Der Turm von Frommetsfelden

Personen:

Der Ritter Karl Heinrich von Lang, ansbachischer Domänenrat

Anna, seine Frau

Frau von Hänlein, deren Mutter

Leutnant Amandus Schlözer

Rechnungsrat Birnkoch

Kammerdirektor Mühlbach

Kasteljack, Schreiber

Fünf Bauern, darunter: Der Ringhofbauer, der Waldhofbauer,

der Erlhofbauer

Bärbel, Dienstmagd bei Langs

Spielt zu Anfang des 19. Jahrhunderts in Ansbach.

Das geräumige Arbeitszimmer des Ritters von Lang, zugleich

eine Art Wohngemach. Die Möbel im französischen Geschmack

des achtzehnten Jahrhunderts. Rückwärts zwei Fenster mit

Aussicht auf romantisch verwinkeltes Häuserwerk. Links Tür

in die andern Zimmer, rechts in den Flur.

_Frau von Hänlein_ ordnet die auf Tischen, Stühlen und Sofa

herumliegenden Bücher und Hefte; _Bärbel_ kehrt mit einem

riesigen Besen aus.

_Frau von Hänlein_

(eine stattliche Dame in der Mitte der vierzig; sehr

riegelsam, frisch, gesund, nur wenig angegraut)

In aller Frühe war er also schon da?

_Bärbel_

Heroben war er nit. Vorbeigangen ist er am Haus, wie ich zum

Bäcker bin, und hat g'fragt, wie's der jungen Frau geht.

_Frau von Hänlein_

Scheint viel Zeit zu haben, der junge Herr.

_Bärbel_

Die Herren Leutnants möchten halter gern, daß an Krieg gitt.

_Frau von Hänlein_

Wenn ich der Lang wäre, ich tät ihm das Haus verbieten. Die

Männer sind zu schlampig in manchen Sachen. Du kannst jetzt

in die Küche gehn, Bärbel. In einer halben Stunde muß die

junge Frau ihre Milchsuppe bekommen. (Bärbel ab.) Sitzt da

herum. Schwatzt. Wär die Anna nicht die Anna, er könnt sie

am Ende um den Verstand schwatzen. Lang, Lang! So gescheit

du bist, so dumm bist du.

_Anna_

(kommt von links. Blasse, schlanke, zarte, zierliche Frau

von zwanzig Jahren. Sie trägt ein elegantes Morgengewand

nach Pariser Schnitt; lächelnd)

Sprichst für dich alleine, Mutter, und räumst schon wieder?

_Frau von Hänlein_

Was zu räumen ist, räum' ich. Guten Morgen, Kind. Bist schon

aus dem Bett gehupft? 's ist erst zehn Uhr und der Doktor

hat gesagt, du sollst bis Mittag liegen.

_Anna_

(heiter)

Erklärt mich der Doktor für krank, dann fühl' ich mich

gleich gesund.

_Frau von Hänlein_

Bist ja auch nicht krank, sollt' ich meinen.

_Anna_

Krank nicht, gesund auch nicht. Was soll man glauben!

_Frau von Hänlein_

Glaub an deine Natur.

_Anna_

Grad die Natur macht mich oft irre. Oft versuch ich froh zu

sein, dann kommt unversehens die Traurigkeit.

_Frau von Hänlein_

Wie hast denn geschlafen heute?

_Anna_

Einen wunderlichen Traum hab ich gehabt, Mutter.

_Frau von Hänlein_

Laß hören. Vielleicht kann ich ihn deuten.

_Anna_

(setzt sich aufs Sofa, Frau von Hänlein bleibt vor ihr

stehen)

Mir träumte, ich war in Frommetsfelden und alles war noch

so, wie ich ein Kind gewesen. Der schöne Garten mit den

vielen Obstbäumen, alle voller Äpfel und Birnen und die

lieben alten niedlichen Häuschen, und ich geh so und freu

mich über den blauen Himmel, und wie ich so gehe, wird's auf

einmal stockfinstre Nacht, und auf einmal seh ich Flammen,

und das ganze Städtchen steht lichterloh in Brand. Mir wird

Angst, und ich weiß nicht wohin, da packt mich Karl Heinrich

am Arm, so fest, daß mir's durch und durch weh tut. Laß

mich wenigstens noch in meinen Garten, bitt ich ihn, aber er

schüttelt den Kopf, macht ein böses Gesicht und hält mich

nur immer fester. Da seh ich den Leutnant Schlözer kommen,

er winkt mir so freundlich, daß mir ganz warm ums Herz wird,

und plötzlich kann ich zu ihm hingehen, und wie ich bei ihm

bin, da sind wir im Garten, und aus einem schönen blauen

Krug gibt er mir Wasser zu trinken. Dabei ist mir immer

wohler und wohler geworden, und so bin ich aufgewacht.

_Frau von Hänlein_

Das war das Vernünftigste, was du hast tun können, das

Aufwachen.

_Anna_

Sollen die Träume auch noch vernünftig sein? Schau, Mutter,

ich fühl' mich so verlassen oft.

_Frau von Hänlein_

(setzt sich zu ihr, tadelnd)

Und du hast doch den besten Mann von der Welt.

_Anna_

(steht auf, geht zum Fenster)

's ist wahr.

_Frau von Hänlein_

Ist's wahr mit Seufzen, so ist's Lüge.

_Anna_

Weiß wirklich nicht, wie mir zumut ist ...

_Frau von Hänlein_

Hör' zu, Anna. Du solltest dich weniger mit dem Leutnant

Schlözer abgeben. Ein paar Monate seid ihr erst verheiratet,

und, -- es schickt sich eben nicht. Lang muß sich auch

kränken.

_Anna_

(bitter)

Karl Heinrich? Oh nein, Mutter. Oh nein. Der kränkt sich

nicht. Darüber nicht.

_Frau von Hänlein_

Warum nicht _da_rüber? Etwa weil er nicht darüber spricht?

_Anna_

Wüßt ich's nur! Das ist's ja, was mich quält. Er denkt nur

an die Verwaltung. Nur seine Eingaben und Verbesserungen hat

er im Kopf.

_Frau von Hänlein_

(lacht)

Bist eifersüchtig auf die Verwaltung? Damit mußt du dich

abfinden. Ein Mann gehört seinem Beruf.

_Anna_

(mit niedergeschlagenen Augen)

So bin ich betrogen worden, Mutter. Man hat mir's anders

eingeredet.

_Frau von Hänlein_

Als dein Vater auf dem Totenbett lag, sagte er zu mir:

Schau, Rieke, du hast ja graue Haare an den Schläfen. Da hab

ich ihm antworten müssen: Dummer Mann, die grauen Haare hab

ich schon seit sechs Jahren. Glaubst du, wir haben uns

deshalb minder lieb gehabt?

_Anna_

Ach, -- Liebe! Das ist viel, oder 's ist wenig, je nachdem!

Wie kann ich wissen, ob sie _mir_ gilt, (mit beiden Händen

an der Brust) ob's _meine_ Liebe ist, die erwidert wird,

ganz genau meine?

_Frau von Hänlein_

Warum soll es denn, um Gottes willen, ganz genau die deine

sein? Wir Menschen sind doch aus verschiedenem Teig.

_Anna_

Ist sie ihm mehr wert als das Amt? Was Größeres als die

Geschäfte? Was anderes als eine Stunde zum Vergessen? Ich

will wissen, ob sie mir gilt, mir ganz allein und ganz so

wie ich bin.

_Frau von Hänlein_

Kind, spiel du nicht mit Worten, denn das heißt so viel wie

zum Teufel beten. (Sie steht auf.)

