III. Oesterreich[37].

In Oesterreich begegnet die Gewerkschaftsbewegung einer Reihe

schwerwiegender Hindernisse. Dazu gehört in erster Linie der Gegensatz

der verschiedenen Nationalitäten, die, abgesehen von einer gewissen

instinktiven gegenseitigen Abneigung, zugleich verbunden ist, mit einer

weitgehenden Abweichung in der hergebrachten Lebenshaltung; so fühlt

der slavische und romanische Arbeiter sich noch völlig zufrieden bei

einer Lebensweise, die dem Deutschen unerträglich ist. Ferner kommt in

Betracht die Verschiedenheit der Sprache, durch welche die Herausgabe

gemeinsamer Arbeiterblätter wesentlich erschwert wird. Außerdem

steht Oesterreich noch auf einer verhältnismäßig niedrigen Stufe der

industriellen Entwicklung. Es überwiegt einerseits die Landwirtschaft

und andererseits das Handwerk. Beide aber begünstigen nicht einen so

scharfen Interessengegensatz zwischen Arbeitern und Unternehmern, wie

die Industrie. In weitem Umfange besteht auch noch die Hausindustrie

mit ihren traurigen Verhältnissen[38].

[37] Vgl. $Kautsky$: »Die Arbeiterbewegung in Oesterreich« in der

»Neuen Zeit VIII (1890), S. 49 ff., 97 ff., 154 ff.«

$Kralik$: Nutzen und Bedeutung der Gewerkschaften. Wien

1891. Oesterreichischer Arbeiterkalender seit 1891 (Brünn).

Verhandlungen des I. und II. sozialdemokratischen Parteitages.

Wien 1889 u. 1891. Bretschneider, Arbeiterzeitung, erscheint seit

1. Juli 1889. Rechenschaftsbericht der Gewerkschaftskommission

Oesterreichs für die Zeit vom 1. Januar 1894 bis 31. Oktober 1896

und Protokoll des II. österreichischen Gewerkschaftskongresses.

Wien 1896. Hueber: Einige sonstige Litteratur ist bei den

einzelnen Organisationen angegeben.

[38] Nach der Berufszählung von 1890 waren im cisleithanischen

Oesterreich beschäftigt in

die Landwirtschaft 13351370 Personen = 55,9 %

die Industrie 6155510 " = 25,8 "

Handel und Verkehr 2115313 " = 8,8 "

öffentlichen Dienst und freien Beruf 2273211 " = 9,5 "

Im Jahre 1880 betrug der Anteil der Landwirtschaft noch 59,9%, der

Industrie 24,6%, des Handels 7%. In Deutschland ergab die Zählung von

1895 für Landwirtschaft 35,7%, für Industrie 39,1%.

Die Gesetzgebung enthält für die Gewerkschaftsbewegung teils günstige,

teils ungünstige Momente. Zu den ungünstigen gehört die Bestimmung des

Vereinsgesetzes, noch welcher den Vereinen verboten ist, Beschlüsse zu

fassen, durch welche sie sich eine Autorität in irgend einem Zweige der

Gesetzgebungs- oder Exekutivgewalt anmaßen. Auf Grund dieser Bestimmung

hat z. B. die Wiener Polizeibehörde 1888 den Fachverein der Bäcker

geschlossen, weil derselbe statistische Erhebungen über die Lage der

Bäckereiarbeiter unternommen hatte. Das frühere Koalitionsverbot ist

freilich durch Gesetz vom 7. April 1870 aufgehoben, aber den Behörden

steht das Recht zu, beschäftigungslose Personen in die Heimatgemeinde

abzuschieben, wovon vielfach gegen streikende Arbeiter Gebrauch gemacht

wird. Eine günstige Einrichtung dagegen liegt in der gesetzlichen

Zwangsorganisation, die für das Kleingewerbe bereits durchgeführt und

für die Großindustrie und den Bergbau ins Auge gefaßt ist. Sowohl

Arbeiter als Arbeitgeber sind hiernach durch gesetzliche Bestimmung zu

bezirksmäßig abgegrenzten Vereinigungen verbunden. Die Arbeiterschaft,

insbesondere soweit sie unter sozialdemokratischem Einflusse steht,

verhielt sich anfangs diesen Gehülfenverbänden gegenüber wegen ihres

Zwangskarakters durchaus ablehnend. Aber bald überwog die Ansicht, daß

man sich den durch sie gebotenen Vorteil nicht entgehen lassen dürfe,

und so hat ein im Jahre 1890 abgehaltener allgemeiner Gewerkschaftstag

beschlossen, die Zwangsgenossenschaften thunlichst für die Zwecke der

Arbeiterbewegung zu verwerten, wobei der Umstand, daß in denselben alle

Arbeiter vereinigt sind, daß aber den fortgeschritteneren naturgemäß

die Führung zufällt, und daß der Gehülfenausschuß eine staatlich

anerkannte Behörde bildet, als besonders bedeutungsvoll hervorgehoben

wurde.

Die erste umfassende Begründung von $Gewerkvereinen$ erfolgte

zum Beginn der 70er Jahre, nachdem 1870 durch die Aufhebung des

Koalitionsverbotes ein freier Spielraum geschaffen war. Ende der 70er

Jahre sollen etwa 30000 Arbeiter gewerkschaftlich organisiert gewesen

sein. Aber einerseits wurde dieser Aufschwung durch die spätere

ungünstige wirtschaftliche Entwicklung stark gedämpft, andererseits

führte das Uebergewicht, welches der Anarchismus zeitweilig in der

Arbeiterbewegung erlangte, zu einer gegnerischen Haltung der Behörden

und insbesondere zur Verhängung eines Ausnahmezustandes durch ein dem

deutschen Sozialistengesetze entsprechendes Gesetz. So zählte man 1888

nur 15000 Mitglieder der Gewerkschaften.

Ein Umschwung erfolgte erst seit dem vom 30. Dezember 1888 bis

1. Januar 1889 in $Hainfeld$ abgehaltenen $ersten Parteitage der

österreichischen Sozialdemokratie$, auf dem es unter Zurückdrängung

der anarchistischen und antiparlamentarischen Elemente gelang, eine

einheitlich organisierte österreichische sozialdemokratische Partei

zu schaffen. Hier wurde auch die Stellung zu den Gewerkschaften

behandelt und beschlossen, deren Gründung mit möglichster Heranziehung

der männlichen und weiblichen Hilfsarbeiter zu empfehlen, wobei

man betonte, daß ein Gegensatz zwischen der politischen und der

gewerkschaftlichen Bewegung nicht bestehe und nur mit Rücksicht auf die

bestehende Gesetzgebung beide getrennt vorzugehen gezwungen seien.

Auch auf dem $zweiten sozialdemokratischen Parteitage$ in

$Wien$ (28.-30. Juni 1891) wurde das Thema »Stand und Ziele der

gewerkschaftlichen Organisation« behandelt. Obgleich man erklärte,

Ziffern über den Bestand nicht angeben zu können, so wurde doch

behauptet, daß seit 1889 die Zahl der Vereine sich verdoppelt, die

der Mitglieder sich verdreifacht habe. Die Gesamtzahl der Fach- und

Gewerkschaftsvereinen wurde auf 300, die der Mitglieder auf 600000

geschätzt. Es wurde dabei wiederholt betont, daß die Gewerkschaften nur

die Bedeutung einer Erziehung für die Sozialdemokratie haben dürften,

daß allerdings manche derselben humanitäre Bestrebungen, insbesondere

das Kassen- und Versicherungswesen zu stark in den Vordergrund

treten ließen und in einigen sich geradezu eine Arbeiteraristokratie

entwickelt habe, in der ein konservativer Geist großgezogen würde, wie

ja früher die Arbeiter für die Ideen von Schultze-Delitzsch geschwärmt

hätten, daß aber auf eine Umwandlung zu hoffen sei. Eine Resolution

empfahl die Förderung der Gewerkschaften auf föderativer Grundlage

doch mit der Einschränkung, »daß durch die Gewerkschaftsorganisation

die sozialdemokratische Bewegung in keiner Weise hintangesetzt werden

darf.« Die Gewerkschaften sollen sich über ganze Kronländer, womöglich

über das ganze Reich erstrecken; wo das nicht angeht, sind lokale

Vereine zu gründen, doch soll die Schaffung eines das ganze Reich

umfassenden Verbandes angestrebt werden. Solange dies nicht gelungen

ist, sollen regelmäßig Delegiertentage die Verbindung vermitteln.

In den Vereinen sind auch die nicht qualifizierten Arbeiter und die

Frauen aufzunehmen. Als Aufgaben der Gewerkschaften wurden bezeichnet:

die Arbeitsvermittelung, die Schaffung von Widerstandsfonds, die

Unterstützung der Arbeitslosen sowohl am Orte als auf der Reise und die

Gewährung von Rechtsschutz. Die Resolution schloß mit der Aufforderung,

allenthalben in Oesterreich Gewerkschaftsvereine zu gründen.

Die späteren Parteitage haben sich mit der Gewerkschaftsfrage nicht

mehr beschäftigt, vielmehr unternahm man es bald, eine eigene

gewerkschaftliche Organisation zu schaffen. Den Anlaß hierzu bot der

Beschluß des englischen _trade unions_ Kongresses in Glasgow 1892,

gleichzeitig mit dem für 1893 in Zürich geplanten internationalen

Arbeiterkongresse einen internationalen Gewerkschaftskongreß zu

berufen. Um diesen Plan zu vermitteln, bildete sich ein Komitee

der Wiener Gewerkschaften, das einen Protest gegen den Versuch,

zwischen den Gewerkschaften und der Sozialdemokratie einen Gegensatz

zu schaffen, veröffentlichte, aber zugleich beschloß, die Schaffung

einer Gesamtorganisation der österreichischen Gewerkschaften ins

Leben zu rufen und zunächst selbst die Aufgabe einer provisorischen

Gewerkschaftskommission übernahm.

Nach mühevollen Vorarbeiten gelang es, den I. österreichischen

Gewerkschaftskongreß[39] zustande zu bringen, der vom 24.-27. Dezember

1893 in Wien tagte. Auf demselben waren 194 Vereine mit angeblich

50000 organisierten Arbeitern durch 270 Abgeordnete vertreten. Davon

entfielen 69 Vereine mit 158 Vertretern auf Wien. Außerdem waren die

deutsche Generalkommission der Gewerkschaften und der schweizerische

Gewerkschaftsbund vertreten.

[39] Der Beschluß des Kongresses, seine Verhandlungen als Broschüre

zu veröffentlichen, ist in Ermangelung ausreichender Beteiligung

beim Absatze desselben nicht zur Ausführung gelangt. Als Quelle

der Darstellung konnten deshalb nur die Berichte der Zeitungen

benutzt werden.

Der Bericht der provisorischen Generalkommission betonte die großen

Schwierigkeiten, mit denen man zu kämpfen gehabt habe. Die Ausgaben der

Kommission hatten 576 fl. betragen gegenüber einer Einnahme von 447 fl.

Die wichtigste Aufgabe war die Schaffung einer gemeinsamen

$Organisation$. Als Zweck der $Gewerkschaften$ bezeichnete man: »Die

wirtschaftlichen Interessen ihrer Mitglieder allseitig zu wahren,

insbesondere durch Maßnahmen zur Erzielung bezw. Erhaltung möglichst

günstiger Arbeitsbedingungen beizutragen.«

Die nächsten $praktischen Aufgaben$ sollen sein:

»1. Regelung der Arbeits- und Lohnverhältnisse sowie Beseitigung von

Mißständen in den einzelnen Betrieben und dem ganzen Gewerbe.

Die Gewerkschaftsbewegung Darstellung der gewerkschaftlichen Organisation der Arbeiter und der Arbeitgeber aller Länder. · 第 82 / 323 题