Die Anarchisten hielten eine Reihe von Kongressen, u. a. den
»Weltkongreß« vom 14.-19. Juli 1881 in London, ferner am 4. Juni 1882
in Lausanne und am 13. August 1883 in Genf, auf dem sie die »Propaganda
der That« zu organisieren suchten.
Die $Sozialisten$ veranstalteten vom 2.-4. Oktober 1881 einen
»$Weltkongreß$« in $Chur$, auf dem man sich aber bald überzeugen
mußte, daß der eigentliche Zweck des Kongresses, eine gemeinsame
internationale Organisation, noch durchaus unmöglich sei und an der
zu großen Ungleichheit der sozialen Entwickelung in den einzelnen
Ländern und der nationalen Verbände scheitern müsse. Man begnügte
sich deshalb mit einer Verständigung über die gemeinsamen Ziele,
nämlich: »Völlige körperliche und geistige Erziehung der Individuen
auf Kosten der Gesamtheit, Ueberführung aller Produktionsmittel in
Gesamteigentum, voller Arbeitsertrag für jeden Arbeiter nach Abzug
der gesellschaftlichen Unkosten und Gewährleistung vollständigen
Lebensunterhaltes seitens der Gesellschaft an alle Arbeitenden und
Arbeitsunfähigen.«
Der Kongreß in Chur bedeutet insofern einen Umschwung in dem
Auftreten der Sozialdemokratie, als sie sich seitdem von der Theorie
zur Praxis gewandt, die sozialistischen Endziele, wie es $Singer$
genannt hat, in den »Silberschrank der guten Stube« gestellt hat,
aus dem sie nur bei besonderen festlichen Gelegenheiten hervorgeholt
werden, und dagegen solche Forderungen in den Vordergrund gerückt
hat, die nicht allein im Gegenwartsstaate zu erreichen sind, sondern
hinsichtlich deren auch unter den verschiedenen Parteien keine
grundsätzliche Meinungsverschiedenheit, sondern nur eine solche in
betreff des Umfanges und des Tempos besteht. Dazu gehört vor allem
der $Arbeiterschutz$, der von jetzt ab bei den Bestrebungen zu
internationalem Zusammenwirken in den Vordergrund tritt.
Für die weitere Entwickelung der internationalen Beziehungen war es von
Bedeutung, daß die 1878 aus Deutschland ausgewiesenen Sozialdemokraten
großenteils nach Paris gingen und hier einen Mittelpunkt bildeten. Im
Sommer 1882 entstand aus ihrer Mitte der »_cercle international_«,
der sich in mehrere, den verschiedenen Nationalitäten entsprechende
Sektionen sonderte und in ähnlicher Weise wie die frühere
Internationale, die in Frankreich durch Gesetz vom 14. März 1872
verboten war, die Förderung der internationalen Beziehungen zwischen
den sozialistischen Parteien der betreffenden Länder sich als Aufgabe
stellte.
Aber hatten bisher die Streitigkeiten zwischen Anarchisten und
Sozialisten es zu keiner gemeinsamen internationalen Organisation
kommen lassen, so stellte sich dieser jetzt eine Spaltung in dem
eigenen Lager der letzteren hemmend in den Weg. Dieselbe bezog sich
freilich zunächst nur auf die Verhältnisse in Frankreich, wo sich
der oben[180] näher dargestellte Zwiespalt zwischen Marxisten und
Possibilisten entwickelt hatte, griff dann aber weiter, indem die
Possibilisten bei den englischen trade unions Anschluß suchten und
sich so ein weiterer Gegensatz zwischen sozialistischer und rein
gewerkschaftlicher Auffassung geltend machte.
[180] S. 67 ff.
Nachdem so schon ein für den Herbst 1883 in Paris geplanter
internationaler Kongreß an der Unmöglichkeit gescheitert war, eine
Verständigung unter den leitenden Persönlichkeiten herbeizuführen,
gingen endlich die Possibilisten (_fédération des travailleurs
socialistes de France_) selbständig vor, indem sie nach Verständigung
mit den englischen trade unions an Stelle eines eigentlichen
Kongresses, gegen den sie auch den Einspruch der französischen
Regierung fürchteten, eine bloße $internationale Konferenz$[181]
einberiefen, die vom 29. Oktober bis 2. November 1883 in $Paris$
stattfand und an der außer 65 französischen und 10 englischen
Abgesandten nur 3 spanische und ein italienischer Vertreter teilnahmen.
Trotz der Fernhaltung der Marxisten trat unter den Franzosen und
Engländern ein grundsätzlicher Gegensatz der Anschauungen zu Tage,
indem die ersteren den Schwerpunkt auf das Eingreifen des Staates
legten, während die letzteren dieses verwarfen und den Erfolg durch
Ausnutzung des Koalitionsrechtes erreichen wollten. Da es nicht möglich
war, sich gegenseitig zu überzeugen, so mußte man sich mit Beschlüssen
begnügen, die rein äußerlich den beiden Standpunkten Rechnung trugen
und folgenden Wortlaut hatten:
»1. Die Konferenz ist der Ansicht, daß das Hauptziel der Arbeiter darin
bestehen muß, die Arbeitszeit zu beschränken und den Arbeitern aller
Nationen eine erträgliche Lage zu schaffen. Dies zu erreichen giebt
es zwei Mittel: die Gesetzgebung, um diejenigen zu schützen, die zu
schwach sind, um sich gegen die Mißbräuche des Systems der Konkurrenz
zu verteidigen, und die Organisierung aller einigen und disziplinierten
Arbeiter. Da in einigen Ländern die Organisation der Arbeiter durch
ungerechte Gesetze gehemmt wird, so liegt den Arbeitern aller Länder
die Pflicht ob, alle ihre Bemühungen gegen die Gesetze zu richten,
welche die nationale und internationale Gesetzgebung hemmen, vermöge
deren das obige Resultat und alle der Arbeiterklasse förderlichen
Verbesserungen eingeführt werden können.
2. In betreff der Arbeit, welche von fremden Arbeitern in einem Lande
verrichtet wird, empfiehlt die Konferenz diesen Arbeitern, sich den
allgemeinen Bedingungen zu fügen, welche in dem betreffenden Lande von
nationalen und lokalen Arbeitervereinen aufgestellt worden sind, und
den einheimischen Arbeitern nicht gefährliche Konkurrenz zu machen,
indem sie Bedingungen annehmen, welche den Arbeitgebern günstiger sind.
3. In Erwägung, daß die Interessen der Arbeiter aller Länder gleiche
und gegenseitige sind, daß, um eine gute Verteidigung dieser Interessen
zu organisieren, es nötig ist, eines Tages eine dauernde Vereinigung
zwischen den Arbeitervereinen aller Industrieländer herstellen zu
können, ladet die Konferenz die Arbeiter der Länder, in denen nationale
oder internationale Vereinsfreiheit nicht besteht, ein, in Parlamenten
und im Volke dafür zu agitieren, daß die Gesetze, die dieser
Vereinigung im Wege stehen, abgeschafft werden. Sie wünscht, daß bei
der Unmöglichkeit, diese Vereinigung zustande zu bringen, Konferenzen
oder Kongresse so oft als möglich die ernsthaft organisierten
Arbeiterparteien der verschiedenen Nationen in Verkehr bringen mögen.«
[181] Vgl. den Bericht in Nr. 46 des »Sozialdemokrat« vom 10. November
1883.
Im wesentlichen denselben Verlauf nahm die $zweite internationale
Konferenz$[182], die vom 23.-29. August 1886 ebenfalls in $Paris$
stattfand, doch hatte man sowohl die Tagesordnung wie den
Teilnehmerkreis bereits erweitert und so einen Uebergang zu den
späteren eigentlichen Kongressen hergestellt. Die äußere Veranlassung
hatte die »Erste internationale Industrieausstellung« geboten, welche
die Pariser Gewerkschaften am 6. Juni desselben Jahres eröffnet hatten.
Außer den französischen und englischen Gewerkvereinen waren dieses
Mal auch die sozialistischen Arbeiterparteien Belgiens, Deutschlands,
Oesterreich-Ungarns und Schweden-Norwegens eingeladen und vertreten, so
das sich die Gesamtzahl der Abgeordneten auf 170 belief.
[182] Vgl. den Bericht in Nr. 36-38 des »Sozialdemokrat« vom 1., 8. u.
15. Sept. 1886.
Aber diese Erweiterung des Teilnehmerkreises hatte zur Folge, daß der
schon auf der ersten Konferenz hervorgetretene Gegensatz zwischen
den englischen _trade unions_ auf der einen und den Sozialisten auf
der anderen Seite sich noch schärfer geltend machte. Die deutschen
Vertreter machten den Engländern den reaktionären Karakter ihrer
Haltung zum Vorwurfe und bestritten ihnen das Recht, als eine
Vertretung der gesamten Arbeiterschaft zu gelten, da sie nur die
gelernten Arbeiter und nur etwa 1/10 der Gesamtheit hinter sich
hätten. Die Engländer dagegen beriefen sich auf die von ihnen
erzielten praktischen Erfolge im Gegensatze zu dem rein negativen
Verhalten der sozialdemokratischen Agitation. Die Engländer waren
in der ausgesprochenen Minderheit, beteiligten sich deshalb an
den eigentlichen materiellen Verhandlungen insbesondere über die
Fabrikgesetzgebung wenig und verließen die Konferenz vor deren
Beendigung.
Die von der Konferenz gefaßten Beschlüsse lauteten folgendermaßen: