Väterchen Alexei Grigorjewitsch! (Er sinkt auf die Kniee.)

_Rasumowsky_

(ergriffen und ganz in die Vergangenheit verloren)

Frühling und Sommer meines Lebens! (Er küßt die Papiere und

erhebt, sich bekreuzigend, die Blicke nach oben.)

_Orlow_

(packt in seiner Erregung mit beiden Händen die Papiere)

Geben Sie, Alexei Grigorjewitsch --!

_Rasumowsky_

(erschrocken)

Was für ein Ungestüm, Graf Orlow!

_Orlow_

(fast mit Wildheit, drohend)

Ich kniee vor Ihnen, Alexei Grigorjewitsch!

_Rasumowsky_

(beugt sich ein wenig vor und starrt in Orlows Gesicht)

Die Augen ... die Augen ...

_Orlow_

(springt empor)

Wollen Sie mich auf die Folter spannen, Graf Alexei? Ich

ertrag's nicht länger.

_Rasumowsky_

(kopfschüttelnd)

Ei, es ist eine ganz andere Stimme, die jetzt zu mir

spricht.

_Orlow_

Genug gesäuselt.

_Rasumowsky_

Also nur Verstellung? Und so schlecht verstellt? So schnell

überdrüssig der Verstellung?

_Orlow_

Wollen Sie mir den Köder nur vorsetzen, um mich zappeln zu

lassen?

_Rasumowsky_

Ach, Sie zeigen zu früh Ihr wahres Gesicht, Graf Orlow.

_Orlow_

Ich habe viele Gesichter, warum soll dies gerade mein wahres

sein. Wozu das Getändel? Zu Großes liegt vor mir. (Er zeigt

seine weißen Zähne, während sich die Worte stürmisch

ergießen.) Von unten heraufgestiegen, wo die Sklaven wohnen,

begrüßt mich endlich das Licht, und Welt und Kreatur

schreit: Herr! Herr! Gnade! Gnade! Ja, Herr will ich sein

und Gnade soll von mir träufeln für alle, die sich bücken.

Wollust, zu befehlen, und mit einem Atemzug die Mächtigsten

zum Schweigen bringen! Alles unter mir sehen, was jetzt noch

verführerisch lockt, aus der Enge heraus, wo man horchen

muß, ehe man spricht, und rechnen, bevor man zahlt. Ohne

Bedachtsamkeit leben, planen ohne Angst und Maß! Unten

gehört alles auch dem Nachbarn, was mir gehört, oben bin ich

allein und fürchte keine Grenze. Keine Grenze fürchten, das

ist's. Mit seinem Willen allein sein, frei mit jeder Tat und

doch der Richtpunkt aller Aufmerksamen. Ein Reich übersehen,

den Arm von Ozean zu Ozean strecken, die Willfährigen mit

Provinzen lohnen, die Unzufriedenen hinschmettern, -- und

eine Kaiserin umschlingen, eine Kaiserin, in den Mienen

einer Kaiserin Unterwerfung lesen, -- das ist mein Spiel,

Alexei Grigorjewitsch! Die Würfel liegen zwischen uns.

Werfen Sie jetzt und zählen wir die Augen.

_Rasumowsky_

(kalt)

So spricht ein Spieler. Im Würfelspiel mögen Sie gewinnen,

Graf Orlow, im Schicksalsspiel nicht.

_Orlow_

Auch das Schicksal kann man zwingen, alter Mann.

_Rasumowsky_

Wie den Teufel in der eigenen Brust.

_Orlow_

Wer würde anders handeln an meiner Stelle? Nur wenn ich

zaudere, verliere ich.

_Rasumowsky_

Und Gott soll mit bei diesem ... Spiele sein?

_Orlow_

Gott ist auf meiner Seite, weil ich will. Ich fühle die

Bestimmung.

_Rasumowsky_

Über Blutbestimmung und Gottes Wahl läßt sich nicht rechten.

_Orlow_

Lügendunst! Zar Peter war ein Narr, ein Verräter, Affe des

Preußenkönigs, ein Schwächling. Herrliche Bestimmung!

_Rasumowsky_

Besser ein Schwächling als ein gewissenloser Emporkömmling.

_Orlow_

(hochmütig)

Die Brücke zwischen uns fängt an zu krachen, Erlaucht.

_Rasumowsky_

So mag sie bersten.

_Orlow_

Ich habe keine Zeit mehr zu verlieren.

