11. Konfessionelle Arbeitervereine.

A. Evangelische[162].

Die evangelischen Arbeitervereine[163] bestanden in Bayern schon seit

dem 50er Jahren, hatten dort aber wesentlich den Karakter der Männer-

und Jünglingsvereine ohne soziale Ziele. Die Anregung, Vereine mit

sozialpolitischen Zwecken zu schaffen, wurde erst dadurch geboten,

daß in den bestehenden christlich-sozialen Vereinen, obgleich sie

konfessionslos sein wollten, der katholische Einfluß sich in einer den

evangelischen Interessen zuwiderlaufenden Weise geltend machte. Der

erste Verein dieser Art wurde am 2. Pfingsttage des Jahres 1882 in

Gelsenkirchen insbesondere unter der Führung des Bergmanns $Fischer$

mit 57 Mitgliedern gegründet. Obgleich bei dem Beginne der Bewegung

die evangelische Geistlichkeit nicht unmittelbar beteiligt war, hat

sie sich bald derselben lebhaft angenommen und meist die geistige

Führerschaft erhalten, obgleich man daran festhielt, die formelle

Leitung den Arbeitern selbst zu überlassen. Im Jahre 1885 gab es schon

25 Vereine mit 11700 Mitgliedern, 1887 44 Vereine mit 17000 und 1890 95

Vereine mit 28000 Mitgliedern.

[162] Eine litterarische Bearbeitung abgesehen von einzelnen Artikeln

in Zeitschriften besteht nicht. Das benutzte Material verdanke

ich in erster Linie Herrn Pfarrer lic. $Weber$ in M.-Gladbach,

Herrn Pfarrer $Niemeyer$ in Eichlingshofen und Herrn Professor

$Hüpeden$ in Kassel. Wertvolle Notizen enthält auch $Göhre$: Die

evangelisch-soziale Bewegung, ihre Geschichte und ihre Ziele.

Leipzig 1876 Grunow.

[163] Die Jünglings- und Männervereine, von denen 1480 mit etwa 75273

Mitgliedern bestehen sollen, sind als rein erbauliche Vereine

hier nicht berücksichtigt.

Während bis dahin die Bewegung vorzugsweise auf Rheinland-Westfalen

beschränkt geblieben war, wo auch die Vereine 1885 sich zu einem

Provinzialverbande zusammengeschlossen hatten, begann seit 1888 auch in

dem übrigen Deutschland die Bildung von Vereinen und Verbänden, und am

6. August 1890 wurde endlich in Erfurt der $Gesamtverband evangelischer

Arbeitervereine Deutschlands$ begründet. Schon 1885 hatte man sich in

dem »Evangelischen Arbeiterboten«, der in Hattingen a. Ruhr erscheint,

ein Organ geschaffen, das demnächst von dem Gesamtverbande übernommen

wurde.

Ganz genaue Mitgliederzahlen sind nicht zu erhalten. Nach Angaben

der Beteiligten gab es 1893 230 Vereine mit 73000 Mitgliedern. Eine

möglichst genaue Statistik, deren Zuverlässigkeit freilich von

anderer Seite bestritten ist, hat im Winter 1895/96 der Redakteur

des Evangelischen Arbeiterboten $Holthoff$ durch Umfrage bei den

einzelnen Vereinen unternommen und in Nr. 13-22 seines Blattes von 1896

veröffentlicht. Danach gab es damals folgende Verbände:

1. Rheinland-Westfalen mit 118 Vereinen und 28245 Mitglieder

2. Saargebiet " 17 " " 3114 "

3. Rheinpfalz " 15 " " 2338 "

4. Kurhessen " 6 " " 1250 "

5. Mittelrhein " 14 " " 2896 "

6. Mitteldeutschland " 21 " " 5196 "

7. Baden " 18 " " 2697 "

8. Württemberg " 22 " " 2358 "

9. Schleswig-Holstein " 5 " " 1123 "

10. Plauenscher Grund " 2 " " 254 "

Außerdem gehörten zum

Gesamtverbande als einzeln

stehend, d. h. nicht den

Landesverbänden angeschlossen " 19 " " 4240 "

===================================

Der Gesamtverb. umf. also " 257 " " 53721 "

Außerhalb desselben standen

noch Vereine in Bayern, Sachsen,

Schlesien und an einzelnen

andern Orten. Die Statistik

zählt

in Bayern " 22 " " 4788 "

" Sachsen " 15 " " 3936 "

" Schlesien " 5 " " 689 "

an andern Orten " 9 " " 1312 "

===================================

insgesamt 51 " " 10725 "

$so$ daß sich die Zahl aller Vereine auf 308 mit 64446 Mitgliedern

belaufen würde, doch ist die Statistik aus Bayern unvollständig; die

Mitgliederzahl des Bayrischen Verbandes wurde in der Generalversammlung

von 1896 auf 8000 angegeben. Sachsen und Schlesien sind seit 1897 dem

Gesamtverbande beigetreten.

Die neuesten Ziffern bietet ein von dem Vorsitzenden des

Gesamtverbandes Pfarrer lic. $Weber$ in Mönchen-Gladbach im Frühling

1898 gehaltener Vortrag. Danach gab es: in Ostpreußen 8 Vereine mit

2000 Mitgliedern, in Westpreußen 1 Verein mit 450 Mitgliedern, in

Schlesien 8 Vereine mit 2854 Mitgliedern, in Pommern 6 Vereine mit

548 Mitgliedern, in Brandenburg 10 Vereine mit 2100 Mitgliedern, in

der Provinz Sachsen 16 Vereine mit 4436 Mitgliedern, in Hannover 3

Vereine, in Schleswig-Holstein 7 Vereine mit 1186, in der Provinz

Hessen 12 Vereine mit 3156 Mitgliedern, im Saargebiete 19 Vereine

mit 3000 Mitgliedern, im übrigen Rheinland und Westfalen 116 Vereine

mit 26641 Mitgliedern die in dem Provinzialverbande zusammengefaßt

waren und daneben noch im Rheinland 18 Vereine mit 6135 Mitgliedern

und in Westfalen 10 Vereine mit 1000 Mitgliedern, im Königreich

Sachsen 16 Vereine mit 9000 Mitgliedern, in Braunschweig 1 Verein

mit 106 Mitgliedern, im Großherzogtum Hessen 5 Vereine mit 1300

Mitgliedern, in Baden 20 Vereine mit 2400 Mitgliedern, in Württemberg

35 Vereine mit 2915 Mitgliedern, in der Rheinpfalz 23 Vereine mit

2889 Mitgliedern, im übrigen Bayern 23 Vereine mit 4988 Mitgliedern.

Das giebt eine Gesamtzahl von 359 Vereinen mit 76998 Mitgliedern, von

denen allein auf Rheinland-Westfalen 36776 Mitglieder entfallen. Da

viele Vereine dem Verbande nicht angehören, so kann man die Gesamtzahl

der Mitglieder auf eben 90 000 veranschlagen. Außer dem Evangelischen

Arbeiterboten bestehen noch die »Württembergische Arbeiterzeitung« und

das »Sächsische Evangelische Arbeiterblatt«. Das frühere »Hamburger

Volksblatt« ist seit Herbst 1895 eingegangen. Ebenso hat die

»Christlich-soziale Volkszeitung« in Erfurt, die an die Stelle der mit

dem 1. April 1896 eingegangenen »Erfurter Arbeiterzeitung« getreten

war, seit Anfang 1898 ihr Erscheinen eingestellt. Im Gesamtverbande

bestehen 96 Bibliotheken. Die Vereine haben zusammen ein Vermögen von

152233 Mk. in baren Gelde, wozu noch Mobilien im Werte von 62858 Mk.

und Immobilien im Werte von 337500 Mk. kommen.

Die Statuten der Vereine sind meist demjenigen des Gelsenkirchener

Vereins genau nachgebildet und lauten in den wesentlichen Punkten:

Der Verein steht auf dem Boden des evangelischen Bekenntnisses und hat

den Zweck:

1. unter den Glaubensgenossen das evangelische Bewußtsein zu wecken

und zu fördern,

Die Gewerkschaftsbewegung Darstellung der gewerkschaftlichen Organisation der Arbeiter und der Arbeitgeber aller Länder. · 第 158 / 323 题