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Anmerkungen zur Transkription:
Der vorliegende Text wurde anhand des 1744 erschienenen Buchausgabe
nahezu originalgetreu wiedergegeben. Lediglich die Zeichensetzung
sowie offensichtliche typographische Fehler wurden stillschweigend
korrigiert. Altertümliche und inkonsistente Schreibweisen, wie
z.B. 'Wirckung' bzw. 'Würckung' wurden dagegen beibehalten; auch
die Schreibweise von Namen ist zum Teil inkonsistent, wurde aber
hier nicht vereinheitlicht. Fremdsprachliche Zitate sowie deren
Quellenangaben wurden der gedruckten Ausgabe gemäß wiedergegeben;
eine Korrektur wurde nicht vorgenommen. Wiederholt werden Begriffe
mit der Vorsilbe 'Uber' anstatt 'Über' verwendet, was hier
ebenfalls beibehalten wurde. Einzelne in der gedruckten Version
nicht oder nur unklar erkennbare Buchstaben wurden sinngemäß
hinzugefügt.
Der Hauptteil des Textes wurde im Original in Fraktur gesetzt,
fremdsprachige Zitate (meist in Latein) dagegen in Antiqua, was
hier durch ~Tilden~ hervorgehoben wird; deren Quellenangaben
erscheinen kursiver Antiquaschrift, die hier durch _Unterstriche_
repräsentiert wird. Einige Namen wurden in einer anderen
Frakturschrift gesetzt, was hier durch +Pluszeichen+ wiedergegeben
wird.
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M. Georg Friedrich Meiers
Gedancken
von
Schertzen.
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_Cic. de Orat. L. II._
~Ego in his praeceptis hanc vim, & hanc vtilitatem esse arbitror,
non vt, ad reperiendum quid dicamus, arte ducamur, sed vt ea quae
natura quae studio, quae exercitatione consequimur; aut recta
esse confidamus aut praua intelligamus, quum quo refenda sint,
didicerimus.~
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+H A L L E+,
Verlegts Carl Herrmann Hemmerede.
1744.
[Illustration]
Vorrede.
[Illustration]
Die Verbesserung des Geschmacks ist eine so edle Beschäftigung, daß
sich jederzeit, die erhabensten Geister eines Volcks, derselben
unterzogen haben. Dadurch unterscheiden sich, unter andern, die
Patrioten eines Landes, von dem übrigen Hauffen ihrer Mitbürger, daß
sie entweder selbst an der Reinigung des Geschmacks, es sey nun in
was für Stücken es wolle, arbeiten; oder doch dieses lobenswürdige
Unternehmen gerne sehen, wünschen, und befördern helfen. Ich habe
mich daher, auf eine lebendige Art, zu überzeugen gesucht, daß es
die Pflicht eines redlich gesinten Deutschen mit sich bringe, sich
zur Parthey dieser Patrioten zu schlagen, und so viel sein Vermögen
ihm erlaubt, auf alle mögliche Art, den Geschmack seiner Landsleute
feiner zu machen. Unser Vaterland kan sich in unsern Tagen glücklich
schätzen, daß es seinen Nachbarn, auch in diesem Stücke, die Wage zu
halten anfängt, und das rühmliche Beyspiel so vieler schönen Geister,
die sich um den deutschen Geschmack so sehr verdient machen, ist so
reizend, daß es nothwendig Nachahmungs Begierde verursachen muß.
Ich bin so eitel oder so dreist, zu bekennen, daß ich seit geraumer
Zeit einen heftigen Trieb in mir empfunden, diesen erwehnten Vorgängern
zu folgen. Ich habe aber denselben bisher nur durch einem blossen
Wunsch stillen, oder vielmehr unterhalten und verstärcken können. Und
jetzo wage ichs in diesen Blättern, meiner Begierde den Ausbruch zu
verstatten. Ich kan nicht läugnen, daß ichs mit einiger Bangigkeit
thue. Der Geschmack unserer deutschen Kunstrichter ist schon so zart
und edel, daß ich zu sehr mit meiner eigenen Arbeit zufrieden seyn
müste, wenn ich diese Bogen, ohne alle Furchtsamkeit, ans Licht treten
liesse. Ich unterstütze mich, durch das Vertrauen auf die Gütigkeit
meiner +Geehrtesten Leser+, daß sie wenigstens meinen guten Willen
nicht mißbilligen werden, wenn auch meine Kräfte zu matt gewesen seyn
solten, eine Arbeit zu liefern, die des Beyfalls der Kunstrichter
völlig werth wäre.
Ich habe verschiedene Gründe gehabt, warum ich eben von Schertzen
meine Gedancken habe drucken lassen. Ich stehe in der Meinung, daß
der verdorbene und pöbelhafte Geschmack am häuffigsten noch in den
Schertzen herrsche. Man mag nun die Schertze verstehen, die in dem
täglichen Umgange vorkommen; oder diejenigen, die unter den Vortrag,
es sey derselbe ein mündlicher oder schriftlicher, gemengt werden;
oder diejenigen Spasse, die auf der Schaubühne vorgetragen werden. Ich
glaube, daß der gantze vernünftige Theil meiner Landesleute überzeugt
ist, daß es zu wünschen wäre, daß die Deutschen, auch im spassen, den
feinen Geschmack herrschen liessen. Und ich kan mich nicht besinnen,
daß eine ausführliche Abhandlung der Schertze in unserer Muttersprache
schon vorhanden wäre. Das letzte kan ein Irrthum seyn, und so ists
eine Unwissenheits-Sünde, die mir also um so viel eher vergeben werden
wird. Dazu kömmt noch, daß eine jede andere Materie, die in das Reich
des Geschmacks gehört, und die ich hätte ausführen können, mir jetzo
entweder zu schwer oder zu weitläuftig gewesen, und ich halte es für
eine vernünftige Maxime eines Schriftstellers, wenn er eine Materie
erwehlt, durch die er sich völlig ausdehnen kan.