_Rasumowsky_

Doch die Zeit wird Sie auffressen.

_Orlow_

Jetzt, da Sie mich überzeugt haben, daß Sie die Dokumente

besitzen und sie in Ihrer Hand halten, kann ich Sie zwingen,

Alexei Grigorjewitsch.

_Rasumowsky_

Sie wollen damit sagen, daß Ihre Helfershelfer mein Haus

umstellt halten?

_Orlow_

Leute, die mir blindlings ergeben sind, ja.

_Rasumowsky_

Und wozu ich mich freiwillig nicht mehr entschließen würde,

das glauben Sie mit Gewalt durchsetzen zu können. Mit

eigener Faust oder mit dem Beistand fremder Fäuste.

_Orlow_

Wenn Sie mich zu dieser Notwendigkeit drängen, -- ja. Ich

kann nicht zurück. Ich kann nur vorwärts.

_Rasumowsky_

Bis zum Abgrund. -- Sie vergessen nur eines, Graf Orlow.

Sobald Ihre Leute diese Schwelle übertreten, oder sobald Sie

selbst, von dieser Sekunde ab, eine Bewegung machen, die auf

Gewalttat zielt, fallen die Dokumente hier in das Feuer. Sie

sehen, es brennt loh genug, um ein paar Papiere rasch

verzehren zu können. (Pause. Beide blicken einander

schweigend ins Gesicht.)

_Orlow_

(mit verschränkten Armen)

So also steht es.

_Rasumowsky_

Ja.

_Orlow_

(langsam und mit Nachdruck)

Eines noch, Alexei Grigorjewitsch: ich könnte Sie belohnen,

wie nie ein Sterblicher belohnt worden ist.

_Rasumowsky_

Lohn? Für mich? Welchen Lohn? Reichtum? Paläste? Titel und

Würden? Für mich?

_Orlow_

(wie oben)

Wenn auch nicht für Sie, Erlaucht, so doch für einen

Knaben ...

_Rasumowsky_

Einen Knaben --?

_Orlow_

Für Iwan, den Sohn Rasumowskys und der Kaiserin Elisabeth.

_Rasumowsky_

(schwankt einen Augenblick, hält sich am Rand des Sessels,

sinkt dann darauf nieder).

_Orlow_

Der Pope Maximow hat mich zu ihm geführt.

_Rasumowsky_

Möge Gott ihm verzeihen. Es gibt keine Treue mehr.

_Orlow_

Fürchten Sie nichts mehr von der verräterischen

Geschwätzigkeit dieses Priesters, Erlaucht. Ich habe dafür

gesorgt, daß seine Zunge keinen Schaden mehr stiftet. Sie

und ich, wir sind die beiden einzigen Menschen auf Erden,

die um Iwan wissen ...

_Rasumowsky_

(dumpf)

Einer zu viel, Graf Orlow.

_Orlow_

Ich habe den Knaben gesehn. Es war eine weite Fahrt auf das

Gut Domnina im Epifanskischen Kreis. Ein schöner, blonder

Knabe. Welche Einsamkeit für einen Vierzehnjährigen. Wie

durstig er in die Ferne blickte! Er wußte nichts von Vater

und Mutter, die Leute, bei denen er ist, halten ihn für den

Sohn von Euer Erlaucht verstorbenem Bruder. Er ahnt nicht,

welche Versprechungen das Leben ihm schenken könnte, und wer

nur sein Gesicht sieht (deutet auf das Bild der Kaiserin

Elisabeth), braucht keinen andern Beweis seiner Abkunft.

Grausam schien es mir, die junge Blüte in der Steppenwüste

verkommen zu lassen. Ich habe ihn über seine Geburt

aufgeklärt.

_Rasumowsky_

(springt auf)

Das haben Sie getan?

_Orlow_

Ich habe es getan.

_Rasumowsky_

(sinkt wieder auf den Sessel, umklammert krampfhaft die

Dokumente vor der Brust.)

Großer Himmel! Sie hatten kein Mitleid mit dem arglos

spielenden Geschöpf? Frevlerisch das Gift des Ehrgeizes und

der ungenügenden Begierde in die junge Brust versenkt!

Fruchtlose Erwartungen geweckt, die ein gläubiges Gemüt

zerfleischen müssen! So war meine Entbehrung vergeblich,

vergeblich, daß ich mein Herz von ihm entwöhnt habe,

vergeblich das Opfer, vergeblich der Gram der Mutter, alles

vergeblich!

