I[327].

In $England$ ist der oben (S. 619) erwähnte, seitens der Regierung

unternommene Versuch, organische Beziehungen zwischen den Verbänden

der Arbeiter und der Arbeitgeber herzustellen, gescheitert. Wie

erwähnt, war von dem Handelsminister $Ritchie$ der Plan eines ständigen

Einigungsamtes ausgegangen. Nach demselben sollte in jedem Gewerbe

ein dauerndes Amt dieser Art aus Vertretern der beiderseitigen

Verbände bestehen, vor das jeder Streit gebracht werden mußte.

Als zweite Instanz sollte ein aus allen Gewerbezweigen gebildetes

Zentraleinigungsamt eintreten, bis zu dessen Spruche kein Streik

und keine Aussperrung erklärt werden dürfe. Nachdem der Minister im

Anfang Dezember 1898 dem parlamentarischen Ausschusse der Arbeiter

diesen Plan unterbreitet hatte, antwortete dieser schon am 16. dess.

Monats, daß er den Vorschlag mit Dank annehme und um Zusammenberufung

einer gemeinsamen Konferenz mit den Vertretern der Unternehmer

bitte, wiederholte auch diese Zustimmung, nachdem ihm am 13. Februar

1899 ein ausgearbeiteter Entwurf mitgeteilt war. Dagegen ließ das

parlamentarische Komitee der Unternehmer[328] nachdem es anfangs

geschienen hatte, als ob es ebenfalls eine zustimmende Haltung

einnehmen wollte, dem Minister am 18. März 1899 folgende Erklärung

zugehen: »Bei voller Würdigung und Sympathie für die Punkte in dem

Schreiben des Ministers und bei allem Eifer, den für die nationale

Wohlfahrt so notwendigen gewerblichen Frieden zu sichern, sieht der

Parlamentarische Rat der Unternehmer gegenwärtig keinen gangbaren Weg

zur Bildung einer vollständigen und befriedigenden Vertretung von

Arbeitgebern und Arbeitern in einem Versöhnungsamte, wie es in dem

angeführten Briefe vorgeschlagen wird.» [326] Es war nicht möglich,

bei der großen Anzahl der behandelten Organisationen überall die

Darstellung bis auf die bei dem Drucke des Buches laufende Gegenwart

fortzuführen, denn dies würde, abgesehen von anderen Schwierigkeiten,

erfordert haben, vor Abschluß des Manuskriptes von jeder einzelnen

Organisation Ergänzungen der früheren Angaben zu erbitten. Ich sehe

auch nicht hierin die Bedeutung meiner Arbeit. Immerhin glaube ich

dasjenige Material, welches mir bis zur Beendigung des Druckes bekannt

wurde, den Lesern mitteilen zu sollen und thue dies in der Form von

Nachträgen, wobei ich stets die Stelle des Buches, an welche das

Nachgetragene anknüpft, angeben werde, indem ich bitte, dort die

entsprechende Verweisung anzubringen.

[327] Anschluß an S. 62 u. 619.

[328] Vgl. S. 617.

Am 19. Juli 1899 hat in London der erste Kongreß des neu geschaffenen

Gewerkschaftsverbandes[329] stattgefunden, auf dem 44 _trade unions_

mit insgesamt 310437 Mitgliedern durch 47 Abgesandte vertreten waren.

Nach einem Berichte des Vorsitzenden des Parlamentarischen Komitees

über die bisherige Entwickelung des Verbandes kam man überein,

denselben als mit dem 1. Juli 1899 ins Leben getreten anzusehen, und

wählte die Mitglieder des Vorstandes. Es wurde ins Auge gefaßt, die

Jahresversammlungen stets an demselben Orte und in unmittelbarem

Anschlusse an die trade unions-Kongresse abzuhalten.

[329] Vgl. S. 42.

