10. Die französischen _syndicats mixtes_[312].

Wie oben[313] ausgeführt, war die alte Organisation der Zünfte, die

eine Vereinigung von Meistern und Gesellen darstellte, durch die

Revolutionsgesetzgebung zerstört. Allerdings hatten sich einzelne

Vereinigungen, wie diejenige der Bäcker in Paris, dem Gesetze zum Trotz

erhalten, ebenso hatten sich bereits längere Zeit vor dem Gesetze von

1884 Vereine von Arbeitern einerseits und von Arbeitgebern andererseits

(_chambres syndicales_) gebildet. Bei Erlaß des Syndikatsgesetzes gab

es an Vereinen der Arbeitgeber in Paris 185 mit 25000 Mitgliedern, in

der Provinz 103, die auf 52 Orte verteilt waren. Arbeitersyndikate

bestanden in Paris 237 mit etwa 50000 Mitgliedern, in der Provinz über

600[314].

[312] Die nachfolgende Darstellung beruht wesentlich auf dem Buche von

$Boissard$ _Le syndicat mixte_, Paris 1897, _Rousseau et

Guillaumin_.

[313] Vgl. oben S. 63 ff. und S. 619 ff.

[314] Die Zahlen sind dem Buche von $Boissard$ entnommen, stehen aber

nicht im Einklang mit den oben angegebenen der _annuaires_.

Schon mehrfach hatte man auch den Versuch gemacht, eine gemeinsame

Organisation herzustellen, aber nur in einem einzigen Falle war

dies gelungen, indem in Paris die beiden _chambres syndicales_

der Buntpapierfabrikation sich zu einer _chambre mixte_ vereinigt

hatten, die nicht allein die Regelung der Löhne, sondern auch das

Lehrlingswesen und die des gewerblichen Unterrichts zum Gegenstande

ihrer Wirksamkeit machte. Dieses Beispiel fand mehrfach Beachtung, und

insbesondere die katholisch-soziale Richtung, die sich in dem _Oeuvre

des cercles catholiques d'ouvriers_ eine Organisation geschaffen

und sich das Ziel gesteckt hatte, »dem verhängnisvollen Gegensatze

zwischen Arbeitgeber und Arbeiter entgegenzuwirken und die im Interesse

des sozialen Friedens und des nationalen Gedeihens unabweisliche

Verständigung beider Faktoren der Produktion herbeizuführen«, warf

sich, nachdem das Gesetz von 1884 die Grundlage dafür geschaffen hatte,

mit Eifer auf die Gründung von _syndicats mixtes_. Allerdings war es

erst im Parlament gelungen, dem Gesetzentwurfe, der nur Syndikate der

Unternehmer und solche der Arbeiter kannte, die _syndicats mixtes_

ebenso wie die _syndicats agricoles_ einzufügen, aber ein Antrag des

Grafen de Mun, ihnen besondere Vorrechte, insbesondere das Recht des

Grunderwerbes beizulegen, war aus Furcht vor dem Besitze der »toten

Hand« abgelehnt. Der Zweck des _syndicat mixte_ wird von seinen

Verteidigern dahin bezeichnet, »auf dem Gebiete der wirtschaftlichen

Produktion den Zustand der Anarchie und des Gegensatzes zu ersetzen

durch die Organisation und den Familiensinn«. Dabei macht man kein

Hehl aus der Auffassung, daß der Arbeitgeber der natürliche Berater

und Schützer des Arbeiters sein müsse und hält dem Einwande, daß der

Arbeiter sich nicht mehr als unmündiges Kind behandeln lassen wolle,

entgegen, daß dem Arbeitgeber freilich nicht die Stellung eines Vaters,

aber doch diejenige eines älteren Bruders zukommen müsse. Endlich tritt

überall das religiöse Element stark hervor, z. B. schon in der Wahl

der Namen für die Organisationen, die sich regelmäßig an irgend einen

Heiligen anlehnen.

