Auf dem Gebiete der Arbeiterorganisation nimmt England zweifellos den
ersten Platz ein. Die Entwickelung ist hier am längsten zu verfolgen
und am weitesten vorgeschritten, und es liegt nahe, anzunehmen, daß
diejenige der übrigen Länder in ihr das Vorbild zu sehen hat, dem sie
gut thut als Ziel nachzustreben, womit es völlig vereinbar ist, daß
sie sich je nach der Eigenart der Völker und ihrer geschichtlichen
Entwickelung verschieden modifiziert.
Ueber den Ursprung der englischen _trade unions_ besteht keine
Uebereinstimmung der Meinungen. Während $George Howell$, dem sich
die ältere Auffassung in England anschloß, in seinem Buche: »_The
conflicts of capital and labour_«, London 1877, sie als Ausläufer der
alten Handwerkergilden betrachtet, wird diese Auffassung von S. und B.
$Webb$ entschieden bekämpft, die vielmehr den Ausgangspunkt in den früh
auftauchenden Genossenschaften von Lohnarbeitern finden wollen.
[2] Die erste erschöpfende Bearbeitung des englischen
Gewerkschaftswesens, die in gewisser Weise noch immer die Grundlage
bildet, sind die Arbeiten von L. $Brentano$, insbesondere seine
»Arbeitergilden der Gegenwart«, Leipzig 1871. In neuester Zeit ist
diesen Arbeiten ergänzend zur Seite getreten das umfassende Buch
von $Sidney$ und $Beatrice Webb$: »Die Geschichte des
Trade-Unionsmus«, London 1874, übersetzt von E. Bernstein,
Stuttgart 1895, A. Dietz. Dieses Werk hat in der deutschen
Litteratur mit Recht die allgemeinste Anerkennung gefunden; die
Verfasser sind selbst Mitglieder der _Fabian Society_, stehen also
auf dem Boden des Sozialismus, wahren sich aber nicht allein einen
durchaus unabhängigen Standpunkt, sondern machen auch aus ihrer
Abneigung gegen die Marxistische Sozialdemokratie so wenig ein
Hehl, daß der Uebersetzer an mehreren Stellen in Anmerkungen ihnen
deswegen Tadel zu teil werden läßt. In der folgenden Darstellung
ist in erster Linie dieses Buch zu Grunde gelegt.
Die sonstige Litteratur ist in dem Aufsatze von L. $Brentano$ »Die
Gewerkvereine in England« im Handwörterbuch der Staatswissenschaften
IV, 7 und den Ausführungen von $Biermer$ im I. und II. Erg.-Bande,
S. 412 u. 440 zusammengestellt.
Seit dem 1. April 1891 erscheint in London das Wochenblatt »_The
Trade Unionist_«.
Seit 1887 werden die amtlichen Labour Statistics »_Statistic tables
and reports on Trade Unions_« herausgegeben, umfangreiche
Blaubücher als Anlagen zum _Labour Correspondent_ (J. $Burnett$).
Besonders wertvoll sind auch die Mitteilungen der von dem _Labour
Department_ der englischen Regierung in der Mitte jedes Monats
herausgegebenen »_Labour Gazette_«, die seit Mai 1893 erscheint
und eine umfassende Statistik aller auf die Arbeiterverhältnisse
bezüglichen Thatsachen bietet. Vergl. außerdem L. $Brentano$:
»Entwickelung und Geist der englischen Arbeiterorganisationen« in
$Braun$: »Archiv für soziale Gesetzgebung und Statistik«, VIII,
S. 75 ff., $Galton$, daselbst, XII, S. 449 ff. Ueber die
Organisationen der Arbeiterinnen vergl. G. $Dyrenfurth$ in
$Brauns$ Arch. VII, 166 ff.
Auch $Brentano$[3], ebenso wie $Schanz$[4] sehen das Vorbild der _trade
unions_ nicht in den Gilden, sondern in den Arbeiterbrüderschaften.
Solche Vereinigungen von Handwerksgesellen, ähnlich den deutschen
Gesellen- und Bruderladen, finden wir in England wie in den meisten
übrigen Kulturländern schon im Mittelalter, aber überall stehen diese
Bildungen im Gegensatze zu der Gesetzgebung, die häufig mit strengen
Strafbestimmungen gegen sie einschreitet. Aus diesem Grunde hüllen sie
ihre Thätigkeit regelmäßig möglichst in Dunkel, und es ist deshalb
über sie wenig bekannt. Die Zeit, über die wir besser unterrichtet
sind, beginnt erst mit dem im Jahre 1562 durch die Königin Elisabeth
erlassenen sog. $Lehrlingsgesetze$, dessen Bestimmungen für das
Verständnis der damaligen gewerblichen und sozialen Verhältnisse von
dem größten Interesse sind. Vorbedingung für den Betrieb eines Gewerbes
ist eine 7 jährige Lehrlingszeit. Die Anzahl der von einem Meister
angenommenen Lehrlinge darf die der von ihm beschäftigten Gesellen
höchstens um zwei übersteigen. Die Arbeitszeit dauert im Sommer 12
Stunden, im Winter von Tagesanbruch bis zur Nacht. $Der Lohn wird
vierteljährlich von den Friedensrichtern und Magistraten festgesetzt$,
doch ist nicht das Zahlen eines geringeren, sondern nur das eines
höheren, als des bestimmten Lohnes mit Strafe für Arbeitgeber und
Arbeiter bedroht; man hatte also nicht, wie heute gefordert wird,
einen $Minimal$-, sondern einen $Maximallohn$. Der Grund hierfür war,
daß, nachdem die Pest im Jahre 1348 die Bevölkerung um ein Drittel
oder gar die Hälfte vermindert hatte, die Arbeitslöhne infolge des
verminderten Angebotes an Arbeitskräften plötzlich außerordentlich in
die Höhe gingen, so daß das Parlament 1349 zu einer besonderen Sitzung
zusammenberufen wurde, um das »Arbeiterstatut« zu erlassen, in welchem
den Arbeitern verboten wurde, höhere Löhne zu fordern, als zwei Jahre
vor Ausbruch der Pest üblich gewesen waren. Das Lehrlingsgesetz behielt
diese Vorschrift bei, und verschiedene dagegen unternommene Aufstände
hatten keinen Erfolg.
[3] Arbeitergilden, Buch I, Kap. III, S. 83.
[4] Zur Geschichte der deutschen Gesellenverbände, Leipzig 1877,
S. 25 ff.
Kann hiernach das Gesetz gewiß nicht als ein arbeiterfreundliches
bezeichnet werden, so wurde doch in den bald folgenden Zeiten der
steigenden industriellen Entwickelung die behördliche Lohnregelung von
den Arbeitern als ein Schutz angesehen, den die meist die Partei der
Arbeitgeber nehmenden Behörden ihnen dadurch zu entziehen suchten, daß
sie sich weigerten, den Anträgen auf Lohnfeststellung Folge zu geben,
und die meisten Arbeiterunruhen aus dem 18. Jahrhundert haben ihren
Grund in der Erbitterung der Arbeiter über den ihnen verweigerten
Schutz. Einzelne Versuche der Gesellen, den Beistand des Parlamentes
anzurufen, gelangen, waren aber ohne nachhaltigen Erfolg. So wurde im
Jahre 1756 auf Antrag der Wollweber der _Woollen Cloth Weavers Act_
erlassen, in dem die Festsetzung der Stücklöhne den Friedensrichtern
übertragen wurde, aber auf Grund von Petitionen der Fabrikanten, die
erklärten, der Konkurrenz gegenüber nicht bestehen zu können, wurde das
Gesetz wieder aufgehoben.
Die frühere Periode der staatlichen Fürsorge wurde gegen Ende
des 18. Jahrhunderts endgültig überwunden infolge der durch das
1776 erschienene berühmte Buch von $Adam Smith$: »_The Wealth of
Nations_« verkündeten und bald allgemein angenommenen Lehre von
der wirtschaftlichen Freiheit, die dahin führte, daß 1813 das
Lehrlingsgesetz von Elisabeth als »schädlich« im vollen Umfange
aufgehoben wurde.
Dieser Grundsatz der Freiheit forderte nach damaliger Auffassung
die Beseitigung aller Vereinigungen, die im stande waren, sie zu
beeinträchtigen und, nachdem schon eine Reihe von Einzelgesetzen für
die verschiedenen Berufe vorangegangen waren, wurde 1799 durch das
Gesetz 39 _Geo. III c._ 81, den _General Combination Act_ allgemein
jede Verbindung verboten und für kriminell strafbar erklärt; dieses
Gesetz wurde auch im folgenden Jahre durch ein neues Gesetz (39 und 40
_Geo. III c._ 60) ausdrücklich bestätigt.
Nun richtete sich freilich das Verbot formell gegen die Arbeitgeber
ebensogut, wie gegen die Arbeiter, aber nicht allein waren gegen sie
nicht, wie gegen die Arbeiter, Gefängnisstrafen, sondern nur geringe
Geldstrafen angedroht, sondern vor allem gelang es niemals, gegen
sie ein Eingreifen des Friedensrichters zu erzielen, so daß ein
Parlamentsbericht von 1824 anerkennen muß, daß sich kein einziger Fall
von Verurteilung eines Arbeitgebers habe nachweisen lassen.
