Hauptregeln mit geringer Mühe erwiesen werden, wonach ein Schertz
eingerichtet werden muß, wenn er glücklich und feurig seyn soll. Ein
Spaß wird glücklich 1) wenn viele Dinge verglichen werden. 2) Wenn die
Vorstellungen, die den Schertz ausmachen, unbekannt sind. 3) Wenn die
verglichenen Sachen sehr verschieden sind. 4) Wenn er viele und grosse
Uebereinstimmungsstücke entdeckt. 5) Wenn kurtz vor dem Schertze, sehr
starcke Vorstellungen von anderer Art, vorhergegangen. 6) Wenn er
mitten unter solchen Vorstellungen vorgetragen wird, die sehr starck
und von anderer Art sind. 7) Wenn er selbst eine sehr starcke und
grosse sinnliche Vorstellung ist. 8) Wenn er sehr geschickt ist ein
Lachen hervorzubringen, oder wenigstens dazu sehr lebhaft zu reitzen.
9) Wenn er auf eine geschickte Art vorgetragen wird. Nach diesen
Regeln will ich meine Beurtheilung der Schertze einrichten. Und ich
glaube, es wird aus denselben, durch ein geringes Nachdencken, können
erkannt werden, daß ein feuriger Schertz unter die vollkommensten und
vortreflichsten sinnlichen Vorstellungen gehöre; und daß ein spaßhafter
Kopf, der in seinen Schertzen glücklich ist, eine wahre Hochachtung und
Bewunderung verdiene.
§. 26.
Das Feuer eines Schertzes, und die unterschiedenen Grade desselben,
entstehen 1) durch die Menge der Regeln die dabey beobachtet werden. Je
mehr von den kurtz vorher angeführten Regeln beobachtet werden, desto
glücklicher und feuriger wird der Schertz; je wenigern Regeln er aber
gemäß ist, desto unglücklicher und frostiger muß er seyn. 2) Durch die
genauere Beobachtung einer jeden Regel. Je mehr und besser eine jede
beobachtet wird, desto glücklicher ist der Spaß; je schlechter und
kleiner aber die Beobachtung einer jeden Regel ist, desto unglücklicher
und frostiger muß der Schertz gerathen. Ich will mich nicht unterstehen
zu versichern, daß ich mir getrauete, den Grad der Güte eines Schertzes
in einem gegebenen Falle genau zu bestimmen. So weit habe ich es noch
nicht in der mathematischen Erkenntniß solcher Dinge gebracht, die
nicht nach Ruthen und Schuhen können abgemessen werden. Ich begreiffe
auch leicht, daß ich einen zu strengen Kunstrichter abgeben würde,
wenn ich keinen andern Schertz loben wolte, als solche die im höchsten
Grade feurig sind. Mir deucht, daß ich das von einem spaßhaften Kopfe
sagen könne, was +Horatz+ von den Dichtern behauptet:
~mediocribus esse poetis
Non homines, non di, non concessere columnae.~
Ich bin also der Meinung, daß man einem Schertze seinen Beyfall nicht
versagen könne, wenn er nur mehr als mittelmäßig glücklich ist. Doch
ich muß nun weiter gehen, und eine jede der gegebenen Regeln genauer
untersuchen.
§. 27.
Die erste Vollkommenheit eines glücklichen Schertzes entsteht,
vermöge der ersten Regel §. 25. aus der Anzal der Dinge, die mit
einander verglichen werden. Ich rede nicht von der Vollkommenheit
und Stärcke eines schertzhaften Menschen, die man ihm zugestehen
muß, wenn er geschickt ist oft und viel zu schertzen, mit allem was
ihm vorkommt. Ein Mensch dessen Fertigkeit zu schertzen sich über
unzälige Gegenstände erstreckt, hat ein sehr weites Feld, darin sich
sein Witz und Scharfsinnigkeit würcksam beweißt, und man muß ihm einen
grossen Reichthum an schertzhaften Einfällen zugestehen. Darin besteht
aber nicht die Vollkommenheit, die ich hier meine. Diese Schönheit
eines Schertzes muß in einem einzigen Schertze enthalten seyn. Der
Schertz der dieselbe haben soll, muß uns sehr viele Dinge auf einmal
vorstellen. Ich gebe zu, daß ein Schertz, der auch nur zwey Dinge mit
einander vergleicht, im übrigen sehr feurig seyn könne. Man wird aber
doch zugestehen müssen, daß ihm eine Schönheit fehlt, die nicht anders
möglich ist, als durch die Menge der Gegenstände, die man in einem
einzigen Schertze zusammen faßt. Zwey Schertze, die im übrigen gleich
schön sind, deren einer nur zwey Dinge vergleicht, der andere aber
mehrere, sind ohne Streit dergestalt von einander unterschieden, daß
der letztere vor den erstern den Vorzug erhalten muß.
§. 28.
Ein Schertz bekommt durch die in dem vorhergehenden Absatze angemerckte
Vollkommenheit, eine Schönheit, die eine ungemeine Belustigung zu
verursachen vermögend ist. Nichts belustiget die Einbildungskraft
stärcker, als die Verschiedenheit. Das Auge irret mit dem grösten
Vergnügen in einer Gegend herum, von der es kein Ende erblickt,
und welche durch eine unendliche Mannigfaltigkeit der Gegenstände
ausgefüllt ist. Alles was groß und unendlich ist, erweckt in der
Seele eine angenehme Empfindung. Es sey nun, daß unser Geist sich
über seine eigene Stärcke, wodurch er vermögend ist so vieles auf
einmal zu fassen, ergötzt. Oder, daß selbst eine jede Vorstellung
eine Vollkommenheit ist, die die Seele fühlt, und welche durch die
Vervielfältigung der Vorstellungen selbst vervielfältiget wird. Oder
daß die Menge der Vorstellungen, die die Seele mit einemmal begreift,
eine Uebereinstimmung des mannigfaltigen in der Seele selbst entsteht,
welche sie fühlt, und woher, als aus einem Gefühl der Vollkommenheit,
eine Lust entstehen muß. Dem sey wie ihm wolle, das mannigfaltige, und
die Abwechselung in demselben, führt jederzeit etwas belustigendes mit
sich.
~Jucundum nihil est nisi quod reficit varietas.~
_Publ. mimogr._
Wenn also ein Schertz eine solche Mannigfaltigkeit in sich faßt, so muß
er angenehm seyn. Und ich halte mich vor überzeugt, daß ein angenehmer
Schertz besser sey, als ein unangenehmer. Jener erweckt ein lachen
wodurch das Gemüth aufgeheitert wird, und wer lacht nicht gerne zu dem
Ende? Und wer geht nicht gerne mit solchen Leuten um die auf eine so
angenehme Art schertzen?
~Nil ego contulerim iucundo sanus amico.~
_Hor. Satt. L. I. Sat. V._
§. 29.
Zu den Schertzen, welche diese erste Vollkommenheit haben, können
diejenigen gerechnet werden, welche durch die Anführung eines Verses
aus einem berühmten Poeten gemacht werden. Wenn die Wahl glücklich
ist, so wird der Schertz ohnfehlbar gerathen. Man kan entweder die
unveränderten Worte des Dichters behalten, oder dieselben etwas
verändern. Wem nun der Dichter bekannt ist, dem wird durch die
Anführung, auch nur einiger Worte, der Zusammenhang der gantzen Stelle
ins Gemüth gebracht, woher man den Vers entlehnt hat. Und man wird
mir ohne Beweiß zugestehen, daß dadurch der Einbildungskraft eine
gantze Menge mannigfaltiger Dinge vorgestellt wird. Ich setze voraus,
daß sonst keine nothwendige Eigenschaft eines Schertzes fehlt. Dieses
Kunstgriffes wissen sich die Satyrenschreiber, mit grossen Vortheile,
zu bedienen, und ich halte es daher für unnöthig Exempel anzuführen.
Von gleicher Art sind die Sprüchwörter. Einige derselben beziehen
sich nicht nur, vermöge ihres wesentlichen Inhalts, auf viele Dinge
zugleich, sondern weil sie in unendlich vielen Fällen im gemeinen
Leben gebraucht werden, so stellt uns die Einbildungskraft, so bald
wir das Sprüchwort hören, unzälige solcher Fälle vor. Wenn man demnach
schertzen will, und man führt zu dem Ende, ein bekanntes Sprüchwort
an, das sich sonst zu den Umständen schickt, und die Sache lächerlich
macht, so bekommt der Schertz eine Mannigfaltigkeit die angenehm seyn
muß.
§. 30.
Diese Vollkommenheit der Schertze, von der ich bisher geredet habe,
entsteht auch aus der Erzehlung einer gantzen Begebenheit. Man kan sie
entweder selbst erdichten, oder aus der Geschichtskunde entlehnen.
Das erste erfodert eine grosse Geschicklichkeit. Ich unterstehe mich
nicht, Regeln davon zu geben, da es überdies mein Zweck nicht ist
dergleichen vorzutragen. Ich mercke nur an, daß durch eine solche
Erzehlung, ein Schertz diejenige Schönheit bekommt, von der ich jetzo
rede. Eine Erzehlung faßt sehr vieles in sich, es kan demnach einem
solchen Spasse an Mannigfaltigkeit nicht fehlen. Ein Exempel gibt mir
des Herrn +Liskov+ Satyre, auf den bekannten +Philippi+,
in welcher er seinen Tod erzehlt. Entlehnt man die Erzehlung aus der
Geschichtskunde, so kan es auf verschiedene Art geschehen. Man kan eine
berühmte Person nennen, oder sonst eine berühmte Sache und Begebenheit.
Man kan durch einen kurzen Ausspruch, eine bekante Sache ins Gedächtnis
bringen, und dem Schertze diejenige Lebhaftigkeit geben, welche durch
die Anzahl der verglichenen Dinge entsteht. Meine +Leser+ werden
nicht dencken, als wenn ich glaubte, daß die Verse, Sprüchwörter,
und Erzehlungen, dem Schertze keine andere Schönheiten, als die
Mannigfaltigkeit zu geben vermögend wären. Ich habe diese Quellen der
Schertze nur deswegen angeführt, damit man überzeugt werde, daß meine
erste Regel der Schönheit eines Schertzes, von der ich bisher geredet,
gegründet sey.
§. 31.
Ich gehe zur andern Hauptvollkommenheit der Schertze fort. Ich habe §.
25. erwiesen, daß ein glücklicher Schertz unbekannt seyn müsse. Man muß
diese Vollkommenheit nicht so verstehen, als wenn das Materielle des
Schertzes, die Sachen worüber man schertzet, und woher man den Schertz
nimmt, unbekannt seyn müsten. Nein, das wäre eine Unvollkommenheit die
den gantzen Schertz verderben würde. Ein solcher Spaß wäre viel zu
dunckel, als daß er solte verstanden werden können, und ein Schertz
der nicht eingesehen wird, ist in Absicht auf den, der ihn nicht
einsieht, kein Schertz. Der allerfeurigste Spaß thut keine Würckung,
bey denen die ihn nicht verstehen. Ich glaube daß uns viele Schertze im
+Cicero+, und andern alten Schriftstellern besser gefallen würden,
wenn wir sie nur gantz verstünden. Warum kan niemand über die ~pyxis
Coeliana~ im +Quintilian+ und +Cicero+ lachen? Die Sache
ist uns unbekannt. Man begreift also, wovon ich unten ausführlicher
handeln werde, daß die Sachen womit man schertzet, demjenigen bekannt
seyn müssen, bey dem ein Schertz seine Würckung thun soll. Was ist
aber denn nun das unbekannte, das zur Schönheit eines Schertzes
erfodert wird? Es besteht, mit einem Worte, in dem schertzhaften eines
Spasses. Das was einen Schertz zum Schertz macht, die Form desselben,
der Schwung der Gedancken, die Vergleichung verschiedener Stücke, und
hundert andere Dinge die das Wesen eines Schertzes ausmachen, müssen
noch unbekannt seyn. Oder, will man es anders ausdrucken, so sage man,
daß ein glücklicher Schertz neu seyn müsse.
§. 32.