Ich habe hin und wieder, in diesen Blättern, meine Betrachtungen,
eine Critik der Schertze, genennt. Ich weiß nicht, ob alle meine
+Leser+ diese Benennung werden genehm halten. Sie haben vielleicht
einen andern Begriff von der Critik, als ich mir gemacht habe, und ich
kan mich zwar in diesem engen Raume einer Vorrede, nicht weitläuftig
in die Untersuchung des Begriffs der Critik einlassen, doch fodert
die Rechtfertigung meines Gebrauchs dieses Worts, daß ich meine
Begriffe von der Critik überhaupt mit wenigen vortrage. Die Critik, im
allerweitesten Umfange, ist die Wissenschaft von den Vollkommenheiten
und Unvollkommenheiten zu urtheilen. Sie erstreckt sich über alle
mögliche Dinge, und alle Vollkommenheiten und Unvollkommenheiten
derselben. Diese Critik theilt sich in zwey Hauptäste. Der erste ist
die Kunst, den Geschmack zu bilden, und lehrt von den Vollkommenheiten
und Unvollkommenheiten, auf eine sinnliche Art, urtheilen. Diese
Kunst erstreckt sich über alle sinnliche Vorstellungen, aller
Vollkommenheiten und Unvollkommenheiten, aller Dinge. Sie fängt von
den Heldengedichten an und geht bis auf die Haarlocken der Stutzer,
und Schminckpflästerchen auf den Wangen der Schönen herunter. In
hunderttausend Dingen, von dieser Art, kan ein edler und pöbelhafter,
ein feiner und grober, ein reiner und verdorbener Geschmack herschen,
und man darf sich also nicht wundern, daß diese Kunst ihre Grenzen
so weit ausdehnt. Der andere Haupttheil der Critik, lehrt die
Vollkommenheiten und Unvollkommenheiten aus deutlichen Begriffen
beurtheilen, und bekommt so viele besondere Theile, als es Arten der
Vollkommenheiten und Unvollkommenheiten gibt. Andere schrencken
den Begriff der Critik enger ein, und verstehen darunter, die
Wissenschaft historische und vermischte Schriften zu beurtheilen.
Im engsten Verstande versteht man darunter die Wissenschaft, die
alten Schriftsteller zu beurtheilen, ob sie bis auf unsere Zeiten
unverfälscht gekommen, und die eingeschlichenen Fehler zu entdecken
und zu verbessern. Diese beyden letzten Begriffe, verhalten sich zu
dem meinigen, wie ein Theil zum gantzen. Ich unterscheide von meiner
Critik einmal, die Anwendung derselben auf einzelne Fälle, wenn man
gewisse Gegenstände, nach den critischen Regeln, würcklich untersucht;
und hernach die Wissenschaft der Regeln, von dem Verhalten eines
Kunstrichters. Diese letzte würde die Logik der Critik seyn. Die
allgemeine Critik könnte man die Metaphysik der Critik nennen. Sie
wäre eine Wissenschaft von den Vollkommenheiten und Unvollkommenheiten
überhaupt und den allerhöchsten Gattungen derselben zu urtheilen. Ich
kan meine Begriffe nicht rechtfertigen, ich habe nichts weiter im
Sinne gehabt, als den Grund zu zeigen, warum ich meine Gedancken von
Schertzen, in diesen Blättern, zur Critik gerechnet habe.
Ich schmeichele mir nicht, daß meine Abhandlung so gut, noch
vielweniger so schön gerathen, daß sie untadelhaft. Solche Abhandlungen
sind Unternehmungen, dazu gerade ein grösserer Geist erfodert wird, als
der meinige ist. Ich mercke es selbst, daß diese Blätter viele Stellen
enthalten, die meinen Wunsch nicht zu erfüllen vermögend sind. Und ich
sehe es von selbst ein, daß sie in hundert Stellen verbessert werden
könnten. Man könnte mir daher, vielleicht nicht ohne allen Grund,
einwenden, daß man vernünftiger handele, wenn man eine Schrift von
dieser Art, die nicht überwiegend schön und in ihrer Art vortrefflich
ist, lieber ungedruckt liesse, als die Anzahl solcher Schriften zu
vermehren, die voller Mängel sind. Ich habe aber irgendswo gelesen,
daß es Leute gegeben, die niemals Schriftsteller geworden sind,
weil sie gar zu gute Schriftsteller haben werden wollen; und, die
Wahrheit zu bekennen, ich bin viel zu starck gewesen als daß ich unter
dieser Versuchung hätte erliegen sollen. Wenn meine geneigten Leser
das schwache dieser Beantwortung übersehen werden, so habe ich das
wichtigste erlangt, was ich mir von ihnen, in dieser Vorrede, ausbitten
kan.
[Illustration]
§. 1.
Ich begreiffe mit leichter Mühe, daß die mehresten meiner +geneigten
Leser+ in den Gedancken stehen, als wenn ein Schriftsteller, der seine
Betrachtungen über das Schertzen ihnen vorträgt, ein schöner Geist,
und selbst ein spaßhafter Kopf seyn müsse. Ich bin weder das eine,
noch das andere, und unterstehe mich dem ohnerachtet von Schertzen
zu schreiben. Ich bin der Meinung, daß ein witziger Kopf von dem
witzigen, sinreichen, scharfsinnigen, schertzhaften, und wie es sonst
heissen mag, nicht deswegen urtheilen könne, weil er vielen Witz
besitzt; sondern weil er ausserdem ein Weltweiser ist, der seinen
Geschmack nach den Regeln der gesunden Critik ausgebessert hat. Diese
Eigenschaften können jemanden zukommen, der auf einen feurigen Witz
sehr wenige Ansprüche hat. Man kan von der Schönheit eines Gemähldes,
von den erhabenen Zügen eines Gedichts, und der Vollkommenheit einer
Rede urtheilen, und Regeln geben, ohne selbst ein Mahler, Dichter,
und Redner zu seyn. Es kan jemand ein geistreicher und belebter Kopf
seyn, er kan sich in seinen Gedancken mit der kühnsten und angenehmsten
Stärcke heben, und sein Feur durch Proben an den Tag legen, die
den Beyfall aller Kunstrichter verdienen. Weil er aber zu wenig
Wissenschaft von seinen eigenen Kräften, und den Vollkommenheiten
derselben besitzt, so ist er nicht im Stande, aus deutlichen Gründen
die Regeln herzuleiten, durch deren Beobachtung seine sinnreichen
Einfälle so viel Geist und Leben bekommen. Er fühlt und schmeckt die
Schönheit seiner Gedancken, er begreift aber selbst nicht, warum
sie so reitzend sind. Man thue hinzu, daß derjenige, der selbst ein
aufgeweckter Kopf ist, mehrentheils viel zu ohnmächtig ist, als daß
er alle Partheilichkeit in seinen Urtheilen über das sinnreiche zu
vermeiden im Stande seyn solte. So wenig von einem Frauenzimmer, so
sichs einmahl in den Kopf gesetzt hat, schön zu seyn, zu erwarten ist,
etwas anders für reizend zu halten, als was sie selber besitzt; so
wenig ists von manchen witzigen Köpfen zu hoffen, daß sie die Einfälle
für schön halten solten, die der Art ihres Witzes nicht gemäß zu
seyn scheinen. Der Witz vieler feurigen Köpfe bekommt einen gewissen
Schwung, der über ihre Beurtheilungskraft zum Tyrannen wird. Ihnen
eckelt vor alle dem, so ihrem Geschmacke, der nun einmal an gewisse
Speisen gewöhnt ist, nicht gemäß ist. Diese Köpfe müsten sich zu viel
Gewalt anthun, unpartheiisch von einem Schertze zu urtheilen, bey dem
sie nicht absehen können, wie sie selbst denselben hätten vortragen
können. Man lasse den +Cicero+, der nach +Quintilians+ Zeugniß keine
Maß im schertzen halten können, von einem Spasse, der auf einer blossen
Anspielung der Worte beruht, urtheilen. Ich will verlohren haben,
wenn er ihn nicht bewundern wird. Das befremdet mich im geringsten
nicht. +Cicero+ selbst bediente sich mehr, als einem so grossen
Geiste anständig war, dieser Schertze. Ich habe das Vertrauen zu der
Billigkeit meiner +Leser+, daß sie aus dem, was ich bisher gesagt,
nicht schliessen werden, als wenn ich glaubte, daß kein witziger Kopf
von Schertzen gesunde Urtheile fällen könne. Noch vielweniger, daß
ein Mensch ohne allen Witz sich dergleichen unterfangen dürfe. Ich
behaupte nur, daß es nicht unumgänglich nothwendig sey, daß derjenige,
der von Schertzen vernünftige Gedancken haben will, selbst glücklich im
spassen seyn müsse. Ein Mensch der einen gereinigten Geschmack besitzt,
aber nicht schertzen kan oder will, besitzt eine Gleichgültigkeit
gegen die Schertze, die ihn unpartheiisch macht. Er tadelt und lobt
das schertzhafte, ohne daß sich eine schmeichelnde oder empfindliche
Eigenliebe unter die Gründe seiner Urtheile mengt.
