meinen Bedüncken nach nöthig sind, wenn er glücklich gerathen soll.
Ich will nicht sagen, daß ich keine einzige übergangen hätte. Ich will
auch nicht zum andern, oder gar zum dritten mal, sagen, daß ich nicht
in den Gedancken stehe, als wenn ein jeder glücklicher Schertz, alle
diese Schönheiten besitzen müsse. Sondern ich werde meine Erinnerungen
die ich noch zu machen habe, in ein paar allgemeine Anmerckungen
einschrencken. Zuerst gebe ich zu, daß es manche Schertze gibt, bey
welchen unmöglich alle diese Schönheiten zusammen stat finden können.
Es kan geschehen, daß bey gewissen Spassen, nach allen ihren Umständen
betrachtet, einige dieser Schönheiten einander wiedersprechen. Daraus
wird aber meines Erachtens nichts weiter folgen, als daß manche
Schertze unmöglich den grösten Grad der Schönheit erreichen können,
der bey einem Schertze, überhaupt betrachtet, möglich ist. Hernach ist
mit leichter Mühe zu begreiffen, daß eine Schönheit eines Schertzes so
groß, starck und einnehmend seyn könne, daß viele andere Fehler dadurch
bedeckt werden. Was einem Schertze an der einen Schönheit abgeht, kan
durch die andre ersetzt werden. Und es gibt Fehler der Schertze die mit
leichter Mühe können versteckt werden. Ja, man kan sich in Gesellschaft
befinden, da man hundert Fehler in Schertzen begehen kan, die die
Gesellschaft nicht merckt.
~Non quiuis videt immodulata poemata iudex.~
_Hor. art. poet._
Es gehört ein wenig Verschlagenheit und List dazu, wenn man in allen
Gesellschaften, die aus keinen grossen Geistern bestehen, im spassen
glücklich seyn will. Man kundschafte den Geschmack der Gesellschaft
aus, man verstecke die Fehler seiner Schertze, so bin ich gut davor,
daß man für einen schertzhaften Kopf wird gehalten werden. Nur hüte
man sich vor der Eitelkeit, deswegen zu glauben, daß man auch vor dem
Richterstuhle der gesunden Critik, eines guten Ausspruchs, bloß um
dieser Ursach willen, sich zu getrösten habe.
§. 99.
Die Gründe der Beurtheilung eines Schertzes, die ich bisher ausgeführet
habe, können innere Gründe genennet werden, weil sie in den Schönheiten
bestehen, die einem glücklichen Schertze eigenthümlich zugehören. Es
gibt aber auch äusserliche Gründe, die überhaupt aus dem Urtheile
anderer von unsern Schertzen hergenommen werden, und aus dem Eindrucke
den unser Schertz in den Gemüthern unserer Zuhörer macht. Doch ist
dabey viel Behutsamkeit nöthig. Ich will erst untersuchen, ob man einen
Schertz für feurig zu halten Ursache habe, wenn er von andern gelobt,
belacht, und gebilliget wird. Es würde ein übereiltes Urtheil seyn,
wenn man diese Frage schlechterdings bejahen wolte. Unser Zuhörer, dem
wir den Schertz vortragen, kan aus grosser Höflichkeit und Freundschaft
unsere frostigsten Schertze loben und belachen, weil er uns einen
Gefallen dadurch zu erweisen glaubt. Hat man also nicht nöthig der
Warnung des +Horatz+ Gehör zu geben?
~Nunquam te fallant animi sub vulpe latentes.~
_Art. poet._
Oder er kan uns wohl gar so viel Ehrfurcht und Unterwürfigkeit von
Rechts wegen schuldig seyn, daß es ein unbesonnenes Verbrechen
seyn würde, wenn er sich nicht verstellen wolte. Oder er kan ein
+Gnatho+ seyn, welcher denckt:
~Est genus hominum, qui esse primos se omnium rerum volunt,
Nec sunt. Hos consector. Hisce ego non paro me vt rideant,
Sed eis vltro arrideo, & eorum ingenia admiror simul.
