Hurtig, hurtig, Mensch! (Entreißt ihm den Bogen.)

_Kasteljack_

... ist leider diesen Morgen als unerledigbar ... unerledig

... lich ... zurückgekommen.

_Lang_

(mit verbissenem Grimm)

Und der Grund?

_Kasteljack_

Eine Formalität, Herr Domänenrat ...

_Lang_

Was für eine Formalität?

_Kasteljack_

Der Submissionsstrich fehlt.

_Lang_

Der -- Submissionsstrich?

_Kammerdirektor_

Der Submissionsstrich?

_Kasteljack_

Ja. Es ist dies eine wichtige amtliche Formalität.

(Hüstelt.) Die Vorschrift lautet, daß zwischen dem Text des

Gesuches oder des Referats oder des Ausweises oder des

Testimoniums ... daß zwischen dem Text und der Unterschrift

des betreffenden Herrn Referenten oder Berichterstatters ein

dicker, gerader, deutlicher Strich gezogen werde. Diesen

Strich nennen wir den Submissionsstrich.

_Kammerdirektor_

Ja. 's ist wahr, eine ganz zweifellose Institution, die Sie

doch kennen müssen, Lang.

_Lang_

Ich kenne sie. Jetzt kenn ich sie. Mit einem Wort: diese

Unterlassung bedeutet zwei bis drei Monate Aufschub. Der

Submissionsstrich soll das Seil werden, auf dem man mich

tanzen lassen will. Oder der Balken, mit dem man mir um die

Füße schlägt. (Er eilt zum Schreibtisch und zieht in größter

Hast mit Bleistift und Lineal Striche auf einem großen Bogen

Papier.) So werden hierzuland die Männer traktiert und die

wahren Interessen schachmatt gemacht. (Kehrt zu Kasteljack

zurück.) Hier, Kasteljack. Da ist ein ganzer Schreibebogen,

reichlich versehen mit Submissionsstrichen. Schicken Sie den

Bogen an die betreffende Kanzlei der Regierung, ich lasse

submissest ersuchen, in einschlägigen Fällen sich aus diesem

Vorrat von Submissionsstrichen bedienen zu wollen.

_Kasteljack_

Aber ...

_Lang_

Kein Aber. Tun Sie, was ich Ihnen befehle. Es ist Ernst.

(Kasteljack unter Bücklingen rückwärtsgehend ab.)

_Kammerdirektor_

Sie werden sich's mit der hohen Regierung gründlich

verderben, lieber Lang.

_Lang_

Die und ich, wir können nicht in derselben Küche unser

Fleisch kochen. Ihres schmeckt mir ranzig und meins ist

ihnen zu zähe. Verderben! Ich mit ihnen verderben! Ich hab'

ihnen gedient, wie einer, der's redlich meint. Sie haben

mich bezahlt wie einen, der schon betrogen hat. Wer sein

Schäfchen ins Trockene bringt, erregt ihnen keinen Argwohn,

wer sich mausig macht und ihre verstaubten Litaneien

überhört, den legen sie nackt in die Sonne und salben ihn

mit dem Öl ihrer Schikanen, daß das Ungeziefer über ihn

kommt.

_Kammerdirektor_

Lang! Lang! mäßigen Sie sich doch.

_Lang_

Ich bin am Ende meiner Fassung. Wenn man zusehen muß, daß

alle Quellen hämisch verstopft werden und die Menschheit

verdurstet. Daß die Früchte wachsen, um zu verfaulen. Große

Männer Großes richten, um Popanze zu werden für die

Phrasendrechsler. Verderb ich mir's mit ihnen, steht's desto

besser zwischen mir und meinem Gewissen. (Zu den Bauern, die

unterdessen heimlich gewispert haben.) Nun, ihr Leute! Der

Baum, von dem ich euch da gesprochen habe, vergleichsweise,

versteht mich wohl, der Baum ist euer alter, unnützer Turm.

Was wollt ihr beginnen mit einem Turm? Könnt ihr ihn als

Heuschober brauchen? Nein. Könnt ihr drinnen wohnen? Nein.

Wollt ihr drinnen beten? Nein. War er besonders schön von

Ansehen? Nein. Es war nichts in ihm oder an ihm, was euch

hätte ergötzen oder fördern können. Und doch wollt ihr ihn

wieder aufrichten. Warum?

_Erlhofbauer_

Mer war's halt so g'wöhnt, Gnaden Herr Råt.

_Waldhofbauer_

's wär a Schand, Gnaden Herr Råt.

_Lang_

Die Schande will ich euch auswetzen. Ich bau euch ein

Schulhaus, das wird ein wahrer Staat sein. Seht, das ist

eine Aussaat, von der ihr eine gute Ernte einheimsen könnt.

Profitiert _ihr_ nicht mehr davon, so profitieren eure

Kinder, die Söhne und die Töchter. 's ist, wie wenn man

Kälber auf eine fette Weide treibt. Da wächst euch kein

habergasiges Vieh heran, das sich seiner Haut schämen muß,

sondern ein edler Schlag. Der Bauer hat nicht nötig, sein

Licht unter den Scheffel zu stellen. Mit dem Wissen ist's

eine eigene Sache und, glaubt mir's oder glaubt mir's nicht,

wenn ihr eure Kinder was lernen laßt, werden eure Mühlen

besseres Korn zu mahlen haben.

_Ringhofbauer_

Da hab'n mer alles nichts dageg'n, Herr Råt; aber um unsern

Turm woll'n mer halt fleißig gebeten hab'n.

_Lang_

Holzköpfe! (Verzweifelt zum Kammerdirektor.) Das ganze Ding

gleicht einem Gänsespiel, wo man sich schon nah am Ziel

glaubt, und durch einen mißglückten Wurf von einem

umgekehrten Schnabel zum andern wieder zum ersten Anfang

zurückgewiesen wird.

_Kammerdirektor_

Ich wußt es vorher.

_Frau von Hänlein_

(kommt mit einem Brief, von rechts).

_Lang_

Doch laß' ich nicht nach, und wenn's ein Jahr meines Lebens

kostet.

_Frau von Hänlein_

Da ist ein Brief an Sie gekommen, Lang.

_Lang_

Das Siegel sollt ich kennen. 's ist vom Fürsten Hardenberg.

(Er bricht den Brief auf und liest; seine Miene verzerrt

sich sichtlich, er wirft das Schreiben mit einem Laut des

Schmerzes und der Wut zur Erde und schlägt die Fäuste vor

die Augen.)

_Frau von Hänlein_

(erschrocken)

Lang!

_Lang_

Geht mir aus den Augen! Geht! Fort ihr alle! -- Auch er! auch

er! -- Nichts richten können! nichts vollenden können!

_Frau von Hänlein_

Aber Lang, sein Sie doch vernünftig! (Sie hebt den Brief

auf.)

_Lang_

(entreißt ihn ihr)

Sehen Sie, Mühlbach, -- hören Sie! (Liest im Tiefsten erregt,

mit zusammengebissenen Zähnen.) »Die gegnerischen Umtriebe

sind so mächtig geworden, lieber Lang, daß ich Sie in Ihrem

wie in meinem Interesse bitten muß, die fragliche Affäre mit

dem unglückseligen Turm fallen zu lassen. Sie wissen,

welchen Anteil ich an Ihren Bestrebungen nehme, ich kenne

die edle Selbstlosigkeit, mit der Sie allem hingegeben sind,

was Sie für recht und förderlich erkannt haben, aber das

Tüchtige läßt sich auf vielen Wegen durchsetzen,« -- so

spricht Er! Er! So haben sie ihn zu Brei gemacht! Das

Tüchtige auf vielen Wegen! -- (Liest.) »Stehen Sie ab vom

Unerreichbaren und wirken Sie im Möglichen« -- nichts da, von

Gnadenbrot will der Lang nichts wissen, -- (Liest.) »Ich war

gezwungen, die einschlägigen Akten einem anderen Referenten

zu übertragen« -- (Wirft wie von Ekel erfaßt das Papier von

sich.)

_Kammerdirektor_

Ich finde das Schreiben Seiner Exzellenz äußerst würdig und

schmeichelhaft, lieber Lang ...

_Lang_

(scheinbar gefaßt)

Ja. Das ist es. Ohne Zweifel. Einem andern Referenten.

Einem, der biegsam ist und Ja und Amen sagt. Gönnen Sie mir

jetzt eine Stunde der Ruhe und Überlegung, lieber Mühlbach.

Ich habe heute noch mancherlei zu tun, denn morgen mit dem

Frühesten werde ich meine Bestallung per Extrapost an die

Regierung zurücksenden.

_Frau von Hänlein_

Lang!

_Kammerdirektor_

(macht beschwörende Gesten).

_Lang_

Lassen Sie nur, Mühlbach. Ich weiß, Sie haben die beste

Meinung von mir. Aber das kann jetzt nichts nützen. Gott

befohlen, ihr Leute. Gehn Sie nur, Mutter. Adieu, lieber

Mühlbach. (Die Bauern, der Kammerdirektor und Frau von

Hänlein ab. Lang prüft, ob die Türe zu ist, geht dann zum

Schreibtisch, läßt sich nieder und stützt den Kopf in die

Hand. Sein Gesicht hat einen tief verbitterten und tief

erschöpften Ausdruck.)

_Anna_

(kommt von links. Sie ist zum Ausgehen gekleidet, doch hat

sie statt des Hutes einen schwarzen Schal über dem Kopf. Sie

tritt leise auf, schaut vorsichtig durch das Zimmer. Als sie

Lang so augenscheinlich gebrochen sieht, erschrickt sie und

faltet unwillkürlich die Hände).

_Lang_

(blickt empor, mit innerlicher Wildheit)

Ja, Anna. Da bin ich nun. Kannst mich verpflegen, wenn du

willst. Als Tagedieb im Haus, als Siebenschläfer im Bett.

Bin zu nichts mehr nutze. Sie haben mir die Hände aus den

Gelenken gedreht.

_Anna_

(macht zwei Schritte, bleibt wieder stehen).

_Lang_

(erhebt sich; mit verzweifelter Klage und Anklage)

Es kränkt mich wahrlich um meinen Stolz. Es kränkt mich um

die Ader, die mir schwillt. Möcht alle getanen Schritte

bereuen und alle gesprochenen Worte wieder einschlucken.

Warum bin ich nicht auch so ein Jasager und

Sonnenblumen-Männlein, dann stünd' ich nicht so da, Schmach

und Spott mir selber. Der elende Mückentanz! Wohin man

greift, nur Luft; wohin man schlägt, trifft's den eigenen

Leib. (Ausbrechend in heller Bitterkeit.) Schau' mich nicht

an, Frau, ich schäm mich vor dir. Was kannst du anders

glauben, als daß ein Mannsbild nur dazu da ist, um zu

flunkern und sich wichtig zu machen? Und wenn er sich ganz

#in floribus# hat zeigen wollen und einer Sache sich

verdungen hat, bei der von Recht und Wohlfahrt zu

schwadronieren war, so sitzt er nun um so erbärmlicher da,

mit Fußtritten heimgeschickt.

_Anna_

(in deren Zügen sich eine innige Besorgnis malt, leise)

Karl Heinrich!

_Lang_

Und keinen Menschen! Keinen, der 's redlich meint! So

ohnmächtig sein! Geh von mir fort. Du hast nichts an mir.

Geh aus meinem Hause. Ich bin kein Mann für dich. Bin deiner

nicht wert. Geh zu einem, der 's mit ehrlichen Feinden zu

tun hat und ein Schwert in die Faust nehmen kann, wenn ihn

die Horde bedrängt. (Er setzt sich mutlos und matt wieder in

den Sessel.)

_Anna_

(wie oben)

Nicht so, Karl Heinrich!...

_Lang_

Oder willst du nur darum bei mir bleiben, weil mein

Schicksal deiner Torheit zu Hilfe gekommen ist? Trotzt ihr

doch in eurer blinden Sucht, ihr Weiber, dem Himmel selber

unvernünftige Taten ab. Ja, er wird gebaut, dein Turm. Er

wird gebaut.

_Anna_

(leise)

Das wußte ich gleich, Karl Heinrich, als ich dich so sah.

_Lang_

Kannst du mich darum höher estimieren, was soll ich dann von

meinem Wert noch halten und was von deinem Stolz?

_Anna_

(mit kaum merkbarer, schmerzlicher Schalkhaftigkeit)

Soll ich aber von dir fort, nur um zu beweisen, daß mir an

dem Turm jetzt nichts mehr liegt?

_Lang_

(bitter)

Wenn man den Kindern das Spielzeug gibt, nach dem sie

verlangt haben, dann werfen sie's beiseite.

_Anna_

Ich habe ja den Turm von dir begehrt und nicht von denen,

die dir ein Leids damit getan. So komm' ich mir ja vor, als

stünd ich mit ihnen im Bund. Und wenn noch dazu dein Herz

gegen mich gestimmt ist, so flüstert's dir vielleicht ein,

ich hätte dich verraten, irgendwie geheimnisvoll verraten.

Ach, Karl Heinrich! Plötzlich bin ich schuldig und weiß kaum

wieso. Schuldig vor dir, schuldig vor mir und weiß kaum

wieso.

_Lang_

(schaut sie an)

Was stehst du denn da mit deinem Kopftüchlein und wohin

willst du denn gehen? Willst nach Frommetsfelden hinaus und

zugucken, wie sie bauen?

_Anna_

Ich will's dir sagen, Karl Heinrich. Zum Mauthaus wollt ich

gehn auf der Chaussee.

_Lang_

Und was willst du denn dorten beim Mauthaus auf der

Chaussee?

_Anna_

Dort kommt der Leutnant Schlözer vorbei und will auf mich

warten.

_Lang_

(den Oberkörper nach vorn gebeugt, stützt den Kopf mit

beiden Händen. Schweigt.)

_Anna_

Es war beschlossen, Karl Heinrich, -- fast wie man den Tod

beschließt.

_Lang_

(dumpf)

Beschlossen! Dies beschlossen! So muß es Laster in mir

geben, die ärger sind, als ich sie ahnte, und was dich zu

mir geführt, war nur ein Gaukelspiel betrügerischer Tage.

Alle Wege: abwärts. Jeder Tag nur eine kurze Dämmerung

zwischen zwei Nächten. Es ist ein unheimlicher Geisterspuk,

der einen so lang schaudern macht, bis die Gedanken still

stehn, und was die Brust bewegt, ist Scham, Scham, Scham!

_Anna_

(tief erregt)

Die ungleichen Schalen: Fünf einaktige Dramen · 第 41 / 74 题