewunderung ein.
Mit Ihnen kann man nicht paktieren. Trotzdem schlage ich
Ihnen ein Kompromiß vor. Überzeugen Sie mich davon, daß Ihr
Geschlecht zu keiner Zeit und unter keiner Bedingung ein
plebejisches Reis auf seinen erlauchten Stammbaum gepfropft
hat, und ich will mich bescheiden. Ich gebe Sir Francis den
Laufpaß, wenn Sie mir beweisen können, daß Ihre adeligen
Vorfahren keinen andern Ehrgeiz gehabt haben, als eine
fehlerlose Genealogie zu fabrizieren.
_Lord Hamilton_
(in die Enge getrieben, vornehm)
Wenn ich eine Erörterung hierüber für möglich hielte, würde
ich die Fundamente untergraben, auf denen ich stehe.
_Emma Lyon_
Und damit soll ich mich zufrieden geben? Die Klatschbase,
die man Geschichte nennt, behauptet ganz frech, daß hin und
wieder eine ziemlich zweifelhafte Lady ins Ehebett eines
leichtsinnigen Lords geschlüpft ist. Oder ist es Schwindel,
daß Lord James eine arme irische Schauspielerin geheiratet
hat? Sie soll freilich so schön gewesen sein, daß während
ihrer Vorstellung bei Hof der Scharlach der Aristokratie auf
Tische und Stühle stieg, um sie zu sehen. Douglas Hamilton
vergaß sich so weit, die Tochter eines Akziskommissärs mit
seiner Hand zu beglücken. Von einigen Ladies habe ich mir
gar sagen lassen, daß sie mit Kutschern, Schreibern,
Schmugglerkapitänen ...
_Lord Hamilton_
(nervös)
Nicht weiter, Madame! Genug der Indiskretionen.
_Emma Lyon_
Die Wahrheit wird immer beschimpft, wenn sie unbequem ist.
Sehen Sie mich doch einmal an, Mylord! Kommt es Ihnen nicht
so vor, als ob ein Frauenzimmer meiner Kategorie geeigneter
wäre, die verdickten Ahnensäfte wieder zum Moussieren zu
bringen, als irgend eine hochgeborene Kuh aus einem sublimen
Stall --?
_Lord Hamilton_
Stall --? Kuh --? Um Himmels willen, was für Worte!
_Emma Lyon_
Ich habe jetzt nicht Lust, auf meine Worte zu achten. Sehen
Sie mich an, sage ich.
_Lord Hamilton_
(irritiert)
Nun ja ... ja ... ich sehe.
_Emma Lyon_
Was finden Sie an meinem Wuchs zu tadeln?
_Lord Hamilton_
(noch mehr irritiert)
Ich habe ... offengestanden ... darüber kein Urteil.
_Emma Lyon_
Wer verstände nicht zu tadeln, auch wenn er kein Urteil hat!
So schauen Sie wenigstens. Was haben Sie an diesen Schultern
auszusetzen? was an der Büste? Diese Linien (mit den
Fingerspitzen an den Hüften entlang streifend) sind edler
als jeder Name. Der Fuß, Mylord, (hebt ihr Kleid ein wenig)
zeigen Sie mir einen aristokratischen Fuß, vor dem er sich
verstecken müßte. Und der Nacken, -- (wendet sich) mißfällt
er Ihnen? Die Haare, -- braucht man sich ihrer zu schämen?
Die Hand, -- läßt sie auf eine schlechte Rasse schließen?
Ohr, Nase, Stirn, Zähne, Lippen, -- vertragen sie nicht jede
Kritik? Romney hat mich vierzehnmal porträtiert, Mylord.
_Lord Hamilton_
(bestürzt und im Anfangsstadium einer verhängnisvollen
Narkose)
Romney ... jawohl. Mister Romney ist ein Meister seines
Handwerks. Er hat auch die Königin gemalt, wenn ich nicht
irre ... Aber würden Sie nicht die Freundlichkeit haben, Miß
Lyon, sich in größerer Entfernung von mir aufzuhalten? Ihr
Parfüm ist es, glaube ich, das mich schwindlig macht.