Quicquid dicunt laudo, id rursum si negant, laudo id quoque,
Negat quis, nego; ait, aio; postremo imperaui egomet mihi
Omnia assentari.~
_Terent. in Eunuch._
Oder, welches vor allen Dingen anzumercken, unser Zuhörer kan ein
einfältiger, stumpfer, frostiger Kopf seyn. Man sage ihm die feurigsten
Schertze, die sind ihm zu hoch, er kan sie nicht begreiffen, er bleibt
ungerührt. Hört er aber den frostigsten und abgeschmacktesten Spaß,
der wird für seinen groben Geschmack sich schicken. Sein eißkaltes
Gehirne wird den kleinsten Grad des Feuers fühlen, welches in einem
ohnedem feurigen Kopfe unmercklich ist. Man sieht demnach, daß der
Beyfall, der unsern Schertzen gegeben wird, ein sehr zweiffelhaftes
Merckmaal der Schönheit derselben ist. Wollen wir daraus einen
wahrscheinlichen Schluß machen, so müssen wir wissen, daß derjenige,
der unsern Schertz lobt, ein feuriger Kopf von gereinigtem Geschmacke
sey, und daß er weder aus Freundschaft, noch Höflichkeit, noch
Unterwürfigkeit, noch Schmeicheley über unsern Einfall lache.
§. 100.
Eben so wenig kan man daher, wenn unser Schertz getadelt wird, und
keinen Eindruck bey andern verursacht, auf den Frost desselben
einen unbetrüglichen Schluß machen. Ich habe schon bemerckt, daß
ein frostiger und ungeschliffener Kopf, den schönsten Schertz ohne
Rührung, anhören und ihn tadeln wird. Aus diesem Tadel darf man sich
so wenig machen, daß man ihn vielmehr als ein Zeichen der Schönheit
unsers Schertzes anzusehen hat. Es kan jemand aus Feindschaft,
Verachtung unserer Person, Neid, und Tadelsucht unsere Einfälle
tadeln, und sich mit Gewalt zwingen nicht zu lachen, sondern sein
Vergnügen über den Schertz zu verheelen und zu ersticken. Ich weiß
selbst nicht woher es kommt, daß der Neid fast eine Erbsünde vieler
feurigen Köpfe zu seyn scheint. Ein witziger Kopf wird viel Mühe
nöthig haben, einen sinnreichen Einfall an andern zu loben. Ich rede
nur von solchen aufgeweckten Köpfen, die ausserdem nicht eben gar zu
grosse Vollkommenheiten besitzen. Ja es kan auch ein geistreicher
Kopf, der in keinem dieser angeführten Fehler steckt, manchmal viel zu
ernsthafte und verdriesliche Gedancken haben, als daß er die Schönheit
eines feurigen Schertzes zu mercken vermögend seyn solte. So wenig
man beständig zu schertzen aufgelegt ist, so wenig ist man zu allen
Zeiten im Stande, durch einen glücklichen Schertz gerührt zu werden.
Ja endlich kan die Verschiedenheit des Geschmacks Ursach seyn, warum
andere unsere Schertze nicht für schön halten.
~Laudatur ab his culpatur ab illis.~
_Hor. Sat. L. I. Sat. II._
Mich dünckt, ich habe überflüßig dargethan, daß ein Schertz sehr
feurig seyn könne ob er gleich von andern getadelt wird, und keinen
mercklichen Eindruck bey andern macht. Wenn aber ein Mensch von
grossem Witze, Scharfsinnigkeit, und Beurtheilungskraft, der gantz
unpartheiisch ist, unsern Schertz ohne Rührung anhört und ihn
verachtet, so ist der Schluß überaus wahrscheinlich, daß der Schertz
mat, unglücklich und frostig sey. Noch viel behutsamer muß man seyn,
wenn man von seinem eigenen Urtheile, über seine eigene Einfälle, einen
Schluß auf ihre Häßlichkeit oder Schönheit machen will. Eitelkeit
und Eigenliebe verblenden uns, daß wir unsere eigene Fehler nicht
mercken, und unsere Vollkommenheiten durch ein Vergrösserungsglas
betrachten. Niederträchtigkeit stelt uns häßlicher, in unsern eigenen
Augen, dar, als wir in der That sind. Es sind demnach Uebereilungen,
wenn man gerade zu schliessen wolte: Mein Spaß der mir gefält ist
feurig, und der mir mißfält ist frostig. Wer aber seinen Geist über die
Schwachheiten der Eitelkeit und Niederträchtigkeit erhoben hat, wer
ein feuriger Kopf ist, und einen feinen Geschmack hat, der kan diese
Schlüsse mit vieler Wahrscheinlichkeit machen. Nur muß er sich hüten,
daß das auch keine Frucht einer schmeichelnden Eigenliebe sey, wenn er
sich selbst für einen erhabenen, feurigen und feinen Geist hält.
§. 101.
Ich könnte meine Betrachtung hier beschliessen. Das hundert der Absätze
ist ohne dem wieder mein Vermuthen voll geworden. Ich habe aber
angemerckt, und zwar, wie ich mir schmeichle, nicht ohne Grund, daß die
formelle Vollkommenheit eines Schertzes in verschiedenen Stücken, von
der materiellen Vollkommenheit derselben abhänget. Ich werde daher von
dieser noch handeln müssen. Ich bin nicht willens mich dabey so weit
auszudehnen, als ich zu thun im Stande wäre. Ich werde die materielle
Vollkommenheit der Schertze, nur in so weit in Betrachtung ziehen,
als sie das Feuer eines Schertzes entweder glänzender machen, oder
verdunckeln kan. Ich werde alle Weitläuftigkeit vermeiden, und diese
gantze Betrachtung in drey oder vier Regeln einschliessen.
§. 102.
So lange die materielle Unvollkommenheit eines Schertzes kleiner
ist, als die formelle Schönheit desselben, so wird jene dem Feuer
desselben keinen mercklichen Abbruch thun. So bald aber die materielle
Unvollkommenheit mit der formellen Vollkommenheit die Wage hält, oder
diese wohl gar übertrift, so bekommt die Schönheit eines Schertzes
einen Schandfleck, der wenigstens die formellen Schönheiten verdeckt.
Ein solcher Schertz gleicht einem Feuer, das vielen Dampf und Rauch
verursacht. Wenn gleich der Rauch dem Feuer selbst keine Kraft nimt,
so verdeckt er doch dasselbe, und verhindert den Glantz desselben,
der sonst sich weiter ausbreiten, und durchdringender seyn würde. Ein
Mensch, der an einem Dinge Vollkommenheiten und Unvollkommenheiten
gewahr wird, beurtheilt die Sache nach dem Uebergewicht der einen
oder der andern. Wenn die letzten die ersten weit übertreffen, so
kan es natürlicher Weise nicht anders seyn, als daß man sich die
häßliche Seite eines solchen Dinges aufmercksamer, klärer, gewisser
und lebendiger vorstelt. Darüber vergißt man nach und nach die
Vollkommenheiten, sie scheinen nicht hinreichend zu seyn eine Sache,
die überwiegend fehlerhaft ist, nach ihrem schwächern Theile zu
beurtheilen. Mit einem Wort, eine Sache die mehr häßlich als schön
ist, wird nach ihrer schönen Seite nicht vornemlich beurtheilt. Die
Schönheiten werden durch die stärckern Häßlichkeiten verdunckelt, und
man ist nicht gewohnt, wenige Vollkommenheiten, mit einem so elenden
Anhange mehrerer Unvollkommenheiten, besonders zu schätzen. Soll also
der Schertz sein völliges Feuer behalten, und darin unterstützt werden,
so muß die materielle Unvollkommenheit, wo nicht gantz fehlen, welches
allerdings besser ist, doch mercklich kleiner seyn. Mir deucht alle
Religions-Spöttereien haben diesen Fehler. Die Schertze die über
Religionssachen getrieben werden, können bisweilen sehr gut geraten,
weil aber die Gottlosigkeit und Leichtsinnigkeit derselben, zwey Sünden
sind, die bey nahe den höchsten Grad in diesem Falle erreichen, so
können solche Schertze bey niemanden ihre Würckung thun, als die eben
so gottloß und leichtsinnig sind, wie der schertzende selbst.
§. 103.
Wenn der Verdruß und der Eckel des Zuhörers über die materielle
Unvollkommenheit unseres Schertzes, grösser ist, als sein Vergnügen
über die formelle Schönheit desselben, so verliehrt unser Schertz
seinen Glantz und Feuer, wenigstens in dem Gemüthe unsers Zuhörers.
Niemand ist so thöricht, eine kleine Lust durch einen stärckern Verdruß
zu erkauffen; und es ist sehr wahrscheinlich, daß der Verdruß über
unsern Schertz das Vergnügen über eben demselben verdunckeln werde,
folglich auch den Grund desselben, oder die Anschauung der Schönheiten
desselben. Diese werden sich gleichsam hinter der Häßlichkeit des
Schertzes verliehren, und so gut seyn als wenn sie gar nicht da wären.
Wenn ja ein feuriger Schertz eine materielle Unvollkommenheit hat, so
muß doch der Verdruß darüber mercklich schwächer und dunckeler seyn,
als das Vergnügen über eben denselben. Alsdenn wird sichs umgekehrt
verhalten. Die häßliche Seite wird sich immer weiter hinter die schöne
drehen, und es kan wohl gar kommen daß der Zuhörer, über den Vergnügen,
an die Unvollkommenheiten zu gedencken vergißt. Wenigstens ists einem
oftermals nicht zuwieder, einen kleinen Verdruß auszustehen, wenn er
nur durch ein grösser Vergnügen belohnt und ersetzt wird. Es ist nicht
zu leugnen, daß die Ausübung dieser Regel viele Kunst erfodert. Es kan
jemand einen sehr grossen Verdruß worüber empfinden, so dem andern
gar keine, oder doch eine sehr kleine Unlust erweckt, und so verhält
es sich auch mit dem Vergnügen. Dem sey nun wie ihm wolle, so muß der
schertzende sich durchaus nach den Zuhörern bequemen, wenn er bey
ihnen seinen Zweck erreichen will. Ich rechne dahin die Schertze, die
von unzüchtigen, unflätigen, und gar zu gemeinen Dingen hergenommen
werden. Kurtz, alle diejenigen Schertze die in der Einbildungskraft ein
schändliches und eckelhaftes Bild verursachen. Ich lasse einen jeden
urtheilen, ob die feurigsten Schertze nicht ihren Glantz verliehren,
wenn sie eine so schmutzige und säuische Einfassung bekommen? Ein
spaßhafter Kopf, der bey seinen Schertzen gar zu oft ins Dicke trit,
kan zwar in einer Zeche Mistträger ohne Eckel gehört werden, aber
nicht von Leuten, die sehr selten Empfindungen von gewissen Dingen zu
haben pflegen. Es gibt eine gewisse Art Leute, die, ich weiß nicht
was für ein ehrwürdiges etwas, darin zu suchen pflegen, wenn sie ohne
Eckel gewisse Dinge ansehen, und befühlen, und wohl gar mit noch einem
andern Sinne empfinden können. Diese Leute schreiben sich deswegen eine
heldenmäßige Hertzhaftigkeit zu, und verlachen alle diejenigen, die
kein solches +Cyclopen+-Hertz besitzen als sie selbst. Und diese
sinds die mehrentheils in Gesellschaften, und was noch das ärgste ist,
alsdenn wenn gegessen wird, solche Spasse machen, die gar zu natürlich
sind, und wodurch sie andern einen Eckel verursachen, der ihnen die
Materie zu ihrem Triumphe darbietet. Meinem Urtheile nach, verdunckeln
solche spaßhafte Köpfe, durch ihre eigene Schuld, das schöne ihrer
Schertze, durch das schmutzige womit sie schertzen. Ich will nicht
einmal von den bejammernswürdigen Köpfen reden, deren Zoten nicht
einmal eine formelle Schönheit besitzen. Denn alsdenn ist der Zeug des
Spasses säuisch, und der Spaß selbst häßlich, und kan auf keinerley Art
gerechtfertiget werden.
§. 104.
Wenn man mit Dingen scherzt, die man mit der äussersten
Ernsthaftigkeit, zu betrachten verbunden ist, so ist auch das
kleinste lachen bey solchen Dingen eine Sünde. Ein feuriger Schertz
verursacht ein grosses lachen. Folglich muß ein solcher Schertz, der
mit und über dergleichen Dinge geführt wird, eine grössere materielle
Unvollkommenheit haben, und folglich viel von seinem Feuer verliehren.
