2. Durchführung einer internationalen Arbeiterschutzgesetzgebung.
Indem der Kongreß in letzterer Beziehung die Beschlüsse des
Pariser Kongresses wiederholt, empfiehlt er, die nächste Agitation
hauptsächlich darauf zu konzentrieren:
a) den gesetzlichen achtstündigen Normalarbeitstag zu erringen;
b) das Schwitzsystem zu beseitigen und für die Arbeiter der
Hausindustrie einen wirksamen Arbeiterschutz zu schaffen;
c) ein vollständig freies Vereins- und Versammlungsrecht für beide
Geschlechter herbeizuführen.
Um dieses durchzuführen, ist ein Zusammenwirken der gewerkschaftlichen
und politischen Bethätigung notwendig.
Deshalb erklärt der Kongreß, anschließend an die gleichen Beschlüsse
des Brüsseler und Züricher Kongresses, die Organisation der Arbeiter in
Gewerkschaften für ein dringendes Erfordernis im Emanzipationskampfe
der Arbeiterklasse und betrachtet es als Pflicht aller Arbeiter, welche
die Befreiung der Arbeit von dem Joche des Kapitalismus anstreben, der
für ihren Beruf bestehenden Gewerkschaft anzugehören.
Die gewerkschaftlichen Organisationen sollen, um eine wirksame Aktion
zu ermöglichen, sich in Verbänden, die sich auf das ganze Land
erstrecken, zusammenthun, und ist jede Zersplitterung der Kräfte in
Sonderorganisationen zu verwerfen. Die $politische Anschauung darf
keinen trennenden Grund im wirtschaftlichen Kampfe bilden$, es ist aber
eine aus dem Wesen des proletarischen Klassenkampfes sich ergebende
Pflicht der Arbeiterorganisationen, ihre Mitglieder zu Sozialdemokraten
heranzubilden. Es muß als eine Pflicht der Gewerkschaften angesehen
werden, die im Berufe beschäftigten Frauen als Mitglieder aufzunehmen
und gleichen Lohn für gleiche Arbeitsleistung für Männer und Frauen
anzustreben.
Neben dem Kampfe für bessere Lohn- und Arbeitsbedingungen haben
die Gewerkschaften die Ausführung der $Arbeiterschutzgesetze$ zu
überwachen, die Beseitigung gesundheitsschädlicher Betriebsformen
sowie des Schwitz- und Trucksystems zu erstreben. Der Kongreß hält
den $Streik$ und $Boykott$ für ein notwendiges Mittel zur Erreichung
der Aufgaben der Gewerkschaften, sieht aber die Möglichkeit für einen
internationalen Generalstreik nicht gegeben.
Das nächste Erfordernis ist die gewerkschaftliche Organisation der
Arbeitermassen, weil von dem Umfange der Organisation die Frage der
Ausdehnung des Streiks auf ganze Länder oder Industrien abhängt.
Um eine einheitliche $internationale gewerkschaftliche Organisation$
der Arbeiter zu ermöglichen, ist in jedem Lande ein gewerkschaftliches
Zentralkomitee einzusetzen. Diese Komitees sollen noch Möglichkeit
Statistiken über den Arbeitsmarkt führen und diese sowie die
regelmäßigen Berichte gegenseitig austauschen und alle im Lande
vorkommenden wichtigen Vorgänge gegenseitig melden.
Besonders wird den Gewerkschaften aller Länder zur Pflicht gemacht,
dafür zu sorgen, daß vom Auslande kommende Arbeiter Mitglieder der
Landesorganisationen werden, und daß diese Arbeiter nicht zu geringeren
Löhnen arbeiten, als die einheimischen. Bei Streiks, Lockouts und
Boykotts sind die Gewerkschaften aller Länder verpflichtet, sich
gegenseitig nach Kräften zu unterstützen.«
Hinsichtlich der $Maifeier$ schloß sich der Kongreß lediglich den
früheren Beschlüssen an mit dem Zusatze: »er erblickt in der Maifeier
eine wirksame Demonstration für den Achtstundentag und hält die
Arbeitsruhe für die wirksamste Form der Demonstration.«
War bei der Frage der Gewerkschaften bereits die Schaffung einer
$internationalen Organisation$ empfohlen, so beschloß man eine
solche auch für die politischen Beziehungen und insbesondere zum
Zwecke der regelmäßigen Berufung internationaler Kongresse. Indem
man die Begründung einer internationalen Zeitung ablehnte, da alle
sozialistischen Zeitungen die Hauptthatsachen über die soziale Frage in
allen Ländern bereits enthielten, wurde folgender Beschluß gefaßt:
1. »Der Kongreß beschließt, daß ein Versuch gemacht werde, ein
$ständiges internationales Bureau$ mit einem verantwortlichen
Sekretär zu errichten, welches seinen Sitz in dem hierzu
passendsten Lande in Europa haben soll.
