In $England$ ist der oben (S. 619) erwähnte, seitens der Regierung
unternommene Versuch, organische Beziehungen zwischen den Verbänden
der Arbeiter und der Arbeitgeber herzustellen, gescheitert. Wie
erwähnt, war von dem Handelsminister $Ritchie$ der Plan eines ständigen
Einigungsamtes ausgegangen. Nach demselben sollte in jedem Gewerbe
ein dauerndes Amt dieser Art aus Vertretern der beiderseitigen
Verbände bestehen, vor das jeder Streit gebracht werden mußte.
Als zweite Instanz sollte ein aus allen Gewerbezweigen gebildetes
Zentraleinigungsamt eintreten, bis zu dessen Spruche kein Streik
und keine Aussperrung erklärt werden dürfe. Nachdem der Minister im
Anfang Dezember 1898 dem parlamentarischen Ausschusse der Arbeiter
diesen Plan unterbreitet hatte, antwortete dieser schon am 16. dess.
Monats, daß er den Vorschlag mit Dank annehme und um Zusammenberufung
einer gemeinsamen Konferenz mit den Vertretern der Unternehmer
bitte, wiederholte auch diese Zustimmung, nachdem ihm am 13. Februar
1899 ein ausgearbeiteter Entwurf mitgeteilt war. Dagegen ließ das
parlamentarische Komitee der Unternehmer[328] nachdem es anfangs
geschienen hatte, als ob es ebenfalls eine zustimmende Haltung
einnehmen wollte, dem Minister am 18. März 1899 folgende Erklärung
zugehen: »Bei voller Würdigung und Sympathie für die Punkte in dem
Schreiben des Ministers und bei allem Eifer, den für die nationale
Wohlfahrt so notwendigen gewerblichen Frieden zu sichern, sieht der
Parlamentarische Rat der Unternehmer gegenwärtig keinen gangbaren Weg
zur Bildung einer vollständigen und befriedigenden Vertretung von
Arbeitgebern und Arbeitern in einem Versöhnungsamte, wie es in dem
angeführten Briefe vorgeschlagen wird.» [326] Es war nicht möglich,
bei der großen Anzahl der behandelten Organisationen überall die
Darstellung bis auf die bei dem Drucke des Buches laufende Gegenwart
fortzuführen, denn dies würde, abgesehen von anderen Schwierigkeiten,
erfordert haben, vor Abschluß des Manuskriptes von jeder einzelnen
Organisation Ergänzungen der früheren Angaben zu erbitten. Ich sehe
auch nicht hierin die Bedeutung meiner Arbeit. Immerhin glaube ich
dasjenige Material, welches mir bis zur Beendigung des Druckes bekannt
wurde, den Lesern mitteilen zu sollen und thue dies in der Form von
Nachträgen, wobei ich stets die Stelle des Buches, an welche das
Nachgetragene anknüpft, angeben werde, indem ich bitte, dort die
entsprechende Verweisung anzubringen.
[327] Anschluß an S. 62 u. 619.
[328] Vgl. S. 617.
Am 19. Juli 1899 hat in London der erste Kongreß des neu geschaffenen
Gewerkschaftsverbandes[329] stattgefunden, auf dem 44 _trade unions_
mit insgesamt 310437 Mitgliedern durch 47 Abgesandte vertreten waren.
Nach einem Berichte des Vorsitzenden des Parlamentarischen Komitees
über die bisherige Entwickelung des Verbandes kam man überein,
denselben als mit dem 1. Juli 1899 ins Leben getreten anzusehen, und
wählte die Mitglieder des Vorstandes. Es wurde ins Auge gefaßt, die
Jahresversammlungen stets an demselben Orte und in unmittelbarem
Anschlusse an die trade unions-Kongresse abzuhalten.
[329] Vgl. S. 42.
Der vom 4.-9. September 1899 in Plymouth abgehaltene 32. $Jahreskongreß
der _trade unions_$ war von 386 Abgesandten als Vertretern von 147
Vereinen mit 1200000 Mitgliedern besucht Die Maschinenbauer, die sich
einem Beschlusse des Parlamentarischen Komitees nicht gefügt hatten,
waren von diesem für 2 Jahre von den Kongressen ausgeschlossen,
was eine leidenschaftlich erregte Verhandlung hervorrief, doch
würde schließlich ein diese Maßregel billigender Beschluß mit
2/3 Mehrheit angenommen. Auch sonst herrschte Streit und Hader,
insbesondere beklagten sich die kleineren Vereine, daß sie durch das
Stimmenübergewicht der größeren erdrückt würden. Die wichtigste Frage
der Beratungen war die Stellung zu den Parlamentswahlen. Die radikale
Richtung hatte, wie früher erwähnt, schon seit Jahren gefordert,
daß man nicht Angehörige der beiden großen Parteien unterstützen,
sondern eigene Arbeiterkandidaten aufstellen solle. Dieses Mal gelang
es ihr mit knapper Mehrheit, ihre Ansicht durchzusetzen, indem das
Parlamentarische Komitee beauftragt wurde, einen besonderen Kongreß
der Genossenschaften, _trade unions_ und sozialistischen Vereine
zu berufen, um Mittel und Wege für eine Verstärkung der Zahl der
Arbeitervertreter im Parlament zu beraten. Auch hinsichtlich des
Achtstundentages siegte die radikale Richtung, indem man ihn für
alle Gewerbe forderte, obgleich insbesondere die Textilarbeiter
darauf hinwiesen, daß ihr Gewerbe die damit verbundene indirekte
Lohnerhöhung von 15% nicht ertragen könne. Der Kongreß beschäftigte
sich eingehend mit der Wohnungsfrage, beklagte die bestehenden
Wohnungsverhältnisse der Arbeiter und forderte die Gemeindebehörden
auf, von den ihnen zustehenden Befugnissen besseren Gebrauch zu
machen; auch sollen Mietgerichtshöfe eingesetzt und auf Einrichtung
billiger Arbeiterzüge der Eisenbahnen hingewirkt werden. Das neue
Haftpflichtgesetz wurde in mehrfacher Beziehung bemängelt und zu
dem Entwurfe eines Alterspensionsgesetzes eine Reihe von Vorschlägen
gemacht. Hinsichtlich der Kinderarbeit wurde gegen die Stimmen der
Textilarbeiter das völlige Verbot der Beschäftigung von Kindern
unter 14 Jahren und der Nachtarbeit von Personen unter 18 Jahren
gefordert. Die früheren Beschlüsse wegen vollständiger Sonntagsruhe und
frühzeitigen Ladenschlusses wurden wiederholt, dagegen ein Antrag auf
Einführung von Einigungsämtern mit Zwangsbefugnis mit großer Mehrheit
abgelehnt. Endlich erklärte man sich gegen den Bimetallismus und den
Krieg in Transvaal. Eine Anregung in dem Sinne, die Beziehungen zu den
Arbeiterorganisationen des Auslandes zu stärken, fand wenig Beifall.
Die Berichte über den Kongreß stimmen in der Ansicht überein, daß
derselbe keinen Höhepunkt in der Entwickelung der trade unions
bedeutet. Der Grund ist zu Suchen teils darin, daß augenblicklich
große Fragen von besonderer Bedeutung nicht zur Erörterung standen und
deshalb innerer persönlicher Zwist Raum hatte, sich geltend zu machen,
teils in dem allgemeinen Umstande, daß der augenblickliche Aufschwung
der Industrie die Lage der Arbeiter günstiger gestaltet hat und manchen
ihrer früheren Klagen den Boden entzieht.