Hör mich an, Karl Heinrich --

_Lang_

Hör ich dich, so bin ich schon getäuscht. Was gabst du mir

freundliche Mienen und Blicke? Nur damit es jetzt offenbar

wird, daß du einen brauchst, der süße Worte machen kann und

immer beteuern kann und schwärmen kann und zeigen kann, was

ihr mit euren kurzen Sinnen sehen müßt. Geh nur, Anna. Denk

nicht, daß du einen Verzweifelten zurückläßt. Ich bin's

nicht ungewohnt, abzurechnen mit mir und meinem Leben. Was

ich nie besessen habe, kann ich nicht verlieren. Freilich

der Irrtum, der frißt am Mark und macht alt und krank und

müde.

_Anna_

Es ist hart für mich, was du sprichst, aber ich verdien's.

Doch laß es genug sein, Karl Heinrich, und vergiß, was du

gesagt, damit ich vergessen kann, was ich nur halb getan.

_Lang_

(steht auf)

Du sollst nicht vergessen und ich kann nicht vergessen. Es

sei denn, wir wollen nicht für unsere Handlungen einstehen

und uns aufführen wie Knaben, die einander schön tun,

nachdem sie sich geprügelt haben. Es ist von Übel, jegliches

Wort von Übel. Mit Schwatzen und Auseinandersetzungen

erreichen die Menschen nichts weiter, als daß sie sich so

nahe rücken, daß sie keinen Platz mehr zum Atmen haben. Und

um mein Glück und um meinen Frieden kann ich nicht

feilschen. Was man einander gewährt und einander erläßt,

kann nicht durch Abmachungen geregelt werden. Alles wahre

Zusammenleben beruht auf Schweigen, Frau! Je tiefer der

Bund, je tiefer das Schweigen. Bliebst du aus Mitleid bei

mir, so wünscht' ich lieber, ich hätte dich nie gesehen.

_Anna_

(hat die Hand an die Stirn gedrückt, läßt sie fallen, tritt

näher, frei und entflammt)

Wie kommt's nur, daß ich dich jetzt so spüre, Karl Heinrich!

Schon als es mich da draußen über die Schwelle zog, war mir,

als ließ ich alle Zweifel zurück. Nicht Mitleid ist's, nein,

nein! -- Höchstens könnte ich dein Mitleid fordern für mich,

denn ich war so klein und ich glaubte, du würfest mich hin

gegen die Welt und die Welt sei dir alles und ich zu wenig,

ich zu allein gegen dich und die Welt. Jetzt aber sehe ich

dich auch allein und das -- das! Karl Heinrich --! (Sie

ergreift seine Hand und drückt ihre Stirn darauf.)

_Lang_

(sinnend)

Ach, du wunderliches Geschöpf von einem Weib.

_Anna_

(wieder aufgerichtet)

Du hast recht, Karl Heinrich. Es sollen nicht so viele Worte

zwischen den Menschen hin und her geworfen werden. Es soll

vielleicht bestehen bleiben, dies Fremde und dies Ferne, das

mich so oft gequält hat. Vielleicht ist es gut so, daß wir

nicht zu allen Zeiten alles von einander wissen, und gut ist

es auch, daß ich dich suchte. Ja, es ist gut, daß ich dich

suche, wenn du mich hältst! -- Behalte mich!

_Lang_

Ich will dich halten.

_Anna_

(ohne Emphase ganz hingegeben)

Was soll's noch um den dumpfigen, stockigten Turm, Karl

Heinrich? Habe ihn gewünscht, wie man ein Zeichen wünscht,

ein Zeichen für etwas, das nun da ist.

_Lang_

(zu ihr gebeugt)

Und doch mußt du vieles dafür tragen, Kind. Mich vor allem,

der eine Weile zusehn muß, untätig beiseite. Wir wollen aus

der Stadt ziehen. Vom Amt will ich weg --

_Anna_

(bestimmt und mit freier Heiterkeit)

Nein, Karl Heinrich. Dieses wirst und kannst du nicht tun.

Du bist der Mann nicht fürs Ausgeding. Mit den Wurzeln sich

selber ausgraben und verdorren lassen? Du überzeugst sie ja

schon von deinem Wert, indem du da bist. Könnte das Wasser

schäumen ohne Damm? Hätt es solche Kraft? Kommt's darauf an,

bezahlt zu werden, Karl Heinrich, heute oder morgen bezahlt?

Bezahlt dich nicht dein eigenes Blut und deine innere

Flamme?

_Lang_

(betroffen)

Frau, -- wie du das sagst! Woher kommen dir solche Worte?

Also bedeutet dir mein Treiben wirklich was? Willst nimmer

so scheu und zweifelhaft neben mir wandeln?

_Anna_

Es hat mir nichts bedeutet, so lang ich nicht fühlen konnte,

wie du mich damit umschlingst und wie ich dazu gehöre.

_Lang_

So hätte mir der Aberwitz und blöde Widerstand der Welt zum

Köstlichsten verholfen?

_Anna_

Spürst du's so, dann ist es mehr, als ich gesehnt.

_Lang_

(packt ihre Hände, leidenschaftlich)

Und doch hat dich das trübe Wesen zum Scheideweg geführt ...

_Anna_

Wer am Scheideweg war, weiß besser ums Ziel. (Man hört Räder

rollen auf der Straße.) Komm, Karl Heinrich -- (Sie zieht ihn

zum Fenster.)

_Lang_

Es ist ein Wagen, der vom Posthaus abfährt ...

_Anna_

Zum Mauthaus auf der Chaussee. -- Gib mir die Hand, Karl

Heinrich! Drück sie fest, fest ... so. Hörst du, wie mein

Herz klopft? Ich glaube, es klopft vor Glück.

_Lang_

Unsere Herzen sind wie zwei Schalen in der Hand eines

Engels. Ist ein Auf- und Niederschwanken sondergleichen.

Jeder Pulsschlag zieht's hier hinunter, dort hinauf. Wir

wägen nicht, es wird uns zugewogen. Wir müssen still halten,

das ist alles.

_Anna_

Ich halte still, Karl Heinrich. (Das Posthorn tönt.) Gute

Fahrt, Schwager Postillon!

_Vorhang._

Die ungleichen Schalen: Fünf einaktige Dramen · 第 42 / 74 题