Und so bin ich gekommen -- (zaudert.)

_Rasumowsky_

Gekommen --?

_Orlow_

(leise, als schäme er sich)

Sie um die Dokumente Ihrer Ehe mit der Zarin Elisabeth

Petrowna zu bitten.

_Rasumowsky_

Mein Erstaunen wächst, Graf Orlow. Wie kann man mit einer

Tatsache rechnen, mit der die Öffentlichkeit niemals

behelligt worden ist, die niemals zugegeben worden ist und

die daher niemals Gegenstand weder einer politischen, noch

einer privaten Aktion werden kann?

_Orlow_

Ich ehre diese Entrüstung, Erlaucht, und finde sie gerecht.

Aber es gibt Dinge, die so lange verschwiegen werden bis

jedes Kind um sie weiß.

_Rasumowsky_

Wahrlich, was Sie da sagen, betrübt mich aufs äußerste, Graf

Orlow. Mir ist, als sei ich bestohlen worden. Mir ist, als

hätte man meine Brust durchwühlt, um ihr das Teuerste zu

rauben, und als riefe man mir zu: du bewahrst es umsonst,

denn die Hunde beschnüffeln es schon wie ein Aas.

_Orlow_

Schwer wird es mir, Ihnen zu widersprechen, Erlaucht.

_Rasumowsky_

Und wenn ich nun antworten würde: eine Ehe zwischen mir und

der hochseligen Herrin Elisabeth Petrowna hat niemals

stattgefunden?

_Orlow_

(beißt sich auf die Lippen; dann gleißnerisch)

So würde ich Ihre Beweggründe zu erforschen suchen.

_Rasumowsky_

Wenn ich Ihnen versichern würde, daß ich keine Dokumente

besitze --? Wie, Graf Orlow?

_Orlow_

(düster)

Sie würden damit mein Leben zerstören, Erlaucht.

_Rasumowsky_

Und wenn ich den Besitz der Dokumente zugebe, warum soll ich

sie ausliefern? Was könnte mich veranlassen, ein Jahr um

Jahr, Jahrzehnt um Jahrzehnt gehaltenes Übereinkommen

schmählich zu verletzen? Nur weil ein Jüngling, den die

Jugend begehrlich und begehrenswert macht, in meinen Frieden

tritt und die Hand ausstreckt nach meinem Gut?

_Orlow_

Es ist nichts in Ihren Worten, Alexei Grigorjewitsch, was

ich mir nicht auch selbst schon ins Gewissen gerufen hätte.

Doch erwägen Sie, Erlaucht: mein Glück ist auch das Glück

der Kaiserin.

_Rasumowsky_

Ich werfe mich in den Staub vor Ihrer Majestät, aber sie

hat keine Macht über die Geheimnisse meiner Seele.

_Orlow_

So flehe ich, Erlaucht, um Ihr Vertrauen ...

_Rasumowsky_

Mein Vertrauen zu den Menschen ist so gering, Graf Orlow,

daß jeder Appell daran verschwendet ist. Ich habe zu viele

Worte gehört und zu viele Taten gesehen. Ich bin meiner

selbst kaum gewiß, um wie viel weniger eines andern. Ein

Ozean von Geschwätz ertränkt die edelste Handlung, und die

niedrigste versteckt sich nicht mehr, wenn ihr ein Vorteil

winkt.

_Orlow_

Bedenken Sie, Alexei Grigorjewitsch, ein Mann, für den so

Ungeheueres sich entscheiden soll, muß ein Verworfener

werden, wenn es mißlingt.

_Rasumowsky_

Also ist es nur der Erfolg, der tugendhaft macht?

_Orlow_

Ein Held jedoch, wenn er ans Ziel gelangt.

_Rasumowsky_

Ein Held? Könnt ich dies glauben, Graf Orlow, dann! ja dann!

Aber ich kann es nicht glauben. (Feierlich.) Zwei

unschuldig Zertretene wehren mir's.

_Orlow_

Viel Blut liegt auf dem Weg der Helden, Erlaucht.

_Rasumowsky_

Blut von Kindern?

_Orlow_

Macht löscht den Makel aus.

_Rasumowsky_

(betroffen)

Furchtbares Wort!

_Orlow_

(erkennt seinen Fehler, einlenkend)

Als ich heranritt, Erlaucht, ich war betrunken von Freude;

ich hatte die unheilvollste Meuterei erstickt, Rebellen

hatte ich meiner Gebieterin in Anhänger auf Tod und Leben

verwandelt, die Wirklichkeit zerrann mir vor den Augen, ich

sah kein Hindernis mehr ... und als es geschehen war, hab

ich nicht Buße getan vor allem Volk?

_Rasumowsky_

Doch haben Sie dem Volk eine unheilbare Wunde geschlagen.

_Orlow_

(mit dem letzten Aufwand seiner gleißnerischen

Beredtsamkeit)

Als ich zwölf Jahre alt war, Erlaucht, trieb mich mein

Vater mit der Peitsche vom Hof, weil ich für einen

Leibeigenen, der die Todesstrafe erleiden sollte, um Gnade

gebeten hatte. Ich liebe unser Volk. Ich weiß, wie sie

leben, wie sie schmachten, wie sie Unrecht leiden, wie sie

stumm sind, wie sie ihre Hoffnung unermüdlich von Jahr zu

Jahr tragen, wie sie in ihrer Not die Herren preisen, die

mit den Früchten ihrer Arbeit Feste feiern, und wie sie auf

den warten, der sie erlösen wird. Ich weiß es und will ihrer

nicht vergessen.

_Rasumowsky_

Ist mir doch, als ob ich Glocken hörte aus einem versunkenen

Land, Graf Orlow. (Er steht versunken, von Orlow gespannt

beobachtet; wie zu sich selbst) Ist es Rausch? oder Wahn?

oder blinde Sucht der Jugend? Leidenschaft macht beredt den,

der sie hegt, und stumm den, der sie begreift. (Laut) Sie

führen eine ungewöhnliche Sprache, Graf Orlow, die mich irre

werden läßt an meinem Vorsatz.

_Orlow_

Ich danke Ihnen, Erlaucht.

_Rasumowsky_

(geht zur Wand, wo er neben dem Kamin auf eine geheime Feder

in der Täfelung drückt. Ein Türchen springt auf. Er

entnimmt dem Schrein eine goldene Kassette, die er öffnet

und einige in roten Atlas eingeschlagene vergilbte Papiere

herauszieht)

Sieh da, wie viel Staub darauf liegt ... (Er stellt das

Kästchen beiseite) Staub ... Staub. Pulver der

Vergessenheit. Überreste von Träumen. (Er legt den Atlas in

das Kästchen zurück und liest das oberste Papier aufmerksam

durch.)

_Orlow_

(der sich am Ziel glaubt)

Die ungleichen Schalen: Fünf einaktige Dramen · 第 16 / 74 题