Erschwert wurde die Lage für die Arbeiter noch durch die nach dem
Frieden von 1815 in Verbindung mit dem niedrigen Stande der Preise
einsetzende außerordentliche Herabdrückung der Löhne. Es ist deshalb
begreiflich, daß sich überall Geheimbunde bildeten und Verschwörungen
stattfanden, die mit blutigen Verfolgungen endeten.
In dieser Not erstand den Arbeitern ein Helfer in der Person von
$Francis Plate$, eines Schneidermeisters, der sich nach Aufgabe seines
Geschäftes mit einer bewundernswerten Energie der Aufgabe der Befreiung
der Arbeiterklasse widmete. Ihm in Verein mit dem Parlamentsmitgliede
$Josef Hume$ gelang es im Jahre 1824, im Parlamente ein Gesetz (5 _Geo.
IV c._ 95) durchzubringen, welches alle Koalitionsverbote, insbesondere
die _Combination Laws_ von 1799/1800, aufhob und den gewerblichen
Verbindungen gesetzliche Anerkennung verlieh, indem dieselben nur dann
strafbar sein sollten, wenn sie Gewalt gegen Personen oder Sachen
verübten. Aber die daraufhin einsetzende allgemeine Bildung von
Gewerkvereinen in Verbindung mit erheblichen Lohnsteigerungen riefen
einen Entrüstungs- und Petitionssturm der Unternehmer hervor, und es
schien, als ob es ihnen gelingen würde, das neue Gesetz völlig wieder
rückgängig zu machen. In Wahrheit kam es jedoch nicht hierzu; dasselbe
wurde freilich aufgehoben, aber das neue Gesetz von 1825 (6 _Geo. IV
c._ 129), obgleich es formell das allgemeine Verbot von Verbindungen
wieder herstellte, berührte doch insofern die Interessen der Arbeiter
nicht allzutief, als es von dem Verbote die Verbindungen zum Zwecke der
Regelung der Löhne und der Arbeitszeit ausnahm und so das Recht der
Arbeiter zum Verhandeln über diese Punkte anerkannte. Allerdings bezog
sich dies nur auf Versammlungen, die sich mit den Arbeitsbedingungen
der in der Versammlung anwesenden Personen beschäftigten. Ebenso waren
Vereinbarungen, mit bestimmten Personen nicht zusammen zu arbeiten oder
Jemand zur Niederlegung der Arbeit zu bewegen, strafbar. Die Folgen
dieser gesetzlichen Maßregeln waren auch jetzt wieder Unruhen, die sich
bis zu Mordthaten steigerten.
Zu dieser Ungunst der Gesetzgebung kam noch der mit dem Jahre 1825
einsetzende und bis 1829 dauernde wirtschaftliche Niedergang, der keine
Ausdehnung der Gewerkschaften zuließ; alle von ihnen eingeleiteten
Lohnbewegungen endigten mit völligen Niederlagen.
Die nächste Periode in der Entwickelung der englischen Gewerkvereine
wird beherrscht durch den Einfluß des Fabrikanten $Robert Owen$, des
ersten kollektivistischen Sozialisten, der nach Vereitelung des in
seiner Kolonie New-Harmony in Nordamerika unternommenen Versuches,
ein kommunistisches Gemeinwesen ins Leben zu rufen, seine ganze
Kraft der heimischen Arbeiterbewegung widmete. Aber sein Ziel war
nicht, wie es der Grundgedanke der heutigen _Trade unions_ ist, eine
berufliche Organisation innerhalb jedes einzelnen Gewerbes, sondern
die Zusammenfassung aller Arbeiter ohne Unterschied zu einem $einzigen
umfassenden Verbande$, entsprechend dem Ideale von der gemeinsamen
absoluten Solidarität der Arbeiterinteressen. Dies ist deshalb der
Typus für die Periode von 1829-1834, dessen Unterschied gegen die
heutigen Gewerkvereine schon in dem Namen hervortritt, indem die
damaligen Verbände sich nicht _trade unions_ nannten, sondern ihre
Organisation als _trades union_, also als eine einheitliche Vereinigung
bezeichneten. Den äußeren Abschluß fanden diese Bestrebungen in der
von R. $Owen$ auf dem Kongresse in London am 6. Oktober 1833 ins Leben
gerufenen _Grand National Consolidated Trades Union_, die in kurzer
Zeit eine Mitgliederzahl von mehr als einer halben Million erreichte
und einen wahren Gewerkschaftstaumel einleitete. Die Grundlage bildeten
als Regel Vereine (»Logen«) von Angehörigen desselben Gewerbes, doch
gab es auch »gemischte Logen«. Die Leitung der ganzen Union lag in den
Händen eines Exekutivkomitees, das aus vier Personen bestand und als
Ziel offen den Generalstreik aller Lohnarbeiter ins Auge faßte. In
einzelnen Fällen wurden auch tief eingreifende Arbeitseinstellungen
unternommen. So war infolge einer von den Londoner Gasarbeitern
eingeleiteten Arbeitseinstellung Anfang März 1834 ein Teil der
Hauptstadt einige Tage nachts in völlige Dunkelheit gehüllt.
Es ist begreiflich, daß hiergegen nicht allein die Arbeitgeber alle
Mittel der Abwehr in Bewegung setzten, indem sie hauptsächlich
die Beschäftigung der Arbeiter davon abhängig machten, daß sie
»das _document_ unterschrieben«, d. h. erklärten, der Union nicht
anzugehören, sondern daß auch die staatlichen Behörden sich zum
Eingreifen verpflichtet hielten. Hierzu benutzte man nicht allein den
alten _master and servant act_, auf Grund dessen man Arbeiter wegen
Niederlegung der Arbeit zu Gefängnisstrafen verurteilte, sondern
vor Allem richtete man den Angriff gegen eine aus dem Mittelalter
überkommene Gewohnheit der Arbeiterverbände, sich mit allerlei
mystischem und phantastischem Apparate zu umgeben und sowohl bei der
Aufnahme der Mitglieder, wie bei sonstigen wichtigen Vorkommnissen
feierliche Eidesleistungen zu fordern. Gegen diesen Gebrauch brachte
man ein im Jahre 1819 erlassenes Gesetz (37 _Geo. III c._ 123) zur
Anwendung, welches die Abnahme von Eiden seitens eines ungesetzlichen
Vereins mit schweren Strafen bedrohte. Auf Grund dieses Gesetzes
wurden am 18. März 1834 sechs Arbeiter in Dorchester zu sieben
Jahren Deportation verurteilt. Hiergegen leitete die _Grand National
Consolidated Trades Union_ eine allgemeine Arbeiterbewegung ein,
die nicht nur in einer Riesenpetition mit mehr als einer Million
Unterschriften, sondern auch einer am 21. April 1834 ins Werk gesetzten
Prozession vor das Parlamentshaus, an der 100000 Menschen teilnahmen,
ihren Ausdruck fand.
Aber hinderte man hierdurch zwar den von den Arbeitgebern betriebenen
Erlaß strengerer $gesetzlicher$ Maßregeln gegen das Vereinigungsrecht,
so erwies sich doch die Union nicht als fähig, die Uebermacht der
Unternehmer auf rein $privatem$ Gebiete, zu brechen. Das höchst
wirksame Mittel, welches dieselben anwandten, bestand, wie schon
bemerkt, darin, daß Sie überall durch »Präsentierung des Dokumentes«
die Arbeiter zum Austritte zwangen. $Owen$ selbst sah sich gezwungen,
seine Organisation im August 1834 auf einem zu diesem Zwecke
einberufenen Kongresse aufzulösen und in eine »_British and Foreign
Consolidated Association of Industry, Humanity and Knowledge_«
überzuleiten, deren Ziel die Errichtung einer »Neuen moralischen Welt«
durch die Versöhnung aller Klassen war, von der aber, außer wenigen
mißglückten Versuchen der Gründung von Produktivgenossenschaften,
nichts zu berichten ist.
$Owen$, der hiermit vom Schauplatze abtritt, war, wie gesagt, ein
Vertreter des kollektivistischen Sozialismus und stand $Marx$
ziemlich nahe. Er fand bei seinem Auftreten die Ideen vor, die in
den Jahren nach 1815 die Schriften von $Cobbes$ in die englische
Arbeiterschaft hineingetragen hatten und die sich zusammenfassen
lassen als den Gedanken der Erringung der politischen Macht seitens
der Arbeiterklasse. Dieser politischen Demokratie, die er gering
anschlug, setzte $Owen$ seine »industrielle Demokratie« mit dem
genossenschaftlichen Eigentum und der genossenschaftlichen Kontrolle
der Produktion entgegen. Es war begreiflich, daß nach dem Scheitern des
$Owen$schen Gedankens das politische Ziel wieder in den Vordergrund
trat, daß die Partei der »physischen Gewalt« immer neue Anhänger fand,
mit einem Worte, daß es zu der unter dem Namen der »Chartistenbewegung«
bekannten Schreckenszeit kam, die an Gefahr für alle staatliche
und gesellschaftliche Ordnung weit alles überbot, was jemals der
Sozialdemokratie hat nachgesagt werden können.