2. Ein kleines Komitee wird von diesem Kongresse ernannt mit dem
Auftrage, dem nächsten internationalen Kongresse Vorschläge zur
Ausführung des in Ziff. 1 Gewünschten zu unterbreiten.
3. Dieses Komitee soll berechtigt sein, als provisorisches Komitee zu
handeln. Jede Nation, die in ihm nicht vertreten ist, hat das
Recht, einen Vertreter bis zum nächsten Kongresse zu entsenden.
4. Der Kongreß anerkennt die wachsende Notwendigkeit internationaler
wirtschaftlicher Information. Er ersucht deshalb alle Nationen,
ihren ganzen Einfluß aufzuwenden, um die Beschlüsse des Brüsseler
und Züricher Kongresses betr. die Errichtung eines internationalen
Informationsbureaus zur Ausführung zu bringen.«
Gegen 5 Nationen, die für die Schweiz stimmten, wurde mit 15 Nationen
beschlossen, daß das internationale Bureau seinen Sitz in London haben
soll.
Nachdem man dann noch Beschlüsse über die Abschaffung der Kriege durch
internationale Schiedsgerichte, den Schutz der Wöchnerinnen, die
Beschäftigung der Arbeitslosen durch Staat und Gemeinde, Freiheit des
Gewissens, der Rede, der Presse und der Vereinigungen, sowie über eine
Amnestie gefaßt und das Recht der Arbeitsvermittelung ausschließlich
für die Arbeitergewerkschaften gefordert hatte, wurde beschlossen, den
nächsten Kongreß im Jahre 1899 in Deutschland abzuhalten; sollte sich
dies als unmöglich erweisen, so soll er 1900 in Paris stattfinden. Das
Bureau des Kongresses wurde beauftragt, die Einladungen zu erlassen und
ausschließlich einzuladen:
1. »die Vertreter aller Gruppen, die die Umwandlung der
kapitalistischen Eigentums- und Produktionsordnung in die
sozialistische Eigentums- und Produktionsordnung anstreben und die
Teilnahme an der Gesetzgebung und parlamentarischer Thätigkeit als
ein notwendiges Mittel zur Erreichung dieses Zweckes ansehen;
2. alle gewerkschaftlichen Organisationen, die, wenn sie sich auch als
solche nicht am politischen Kampfe beteiligen, doch die
Notwendigkeit politischer und parlamentarischer Thätigkeit
anerkennen. Anarchisten sind mithin ausgeschlossen.«
Die Prüfung der Mandate soll durch die nationalen Gruppen
selbst geschehen mit Vorbehalt des Rekurses an eine besondere
Mandatprüfungskommission, die aus Vertretern aller nationalen Gruppen
besteht. Die Mandate der Nationalitäten, die weniger als 5 Delegierte
senden, werden von der Mandatprüfungskommission geprüft, ebenso wie die
angefochtenen Mandate.
Mit einem Hoch auf die internationale Sozialdemokratie wurde der
Kongreß geschlossen. --
Werfen wir einen Rückblick auf die bisherigen Ansätze zu einer
internationalen gewerkschaftlichen Organisation, so kann der Erfolg
noch nicht als erheblich betrachtet werden. Dennoch ist seit der Zeit
der alten »Internationale« ein großer Fortschritt zu verzeichnen,
insbesondere sind die seit ihrem Erlöschen abgehaltenen Kongresse nicht
mehr Versammlungen von Offizieren ohne Soldaten, sondern wirkliche
Arbeitervertretungen, auf denen die unsere Zeit bewegenden großen
elementaren Strömungen auf sozialem Gebiete zu ihrem natürlichen
Ausdrucke gelangen.