_Anna_

Was sind mir seine Geschenke, wenn ich das nicht weiß? Er

ist so verschlossen; so viel fremdes Leben bringt er mit.

Seine Augen sind fremd. Sein Gesicht ist fremd. Mir ist als

hätt ich sein wirkliches Gesicht noch kaum gesehen; als ob

er gar nicht leiden könnte um was. Immer möcht ich grübeln,

wenn er mit mir redet; indes sein Wort weiter geht, bin ich

noch beim ersten und frag mich: wo bist du, Karl Heinrich?

Ich find ihn nicht. Muß ich ihm nicht auch fremd sein? Wie

wird er mich nehmen, wenn mein Fremdestes zu seinem Herzen

will?

_Frau von Hänlein_

(bekümmert)

Das kommt mir alles wie Sünde vor. Auch versteh ich's nicht.

Ich bin schon froh, wenn mich die Sonne bescheint.

_Bärbel_

(von rechts)

A Herr is da un will unsern Herrn sprech'n.

_Frau von Hänlein_

Unser Herr ist ausgegangen.

_Bärbel_

Der Herr will auf unsern Herrn wart'n.

_Frau von Hänlein_

Was ist's denn für ein Herr?

_Bärbel_

Birnkoch haaßt 'r.

_Rechnungsrat Birnkoch_

(unter die Türe tretend; ein dicker, kleiner, geschniegelter

junger Mann mit Glatzkopf und einem eiertanzähnlichen Gang)

#Excusez, mes dames --#

_Frau von Hänlein_

Der Herr Rechnungsrat! Bitte nur einzutreten, Herr

Rechnungsrat.

_Birnkoch_

Ist nicht meine Absicht, die Damen zu troublieren. #Bonjour,

mesdames#. Frau Domänenrätin, meine Reverenz. Wie befindet

sich dero beneidenswerter Gatte?

_Frau von Hänlein_

(hastig, um Annas zerstreutes Schweigen zu verdecken)

Mein Schwiegersohn ist zur Inspektion des Waisenhauses, Herr

Rechnungsrat. Müssen Sie ihn dringend sprechen, so schick

ich hinüber.

_Birnkoch_

Inspektion in aller Frühe? Ein rühriger Beamter, der

Domänenrat Lang, #un caractère de fer#. Wollen Sie hinüber

schicken? Ich bitte, nein. Allerdings habe ich ein Anliegen,

will sagen einen Auftrag von Seiner Exzellenz, dem Minister

Haugwitz, der die Gnade hatte, mit mir in Berlin zu

konferieren ...

_Frau von Hänlein_

Nun, wenn es von Wichtigkeit ist, Herr Rechnungsrat ...

(Will zur Tür.)

_Birnkoch_

Bitte nein, Madame. Muß wohl von einiger #importance# sein,

da man mich damit beauftragt hat. Aber, bitte nein. Das

Vergnügen, Ihnen Gesellschaft leisten zu dürfen ... Es

handelt sich um die fatale Affäre ... #une chose ridicule,

au fond# ... mit dem Turm von ... von ... #quel nom

abominable# ...

_Frau von Hänlein_

Mit dem eingestürzten Stadtturm vielleicht --?

_Birnkoch_

Ganz richtig, Madame; mit dem eingestürzten Stadtturm. In

... in ...

_Frau von Hänlein_

Frommetsfelden.

_Birnkoch_

#Milles mercis, madame#. Frommetsfelden. #Mon Dieu,# was für

seltsame ... Bezeichnungen in Deutschland die Dörfer haben!

_Anna_

(die am Fenster gesessen ist, hat erstaunt aufgehorcht)

Wie, Mutter, -- in Frommetsfelden ist der Turm eingestürzt?

_Birnkoch_

Ganz wie Sie sagen, Frau Domänenrätin. Von oben bis unten

eingestürzt.

_Frau von Hänlein_

(verschüchtert durch Annas erschrockene Miene)

War ja ein altes, baufälliges Gerümpel, der Turm.

