Diese Zwecke sollen erreicht werden durch Verbreitung nützlicher
Schriften, durch Vorträge und durch Gründung einer Kranken- und
einer Sterbekasse. Mitglied kann jeder evangelische Berg-, Hütten-
und Tagearbeiter, sowie jeder Handarbeiter des betreffenden Bezirks
werden, der sich im Besitze der bürgerlichen Ehrenrechte befindet und
eines unbescholtenen Rufes erfreut. Mitglieder, die das Versprechen
katholischer Kindererziehung geben, werden ausgeschlossen.
In den Satzungen des Gesamtverbandes heißt es ferner:
§ 1. »Die deutschen evangelischen Arbeitervereine und ähnliche auf
christliche patriotischem Grunde stehenden Bürger-, Volks- und
soziale Vereine, deren Grundkarakter evangelisch ist, bilden auf
Grund der nachfolgenden Satzungen einen Gesamtverband mit einer
einheitlichen Spitze. Ueber die Aufnahme von Vereinen entscheidet
das geschäftsführende Komitee unter Vorbehalt der nachträglichen
Genehmigung des Ausschusses. Vereine mit politischem Karakter sind
ausgeschlossen.
§ 2. »Der Zweck des Gesamtverbandes ist:
a) den Zusammenschluß der Vereine nach Provinzial- und
Landesverbindungen ins Werk zu setzen, um so die schwächeren
Vereine durch Zusammenschluß mit den größeren zu stärken,
b) die Bildung neuer Vereine zu fördern,
c) die Presse zu beeinflussen,
d) über Maßregeln zur Hebung der wirtschaftlichen Lage und der
sittlich religiösen Haltung der arbeitenden Brüder zu beraten
und zu beschließen,
e) den Kampf gegen die Irrlehren der Sozialdemokratie durch
Volksversammlungen, Flugblätter und dgl. gemeinsam und planmäßig
zu führen.«
Vereine mit politischem Karakter sind ausgeschlossen.
Um diese Aufgaben zu erfüllen, sind wiederholt von den leitenden
Personen empfohlen: freie Diskussionen und die Errichtung einer
Rednerbildungsanstalt, sowie die Gründung einer Arbeiterzeitung in
großem Stile, Bildung von Hülfs-, Kranken- und Begräbniskassen, sowie
von Arbeitervereinshäusern, gemeinsame Anschaffung von Lebensmitteln,
Auskunftserteilung in wirtschaftlichen und rechtlichen Fragen und
Gründung von Berufsabteilungen; doch ist von diesen Vorschlägen nicht
viel verwirklicht. Immerhin haben die Vereine nach dieser Richtung,
sowie zur Begründung von Spar- und Bauvereinen, Arbeitsnachweis,
Volksbureaus, Aerztekassen und durch Eingaben an die Behörden und den
Reichstag vielfach in sozialem Sinne anregend gewirkt. Die einzige
gemeinsame Einrichtung ist die »$Kranken- und Sterbekasse evangelischer
Arbeitervereine$, eingeschriebene Hülfskasse« in Mönchen-Gladbach;
neben ihr besteht eine besondere Sterbekasse des evangelischen
Arbeitervereins von Dresden und Umgegend. Eine am 10. Oktober 1898 in
Nürnberg abgehaltene und von 65 Vereinen beschickte Bundeskonferenz
der Bayrischen Evangelischen Arbeitervereine hat beschlossen, eine
Zentralkasse für Unterstützung bei Krankheit und unverschuldeter
Arbeitslosigkeit zu gründen.
Was den $sozialpolitischen Standpunkt$ der Vereine betrifft, so läßt
sich derselbe nicht für alle gemeinsam bezeichnen, vielmehr besteht in
dieser Beziehung eine so große Verschiedenheit, ja Gegensätzlichkeit
der Anschauungen, das dadurch sogar der Bestand des Gesamtverbandes
ernstlich in Frage gestellt ist. Man kann im wesentlichen $drei
Richtungen$ unterscheiden.
Die $erste$ stützt sich auf die Bestimmung des Statutes, die das
friedliche Einvernehmen mit den Arbeitgebern betont; sie will
alle sozialreformerischen Bestrebungen, soweit sie über bloße
Unterstützungszwecke hinausgehen, möglichst fern halten und kleidet
dieses Verlangen in die Form einer Betonung der religiösen Aufgabe.
Die Hauptvertreter dieser Richtung sind der Redakteur $Quandel$ und
der Fabrikant $Franken$ in Bochum; sie wird deshalb meistens als die
»Bochumer Richtung« bezeichnet. Der »Evangelische Arbeiterbote« wird im
wesentlichen in ihrem Sinne geleitet.
In scharfem Gegensatze zu ihr steht die $zweite$ durch $Naumann$
vertretene Richtung, die eine entschiedene sozialreformerische Haltung
der Vereine fordert. Sie findet im allgemeinen ihre Anhängerschaft
im Süden und wird durch die »Württembergische Arbeiterzeitung«
unterstützt. In neuester Zeit ist Dr. $Maurenbrecher$ in einem Aufsatze
der »Sächsischen Arbeiterzeitung« für eine völlige Umgestaltung der
Vereine im Sinne dieser Anschauungen und offene Loslösung von der
älteren Tradition eingetreten; der Aufsatz hat viel Aufmerksamkeit
erregt, aber in den sächsischen Vereinen überwiegend Ablehnung gefunden.
Diese folgen nämlich, ebenso wie die »Sächsische Arbeiterzeitung«
selbst im allgemeinen der durch den zeitigen Vorsitzenden des
Gesamtverbandes lic. $Weber$ vertretenen $dritten$ Richtung, die einen
Mittelweg zu gehen sucht, indem sie freilich die sozialreformerischen
Aufgaben betont wissen will, aber nicht allein ein möglichstes
Hand-in-Hand-Gehen mit den Arbeitgebern wünscht, sondern vor allem
gegen die Sozialdemokratie den Kampf bis aufs Messer führen will und
jedes Zusammenarbeiten mit ihr auch auf rein praktischem Gebiete
grundsätzlich ablehnt. Die einzige Ausnahme hat $Weber$ neuerdings für
Baugenossenschaften zugestanden.
$Der Standpunkt des Gesamtverbandes$ ist niedergelegt in dem sog.
evangelisch-sozialen Programm vom 31. Mai 1893, das folgenden Wortlaut
hat:
»A. $Grundlinien für ein evangelisch-soziales Programm als Anhalt
für Vorträge und Diskussionen in den Evangelischen Arbeitervereinen$.«
Wir stehen auf dem Grunde des evangelischen Christentums. Wir bekämpfen
darum die materialistische Weltanschauung, wie sie sowohl zu den
Ausgangspunkten als zu den Agitationsmitteln der Sozialdemokraten
gehört, aber auch die Ansicht, daß das Christentum es ausschließlich
mit dem Jenseits zu thun habe. Das Ziel unserer Arbeit sehen wir
vielmehr in der Entfaltung seiner welterneuernden Kräfte in dem
Wirtschaftsleben der Gegenwart. Wir sind der Ueberzeugung, daß dieses
Ziel nicht schon erreicht werden kann durch eine nur zufällige
Verknüpfung von allerhand christlichen und sozialen Gedanken,
sondern allein $durch eine organische, geschichtlich vermittelte
Umgestaltung unserer Verhältnisse gemäß den im Evangelium enthaltenen
und daraus zu entwickelnden sittlichen Ideen$. In diesen finden wir
auch den unverrückbaren Maßstab rückhaltloser Kritik an den heutigen
Zuständen, wie kraftvolle Handhaben, um bestimmte Neuorganisationen
im wirtschaftlichen Leben zu fordern. Wir werden danach streben,
daß diese Organisationen bei ihrer Durchführung in gleichem Maße
sittlich erzieherisch wirken, wie technisch leistungsfähig und
für alle Beteiligten nach dem Maße ihrer Leistung wirtschaftlich
rentabel sind. Wir vermeiden es, unsere Forderungen aus irgend einer
einzelnen nationalökonomischen Theorie herzuleiten. Dagegen erkennen
wir eine unserer Hauptaufgaben darin, unsere Freunde vollständig
und vorurteilslos über die schwebenden wirtschaftlichen Probleme
aufzuklären. Wir erblicken in der wachsenden Konzentration des Kapitals
in wenigen Händen einen schweren wirtschaftlichen Uebelstand, wir
fordern daher vom Staate, daß er dieselbe nicht befördere, sondern
ihr auf alle gesetzliche Weise entgegenwirke, auch auf dem Wege der
Steuergesetzgebung. Unsere Forderungen werden wir formulieren von Fall
zu Fall, nach dem Maße der wachsenden wissenschaftlichen Erkenntnis des
Wirtschaftslebens.
Zur Zeit stellen wir im einzelnen folgende auf: