Die ersten Anfänge einer Gewerkschaftsbewegung in Deutschland finden
wir in den Handwerker- und Bildungsvereinen, die insbesondere in den
Jahren vor 1848 unter der Leitung von liberalen Politikern entstanden,
aber in der Zeit der Reaktion vielfach sich wieder auflösten. Ein
Interessen- und Klassengegensatz trat jedoch in diesen Vereinen
noch nicht hervor, und in der That war zu einem solchen der Anlaß
erst geboten, nachdem die Verdrängung des Kleinbetriebes durch den
Großbetrieb, der Handarbeit durch die Maschinenarbeit das frühere
Verhältnis des Gesellenstandes als einer Vorstufe des Meisterstandes
beseitigt und eine immermehr sich vertiefende Scheidungslinie zwischen
Arbeitgeber und Arbeiter gezogen hatte.
[66] Eine umfassende Darstellung der deutschen Gewerkschaftsbewegung
besteht nicht; die Litteratur ist deshalb bei den einzelnen
Abschnitten angegeben. Außer den von mir behandelten
Vereinigungen erwähnt $Oldenberg$ im Handw. d. St.-W. I.
(Ergänz.-Band, S. 395) und in $Schmollers$ Jahrb., Jahrg. XX, S.
253 ff. noch: den Zentralverband deutscher Zuschneidervereine,
den Bund deutscher Bierbrauergesellen, die beiden 1888
gegründeten Braumeistervereine, den 1894 entstandenen
süddeutschen Bäckerverband, die organisierten Kellner,
den deutschen Photographengehülfenverband und den Verein
deutscher Versicherungsbeamter, sowie eine Reihe von Berg-
und Hüttenarbeitervereinen. Teils schienen mir diese Vereine
nicht wichtig genug, um eine eingehendere Berücksichtigung
zu verdienen, teils ist es mir nicht gelungen, Material zu
erhalten, indem meine Anfragen unbeantwortet blieben.
Der älteste wirkliche G.-V. in Deutschland ist der im Jahre 1865 von
$Fritzsche$ gegründete deutsche $Tabakarbeiterverein$ und der im
folgenden Jahre ins Leben gerufene $Verband der deutschen Buchdrucker$.
Der letztere verdient unser besonderes Interesse dadurch, daß er sich
bis auf die allerneueste Zeit von politischen Einflüssen völlig fern
gehalten hat und aus diesem Grunde das treueste Bild eines wirklichen
G.-V. bietet. Wir wollen uns deshalb mit ihm demnächst noch eingehender
beschäftigen. Das Gleiche gilt von einer Reihe anderer in neuester Zeit
begründeter Organisationen, insbesondere den christlichen Vereinigungen
aller Art. Im übrigen ist die deutsche Gewerkschaftsbewegung teils
ausgesprochenermaßen, teils wenigstens thatsächlich unter Anlehnung an
politische Parteien erwachsen und zwar aus einer doppelten Wurzel.
Der äußere Anstoß wurde gegeben durch Berichte, welche $Max Hirsch$
im Sommer 1868 in Briefen aus England über die dortigen G.-V. in der
»Berliner Volkszeitung« veröffentlichte, und in denen er das englische
Vorbild zur Nachahmung empfahl. Nach seiner eigenen Angabe hatte
er die Reise nach England unternommen, um sich über die dortigen
sozialen Verhältnisse, insbesondere über das Genossenschaftswesen zu
unterrichten und hatte dort die ihm vorher kaum bekannten G.-V. kennen
gelernt. Ob dieselben den Führern der jungen sozialdemokratischen
Bewegung bekannt gewesen sind, oder ob diese erst aus den Hirsch'schen
Berichten ihre Anregung erhalten haben, mag dahingestellt bleiben,
jedenfalls griff der damalige Präsident des von $Lassalle$
gestifteten »Allgemeinen deutschen Arbeitervereins«, v. $Schweitzer$,
in Gemeinschaft mit $Fritzsche$, dem Gründer des »Deutschen
Tabakarbeitervereins«, den Gedanken lebhaft auf und beantragte am 23.