Da diese Bewegung, die von 1837 bis 1842 ihren Höhepunkt erreichte,
aber bis 1848 ihren bedrohlichen Charakter bewahrte, durchaus
politischer Natur ist, so fällt ihre Darstellung aus dem Rahmen der
vorliegenden Aufgabe. Es sollen deshalb nur zwei Ereignisse erwähnt
werden, die die oben aufgestellte Behauptung beweisen, nämlich
einerseits die am 15. Juli 1839 seitens der Chartisten unternommene
Plünderung von Birmingham und andererseits die am 10. April 1848
erfolgte Bestellung des Generals Wellington zum Oberbefehlshaber
des Heeres, um den drohenden Angriff von 300000 Chartisten, die
gegen London heranzogen, abzuwehren. Es ist zweifellos festgestellt,
daß damals unter dem Drucke der politischen Erregung nicht allein
sonstige Gewaltthätigkeiten, sondern geradezu Mordthaten von Personen
verübt wurden, die sich sonst bei ihren Mitbürgern der besten Achtung
erfreuten und diese auch ihrer Verurteilung ungeachtet nicht verloren,
indem sie eben als politische Märtyrer angesehen wurden.
Uebrigens bestand hinsichtlich des Verhältnisses zu den _trade unions_
zwischen der Owenistischen und der Chartistenbewegung der große
Unterschied, daß die erstere die _trade unions_ als Gesamtheit in ihren
Bannkreis gezogen hatte, während sie der letzteren in ihrer Eigenschaft
als Vereinigungen durchaus fern standen, womit vereinbar ist, daß
manche ihrer Mitglieder für ihre Person zugleich eifrige Chartisten
waren.
Kann man in gewissem Sinne die bisherige Periode der _trade unions_,
die etwa bis 1843 zu berechnen ist, als die $revolutionäre$
bezeichnen, der die etwa mit dem Jahre 1860 beginnende Glanzzeit der
$parlamentarischen$ Periode gegenübersteht, so giebt es zwischen
beiden eine $Periode des Ueberganges$, in der sich die Ideen der neuen
Entwickelung vorbereiten. Indem man alle Pläne sozialer Revolution
aufgab, legte man das Hauptgewicht darauf, Wissen und Kenntnisse
unter der Masse der Arbeiter zu verbreiten und im übrigen sich auf
Maßnahmen rein praktischer Natur zu beschränken. Von der Kampfpolitik
der früheren Zeit ist kaum eine Spur geblieben, insbesondere war
das Mittel des Streiks so in Mißkredit geraten, daß nicht allein
die meisten Verbände ihn völlig aus ihrem Programm beseitigten,
sondern die Loge Portsmouth der Steinmaurer sogar beschloß, das Wort
»Streik« abzuschaffen. An Stelle des Streiks sollte das System der
Einigungsämter und Schiedsgerichte treten. Man betonte nicht allein
den Nutzen eines guten Einvernehmens mit den Arbeitgebern, um die
bestehenden Vorurteile gegen die Arbeiterverbände zu zerstören, sondern
wies vor allem darauf hin, daß die Höhe des Lohnes nicht in dem
Belieben der Unternehmer stehe, sondern dem großen Gesetze von Angebot
und Nachfrage unterworfen sei, daß es deshalb die erste Aufgabe der
Arbeiterschaft sein müsse, das Angebot von Arbeit zu verringern, wofür
man vor allem die Beschränkung der Zahl der Lehrlinge, die Beseitigung
der Ueberzeitarbeit und die Schaffung eines Auswanderungsfonds ins
Auge faßte. Insbesondere die letztere Maßregel fand allgemeinen
Anklang, und in den nächsten 20 Jahren finden wir bei den meisten
_trade unions_ einen Fonds, aus dem man Personen unterstützte, die
zur Auswanderung geneigt waren, bis die Erfahrung bewies, daß nicht
allein die Mittel für einen solchen Zweck nicht entfernt ausreichten,
sondern daß man auch gerade die kräftigsten Elemente der Arbeiterschaft
entfernte, während die schwächeren zurückblieben. Dagegen stammt aus
dieser Periode die segensreiche und auch noch heute anerkannte Politik
der »$lokalen Gewerbeämter$« zur schiedsrichterlichen Beilegung von
Streitigkeiten als Ausdruck des Systems autoritativer Verhandlungen
zwischen den Vertretern des Kapitals und der Arbeit. Die Betonung der
besseren Bildung der Arbeiterschaft, um die sich insbesondere die
allmählich in den Vordergrund des gewerkschaftlichen Lebens tretenden
Bucharbeiter (Buchdrucker und Buchbinder) Verdienste erwarben, führte
zu der immer allgemeineren Bildung von Gewerkschafts-Bibliotheken und
ebenso zu der Gründung von ständigen Gewerkschaftsblättern. »Verschafft
euch Wissen statt Alkohol« -- das ist eine in diesen öfters zu lesende
Aufforderung an ihre Leser.
Hand in Hand mit dieser veränderten grundsätzlichen Haltung ging
eine Umgestaltung der Organisation. Die Gewerkvereine hatten sich
früher nicht nur auf Personen desselben Gewerbes, sondern auch auf
einen bestimmten Ort beschränkt. Aenderte deshalb ein Mitglied seinen
Aufenthalt, so verlor es alle Vorteile seiner bisherigen Mitgliedschaft
und mußte erst an dem neuen Orte wieder einem Vereine beitreten,
der ein hohes Eintrittsgeld forderte. Dazu kam, daß infolge dieses
örtlichen Charakters innerhalb desselben Gewerbes eine ganze Reihe
von Gewerkvereinen bestanden, unter denen es keinen organischen
Zusammenhang gab. Dem half man dadurch ab, daß man nicht allein
Freizügigkeit unter den Vereinen einführte, sondern diese selbst zu
einer höheren Einheit verschmolz, indem man einen Exekutivausschuß und
einen Sekretär einsetzte. Die erste Vereinigung dieser Art war der am
1. Januar 1851 ins Leben getretene Maschinenbauerverein (_Amalgamated
engineers_).
Um den $Streiks$ entgegenzuwirken, erfand man zwei Wege: entweder
übertrug man die Entscheidung dem Exekutivkomitee, d. h. der
Zentralinstanz, so daß rein lokale Einflüsse ausgeschlossen waren,
oder man verlangte zur Einleitung eines solchen die Unterbreitung
unter das Votum der gesamten Mitgliederschaft des ganzen Landes, womit
ein erheblicher Zeitaufschub und eine Abkühlung der erregten Gemüter
gegeben war.
Die $Politik$ suchte man immer entschiedener aus den Bestrebungen der
Gewerkschaften ganz auszuschließen, mit der einzigen Ausnahme der
Beeinflussung des Parlamentes hinsichtlich solcher Gesetze, welche
unmittelbar das Interesse der Arbeiterschaft berühren. Für diesen Zweck
dagegen machte man große Anstrengungen, und so gelang es z. B. im Jahre
1844, als von den Unternehmern versucht wurde, ein Gesetz zustande zu
bringen, durch welches die Friedensrichter ermächtigt wurden, »jede
schlechte Aufführung in Bezug auf das Dienst- oder Arbeitsverhältnis«
mit zwei Monaten Gefängnis zu bestrafen und gegen jeden von seinem
Arbeitgeber verklagten Arbeiter einen Verhaftsbefehl zu erlassen,
durch Protestversammlungen und eine Riesenpetition mit zwei Millionen
Unterschriften diese Gefahr abzuwenden.
Eine eigentümliche Stellung in dieser Periode bezeichnet die »_National
Association of United Trades for the Protection of Labour_«, die von
den vereinigten Gewerkschaften Sheffields, insbesondere unter dem
Beistande des Parlamentsmitgliedes $Duncombe$, eines aristokratischen
Demagogen im guten Sinne, Ostern 1845 auf einer von 110 Vertretern
in London abgehaltenen Versammlung ins Leben gerufen wurde und
eine Reihe von Jahren einen großen Einfluß hatte, obgleich sich ihr
von vornherein gerade die großen Verbände fernhielten. Der Zweck
der Vereinigung war »die Förderung der Interessen der vereinigten
Gewerbe und deren Wohlergehens durch Schlichtung, Schiedsspruch und
Rechtsanrufung sowie durch Förderung aller politischen, sozialen
und erzieherischen Maßregeln, die die Lage der arbeitenden Klassen
zu bessern bestimmt sind«, insbesondere aber die Erringung eines
gerechten Lohnes (_fair wage_). Das Unternehmen knüpfte insofern an
die Pläne $Owens$ an, als es auf eine $Zusammenfassung aller Gewerbe$
Bedacht nahm, doch unterschied es sich von diesen nicht nur durch den
Grundzug der Mäßigung und der Fernhaltung aller anderen, als der rein
gewerkschaftlichen Politik, sondern wollte auch durchaus vermeiden, in
die Angelegenheiten der einzelnen Gewerkschaften einzugreifen. Obgleich
man auch den $genossen$schaftlichen Gedanken $Owens$ aufgriff, wollte
man ihn doch nicht in den Vordergrund stellen und beschloß deshalb auf
der am 28. Juli bis 3. August 1845 in London abgehaltenen Konferenz,
das Unternehmen in zwei Teile zu zerlegen: in eine Vereinigung »zum
Schutze der Arbeit«, welche die Interessen der Arbeiter gegenüber den
Unternehmern und im Parlamente wahrnehmen sollte, und eine solche
»zur Beschaffung von Arbeit«, welche den durch Streik arbeitslos
gewordenen Mitgliedern auf genossenschaftlichem Wege Arbeit verschaffen
sollte. Aber obgleich der Verband auf der im Juni 1846 in Manchester
abgehaltenen und von 126 Vertretern besuchten zweiten Konferenz 40000
Mitgliedern zählte, krankte er doch bald an den Schwierigkeiten,
die sich stets bei Zusammenfassung der Arbeiter aus verschiedenen
Gewerbszweigen ergeben und hauptsächlich in deren widerstreitenden
Interessen liegen; jeder Zweig glaubt sein Interesse zu Gunsten
eines anderen zurückgesetzt, was insbesondere bei Unterstützung von
Streiks sich geltend macht. Ebenso scheiterten die Versuche einer
genossenschaftlichen Organisation der Arbeit, und nachdem $Duncombe$,
der als Leiter dem Unternehmen seine ganze Kraft gewidmet hatte, 1848
infolge geschwächter Gesundheit sich hatte zurückziehen müssen, verlor
der Verband immer mehr an Bedeutung; als Zeitpunkt der formellen
Auflösung wird von $Howell$ das Jahr 1860 bezeichnet.
War der genannte Verband gewissermaßen noch ein Nachzügler der älteren
Periode, so sehen wir dagegen in der genannten $_Amalgamated Society_
of _Engineers_$, die noch heute im Mittelpunkte des gewerkschaftlichen
Lebens Englands steht, den vollen Durchbruch der neuen Anschauungen,
die sich von denen der früheren Zeit wesentlich unterscheiden.
Der Schwerpunkt liegt neben den bereits hervorgehobenen Momenten
hauptsächlich darin, daß die Vereine auf eine breitere Basis, als
die des bloßen gewerkschaftlichen Kampfes, gestellt wurden und das
Ziel ins Auge faßten, den Mitgliedern einen Rückhalt für ihre ganze
wirtschaftliche Existenz zu bieten, insbesondere durch Aufnahme der
Versicherung gegen alle diejenigen Schädigungen, die den Arbeiter
in seiner Lebensführung bedrohen. Diese vielfach angegriffene
»$Kassenpolitik$« hatte allerdings neben Vorzügen auch erhebliche
Mängel. Der wesentlichste Vorzug bestand in der Sicherung eines
festen Mitgliederbestandes, einer Sicherung, die so weit ging, daß
selbst große Streiks mit unglücklichem Ausgange den Bestand des
Verbandes kaum merklich erschütterten. Die Kehrseite dagegen tritt
hervor in einer gewissen Ausschließlichkeit, in der Schaffung einer
$Arbeiteraristokratie$, die sich dadurch behauptet, daß sie eine
tiefere Schicht zu ihren Füßen schafft, auf der sie steht. »Schutz
gegen Eindringlinge« ist ein wesentlicher Programmmpunkt, mit dem man
unmittelbar an die Verhältnisse der höheren Klassen, insbesondere
den Abschluß der studierten Kreise durch Prüfungen, sich anlehnte.
Hiermit war verknüpft eine einsichtsvollere Beurteilung der übrigen
Bevölkerungsklassen; die in der früheren Periode übliche Bezeichnung
derselben als »Müßiggänger«, die Scheidung zwischen »produktiven« und
»unproduktiven« Klassen läßt man fallen und erhebt zum Grundsatz, keine
Forderungen zu stellen, von denen man sich sagen muß, daß der Gegner
sie nicht erfüllen kann.
Das Mittel, dessen die Gewerkschaften bedurften, um zu dieser neuen
Stellung zu gelangen, war ein doppeltes. Einerseits erhoben sie
$Beiträge$ von einer solchen Höhe, wie man sie in Deutschland noch
heute $kaum$ kennt, und andererseits hatte man eine Sorgfalt der
$Geschäftsführung$ nötig, an die man früher gar nicht gedacht hatte.
Damit hängt es zusammen, daß man nicht, wie früher, die Geschäfte der
Verwaltung Arbeitern im Nebenamte übertragen konnte, sondern besondere
Sekretäre mit angemessenem Gehalte anstellen mußte. Es genügten, wie
$Webb$[5] sich ausdrücken, nicht mehr Enthusiasten und Agitatoren,
sondern man bedurfte eine Klasse ständig bezahlter Beamten, die, aus
den Reihen der trade unions selbst hervorgegangen, ausdrücklich auf
Grund ihrer Fähigkeiten zur Geschäftsführung ausgewählt wurden.
[5] A. a. O. S. 163.
Für alles dieses liefert die _Amalgamated Society of Engineers_
den besten Typus. Ihre Entstehung verdankt sie in erster Linie den
beiden um die Entwickelung der _trade unions_ hochverdienten Männern
$William Newton$ und $William Allam$. Der erstere war Mitglied des
»Unterstützungsvereins der Dampfmaschinenarbeiter und Maschinen- und
Mühlenarbeiter«, denen bei der Bewegung die Führung zufiel. Während
$Newton$ in London für die Verschmelzung der bestehenden Vereine thätig
war, richtete =Allam= seine Bemühungen auf die Provinz, insbesondere
Lancashire und Manchester, und suchte die dort bestehende Rivalität
gegen die Hauptstadt zu besiegen. Auf einer im September 1850 in
Birmingham abgehaltenen Konferenz wurde der Plan der Verschmelzung
endgültig beschlossen und am 6. Januar 1851 konnte das Exekutivkomitee
sein Amt endgültig übernehmen. Obgleich der Bestand an Mitgliedern
zunächst nur 5000 betrug, indem eine ganze Reihe von Vereinen sich
zurückhielt, war derselbe doch bis zum Oktober auf 11000 gestiegen,
die mit einem Wochenbeitrage von 1 Shilling eine stärkere Organisation
darstellten, als man sie bis dahin überhaupt gekannt hatte.
Der neue Verein hatte sehr bald seine Feuerprobe zu bestehen, indem
er mit dem ihm gegenüber begründeten Unternehmerverein der »$_Central
Association of Employers of Operative Engineers_$« über die Frage
der Stückarbeit und der Ueberarbeit in einen Kampf verwickelt wurde,
der das höchste Interesse der ganzen Arbeiterschaft erregte. Um
einem Streik zuvorzukommen, schlossen die Unternehmer am 10. Januar
1852 ihre Werkstätten, und obgleich auch die unbeteiligten Kreise,
insbesondere unter dem Einflusse der »$Christlichen Sozialisten$«,
eines im Jahre 1851 gegründeten Vereins, der sich die Aufgabe stellte,
das Publikum zu einer gerechten Würdigung der Arbeiterforderungen zu
veranlassen und hier zum erstenmal energisch in die Arbeiterbewegung
eingriff, über 5000 Pfund beisteuerten, mußten doch die Arbeiter,
nachdem ihr Vorschlag eines Schiedsgerichts abgelehnt war, im April
die Arbeit zu den alten Bedingungen wieder aufnehmen. Aber das
Bedeutungsvolle dieses Kampfes war, daß er trotz seines ungünstigen
Ausganges die Stellung des neuen Verbandes kaum ernsthaft berührte.
Ebenso erwies sich das auch hier wieder zur Anwendung gelangte
Mittel des »Dokumentes« als wirkungslos, denn, obgleich die meisten
Arbeiter in ihrer Notlage dasselbe unterzeichneten, hielten sie
innerlich an ihrem Vereine fest, und selbst hochstehende Personen
bestritten öffentlich die Verbindlichkeit einer solchen erzwungenen
Erklärung. Im Jahre 1861 konnte die Union auf eine Mitgliederzahl
von 22000 und einen Vermögensbestand von 73398 Pfund zurückblicken.
Die Grundlage dieses Erfolges war aber »das wunderbar durchdachte
Finanz- und Verwaltungssystem, das die Union in den Stand setzte, die
Funktionen eines gewerblichen Schutzvereines mit dem einer permanenten
Versicherungsgesellschaft zu verbinden und auf solche Weise eine
finanzielle Stabilität zu erlangen, wie sie vorher nicht geträumt
worden war«[6].
[6] $Webb$, a. a. O. S. 175.
Die Folge dieser Ereignisse war, daß der Union die anerkannte
Führerschaft der englischen Gewerkschaftsbewegung der nächsten
Jahrzehnte zufiel und daß von 1852 bis 1875 kaum eine Gewerkschaft zu
finden ist, die nicht die Einrichtungen der Maschinenbauer als Muster
und Vorbild übernommen hätte.
Einen Hauptgegenstand des Streites zwischen den Arbeitern und den
Unternehmern bildet in dieser Zeit $die Anerkennung der Gewerkschaften
als berufene Vertreter der Arbeiterschaft$. Ließ man die Politik
des »Dokumentes« von jetzt ab fallen, so wollten die Unternehmer
doch durchaus die Befugnis der Gewerkschaften, mit ihnen über die
Arbeiterforderungen zu verhandeln, nicht anerkennen, indem sie sich
ängstlich besorgt zeigten um die Freiheit der Arbeiter, die angeblich
durch die Vereine bedroht würde. Zuerst die Bauarbeiter erreichten in
den Provinzialstädten die Anerkennung von »Arbeitsstatuten« (_Working
rules_), die von den beiderseitigen Vereinigungen der Arbeiter und der
Arbeitgeber bis in die geringsten Einzelheiten festgestellt wurden und
den neuen Grundsatz der $kollektiven Ordnung des Arbeitsverhältnisses$
zur Geltung brachten.
Das Beispiel der Maschinenbauer sich zu »amalgamieren«[7] fand bei
verschiedenen Gewerben Nachahmung, und indem die intelligenten
Generalsekretäre dieser großen Arbeiterverbände durch ihren
gemeinsamen Wohnort in London die Möglichkeit eines engen
Freundschaftsverhältnisses und steten Gedankenaustausches erhielten,
entwickelte sich das System einer eigenartigen Oligarchie. Die
»_Junta_«, die bis zum Jahre 1871 die Führerschaft des englischen
Unionismus in der Hand hatte, bestand aus fünf Personen: $Allam$,
$Applegarth$, $Guile$, $Coulson$ und $George Odger$, von denen
besonders die beiden ersten sich durch eine ungewöhnliche Intelligenz
auszeichneten, während $Odger$ eine sehr wertvolle populäre
Beredsamkeit mitbrachte. $Allam$ richtete seinen ganzen unermüdlichen
Fleiß auf die Schaffung eines außerordentlich sinnreichen, wenn
auch etwas schwerfälligen Systems der Verwaltung und Kontrolle.
»Uebertriebene Vorsicht, bureaukratische Genauigkeit und eine an
Geiz streifende Sorge für Vermehrung der Vereinsgelder gehörten zu
$Allams$ Schwächen, aber zu einer Zeit, wo den »Arbeiteragitatoren«
allgemein Liederlichkeit in Geldsachen und Unfähigkeit zu angespannter
regelmäßiger Thätigkeit vorgeworfen wurde, hatten diese Schwächen
einen äußerst günstigen Einfluß auf die öffentliche Meinung zur
Folge«. »Während $Allam$ danach strebte, den »bezahlten Agitator«
in den verantwortlichen Beamten eines großen Finanzinstituts
umzuwandeln, suchte $Applegarth$ der organisierten _Trade union_
eine anerkannte soziale und politische Stellung zu gewinnen«. »Bei
allen diesen Männern fanden die Verleumder des Trade-Unionismus sich
Personen gegenübergestellt, die bedeutende Charaktereigenschaften und
außergewöhnliche Geschäftskenntnisse mit einem großen Stück jenes
offiziellen Anstandes verbanden, die der englischen Mittelklasse so
imponiert.« »Der Besitz guter Manieren war, obgleich er als eine
Kleinigkeit erscheinen mag, nicht der geringste ihrer Vorzüge. Mit
vollendeter Selbstachtung und Integrität verbanden sie Korrektheit des
Ausdruckes, durchaus vorwurfsfreies Verhalten im Privatleben und eine
bemerkenswerte Abwesenheit von allem, was an die Schenke erinnert.«
»Es war das erstemal in diesem Jahrhundert, daß die Arbeiterbewegung
unter die Leitung kam nicht von Gönnern aus den mittleren und
höheren Klassen, sondern von wirklichen Arbeitern, die für ihre
Stellung speziell vorgebildet waren[8].« Sie hatten kein bestimmtes
Glaubensbekenntnis, sondern standen dem extremen Individualismus der
englischen Radikalen ebenso unbefangen gegenüber, wie der $Marx$schen
Internationale, der $Applegarth$ und $Odger$ eine Zeit lang als
Mitglieder angehörten. Ihre Gewerkschaftspolitik war in der Praxis
darauf beschränkt, allen Arbeitern die Bedingungen zu sichern, die von
den entgegenkommendsten Arbeitgebern freiwillig zugestanden wurden.
[7] Unter _amalgamation_ versteht man die völlige Verschmelzung
verschiedener Berufe zu einer einheitlichen Organisation, während
_federation_ ein bloßes Bündnis selbständiger Vereine bedeutet.
[8] $Webb$, a. a. O. S. 189 ff.
Aber die Thätigkeit der _Junta_ griff über das rein gewerkschaftliche
Gebiet hinaus und umfaßte zugleich eine energische $politische$
Thätigkeit durch Beeinflussung des Parlamentes, und zwar beschränkte
man sich nicht auf Maßregeln, die, wie Erweiterung des Stimmrechtes
und Abschaffung der arbeiterfeindlichen Gesetze, insbesondere des
_Master and Servant Law_, das unmittelbare Interesse der Arbeiterschaft
berührten, sondern man beschäftigte sich auch mit allgemeinen Fragen,
wie der Unterstützung der amerikanischen Nordstaaten in ihrem Kampfe
gegen die Sklaverei und dem Auftreten Garibaldis. Durch diese Betonung
des politischen Elementes stellte sich die _Junta_ in entschiedenen
Gegensatz zu dem alten Unionismus, aus dessen Reihen sie lebhaft
befehdet wurde.
Neben der _Junta_ sind ein wichtiger Faktor in der nächsten
Entwickelungsperiode der _trade unions_, die allmählich in den
meisten größeren Städten ins Leben gerufenen $_trade councils_$,
d. h. gemeinsame Ausschüsse der sämtlichen an dem betreffenden Orte
vertretenen Gewerkschaften, die zuerst nur bei besonderen Vorkommnissen
zum Zweck gemeinsamer Stellungnahme und Beschlußfassung einberufen
wurden, später aber sich zu festen Organisationen entwickelten. Um 1860
gab es solche permanente _councils_ in Glasgow, Sheffield, Liverpool
und Edinburgh; am 10. Juli 1860 wurde dann das Londoner _trade council_
begründet, das bald eine besondere Bedeutung gewann. An demselben waren
zunächst nur die kleinen Vereine beteiligt, bis allmählich auch die
größeren aus ihrer Zurückgezogenheit heraustraten und sich anschlossen.
$George Howell$ und $Odger$ waren die ersten Sekretäre und schon
nach einigen Jahren stand das _council_ völlig unter dem Einflusse
der _Junta_. Uebrigens erhielt dasselbe wertvolle Unterstützung durch
eine Gruppe von jüngeren Anwälten und Schriftstellern, die es sich
zur Aufgabe machten, die berechtigten Forderungen der Arbeiter in den
Zeitungen zu vertreten.
Der Hauptgegenstand der Thätigkeit war die Organisierung einer Bewegung
gegen das _Master and Servant Law_, dessen Bestimmungen aus der in den
Worten ausgedrückten Auffassung des Verhältnisses von Herren zu ihren
Dienern entsprangen und die größte Rechtsungleichheit enthielten.
So wurde der Arbeiter, der vorsätzlich seinen Vertrag brach, mit
Gefängnis bis zu drei Monaten bestraft, während der Arbeitgeber nur auf
Schadensersatz verklagt werden konnte; auch war es bei dem letzteren
zulässig, ihn in eigener Sache als Zeugen zu vernehmen, während der
erstere in Ermangelung ausreichender Beweismittel machtlos war. Gegen
die Entscheidung der Friedensrichter, mochten sie noch so willkürlich
sein, gab es keine Berufung. In einer Anfang 1863 abgehaltenen
Versammlung des Glasgower _trade council_ wurde nachgewiesen, daß in
einem einzigen Jahre 10339 Arbeiter wegen Vertragsbruches bestraft
waren.
Auf Veranlassung der Glasgower Gewerkschaftsführer $Macdonald$ und
$Campbell$ trat im Mai 1864 in London eine $Konferenz$ von Vertretern
der _trade unions_ zusammen, die als erste gemeinsame Beratung
besondere Bedeutung hat. Auf ihre Anregung hin wurde überall eine
Bewegung gegen das verhaßte Gesetz eingeleitet, die den Erfolg hatte,
daß 1867 ein neuer _Master and Servant Act_ (30 u. 31 _Vict. c._ 141)
erlassen wurde, der einen erheblichen Fortschritt darstellte.
Aber schon zog sich ein neues Gewitter gegen die _trade unions_
zusammen. Die Unternehmer hatten, nachdem das »Dokument« bei den
letzten großen Kämpfen der Maschinenbauer und der Bauhandwerker sich
erfolglos erwiesen hatte, ein neues Kampfmittel in der Aussperrung,
dem $_Lockout_$, gefunden und wandten es in der Ausdehnung an, daß
die _trade unions_ im Juni 1866 eine $Konferenz$ nach $Sheffield$
beriefen, an der 138 Vertreter teilnahmen, um gegen diese Angriffe
Schutzmaßregeln zu ersinnen. Man begründete die $_united kingdom
alliance of organised trades_$, die aber, ohne wesentliche Erfolge
erzielt zu haben, 1870 sich wieder auflöste, nachdem die Frage, welche
Fälle im Gegensatz zum Streik als _Lockout_ zu behandeln und demgemäß
zu unterstützen seien, zu steten Streitigkeiten geführt hatte.
Auch andere Kreise, als die Unternehmer, erhoben öffentliche Anklagen
gegen den »Terrorismus der _trade unions_«, und die heute üblichen
Angriffe gegen die gewissenlosen Männer, die, ein nichtsthuerisches
Leben führend, von den Groschen der von ihnen Betrogenen leben, im
Gegensatz zu den Vertretern von Bildung, Talent und Wissen, spielen
auch in der damaligen Zeitschriftenlitteratur eine große Rolle.
Den Funken ins Pulverfaß warf ein Vorgang in $Sheffield$, wo im Hause
eines Arbeiters eine Büchse Schießpulver eine Explosion hervorrief, von
der man behauptete, daß sie ein beabsichtigtes $Attentat$ darstelle,
indem man sich zugleich auf Vorgänge ähnlicher Art bezog, die
gleichfalls in Sheffield in den letzten Jahren vorher sich ereignet
hatten. Von allen Seiten erscholl der Ruf noch einer gründlichen
Untersuchung des Treibens der _trade unions_, und diese selbst
schlossen sich der Forderung an, um den Nachweis zu liefern, daß es
sich um Vorgänge von rein örtlicher Bedeutung handele, für die die
Gewerkschaften als solche durchaus nicht verantwortlich gemacht werden
könnten. Eine im Februar 1867 eingesetzte $königliche Kommission$
erhielt den Auftrag, eine eingehende Untersuchung anzustellen, die
sich nicht auf die Vorgänge in Sheffield beschränken, sondern sich auf
alle innerhalb der letzten 10 Jahre vorgekommenen Gewaltthätigkeiten
erstrecken, auch nicht nur einzelne Vereine, sondern die ganze
Thätigkeit der _trade unions_ umfassen sollte.
Hierzu gesellte sich noch eine weitere Gefahr, die dadurch entstanden
war, daß der oberste Gerichtshof (_Queens Bench_) in einer Entscheidung
im Jahre 1867 dem Gesetze von 1825 eine Auslegung gab, nach welcher die
Gewerkschaften keine Prozeßfähigkeit, also insbesondere nicht das Recht
hatten, gegen ungetreue Kassenverwalter gerichtlich vorzugehen. Dadurch
war das Vermögen der Vereine, das sich bereits auf eine Viertel Million
Pfund belief, schutzlos den Angriffen solcher Personen preisgegeben.
$Applegarth$ berief deshalb Ende Januar 1867 nach $London$ eine
»$Konferenz der amalgamierten Berufe$«, die im wesentlichen aus den
Mitgliedern der _Junta_ und einigen ihnen nahestehenden Freunden
bestand und von 1867 bis 1871 als das eigentliche Kabinett der _trade
union_-Bewegung fungierte.
Eine wirksame Unterstützung leisteten auch in dieser schweren Zeit die
bereits erwähnten »Christlichen Sozialisten« insbesondere $Frederic
Harrison$ und der Professor $Beesly$. $Webb$[9] äußern sich dahin: »Es
würde schwer halten, den Eifer und die geduldige Ergebenheit dieser
Freunde des Trade-Unionismus und die Dienste, die sie demselben in der
Stunde der Not geleistet haben, zu übertreiben.« Unterstützt wurden die
Bestrebungen der _trade unions_ auch durch die im Jahre 1850 gegründete
$Gesellschaft zur Förderung der Staatswissenschaften$, die 1860 einen
aus den hervorragendsten Sozialpolitikern gebildeten Ausschuß zur
Untersuchung der Thätigkeit der _trade unions_ einsetzte.
[9] A. a. O. S. 216.
Die Verhandlungen vor der $königlichen Kommission$ bedeuteten
einen vollen Sieg der Gewerkschaften. Die Kommission stellte fest,
daß selbst in Sheffield vier Fünftel der dortigen Vereine sich an
keinerlei Gewaltthätigkeiten beteiligt hätten, diese vielmehr ganz
überwiegend von nicht organisierten Arbeitern ausgegangen seien.
Allerdings stellte sich der Bericht keineswegs unbedingt auf die
Seite der _trade unions_, insbesondere versuchte er darzulegen, daß
derartige Vereinigungen den Arbeitern keinen wirklichen ökonomischen
Vorteil brächten, aber trotzdem empfahl er, ihnen unter gewissen
Voraussetzungen durch Anmeldung bei einer Registerbehörde gesetzliche
Anerkennung zu gewähren. Diese Voraussetzungen waren die Beseitigung
von Bestimmungen über die Lehrlingszahl, des Verbotes der Stückarbeit
und der Zwischenkontrakte, sowie der gegenseitigen Unterstützung
in Streikfällen. Während das Gesetz von 1825 die Verbindungen, die
sich auf die Frage des Lohnes und der Ueberstunden beschränkten, von
dem Makel der Ungesetzlichkeit ausnahm, empfahl die Kommission für
die Zukunft, nur solche Vereine für ungesetzlich zu erklären, die
geschaffen würden, um Handlungen zu vollführen, die einen Kontraktbruch
enthalten oder zum Zweck der Weigerung, mit einer bestimmten Person
zusammen zu arbeiten.
Die $Minderheit der Kommission$ ging in dem von ihr erstatteten
Sonderberichte noch weiter und stellte den Satz auf, der für die
nächste Zeit den Mittelpunkt der politischen Bestrebungen der
Gewerkschaften bildet, daß keine von einem Arbeiter begangene Handlung
strafbar sein solle, die nicht ebenso strafbar sei, wenn sie von
einem Anderen begangen werde, und daß keine von einer Verbindung von
Arbeitern ausgeführte Handlung als strafbar angesehen werden solle, die
nicht strafbar sei, wenn sie von einer Einzelperson vorgenommen werde.
Von diesem Berichte der Kommission datiert ein neues Stadium in
der Stellungnahme der öffentlichen Meinung gegenüber den _trade
unions_, die sich insbesondere auch in den Leitartikeln der Presse
wiederspiegelt. Auch große Unternehmer, wie $Brassey$, äußerten sich
öffentlich dahin, daß die Gewerkschaften erzieherisch auf die Arbeiter
einwirkten, und daß ihre Thätigkeit die Kosten der Produktion nicht
erhöhe, sondern vermindere.
Die Führer verfehlten nicht, diesen Sieg auszunutzen, und Anfang 1869
arbeitete der christlich-soziale $Harrison$ einen Gesetzentwurf aus,
den die Parlamentsmitglieder $Hughes$ und $Mundella$ im Parlamente
einbrachten, und obgleich er nicht ohne weiteres zur Annahme gelangte,
erklärte doch die Regierung sich bereit, im nächsten Jahre ihrerseits
ein Gesetz vorzulegen.
In der That brachte sie im Jahre 1871 einen $Gesetzentwurf$ ein,
durch den die bisherigen Angriffe gegen die Gewerkschaften, soweit
sie sich auf ihre angebliche Beschränkung der Freiheit des Gewerbes
bezogen, künftig ausgeschlossen sein sollen. Jeder Verein sollte das
$Recht der Registrierung$ haben, sobald seine Statuten nicht gegen das
Strafgesetz verstießen. Aber obgleich die Vorlage von den Unternehmern,
als den Wünschen der _trade unions_ zu weit entgegenkommend, wütend
angegriffen wurde, enthielt sie Bestimmungen, welche für die letzteren
sehr bedenklich waren: Es sollte nämlich jede Gewaltanwendung, Drohung
oder Belästigung, die zu dem Zwecke verübt wurde, auf die Unternehmer
oder Arbeiter einen Zwang auszuüben, streng bestraft werden. Die
unbestimmten Ausdrücke der früheren Gesetze, wie »belästigen, hemmen,
drohen, einschüchtern« waren wieder aufgenommen; das Ausstellen von
Piketts, das andauernde Hinterhergehen oder Beobachten von Personen und
selbst das friedliche Zureden, sich einer Vereinigung anzuschließen,
war ausdrücklich verboten. Aber obgleich die Gewerkschaftsführer nicht
verfehlten, alle Fälle, in denen die Anwendung dieser Bestimmungen zu
großen Härten geführt hatten, zu sammeln und geltend zu machen, und
obgleich die Gewerkschaften selbst in zahlreichen Versammlungen dagegen
protestierten, daß irgend eine Handlung, die sonst nicht strafbar sei,
dies dadurch werden solle, daß sie zur Förderung der Arbeiterinteressen
vorgenommen werde, gelang ihnen doch nichts Weiteres, als daß sie die
Zerlegung des Entwurfes in zwei Teile durchsetzten, von denen der eine
unter dem Namen $_Trade Unions Act_$ die Gewerkschaften legalisierte,
während der andere unter dem Titel »$_Criminal Law Amendment Bill_$«
sich als eine Ergänzung des allgemeinen Strafrechtes darstellte. Beide
Gesetze wurden 1871 erlassen.
Die Bewegung, die durch diese Ereignisse in der Arbeiterwelt
hervorgerufen wurde, führte übrigens zu einer wichtigen Neugestaltung
der gewerkschaftlichen Organisation, nämlich zu der Schaffung jährlich
wiederkehrender allgemeiner $Gewerkschaftskongresse$. Dieselben
haben ihren Ursprung genommen von den _trades councils_. Wir haben
bereits die im Mai 1864 in London und die im Juni 1866 in Sheffield
abgehaltenen Konferenzen erwähnt, die gewissermaßen als Vorläufer zu
betrachten sind. Aber der Gedanke, jährlich wiederkehrende Kongresse zu
berufen, ging aus von den _trades councils_ von Manchester und Salford,
die im April 1868 ein Cirkular erließen, durch das sie alle bestehenden
_trade unions_ zu einem Pfingsten 1868 in $Manchester$ abzuhaltenden
Kongresse einluden. Derselbe war von 34 Abgeordneten als Vertretern von
118000 Mitgliedern besucht und bestimmte $Birmingham$ als Ort des im
folgenden Jahre abzuhaltenden 2. Kongresses. Derselbe tagte im August
1869 und konnte bereits die Zahl von 48 Abgeordneten als Vertreter
von 250000 Mitgliedern aufweisen; dort wurde auch zuerst das später so
wichtig gewordene $parlamentarische Komitee$ eingesetzt.
Aber während diese Bewegung von der Provinz ausging, fand sie bei
der Londoner Junta eine unfreundliche Aufnahme. An dem Kongreß in
Manchester nahm außer dem in scharfer Opposition zu der Junta stehenden
$Potter$ kein einziger Londoner Vertreter teil, und in Birmingham waren
freilich $George Howell$ und $Odger$ zugegen, weigerten sich aber, in
das parlamentarische Komitee einzutreten. Obgleich hier beschlossen
wurde, den nächsten Kongreß 1870 in London abzuhalten, unterließen
es doch die Londoner Führer, ihn einzuberufen. Erst unter dem Drucke
der oben mitgeteilten Ereignisse vollzog sich ein Umschwung, und so
bildet der im März 1871 in $London$ abgehaltene Kongreß den ersten, an
dem die eigentlichen Führer der Bewegung teilnahmen. Dieser Umschwung
erhielt auch äußerlich dadurch seinen Ausdruck, daß die im Januar 1867
begründete »Konferenz der amalgamierten Berufe« sich im September
1871 zu Gunsten des parlamentarischen Komitees auflöste, indem die
Führer $Applegarth$, $Allam$, $Powell$, $Odger$ u. a. in das letztere
eintraten.
Den hauptsächlichsten Gegenstand der gewerkschaftlichen Thätigkeit
bildet in den nächsten vier Jahren die Bewegung für Abschaffung
der _Criminal Law Amendement Bill_. Man berief sich insbesondere
auf die Dehnbarkeit der in derselben enthaltenen Ausdrücke und die
Ungerechtigkeit, daß entsprechende Maßregeln der Unternehmer, wie
»schwarze Listen« und »Führungszeichen«, nicht strafbar waren, und
nachdem im Dezember 1872 verschiedene Londoner Gasheizer auf Grund des
Gesetzes mit 12 Monaten Gefängnis bestraft waren, stellte man überall
die bestimmte Forderung auf, alle auf die gewerkschaftlichen Kämpfe
bezüglichen besonderen Strafbestimmungen zu beseitigen.
Der Kongreß von $Sheffield$ 1874, auf dem 1191922 organisierte Arbeiter
vertreten waren, zeigt uns den Einfluß der hervorgerufenen Entrüstung
auf das Wachstum der Gewerkschaften.
Das Mittel, um zu einem Erfolge zu gelangen, boten die für das
Jahr 1874 bevorstehenden $Parlamentswahlen$, indem man überall den
Kandidaten der beiden großen Parteien die Frage nach ihrer Stellung
zu jener Forderung vorlegte. Während nun die Liberalen sich durchaus
ablehnend verhielten, stellten sich die Konservativen auf Seiten der
Gewerkschaften, und so gelang es ihnen mit Hülfe der letzteren, einen
entscheidenden Sieg zu erringen. An einigen Orten hatte man auch eigene
Arbeiterkandidaten aufgestellt. Die _Labour representation league_
hatte schon 1869 mit der Aufstellung $Odgers$ den ersten Versuch dieser
Art gemacht, und 1871 gelang es, von 13 Kandidaten wenigstens zwei
durchzusetzen, so daß $Alexander Macdonald$ und $Thomas Burt$ als
erste Arbeiterabgeordnete in das Parlament einzogen.
Die konservative Regierung löste denn auch ihr Wort ein, und so
wurde 1875 die $_Criminal Law Amendement Bill_$ widerrufen und
durch den $_Conspiracy and Property Protection Act_$ (38 u. 39
_Vict. c._ 86) ersetzt. Ebenso wurde das $_Master and Servant Law_$
gänzlich aufgehoben, und es trat an dessen Stelle der $_Employers
and Workmen Act_$ (38 u. 39 _Vict. c._ 90), der schon durch ihren
Namen, insbesondere Ersetzung der Ausdrücke: »Herr« und »Diener«
durch »Unternehmer« und »Arbeiter«, die veränderte Grundauffassung
anzeigt und den Gedanken von zwei selbständigen und gleichberechtigten
Vertragsteilnehmern zum Ausdruck bringt. Die Bestrafung des
Vertragsbruches wurde abgeschafft, Gefängnisstrafe soll nur den
treffen, der eigenwillig einen Vertrag bricht, obgleich er weiß
oder Grund hat, anzunehmen, daß die wahrscheinliche Folge seiner
Handlungsweise die ist, daß Menschenleben gefährdet oder schwere
körperliche Verletzungen verursacht werden oder daß wertvolles
Eigentum der Zerstörung oder schweren Beschädigung ausgesetzt wird,
das friedliche Ausstellen von Piketts wurde gestattet, die dehnbaren
Begriffe »Zwang« und »Belästigung« wurden beseitigt und die Anwendung
von Gewalt lediglich dem allgemeinen Strafgesetze unterstellt.
Keine von einer Gruppe von Arbeitern begangene Handlung ist in
Zukunft strafbar, sofern sie nicht auch bei ihrer Verübung durch
einen Einzelnen und ohne Rücksicht auf die Stellung als Arbeiter
strafbar ist. Darin lag aber zugleich die Zulässigkeit der neuen
wirtschaftlichen Form ausgesprochen, nämlich den Arbeitsvertrag nicht
mehr seitens des einzelnen Arbeiters, sondern kollektiv d. h. seitens
der ganzen Arbeiterschaft eines bestimmten Gewerbes festzusetzen.
Man darf sich jedoch durch diese äußeren Erfolge nicht darüber täuschen
lassen, daß innerlich der Trade-Unionismus sich auf absteigender
Bahn befand. Der industrielle Aufschwung, der bis 1875 andauerte,
hatte diese innere Zersetzung nicht hervortreten lassen, indem er der
Bewegung einen äußeren Anstoß gab, aber sobald er nachließ, machte sich
jener Umstand geltend und führte insbesondere Ende der 70er und Anfang
der 80er Jahre in Verbindung mit dem wirtschaftlichen Niedergange zu
einer Krisis, die nur deshalb nicht in höherem Maße verhängnisvoll
wurde, weil der Trade-Unionismus bereits eine zu starke Macht in der
Arbeiterwelt erlangt hatte.
Wir haben oben die Vorzüge der Männer wie $Applegarth$ und $Allam$
gewürdigt, aber auch ihre Mängel nicht verschwiegen. War damals vor
allem erforderlich, der Arbeiterbewegung das auf Lauterkeit des
Charakters und Solidität der Geschäftsführung beruhende öffentliche
Vertrauen zu sichern, so trat doch, nachdem dies erreicht war, der mit
dem Uebermaße der Vorsicht psychologisch untrennbar zusammenhängende
Mangel an Initiative immer schärfer hervor, und so groß die
Autorität der alten Führer war, so wurden doch die Klagen über ihren
»reaktionären Standpunkt« immer lebhafter und führten zu wesentlichen
Verschiebungen, deren wichtigste $die Verlegung des Schwerpunktes von
London in die Provinz$ war. Die $Junta$, die so lange die Führerschaft
gehabt hatte, $löste sich auf$. $Applegarth$ hatte schon 1871 sein Amt
als Sekretär niedergelegt. $Allam$ starb 1874. $Odger$ trat aus der
Gewerkschaftsbewegung zurück und widmete sich mehr der allgemeinen
Politik. Umgekehrt hatte die Bewegung in der Provinz erheblich an
Bedeutung gewonnen, und zwar insbesondere durch das Emporblühen von
zwei Industriezweigen, die in London nicht vertreten waren. Der eine
waren die $Kohlenarbeiter$, die, nachdem ihre Bewegung 1855 fast
vollständig erloschen war, besonders unter ihrem bereits erwähnten
Führer $Macdonald$ einen außerordentlichen Aufschwung nahmen und auf
dem vom 9.-14. November 1863 in Leeds abgehaltenen Kongresse eine
Nationale Union bildeten. Allerdings trat derselben bald eine durch
die Grubenarbeiter in Lancashire 1869 ins Leben gerufene andere
Organisation, die amalgamierte Association der Bergarbeiter gegenüber,
aber gerade diese Spaltung regte das Interesse an und so erreichte
die Gesamtzahl der organisierten Bergarbeiter in wenigen Jahren die
außerordentliche Höhe von 200000.