_Emma Lyon_
(diebisch)
Soll ich das Fenster öffnen, Mylord?
_Lord Hamilton_
Ich wäre Ihnen verbunden, wenn Sie mir ein Glas Wasser
reichen wollten.
_Emma Lyon_
(tritt beflissen zum Tisch, schenkt aus einer Karaffe Wasser
in ein Glas, bringt es ihm).
_Lord Hamilton_
Ich danke Ihnen.
_Emma Lyon_
(nachsichtig)
Sie sind an die Nähe von Frauen nicht mehr gewöhnt, Mylord.
_Lord Hamilton_
Durchaus nicht. -- Durchaus nicht.
_Emma Lyon_
Schade. Dabei vertrocknet das Temperament. Ist Ihnen besser?
(Sie faßt seine Hand.) Die arme kalte Hand!
_Lord Hamilton_
(scheu)
Die Ihre freilich, Miß Lyon, die Ihre ist hinlänglich warm.
_Emma Lyon_
Wie pedantisch! Hinlänglich warm! O Gott!
_Lord Hamilton_
Es ist außerdem eine begehrliche Hand; sie ist allzu
begehrlich.
_Emma Lyon_
Wer nicht zehnmal so viel begehrt als ihm gewährt wird, der
soll nicht zu leben anfangen. Weiter, Herr Chiromant? Was
sehen Sie noch? Daß ich neugierig bin? Stimmt. Eitel?
Stimmt. Treulos? Stimmt. Aber treulos machen uns nur die,
die kraftlos sind.
_Lord Hamilton_
Was ist das für eine Narbe hier neben dem Daumen?
_Emma Lyon_
Sie stammt von den Zähnen des Prinzen von Wales.
_Lord Hamilton_
Wieso? Ist er bissig?
_Emma Lyon_
Er beißt aus Enthusiasmus. Aber er steht in meiner Schuld
dadurch. Die Narbe ist unter Brüdern eine Einladung nach St.
James wert.
_Lord Hamilton_
Was doch alles geschieht! Sonderbar. Ich muß gestehen, ich
fasse nicht die Existenz, die Sie führen. Da reiht sich wohl
Fest an Fest und Genuß an Genuß, und für Genauigkeit und
Regelmäßigkeit bleibt nichts mehr übrig. Und dabei kann man
leben ... es macht wohl gar Spaß? Sonderbar. Eine sonderbare
Welt!
_Emma Lyon_
Die zu beklagen ist, weil Sie sich von ihr fern halten,
Mylord.
_Lord Hamilton_
Keine Flatterien, Miß Lyon! Ich liebe nicht die Exaltationen
des Vergnügens.
_Emma Lyon_
(heuchlerisch)
Eigentlich haben Sie recht, Mylord. Es gibt nichts, was so
anstrengend ist wie das Laster.
_Lord Hamilton_
Sehen Sie! Sehen Sie!
_Emma Lyon_
(versonnen)
Oder vielleicht doch ... Ich glaube, daß die Tugend _noch_
anstrengender ist.
_Lord Hamilton_
Versuchen Sie es doch einmal ...
_Emma Lyon_
Meinen Sie?
_Lord Hamilton_
Fangen Sie damit an, daß Sie Ihre auf Sir Francis zielenden
Absichten fallen lassen.
_Emma Lyon_
Aha, Sie wollen schon ein Geschäft mit meiner Tugend
machen. Das ist ja eben das Verdächtige an der Sache.
_Lord Hamilton_
(steht auf)
Im Ernst, Miß Lyon: -- Was kann Sie an dem Jüngling locken?
Seine Geistesgaben, Sie müssen es selbst zugeben, sind
keineswegs blendend. Er würde Sie langweilen, Sie würden ihn
betrügen, und was wäre die Folge? Der Skandal in
gesteigerter Häßlichkeit. Sie brauchen eine starke Hand.
Einen reifen Mann brauchen Sie, der durch Erfahrung und
Charakter befähigt ist, Ihrem ungebundenen Wesen Schranken
zu setzen.
_Emma Lyon_
(zerknirscht)
Es ist wahr. Wenn Sie wüßten, Mylord, wie ich dieser jungen
Leute satt bin, die ihre Leidenschaften mit so viel Lärm und
Prätension zur Schau tragen! Ich sehne mich nach einem
verschwiegenen und klugen Mann, so an der Grenze der
Fünfzig, nach einem Mann, der nicht immer nur etwas haben
will, sondern auch etwas gibt.
_Lord Hamilton_
(erfreut)
Nun also ...
_Emma Lyon_
Würden Sie mir helfen?
_Lord Hamilton_
Ich ... ja, gewiß ... Ich würde sehen, was sich tun läßt.
_Emma Lyon_
Aber Sie haben doch hoffentlich nicht vergessen, daß ich vor
zehn Minuten geschworen habe, Lady Hamilton zu werden? Ich
gedenke, das Gelübde unter allen Umständen zu erfüllen.
_Lord Hamilton_
Das versteh ich nicht ...
_Emma Lyon_
Verständlicher kann nichts auf der Welt sein.
_Lord Hamilton_
(vor Schrecken gelähmt)
Sie meinen --?
_Emma Lyon_
Ja!
_Lord Hamilton_
Ich? -- Ich --? Ich sollte --? Sie träumen wohl, Miß Lyon? (Er
fällt in den Stuhl zurück.)
_Emma Lyon_
(läßt sich in einer reizenden Magdalenen-Stellung vor ihm
auf die Kniee nieder. Da er nicht zurückweichen kann, preßt
er den Rücken gegen die Lehne und drückt den Kopf in den
Nacken)
Sie wären schwerlich, trotz meines ununterbrochenen
Geschwätzes, bis zu diesem Augenblick im Zimmer geblieben,
wenn ich Ihnen nicht gefallen hätte, Mylord. Und jetzt ist
es leider zu spät. Fängt dieses Gift einmal zu wirken an,
dann ist man verloren.
_Lord Hamilton_
(klagend)
Zweifellos. Ich habe es an der nötigen Festigkeit fehlen
lassen.
_Emma Lyon_
Und mir sprechen Sie jedes Verdienst ab?
_Lord Hamilton_
Ich kann nicht leugnen, daß Ihnen eine ... wie soll ich mich
nur ausdrücken? -- eine seltsame Gewalttätigkeit eigen ist.
_Emma Lyon_
Gut. Ich akzeptiere das Kompliment.
_Lord Hamilton_
Nichtsdestoweniger befinden Sie sich mit Ihrer Vermutung,
was meinen Seelenzustand betrifft, auf dem Holzweg. Ich will
es wenigstens hoffen.
_Emma Lyon_
Sie kennen die menschliche Natur nicht so gut wie ich,
Mylord. Ich will Ihnen sagen, was Ihnen bevorsteht, wenn Sie
jetzt eigensinnig sind. Ich reise ab. Ihre Gedanken
verursachen Ihnen ein unangenehmes Kribbeln, Sie sind
unzufrieden mit sich, Sie haben keinen Appetit mehr, des
Nachts flieht Sie der Schlaf, und plötzlich, Sie wissen
selbst nicht wie, fassen Sie den Entschluß, mich
aufzusuchen. Da erscheint eines Tages Lord Hamilton im Salon
von Emma Lyon. Aber Emma Lyon wird durchaus nicht auf die
Kniee fallen, so wie jetzt. Emma Lyon wird spöttisch
lächeln; sie wird Seiner Herrlichkeit einen Stuhl bieten,
sie wird mit Mister Jennings plaudern und wird die
Albernheiten von Mister Davis entzückt anhören und wird Sir
Roberts empfangen, und Mylord wird gehen, verdrießlich,
aufgebracht, wütend gegen sich und mich, aber er wird
wiederkommen, er wird Blumen bringen, er wird Geschenke
bringen, all die Laffen und Schmeichler und Dandies werden
ihm lästig sein, aber Emma Lyon wird sagen: Platz genug im
Hause! Dort unter der Treppe ist für die Mißgelaunten Platz,
und unterm Dachboden für die Hochmütigen, und im Keller für
die Moralisten. Und mein kleiner Schoßhund wird kläffen,
wenn Sie nahen, und diese weiße begehrliche Hand wird ihre
Finger spreizen, -- so, denn ich, Mylord, (sie erhebt sich)
ich würde Sie zappeln lassen. Und davor möge Gott Sie
bewahren.