_Birnkoch_

#C'est ça.# Uralt. Und baufällig, jawohl. Baufällig.

Unbedingt baufällig. Deshalb ist er ja eben eingestürzt.

_Anna_

Wann ist denn das geschehen?

_Birnkoch_

Nun ... es mögen drei bis vier Wochen sein. Eher vier.

Jawohl. Vier bis fünf Wochen, jawohl.

_Anna_

Davon hat mir Karl Heinrich kein Wort gesagt ...

_Frau von Hänlein_

Daß dich das sonderlich interessiert, hat er nicht denken

können.

_Birnkoch_

So wissen Sie auch nicht, daß der Herr Domänenrat sich

weigert, mit allen Gründen seiner Amtsgewalt sich weigert,

den Turm wieder aufbauen zu lassen?

_Anna_

Er will ihn nicht wieder aufbauen lassen?

_Birnkoch_

#Une marotte! une marotte inexplicable!# Er weigert sich.

Die Regierung selbst unterstützt das Verlangen der Bauern.

Und er weigert sich. #C'est son entêtement.#

_Anna_

Aus welchem Grund will er denn den Turm nicht bauen lassen?

_Birnkoch_

#Parole d'honneur,# ich weiß ihn nicht, den Grund. Und wüßt

ich ihn, so könnt ich ihn keinesfalls approuvieren. Aber ich

bin erfreut, Madame, daß Sie an der Sache solchen Anteil

nehmen. Da kann man ja auf Ihre Unterstützung rechnen ...

_Frau von Hänlein_

Meine Tochter nämlich, Herr Rechnungsrat, hat ihre ganze

Jugend dort in Frommetsfelden zugebracht. Sie hat bei ihrem

Oheim auf dem Gut gelebt, während ich mit meinem Mann in der

Welt herumgezogen bin.

_Birnkoch_

Verstehe ...

_Frau von Hänlein_

Da ist ihr natürlich jeder Baum und jeder Stein ans Herz

gewachsen.

_Birnkoch_

Verstehe. Die Erinnerung. #Le souvenir.# Verstehe. (Zitiert

mit preziösem Tonfall.)

Erinnerung taucht ihren Farbenpinsel

Ins wunde Herz und übermalt den Gram.

Sie fleucht mit dir auf eine Zauberinsel,

Wenn das Geschick dir Mut und Freude nahm.

Verstehe.

_Frau von Hänlein_

Reizend, Herr Rechnungsrat. Haben Sie das selbst gedichtet?

_Birnkoch_

Nicht ganz. Nicht ganz. Hab's mir aus einer #anthologie#

kopieren lassen.

(Es klopft, ein kleines Mädchen tritt verschämt ein. Sie

trägt einen Fliederstrauß in der Hand, blickt von einem zum

andern, eilt jäh auf Anna zu und überreicht ihr den Strauß

mit einem Knix.)

_Birnkoch_

Sieh da, sieh da! Flieder schon, im März?

_Anna_

(erhebt sich; tief errötend)

Von wem ist denn der Flieder, Kind? (Schnell, ehe das

Mädchen antworten kann.) Ist schon gut. Ich laß mich recht

sehr bedanken. Da hast was für den Zuckerbäcker. (Gibt ihr

ein Geldstück; das Mädchen geht.)

_Frau von Hänlein_

(leise mahnend)

Anna!

_Birnkoch_

Befinde ich mich in einem #erreur,# wenn ich annehme, daß

Sie den Spender kennen, Frau Domänenrätin?

_Anna_

(für sich)

Herrlich! Herrlich! (Steckt das ganze Gesicht in den Strauß

und atmet mit Inbrunst; flüsternd.) Mein Traum!...

_Frau von Hänlein_

(am Fenster)

Die ungleichen Schalen: Fünf einaktige Dramen · 第 30 / 74 题