_Orlow_

(mit leisem Spott)

Ist es nicht besser, wenn der Wissende sich bescheidet, als

wenn der Getäuschte verkommt?

_Rasumowsky_

(die Worte tief aus seiner Brust ringend)

Zweiunddreißig Jahre, Graf Orlow, war ich mit Elisabeth

Petrowna verbunden. Sie war eine musterhafte Christin und

eine zärtliche Mutter Millionen Volks. Auch mich liebte sie,

doch schien es mir so überflüssig wie sündhaft, meinen

Ehrgeiz über das Maß dessen zu erheben, was sie mir als Weib

gewähren konnte. Niemals in zweiunddreißig Jahren ist die

Versuchung über mich gekommen, den geheiligten Glanz der

Majestät für mich zu erborgen. _Sie_ war auserwählt zu

herrschen. Von den Ahnen her war ihr die Gnade verliehen.

Woran soll das Volk glauben, diese Zahllosen, von denen wir

keine Namen wissen und die nur aufblicken in ihrer

Verlassenheit, um nach dem gottbestimmten Führer zu suchen,

woran sollen sie denn glauben, wenn nicht an das Mysterium,

das um eine Krone webt? Das ist ja ihr Märchen, die

Botschaft, das Gesetz! Gesalbtes Haupt weiht das Diadem,

königliches Blut rauscht vom Vater zum Sohn, vom Gatten zur

Gattin, von Geschlecht zu Geschlecht. Raubt ihnen diesen

Glauben, und ihr stürzt sie in Gemeinheit und Verzweiflung,

die Welt steht da, ohne Ordnung, ohne Herrn. (Er erhebt

sich, bewegt.) Wenn es ein Verdienst in meinem Leben gibt,

Graf Orlow, so ist es das eine, daß ich die Kaiserin zu

überzeugen vermochte, unsere Ehe, für die sie den Segen der

Kirche gewünscht hatte, müsse ein Geheimnis für das Volk

bleiben. Und so wurde Iwan fern vom Hof und fern von den

Menschen erzogen, denn es ziemt sich nicht für den

Halbgebürtigen, von einem Thron auch nur zu träumen.

_Orlow_

Phantome, Erlaucht, Phantome! Die Zeit hat sich verändert.

Es handelt sich nicht um die Gnade, es handelt sich um die

Kraft.

_Rasumowsky_

Ich bin kein Starrkopf, Graf Orlow, nicht einer, der

denkfaul an Vergangenem hängt. Ich kenne die Zeit. Vieles

tragen die Eimer des Jahres herauf aus dem dunklen Schacht,

und wer wirklich lebt, wandelt sich mit jedem Becher, den er

an die Lippen führt. Das Blut wird auch in alten Körpern

neu. War ich nicht bereit, Graf Orlow? Ich war bereit, mehr

kann ich nicht sagen. Aber ich bin gewohnt, in Menschenaugen

zu lesen, und mehr noch auf den Stirnen, Graf, auf den

Stirnen. Sie sind so unbehütet, die Stirnen; man kann sie

eine Walstatt der Dämonen nennen. (Den Arm mit

ausgestrecktem Finger gegen Orlow, stark.) Ich sehe

Schicksale auf dieser Stirn, die ungeboren bleiben sollten.

_Orlow_

Alexei Grigorjewitsch! Nicht auf meiner Stirn, -- in Ihrer

Hand liegt jetzt ein Schicksal. Iwan ist in meiner Gewalt.

_Rasumowsky_

(scheu)

Iwan ... ist ...

_Orlow_

In meiner Gewalt und nur mir erreichbar.

_Rasumowsky_

(mit weiten Augen)

Sie wollen damit sagen: um Iwan ist's geschehen, wenn ich

mich weigere ...

_Orlow_

Vielleicht ist es das, was ich sagen will.

_Rasumowsky_

(nähert sich Orlow mit gebeugtem Oberkörper und mit der

Unterwürfigkeit eines Bauern, hält ihm mit beiden Händen die

Dokumente hin)

Nehmen Sie, Graf Orlow ...

_Orlow_

(etwas überrascht von dem schnellen Erfolg, greift nach den

Papieren).

