Zu dem Verbande der sozialdemokratischen Gewerkschaften gehört seit
einigen Jahren eine Vereinigung, die aus dem Grunde unser ganz
besonderes Interesse und eine gesonderte Darstellung beanspruchen
darf, weil sie am meisten sich nicht allein den für Deutschland als
Vorbild anzuerkennenden englischen trade unions, sondern sogar dem
Ideal nähert, welches man für eine Lösung der sozialen Frage im
friedlichen Sinne als Ziel der Zukunft aufstellen muß. Dies ist der
$deutsche Buchdruckerverband$.
[98] Als Quellen und Materialsammlungen sind zu bezeichnen einerseits
$Karl Klimsch$: Adreßbuch der Buch- und Steindruckereien
des Deutschen Reiches und andererseits die vom
Vorstande des Gehülfenverbandes herausgegebene Schrift:
Zur Arbeiterversicherung. Geschichte und Wirken des
Unterstützungsvereins Deutscher Buchdrucker von 1866-1881.
Daneben kommen die beiderseitigen Organe in Betracht, nämlich
einerseits der »Correspondent für Deutschlands Buchdrucker und
Schriftgießer« der seit 1863 in Leipzig, und zwar jetzt dreimal
wöchentlich erscheint und andererseits bis 1888 die »Mitteilungen
des Deutschen Buchdruckervereines« und seit 1889 die »Zeitschrift
für Deutschlands Buchdrucker«, welche ebenfalls in Leipzig
erscheint. Als litterarische Bearbeitungen sind in erster
Linie zu nennen 1. $Zahn$: Die Organisation der Prinzipale und
Gehülfen im deutschen Buchdruckgewerbe im 45. Bande der Schriften
des Vereins für Sozialpolitik, Leipzig, Duncker & Humblot.
2. A. $Gerstenberg$: Die neuere Entwickelung des deutschen
Buchdruckgewerbes in statistischer und sozialer Beziehung, Jena
1892, Gustav Fischer. Die statistischen Angaben sind in erster
Linie der zur Feier des 25jährigen Bestehens des Verbandes
herausgegebenen Festnummer des »Correspondent für Deutschlands
Buchdrucker« vom 20. Mai 1891 entnommen; die neueren Daten
verdanke ich den brieflichen Mitteilungen des Verbandsvorstandes.
Das Buchdruckgewerbe hat von je her insofern eine bevorzugte Stellung
eingenommen, als der Beruf sich in den an seine Mitglieder zu
stellenden Anforderungen weit über das gewöhnliche Niveau erhebt und
deshalb eine führende Rolle in der Arbeiterbewegung in Anspruch nehmen
darf. Andererseits hat dieser Umstand stets einen starken Zufluß von
Arbeitskräften zur Folge gehabt, der dazu zwang, auf Schutzmittel gegen
Ueberfüllung Bedacht zu nehmen.
Die älteste Form der Organisation war das sog. $Postulat$, so
bezeichnet von dem Aufnahmeakte der Gesellen, von dem man den Ausdruck
auf die ganze Einrichtung als solche übertrug. Durch diesen Akt
wurde der in 5 Jahren ausgelernte Lehrling zum Gesellen und zugleich
zum Mitgliede der $Gesellenbruderschaft$. Die letztere stand unter
Aufsicht der Innung und sorgte für ihre Angehörigen durch Unterstützung
bei Krankheiten, Unglücksfällen, Alter und Arbeitsunfähigkeit,
insbesondere aber bei Reisen und sonstiger Arbeitslosigkeit durch
das sog. $Viatikum$. Das Verhältnis zu den »Herren« war durch die
$Buchdruckerordnung$ geregelt, die insbesondere genaue Vorschriften
über Arbeitslohn und Arbeitszeit enthielt. Mit dem Beginne des jetzigen
Jahrhunderts begann die Gesetzgebung diesen Gesellenverbindungen
grundsätzlich feindlich gegenüber zu treten, man verbot größtenteils
die Gesellenläden, legte die Unterstützungskassen und den
Arbeitsnachweis in die Hände der Prinzipale, deren Vereine unangetastet
bestehen blieben, und hob schließlich das ganze Postulat mit allen
Einrichtungen auf. Seit im Jahre 1826 die Ersetzung der Handpresse
durch die Maschinenschnellpresse begann, blieben auch die allgemeinen
Folgen der Ersparnis von Arbeitskräften nicht aus, und um den sinkenden
Preisen Rechnung zu tragen, nahm man seine Zuflucht zu einer stets
wachsenden Einstellung von Lehrlingen, die man nicht völlig, sondern
nur in einzelnen Zweigen der Thätigkeit ausbildete, um sie nach Ablauf
ihrer Lehrzeit durch andere zu ersetzen.
Das Jahr 1848 gab dem schon lange gehegten Wunsche eines »nationalen
Postulates« d. h. einer über ganz Deutschland erstreckten Organisation
Gelegenheit zur Verwirklichung, und nach manchen lokalen Versuchen
gelangte auf der von dem Heidelberger Gehülfenvereine auf den 11.
Juni 1848 nach $Mainz$ berufenen Versammlung, auf welcher 10000
Gehülfen durch 44 Abgeordnete vertreten waren, der »$Deutsche
Nationalbuchdruckerverein$« zur Existenz. Derselbe war $sowohl für
Gehülfen als für Prinzipale$ bestimmt, und durch genaue Vorschriften
über die Organisation, über Schiedsgerichte, Lehrlingswesen,
Lohnberechnung, Unterstützungskassen und ein gemeinsames Organ war
die Unterlage für eine wirksame Thätigkeit geschaffen. Während
der neu gebildete Verein unter den Gehülfen überall begeisterte
Zustimmung fand, war die Aufnahme unter den Prinzipalen geteilt und
überwiegend ablehnend. Immerhin gelang es auf einer am 27. August 1848
in $Frankfurt$ zusammengetretenen von beiden Parteien beschickten
Versammlung, den Plan eines allgemeinen deutschen Buchdruckervereins
aufrecht zu erhalten, indem man die Mainzer Beschlüsse etwas zu Gunsten
der Prinzipale umgestaltete. Aber leider gelang es nicht für dieses
Ergebnis die Zustimmung der Mehrheit der Prinzipale zu gewinnen, und
als man um zu einer Verständigung zu gelangen, Ende September 1848 in
$Berlin$ von neuem zu einer gemeinsamen Versammlung zusammentrat, wurde
dieselbe plötzlich seitens der Polizei aufgelöst. Die folgenden Jahre
der politischen Reaktion haben dann sehr bald den letzten Rest der
vorhandenen Organisationsansätze vernichtet. Nur der 1849 gegründete
»Thüringische Buchdruckerverein«, dem Gehülfen und Prinzipale
angehörten, und der verschiedene Unterstützungskassen besaß, erhielt
sich bis in die neueste Zeit und neben den späteren Organisationen.
Erst nach Beginn der »Neuen Aera« nahm man seitens der Gehülfen den
Gedanken eines, jedoch zunächst auf Gehülfen beschränkten, allgemeinen
deutschen Verbandes wieder auf. Anfang 1862 bildete sich in Leipzig
der »Fortbildungsverein für Buchdrucker«, der vom 1. Januar 1863 ab
ein eigenes Organ, den »Correspondent, Wochenschrift für Deutschlands
Buchdrucker und Schriftgießer« herausgab und die allgemeine
Gewerkschaftsorganisation unter den Buchdruckern energisch in die Hand
nahm. Im März 1866 erließ der Fortbildungsverein mit Genehmigung der
sächsischen Regierung einen Aufruf zur Beschickung eines zu Pfingsten
1866 nach Leipzig berufenen deutschen Buchdruckertages, der dann vom
20. bis 22. Mai unter der Beteiligung von 34 Abgeordneten, die 3187
Gehülfen aus 185 Städten vertraten, stattfand. Der Kongreß beschloß die
Gründung des $deutschen Buchdruckerverbandes$, dem jeder ausgelernte
Buchdrucker oder Schriftgießer beitreten konnte.
Wegen des inzwischen ausgebrochenen Krieges trat der Verband erst
mit dem 1. Januar 1867 ins Leben. Auf dem vom 11. bis 14. April 1868
in $Berlin$ tagenden zweiten deutschen Buchdruckertage waren 5000
Mitglieder durch 43 Abgeordnete vertreten, während der vom 9. bis 12.
September 1871 in $Frankfurt$ a. M. abgehaltene dritte Buchdruckertag
bei 50 Delegierten 6227 Mitgliedern in 38 Gauverbänden und 167
Lokalvereinen aufwies.
Die folgenden Verbandstage fanden statt: der IV. vom 21. bis 26. Juni
1874 in $Dresden$, der V. vom 24. bis 27. Mai 1876 in Leipzig.
Am 21. November 1878 wurde mit Rücksicht auf das Sozialistengesetz der
Verband aufgelöst und gleichzeitig der $Unterstützungsverein deutscher
Buchdrucker$ gegründet. Derselbe hat folgende Generalversammlungen
abgehalten: