Die Lederarbeiter haben am 8. und 9. August 1896 in Berlin ihre $erste
internationale Konferenz$ abgehalten. Vertreten waren Deutschland durch
7, Oesterreich durch 2, Dänemark, Ungarn, Frankreich und Luxemburg
durch je einen Abgesandten. Der erste Gegenstand der Verhandlungen
war die Schaffung einer $internationalen Organisation$. Man erkannte
einstimmig eine solche als Ziel an, betonte aber, daß sie erst
möglich sei, nachdem die Lederarbeiter der einzelnen Länder nationale
Zentralorganisationen geschaffen hätten. Dies wurde in einer Resolution
ausgesprochen. Aehnlich stellte man sich zu der $internationalen
Reiseunterstützung$. Man erklärte, daß deren Begründung auf dem
Kongresse noch nicht möglich sei und beschloß, die Angelegenheit der
Verständigung der Hauptvorstände der einzelnen Länder zu überlassen.
[203] Ueber die Konferenz ist im Verlage von H. $Beiswenger$ in Berlin
ein Protokoll erschienen. Die übrigen Angaben verdanke ich dem
internationalen Sekretär $Gustav Kuske$.
Hinsichtlich der Schaffung von $Widerstandskassen$ war man darüber
einig, daß solche nötig, oder zunächst im örtlichen Rahmen zu schaffen
seien; man betonte mehrfach die Notwendigkeit vorsichtigen Vorgehens
und erklärte sich sogar gegen Abwehrstreiks bei ungünstiger Konjunktur,
obgleich dies von anderer Seite bekämpft wurde. Das Ergebnis der
eingehenden Beratung war die einstimmige Annahme folgender Resolution:
»Die internationale Konferenz erkennt an und hält es für eine
Notwendigkeit, daß die Organisationen und Gewerkschaften, soweit es
noch nicht geschehen, lokale Widerstandsfonds zu schaffen haben.
Ferner erklärt es die Konferenz für eine Notwendigkeit, daß die
Organisationen bei Streiks, Aussperrungen und Fernhalten des
Zuzuges sich gegenseitig unterstützen. In Fällen, wo die kämpfende
Organisation des Landes erklärt, daß ihre eigenen Mittel zur
Durchführung des Kampfes nicht ausreichen, ist mit aller Kraft
von den am Kongreß vertretenen Organisationen für materielle
Unterstützung einzutreten. Um aber ein Mißlingen von Streiks zu
verhindern, haben die Organisationen genau auf die jeweilige
Konjunktur zu achten und sind Angriffsstreiks bei ungünstiger
Konjunktur so viel als möglich zu meiden. Dasselbe gilt auch von
Abwehrstreiks, weil die Unternehmer bei ungünstiger Geschäftsperiode
gern solche Streiks provozieren, um die Organisation zu schwächen.
Pflicht der Organisationen und Gewerkschaften ist es, für die
gewerkschaftliche Agitation im Sinne der modernen Arbeiterbewegung
energisch einzutreten.