~Ergo fungar vice cotis, acutum
Reddere quæ ferrum valet, exsors ipsa secandi.~
_Horat. de art. poet._
§. 2.
Es gibt eine Art ernsthafter Leute, welche es überhaupt zur Sünde
machen will, wenn man schertzet und lachet. Solten diese Blätter das
Schicksal haben, in die Hände dieser Leute zu gerathen, so kan ich mir
schon zum voraus einbilden, was sie, bey der Erblickung derselben,
vor saure Minen machen werden. Sie werden mirs als ein sittliches
Verbrechen anrechnen, daß ich von einer Materie schreibe, die sich mit
der Tugend nicht reimen will. Ich gebe diesen Gegenfüssern muntrer und
aufgeweckter Köpfe zu, daß viele Schertze unmöglich mit der Tugend
bestehen können. Nur werden sie mir auch im Gegentheil zugestehen, daß
nicht eine jede Ernsthaftigkeit zum Character der wahren Tugend gehört.
~Multum ringitur otiosa virtus.~
_Sidon._
Es kan manchmal ein tugendhafter zugleich ein schläffriger und
niedergeschlagener Kopf seyn, der noch dazu von einem schwartzen
Geblüthe durchschwämt wird. Der würde sich augenscheinlich betrügen,
wenn er seine natürlich nothwendige Traurigkeit für eine Wirckung der
Tugend halten wolte. Aergert er sich nun, wenn andere frölich sind und
schertzen, weil er selbst nicht anders als immer misvergnügt zu seyn
das Unglück hat, so muß er so viel Menschenliebe in seinen Urtheilen
blicken lassen, diejenigen nicht gleich für lasterhaft zu halten, die
nicht so ernsthaft seyn können, wie er selbst ist. Ich werde keine
sündliche Schertze billigen, ich will mich bemühen zu zeigen, daß ein
vollkommener Schertz, der ohne allen Fehler ist, einen sehr grossen
Witz und Scharfsinnigkeit, zwey grosse Vollkommenheiten der Seele, zum
Grunde habe, und also unmöglich Sünde seyn könne.
§. 3.
Eine wohlgerathene Untersuchung der Schertze kan nicht ohne Nutzen
seyn, und man hat keine Ursach sich die Zeit gereuen zu lassen, die
man entweder auf die Ausarbeitung, oder aufs Durchlesen derselben
verwendet. Ich bin nicht willens alle Nutzen, die eine solche Schrift
haben kan, in ihrer völligen Ausdehnung auszuführen. Ich begnüge mich
mit zweyen oder dreyen, die ich für die grösten halte. Den ersten haben
die witzigen Köpfe davon zu erwarten. Ein feuriger Witz ist eine zu
unruhige Kraft der Seele. Sie läßt ihrem Besitzer nicht beständig Zeit
genug, seine spaßhaften Einfälle gehörig zu prüfen und zu beurtheilen.
Alles was ihm einfält, hält er für witzig und sinnreich, und wer wolte
ihm auch wohl das Recht dazu streitig machen? Seine Zunge ist viel zu
dienstfertig, als daß sie schweigen solte. Nein, ein witziger Kopf
nimt sich die Freyheit zu schertzen, wenn, wo, mit wem, und womit er
will. Er thut das mit so vielen Vertrauen auf sich selbst, daß er
sich unmöglich mit den verdrießlichen Gedancken herumschlagen kan,
als wenn es ihm an Bewundern seiner Schertze fehlen würde. Ich gebe
einem jedweden zu bedencken, ob ein solcher plauderhafter Verschwender
seines Witzes wo nicht den Frost seines Gehirns mehr als zu oft
verrathen, doch wenigstens in den mehresten Fällen ein unerträglicher
Gesellschafter werden müsse. Wie kan man diesem Uebel wohl anders
abhelfen, als durch eine gründliche Ueberzeugung, daß zu einem guten
Schertze mehr erfodert werde, als man gemeiniglich denckt, und daß
der sinnreichste und witzigste Kopf öfters sehr schläffrige Einfälle
haben könne. +Cicero+ beweißt das zur genüge, so ein schöner
Geist er auch gewesen ist, so ist sein Witz doch sehr oft gesuncken
und ohnmächtig geworden. Solte meine Abhandlung gerathen, so rathe ich
einem jeden witzigen Kopfe dieselbe zu lesen. Er wird dadurch auf eine
heilsame Art furchtsam gemacht werden, so oft als er schertzen will. Er
wird dadurch seinen Geschmack verbessern, und viele Schertze in ihrer
Geburth ersticken, die ihm wo nicht Schande, doch wenig Ehre zuwege
bringen würden.
§. 4.
Man kan den armseeligen Vorrath seines Witzes nicht nur verrathen, wenn
man selbst auf eine erbärmliche Art schertzet, sondern auch wenn man
elende Schertze bewundert. Man gibt dadurch einen pöbelhaften Geschmack
zu erkennen, der jederzeit von einem matten Witze begleitet wird. So
wenig ein vortreflicher Schertz bey einem kriechenden Witze einen
Eindruck verursachen kan, so sehr wird der elendeste Spaß von denselben
bewundert. Ein elender Kopf schertzet nicht nur auf eine elende Art,
sondern er wird auch bey den schlechtesten Einfällen vor Freuden ausser
sich gesetzt. In den Versamlungen des Pöbels, macht der frostigste
Einfall seinen Erfinder zum angenehmsten und lustigsten Gesellschafter.