_Rasumowsky_

(demütig)

Nicht weil ich für Iwan fürchte, Graf Orlow ... nicht weil

ich mir sein Leben erkaufen will, ... nicht deshalb, Graf

Orlow, nicht deshalb ...

_Orlow_

(hält die Papiere fest, mit finsterem Trotz)

Es wäre auch zu spät, Alexei Grigorjewitsch, Sie retten Iwan

damit nicht. Er war zu gefährlich, als er seine Abstammung

kannte. Er weilt nicht mehr unter den Lebenden.

_Rasumowsky_

(schmerzvoll)

Gott, dein Wille geschehe! Ich habe es geahnt!

_Orlow_

Und Sie geben mir trotzdem diese Papiere --?

_Rasumowsky_

(mit der Hoheit des Grames)

Ja, Graf Orlow! Ein Mann, der zu solchen Mitteln greift, den

muß die eigene Tat vernichten. Und wenn es die Krone selbst

wäre, sie hätte kein Gewicht mehr, wenn Sie sie halten.

Nichts ... ein Schemen, ein Scheinbild. Nichts. Zeigen Sie

die Dokumente der Kaiserin.

_Orlow_

(brütend)

Darum also ... Es ist zu viel ... (als wöge er die Papiere)

es scheint mir zu viel Erniedrigung für das gewährte

Almosen. Bin ich denn ein Bettler? Soll es einen Menschen

geben, der mich _so_ einschätzen darf? (Aufflammend.) Nein,

nein, nein! Die Schmähung greift ans Herz. Wenn ich diesem

erbettelten, erschlichenen Wisch alles verdanken müßte, was

mir das Leben gewähren soll, es fräße mir das Mark der Tat

aus den Knochen. Ein Orlow, der alles Heil auf den Inhalt

einiger vergilbter Papiere gründet? Bin ich verloren ohne

diese Fetzen, so wie ich jetzt besudelt bin, wenn ich sie

als billige Trophäe vor die Augen Katharinas bringe? Nein,

Alexei Grigorjewitsch, nein! Die Genugtuung, daß es von

Ihrer Gnade abhängig war, Rußland einen Zaren zu geben, kann

ich Ihnen nicht überlassen. Jede Gegenwart wäre mir

vergällt, und um Ihnen den Beweis zu liefern, daß ich diese

Gnade verschmähe, daß ich sie verachte, nur darum tu' ich,

was ich tue! (Er eilt zum Kamin und wirft die Dokumente ins

Feuer.)

_Rasumowsky_

(mit seltsam entzückter, schreiender Stimme, die zugleich

etwas wie physischen Schmerz enthält)

Ein Gottesurteil! Ein Gottesurteil!

(Durch Rasumowskys Schrei alarmiert, kommen Lassunsky und

Chidrowo mit bestürzten Mienen.)

_Lassunsky_

(bleibt unter der aufgerissenen Türe stehen, hastig)

Was ist geschehen, Erlaucht?

_Chidrowo_

(tritt vor, zieht den Degen)

Wir werden Sie schützen, Erlaucht.

_Rasumowsky_

(ohne sie zu beachten)

So hat eine höhere Macht Ihren Arm gelenkt, Graf Orlow, und

Sie haben nur den Beweis geliefert, daß es keinen Weg gibt

aus Ihrer Menschentiefe zum Licht der Majestät. (Er bückt

sich, als ob er bete.)

_Lassunsky_

(drängend)

Erlaucht ... die Blässe Ihres Gesichts ... Sie sind

krank ...

_Rasumowsky_

(immer gebückt)

Ehrfurcht! Der Engel des Schicksals schwebt über uns!

_Orlow_

(reißt sich vom Anblick des Feuers los)

Verbrannt ... (Unheilvoll.) Und nun sei auch verbrannt alle

Milde, vergessen alles Zögern feiger Rücksicht und wer mich

aufhält, meinen Schritt oder den Schritt meines Pferdes, der

möge zittern!

_Rasumowsky_

Verwirkt! Verwirkt! Wir wollen zittern, aber der Spruch ist

gefallen.

_Chidrowo_

(fast jubelnd)

Gerettet, Mütterchen Rußland, gerettet!

_Orlow_

(im Abgehen)

Hütet euch!

_Rasumowsky_

(richtet sich wieder empor)

_Ich bin_ in meiner Hut, denn ich fürchte die Menschen nicht

mehr.

(Vorhang)

Die ungleichen Schalen: Fünf einaktige Dramen · 第 17 / 74 题