Die evangelischen wie die katholischen Arbeitervereine sind nicht
als wirkliche Gewerkvereine anzusehen, und zwar schon aus dem
Grunde, weil sie keinen Unterschied nach der Berufsthätigkeit
machen; außerdem pflegen sie auch mehr allgemeine Zwecke als die
eigentlich gewerkschaftlichen Aufgaben zu fördern. Trotzdem kommen
die Arbeitervereine als Vorstufen der gewerkschaftlichen Entwickelung
in Betracht, da sie das Zusammengehörigkeitsgefühl der Mitglieder
ausbilden und im guten Sinn das Klassenbewußtsein entwickeln.
In neuester Zeit ist man im Lager beider Religionsbekenntnisse sich
dieser Stellung der Arbeitervereine immer mehr bewußt geworden und
hat als bestes Mittel, jene Entwickelung zu befördern, die Errichtung
von $Fachabteilungen$ oder $Fachsektionen$ erkannt. Dieselben
bilden, wie der Name besagt, nur Abteilungen innerhalb des Vereins
und unterscheiden sich dadurch von wirklichen Gewerkvereinen. Alle
Mitglieder der Abteilung sind auch solche des Vereines. Inventar
und Vermögen gehört dem letzteren. Dagegen hat die Ableitung einen
besonderen Vorstand, und die Fühlung mit dem Vereine beruht nur darauf,
daß dessen Vorsitzender befugt ist, den Sitzungen der Abteilung
beizuwohnen. Der verfolgte Zweck ist in erster Linie die fachliche und
die allgemeine Ausbildung der Mitglieder; Lohnkämpfe sollen möglichst
durch gütlichen Ausgleich vermieden werden, ist aber dieser nicht
möglich, so soll auch vor Streiks nicht zurückgeschreckt werden.
Gesellige Vergnügungen sind ausgeschlossen und bleiben dem Vereine
vorbehalten.
Die Gründung von Fachabteilungen ist zuerst auf katholischer Seite
ins Auge gefaßt und durch einen von Dr. $Oberdörffer$ in der Kölner
Korrespondenz von 1891, Nr. 1 und 2, veröffentlichten Entwurf
vorbereitet. Durch den Beschluß des 1893 in Regensburg abgehaltenen
Verbandstages wurde sie allen katholischen Arbeitervereinen warm
empfohlen.
Ziele und Organisation der Fachabteilungen lassen sich am besten
ersehen aus den von Dr. $Hitze$ aufgestellten Leitsätzen, welche
sowohl auf der Generalversammlung der Präsides der katholischen
Gesellenvereine in Würzburg am 24. September 1894 als von dem
Gesamtverbande der evangelischen Arbeitervereine in der Sitzung vom
11. Oktober 1894 in Köln angenommen sind und deshalb jetzt deren
gemeinsames Programm bilden. Dieselben lauten:
I. Die Arbeiter haben ebensogut, wie andere Berufsgruppen, das
Recht wie das Bedürfnis, sich zur Wahrung und Förderung ihrer
Berufsinteressen zusammenzuschließen.
II. Die bestehenden Berufsvereine (Gewerk- und Fachvereine) stehen
fast ausnahmslos unter sozialdemokratischem und liberalem
Einfluß, sind so eine bedrohliche Gefahr für die christlichen
Arbeiter.
III. Diese Gefahr kann nur dadurch beseitigt werden, daß entweder
$christliche Gewerkvereine$ gegründet werden, oder aber daß
die christlichen Arbeiter so geschult werden, daß sie den
sozialdemokratischen bezw. liberalen Einfluß zu paralysieren
vermögen.
IV. Der beste und sicherste Weg zur Erreichung einer gesunden,
erfolgreichen Organisation unserer Arbeiter -- sei es
selbständig, sei es im Rahmen der bestehenden Organisationen
-- ist die Bildung von $Fachabteilungen$ in den bestehenden
katholischen (evangelischen) Arbeitervereinen.