eine solche der Zersplitterung, sondern auch eine der inneren Auflösung
und Schwäche. Die Führer, die an die Stelle der alten Mitglieder
der Junta getreten waren, insbesondere $Henry Broadhurst$, $John
Burnett$, $Prior$ und $George Shipton$, übernahmen von ihren Vorgängern
die Politik der Bedächtigkeit und Vorsicht. Die Kongresse lehnten
grundsätzlich die Verhandlung tiefer eingreifender Fragen ab, und
da man auch die innere Organisation als eine Aufgabe der einzelnen
Vereine ansah, so gestalteten sich die Kongresse immer mehr zu bloßen
Auseinandersetzungen persönlicher Art unter den Mitgliedern. In
allen Fragen der Taktik und des Prinzips herrschte stets die größte
Einstimmigkeit, indem von der durch das parlamentarische Komitee
vorbereiteten Tagesordnung alle gewerkschaftlichen Streitpunkte
ausgeschlossen waren. Auch in dem parlamentarischen Komitee selbst
herrschte völlige Ruhe; man wählte in der Regel dieselben Mitglieder
wieder, und so war H. Broadhurst 14 Jahre lang Vorsitzender, bis er als
Unterstaatssekretär in das Ministerium des Innern berufen und durch
Shipton ersetzt wurde.
Die einzige Angelegenheit von größerer Bedeutung, die in dieser Periode
von den Gewerkschaften eifrig betrieben wurde, war die Regelung der
$Haftpflicht der Unternehmer bei Unfällen$. Nach dem gemeinen Rechte in
England ist Jeder verpflichtet, den Schaden zu ersetzen, den er selbst
oder seine Angestellten im Rahmen ihrer Thätigkeit verschuldet haben.
Aber von diesem Grundsatze besteht eine wichtige Ausnahme für die
»Arbeitsgemeinschaft«, indem er nicht Platz greift, falls der Schaden
durch einen bei derselben Arbeit Beteiligten verursacht ist. Hierdurch
ist die Entschädigungsbefugnis der Arbeiter in den meisten Fällen
ausgeschlossen. Obgleich es der Agitation der Gewerkschaften gelang,
im Jahre 1880 ein Gesetz (_Act. 43 u. 44 Vict. c. 52_) durchzubringen,
welches eine teilweise Reform darstellt, indem das Parlament die
Verpflichtung der Unternehmer aussprach, ihre Arbeiter gegen Unfall zu
versichern, so war doch dadurch wenig geholfen, da den Unternehmern
das »$_contracting out_$« gestattet, d. h. die Befugnis gegeben war,
die gesetzliche Bestimmung durch den Arbeitsvertrag auszuschließen,
wovon sie begreiflicherweise weitgehend Gebrauch machten. In der
Parlamentssession 1893/94 nahm das Unterhaus ein Gesetz an, durch
welches die ganze Bestimmung über die Arbeitsgemeinschaft beseitigt
und der Arbeiter jedem anderen Staatsbürger gleichgestellt, auch
das _contracting out_ für unwirksam erklärt wurde; doch scheiterte
die Vorlage im Oberhause und so ist eine befriedigende Ordnung der
Angelegenheit noch heute nicht erzielt.
Im übrigen verhielten sich die _trade unions_ gegen alle Vorschläge,
die in der gleichen Zeit die Arbeiter anderer Länder bewegten, völlig
ablehnend, und noch auf den Kongressen von 1882 und 1883 wurden Anträge
hinsichtlich der Ausdehnung des Wahlrechts auf alle erwachsenen Männer
mit großer Mehrheit verworfen. Dagegen erwärmte man sich für die
Schaffung von bäuerlichen Stellen und eines eignen Hauses für jeden
Arbeiter, sowie die Gründung von Produktivgenossenschaften, während man
jeden staatlichen Eingriff in den Arbeitsvertrag grundsätzlich verwarf.
Ueberhaupt geriet der Trade-Unionismus völlig in das Fahrwasser des
bürgerlichen wirtschaftlichen Liberalismus, und einzelne vom sozialen
Standpunkte als Fortschritte zu begrüßende Maßregeln sind lediglich
der liberalen Partei im Unterhause ohne Mitwirkung der _trade unions_
zuzuschreiben. Dazu gehört z. B. das Gesetz, welches die Auszahlung
des Lohnes in Schankwirtschaften verbietet, hinsichtlich dessen das
parlamentarische Komitee sich zwar zustimmend äußerte, aber mit
der Bemerkung, daß das Gesetz für die organisierten Arbeiter nicht
notwendig sei. In derselben Weise erklärte man 1877 hinsichtlich einer
Verschärfung des Druckverbotes kein Bedürfnis anerkennen zu können, und
erst 1887 gelang es, ein solches Gesetz zur Annahme zu bringen.
Ein Umschwung der Anschauungen wurde zuerst angebahnt durch die in
die Jahre 1880-1883 fallende ganz ungewöhnliche Verbreitung des
Buches: »Fortschritt und Armut« von dem Amerikaner $Henry George$
mit seinen Forderungen der Verstaatlichung des Grund und Bodens
bezw. der Besteuerung der Grundrente. Hier war ein neuer Gedanke in
die Geister geworfen und zum Nachdenken darüber angeregt, ob nicht
in den Unterlagen der bestehenden Wirtschaftsordnung ein Grund
für die unbefriedigende Lage der Arbeiterklasse zu finden sei.
Der Hinweis darauf, daß die ungemeine Steigerung der Produktion
und des Gütervorrates infolge der Fortschritte der Technik allen
Bevölkerungsklassen zu gute kommen müsse, während er bis jetzt wegen
Mangels angemessener Verteilung nur zu jähem Wechsel von Perioden
des Aufschwunges und tiefgreifender Krisen Anlaß gebe, führte dazu,
$sozialistische Anschauungen$, deren Verbreitung früher vergeblich
versucht war, dem Verständnisse näher zu bringen.
Im Zusammenhang hiermit steht die Thätigkeit der $_Fabian Society_$,
die 1883 gegründet wurde und durch die Massenverbreitung ihrer
»_Fabian Essays in Socialism_« und »_Fabian Tractats_« sowie durch
Tausende von Vorträgen einen weitgehenden Einfluß auf die öffentliche
Meinung, insbesondere auch auf die Arbeiterschaft gewann. Vorwiegend
aus gebildeten Kreisen hervorgehend, vertritt die Gesellschaft einen
gemäßigten Sozialismus, den sie nicht plötzlich und gewaltsam, sondern
schrittweise und allmählich zu verwirklichen bestrebt ist, wie sie in
dem von _Fabius cunctator_ entnommenen Namen andeuten will.
Unterstützung fanden die theoretischen Erörterungen durch statistische
Erhebungen über die Notlage der besitzlosen Klassen, wie sie von
mehreren Seiten ins Werk gesetzt wurden. Besondere Verdienste erwarb
sich in dieser Beziehung ein reicher Großkaufmann, $Charles Booth$, der
1886 eine systematische Untersuchung über die Verhältnisse in London
einleitete, aus der sich ergab, daß 1-1/4 Millionen Menschen unter die
von ihm gezogene »Linie der Armut« fielen, daß 32% der Bevölkerung der
Hauptstadt in einem Zustande chronischer Armut lebten, die nicht nur
die Entwickelung zu höherer Kultur, sondern sogar die Vorbedingungen
physischer Gesundheit und gewerblicher Leistungsfähigkeit ausschloß.
So war der Boden vorbereitet, daß neben den $beiden bisherigen
gewerkschaftlichen Richtungen$, von denen die eine die
$Hülfskassenthätigkeit$, die andere den Kampf um $bessere
Arbeitsbedingungen$ in den Vordergrund stellte, sich eine $dritte$
entwickeln konnte, die den Schwerpunkt in die $Ordnung des
Arbeitsverhältnisses durch staatliche Maßregeln$ vorlegte, die sich im
übrigen aber wieder abstuft von dem Standpunkte des Staatssozialismus
bis zum reinen Kollektivismus und der Anhängerschaft der Marxistischen
Sozialdemokratie.
Einen bedeutenden Einfluß auf diese Entwickelung haben vor allem zwei
Männer gewonnen, deren Stetigkeit bis zu einem gewissen Grade für die
Stellung der heutigen englischen Arbeiterschaft typisch ist, nämlich:
$Burns$ und $Mann$.
$John Burns$, 1859 in Battersea geboren, beteiligte sich schon als
Lehrling in einer Maschinenfabrik an öffentlichen Versammlungen, trat
dann dem amalgamierten Maschinenbauervereine bei und benutzte die
Dauer einer Beschäftigung in Westafrika zum gründlichen Studium der
Schriften von Adam Smith und John Stuart Mill. In der _socialdemocratic
federation_, der er 1883 beitrat, wurde er bald das hervorragendste
Mitglied; seinem Einflusse verdankten insbesondere die Dockarbeiter
in dem unten zu erwähnenden großen Streik ihre Erfolge. Bei den
Wahlen 1892 wurde er für Battersea in das Parlament gewählt und
auf dem Trade-Unions-Kongreß von 1893 wurde er Vorsitzender des
parlamentarischen Komitees.
Auch $Tom Mann$, der 1856 in Foleshill geboren wurde, ist
Maschinenbauer und trat 1878 dem amalgamierten Verein bei. Nachdem
er sich insbesondere an den $George$'schen Schriften gebildet und
1884 durch einen Aufenthalt von 6 Monaten die nordamerikanischen
Verhältnisse kennen gelernt hatte, wurde auch er Mitglied
der _socialdemocratic federation_ und gab zu Gunsten seiner
Agitationsthätigkeit seinen bürgerlichen Beruf auf. Auch er war 1889 an
den großen Streiks der Gasarbeiter und der Dockarbeiter hervorragend
beteiligt und wurde demnächst Vorsitzender in dem Gewerkvereine der
letzteren. 1891 wurde er in die königliche Kommission zur Untersuchung
der Arbeiterverhältnisse berufen; 1894 wurde er Sekretär der
neugebildeten unabhängigen Arbeiterpartei.
Das Element, welches jetzt neu in die Arbeiterbewegung eingeführt
wurde und die Begründung einer neuen Periode bedeutet, waren die
$ungelernten Arbeiter$, die von den alten _trade unions_ grundsätzlich
ausgeschlossen waren und nun in dem Sozialismus das neue Evangelium der
Befreiung begrüßten. Für sie war nicht allein die Hülfskassenpolitik
unverwendbar, da sie bei ihren geringen Löhnen nicht imstande waren,
erhebliche Beiträge zu leisten, sondern auch der gewerkschaftliche
Kampf aussichtslos, da ihre Kraft zu gering war, um selbst bei
Zusammenfassung einen ausreichenden Machtfaktor zu bilden. Ihnen blieb
deshalb nichts übrig, als sich an die $Hülfe des Staates$ zu wenden.
Vor die Oeffentlichkeit trat die neue sozialistische Bewegung
zuerst im Februar 1886 durch Organisierung einer Anzahl
Arbeitslosenversammlungen, bei denen es zu großen Tumulten kam. Die
deshalb gegen die Führer $Hyndman$, $Burns$, $Champion$ und $Williams$
wegen Aufruhrs erhobenen Anklagen führten jedoch zu Freisprechungen.
Hieran schloß sich dann die $Periode der großen Streiks$. Eingeleitet
wurde sie durch den im Juli 1888 wegen harter Behandlung unternommenen
Ausstand von 672 »$Zündholz-Fabrikmädchen$« in London, die, von Frau
$Annie Besant$ ins Leben gerufen, eine so allseitige Unterstützung
im Publikum fand, daß unter dem Drucke der öffentlichen Meinung
die Unternehmer nachgeben und Abhülfe schaffen mußten. Dieser Sieg
bedeutete eine ganz neue Entwickelung der Arbeiterverhältnisse.
Hatte es sich bisher lediglich darum gehandelt, die Kräfte der
streikenden Teile gegeneinander zu messen, so hatten hier Arbeiterinnen
einen Erfolg erzielt ohne Hülfsmittel und ohne Organisation, nicht
aus eigener Kraft sondern durch das Eingreifen der unbeteiligten
Bevölkerungsklassen. Offenbar war unter solchen Umständen auch für die
ungelernten Arbeiter eine Besserung möglich.
Nachfolge fand das Vorgehen der Zündholzarbeiterinnen bei den
Londoner $Gasarbeitern$, die eine Union der Gasarbeiter und sonstigen
Arbeitsleute (_Gas workers and general labourers' union_) gründeten
und ohne Streik die Herabsetzung der Arbeitszeit von 12 auf 8 Stunden,
verbunden mit einer kleinen Lohnerhöhung, erreichten.
Aber den Höhepunkt der Bewegung bildet der große $Dockarbeiterstreik$.
Die Arbeit in den Docks und beim Beladen und Entladen der Schiffe
im Londoner Hafen ist naturgemäß eine sehr ungleichmäßige, da
sie durch das Eintreffen der Schiffe bedingt ist. Deshalb halten
die Dockverwaltungen und Werftbesitzer nur einen kleinen Stamm
fester Arbeiter, die sie im Bedarfsfalle aus den Reihen der sog.
Zufallsarbeiter (_Casuals_) durch diejenigen ergänzen, die sich
arbeitsuchend vor den Thoren der Docks drängen, um bei einer sich
bietenden Gelegenheit die Ersten zu sein, die Beschäftigung erhalten.
Aber nicht allein dauert diese oft nur wenige Stunden, sondern infolge
des Ueberangebotes sind auch die Löhne auf das äußerste gedrückt, und
außerdem führt das Herumtreiben ohne Arbeit zu einer großen moralischen
Gefahr. Auf die Klasse dieser bejammernswerten Menschen richteten
die Londoner Sozialisten ihre Fürsorge, indem sie eine Organisation
derselben ins Leben zu rufen versuchten. Nachdem diese Versuche
anfangs wenig Erfolg gehabt hatten, brachte am 12. August 1889 ein
unbedeutender Streit einen Ausstand der Arbeiter auf dem _South West
India Dock_ zum Ausbruche, der sich unter Führung von $Ben Tillet$
(der selbst Arbeiter in einem Thee-Lagerhause war) und Beihilfe von
$John Burns$ und $Tom Mann$, wie ein Lauffeuer auf alle Docks nördlich
der Themse ausbreitete. Auch die beiden großen Vereine der Stauer
traten auf die Seite der Streikenden, und so hatten sich binnen einer
weiteren Woche alle am Themseufer beschäftigten Arbeiter dem Streik
angeschlossen, der über vier Wochen hindurch den größten Hafen der Welt
völlig lahm legte. Ein förmlicher Enthusiasmus für die Streikenden
bemächtigte sich aller Gesellschaftsklassen, so daß nicht weniger
als 48736 Pfund zur Unterstützung eingingen, und unter dem Drucke
der öffentlichen Meinung gelang es der Vermittelung hervorragender
Personen, insbesondere des Erzbischofs Kardinal $Manning$, alle
Forderungen der Arbeiter, die in der Erhöhung des Lohnes auf 6 Pence
für die Stunde, der Abschaffung der Zwischenverdingungen und der
Stückarbeit, Mehrvergütung für Ueberzeit und Mindestanstellung auf
vier Stunden bestanden, durchzusetzen.
Ueberall wurden jetzt Vereine der ungelernten Arbeiter ins Leben
gerufen, deren Mitgliederzahl sich innerhalb Jahresfrist auf
200000 belief. An die beiden großen Flutwellen in dem englischen
Trade-Unionismus von 1833/34 und 1873/74 hatte sich die dritte
angeschlossen.
Der Geist dieser neuen Unionen war ein wesentlich anderer, als bei
den alten. Geringe Beiträge bei großen Mitgliederbeständen bedingten
schon für sich allein die Ablehnung der Unterstützungspolitik; umsomehr
mußte deshalb der Kampfcharakter in den Vordergrund treten. Als
hauptsächlichste Ziele bezeichnete man die Verringerung der Arbeitszeit
und die Beseitigung der Sonntagsarbeit.
Naturgemäß übte dieser »$Neue Unionismus$« erheblichen Einfluß auch
auf diejenigen Kreise, die ihm nicht unmittelbar angehörten, und zwar
nach zwei Seiten, nämlich sowohl auf die alten Gewerkschaften, wie
auf die Entwickelung des eigentlichen Sozialismus. Hatte auch die
Sozialdemokratie im deutschen Sinne, insbesondere die Marxistische
Propaganda in England zunächst wenig Boden gefunden, so war sie doch
gegen Ende der 80er Jahre immer mehr gewachsen und stand auf dem
Sprunge, größere Kreise insbesondere unter den ungelernten Arbeitern
zu ergreifen. In dem Hauptorgane derselben, der »_Justice_«, und
zwar in den Jahrgängen 1884-1889 und in den Veröffentlichungen der
$_socialdemocratic federation_$ finden wir starke Anklänge an $R.
Owen$ und die Periode von 1833/34. Nicht allein die Vereinigung aller
Arbeiter ohne Unterschied und in allen Ländern der Welt zu einem
einzigen großen Bunde und die Herstellung einer umfassenden Republik
auf Grundlage genossenschaftlicher Produktion und Gemeinbesitz aller
Produktionsmittel wird unter ausdrücklicher Anlehnung an $Owen$
gefordert, sondern auch die Anwendung von Gewalt wird entweder mit
den Worten des kommunistischen Manifestes ausdrücklich empfohlen oder
mindestens als eine offene Frage behandelt, deren Entscheidung von dem
Verhalten der besitzenden Klassen abhängen werde.
Hierin bewirkte das Jahr 1889 einen weitgehenden Umschlag, indem es
»den Strom der sozialistischen Arbeiterbewegung aus revolutionären
in konstitutionelle Kanäle leitete«[11]. Der Plan, »die Arbeiter
aller Gewerbe und aller Grade zu einem Ansturm auf das mörderische
Monopol der Minderheit zu vereinigen«, wird mit dem Aufschwunge der
politischen Demokratie von der Tagesordnung abgesetzt. Gerade als
der Kampf der Dockarbeiter sich zur Entscheidung neigte, flackerte
für einen Augenblick die Idee eines Generalstreikes auf, aber nur,
um auch alsbald als unausführbar aufgegeben zu werden. Als die neuen
Führer der Bewegung den Problemen der Verwaltung gegenüber wirklich
Stellung zu nehmen hatten, ließ man die speziell Owenschen Merkmale der
sozialistischen Propaganda ruhig fallen[12].
[11] $Webb$, a. a. O., S. 352.
[12] $Webb$, a. a. O.
$Burns$ wurde im Januar 1889 in den Londoner Grafschaftsrat gewählt
und mußte sich gerade dort auf praktischem Gebiete bald von der
Unmöglichkeit der sozialistischen Pläne überzeugen. Es kann deshalb
nicht überraschen, daß sowohl er als $Tom Mann$ der $_socialdemocratic
federation_$ den $Rücken kehrten$, wofür sie von deren Anhängern mit
den heftigsten Angriffen überhäuft wurden. »Als die »neuen Unionisten«
abtrünnig wurden, hörte der revolutionäre Sozialismus auf, um sich
zu greifen, und der Wetteifer in der Propaganda für den Kampf um
gesetzliche Reformen wurde das bezeichnende Merkmal der englischen
sozialistischen Bewegung[13].«
[13] $Webb$, a. a. O., S. 353.
Noch interessanter als die Auseinandersetzung, welche der
Neu-Unionismus mit der Sozialdemokratie zu vollziehen hatte, ist
diejenige mit dem alten Unionismus und der Versuch des Sozialismus,
dort Eingang zu erhalten. Den ersten Versuch, den Boden für
sozialistische Ideen zu ebnen, unternahm $Adam Weiler$, ein Freund
von $Marx$, und eifriges Mitglied der Internationale 1878 auf dem
Kongresse in Bristol, indem er zu Gunsten der gesetzlichen Beschränkung
der Arbeitszeit der Männer eine Rede hielt und im folgenden Jahre
einen Antrag zu Gunsten der $Nationalisierung des Grund und Bodens$
einbrachte, der aber nicht einmal eine zweite Unterschrift zu erlangen
vermochte. Im Jahre 1882 sah man bereits die Wirkung der Georgeschen
Lehre, und derselbe Antrag wurde mit 71 gegen 31 Stimmen angenommen.
Allerdings schien dies mehr ein Zufallserfolg gewesen zu sein, denn
in den nächsten 5 Jahren wurde der gleiche Antrag stets abgelehnt.
Aber die Minderheiten stiegen von Jahr zu Jahr, und nachdem 1887 in
$Swansea$ der Antrag eine kleine Mehrheit erlangt hatte, wurde er 1888
in $Bradford$ sogar mit 66 gegen 5 Stimmen zum Beschlusse erhoben.
Hinsichtlich der $gesetzlichen Regelung der Arbeitsdauer$ gelangte
$Weiler$ noch rascher zum Siege, indem er 1883 eine Resolution
durchsetzte, durch die das parlamentarische Komitee beauftragt wurde,
Schritte zu thun, um für alle Arbeiter im Dienste öffentlicher
Behörden oder von Gesellschaften, die vom Parlamente mit Vollmachten
ausgestattet seien, die gesetzliche Beschränkung der Arbeitsdauer auf
8 Stunden herbeizuführen. Da der Beschluß nur bei geringer Beteiligung
gefaßt war, so suchte das parlamentarische Komitee ihn zunächst ebenso
zu ignorieren, wie denjenigen hinsichtlich der Nationalisierung des
Grund und Bodens. Aber die auf Beschluß der beiden folgenden Kongresse
vorgenommenen Urabstimmungen bewiesen, daß der Gedanke selbst in
solchen Unionen der herrschende geworden war, die früher durchaus
gegnerisch gesinnt gewesen waren, und ferner, daß die bisherige
Zulässigkeit der Ueberstunden dahin geführt hatte, den Neunstundentag
zu einer Illusion zu machen, indem über die Hälfte der Arbeiter
Ueberschichten hatte.
Unter den $Bergarbeitern$ führte diese Frage zu einer $Spaltung$ und
einem scharfen Gegensatze zwischen den Bezirken von Northumberland
und Durham auf der einen und den übrigen auf der andern Seite, indem
die ersteren die gesetzliche Beschränkung der Arbeitsdauer selbst für
Knaben ablehnten, während die letzteren sie befürworteten. Die Leitung
der $_National-Union_$ war freilich seit dem 1881 erfolgten Tode
$Macdonalds$ in die Hände der Führer von Northumberland gefallen und
hielt deshalb an dem Prinzip der gleitenden Skala und Bekämpfung der
gesetzlichen Regulierung fest, aber die Folge hiervon war, daß, nachdem
der Streit auf den jährlichen Bergarbeiterkongressen von 1885-1888
mit steigender Erbitterung geführt war, auf einer im September 1888
in Manchester abgehaltenen Konferenz eine Gegenorganisation in der
$Föderation der Bergarbeiter$ (_miners federation_) gegründet wurde,
der sich allmählich alle Bezirke außer Northumberland und Durham
anschloßen. Im Jahr 1893 zählt die Förderation bereits über 200000
Mitglieder und ist damit die stärkste aller bestehender Unionen
geworden.
Einen letzten Gegenstand des Streites bildete die Frage der
$internationalen Kongresse$, die insofern mit der Stellung zum
Sozialismus zusammenhing, als dessen Gegner mit der festländischen
Sozialdemokratie keine Berührung haben wollten und deshalb jenen
Gedanken bekämpften. Schon 1883 und 1886 hatte das parlamentarische
Komitee nur ungern und auf ausdrücklichen Beschluß des Kongresses die
beiden internationalen Zusammenkünfte in Paris[14] beschickt. Den
Beschluß, 1887 nach London einen Kongreß zu berufen, hatte es einfach
unausgeführt gelassen, und erst einem nochmaligen Beschlusse in
Swansea 1887 gelang es, den Widerstand zu überwinden, so daß 1888 ein
internationaler Kongreß in London abgehalten wurde, wobei das Komitee
nur die Beschränkung durchgesetzt hatte, daß von demselben die deutsche
Sozialdemokratie ausgeschlossen werden sollte.
[14] Siehe unten.
Unter diesen Umständen wurde die Stellung der alten Führer und
insbesondere des parlamentarischen Komitees immer schwieriger; seine
alten Forderungen mußte es, da sie den Anschauungen der Mehrheit
der Kongresse widersprachen, Schritt für Schritt fallen lassen,
während es sich auf der anderen Seite sträubte, dafür die neuen an
die Stelle zu setzen. Der einzige Punkt, hinsichtlich dessen in den
Jahren 1884-1894 eine erfolgreiche Thätigkeit zu verzeichnen ist,
besteht in der eingeleiteten Agitation zur Erlangung »gerechter Löhne«
(_fair wages_), indem man die staatlichen und städtischen Behörden zu
veranlassen suchte, Lieferungen nur unter der Bedingung zu vergeben,
daß an die Arbeiter die von den _trade unions_ anerkannten Löhne
gezahlt würden. Allmählich ist dies in dem Maße gelungen, daß 1894
bereits 150 städtische Behörden diesen Grundsatz angenommen hatten. Den
staatlichen Behörden ist dies durch einen Parlamentsbeschluß vom Jahre
1895 ausdrücklich zur Pflicht gemacht.
Trotzdem wurde der Gegensatz immer schärfer und würde bereits 1889
auf dem Kongresse in $Dundee$ zu einem Sturze des parlamentarischen
Komitees geführt haben, wenn nicht die Sozialisten den Fehler gemacht
hätten, die Gegner in gehässiger Weise persönlich anzugreifen, wodurch
sie die Stimmung in der Weise gegen sich aufbrachten, daß der Kongreß
mit einer entschiedenen Niederlage der Sozialisten endete.
Aber schon das nächste Jahr brachte in $Liverpool$ den Umschwung. Der
eigene Verein von $Henry Broadhurst$ hatte sich für den Achtstundentag
erklärt, und nachdem auch der Kongreß mit 193 gegen 155 Stimmen sich
diesen Standpunkt zu eigen gemacht hatte, sah $Broadhurst$ sich
gezwungen, seine Stellung als Sekretär des parlamentarischen Komitees
niederzulegen[15]. Sein Nachfolger wurde $Fenwick$, der Vertreter der
Kohlenarbeiter von Northumberland, der zwar ebenfalls ein Anhänger
der liberalen Politik war, den sozialistischen Forderungen aber nicht
so schroff gegenüberstand, wie $Broadhurst$. Auch $Shipton$ erklärte
seine Bekehrung zu den neuen Anschauungen, und so war der Kongreß
von Liverpool ein ebenso entschiedener Sieg der sozialistischen
Anschauungen, wie der von $Dundee$ eine Niederlage derselben gewesen
war.
[15] Später hat auch $Broadhurst$ sich zu dem Grundsatze des
Achtstundentages bekehrt und ist 1893 von neuem in das
parlamentarische Komitee gewählt.
Im folgenden Jahre hat man dann allerdings in $Newcastle$ den gefaßten
Beschluß ganz wesentlich eingeschränkt, indem man die Ausnahme
beifügte, daß der Achtstundentag da nicht zur Anwendung gelangen solle,
wo die Mehrheit der organisierten Mitglieder eines Gewerkes in geheimer
Abstimmung ihn ablehne, aber in dieser Form ist die Forderung auch 1892
auf dem Kongresse von $Glasgow$ mit überwältigender Mehrheit und 1893
in $Belfast$ mit 197 gegen 8 Stimmen angenommen. Seitens der Regierung
ist in allen Kriegs- und Marinewerkstätten der achtstündige Arbeitstag
eingeführt, und es ist wahrscheinlich, daß diese Einrichtung immer mehr
Nachahmung finden wird.