Der vom 4.-9. September 1899 in Plymouth abgehaltene 32. $Jahreskongreß

der _trade unions_$ war von 386 Abgesandten als Vertretern von 147

Vereinen mit 1200000 Mitgliedern besucht Die Maschinenbauer, die sich

einem Beschlusse des Parlamentarischen Komitees nicht gefügt hatten,

waren von diesem für 2 Jahre von den Kongressen ausgeschlossen,

was eine leidenschaftlich erregte Verhandlung hervorrief, doch

würde schließlich ein diese Maßregel billigender Beschluß mit

2/3 Mehrheit angenommen. Auch sonst herrschte Streit und Hader,

insbesondere beklagten sich die kleineren Vereine, daß sie durch das

Stimmenübergewicht der größeren erdrückt würden. Die wichtigste Frage

der Beratungen war die Stellung zu den Parlamentswahlen. Die radikale

Richtung hatte, wie früher erwähnt, schon seit Jahren gefordert,

daß man nicht Angehörige der beiden großen Parteien unterstützen,

sondern eigene Arbeiterkandidaten aufstellen solle. Dieses Mal gelang

es ihr mit knapper Mehrheit, ihre Ansicht durchzusetzen, indem das

Parlamentarische Komitee beauftragt wurde, einen besonderen Kongreß

der Genossenschaften, _trade unions_ und sozialistischen Vereine

zu berufen, um Mittel und Wege für eine Verstärkung der Zahl der

Arbeitervertreter im Parlament zu beraten. Auch hinsichtlich des

Achtstundentages siegte die radikale Richtung, indem man ihn für

alle Gewerbe forderte, obgleich insbesondere die Textilarbeiter

darauf hinwiesen, daß ihr Gewerbe die damit verbundene indirekte

Lohnerhöhung von 15% nicht ertragen könne. Der Kongreß beschäftigte

sich eingehend mit der Wohnungsfrage, beklagte die bestehenden

Wohnungsverhältnisse der Arbeiter und forderte die Gemeindebehörden

auf, von den ihnen zustehenden Befugnissen besseren Gebrauch zu

machen; auch sollen Mietgerichtshöfe eingesetzt und auf Einrichtung

billiger Arbeiterzüge der Eisenbahnen hingewirkt werden. Das neue

Haftpflichtgesetz wurde in mehrfacher Beziehung bemängelt und zu

dem Entwurfe eines Alterspensionsgesetzes eine Reihe von Vorschlägen

gemacht. Hinsichtlich der Kinderarbeit wurde gegen die Stimmen der

Textilarbeiter das völlige Verbot der Beschäftigung von Kindern

unter 14 Jahren und der Nachtarbeit von Personen unter 18 Jahren

gefordert. Die früheren Beschlüsse wegen vollständiger Sonntagsruhe und

frühzeitigen Ladenschlusses wurden wiederholt, dagegen ein Antrag auf

Einführung von Einigungsämtern mit Zwangsbefugnis mit großer Mehrheit

abgelehnt. Endlich erklärte man sich gegen den Bimetallismus und den

Krieg in Transvaal. Eine Anregung in dem Sinne, die Beziehungen zu den

Arbeiterorganisationen des Auslandes zu stärken, fand wenig Beifall.

Die Berichte über den Kongreß stimmen in der Ansicht überein, daß

derselbe keinen Höhepunkt in der Entwickelung der trade unions

bedeutet. Der Grund ist zu Suchen teils darin, daß augenblicklich

große Fragen von besonderer Bedeutung nicht zur Erörterung standen und

deshalb innerer persönlicher Zwist Raum hatte, sich geltend zu machen,

teils in dem allgemeinen Umstande, daß der augenblickliche Aufschwung

der Industrie die Lage der Arbeiter günstiger gestaltet hat und manchen

ihrer früheren Klagen den Boden entzieht.

Die Gewerkschaftsbewegung Darstellung der gewerkschaftlichen Organisation der Arbeiter und der Arbeitgeber aller Länder. · 第 302 / 323 题