August 1868 bei der in Hamburg tagenden Generalversammlung seines
Vereins, daß man seitens desselben mit der Gründung von Gewerkschaften
vorgehen solle. Er fand jedoch hier den entschiedensten Widerspruch und
erlangte schließlich nur, daß man erklärte, nichts dagegen einwenden
zu wollen, wenn er und Fritzsche persönlich, oder $ganz unabhängig von
dem Vereine$, die Sache in die Hand nähmen. Daraufhin beriefen beide
auf den 26. September 1868 einen $deutschen Arbeiterkongreß$ nach
Berlin »zur Begründung allgemeiner, nach den verschiedenen Berufsarten
gegliederter Gewerkschaften«.
$Max Hirsch$, der inzwischen von England zurückgekehrt war und unter
den Berliner Arbeitern insbesondere durch die Maschinenbauer eine
starke Stütze hatte, versuchte mit deren Hilfe auf diesem Kongresse
seinen Standpunkt zu vertreten, blieb aber in der Minderheit und wurde
schließlich mit Gewalt aus dem Saale getrieben. Er berief darauf
seinerseits auf den 28. September 1868 eine große Arbeiterversammlung,
welche unter dem Vorsitze des fortschrittlichen Abgeordneten $Franz
Duncker$ tagte und schließlich die von $Hirsch$ entworfenen »Grundzüge
für die Konstituierung der deutschen Gewerkvereine« mit großer Mehrheit
annahm.
So waren also gleichzeitig zwei verschiedene Bewegungen ins Leben
gerufen, welche beide eine Interessenvertretung der Arbeiter
bezweckten. Aber, wie sie sich schon in ihren Namen insofern
unterschieden, als die von $Hirsch$ begründeten und gewöhnlich noch
ihm und ihrem zweiten geistigen Vater als $Hirsch-Duncker$'sche
bezeichneten Vereine sich »Gewerkvereine« nannten, während
die $Schweitzer$'schen sich den Namen »Arbeiterschaften« oder
»Gewerkschaften« beilegten, so waren beide Organisationen auch in
ihrem Karakter wesentlich verschieden, wie dies insbesondere bei
ihrer $Stellungnahme gegenüber den Arbeitseinteilungen$ hervortritt.
$Schweitzer$ bezeichnete in seiner öffentlichen Aufforderung zur
Beschickung des einberufenen Kongresses als dessen Ziel »die umfassende
festbegründete Organisation der gesamten Arbeiterschaft Deutschlands
durch und in sich selbst zum Zwecke gemeinsamen Fortschreitens $mittels
der Arbeitseinstellungen$«.
Während also die Aufgabe dieser Gewerkschaften geradezu als
Organisation der Streiks bezeichnet werden kann, gehen umgekehrt die
Gewerkvereine davon aus, daß zwischen den Interessen der Arbeiter und
der Arbeitgeber eine natürliche Harmonie bestehe, weshalb man sie
höhnisch »Harmonieapostel« genannt hat, daß deshalb eine Verbesserung
der Lage der Arbeiter thunlichst in friedlicher Entwicklung
geschehen und ein Ausgleich etwa ausbrechender Streitigkeiten durch
Schiedsgerichte und Einigungsämter geschehen müsse. Beide Gruppen
stehen zu einander in scharfem Gegensatze, insbesondere muß jeder,
der den »Gewerkvereinen« als Mitglied beitreten will, vorher einen
Revers unterschreiben, durch welchen er erklärt, weder Mitglied noch
Anhänger der Sozialdemokratie zu sein. Versuche, eine Aufhebung dieser
Statutvorschrift herbeizuführen, wie sie wiederholt z. B. auf dem
letzten am 30. Mai 1898 in Magdeburg abgehaltenen Verbandstage gemacht
sind, haben bisher keinen Erfolg gehabt.
Wir wollen jetzt die Entwicklung dieser beiden Gruppen gesondert
verfolgen und uns dann noch mit einer Reihe anderer Organisationen,
insbesondere dem bereits erwähnten deutschen Buchdruckerverbande
beschäftigen.