Ganz ähnlich ist der Verlauf gewesen hinsichtlich der eigentlichen
sozialistischen Grundforderung, nämlich der $Ersetzung der
Privatproduktion durch die kollektive$. Wie schon erwähnt, hatte 1888
der Kongreß von $Bradford$ die Verstaatlichung des Grund und Bodens
gefordert, aber erst in $Belfast$ wurde dies auf alle Mittel der
Produktion ausgedehnt durch den am 6. September 1893 mit 137 gegen
97 Stimmen gefaßten Beschluß, nur solche Kandidaten zu unterstützen,
die für diesen Programmpunkt einträten. Dieser Beschluß wurde am 6.
September 1894 in $Norwich$ mit 219 gegen 61 Stimmen bestätigt.
Der Verschiebung in der prinzipiellen Richtung, wie sie in dem
Programme zum Ausdruck kommt, hat auch eine Aenderung in den
leitenden Personen entsprochen. Während 1893 $Fenwich$ trotz seines
antisozialistischen Standpunktes als parlamentarischer Sekretär
nochmals wiedergewählt wurde, da man noch keinen geeigneten Ersatzmann
besaß, hat man ihn 1894 in Norwich fallen lassen und an seine Stelle
den Bergmann $Samuel Woods$ gewählt, der den Sozialisten wesentlich
näher steht, indem er zwar ein Gegner der Verstaatlichung der
Produktionsmittel ist, aber für den gesetzlichen Achtstundentag
eintritt. Der ausgesprochene Sozialist $Tom Mann$ unterlag mit einer
starken Minderheit.
Auf dem vom 2. bis 6. September 1895 in $Cardiff$ abgehaltenen
Kongresse ist nun aber ein Rückschlag erfolgt, der sich aus der,
durch Rückgang der »neuen« G.-V., der ungelernten, insbesondere der
Dockarbeiter hervorgerufenen Verschiebung erklärt. Der parlamentarische
Ausschuß hatte bereits eine Reihe von Veränderungen der
Geschäftsordnung beschlossen, die der älteren Richtung im Verhältnis
zu der jüngeren ein Uebergewicht verschaffen mußten, nämlich, daß nur
solche Vertreter zugelassen werden sollten, welche den Beruf, den sie
vertreten, auch thatsächlich ausüben oder Beamte einer Organisation
sind, daß ferner die lokalen Gewerkschaftskartelle, deren bisherige
Beteiligung eine Doppelvertretung bedeutete, ausgeschlossen sein, und
daß die Abstimmung nicht mehr nach der Zahl der erschienenen Vertreter,
sondern nach der Mitgliederzahl der vertretenen Vereine (je 1 Stimme
auf 1000 Mitglieder) stattfinden solle. Durch diese Aenderungen
war das Stimmenverhältnis der neuen zu den alten Vereinen auf 357
zu 604 herabgesetzt, und so wurde denn der Antrag angenommen, die
$Verstaatlichung$ nicht für alle Produktionsmittel, sondern nur für den
Grund und Boden, die Bergschätze und die Eisenbahnen und daneben die
$Kommunalisierung$ der Werft- und Häfenbetriebe zu fordern. Allerdings
wurde beschlossen, den deutschen Sozialdemokraten die Sympathie des
Kongresses für ihren Kampf gegen die Behörden auszusprechen und
gegen die Uebergriffe der letzteren zu protestieren, doch wurden in
den parlamentarischen Ausschuß nur zwei Sozialisten ($Thorne$ und
$Wilson$) gewählt. Als Sekretär wurde $Samuel Woods$ wiedergewählt.
Diese antisozialistische Strömung ist auf dem Kongresse in $Edinburgh$
(7. bis 12. September 1896) noch entschiedener zum Ausdrucke
gelangt. Zunächst machte sich dies geltend bei der Beratung des von
dem parlamentarischen Ausschusse erstatteten Jahresberichtes, der
sich über den kurz vorhergegangenen internationalen Arbeiter- und
Gewerkschaftskongreß in London[16], den ersten, auf den die _trade
unions_ gemeinschaftlich mit der Sozialdemokratie getagt hatten, dahin
äußerte, daß man zwar über die Nützlichkeit derartiger Kongresse kein
Urteil fällen wolle, daß man aber doch fragen dürfe, »ob es angesichts
der Dinge, die sich auf diesem Kongresse ereignet haben, und der
Erfahrungen, die dort gesammelt wurden, für die _trade unions_ eine
weise und kluge Politik sei, sich in Zukunft mit Kongressen dieser Art
zu identifizieren«. Der von sozialistischer Seite gestellte Antrag,
diesen Satz zu streichen, wurde nach einer lebhaften Auseinandersetzung
zwischen Anhängern und Gegnern des Sozialismus mit 143 gegen 91 Stimmen
abgelehnt.
[16] Vergl. unten.
Ein anderer Antrag von $Ben Tillet$, der dahin ging, daß zukünftige
$internationale Kongresse$ nur aus wirklichen (»_bona fide_«)
Vertretern von Arbeiterorganisationen bestehen und daß die Vertretung
nach der Ordnung der _trade unions_-Kongresse geregelt werden solle,
richtete sich nicht geradezu gegen die Sozialdemokratie, zumal der
Antragsteller selbst als ein gemäßigter Sozialist gilt, bedeutet
aber doch die Ausschließung der politischen Parteien als solcher und
insbesondere der Parteiführer von den Kongressen. Der Antrag wurde mit
172 gegen 11 Stimmen angenommen.
Den Hauptpunkt bildete auch jetzt wieder die Stellung zum
$Kollektivismus$. Die schottischen Buchdrucker beantragten folgende
Erklärung: »Der Kongreß ist der Ansicht, daß den Interessen der
Arbeiter am besten gedient wird, wenn das Land und die Produktions-,
Verteilungs- und Austauschmittel verstaatlicht werden; er beauftragt
den parlamentarischen Ausschuß, einen dahin gehenden Gesetzentwurf
auszuarbeiten und alsbald einzubringen.« Demgegenüber beantragte die
Gewerkschaft der Webstuhl-Aufseher: »Der Kongreß beschließt, die auf
dem Kongresse von Norwich am 6. September 1894 beschlossene Resolution
von $Keir Hardie$ aufzuheben und an ihre Stelle die folgende zu
setzen: »Der Kongreß ist der Ansicht, daß es zur Aufrechterhaltung
der britischen Industrie durchaus notwendig ist, den Grund und Boden,
die Bergwerke, Mineralien, Berggerechtigkeiten, Wegeanlagen und
Eisenbahnen zu verstaatlichen und alles Wasser, künstliche Licht und
alle Straßenbahnen zu kommunalisieren.« Dadurch, daß dieser Antrag
die Aufhebung der Resolution von Norwich forderte, stellte er sich
in ausdrücklichen Gegensatz zu dem Programme des Kollektivismus und
setzte an dessen Stelle dasjenige der Bodenbesitzreformer, indem er die
Verstaatlichung nicht auf alle Produktionsmittel ausdehnen, sondern
auf Grund und Boden beschränken wollte. Nun erklärte freilich der
Vorsitzende des Kongresses es formell für unzulässig, den früheren
Beschluß aufzuheben, da jeder Kongreß für sich souverän sei und nur die
Aufgabe habe, für das folgende Jahr dem parlamentarischen Ausschusse
Instruktionen zu erteilen. Aber obgleich aus diesem Grunde der erste
Teil des Antrages nicht zur Abstimmung gelangte, so lag doch darin,
daß der Kongreß den zweiten Teil mit 172 gegen 42 Stimmen annahm, eine
Ablehnung des früheren Standpunktes und eine entschiedene Niederlage
der Kollektivisten. Allerdings bietet das Stimmenverhältnis keinen
Anhaltspunkt für das beiderseitige Stärkeverhältnis, da einerseits auch
Sozialisten für den Antrag stimmen konnten und andererseits zu der
Minderzahl auch Vertreter des reinen Individualismus gehörten, aber der
Beschluß war eben deshalb, weil er sich in Gegensatz zu demjenigen von
Norwich stellte, eine Ablehnung des Kollektivismus[17].
[17] Auch in dem stärksten der englischen Gewerkvereine, nämlich der
schon erwähnten neuen Union der Bergarbeiter (_miners
federation_), der um so mehr Interesse bietet, als in ihm die
ältere und die jüngere Richtung sich am schärfsten bekämpfen, hat
auf der am 3. Januar 1897 in Leicester abgehaltenen
Generalversammlung, in der 326214 Mitglieder durch 54 Abgeordnete
vertreten waren, die gemäßigte Richtung den Sieg gewonnen, indem
der Antrag der Abteilung Schottland, sich für Verstaatlichung
aller Produktionsmittel zu erklären, abgelehnt und statt dessen
der Antrag von Yorkshire angenommen wurde: »Die Federation
erachtet es zur Erhaltung der britischen Industrie für
absolut notwendig, den Grund und Boden, die Bergwerke,
Bergwerksgerechtigkeiten und die Eisenbahnen des Landes zu
verstaatlichen.«
Die Forderung des gesetzlichen achtstündigen Arbeitstages wurde mit 211
gegen 34 Stimmen wiederholt.
Außerdem wurden Beschlüsse gefaßt zu Gunsten eines Haftpflichtgesetzes
für alle Gewerbe, der gesetzlichen Altersversicherung, des
Genossenschaftswesens, der Ausdehnung der Kinderschutzvorschriften
auf Kinder unter 15 Jahren, der besseren Ausbildung der Lehrlinge,
des Verbotes der Nachtarbeit für Personen unter 18 Jahren und einer
allgemeinen Amnestie für alle wegen politischer Vergehen Verurtheilten.
Ein Fonds für politische Wahlen wurde mit großer Mehrheit abgelehnt.
Infolge eines Telegramms des Präsidenten der amerikanischen _federation
of labour_ $Samuel Gomper$'s wurde beschlossen, die einzelnen
Gewerkschaften darüber zu befragen, ob sie geneigt wären, im Jahre
1898 einen $internationalen Gewerkschaftskongreß$ abzuhalten. Für den
amerikanischen Gewerkschaftskongreß wurden zwei Abgesandte gewählt.
Der 30. Kongreß wurde vom 6. bis 11. September 1897 in $Birmingham$
abgehalten bei einer Beteiligung von 381 Abgeordneten, die 1093191
Mitglieder in 149 Vereinen vertraten. Die Verhandlungen hatten erhöhte
Bedeutung durch den großen Maschinenbauerstreik und den dadurch aufs
neue entfachten schroffen Gegensatz zu den Unternehmern, der die
Veranlassung bot, den schon früher öfters aufgetauchten, aber niemals
zur Ausführung gebrachten großen Plan eines einheitlichen $Verbandes
aller Gewerkvereine$ von neuem aufzugreifen. In der That wurde der
Vorschlag im Prinzip angenommen und ein Ausschuß von 13 Mitgliedern
beauftragt, bis zum 1. Januar 1898 ein Statut auszuarbeiten, das dem
nächsten Kongresse zur Genehmigung vorgelegt werden sollte, dessen
Grundzüge aber darin bestehen sollten, daß der Verband aus regelmäßigen
Beiträgen, die alle Vereine nach Verhältnis ihrer Mitgliederzahl zu
leisten haben, einzelne in Streik befindliche Gewerke zu unterstützen
hat. Zunächst wurde den Vereinen zur Pflicht gemacht, zu Gunsten der
Maschinenbauer besondere Umlagen zu erheben.
Mit dem Maschinenbauerstreik stand auch ein anderer Punkt der
Tagesordnung in Verbindung, nämlich das Verhältnis zu den
$Genossenschaften$. Schon seit längerer Zeit war der Plan erörtert,
daß diese den Maschinenbauern beispringen sollten, und um die
bisher nicht seltenen Grenzstreitigkeiten zwischen Gewerkschaften
und Genossenschaften zu vermeiden, beschloß der Kongreß, künftig
etwa auftauchende Meinungsverschiedenheiten einem gemeinsamen
Schiedsgerichte zu unterbreiten.
Der Antrag, den $Achtstundentag$ mit allen Mitteln einzuführen,
wurde, wie früher, mit großer Mehrheit (923000 gegen 141000
Stimmen) angenommen; ebenso die $Verstaatlichung$ von Grund und
Boden, Bergwerken, Eisenbahnen, Wasserläufen und Docks, sowie die
$Kommunalisierung$ der Wasserleitungen, Lichtwerke und Straßenbahnen.
Hinsichtlich des $Arbeiterschutzes$ forderte man den Ausschluß von
aller gewerblichen Arbeit bei Kindern bis zu 15 Jahren und der
Nachtarbeit bei jugendlichen Personen unter 18 Jahren mit 595000 gegen
274000 Stimmen.
Bei allen diesen Abstimmungen bestand die Minderheit aus den
Kohlenarbeitern von Durham und Northumberland unter Hinzutritt der
Weber von Lancashire. Ein Antrag, im Jahre 1898 einen internationalen
Gewerkschaftskongreß zu berufen, wurde mit 317145 gegen 282071
Stimmen abgelehnt. Dagegen wurde einstimmig beschlossen, für die
Parlamentsmitglieder eine staatliche Vergütung zu fordern. Andere
Beschlüsse betrafen den Schutz der Wöchnerinnen und die Forderung,
daß im Staatsbetriebe und beim Schiffbau nur organisierte Arbeiter
verwendet werden sollen, endlich die unentgeltliche Erteilung von
Schulunterricht mit Schulzwang bis zum 16. Lebensjahre und Gelegenheit
für jedes Kind, je nach seinen Fähigkeiten wissenschaftliche Ausbildung
zu erhalten, Ausschluß des Religionsunterrichtes aus der Schule,
sowie Speisung sämtlicher Schulkinder auf Kosten der Schule durch
die Schulbehörde. Die Bildung eines Wahlfonds zur Unterstützung von
Parlamentswahlen im sozialistischen Sinne wurde mit großer Mehrheit
abgelehnt.
Der vorstehend erwähnte $Maschinenbauerstreik$ ist ein in der
neueren Geschichte der englischen Gewerkvereine so bedeutendes
Ereignis, daß er einige nähere Angaben verlangt[18]. Er war insofern
eigenartig, als beide Parteien ihre eigentlichen Ziele nicht völlig
aufdeckten, so daß nach außen der Streitpunkt etwas unklar bleibt. Die
Unternehmer, die sich über die Tyrannei des Gewerkvereins beklagten,
beabsichtigten in erster Linie überhaupt diesen zu vernichten, in
zweiter Linie wenigstens das früher in langen Kämpfen errungene
Prinzip des kollektiven Verhandelns, d. h. die Aufstellung der
maßgebenden Vertragsbedingungen durch Uebereinkunft der Unternehmer
mit dem Gewerkverein zu beseitigen und an seine Stelle wieder den
Individualvertrag mit den einzelnen Arbeitern zu setzen. Sie stellten
auch anfangs diese Forderung auf, ließen sie aber später fallen,
da sie dadurch die öffentliche Meinung gegen sich aufbrachten. Die
Arbeiterführer ihrerseits kämpften insofern unter falscher Flagge, als
die Forderung des Achtstundentages nur wegen ihres populären Karakters
gewählt war, während sie nicht den eigentlichen Streitpunkt bildete,
wie sich schon daraus ergiebt, daß sie nach kurzer Zeit von 250 Firmen
bewilligt wurde und trotzdem der Streik fortdauerte. Der letzte
Grund für den Kampf war wohl, daß beide Teile ihre Kraft erproben
wollten und dabei die des Gegners unterschätzten. Daneben wirkten
gewisse Schwierigkeiten mit, die sich aus den veränderten technischen
Einrichtungen und ihrer Anpassung an die bestehenden Arbeitsverträge
ergaben, insbesondere spielte eine große Rolle die Frage, ob an der
Maschine auch ungelernte Arbeiter beschäftigt werden dürften.
[18] Ich folge im allgemeinen der Darstellung von $Clement Edwards$ in
$Brauns$, Archiv für soziale Gesetzgebung XII, 626 ff.
Nach kleineren Scharmützeln im Anfange des Jahres begann der Konflikt
dadurch, daß der Ausschuß der vereinigten Vereine, unter denen die
vereinigten Maschinenbauer mit 92000 und die Kesselschmiede mit 41000
Mitglieder die weitaus stärksten waren, am 1. Mai 1897 an mehrere
hundert Londoner Firmen die Forderung richtete, den Achtstundentag ohne
Lohnermäßigung zu bewilligen. Wie schon bemerkt, kam ein Teil dieser
Firmen der Forderung nach, ein anderer Teil aber lehnte sie am 26.
Mai ab, nachdem sie sich vorher des Schutzes des Arbeitgeberverbandes
(_Federated Engineering Employers_) versichert hatten. Dieser war
im Juni 1896 dadurch gegründet, daß sich die bis dahin bestehenden
vier lokalen Vereine der Maschinenfabrikanten zu einem nationalen
Verbande zusammenschlossen, der in der Person des $Oberst Dyer$
einen ungewöhnlich geschickten Führer hatte. Am 1. Juli trat der
Unternehmerverband in Manchester zusammen und beschloß, falls die
Arbeiter wegen der von ihnen gestellten Forderungen in einzelnen
Fabriken streiken würden, 25 % aller Arbeiter zu entlassen. Da die
Arbeiter sich durch diese Drohung nicht zurückhalten ließen, so trat
die Aussperrung am 14. Juli in Kraft, worauf die Arbeiter damit
antworteten, daß auch die übrigen 75 % die Arbeit kündigten.
Nach sechsmonatlicher Dauer und mehrfachen Vermittelungsversuchen,
insbesondere seitens des Handelsamtes, wurde endlich am 24. Januar
1897 eine Verständigung erzielt, bei der die Arbeiter insofern der
unterliegende Teil waren, als sie ihre Forderung des Achtstundentages
fallen lassen mußten; andererseits wurde von den Unternehmern der
Grundsatz des kollektiven Verhandelns ausdrücklich anerkannt.
Die unmittelbaren Kosten des Streiks haben etwa 25 Millionen Mark,
die Schädigung der Arbeiter unter Berücksichtigung des Lohnausfalles
fast 100 Millionen betragen. Der Verlust der Unternehmer läßt sich
auch nicht annähernd schätzen. Ein Hauptgrund für den Mißerfolg
der Arbeiter lag darin, daß sich der große, etwa 180000 Mitglieder
zählende Gewerkverein der Maschinenbau- und Eisenschiffbaugewerbe von
dem Streite fern hielt, indem der Gewerkverein der Maschinenbauer die
von jener Seite als Bedingung der Beihülfe gestellte Forderung des
Beitrittes ablehnte. Es ist wahrscheinlich, daß jetzt nachträglich eine
Verschmelzung beider Vereine erfolgen wird.
Der 31. $Gewerkschaftskongreß$ ist am 29. August bis 3. September
1898 in $Bristol$ abgehalten; auf demselben waren 159 Vereine mit
1176896 Mitgliedern durch 406 Abgeordnete vertreten. Die Verhandlungen
waren erregter, als gewöhnlich, und hierzu trug insbesondere bei
die Mißstimmung gegen das parlamentarische Komitee wegen nicht
genügender Unterstützung der Maschinenbauer in ihrem Ausstande. Man
machte demselben zum Vorwurfe, daß es nicht wegen dieser wichtigen
Angelegenheit einen besonderen Kongreß einberufen habe, doch wurde ein
Tadelsantrag abgelehnt.
Die durch die Niederlage der Maschinenbauer hervorgerufene
Unzufriedenheit war wohl auch der Grund dafür, daß der in den letzten
Jahren stets abgelehnte sozialistische Antrag, die $Vergesellschaftung
des Bodens$, sowie $aller Produktions- und Umsatzmittel$ zu fordern,
dieses Mal mit 710000 gegen 410000 Summen angenommen wurde, nachdem
man vorher bereits beschlossen hatte, den steigernden Grundwert
durch Steuern für den Staat nutzbar zu machen. Auch in der Wahl des
Kongreßvorsitzenden $O'Grady$, der zu den Neu-Unionisten gehört, fand
diese sozialistische Stimmung Ausdruck. Derselbe bekannte sich in
seiner Eröffnungsrede zu der Auffassung, daß die Arbeiter auch in ihrer
Vereinigung dem vereinigten Unternehmertum nicht gewachsen seien, wie
das Schicksal der Maschinenbauer beweise, und daß man deshalb sich an
der $Politik$ beteiligen müsse, um durch die Macht des Staates die
berechtigten Forderungen der Arbeiter durchzusetzen. Man müsse ohne
Anlehnung an die bestehenden Parteien nur solche Kandidaten wählen, die
sich verpflichteten, das trade-unionistische Programm zu vertreten.
Außerdem seien Diäten für die Abgeordneten, Einführung der Stichwahl
und das allgemeine Wahlrecht zu fordern.
Man hat in Deutschland vielfach in diesem Auftreten des Kongresses
einen Uebergang in das sozialistische Lager finden wollen, aber die
Engländer selbst haben es keineswegs in dieser Weise aufgefaßt,
sondern die Beschlüsse lediglich als Ausdruck der augenblicklichen
Unzufriedenheit über den Verlauf des Maschinenarbeiterstreikes
aufgefaßt, die es nicht im geringsten ausschließt, daß die
Gewerkvereine nach wie vor sich auf praktische Politik beschränken.
So wurde das parlamentarische Komitee einfach wiedergewählt,
obgleich es in seinem Berichte sogar den vorjährigen Beschluß über
Bodenverstaatlichung für »schlechterdings unausführbar« erklärt hatte.
Dem Einflusse dieser Meinung ist es auch wohl zuzuschreiben, daß
man der $internationalen Verbindung der Arbeiter$ geneigter war,
als früher. Der betreffende Beschluß lautet: »Um die Arbeiter
der Welt fester zusammenzuschließen, um genauere Informationen
über ihre Stellung und Arbeitsbedingungen zu erlangen, erhält das
parlamentarische Komitee den Auftrag, einen Austausch der verschiedenen
Berichte der Verbände mit denen ähnlicher Verbände im Auslande zu
veranlassen und, wo es möglich ist, zur Veranstaltung internationaler
Kongresse verwandter Gewerbe Beihülfe zu leisten, aber auch in
sonstiger Beziehung zur Konsolidation der internationalen Arbeit
beizutragen.«
Der wichtigste und zwar ebenfalls durch den Maschinenbauerstreik
veranlaßte Punkt der Beratungen war die schon 1897 in Birmingham
behandelte Gründung eines Zentralverbandes der Gewerkvereine ($_General
Federation of Trade Unions_$). Der dort gewählte Ausschuß hatte
einen Plan ausgearbeitet, der sich aber nicht der Billigung der
sozialistischen Richtung erfreute. Diese, und zwar der rechte Flügel,
der in dem Blatte »_The Clarion_« seine Vertretung findet, hatte
einen Gegenentwurf, das $_Clarion-Scheme_$, aufgestellt und sogar,
um denselben durchzusetzen, ein besonderes »$Arbeiterparlament$«
einberufen, das vom 18. bis 20. Juli 1898 in $Manchester$ tagte.
Obgleich die zuerst angegebene Zahl von 750000 Mitgliedern nach den
offiziellen Protokollen auf 428000 zusammenschrumpfte, von denen an
dem zweiten Tage nur noch 200000 an den Verhandlungen teilnahmen,
handelte es sich zweifellos um eine bedeutende Versammlung, aber es
hatten sich auch solche Gewerkvereine beteiligt, die keineswegs der
sozialistischen Richtung zuneigen. Jedenfalls war es verfehlt, daß
man dort bereits die Bildung eines Verbandes vollzog, für den man auf
200000 Mitglieder rechnete, die einen von ihnen selbst festzusetzenden,
aber nicht unter 1 Penny betragenden Wochenbeitrag zahlen sollten.
Unterstützung sollte den beteiligten Vereinen im Falle eines Streiks
dann gezahlt werden, wenn der Verband denselben als berechtigt
anerkenne und wenn mindestens 26 Mk. für jedes Mitglied eingezahlt
seien.
Diese Beschlüsse bedeuteten eine Rücksichtslossigkeit gegen den
Gewerkvereinskongreß, da sie dessen Stellungnahme vorgriffen,
und vielleicht war dies der Hauptgrund, weshalb der Kongreß das
_Clarion-Scheme_ verwarf und den Entwurf seines Komitees annahm. Nach
demselben soll zur Aufrechterhaltung des Koalitionsrechts und zur
Verbesserung der Lage der arbeitenden Klassen ein $Zentralverband
aller Gewerkvereine$ gebildet werden, in dessen Kasse außer einem
Eintrittsgeld von 5 Pf. ein vierteljährlicher Betrag für jedes
Mitglied zu leisten ist, der sich auf 25 oder 50 Pf. beläuft, je
nachdem der Verein der ersten oder der zweiten Klasse angehört.
Dementsprechend wird im Streikfalle eine Unterstützung von 2-1/2
bezw. 5 Mk. wöchentlich gezahlt. Doch sollen Streitigkeiten mit den
Unternehmern in erster Linie durch gütliche Verständigung insbesondere
Schiedsgerichte oder ständige Einigungsämter beigelegt und Streiks nur
dann unterstützt werden, wenn der Verbandsvorstand, in den jeder Verein
zwei Vertreter sendet, seine Genehmigung dazu erteilt hat, auch der
Verein mindestens ein Jahr dem Verbande angehört. Aber obgleich der
Kongreß so grundsätzlich die Gründung beschloß, so glaubte man doch
zur entgültigen Erledigung der wichtigen Sache nicht die nötige Zeit
zu besitzen, und so wurde das parlamentarische Komitee beauftragt, im
Januar 1899 nach Manchester einen besonderen Kongreß für diesen Zweck
einzuberufen.
Die übrigen Beschlüsse waren zum Teil alte Bekannte, z. B. die
Forderung des Achtstundentages, die Forderung, daß Armenunterstützung
nicht den Verlust der bürgerlichen Rechte zur Folge haben soll, die
Besoldung der Fabrikärzte durch den Staat, die Bewilligung von Diäten
für die Parlamentsmitglieder und das allgemeine Wahlrecht für alle
erwachsenen Männer, Revision des Verschwörungsgesetzes und Erweiterung
des Haftpflichtgesetzes, insbesondere Verbot des _contracting out_
d. h. der vertragsmäßigen Ausschließung der Haftpflicht. Ebenso
forderte man von neuem, daß die Regierung Arbeiten nur an solche
Unternehmer vergeben solle, die angemessene, insbesondere die vom
Gewerkverein festgesetzten Löhne (_fair wages_) zahle. In der gleichen
Weise erledigte man den Antrag auf zwangsweise Einführung von
Schiedsgerichten, indem man verlangte, es sollten Regierungsarbeiten
nur solchen Unternehmern gegeben werden, die sich einer
schiedsgerichtlichen Erledigung in Streitfällen unterwerfen. Andere
Beschlüsse forderten das Verbot der Beschäftigung ungelernter Arbeiter
an Maschinen und des Abzugs der Strafen vom Lohne, die Einführung des
Achtuhr-Ladenschlusses und Verbesserung der Arbeiterschutzgesetze.
Auf dem Kongresse waren außer Vertretern der amerikanischen und
australischen Gewerkschaften sowie zwei Japanern auch Abgesandte der
englischen $Genossenschaften$ (_cooperative societies_) zugegen,
und ein wichtiger Teil der Verhandlungen bezog sich auf die
Herbeiführung eines engen Zusammenschlusses zwischen Gewerkschaften und
Genossenschaften, insbesondere in der Weise, daß letztere nur die von
den ersteren gearbeiteten Waren umsetzen und dagegen die Mitglieder der
Gewerkschaften ihre Waren von den Genossenschaften beziehen. Allerdings
verlangte man auf dem Kongresse auch, daß die Genossenschaften ihren
Angestellten die von den Gewerkschaften festgesetzten Löhne zahlen und
den Achtstundentag einführen sollten. Bindende Beschlüsse wurden nicht
gefaßt.
Der letzte Punkt der Verhandlungen des Kongresses betraf die Schaffung
eines gemeinsamen $Gewerkvereinsblattes$, doch wurde dieselbe
abgelehnt, wie es scheint, aus dem Grunde, weil ein Teil der Vereine,
insbesondere die sozialistischen, dem parlamentarischen Komitee, mit
dessen Geschäftsführung sie unzufrieden waren, nicht ein solches
Machtmittel in die Hand geben wollten. Nachträglich ist der Plan
dennoch verwirklicht, indem das Parlamentsmitglied F. $Maddison$ seit
1. Oktober 1898 ein Blatt unter dem Titel: »_The Trade Unionist_«
herausgiebt, das sich nach seiner Programmnummer in der That in
entschiedenen Gegensatz zu den sozialistischen Bestrebungen stellt, den
Standpunkt des Klassenkampfes als falsch bekämpft und für friedliche
Verständigung, sowie für Organisation von Arbeitern und Unternehmern,
als im beiderseitigen Interesse liegend, eintritt. An demselben sind
die hervorragendsten Gewerkschaftsführer dieser Richtung beteiligt.
Das Programm, welches die Gewerkvereine für die nächste Zukunft
verfolgen wollen, ist in der Eingabe (_charte_) aufgestellt, welches
das parlamentarische Komitee, nachdem es zuvor die Ansichten der
einzelnen Verbände eingeholt hatte, dem Ministerium eingereicht hat,
und das auch jedem Parlamentskandidaten zur Erklärung vorgelegt
werden soll. Es enthält folgende Forderungen: 1. Erleichterung und
Verallgemeinerung des Wahlrechts; 2. volle Besteuerung des Grund und
Bodens; 3. Diäten für die Parlamentsmitglieder; 4. Ausdehnung des
Haftpflichtgesetzes auf alle Gewerbe zu Lande und zur See; 5. bessere
Durchführung der _fair-wages_-Resolution; Lohnminimum von wöchentlich
24 sh. in allen Staatsbetrieben; 6. Achtstundentag für die Bergleute;
7. amtliche Erhebungen über Maßregelung von Bergleuten wegen ihrer
Beteiligung an Gewerkvereinen; 8. Schutzgesetz für Dampfmaschinen- und
Kesselarbeiter. In einem Teile der Presse wird gegen dieses Programm
der Vorwurf erhoben, daß es sehr wichtige Forderungen, wie z. B. die
weitere Beschränkung der Kinderarbeit, nicht enthalte.
Der in Bristol beschlossene $außerordentliche Gewerkschaftskongreß$
hat vom 24. bis 26. Januar 1899 in $Manchester$ stattgefunden
unter Beteiligung von 280 Abgeordneten, die zusammen rund eine
Million Mitglieder vertraten. Anfangs schien es schwierig, eine
Verständigung zu erreichen, da die Ansichten sich insofern schroff
gegenüberstanden, als mehrere größere Verbände, insbesondere die
Bergarbeiter (_miners federation_) -- die Vertreter von Durham waren
überhaupt nicht erschienen -- einen ganz losen Zusammenschluß wollten,
der die einzelnen Verbände möglichst wenig in ihrer Selbstständigkeit
beschränken sollte, während die kleineren Verbände umgekehrt eine
straffe Zentralisation begünstigten. In Verbindung hiermit stand die
weitere Frage, ob der Bund nur eine Vereinigung der Zentralverbände
sein und deshalb die einzelnen Vereine nur insoweit ihm beitreten
könnten, wie sie dem Zentralverbande ihres Gewerbes angehören, oder ob
von einer solchen Vorbedingung Abstand genommen werden sollte. Bei der
Abstimmung über den ersten Paragraphen des Statutes zeigte sich aber
sofort, daß die föderalistischen Bestrebungen sich in der Minderheit
befanden, denn die Gründung eines Gesamtverbandes unter dem Namen
$_General Federation of Trade Unions_$ wurde mit 756000 gegen 204000
Stimmen angenommen.
Als $Zweck$ des Verbandes ist bezeichnet, das Recht der
Arbeiterorganisationen zu wahren, die allgemeine Lage der Arbeiter und
ihre soziale Stellung in jeder Richtung zu heben durch eine Politik,
die ihnen die Macht verschafft, die wirtschaftlichen und sozialen
Bedingungen zu bestimmen, unter denen sie arbeiten und leben sollen,
die Zusammenfassung der Arbeiterklasse als Ganzes und die Herstellung
eines einheitlichen Vorgehens seitens aller am Bunde beteiligten
Gewerkschaften. Der $prinzipielle Standpunkt$ ist dahin festgelegt, daß
als Aufgabe aufgestellt ist die Förderung des sozialen Friedens und die
Verhinderung von Ausständen und Aussperrungen zwischen Arbeitern und
Unternehmern, sowie von Streitigkeiten zwischen den einzelnen Gewerben
und Organisationen durch alle Mittel freundschaftlicher Beilegung,
wie Einigung, Vermittelung, Schiedsspruch oder die Errichtung fester
Schiedsämter. Bei Ausbruch von Zwistigkeiten soll auf ihre Erledigung
durch ein gerechtes, auf beiderseitiger Gleichberechtigung beruhendes
Verfahren hingewirkt werden.
Der Verband soll zur gegenseitigen Unterstützung und für die
Durchführung der statutenmäßigen Aufgaben einen Fonds ansammeln, zu
dem die Vereine nach Maßgabe ihrer Größe vierteljährlich 3 bezw. 6
Pence und daneben ein Eintrittsgeld von 1 Penny für jedes Mitglied zu
zahlen haben. Vereine, die dem Bunde später beitreten, haben außerdem,
falls sie bereits jetzt bestehen, 10 %, falls sie aber erst später
gegründet werden, 5 % des auf den Kopf entfallenden Bundesvermögens
beizusteuern. Dafür zahlt die Bundeskasse bei Streiks einen Zuschuß
von wöchentlich 2 sh. 6 p. bezw. 5 sh. für jedes Mitglied, jedoch erst
seit der zweiten Woche. Bei Eintrittsgeldern und Beiträgen sowie bei
dem Streikzuschusse werden nur 90 % des Mitgliederbestandes in Ansatz
gebracht. Uebrigens hat der Bundesausschuß darüber zu bestimmen, ob
er den Unterstützungsfall als gegeben ansieht, auch steht ihm nach
achtwöchiger Dauer oder nach den Umständen schon früher das Recht zu,
zu entscheiden, ob die Fortsetzung des Kampfes Vorteil verspricht.
Kein Verband wird unterstützt, der nicht ein Jahr lang seine Beiträge
bezahlt hat und nachweisen kann, daß er die Mittel hat, 10 % seiner
Mitglieder 8 Wochen lang das statutenmäßige Streikgeld zu zahlen.
Die $Organisation$ des Bundes besteht in einem Generalrat (_general
council_), in den die Verbände je nach ihrer Größe (10000, 25000,
50000) 1-4 Vertreter entsenden, und in einem von diesem ernannten
Ausschusse (_management committee_) von 15 Personen, gegen dessen
Entscheidung Berufung an den Generalrat offensteht. Daneben bestehen
Distriktskomitees nach näherer Bestimmung des Generalrates, die an den
Ausschuß regelmäßige Berichte zu erstatten haben. Ueber die Frage, ob
in die Vertretungskörper nur wirkliche (_bona fide_) Arbeiter oder auch
die festangestellten Vereinsbeamten sollten gewählt werden können,
wurde lange gestritten, schließlich aber die letzteren mit 500000 gegen
357000 Stimmen zugelassen. Uebrigens darf in dem Ausschusse jedes
Gewerbe nur durch ein Mitglied vertreten sein. Bei den Verhandlungen
wurde dem Zwecke des Bundes, Streiks nach Möglichkeit zu vermeiden,
mehrfach und von allen Seiten entschieden Ausdruck gegeben.
Das langangestrebte Ziel einer Gesamtorganisation der _trade unions_
ist also jetzt erreicht, denn wenn auch der Beitritt der einzelnen
Verbände von einer Urabstimmung in denselben abhängig gemacht ist, so
kann es doch keinem Zweifel unterliegen, daß die große Mehrzahl sich
dafür erklären wird. Allerdings ist auch eine skeptische Auffassung,
ja eine gewisse Abneigung vertreten, insbesondere bei den großen
Verbänden, die sich stark genug fühlen, um auf eigenen Füßen zu
stehen und jetzt eine Einmischung des Bundes in ihre Angelegenheiten
befürchten, so daß als Träger der Bewegung gerade die kleineren
Verbände anzusehen sind. Die Frage, ob der Bund eine Zukunft haben
wird, ist vorwiegend dadurch bedingt, ob seine Leitung es verstehen
wird, die Selbständigkeit der Verbände soweit zu schonen, daß sie hier
nicht auf Widerstand stößt, ohne doch ihren allgemeinen Pflichten etwas
zu vergeben. --
Nachdem wir im Vorstehenden die $äußere Entwicklung$ des
Trade-Unionismus zusammenhängend zur Darstellung gebracht haben,
verbleibt noch einiges über deren $Wirksamkeit im einzelnen$ zu sagen.