_Lord Hamilton_
(murmelnd)
Niemals würde ich mich so tief erniedrigen.
_Emma Lyon_
(kategorisch)
Sie werden es tun! Ihre Augen versichern es mir. Ich erspare
Ihnen demnach eine unabsehbare Reihe von Qualen und
Kränkungen durch ein freimütiges Anerbieten.
_Lord Hamilton_
(schüttelt den Kopf)
Ich vermute, Miß Lyon, Sie ahnen nicht, was ich
durchzusetzen vermag, selbst gegen meine heftigsten Wünsche
und Triebe. Insofern bleibt also Ihr Schreckbild ohne
Wirkung. Aber Sie verfechten Ihre Sache mit Bravour und
nicht ohne Geist. Ich liebe das. In diesem hübschen kleinen
Kopf rumort ein Teufel, den zu zähmen der Mühe vielleicht
verlohnen könnte. Wie Sie richtig bemerkten, bin ich des
Elements entwöhnt, das, in Ihnen personifiziert, meinen
Frieden so geräuschvoll unterbrochen hat. Ich habe jedoch
gerade dadurch erkannt, daß zwischen mir und der Welt eine
gewisse Entfremdung besteht, und ich könnte Ihren Vorschlag
in Betracht ziehen, wenn nicht Hindernisse vorlägen, die für
mich beinahe unüberwindlich sind. Der Doktor Graham ... das
himmlische Bett ... die Mystifikation als Göttin Hygäa ...
(Schüttelt wieder den Kopf.) Das sind üble Dinge ... üble
Dinge.
_Emma Lyon_
Die mich vor dem Verhungern geschützt haben, Mylord.
_Lord Hamilton_
Sie hätten eine minder exponierende Abhilfe wählen sollen.
_Emma Lyon_
Ich hatte keine Wahl. Ich bin auch nicht schlechter geworden
dadurch. Es war eine Hülle, die ich angelegt habe.
_Lord Hamilton_
Verzeihen Sie, die Hülle, -- die haben Sie abgeworfen.
_Emma Lyon_
Man kann alle Hüllen abwerfen und doch undurchdringlicher
sein als in Panzern.
_Lord Hamilton_
Das ist Rabulismus.
_Emma Lyon_
Sie haben wenigstens die Sicherheit, daß ich gegen jede
künftige Verführung und Verlockung gefeit bin. Alles was
andere lüstern macht, davon habe ich genug und übergenug.
_Lord Hamilton_
Das ist ein Argument.
_Emma Lyon_
Die Welt ist vergeßlich. Ein Name, wie der Ihre Mylord,
deckt jugendliche Torheiten zu.
_Lord Hamilton_
(mit einem Rest von Bedenklichkeit)
Ich bin fünfundfünfzig Jahre alt ...
_Emma Lyon_
Man hat mir erzählt, und ich habe mich darüber amüsiert, daß
Sie es bisweilen nicht verschmähen, der Zeit Gewalt anzutun.
Ich, sehen Sie, ich kann das auch. (Sie steigt auf einen
Stuhl, öffnet das Uhrgehäuse und dreht den großen Zeiger
sehr schnell und mehrere Male über das Zifferblatt zurück.)
_Lord Hamilton_
Was tun Sie da, junge Hexe! (Das Uhrwerk knackt, der Pendel
hört auf zu schwingen.)
_Emma Lyon_
Ich drehe die Jahre zurück, Mylord, und wenn ich will, --
sehn Sie! -- bleibt die Zeit stehen! (Sie springt herab.) Wir
gehen nach Italien, Mylord! (mit ausgebreiteten Armen,
bacchantisch.) Illuminationen! Barken auf dem Meer!
Mondschein und Liebeslieder! Fackeltanz und Tarantella!
_Lord Hamilton_
(vor sich hin)
Es bliebe noch zu erwägen, ob hier ein freier Entschluß oder
die Macht einer Bezauberung vorliegt. -- Gönnen Sie mir, Miß
Lyon, gönnen Sie mir Frist bis morgen.
_Emma Lyon_
So lang Sie wollen. Nur bedenken Sie, daß auch ich
Dispositionen zu treffen habe --
_Lord Hamilton_
Ich könnte es versuchen ...
_Emma Lyon_
Schön, versuchen wir es.
_Lord Hamilton_
Begleiten Sie mich für zwei Monate nach dem Süden.
_Emma Lyon_
Zwei Monate? Das ist etwas wenig.
_Lord Hamilton_
Sagen wir vier Monate.
_Emma Lyon_
Wenn ich so durchtrieben wäre wie man mich Ihnen geschildert
hat, wäre ich mit drei Tagen zufrieden. Aber ich bin eine
ehrliche Person und sage Ihnen ohne Umschweife: drei Tage
Probezeit oder drei Jahre oder dreißig Jahre, das ist für
mich im Grunde gleichgültig, denn nach dem ersten Tag werden
Sie vom letzten nichts mehr wissen wollen.
_Lord Hamilton_
Ihre Prophezeiung ist sehr kühn. Immerhin bleiben wir
vorläufig bei den vier Monaten.
_Emma Lyon_
Vergessen Sie nicht, daß Sie Ihren Sohn vor eine
unwiderrufliche Tatsache stellen müssen, sonst komme ich ihm
gegenüber in eine schiefe Position.
_Lord Hamilton_
Eine bedeutende Schwierigkeit. Wie soll ich ihm eröffnen --?
_Emma Lyon_
Sie überschätzen ihn doch. Die Schwierigkeit ist mit zwei
Worten aus der Welt geschafft. (Sie nimmt die Handglocke,
läutet.)
_Lord Hamilton_
(verwundert)
Oh! Sie ergreifen die Initiative mit großem Feuer.
_Der Majordom_
(tritt ein)
Mylord befehlen?
_Emma Lyon_
Sir Francis soll kommen.
_Der Majordom_
(erstaunt über den diktatorischen Ton von dieser Seite)
Mylord wünschen Sir Francis?
_Lord Hamilton_
(kalt)
Sie haben gehört.
_Der Majordom_
Mister Dashwood läßt gehorsamst fragen, ob er sich entfernen
kann. Er hat dringende Geschäfte.
_Emma Lyon_
Er soll warten. -- Ist nicht Frühstückszeit?
_Lord Hamilton_
Es dürfte Frühstückszeit sein.
_Der Majordom_
(schaut auf die Wanduhr)
Jawohl; es ... (Stockt verblüfft.) Die Uhr steht.
_Lord Hamilton_
Ja. Die Uhr steht.
_Emma Lyon_
Es soll serviert werden.
_Der Majordom_
(bekümmert und fast vorwurfsvoll)
Soll serviert werden, Mylord?
_Lord Hamilton_
Sie hören.
_Emma Lyon_
Auch fehlt noch ein Gedeck.
_Der Majordom_
Noch ein Gedeck, Mylord?
_Lord Hamilton_
Noch ein Gedeck.
_Der Majordom_