2. Bergarbeiter[195].

Zu den ersten, die eine internationale Organisation anbahnten,

gehören die Bergarbeiter, die auch bisher regelmäßig jährlich einen

internationalen Kongreß abgehalten haben, an dem allerdings nur

einige Nationen, nämlich Engländer, Franzosen, Belgier, Deutsche und

Oesterreicher, beteiligt gewesen sind. Die Anregung ging von den

Engländern aus, die denn auch die bisherigen Kongresse durch ihre

Ueberzahl völlig beherrscht haben, obgleich sich dagegen bei den

anderen Nationen eine ziemlich starke Opposition geltend gemacht hat,

die auch nicht ganz ohne Einfluß auf die Entwickelung gewesen ist.

[195] Ueber sämtliche Kongresse sind gedruckte Berichte veröffentlicht,

die mir von Herrn $Max Schippel$, dem Vorstande des

sozialdemokrat. Parteiarchivs, zur Verfügung gestellt sind.

Nach einer vorbereitenden Konferenz in Köln wurde der $erste

internationale Bergarbeiterkongreß$ im Frühjahr 1890 nach Jolimont

(Belgien) einberufen, wo er in den Tagen vom 20. bis 23. Mai stattfand

unter einer Beteiligung von 111 Abgeordneten, nämlich 36 Engländern,

55 Belgiern, 7 Franzosen und 3 Deutschen als Vertretern von 337946

englischen, 58887 französischen und 6089 belgischen Arbeitern, während

die Ziffer hinsichtlich der deutschen nicht angegeben ist. Die

Hauptgegenstände der Verhandlungen bildeten neben den Berichten aus den

einzelnen Ländern die Fragen des Achtstundentages, des internationalen

Streiks und der Begründung einer internationalen Organisation.

Hinsichtlich des $Achtstundentages$ herrschte Einstimmigkeit darüber,

daß er anzustreben sei, dagegen gingen die Meinungen über den hierbei

einzuschlagenden Weg, insbesondere darüber, ob man dabei die Hülfe

der Gesetzgebung in Anspruch nehmen solle, stark auseinander, ja die

Verhandlungen hierüber führten zu langwierigen Erörterungen, die

damit endigten, daß ein Beschluß, der die gesetzliche Einführung

des Achtstundentages für alle unter Tage beschäftigten Arbeiter

fordert, mit den Stimmen der Belgier, Franzosen und Deutschen sowie

21 englischen Stimmen angenommen wurde, während 9 Engländer dagegen

stimmten. Die Minderheit bestand aus den Vertretern von Durham und

Northumberland.

Hinsichtlich des $internationalen Streiks$ ging am weitesten der

Antrag des englischen Sozialisten $Keir Hardie$, der für den Fall,

daß der Beschluß in betreff des Achtstundentages nicht bis zum 1. Mai

des folgenden Jahres zur Ausführung gelangt sei, den europäischen

Bergarbeiterstreik als das beste Mittel empfahl, um den Achtstundentag

zu erlangen. Aber nicht allein dieser, sondern auch ein anderer Antrag,

der sich darauf beschränkte, sich im Prinzip für den Weltstreik zu

erklären, wurde schließlich zurückgezogen und mit 46 gegen 15 belgische

und 2 französische Stimmen beschlossen, die Frage zunächst den Vereinen

der einzelnen Länder vorzulegen und im April 1891 einen neuen Kongreß

abzuhalten, um zu einer endgültigen Entscheidung zu gelangen.

Endlich wurde neben der Empfehlung nationaler Gewerkschaften die

Bildung eines $internationalen Bergarbeiterverbandes$ beschlossen

und ein aus 2 Mitgliedern jeder Nation bestehender Ausschuß mit dem

Auftrage eingesetzt, den Gedanken zur Ausführung zu bringen.

Der beschlossene $zweite Kongreß$ wurde in den Tagen vom 31. März bis

4. April 1891 in Paris abgehalten. Vertreten waren 448636 Engländer

durch 41, 141531 Deutsche durch 19, 100000 Oesterreicher durch einen,

92000 Belgier durch 15 und 127000 Franzosen durch 23, zusammen also

909167 Bergarbeiter durch 99 Abgeordnete.

Während man in Jolimont, ohne daß darüber besonders verhandelt war,

nach der Zahl der erschienenen Vertreter abgestimmt hatte, verlangten

jetzt die Engländer, daß jeder Abgeordnete für je 1000 vertretene

Mitglieder eine Stimme haben solle, während die übrigen Nationen dies

auf das entschiedenste mit der Begründung bekämpften, daß bei dem

Uebergewichte der Engländer diese Art der Abstimmung die alleinige

Entscheidung durch die Engländer bedeuten würde und daß es erforderlich

sei, die Abstimmung nach Nationen aufrecht zu halten. Dieser Antrag

wurde denn auch schließlich mit den 58 kontinentalen gegen die 41

englischen Stimmen angenommen.

Hatte das Stimmverhältnis schon hinsichtlich des Kongresses so

große Schwierigkeiten veranlaßt, so war es nur natürlich, daß diese

Schwierigkeit sich steigerte, als es sich darum handelte, den auf

dem vorigen Kongresse vorbehaltenen Punkt der Ausgestaltung eines

$internationalen Verbandes$ zu erledigen, da hier naturgemäß das

Schwergewicht gerade in der Regelung dieses Verhältnisses lag. Es

gelang deshalb auch nicht, hierüber eine Verständigung zu erzielen, und

es blieb nichts übrig, als von neuem einen Ausschuß mit der weiteren

Beratung und Bearbeitung der Sache zu betrauen.

Bei der Frage des $internationalen Streiks$ wiederholte sich der schon

in Jolimont hervorgetretene Gegensatz zwischen der entschiedeneren und

der gemäßigteren Richtung. Die erstere verlangte die Proklamierung des

Generalstreiks für den 1. Mai 1891, doch gelang es den Gemäßigten,

nicht allein den Beschluß der nochmaligen Einleitung von Verhandlungen

mit den Regierungen der beteiligten Staaten durchzusetzen, sondern

sogar eine weitere Abschwächung in doppelter Beziehung herbeizuführen,

insofern einerseits der Satz gestrichen wurde, der den einzusetzenden

Ausschuß ermächtigte, nach erfolglosen Verhandlungen den Anfang des

Streiks festzusetzen und andererseits die Erklärung, daß zur Erlangung

des Achtstundentages der Generalstreik erforderlich $sei$, dahin zu

mildern, daß er notwendig $werden könne$.

$Der dritte Kongreß$ wurde in London vom 7. bis 10. Juni 1892

abgehalten bei einer Anwesenheit von 61 englischen, 4 deutschen, 5

französischen, eines österreichischen und 8 belgischen Vertretern.

Der einzige Punkt der Tagesordnung, an den sich aber die wesentlichsten

der bisherigen Streitfragen anschlossen, war die Bildung eines

$internationalen Verbandes$ und dessen Ausgestaltung. Der alte

Gegensatz zwischen den Arbeitern von Northumberland und Durham auf

der einen und allen übrigen auf der anderen Seite machte sich von

neuem geltend, indem die ersteren nicht allein den gesetzlichen

Achtstundentag, sondern auch die Ernennung der Grubeninspektoren

durch die Arbeiter verwarfen. Noch schwieriger wurde die Sache bei

der Frage, ob man den gesetzlichen Achtstundentag nicht allein für

die eigentlichen Grubenarbeiter, sondern auch für die über Tage

beschäftigten Arbeiter fordern solle, da hier sämtliche Engländer

erklärten, nicht im Besitze von Instruktionen zu sein und deshalb erst

solche einholen zu müssen. Schließlich wurde deshalb diese Forderung

von den übrigen Nationen einstimmig angenommen, während die Engländer

sich der Abstimmung enthielten. Man einigte sich dann dahin, daß die

Frage auf dem nächsten Kongresse einer erneuten Beratung unterzogen

werden solle.

Hinsichtlich des Generalstreiks wurde mit 64 gegen die 9 Stimmen der

Nordengländer beschlossen, wenn die Regierungen die Gewährung des

Achtstundentages verweigerten, sei genügender Grund vorhanden, einen

internationalen Ausstand zu beraten.

In der Frage der $Abstimmung$ erklärten die Deutschen und Belgier,

den englischen Vorschlag, daß die Vertreter für je 1000 von ihnen

vertretener Mitglieder eine Stimme haben sollen, jetzt annehmen zu

wollen, so daß, da nur die Franzosen ihren Widerspruch aufrecht

erhielten, dieser Abstimmungsmodus festgesetzt wurde.

Das $Statut des internationalen Bergarbeiterverbandes$ lautete nach der

endgültigen Beschlußfassung folgendermaßen:

I. Der Verband soll aus Bergarbeitern aller Nationen bestehen, die sich

demselben anzuschließen wünschen.

Die Gewerkschaftsbewegung Darstellung der gewerkschaftlichen Organisation der Arbeiter und der Arbeitgeber aller Länder. · 第 211 / 323 题