Ich rechne dahin, nicht nur diejenigen Scherze, in welchen solche
wichtige Dinge selbst lächerlich gemacht werden, als welches überdies
eine strafbare Leichtsinnigkeit ist; sondern auch diejenigen, die etwas
anders durch Vergleichung mit dergleichen Dingen lächerlich machen.
Es ist wahr, diese wichtigen Dinge bleiben alsdenn in ihrem völligen
Werthe. Allein die Einbildungskraft pflegt hernach den Schertz uns
wieder ins Gemüth zu bringen, so bald wir an solche ernsthafte Dinge
dencken, und da ist es nothwendig, daß wir unsere Pflicht übertreten
müssen. Ich tadle alle Schertze, in welchen solcher wichtigen Dinge
Erwehnung geschieht, es sey nun auf die eine, oder die andere Art.
Meines Erachtens gehören dahin, alle Schertze die mit der Religion
getrieben werden, es sey nun, daß man über Religionssachen schertze,
welches freylich das ärgste ist, oder daß man durch Religionssachen
etwas anders lächerlich mache. ~Nimium enim risus pretium est, si
probitatis impendio constat. _Quint._ _de inst. Orat._ Ich weiß
wohl, daß man vieles zur Entschuldigung der letztern anzuführen pflegt.
Ich weiß aber auch, daß ich sie nicht verwerffe, weil ich glaube,
daß sie Religions-Spöttereyen wären. Wenn man weiter nichts thut,
als daß man die Religionssachen braucht, etwas anders lächerlich zu
machen, so spottet man nicht der Religion, die bleibt in ihrer Hoheit.
Allein unsere Einbildungskraft vergesellschaftet die Religion mit den
Schertzen, wir erinnern uns der Schertze, wenn wir an die Religion
dencken, und man ist alsdenn nicht im Stande, gantz ernsthaft zu
bleiben, wozu man doch bey der Religion jederzeit verbunden ist. Alle
vernünftige Kenner der Schaubühne, stimmen mit mir in diesem Stücke
überein. Sie sehen es als einen groben Fehler an, wenn man wichtige
Dinge, und insonderheit Dinge, die mit der Religion eine Verwandschaft
haben, in die Comödie bringt. Sie tadeln insgesamt, den berühmten
Nürnbergischen Dichter +Hans Sachsen+, der so artig zu dichten
gewust, daß er +Adam+ und +Eva+ aufgeführt, wie sie ihre
Kinder in Gegenwart GOttes, der ihnen erschienen, aus +Luthers+
Catechismus examiret, da denn +Abel+ recht gut bestanden,
+Cain+ aber sehr schlecht antworten können. Man begreift ohne
Mühe, daß der Grund dieses Tadels, darin zu suchen sey, weil die
Comödie der Ort ist, wo geschertzt werden soll, und da die Thorheiten
der Menschen lächerlich gemacht werden sollen. Verbannt man nun die
Religion aus der Comödie, so gibt man zu verstehen, daß es häßlich
sey, wenn man die Religion zu schertzen braucht, und ob man gleich sie
selbst nicht lächerlich mache, und die Schertze noch so feurig seyn
solten. Was ich von der Religion gesagt habe, das gilt auch von allen
wichtigen Wahrheiten, die man durchaus nicht zum Schertzen brauchen
muß. Ich hätte hier die schönste Gelegenheit, denen Herrn den Text
zu lesen, die mit der Philosophie ihren Schertz treiben, und wunder
dencken, wie spitzfindig sie sind, wenn sie z. E. über die beste Welt
ein lachen verursachen. Doch ich begnüge mich anzumercken daß man
weder über, noch mit dergleichen Dingen schertzen müsse, bey denen wir
verbunden sind, so oft wir uns damit beschäftigen, eine genaue und
strenge Ernsthaftigkeit zu beobachten.
~Non haec iocosae conueniunt lyrae~
_Hor. Carm. L. III. Od. III._
§. 105.
Wenn wir uns in solchen Umständen befinden, in welchen wir verbunden
sind, die strengste Ernsthaftigkeit zu beobachten, so ist das
geringste lachen eine Sünde, und die materielle Unvollkommenheit
unsers Schertzes fält alsdenn mehr, und stärcker in die Augen, als
die formelle Schönheit, und unser Schertz wird verdorben. Es gibt
gewisse Personen, in deren Gegenwart wir die strengste Ernsthaftigkeit
beobachten müssen, wenn sie uns selbst nicht einigermassen von diesem
Zwange loßzumachen für gut befinden. Es gibt Orte und Zeiten, die von
uns fodern, alsdenn gar nicht zu lachen, wenn wir uns in denselben
befinden. Alle Schertze die in Gegenwart solcher Personen, an solchen
Orten und in solchen Zeiten vorgetragen werden, wenn sie auch noch
so feurig sind, verliehren ein vieles von ihrer Schönheit, weil sie
aus einer Leichtsinnigkeit entstehen, die gar zu sehr in die Augen
fält. Ich hätte hier Gelegenheit eine weitläuftige Critik, über
viele Arten der Schertze anzustellen. Ich will mich aber begnügen,
nur einige derselben anzuführen, mehr, um meine Anmerckung dadurch
zu bestätigen, als sie selbst ausführlich zu untersuchen. Ich rechne
dahin zuerst alle Schertze, die in der Todesstunde getrieben werden.
Es ist wahr, solche Schertze haben ein ungemeines Feuer, wenn sie
sonst nicht überwiegend häßlich sind. Ich habe dieses schon oben
angemerckt. Allein die Todesstunde ist die wichtigste Zeit unsers
Lebens. Wir sollen in derselben einen Schrit thun, bey dem die
gröste Aufmercksamkeit und Bedachtsamkeit nöthig ist, und wir sind
verbunden alle unsere Verstandeskräfte zusammenzufassen, um mit der
strengsten Aufmercksamkeit die Veränderung zu erwarten, die uns aus
der Zeit in die Ewigkeit versetzt. Mich deucht, daß alles dieses ohne
Ernsthaftigkeit unmöglich sey. Und wer in seiner Todesstunde spaßt,
ist viel zu leichtsinnig, als daß er den Tod regelmäßig ausstehen
solte. Diese Leichtsinnigkeit verdunckelt auch den feurigsten Spaß.
Nein, in der Todesstunde kan kein Spaß recht glücklich gerathen. Zum
andern gehören hieher die Schertze in der Kirche, und insonderheit
auf der Canzel. Ein P. ~Abraham von Sancta Clara~ mag noch so
ein lustiger Kopf seyn, er mag noch so feurig seyn, so wird ihm doch
kein Schertz gelingen, wenn er ihn auf den Stuhle vorträgt welcher
den wichtigsten Wahrheiten gewidmet ist. Daher darf kein Prediger die
Laster auf der Canzel lächerlich machen, er muß sie aus wichtigern
Gründen mit dem grösten Ernste bestürmen. Endlich rechne ich dahin die
Heldengedichte und grossen Lobreden. Ein Dichter und Lobredner verhält
sich unanständig gegen seinen Helden, wenn er schertzt. Das hohe,
das erhabene, das ehrwürdige wird durch das lächerliche verdunckelt.
In solchen Reden und Gedichten muß gar nicht geschertzt werden.
+Günther+ wird daher mit Recht getadelt, daß er in der Helden-Ode
auf den +Eugen+ einen Soldaten nach dem pöbelhaftesten Character
aufführt.
§. 106.
Ich muß nunmehr den Beschluß meiner Betrachtung machen. Ich solte
glauben, daß diese Blätter nicht gantz ungeschickt wären, den guten
Geschmack zu befördern, in einer Sache die sehr häufig zu seyn pflegt.
Ich habe mich wenigstens bemüht, diese Critik der Schertze auf Gründe
zu bauen, die aus der Natur der Seele, und der Schönheiten überhaupt
hergenommen sind, und ich habe nichts weiter mehr nöthig, als mich der
Gewogenheit meiner +geneigten Leser+ zu empfehlen.
~Viue, vale! si quid nouisti rectius istis,
Candidus imperti; si non, his vtere mecum.~
+E N D E.+
[Illustration]
End of Project Gutenberg's Gedancken von Schertzen, by Georg Friedrich Meier