Bei Gelegenheit des internationalen Arbeiterkongresses in Zürich
1893 war auch eine Konferenz der Textilarbeiter abgehalten, in der
beschlossen war, die Errichtung eines internationalen Sekretariates
ins Auge zu fassen und zu diesem Zwecke in Verbindung mit dem im Jahre
1896 in London abzuhaltenden internationalen Arbeiterkongreß einen
Textilarbeiterkongreß abzuhalten. Im Widerspruch zu dieser Verabredung
beriefen die Engländer einen solchen schon 1894 nach Manchester, was
zur Folge hatte, daß die Deutschen sich fern hielten; dabei spielte
übrigens, wie die Aeußerungen der betreffenden Blätter bewiesen, die
Abneigung gegen die als »Bourgeois« betrachteten Engländer eine Rolle.
[198] Ueber alle Kongresse liegen gedruckte Berichte vor. Dieselben
sind mir von dem Redakteur des »Textilarbeiters«, Herrn $Wagner$
in Burgstädt zur Verfügung gestellt.
Der Kongreß wurde vom 24. bis 27. Juli 1894 abgehalten. Vertreten waren
15000 Engländer durch 42, 7500 Franzosen durch 4, 2500 Belgier durch 4,
15000 Amerikaner, 3000 Oesterreicher, 500 Holländer und 500 Dänen durch
je einen Abgeordneten. Das absolute Uebergewicht der Engländer wurde
dadurch unschädlich gemacht, daß die Abstimmung nach Nationen stattfand.
Nach eingehenden Berichten aus den einzelnen Ländern über die Lage der
Textilarbeiter wurde zunächst einstimmig eine Resolution zu Gunsten
des gesetzlichen $Achtstundentages$ angenommen. Nicht völlig so einig
war man hinsichtlich des zweiten Punktes der Tagesordnung, der Mittel
und Wege, um eine Erhöhung der Löhne herbeizuführen, indem hier die
Mehrzahl der Engländer das Hauptgewicht auf die gewerkschaftliche
Organisation und gefüllte Streikkassen legte, während die Franzosen,
Holländer, Belgier die Bedeutung der politischen Thätigkeit im Sinne
der Sozialdemokratie betonten. Man einigte sich schließlich zu einem
Beschlusse, in dem sowohl die Notwendigkeit der Organisation betont,
als auch die Erringung von Sitzen in den politischen Körperschaften
empfohlen und gegen alle die Koalitionsfreiheit der Arbeiter
beschränkenden Gesetze mit dem Hinweise darauf protestiert wurde,
daß man durch die letzteren die Arbeiter zu ungesetzlichen Maßregeln
anreize.
Hinsichtlich der Frage der $internationalen Organisation$ standen sich
zwei Ansichten gegenüber. Die Oesterreicher wünschten nicht allein ein
Sekretariat, sondern auch einen internationalen Fonds insbesondere
zur Unterstützung von $Streiks$. Die Belgier verlangten außerdem eine
gemeinsame Fachzeitung und regelmäßige jährliche Kongresse. Dem hielten
die Engländer entgegen, daß man nicht in der Lage sei, die damit
verknüpften erheblichen Kosten zu bestreiten und daß man sich zunächst
auf ein bloßes Informationskomitee beschränkten müsse; auch genüge es,
wenn die Kongresse alle 2 bis 3 Jahre stattfänden. Schließlich wurde
ein Beschluß angenommen, in dem die Bildung eines internationalen
Verbandes ins Auge gefaßt und ein vorläufiger Ausschuß zu dem
Zwecke eingesetzt wurde, daß an ihn die von den einzelnen Ländern
zu ernennenden Sekretäre Vorschläge hinsichtlich der Organisation
einsenden sollten, aus denen für den nächsten Kongreß ein Entwurf
ausgearbeitet werden soll. Dieser sollte im nächsten Jahre in Gent
stattfinden.
Demgemäß ist der $zweite internationale Textilarbeiterkongreß$ vom
4. bis 10. August 1895 in Gent abgehalten. Vertreten waren 142725
Engländer durch 24, 5600 Belgier durch 18, 7200 Franzosen durch 2,
13000 Deutsche durch 3, 20054 Oesterreicher durch 1, insgesamt also
189470 Arbeiter durch 47 Abgeordnete. Aus Böhmen, Russisch-Polen und
der Schweiz waren Zustimmungserklärungen eingegangen.
Die Frage des Achtstundentages führte dieses Mal zu heftigen Kämpfen
zwischen den Deutschen und Oesterreichern auf der einen, und
einem Teile der Engländer (Lancashire) auf der anderen Seite. Die
letzteren erklärten, daß die englischen Fabrikbesitzer schon jetzt
in schwieriger Lage seien, da sie durch die ausländische Konkurrenz
bedroht würden und daß es in England nicht möglich sei, die Arbeitszeit
weiter herabzusetzen, solange andere Länder noch nicht einmal so
weit gegangen seien, wie England. Auf die deutsche Empfehlung der
Kollektivproduktion entgegneten sie, daß der Sozialismus ein schönes
Ideal sei, daß aber der Kongreß es mit praktischen Dingen zu thun
habe. Die Erringung der politischen Macht würde an den bestehenden
Zuständen auch nichts ändern, denn ein englisches Parlament würde, auch
wenn es ausschließlich aus Arbeitern zusammengesetzt sei, dennoch den
Achtstundentag ablehnen. Der englische Arbeiter brauche solche Mittel
nicht, da er die politische Freiheit und kräftige gewerkschaftliche
Organisationen besitze. Die Ursache für die Machtstellung der
englischen _trade unions_ sei, daß sie sich von politischen und
religiösen Fragen völlig fern hielten, so daß in ihnen die Anhänger
der verschiedensten Richtungen vereinigt seien. Natürlich fanden
diese Ausführungen lebhaften Widerspruch, und der deutsche Vertreter
beschuldigte sogar die Engländer, daß sie die Arbeiterschaft bei ihrem
Emanzipationskampfe nicht unterstützen wollten. Schließlich wurde
ein Beschluß angenommen, in welchem der Kongreß allen Nationen die
Bildung kräftiger Gewerkschaften mit hohen Beiträgen empfiehlt, um
den Achtstundentag zu verlangen; der Gegenantrag von Deutschland und
Oesterreich, der die Erringung der politischen Macht forderte, wurde
abgelehnt.
Ueber die übrigen Gegenstände der Tagesordnung: Abschaffung der
Sonntags-, Nacht- und Ueberarbeit, Arbeiterschutz und bessere
Zusammensetzung der Volksvertretungen im Interesse der Arbeiter,
einigte man sich in einer Resolution, in welcher den Arbeitern
empfohlen wird, sich einen Einfluß auf ihre Parlamente, insbesondere
durch Wahl eigener Abgeordneten, zu verschaffen und die Aufteilung von
Fabrikinspektoren zu fordern, die von den Arbeiterorganisationen zu
wählen und vom Staate zu besolden sind.
Hinsichtlich der internationalen Organisation wurde folgendes
beschlossen:
1. Es wird ein internationales Sekretariat der Textilarbeiter mit dem
Sitze in Belgien errichtet. Alle übrigen Länder haben einen Sekretär
oder Vertrauensmann zu wählen, der die Mitglieder seines Landes
vertritt und die Verbindung aufrecht erhält.
2. Die belgischen Textilarbeiter haben zur Unterstützung des
Generalsekretärs einen Zentralausschuß aus 7 Personen zu bestellen.
3. Die nationalen Sekretäre haben mit dem Generalsekretär jährlich
eine Zusammenkunft abzuhalten, um den Ausbau der gewerkschaftlichen
Organisation und die Besserung der Lage der Arbeiter zu beraten.
4. Die Kosten des Sekretariates zu 1300 Frs. sind von England mit 600,
von Belgien mit 400, von Frankreich mit 150, von Deutschland mit 100
und von Oesterreich mit 50 Frs. zu tragen.
Der $dritte Kongreß$ hat vom 9. bis 14. August 1897 in Roubaix
(Belgien) stattgefunden. Vertreten waren 166000 Engländer durch 29,
24250 Franzosen durch 44, 24000 Deutsche durch 3, 7000 Belgier durch
5, 5000 Oesterreicher durch 1, 1200 Holländer durch 2, insgesamt also
227450 Textilarbeiter durch 84 Abgeordnete. Man beschloß, auf bessere
Arbeiterschutzmaßregeln hinzuwirken, und zwar sowohl durch starke
Gewerkschaften als auch mit Hülfe der Staatsgesetze. Ebenso soll
Erreichung des Achtstundentages auf beiden Wegen angestrebt werden.
Die Abschaffung der Kinderarbeit wurde gegen den Widerspruch der
Engländer beschlossen; diese erklärten, sie nicht entbehren zu können.
Hinsichtlich der Frauenarbeit erreichten die Deutschen die Streichung
der Forderung einer kürzeren Arbeitszeit für Frauen als für Männer,
indem sie geltend machten, daß beide Geschlechter gleiche Rechte und
gleiche Pflichten haben sollten. Die Forderung der obligatorischen
staatlichen Kranken-, Unfall-, Arbeitslosen- und Altersversicherung
wurde gegen die Engländer, die ihre freiwilligen Kassen vorzogen,
angenommen. Dagegen war man einig in dem Verlangen nach staatlichen
Fabrikinspektoren, dem Verbote der Sonntagsarbeit und des Akkordsystems
und der Forderung des Schutzes der Koalitionsfreiheit. Als Mittel
empfahl man sowohl die gewerkschaftliche Organisation wie die Erringung
politischer Macht.
Auf Antrag der Belgier wurde der Sitz des internationalen Sekretariates
nach England (Sekretär Wilkinson in Acorington-Lancashire) verlegt.
Die von den übrigen Nationen geforderte Kostendeckung durch Beiträge
von jährlich 1 Cent. für jedes Mitglied wollten die Engländer nur
bewilligen, wenn auch das Stimmrecht sich nach der Zahl der Mitglieder
richten solle. Schließlich einigte man sich dahin, es bei der
bisherigen Abstimmung nach Nationen zu belassen und die Kosten so zu
verteilen, daß jährlich England 300, Frankreich und Deutschland je 200,
Belgien 150, Oesterreich 125 und Holland 25 Frs. aufzubringen haben.
Der nächste Kongreß soll 1900 in Deutschland stattfinden.