Die Thätigkeit der Gewerkvereine richtet sich natürlich in erster Linie
auf die beiden Hauptpunkte des Arbeitsvertrages: den $Arbeitslohn$
und die $Arbeitsdauer$. Die letztere ist in England wesentlich kürzer
als in Deutschland. Für weibliche Personen ist sie schon seit 1847
gesetzlich auf 10 Stunden festgesetzt, und dies hat wesentlich dazu
beigetragen, sie auch für Männer abzukürzen. Sie beträgt für diese
durchschnittlich 9-9-1/2 Stunden; Sonnabends schließen die Fabriken
schon am frühen Nachmittage (_half holy day_). Aus diesem Grunde
stehen Kämpfe um die Arbeitsdauer nicht in der Art im Vordergrunde
der gewerkschaftlichen Thätigkeit, wie in Deutschland, und sie treten
zurück gegen solche über den Arbeitslohn.
Aber auch auf diese üben die G.-V. einen besänftigenden Einfluß.
Soweit nicht durch die automatisch wirkende Regelung der gleitenden
Skala eine feste Ordnung geschaffen ist und deshalb die Verständigung
von Fall zu Fall erfolgen muß, hat man verschiedene Systeme des
$Einigungsverfahrens$, die man als $_negotiation_$, $_conciliation_$
und $_arbitration_$ bezeichnet. Der erstere Ausdruck bedeutet die
Verhandlungen, die im Falle eines ausgebrochenen oder wenigstens schon
drohenden Streikes unter den beiden Sekretären, dem des G.-V. der
Arbeiter und dem des G.-V. der Arbeitgeber, eingeleitet werden. Führen
diese nicht zum Ziele, so tritt der $_board of conciliation_$, das
Einigungsamt in Thätigkeit. Dasselbe wird gebildet durch eine gleiche
Anzahl Vertreter, welche auf seiten der Arbeiter und der Arbeitgeber
gewählt werden und zerfällt in einen Ausschuß ($_joint committee_$),
dem nur eine kleine Anzahl von Mitgliedern angehören und vor dem
insbesondere die Streitigkeiten »individueller« Natur, d. h. die ein
bestehendes Vertragsverhältnis betreffenden, soweit sie nicht bereits
durch die Sekretäre beigelegt sind, zur Entscheidung kommen, und die
Vollversammlung ($_full board_$), in welcher die sog. Grafschaftsfragen
d. h. die allgemeinen Verhältnisse des Gewerbes und deren Regelung für
die Zukunft erörtert werden. Ist eine Verständigung nicht zu erreichen,
so tritt das Schiedsgericht ($_board of arbitration_$) in Wirksamkeit,
d. h. jede Partei ernennt zwei Schiedsrichter (_arbitrator_), die
ihrerseits einen Obmann erwählen.
Wenn das Einigungsverfahren im Zusammenhange mit der Lohnfrage
erwähnt ist, so bedeutet das nicht, daß die Thätigkeit sich auf diese
beschränke, sie umfaßt ebenso auch die Arbeitsdauer und die Regelung
der sonstigen Arbeitsbedingungen. Ebenso ist nicht gesagt, daß stets
alle Formen zur Anwendung kommen, daß insbesondere beim Scheitern der
Verständigung unter allen Umständen das schiedsrichterliche Verfahren
eingeschlagen wird. Jedenfalls ist die ganze Einrichtung, die sich als
äußerst segensreich erwiesen hat, nur denkbar auf der Unterlage der
$beiderseitigen Organisation in G.-V.$, denn daß die Frage, ob das
Ergebnis der beiderseitigen Verhandlungen gerichtlich erzwingbar sei,
bis jetzt in England in der praktischen Bedeutung ganz zurückgetreten
ist, hat allein darin seinen Grund, daß die Verhandlungen zwischen
Organen geführt werden, die eine zu hohe Stellung in der öffentlichen
Achtung einnehmen, als daß sie sich der Anerkennung des einmal
ordnungsgemäß geschaffenen Zustandes frivol entziehen könnten, und
die einen so großen Einfluß auf ihre Mitglieder ausüben, daß sie
deren Folgeleistung sicher sind. Aber selbst in dem Falle, daß einmal
ein gerichtlicher Zwang nötig werden sollte, giebt insbesondere
hinsichtlich der Arbeiterorganisationen deren angesammeltes, nicht
unerhebliches Vermögen einen Rückhalt, auf den bei der Vollstreckung
gegriffen werden kann und den die Mitglieder nicht im Stiche lassen.
Einen anderen Teil der Thätigkeit des G.-V. der Arbeiter bildet der
Kampf gegen die Mittelmänner (_sweating system_), d. h. Personen,
welche die Arbeit von dem Arbeitgeber übernehmen und sie auf ihre
Rechnung von Arbeitern ausführen lassen, diese aber dabei meist in der
nichtswürdigsten Weise aussaugen.
Ist ihre Wirksamkeit hier von erheblichem Erfolge begleitet gewesen,
so sind sie dagegen in ihrem Kampfe gegen die $Accordarbeit$ im
wesentlichen unterlegen. Man wirft derselben vor, daß sie insofern
für den Arbeiter ungünstig sei, als sie ihn zu einer ungesunden
Anspannung seiner Kräfte anreize, daß dadurch aber ein Ueberschuß an
Arbeitskräften hervorgerufen werde und daß selbst der beschäftigte
Arbeiter nicht einmal selbst Vorteil habe, indem der Arbeitgeber,
sobald tüchtige Arbeiter einen erheblichen Verdienst erzielten, den
Lohnsatz herabsetze. Trotz dieser Angriffe ist jedoch die Stücklöhnung
noch die überwiegend übliche Form geblieben.
Eine wesentliche Aufgabe der G.-V. ist ferner die Fernhaltung der
$Arbeitslosigkeit$. Dies ist, wie hervorgehoben, eine Hauptrücksicht
bei der Bekämpfung der Stücklöhnung und ebenso bei den Bestrebungen
auf Herabsetzung der Arbeitsdauer, insbesondere durch Verbot der
Ueberarbeit. Man hat aber vor allem für eine vorzügliche Regelung des
$Arbeitsnachweises$ gesorgt, der vielfach auch von den Arbeitgebern
benutzt wird, und ebenso giebt man bei Arbeitslosigkeit nicht allein
Wandergelder, -- die früher üblich gewesene Reisekarte, die das
Recht auf Unterkunft und Verpflegung gewährte, ist wegen Mißbrauches
außer Uebung gekommen -- sondern vor allem erhält das ohne seine
Schuld arbeitslos gewordene Mitglied eine $Unterstützung$, deren
Höhe verschieden ist und sich bei Personen, die als Führer von
Arbeiterbewegungen gemaßregelt sind, häufig auf die volle Höhe des
Lohnes, z. B. bei den Maschinenbauern auf etwa 2000 Mk. beläuft. Auch
die Dauer der Unterstützung ist verschieden, meist wird sie für eine
Zeit von drei Monaten bis zu einem Jahre gewährt.
Ein weiteres Ziel ist die Herstellung $gesunder Arbeitsräume$ und die
Schaffung ausreichender $Schutzvorrichtungen$; in dieser Richtung wird
teils unmittelbar auf die Arbeitgeber, teils auf die Gesetzgebung
einzuwirken gesucht.
Von größter Bedeutung Sind die von den G.-V. ins Leben gerufenen
$Unterstützungseinrichtungen$ für die verschiedensten Lebensschicksale,
die um so wertvoller sind, als auf diesem Gebiete staatlicherseits in
England bisher nichts geschehen ist. Allerdings bestehen auch freie
Hülfskassen, die _friendly societies_, denen jeder beitreten kann, aber
der Schwerpunkt liegt doch ganz überwiegend in der Thätigkeit der G.-V.
Die hauptsächlichsten Formen der Unterstützung sind folgende:
1. $Sterbe$- und $Begräbnisgeld$; es ist die älteste Form der Beihülfe
und findet sich in allen Vereinen. Die Höhe beträgt im Durchschnitt
etwa 200 Mk.; zuweilen wird es beim Tode nicht bloß des Arbeiters
selbst, sondern auch der Familienangehörigen gezahlt.
2. $Krankengeld$. Es beträgt meist wöchentlich etwa 10 Mk. und wird
13-25 Wochen lang gezahlt; daneben wird meist Arzt und Apotheke
bezahlt, doch ist die Einrichtung nicht so allgemein, wie das
Sterbegeld.
3. Die $Altersrente$. Sie ist nicht so häufig und meist niedriger als
das Krankengeld. Das Recht auf dieselbe setzt ein gewisses Alter, meist
60 Jahre, und eine gewiße Dauer, meist 30-40 Jahre, der Mitgliedschaft
voraus. Zuweilen wird eine einmalige Abfindungssumme gezahlt, z. B. bei
den Eisenbahnarbeitern 400 Mk.
4. $Invalidenrente$, indem nicht ein bestimmtes Alter, sondern der
Eintritt der Arbeitsunfähigkeit den Anspruch auf Rente begründet.
5. $Unfallunterstützung$ findet sich meist nicht als jährliche Rente,
sondern als einmalige Entschädigung von 1000-2000 Mk.