Das wissen die kleinen witzigen Köpfe, auf eine listige Art, zu ihrem
grossen Troste anzuwenden. Wollen sie grosse Geister nicht bewundern,
so thun sie ihnen den Possen, und theilen ihre sinnreichen Einfälle
Leuten mit, die sie gütiger, und auf eine ihnen gefälligere Art,
aufzunehmen wissen. So furchtsam ich bin selber zu schertzen, so sehr
nehme ich mich in acht über einen schlechten Schertz zu lachen, ich
müste es denn aus Höflichkeit oder Gefälligkeit thun müssen. Dieses
halte ich vor einen ansehnlichen Nutzen, den man, von einer gründlichen
Critik der Schertze, erwarten kan. Man lernt dadurch einen feurigen
Schertz, von einem frostigen unterscheiden, man lacht über den ersten,
und bleibt bey dem letzten unempfindlich, und beweißt sich dadurch als
einen Menschen von gereinigten und feinen Geschmacke.
§. 5.
Ein gut gerathener Schertz bringt uns die Gewogenheit und Bewunderung
der Zuhörer zuwege. Wir werden für scharfsinnig, aufgeweckt, höflich
gehalten, und für geschmeidige Köpfe. Durch einen wohlangebrachten
Spaß, kan man seinen Gegner in Verwirrung setzen, ihn zaghaft machen
und wiederlegen. Man mäßiget dadurch die gar zu grosse und traurige
Ernsthaftigkeit, das Gemüth wird aufgeheitert, und man setzt seine
Zuhörer in den Zustand, die verdrießlichsten Dinge, die man ihnen
zu sagen hat, gelassen, und nicht ohne Vergnügen anzuhören. Das sind
Stücke die einem Redner unentbehrlich sind. Ich könnte noch mehr hinzu
thun, wenn das angeführte nicht schon hinreichend wäre, zu beweisen,
daß ein Redner zu seinem grossen Vortheile bisweilen schertzen müsse.
Mit weniger Veränderung, kan man eben das von einem Dichter sagen.
Dieser muß fast noch öfter schertzen als der erste. Wie oft hat ein
Dichter nicht nöthig seiner Muse zuzuruffen?
~Sed ne relictis musa procax iocis
Ceæ retractes munera næniæ:
Mecum Dionæo sub antro
Quære modos leviore plectro.~
_Hor. Carm. L. II. od. 1._
Man kan daher die Untersuchung der Schertze als eine Materie ansehen,
die zur Rede und Dichtkunst gehört. +Cicero+ und +Quintilian+
sind mit mir einig. Sie haben beyde in ihren Schriften, darinn sie die
Redekunst abgehandelt haben, auch eine Betrachtung über die Schertze
angestellt. Dieser Nutzen allein wäre hinreichend, meine gegenwärtige
Bemühung nicht für unnütz zu halten.
§. 6.
Die Untersuchung der Schertze ist eine Materie, die als ein Stück
der so genannten Aesthetik anzusehen ist. Die Aesthetik ist eine
Wissenschaft der sinnlichen Erkenntniß und dem Vortrage derselben. Sie
untersucht die Vollkommenheiten und Unvollkommenheiten ihres Vorwurfs.
Sie gibt Regeln jene zu erlangen, und diese zu vermeiden. Keine untere
Erkenntniß Kraft der Seele ist von dem Gegenstande der Aesthetik
ausgeschlossen. Man besehe die Psychologie des Herrn Professor
+Baumgartens+, so wird man daselbst hin und wieder den gantzen
Grundriß dieser Wissenschaft antreffen. Ich werde in dem folgenden
darthun, daß ein Schertz durch den sinnlichen Witz und Scharfsinnigkeit
gewürckt werde. Folglich ist der Schertz eine sinnliche Vorstellung
und Rede, und gehört in das Feld der Aesthetik, dieses merckwürdigen
Theils, ja ich will sagen, dieses gantzen Inbegriffs der schönen
Wissenschaften.
§. 7.
Die sinnliche Beurtheilungskraft, oder der Geschmack, ist das Vermögen
von den Vollkommenheiten und Unvollkommenheiten zu urtheilen, doch
so, daß man weder die Vollkommenheiten und Unvollkommenheiten selbst
deutlich erkennt, noch auch seine Urtheile von ihnen philosophisch
aus deutlich erkannten Gründen, auf eine deutliche Art herleitet.
Vollkommenheiten, in so fern sie undeutlich und auf eine sinnliche Art
erkannt werden, sind Schönheiten und die Unvollkommenheiten werden in
eben dieser Absicht Häßlichkeiten genennet. Der Geschmack ist demnach
das Vermögen von den Schönheiten und Häßlichkeiten zu urtheilen, und
dieselben gewahr zu werden. Ein Schertz ist eine sinnliche Vorstellung
und Rede, und seine Vollkommenheiten und Unvollkommenheiten sind
Schönheiten und Häßlichkeiten. Man ist also genöthiget die Beurtheilung
eines Schertzes, vor den Richterstuhl des Geschmacks zu verweisen.
Wenn ein Kunstrichter überhaupt derjenige genennet wird, der von
Vollkommenheiten und Unvollkommenheiten urtheilen kan, so muß derjenige
der einen Spaß beurtheilen will ein Kunstrichter seyn. Die Untersuchung
der Schertze gehört demnach auch in denjenigen Theil der Aesthetik, den
man den critischen nennt.
§. 8.
Man hat es bey nahe als eine Regel angenommen, daß man über den
Geschmack mit niemanden streiten dürfe. Diese Regel ist gegründet,
so lange man nicht weiter gehen will, als auf den Geschmack. Alsdenn
beruhiget man sich in einer bloß sinnlichen und undeutlichen
Erkenntniß, davon man die Gründe einem andern weder angeben noch
erklären kan. O elendes disputiren! wo die streitenden Partheien nicht
durch Schlüsse wider einander zu Felde gehen! So lange man also mit
dem Geschmacke nicht die höhere Beurtheilungskraft, das Vermögen aus
deutlicher Erkenntniß eine Sache zu beurtheilen, verknüpft, so lange
ists eine vergebliche Arbeit, über Schönheiten und deren Gegentheil,
sich mit jemanden in einen Streit einzulassen.
~Trahit sua quemque voluptas.~
_Virgil._
Weil aber alle Schönheiten und Häßlichkeiten, Vollkommenheiten und
Unvollkommenheiten sind, und diese, an sich betrachtet, insgesamt
deutlich können vorgestellet werden, so bleibt es zwar ausgemacht,
daß man von dem Geschmacke, in so fern er ein Geschmack ist, wenig
sagen könne, aber man muß ihn, wenn ich so reden darf, entwickeln.
Man muß die Gegenstände des Geschmacks, auch nach der höhern
Beurtheilungskraft, untersuchen, und da erkennt man ob der Geschmack
gegründet sey oder nicht. Die verworrenen Vorstellungen können nicht
anders richtig seyn, als wenn sie uns dasjenige, was in den deutlichen
unterschieden wird, mit einemmal, und unter einander geworffen,
vorstellen. Folglich kan man den Geschmack selbst beurtheilen, und
gewisse Regeln geben wonach sich derselbe, auf eine ihm selbst
unbekante Art, zu richten hat. Wenn das alle Kunstrichter beobachteten,
so würden sie nicht Geschmack dem Geschmack entgegen setzen, und
dadurch Streitigkeiten verewigen, die vielleicht kürzer ausgemacht
werden könnten. Ob nun gleich die Beurtheilung der Schertze ein Werck
des Geschmacks ist (§. 7.) so kan man doch Regeln geben, wonach die
Schönheiten und Häßlichkeiten eines Schertzes beurtheilet werden können.
§. 9.
Es gibt Regeln wonach die Schertze beurtheilt und eingerichtet werden
können. Man würde also ohne Ursach zweiffeln, ob auch Gründe vorhanden
wären, woher diese Regeln fliessen. Nein, alles hat seinen Grund,
sollten wohl die Regeln des Geschmacks eine Ausnahme von dieser Regel
machen, welcher das gantze Reich der Möglichkeiten und Würcklichkeiten,
nach seinem gantzen Umfange, unterworffen ist? Ich rechne zu diesen
Gründen, die Beschaffenheit der Vollkommenheiten und Unvollkommenheiten
überhaupt. Insbesondere die Vollkommenheiten und Unvollkommenheiten
unserer Erkenntniß, und des Vortrages derselben. Und endlich die
Vollkommenheiten und Unvollkommenheiten der sinnlichen Erkenntnißkräfte
der Seele, insonderheit des sinnlichen Witzes und Scharfsinnigkeit.
Aus diesen Quellen müssen die Regeln, der Beurtheilung und Einrichtung
eines Spasses, erwiesen werden. Ich begnüge mich mit der blossen
Benennung und Anführung dieser Gründe. Ich müste meinen +Lesern+
zu wenig Einsicht zutrauen, wenn ich sie beweisen wolte, da mein Zweck
nicht darinn besteht, den Geschmack überhaupt in diesen Blättern zu
bilden und einzurichten.
§. 10.
Wenn es Regeln zu schertzen gibt, wenn diese Regeln aus Gründen
können bewiesen werden, so müste man ohne Grund an der Möglichkeit
einer Wissenschaft der Schertze zweiffeln. Ich bin überzeugt, daß
eine Wissenschaft möglich sey, in welcher gezeigt wird, wie man einen
Schertz erfinden, und bis zur Grentze seiner Vollkommenheit erheben
kan. +Cicero+ und +Quintilian+ scheinen mir zu widersprechen.
Allein ihre Gründe beweisen nicht, daß diese Wissenschaft unmöglich
sey, und daß man nicht auf eine Kunstmäßige Art ein spaßhafter Mensch
werden könne. Beyde glauben, daß die Natur und Gelegenheit das meiste
zu einem glücklichen Schertze beytragen müssen. Ich glaube es auch.
Aber so wenig man sagen kan, daß es keine künstliche Vernunftlehre
gebe, weil zur Ausübung derselben ein guter Mutterwitz erfodert wird;
eben so wenig wird die Wissenschaft der Schertze, und die Theorie
derselben, geläugnet werden können, weil man mit allen Regeln keinen
Menschen zu einen schertzhaften Kopfe machen kan, der keine natürliche
Geschicklichkeit zu schertzen empfangen hat. Ein anders ist die Regeln
zu schertzen verstehen, und dieselben geschickt ausüben können. Ich
behaupte nur, daß ein Mensch der ein gutes Naturell zu schertzen
besitzt, durch die Kunst, leichter, eher und besser, eine Fertigkeit
zu schertzen bekommen könne, wenn sich überdies gute Gelegenheiten
dazu an die Hand geben, als ein anderer, der sich mit der blossen
Natur behelfen will. Die Natur arbeitet ihre Wercke nur aus den groben
heraus, sie überliefert uns ihre Kunststücke roh, und überläßt unserer
Geschicklichkeit den Ausputz. Der letzte wird vielmehr frostige
Schertze erzeugen, als der erste, er mag sich auch noch so sehr in acht
nehmen wollen.
~In vitium ducit culpæ fuga, si caret arte.~
_Horat. de art. poet._
Ich gebe noch mehr zu. Ich behaupte daß derjenige, der schertzen will,
wenn er bey einem jeden Schertze sich erst auf die Regeln besinnen,
und seinen Schertz mit Fleiß kunstmäßig einrichten will, besser thut
wenn er gar stille schweigt. Ein Schertz muß unvermuthet vorgetragen
werden, und ein Schertz, auf den man sich vorbereitet, muß unglücklich
gerathen, wie ich das in dem folgenden darthun will. Nichts desto
weniger hat die Wissenschaft zu schertzen ihren Nutzen. Es verhält sich
hier eben so, wie bey der künstlichen Vernunftlehre. Das würde ein
erbärmlicher Philosoph seyn, der bey einer jeden Erklärung, bey einem
jeden Schlusse, sich der Regeln der Vernunftlehre deutlich erinnern
wolte. Man muß eine Fertigkeit in der Vernunftlehre erlangen, man muß
seine Vernunft und Verstand gewöhnen, die Regeln der Vernunftlehre zu
beobachten, ohne unser Wissen. Eben das sage ich von der Wissenschaft
der Schertze. Sie muß unserm Witze und Scharfsinnigkeit den gehörigen
Schwung und Einrichtung geben, daß wir nach ihren Regeln schertzen
können ohne uns derselben bewust zu seyn.
~Simul ac durauerit ætas
Membra animumque tuum, nabis sine cortice.~
_Horat._
Wer demnach von Natur ein feuriger und aufgeweckter Kopf ist, wer
die Gelegenheit gut in acht nehmen, und zu seiner Absicht geschickt
anwenden kan, und die Wissenschaft zu schertzen versteht, dem bin ich
gut davor, daß er glücklich im schertzen seyn wird.
§. 11.
Ich will nicht mehr versprechen, als ich zu halten mir getraue. Ich
will nicht sagen, daß ich willens sey, eine Wissenschaft der Schertze
zu schreiben. Sondern meine Absicht ist hauptsächlich, Regeln fest
zu setzen, wonach die Schönheit und Häßlichkeit eines Schertzes
beurtheilet werden kan. Diese Regeln machen entweder die Wissenschaft
der Schertze aus, oder die letzte wird doch mit geringer Mühe, und
einigen kleinen Veränderungen und Zusätzen, daraus fliessen. Meiner
Einsicht nach glaube ich, daß die Regeln, wonach die Vollkommenheit
einer Sache beurtheilt werden muß, einerley sind mit den Regeln, die
beobachtet werden müssen, wenn eine Sache zu ihrer Vollkommenheit soll
erhoben werden.
§. 12.
Weil ich zu furchtsam bin selbst zu schertzen, so werde ich mich sehr
hüten, wenn ich ein Exempel anführen soll, welches doch selten genug
geschehen wird, selbst zu spassen. Ich könnte zwar aus dem gemeinem
Leben dergleichen erwählen, da man mehr als zu viel antrift, die
fast zu einer allgemeinen Gewohnheit geworden. Allein da dieselben
gröstentheils zu frostig und abgeschmackt sind, so würde ich meinen
+Lesern+ Verdruß erwecken, wenn ich sie ausdrücklich anführen
wolte. Ich werde mich begnügen, meinen Eckel vor solchen ungeschickten
Schertzen von weiten zu bezeugen. Noch eins habe ich zu erinnern. Wenn
ich an einem Schertze was loben werde, so werden meine +Leser+
die Gütigkeit haben, und nicht glauben, daß ich den gantzen Schertz
billigte. Ein Schertz kan viele Vollkommenheiten haben. Die eine kan
er besitzen, eine andere kan ihm fehlen. Ja ein Spaß kan mehr gut als
böse seyn, und mehr böse als gut, jene können gebilliget werden, weil
man doch in dem Reiche der Natur nichts findet das durch und durch gut
wäre.
~Vbi plura nitent - - non ego paucis
Offendar maculis, quas non incuria fudit,
Aut humana parum cauit natura.~
_Horat. de art. poet._
§. 13.
Ich könnte mich noch länger bey solchen allgemeinen Betrachtungen,
diesen angenehmen Materien, aufhalten, wenn ich überhaupt von dem
Geschmacke handeln wolte. Ich habe aber meinen jetzigen Gedancken
überaus enge Schrancken gesetzt. Ich will nur von Schertzen handeln,
und gewisse Regeln fest setzen, wonach sie beurtheilt werden können.
Ich muß, meine Beurtheilungsgründe ungezweifelt zu erweisen, ein
paar Erklärungen zum voraus untersuchen. Es sollen das nicht alle
diejenigen seyn, die in meine Betrachtung einen nähern Einfluß haben,
sondern ich will mich begnügen, den Witz, die Scharfsinnigkeit und
den scharfsinnigen Witz, nur in so fern zu untersuchen, als es zur
Beurtheilung der Schönheiten eines Schertzes nöthig seyn wird. Ich
würde sonst meinen +Lesern+ beschwerlich fallen, und mich des
Fehlers eines Schriftstellers theilhaftig machen, der zu weit ausholt
und von dem man sagen kan
~Gemino bellum troianum orditur ab ovo.~
_Hor. de art. poet._
§. 14.
Wir haben ein Vermögen die Uebereinstimmung der Dinge gewahr zu
werden. Die Fertigkeit in diesem Vermögen nennet man den Witz. Zu den
Uebereinstimmungen der Dinge, muß man die Aehnlichkeit, die Gleichheit
und die Proportionen rechnen. Der Witz ist demnach die Fertigkeit die
Aehnlichkeit, Gleichheit und Proportion der Dinge zu erkennen. Ist
diese Erkenntniß deutlich, so kan man den Witz einen höhern, obern oder
vernünftigen Witz nennen. Ist sie aber undeutlich, so heißt es der
sinnliche und untere Witz. Die Vorstellungen und Reden, die durch den
Witz gewürckt werden, sind sinnreiche oder witzige Vorstellungen und
Reden.
§. 15.
Wir besitzen ein Vermögen die Verschiedenheit der Dinge zu erkennen.
Wer eine Fertigkeit in demselben hat, wird scharfsinnig genennt.
Man muß zu der Verschiedenheit nicht nur die Unähnlichkeit rechnen,
sondern auch die Ungleichheit, und das Gegentheil der Proportion. Die
Scharfsinnigkeit besteht also in der Fertigkeit, die Unähnlichkeit
und Ungleichheit, nebst der Verschiedenheit der Grössen-Verhältnisse
zu erkennen. Diese Erkenntniß ist entweder deutlich, oder undeutlich.
Die erste ist ein Werck der höhern und vernünftigen Scharfsinnigkeit,
und die andere gehört für die untere und sinnliche Scharfsinnigkeit.
Vorstellungen und Reden die durch die Scharfsinnigkeit gewürckt
werden heissen scharfsinnig. Die Fertigkeit die aus dem Witze und der
Scharfsinnigkeit zusammengesetzt ist, will ich den scharfsinnigen Witz
nennen, welcher demnach entweder ein sinnlicher oder vernünftiger ist.
Ich thue nicht ein Wort zu diesen Erklärungen mehr hinzu. Ich hätte sie
bey nahe gantz ausgelassen, wenn ich nur gewust, ob die Eintheilung
des scharfsinnigen Witzes in den sinnlichen und vernünftigen so
sehr bekannt wäre, als ich sie bey meiner Abhandlung werde nöthig
haben. Es kan zwar scheinen, als wenn ich ein freyer Schöpffer dieser
Erklärungen sey. Allein man wird sich der Mühe überheben können, von
meinen künftigen Beweisen viel abzuziehen, wenn man bedenckt, daß meine
Erklärungen, der Sache nach und im Grunde, verschieden sind, man mag
nun die erklärten Sachen mit einem Namen ausdrucken, mit welchem man es
vor gut befindet.
§. 16.
Eine Vorstellung ist um so viel vollkommener, je mehr das Vermögen,
wodurch sie gewürckt worden, bey ihrer Hervorbringung, seine
Vollkommenheit bewiesen hat. Die Stärcke und Vortreflichkeit der
würckenden Ursach, breitet sich bis in die Würckung aus; und wie
die Ursach beschaffen ist, in so fern sie würckt, so ist auch die
Würckung beschaffen, in so fern sie von ihrer Ursach abhänget. Die
Vollkommenheiten der Vorstellungen, haben also ihren Grund in den
Vollkommenheiten des Vermögens, die es zu ihrer Hervorbringung
angewendet hat. Ich will die Vollkommenheiten der Schertze fest setzen.
Diese sind Vorstellungen, die durch den scharfsinnigen Witz gewürckt
werden. Es ist demnach nöthig, daß ich die Vollkommenheiten des
scharfsinnigen Witzes bestimme. Die Vollkommenheiten eines Vermögens
sind von zweyfacher Art. Die ersten entstehen aus dem Vorwurffe des
Vermögens, und die letzten befinden sich in der Einrichtung des
Vermögens selbst. Ich habe es jetzo bloß mit der letzten Art zu thun.
Wenn ich von der Vollkommenheit des scharfsinnigen Witzes rede, so
verstehe ich dieselbe, wie man zu reden pflegt, ~formaliter~
betrachtet. Und in dieser Absicht besteht sie in der Grösse und Stärcke
desselben. Je grösser ein Vermögen ist, desto mehr verschiedenes ist
in demselben befindlich, folglich ist die Anzahl der übereinstimmigen
Stücke in dem Vermögen um so viel grösser. Die Vollkommenheit wächst
aber, durch die Vermehrung der übereinstimmigen Stücke. Wenn ich also
die formelle Vollkommenheit des scharfsinnigen Witzes den Stuffen
nach bestimmen will, so darf ich nur die Grade des Witzes und der
Scharfsinnigkeit ausmachen.
§. 17.
Die Grösse eines Vermögens wird bestimmt 1) durch die Grösse der
Würckungen 2) durch die Menge derselben. Je grössere und mehrere
Würckungen ein Vermögen hervorbringt, desto grösser ist es. 3)
durch die Schwierigkeit der Würckungen. Je leichter die Würckung
hervorgebracht werden kan, desto kleiner ist das Vermögen. Je schwerer
aber die Würckung ist, je mehr Hindernisse in den Weg gelegt werden,
desto mehr Kraft muß angewendet werden, und um so viel grösser muß das
Vermögen seyn, welches dem ohnerachtet die Würckung geleistet hat.
Diese Sätze entlehne ich aus der Dynamik, in welcher man bemüht ist,
die Kräfte überhaupt auszumessen.
§. 18.
Der sinnliche Witz ist um so viel grösser und vollkommener 1) je mehr
Dinge mit einander verglichen werden. Wenn Dinge in eine Vergleichung
gesetzt werden, so müssen sie vorgestellt werden. Ein Witz, der
demnach nur zwey Dinge mit einander vergleicht, stelt sich nicht
so viel vor, als derjenige so mehrere in Vergleichung setzt. Die
Anzahl der Würckungen des letztern ist also grösser, mithin muß der
Witz selber grösser seyn §. 17. ~n.~ 2. 2) Je unbekannter die
Dinge sind, die mit einander verglichen werden. Dinge die man sich
unzählige mahl schon vorgestellet hat, und die uns dadurch überaus
bekannt geworden, stellen wir uns mit leichter Mühe vor, weil wir eine
Fertigkeit dieselben vorzustellen erlangt haben. Sind sie uns aber
noch nicht sehr bekannt, so ist ihre Vorstellung schwerer, und ihre
Vergleichung erfodert also einen grössern Witz §. 17. ~n.~ 3.
3) Je verschiedener die Dinge sind, deren Uebereinstimmung der Witz
erkennet. Denn alsdenn ist die Uebereinstimmung schwerer zu entdecken,
weil sie nicht nur sehr versteckt und geringe ist, sondern weil durch
die augenscheinliche Verschiedenheit unsere Aufmercksamkeit stärcker
auf das verschiedene gezogen wird, dadurch unserm Witze eine Hinderniß
bey der Entdeckung der Uebereinstimmung in den Weg gelegt wird. §.
17. ~n.~ 3. 4) Je mehr Uebereinstimmungsstücke erkannt werden.
In diesem Falle, ist die Menge der Würckungen des Witzes grösser, und
folglich muß der Witz selber grösser seyn §. 17. ~n.~ 2. 5) Je
grössere Uebereinstimmungen entdeckt werden. Alsdenn ist die Grösse der
Würckungen des Witzes ansehnlicher, welche eben deswegen seine eigene
Grösse vermehrt §. 17. ~n.~ 1. 6) Je stärcker die Vorstellungen
gewesen, die vor der Uebung des Witzes vorhergegangen, ja je stärcker
die Vorstellungen sind, welche bey seiner Uebung zugleich in der Seele
angetroffen werden, wenn diese Vorstellungen von anderer Art, als die
Vorstellungen des Witzes, sind. Aus der Lehre von unserer Seele ist
bekannt, daß eine sehr starcke Vorstellung uns verhindert, gleich
nachher, auf etwas anders zu dencken; und wenn wir den Kopf sonst
voller starcken Vorstellungen haben, so ist es ungemein schwer, zu
gleicher Zeit auf etwas anders zu dencken. Ein Witz der mitten unter
diesen grossen Hindernissen dennoch würcksam seyn kan, muß grosse
Hindernisse übersteigen, und demnach groß seyn §. 17. ~n.~ 3.
7) Je klärer, richtiger, gewisser und lebendiger, doch aber auf eine
undeutliche Art, die Uebereinstimmung vorgestelt wird. Denn der Grad
der Deutlichkeit gehört für den vernünftigen Witz, davon ich nicht
rede. Eine klare, richtige, gewisse und lebendige Vorstellung ist
allezeit grösser, als eine dunckele, unrichtige, ungewisse, matte und
todte Vorstellung, wenn man die übrigen Stücke derselben als gleich
annimmt. Ein Witz der klärere, richtigere, gewissere und lebendigere
Vorstellungen würckt, bringt also grössere Wirckungen hervor, als
derjenige, dessen Vorstellungen nach allen diesen Stücken kleiner sind.
Jener ist demnach grösser und vollkommener. §. 17. ~n.~ 1.
§. 19.
Ich will mich bey den Graden der Vollkommenheit, in der
Scharfsinnigkeit nicht aufhalten. Die Scharfsinnigkeit ist von dem
Witze nicht unterschieden, als nur dem Gegenstande nach. Man nehme den
vorhergehenden Absatz. Wo das Wort Uebereinstimmung steht, da setze
man Verschiedenheit, und an statt dieses setze man jenes, so hat man
die Regeln wodurch die Grösse der Scharfsinnigkeit bestimmt wird. Da
nun der scharfsinnige Witz eine Fertigkeit ist, die aus dem Witze und
der Scharfsinnigkeit zusammengesetzt ist, so versteht sich von selbst,
daß, je grösser und vollkommener diese beyden Fertigkeiten sind, desto
grösser und vollkommener der scharfsinnige Witz seyn müsse.
§. 20.
+Quintilian+ versichert uns, in dem +sechsten Buche seiner
Redekunst+, daß die Natur das meiste zu einem guten Schertze
beytrage, weil sie einen Menschen, unter andern, scharfsinniger
und fertiger in der Erfindung der Spasse mache. Ja, er erklärt
einen Schertz ausdrücklich durch: ~sermonem cum risu aliquos
incessentem~. +Cicero+ stimmt mit dem letzten überein. Er
setzt jederzeit voraus, daß ein Schertz geschickt sey, ein lachen zu
verursachen, und daß ein Spaß deßwegen vorgetragen werde, damit ein
Gelächter möge erweckt werden. Betrachtet man alle die Exempel, die
beyde anführen, nebst den Quellen, woraus sie die Schertze hergeleitet
haben; so muß man augenblicklich auf die Gedancken gerathen, daß zu
einem Schertze, eine Uebereinstimmung verschiedener Dinge, und die
Einsicht derselben, erfodert werde. Dieses zum voraus gesetzt, werde
ich nicht irren, wenn ich sage: daß ein Schertz eine Rede sey, wodurch
wir Vorstellungen, die von den scharfsinnigen Witze gewürckt worden,
vortragen, und welche zum nächsten Zwecke hat, andere zum lachen zu
reizen. Ich sage ein Schertz sey eine Rede. Ich will deßwegen nicht
in Abrede seyn, daß ein schertzhafter Kopf mit sich selbst spassen
könne. Ich will sagen, daß ich zugebe, daß ein Mensch Vorstellungen
haben kan, denen alle Eigenschaften eines Schertzes zukommen, und
denen nichts weiter fehlt, als der Ausdruck und Vortrag. Ich will
niemanden einen Streit erregen, wer diesen Vorstellungen schon den
Namen der Schertze beylegen will. Ich habe aber doch geglaubt, daß ich
berechtiget sey, einen Schertz eine Rede zu nennen. Ich habe nicht
nur den häuffigsten Gebrauch zu reden auf meiner Seite; sondern wenn
es auch ein Irthum ist, so irre ich zum ummercklichen Nachtheil der
Critik über die Schertze. Alles was ich von den Schertzen, nach meiner
Erklärung, beweisen werde, wenn man das ausnimmt, was von dem Vortrage
derselben wird gesagt werden, gilt auch von einem Schertze, wenn man
ihn als eine blosse Vorstellung betrachten will. Ich sage nicht, daß
ein Schertz allezeit ein Lachen erwecke. Es kan jemand sehr starck zum
Lachen gereitzt werden, und doch durch tausenderley Ursachen genöthiget
werden, die Stirne mit Runzeln zu bedecken. Ich leugne nicht, daß man
bey einem Schertze ausser dem Lachen noch andere entferntere Zwecke
haben könne. Ich sage nur daß der Schertzende zunächst, durch seinen
Schertz ein Lachen zu erwecken, gesinnet seyn müsse.
§. 21.
Ich unterscheide einen Schertz von einer sinnreichen Rede und Einfalle
überhaupt. Es kan jemand sehr vielen Witz in seinen Reden blicken
lassen, er kan die artigsten Einfälle vortragen, darüber sich seine
Zuhörer in einem hohen Grade belustigen, und man wird deswegen nicht
sagen können, daß er schertze. Man müste denn alle Allegorien,
Metaphern, und alle Würckungen des Witzes, Schertze nennen wollen,
welches gewiß nur aus Spaß geschehen würde. Desgleichen, wird auch
nicht eine jede scharfsinnige Rede ein Schertz seyn. Wer das im Ernst
behaupten wolte, der müste alle Subtilitäten für Spaß halten. Gewiß,
ein schöner Einfall! auf die Art würde der ernsthafteste Metaphysicus
und Mathematicus, in seinem Vortrage nichts thun, als spassen. Endlich
so muß man das nicht gleich für einen Schertz halten, wodurch man zum
lachen bewegt wird. Es kan jemand sich aus dem Athem lachen, wenn er
einen andern fallen sieht, der Hals und Bein zerbricht, welcher aber
doch gewiß nicht aus Spaß gefallen ist. Das Lachen kan aus unzähligen
Ursachen entstehen, die keinen Schertz zum Grunde haben. Doch davon
werde ich weiter handeln, wenn ich die Vollkommenheit eines Schertzes,
in Absicht aufs lachen, untersuchen werde.
§. 22.
Die Vollkommenheit und Unvollkommenheit eines Schertzes ist, entweder
eine materielle oder formelle. Die erste entsteht aus den Dingen,
die man zum Schertze braucht, und worüber man schertzet. Ich bin
nicht willens alle Eintheilungen der Schertze, die daher erwachsen,
anzuführen. Sie sind nicht nur leicht, sondern auch bey nahe unzählig.
Ich brauche sie auch zu meiner Abhandlung sehr wenig, weil es
nicht hieher gehört, die Sittlichkeit der Schertze, und die daher
entstehenden Pflichten zu untersuchen. Ich werde nur überhaupt zum
Beschlusse meiner Abhandlung einige Anmerckungen darüber machen. Doch
kan ich mich nicht enthalten, mit wenigen einige Arten dieser Schertze
anzuführen. Ich nenne einen Schertz unschuldig, wenn er keine Sünde
ist, oder wenn dabey keine Pflicht übertreten wird. Die Schertze die
nicht unschuldig sind, bekommen ihren Namen von den Pflichten, welche
dabey übertreten werden. Ein Schertz ist gottloß, wenn er den Pflichten
gegen GOtt zuwieder; grob, unhöflich, bäurisch, wenn er die Pflichten
der Höflichkeit übertrit; unanständig wenn er den Pflichten der
Wohlanständigkeit widerspricht u. s. w. Man erkennt von selbst was ein
höflicher, anständiger, keuscher Schertz u. s. w. sagen wolle. Hieher
kan man auch die verschiedenen Arten der Schertze rechnen, welche auf
den Zwecken, die man ausser dem Lachen bey einem Spasse haben kan,
beruhen. Man wird ohne mein Erinnern gewahr werden, daß ich dahin,
unter andern, die beissenden oder satyrischen Schertze rechne.
§. 23.
Die formellen Vollkommenheiten und Unvollkommenheiten der Schertze,
gehören wesentlich in meine Abhandlung. Sie beruhen auf der Einrichtung
derselben, und Geschicklichkeit zu ihrem Zweck, in so fern sie von
einem scharfsinnigen Witze abhangen, ohne daß man dabey auf ihren
Gegenstand sieht. Ich theile sie in dieser Absicht in zwey Arten. Die
erste begreift die glücklichen oder geschickten Schertze, wenn sie
formaliter vollkommen sind. Sind sie in einem höhern Grade glücklich,
so werden sie feurige Schertze genennt. Zu der zweyten Art gehören
diejenigen, denen eine formelle Unvollkommenheit zukommt, sie werden
unglückliche, ungeschickte, abgeschmackte Schertze genennt. Ein Schertz
der in höhern Grade abgeschmackt ist, heißt frostig. Ich hätte bey nahe
vergessen zu erinnern, daß ein feuriger Schertz gottloß unhöflich seyn
könne, und ein abgeschmackter unschuldig. Folglich kan ein Schertz eine
grosse formelle Vollkommenheit besitzen, der aber in der Sache selbst
höchst unvollkommen ist, und umgekehrt.
§. 24.
Da eine Vorstellung um so viel vollkommener oder unvollkommener ist,
formaliter betrachtet, je vortreflicher oder schlechter sich die
Vorstellungskraft, wodurch sie gewürckt wird, bey ihrer Hervorbringung
bewiesen; so muß auch ein Schertz um so viel glücklicher oder
unglücklicher seyn, je stärcker oder matter und schwächer der
scharfsinnige Witz ist, wodurch er gewürckt wird, und je geschickter
er selbst ist ein Lachen zu erwecken. Das Feuer und die Kälte eines
Schertzes, haben also ihren Grund, eines theils, in der Stärcke und
Mattigkeit des scharfsinnigen Witzes; andern theils aber, in der
Geschicklichkeit desselben einen andern zum lachen zu reitzen. Man
thue hinzu, daß auch ein geschickter Vortrag des Schertzes sehr
viel beytragen kan, das Feuer desselben zu vermehren, gleichwie der
feurigste Spaß durch einen ungeschickten Vortrag kan ausgedämpft werden.
§. 25.