Dagegen beruht ihre Unvollkommenheit hauptsächlich auf der $Verknüpfung
der gewerkschaftlichen mit der politischen Bewegung$. Daß dabei die
erstere zurückgedrängt werden muß, hat insbesondere der Londoner
Kongreß bewiesen, auf dem die erste offizielle Beteiligung der
englischen _trade unions_, der einzigen Arbeiterorganisation, die
sich bisher zu einer wirklichen Macht hat entwickeln können, zu einem
Zusammenstoße führte, den man aus Rücksichten der Gastfreundschaft
vermied, öffentlich stark hervortreten zu lassen, der aber die
Sympathieen der Engländer für die gemeinschaftliche Thätigkeit so
abkühlte, daß $David Holmes$, einer der anerkannten Führer der
älteren Gewerkvereinler, öffentlich erklärte, dies sei der letzte
Kongreß dieser Art, auf dem die britischen Gewerkvereine vertreten
gewesen wären, und daß darauf die 185 Vertreter der _trade unions_
bis auf ganz wenige sich von den Verhandlungen fern hielten. Da
nämlich, wie oben bemerkt, diese 185 mit den 120 Abgeordneten der
_Socialdemocratic Federation_, den 115 Delegierten der _Independent
Labour Party_ und 55 Vertretern kleiner Gruppen die aus 475 Mitgliedern
bestehende Delegation bildeten, so waren die der Zahl noch weitaus
einflußreichsten _trade unions_ schon in ihrer eigenen Gruppe in
der Minderheit und nicht in der Lage, ihren Standpunkt geltend zu
machen. Um so mehr wurden sie im Kongresse selbst überstimmt und hier
Beschlüsse gefaßt, die ihren Grundsätzen durchaus zuwiderlaufen. So,
wenn die staatliche Besitznahme aller Produktionsmittel einschließlich
des Grund und Bodens sowie der Verkehrsmittel und die Bildung einer
eigenen Arbeiterpartei »unabhängig von allen bürgerlichen Parteien«
beschlossen wurde. Diese Beschlüsse waren gegen die _trade unions_
um so feindlicher, als gerade in den letzten Jahren in ihrem Kreise,
wie an anderer Stelle[190] mitgeteilt, die kollektivistische Richtung
stark zurückgedrängt war. Auch die weitere Entwickelung der Dinge
und insbesondere der Edinburger Kongreß[191] hat bewiesen, daß die
Londoner Verhandlungen die Neigung der _trade unions_ zum ferneren
Zusammenarbeiten mit den Sozialisten sehr beeinträchtigt hat.
[190] Vgl. oben S. 31.
[191] Vgl. oben S. 33.
Die deutschen Sozialdemokratischen Blätter haben auch diesen
Mißerfolg des Londoner Kongresses offen zugegeben. So erklärt
z. B. der »Vorwärts«: »es hieße Schönfärberei treiben, wollte man
behaupten, daß der eben abgeschlossene Kongreß einen vollkommen
befriedigenden Eindruck hinterlassen hätte.« Das Korrespondenzblatt
der Generalkommission schreibt: »Die Hoffnung, die englischen
Gewerkschaften durch den Kongreß für die sozialistische
Arbeiterbewegung zu gewinnen und den Gewerkschaften des Festlandes
näher zu bringen, ist infolge dieser Debatten nicht erfüllt.« Wenn
man dabei alle Schuld auf die Streitigkeiten mit den Anarchisten
abwälzen will, so ist das eine einseitige Auffassung. Die »Neue
Zeit«, das wissenschaftliche Zentralorgan der Partei, erkennt dies
auch ausdrücklich an, denn nachdem sie bemerkt hat, daß der Kongreß
einstimmig für einen Fehlschlag erklärt werde, fügt sie hinzu: »Und es
ist nicht richtig, den Anarchisten und ihren Gönnern ausschließlich
die Schuld daran zuzuschieben.« Sehr wertvoll ist die dann folgende
Ausführung, daß künftig entweder nur sozialistische Kongresse
abgehalten, oder, was richtiger sei, die Thore des Kongresses
möglichst weit aufgemacht werden müßten. »Denn nur die enge Verbindung
mit dem Gros der vorwärts strebenden Arbeiterschaft schützt die
Sozialdemokratie vor Verknöcherung, vor dem Verfallen in Sektierertum.
Kein Bruchteil der Bewegung hat die Weisheit allein gepachtet; sie kann
nur das Ergebnis der Gesamtbewegung sein.«
Sind hiernach die Ansätze zu internationalen Verbindungen zwischen den
gewerkschaftlichen Gesamtorganisationen der einzelnen Länder noch auf
den ersten Anfangsstufen stehen geblieben, ist man insbesondere bisher
auf der Abhängigkeit von der Sozialdemokratie als politischer Partei
noch nicht herausgekommen, so haben dagegen die Verbände einzelner
Berufszweige bereits mehr erreicht und sind insbesondere zur Abhaltung
regelmäßiger internationaler Kongresse gelangt, auf denen die Ansichten
ausgetauscht und die angebahnten Beziehungen weiter befestigt werden.
Allerdings ist die Entwickelung in dieser Hinsicht bei den überhaupt
in Betracht kommenden Berufszweigen eine sehr verschiedene gewesen,
und es sind nur wenige, bei denen man bereits von einem ernsthaften
Erfolge sprechen kann, während es sich bei den übrigen erst um schwache
tastende Versuche handelt und die an der Ausgestaltung beteiligten
Personen sich auf das lebhafteste darüber beklagen, daß ihre Bemühungen
so geringes Verständnis bei den Arbeitern finden. Aus diesem Grunde
ist auch die Sammlung des einschlägigen Materials mit sehr großen
Schwierigkeiten verknüpft, und es ist deshalb nicht möglich, für die
nachfolgende Darstellung die Garantie absoluter Vollständigkeit zu
geben.