Das hauptsächlichste Wirkungsgebiet der _syndicats mixtes_ ist die

Großindustrie. Die Grundlage der Organisation ist das einzelne

Unternehmen. Um die typische Form zu zeigen, mögen hier die

Einrichtungen des _Val de bois_ kurz erläutert werden, da sie

gewissermaßen das Muster des ganzen Systems darstellen. Das Unternehmen

wurde am 2. August 1885 unter dem Namen »_Corporation chrétienne_«

gegründet und ist von seinem Urheber, $Harmel$, in einem besonderen

Buche beschrieben. Das _syndicat mixte_ setzt sich zusammen aus den

Geschäftsinhabern und den höheren Beamten (Direktoren, Ingenieuren)

einerseits und den Arbeitern, Arbeiterinnen und anderen Angestellten

andrerseits. Das gemeinsame Organ ist der _conseil syndical_, der sich

alle Monate versammelt. Innerhalb desselben bestehen zwei Gruppen,

nämlich einerseits die Geschäftsinhaber nebst den von ihnen bestimmten

Beamten unter dem Namen des _comité_, und andrerseits eine gleiche

Anzahl durch die Arbeiter erwählte Vertreter, das _conseil intérieur_.

Beide Gruppen versammeln sich wöchentlich; sie sollen durchaus

gleichberechtigt und von einander unabhängig sein.

Das _conseil syndical_ hat die gemeinsamen Einrichtungen zu

beschließen. Als solche bestehen eine Unterstützungskasse,

eine Genossenschaft, die in mehreren Abteilungen für Bäckerei,

Kleidungsstücke, Schmuck, Wäsche, Hüte u. s. w. zerfällt, eine

Vorschuß- und Darlehnskasse, eine Sparkasse, eine Auskunftstelle, eine

Unterkunft für junge Leute, eine Bibliothek und Anstalten für religiöse

Interessen und Erbauung, endlich eine Familienkasse, die kinderreichen

Familien entsprechende Zuschüsse zum Lohne gewährt. Die Arbeiter haben

einen jährlichen Beitrag von 25 Cts. zu zahlen; die Prinzipale leisten

freiwillige Zuschüsse. Die erzielten Erfolge sind durchaus befriedigend.

Aber so wichtig die gemeinsame Organisation in dem einzelnen

Unternehmen als Grundlage für das _syndicat mixte_ ist, so bildet sie

doch nur das eine der beiden Elemente, zu dem das andere, nämlich

die Verbindung einer größeren Anzahl solcher Einzelorganisationen

hinzukommen muß, und wenn in _Val de bois_ für die dortige Einrichtung

der Name _syndicat mixte_ in Anspruch genommen ist, so ist dies nicht

völlig berechtigt, denn man versteht hierunter eine einheitliche

Organisation für $mehrere$ industrielle Unternehmungen. Der Hauptsitz

der _syndicats mixtes_ ist der Norden Frankreichs, insbesondere

Lille, Douai, Roubaix, Tourcoing, Fourmies und Armentières. Alle dort

bestehenden Syndikate sind das Werk der am 15. August 1884 von einem

Geistlichen Alet gegründeten _Association catholique des patrons de

la région du Nord de la France_. Von etwa 20 Teilnehmern stieg die

Zahl bald auf 44; im September 1896 betrug sie 110. Zwei Jahre später

wurde die Vereinigung, da sie dem gesetzlichen Verbote zuwider auch

Nichtfranzosen aufgenommen hatte, polizeilich aufgelöst, doch ihre

Schöpfungen wurden dadurch nicht berührt.

Die Organisation ist eine doppelte, eine innere und eine äußere. Die

innere, die sich auf ein einzelnes Unternehmen beschränkt, ist ähnlich

der in _Val de bois_. Die Arbeiter bilden Zehnerschaften, deren jede

ihren Vertreter wählt. Diese Vertreter bilden den _conseil intérieur_,

der unter dem Vorsitze des Prinzipals berät. Seine Ergänzung findet

er in dem _conseil patronal_, der aus dem Prinzipal und den höheren

Beamten besteht. An der Spitze der äußeren Organisation des _syndicat

mixte_ steht der _conseil syndical_, zu dem jede Fabrik zwei Mitglieder

entsendet, nämlich den Prinzipal und einen von den Zehnerschaften der

Arbeiter erwählten Vertreter. Den Vorsitz in dem _conseil syndical_

führt ein von seinen Kollegen gewählter Prinzipal.

Das Syndikat hat eine Kasse, zu der die Arbeiter geringe Beiträge

leisten, die vielmehr hauptsächlich aus Zuschüssen der Prinzipale

gespeist wird. Daneben bestehen einzelne Abteilungen für Unterstützung,

gemeinsamen Einkauf, Sparkassen, Arbeiterwohnungen u. s. w., an

deren Spitze besondere Vorstände stehen, die unter dem Vorsitze

des Prinzipals tagen. Doch giebt es auch einen nur aus Arbeitern

bestehenden Wirtschaftsausschuß, der sich selbst einen Vorsitzenden

wählt.

Die wichtigsten der nach diesem Systeme gebildeten Syndikate sind

folgende:

1. _Corporation chrétienne de Saint-Nicolas_ für Spinnerei, Weberei

und Wirkerei. Sie wurde am 11. Mai 1885 gegründet. Ihr Zweck ist nach

den Statuten: Aufrechterhaltung des guten Einvernehmens zwischen

Prinzipalen und Arbeitern durch Behandlung des beiderseitigen

Verhältnisses unter dem Gesichtspunkte der Gerechtigkeit und der Liebe,

Entwickelung der geschäftlichen Tüchtigkeit und Wahrung der Ehre der

Korporation, endlich Einrichtungen zum sittlichen und materiellen

Wohle der Arbeiter. An der Spitze steht ein _comité protecteur_ aus

Prinzipalen und Arbeitern, das bei Streitigkeiten vermittelnd und

entscheidend eingreifen soll, doch erfolgt die Abstimmung nicht nach

der Zahl der Mitglieder, sondern nach den beiden Gruppen. Auch die

Arbeiter solcher Werke, deren Inhaber dem Syndikate nicht angehören,

können an ihm teilnehmen; sie wählen dann Vertreter, die aber von dem

_comité protecteur_ gebilligt werden müssen. Neben dem _comité_ besteht

ein _bureau_ aus sechs Personen, dessen Aufgabe es ist, über Aufnahme

von Mitgliedern zu beschließen, Fähigkeitszeugnisse und Diplome

auszustellen, die Oberaufsicht über die verschiedenen Einrichtungen

auszuüben, Zwistigkeiten zwischen Prinzipalen, Arbeitern und Lehrlingen

auszugleichen sowie Einnahmen und Ausgaben festzusetzen.

Die _Corporation de Saint-Nicolas_ bestand am 9. Mai 1895 aus 27

Prinzipalen, 47 Beamten, 301 Arbeitern und 855 Arbeiterinnen, zusammen

1230 Personen. Das Vermögen betrug 37688,66 Frs. Sie besitzt eine

eigene Zeitung »_Le dimanche_«, die wöchentlich erscheint.

2. _Syndicat de l'Industrie Roubaissienne_. Dasselbe wurde am 1.

Februar 1889 begründet und zählte 1895 20 Prinzipale, 86 Beamte und

2954 Arbeiter, zusammen 3060 Mitglieder, die meist der Spinnerei,

Weberei, Druckerei und Appretirerei angehören und sich auf 20 Geschäfte

verteilen. Das Vermögen betrug 2852,45 Frs. Die Organisation ist fast

völlig derjenigen unter 1 nachgebildet, nur ist bei Stimmengleichheit

in dem _conseil syndical_ dem Vorsitzenden die Entscheidung eingeräumt.

3. _Syndicat de l'Industrie Tourquenoise_. Dasselbe wurde gegründet

1888 mit 1064 Mitgliedern, die 1895 auf 1900 gestiegen waren.

4. _Société Saint-Louis_ in Tourcoing, gegründet 1889, besaß am 1.

Januar 1897 800 Mitglieder.

5. _Société Saint-Joseph_ in Roubaix, ebenfalls 1889 gegründet, hatte

1896 900 Mitglieder.

Die Gewerkschaftsbewegung Darstellung der gewerkschaftlichen Organisation der Arbeiter und der Arbeitgeber aller Länder. · 第 298 / 323 题