Wenn ich sage, daß ein glücklicher Schertz noch neu und unbekannt
seyn müsse, so verstehe ich das nicht nur von den Personen, denen der
Schertz vorgetragen wird, sondern auch von der schertzenden Person
selbst. Ein Mensch der einen ihm schon bekannten Schertz vorträgt,
beweißt alsdenn keine Stärcke seines scharfsinnigen Witzes. Er braucht
nichts weiter als sein Gedächtniß, und er verhält sich dabey nicht
anders als ein Geschichtschreiber, der die Schertze eines andern
erzehlen kan, ohne selbst ein spaßhafter Kopf zu seyn. Es ist wahr,
wenn ein solcher Schertz nur den Zuhörern noch unbekannt ist, so kan
er bey ihnen alle Würckungen eines feurigen Schertzes hervorbringen.
Derjenige, der den Schertz erzehlt, darf sichs nur nicht mercken
lassen, daß ihm derselbe schon längst bekannt gewesen ist. Dem
ohnerachtet behält ein solcher Spaß einen Fehler, der von andern nur
darinn unterschieden ist, daß er nicht so mercklich ist. Noch viel
nöthiger aber ist es, daß ein Schertz der glücklich gerathen soll, den
Zuhörern noch neu und unbekannt sey. Haben sie ihm schon unzählige mal
gehört, so ist er was altes, und er verliehrt alles das Feur, welches
ihm nichts anders als die Neuigkeit geben kan.
§. 33.
Das neue hat jederzeit eine Schönheit, die alle dem fehlen muß, was
alt ist. Das alte wird uns zur Gewohnheit, man gibt nicht mehr drauf
achtung, die Vorstellung desselben verdunckelt sich nach und nach, und
wir werden natürlicher Weise verdrießlich, ein und eben dasselbe so oft
zu dencken, weil die Seele keinen Zuwachs der Erkenntniß, so ein Mangel
einer Vollkommenheit ist, dabey fühlt. Was uns aber noch neu ist,
beschäftiget unsere gantze Aufmercksamkeit, es entsteht darüber eine
Art einer angenehmen Verwunderung, unsere Seele freuet sich heimlich
über den Anwachs ihrer Erkenntniß, welcher überhaupt betrachtet eine
Vollkommenheit ist. Kurtz, eine Vorstellung die bey uns gantz neu
ist, hat ein Licht welches viel zu angenehm ist, als daß wir es nicht
mit Vergnügen sehen solten. Ich weiß wohl, daß es Leute gibt, welchen
vor dem was neu ist eckelt, und die sich in das Alterthum dermassen
verliebt haben, daß sie mit einem innigern Vergnügen die Schrift auf
einer verrosteten Müntze lesen, als den Beweis einer neuen Wahrheit
durchdencken. Allein ich weiß auch, daß diese Bewunderer des Alterthums
meinen Satz bestätigen. Nimmermehr würden sie ein verschimmeltes
Manuscript mit Vergnügen ansehen, wenn es in ihrer Vorstellung nicht
etwas neues wäre. Nein, es bleibt dabey, die Natur bleibt sich überall
ähnlich, das alte in so fern es alt ist kan niemals uns das Vergnügen
geben, welches Neuigkeiten verursachen, als in so fern unsere Gedancken
davon neu sind. Die Neuigkeit ist also eine Schönheit des Schertzes,
welche reitzt. Man kan hinzu thun, daß die Neuigkeit eines Schertzes
ein untrüglicher Beweiß sey, daß ihn der schertzende selbst gemacht
hat. Die Stärcke und Geschicklichkeit seines scharfsinnigen Witzes
leuchtet darinn unleugbar hervor, und gibt dem Schertze eine Anmuth,
die eine Bewunderung des Urhebers verursacht. Ein Schertz der feurig
seyn soll, muß wenigstens einen gantz neuen Gedancken enthalten, der
zu dem schertzhaften in demselben gehört.
§. 34.
Ein Schertz muß nothwendig abgeschmackt und frostig seyn, der von
Vater auf Sohn fortgepflanzt worden. Man solte, bey manchen Spassen,
womit sich verfrorne Köpfe breit machen, fast auf die Gedancken
gerathen, daß es Familien-Spasse gebe; und daß man, wenn die dunckeln
Zeiten diese wichtige Nachricht nicht entrissen hätten, den Ursprung
mancher Schertze vor den Hunnen Kriege finden könnte. Es ist nichts
natürlicher, als daß ein Sohn die Schertze seines spaßhaften Vaters
bewundert und sich mercket. Kan man wohl anders dencken, als ein
Vater werde sich über sein kluges Kind hertzlich freuen müssen, wenn
es so gelehrig ist, und die Schertze seines Vaters wieder an Mann zu
bringen weiß? Ich betrüge mich entweder, oder die mehresten Spasse,
die man im gemeinen Leben hört, sind geerbte Spasse, nur daß sie,
wie bey allen mündlichen Ueberliefferungen zu geschehen pflegt, denn
und wenn eine kleine Veränderung auszustehen haben. Ein Schertz der
scharfsinnigen Köpfen, und einem gereinigten Geschmacke gefallen soll,
muß unsern Vätern unbekannt gewesen seyn. Man hat sich dabey nicht
nach den Beyfall des grösten Hauffens zu richten. Ich weiß wohl, daß
unter denselben ein verdorbener Geschmack herrscht, dem solche ererbte
Schertze dennoch zu gefallen pflegen. Allein, das ist ein Beweis der
abgeschmackten Beschaffenheit eines Spasses, wenn er einem frostigen
Kopfe gefällt, und es bleibt wahr was +Horatz+ gesagt:
~Nec, si quid fricti ciceris probat & nucis emtor,
Aequis accipiunt animis, donantue corona.~
§. 35.
Ein Schertz der feurig seyn soll, muß nicht zur Mode geworden seyn.
Ein Mode Schertz ist viel zu bekannt, und alt, als daß er einiges Feur
behalten solte. Man kan leicht dencken, was ein feuriger Witz vor
Vergnügen finden wird, in den gewöhnlichen artigen Zusammenkünften,
da sich ein jeder bemüht die Gesellschaft, mit spaßhaften Einfällen
nach der Mode, zu unterhalten. Will man Exempel solcher abgeschmackten
Schertze hören, so darf man nur mit einem kleinen Herrn umgehen. Ein
kleiner Herre ist eine Archiv aller Dinge die zur Mode gehören. Sein
Kopf start vor Menge der artigen Einfälle, welche im Schwange gehen.
Er bringt mit inniger Zufriedenheit hundert lustige Einfälle vor, die
tausend andere ebenfals sagen. Es müste jemand sehr wenigen Umgang
haben, dem nicht hundert Schertze von solcher Art beyfallen solten.
Doch kan ich mich nicht enthalten derjenigen zu erwehnen, die man durch
eine Anspielung auf solche Dinge macht, die mir die Schamhaftigkeit zu
nennen verbiethet. Ich will nicht sagen, daß diese abgeschmackten Zoten
viel zu schmutzig sind, als daß sie einem ehrbaren Menschen solten
anständig seyn. Ich sage nur, daß derjenige einen sehr armseeligen
Witz blicken läßt, der mit Schertzen aufgezogen kommt die unter den
Pöbel im Schwange gehen, und davon man Millionen ähnliche und gantz
gleiche Schertze antrift. Muß das nicht ein allerliebster Umgang mit
Frauenzimmer seyn, wo man seiner Schönen mit dergleichen witzigen
Einfällen zu schmeicheln sucht? Die Kützelung, die durch einen solchen
frostigen Schertz entsteht, rührt gewiß nicht aus dem sinnreichen
desselben her, sondern aus dem Inhalte desselben, der allein im Stande
ist, die Lebens Geister eines schmutzigen Gehirns, zu reitzen. Es sey
also ferne, daß ich solche Mode Schertze billigen solte, sie gehören
unter die Zahl derjenigen, die ein guter Geschmack für abgeschmackt
hält. Doch was kan man wohl hoffen? Kan man wohl glauben, daß die
Liebhaber dieser Schertze sich bessern werden, wenn man ihnen auch
die Wahrheit noch so deutlich sagt? Ich zweiffele sehr daran. Sie
wollen mit aller Gewalt spaßhafte Köpfe seyn, sie selbst können
nicht schertzen, ist es wohl anders möglich, als daß sie zur Mode
ihre Zuflucht nehmen? Uberdem finden solche frostige Köpfe jederzeit
Bewunderer ihres Witzes:
~vn sot trouve touiours un plus sot qui l’admire~
_Boileau._
So lange es demnach Leute gibt die ihrer Natur zum Possen schertzen
wollen; So lange es Leute gibt, die einen Mode Schertz bewundern, so
lange werden auch die Mode Schertze ihr altes Recht behaupten.
§. 36.
Der vorhergehende Absatz veranlaßt mich zu einer Critik, über eine
Stelle im +3. Buch der Odyssee+. +Homer+ läßt den +Demodocus+ die
Rache des +Vulcans+ besingen, die ihm die Eifersucht über seine
Frau eingeblasen. +Vulcan+ war von der Untreue seiner +Venus+
benachrichtiget worden, und weil er sich auf seine Füsse zu verlassen
keine Ursach fand, so hatte er Grund zu zweiffeln die +Venus+ auf
frischer That einmal zu ertappen. Er ersan eine List, die man von einem
Schmidt, der eine Gottheit ist, vermuthen kan. Er verfertigte eine
unsichtbare Schlinge, die unzerbrechlich war, und die er nur selbst
aufzulösen vermochte. +Venus+ und +Mars+ werden gefangen. +Vulcan+
erblickt seinen Fang, und hebt ein so erbärmliches Geschrey an, wozu
Rache, Eifersucht, Zorn und Verspottung einen Ehemann in ähnlichen
Umständen nur immer zu vermögen im Stande sind. Alle Gottheiten
männlichen Geschlechts, denn das Frauenzimmer des +Olympus+ war viel zu
schamhaftig, als daß es bey dieser schmutzigen Begebenheit erscheinen
solte, kommen zu Hauffe, und bewundern die List des +Vulcans+. Wer
+Homers+ Götter kennt wird mit leichter Mühe errathen können, was ein
jeder von ihnen, bey diesem Anblicke, wird gedacht haben. +Apollo+
ist unverstellter als die übrigen, er fragt den +Mercur+, ob er wohl
wünschte sich jetzt in den Umständen zu befinden, in welchen +Mars+
betroffen worden? +Mercur+ antwortet mit aller der Schalckhaftigkeit,
wozu eine so lustige Gottheit im Stande war. O, sagt er, wenn es nur
wahr wäre, und wenn ich noch dreymal stärcker gefesselt wäre, und
alle Götter und Göttinnen mich sehen solten, so wolte ich doch bey
der unvergleichlichen +Venus+ gerne liegen. Diß war nun der Spaß,
darüber alle Götter anfingen zu lachen. Ich will nicht sagen, daß
dieser Schertz einer Gottheit unanständig sey, und daß +Mercur+, wenn
er ein Philosoph gewesen wäre, ohnfehlbar zur +Cynischen+ Secte gehört
hätte. Der läppische Character den +Homers+ Gottheiten haben kan
damit völlig bestehen. +Homer+ hat auch sehr gut gethan, daß er das
Frauenzimmer zu Hause bleiben lassen, weil er selbst scheint gesehen zu
haben, daß sonst die gantze Begebenheit, und der Spaß den er anbringt,
unerträglicher würde geworden seyn. Ich will auch zugeben daß dieser
Schertz einiges Feuer in anderen Absichten haben könne. Ob er aber neu
genug sey, daran habe ich grosse Ursach zu zweiffeln. Es ist mir sehr
wahrscheinlich, daß +Apollo+, wo nicht eben die Gedancken gehabt, doch
schon die Antwort des +Mercurs+ vorhergesehen. Und ich zweiffele gar
nicht, daß die übrigen Götter eben das gedacht. War also dieser Schertz
in der Versammlung der Götter etwas neues? +Homers+ Fabel macht also
den Schertz des +Mercurs+ auf dieser Seite frostig. Doch ich tadle auch
diesen Schertz aus einem ernsthafteren Grunde. Soll er feurig seyn, so
muß er den Lesern des +Homers+ neu und unbekannt seyn. Kan man dieses
wohl von diesem lustigen Einfalle des +Mercurs+ sagen? Ich habe Ursach
dran zu zweiffeln. Dieser Schertz gehört unter die Alltages Schertze,
deren man mehr, als gut ist, antrift. War dieser Schertz also wohl
werth, daß bey nahe der gantze Himmel drüber lacht?
§. 37.
Wenn ein feuriger Schertz neu seyn soll, so muß ihn der Schertzende
auch keinem andern abborgen. Er muß sich nicht für den Erfinder eines
Spasses ausgeben, den ein anderer erdacht hat. Es gibt auch hier
eine Art eines gelehrten Diebstahls, wird er entdeckt, so verliehrt
der Schertz ein grosses Stück seines Feuers; bleibt er aber auch
verborgen, so fehlt ihm nichts destoweniger eine Schönheit, ob man
gleich diesen Mangel nicht merckt. Wer einen Schertz stiehlt, muß, wenn
er anders nicht ausserordentlich unverschämt ist, mit tausend Aengsten
befürchten, daß es seine Zuhörer mercken werden, denn alsdenn ist ihnen
der Schertz entweder schon bekannt, oder der schertzende wird von ihnen
nicht anders als ein Sprachrohr betrachtet, durch welches, der von
ihnen entfernte Urheber des Scherzes, ihnen seinen lustigen Einfall
mittheilt. Wenn man eines andern Schertze erzehlt, kan man sehr selten
diejenige anständige Dreistigkeit behalten, die zu einem glücklichen
Spasse nöthig ist. Ja was noch mehr. Der Schertz kan in dem Munde
seines Erfinders ein grosses Feur besessen haben, welches verlöscht,
wenn ein anderer eben denselben vortragen will, weil sich beyde in
verschiedenen Umständen befinden, die doch allezeit sich aufs genaueste
passen müssen, wenn der Spaß gerathen soll. Ich will zugeben daß
niemand den Diebstahl merckt, daß derjenige, der den Spaß von andern
entlehnt, die anständigste Dreistigkeit blicken lasse, und daß alle
Umstände sich aufs genaueste schicken. Dem ohnerachtet behaupte ich,
daß der Schertz eine Häßlichkeit behält, weil zwar der Fehler verborgen
ist, aber doch würcklich vorhanden ist. Denn der Schertz ist doch alt,
und der ihn vorträgt ist ein blosser Erzähler desselben. Ich könnte
dergleichen Schertze +Thrasonische+ Spasse nennen. +Thraso+
beym +Terenz+ im ~Eunuch.~ macht es eben so:
~Tuumne, obsecro te, hoc dictum erat? vetus credidi.
Audieras? saepe; & fertur in primis.
Meum est.~
Ich rathe demnach einem jeden spaßhaften Kopfe, ja niemals die Schertze
anderer Leute nachzubeten. Sind sie selbst nicht im Stande Erfinder
der Schertze zu seyn, so thun sie viel besser gar nicht zu spassen,
als so verwegen zu seyn, und sich in die Gefahr zu begeben, die Armut
ihres Witzes zu verrathen. Eben das gilt auch von allen denjenigen, die
durch das lesen artiger und sinreicher Schriftsteller, einen Vorrath
artiger Gedancken sich gesamlet haben, die sie bey aller Gelegenheit,
durch eine männliche Nachahmung, wiederum an Mann zu bringen suchen.
Man kan ihnen den Ruhm geschickter und glücklicher Nachahmer manchmal
nicht absprechen. Ein +Bayle+ und +Fontenelle+, kan der Vater unzäliger
kleiner +Bayle+ und +Fontenelle+ seyn. Nur müssen sich diese
kunstmäßigen Abschreiber bescheiden, so lange keinen Anspruch auf einen
witzigen Kopf vom ersten Range zu machen, bis sie Erfinder artiger
Einfälle geworden.
§. 38.
Eine Sache die noch so neu ist wird mit der Zeit alt. Alle Dinge in
der Welt sind der Vergänglichkeit unterworffen, und ein Schertz mag
noch so feurig seyn, so wird er mit der Zeit frostig. Folglich muß ein
Spaß nicht zu oft aufgewärmt werden. Wenn ein Schertz das erstemal
noch so schön gerathen, so wird er das andre mal schon viel von seiner
Lebhaftigkeit verlohren haben, und noch mehr wenn man ihn zum dritten
mal hört. Man kan einen Schertz mit der Zeit ohne Bewegung anhören,
über welchen man sich das erstemal aus dem Othem gelacht hat, und man
verwandelt endlich sein Wohlgefallen über den Spaß, in eine Verachtung
desjenigen, der sich erkühnt uns mit einerley so oft zu unterhalten.
~Ridetur chorda qui semper oberrat eadem.~
_Hor. art. poet._