Die zweite dieser Arbeitergruppen waren die $Baumwollarbeiter$, die
seit 1853 eine amalgamierte Association besaßen, aber erst seit 1869,
insbesondere infolge der Bedeutung ihres Generalsekretärs $Thomas
Birtwistle$, in den Vordergrund der Bewegung traten.
Diese beiden Organisationen, die Bergarbeiter einerseits und die
Spinner und Textilarbeiter andererseits, bezeichnen aber zugleich
auch die Vertreter von zwei entgegengesetzten Auffassungen für das
wichtigste der Arbeiterinteressen, die $Lohnfrage$. Die eine dieser
Auffassungen ist niedergelegt in dem System der »$gleitenden Skala$«
(_sliding scale_) und beruht auf dem Grundgedanken, daß der Lohn sich
dem Preise des Produktes anzuschließen habe, sodaß er mit ihm steigt
und fällt. Insbesondere in den Spinnereibezirken von Oldham und Bolton
wurden Listen von 80 Druckseiten aufgestellt, um diesen Grundsatz in
alle Feinheiten der Technik hinein zu verfolgen, wahre Kunstwerke der
Berechnung, die ein solches Maß von Studium erforderten, daß man für
den Sekretär ein besonderes Examen hierüber einführen mußte. Dieser
Grundanschauung stellte $Macdonald$ die entgegengesetzte gegenüber,
daß unter allen Umständen ein die Aufrechterhaltung der Lebenshaltung
des Arbeiters ermöglichender Lohnsatz (_fair wage_) zu zahlen sei, der
seinerseits ein für den Preis bestimmender Faktor sein müsse.
Ein anderer Gegensatz, der aber sich nicht auf die Bergarbeiter und
die Textilarbeiter beschränkte, sondern alle Gruppen in seinen Bereich
zog, war die Stellung zu dem $Eingriffe der staatlichen Gesetzgebung
in die Fragen der Arbeiterinteressen$, ein Punkt, der sich am
schärfsten zuspitzte in der Ordnung der $Arbeitsdauer$. Während die
eine Richtung hier jeden staatlichen Eingriff ausschloß, wollte die
andere die gesetzliche Festlegung, insbesondere den Achtstundentag.
Eine Mittelmeinung, auf die man sich zuweilen verständigte, beschränkte
die Forderung auf Frauen und Kinder, verwarf aber den gesetzlichen
Maximalarbeitstag für Männer, in der Erwartung, daß diese doch
mittelbar durch jene beeinflußt werden würde.
Aber noch schärfer trat der Gegensatz der beiden Grundanschauungen
hervor hinsichtlich der beiden großen Aufgaben der Gewerkschaften,
nämlich einerseits der Unterstützung in den Notfällen des Lebens
und andererseits der Erkämpfung günstigerer Arbeitsbedingungen.
Gewiß stehen beide Richtungen, die $Hülfskassenthätigkeit$ und die
$gewerkschaftliche$ im engeren Sinne, nicht in dem Verhältnisse,
daß die eine die andere ausschlösse[10], aber offenbar ist es
möglich, einseitig das Gewicht auf diese oder auf jene zu legen. Die
alten Verbände, die unter der Leitung von Männern wie $Applegarth$
und $Allam$ groß geworden waren, gingen in der Wertschätzung der
Hülfskassenpolitik so weit, daß sie in der That die gewerkschaftliche
Seite, also die Vertretung der Arbeiterinteressen gegenüber den
Unternehmern, in unangemessener Weise zurücktreten ließen.
Dieses Ueberwiegen der Unterstützungsthätigkeit führte endlich zu
einer Praxis, die am tiefsten den Gegensatz der einen und der anderen
Grundanschauung erkennen läßt. Es ist für eine Hülfskasse natürlich,
daß sie bei der Aufnahme von Mitgliedern das Moment des $Risikos$ in
den Vordergrund rücken muß, daß sie »schlechte Risiken« vermeidet
und deshalb Personen oberhalb einer gewissen Altersgrenze überhaupt
nicht mehr aufnimmt, da sie die Wahrscheinlichkeit einer baldigen
Inanspruchnahme der Kasse bieten, ohne bereits entsprechende Beiträge
gezahlt zu haben. Aber mit dieser Rücksicht steht der Gesichtspunkt der
$Solidarität$ und der Zweck, möglichst alle Angehörigen des Berufes zu
vereinigen, um die gemeinsamen Interessen auch mit gemeinsamer Kraft
zu vertreten, in offenbarem Widerspruche. Führte deshalb schon dieser
Hülfskassenstandpunkt der alten großen Verbände zu einer Politik der
$Absonderung$, so war es nur ein weiterer Schritt, daß dieselben nicht
jedem Berufsangehörigen, sondern nur solchen den Eintritt gestatteten,
die ein gewisses Maß von Leistungsfähigkeit boten und demgemäß einen
$bestimmten Lohnsatz verdienten$. Damit war in der That der Grundsatz
der Teilung der Arbeiterschaft in eine höhere und eine niedere Schicht,
eine Aristokratie und eine rückständige Masse, ausgesprochen.
[10] $Webb$, a. a. O., S. 270.
Führte nun der Verlust der Führerstellung der Hauptstadt mit Rücksicht
darauf, daß keine einzelne der Provinzialstädte eine solche erlangte,
zu einer Dezentralisierung des ganzen Trade-Unionismus, so gab die
bezeichnete aristokratische Politik der großen Verbände den Anlaß, daß
selbst innerhalb derselben Berufe eine Zersplitterung Platz griff,
die häufig sogar zu Reibereien und Kämpfen führte. Streitigkeiten
der einzelnen Gewerbe untereinander über ihre Abgrenzung, ähnlich
denen der alten Zünfte, füllen die Protokolle der damaligen
Gewerkschaftskongresse. Wir können also die etwa 1876 einsetzende und
bis 1885 andauernde Periode in der Entwicklung der Trade-Unionismus
bezeichnen als diejenige des $Partikularismus$ und der Sonderpolitik,
die notwendig eine Schwächung der ganzen Bewegung mit sich brachte.
Demgemäß ist das charakteristische Moment dieser Periode der allgemeine
Rückgang, die verlorenen Streiks und die Herabsetzung der Löhne.
Der Gesamtbestand von Mitgliedern ging auf denjenigen von 1871
zurück, und auf dem Kongreß in London im Jahre 1881 waren nur 463899
Gewerkschaftler vertreten.
Einer besonderen Erwähnung bedarf die in diese Zeit fallende
$Landarbeiterbewegung$, die mit dem Jahre 1872 einsetzt. Es war ja
nur natürlich, daß, wenn alle Arbeitergruppen eine Verbesserung
ihrer Lebenslage erlangten, auch die Landarbeiter glaubten, nicht
zurückbleiben zu sollen, und das damals herrschende Organisationsfieber
führte in Anlehnung an einen am 11. März 1872 ausgebrochenen Streik
von 200 Landarbeitern in Warwickshire zur Gründung einer $Nationalen
Landarbeiter-Union$, die schon am Schlusse des Jahres 100000 Mitglieder
zählte. Aber obgleich die Bewegung in $Josef Arch$ einen talentvollen
Führer hatte und bei den industriellen Vereinen warme Unterstützung
fand, war doch die Union innerhalb einiger Jahre auf wenige Tausend
Mitglieder zurückgegangen und die Bewegung als erloschen anzusehen.
Auch die schon 1833/34 versuchte Organisation der $weiblichen
Arbeiter$ wurde in den folgenden Jahren von neuem in Angriff genommen,
insbesondere von $Emma Patterson$, der Frau eines Tischlers, die,
nachdem sie von einer Studienreise nach Amerika zurückgekehrt war, im
April 1874 in den »_Labour News_« einen Aufruf erließ, in dem sie die
Notwendigkeit einer Organisation der weiblichen Arbeiter nachwies.
Der Aufruf erregte allgemeine Aufmerksamkeit, und schon nach kurzer
Zeit hatte sich ein Komitee gebildet, das am 13. Juli 1874 seine erste
Sitzung hielt und die »_Womens Protective and Provident League_«
begründete. Abweichend von dem ursprünglichen Plane von Mrs. Patterson,
einen allgemeinen Arbeiterinnenverein ins Leben zu rufen, beschloß
man, die Arbeiterinnen nach den verschiedenen Gewerben zu organisieren.
Die League, die später den Namen »_Womens trade union provident
league_« annahm, besteht noch heute und hatte im Jahre 1894 45000
Mitglieder. Mrs. Patterson starb 1886, doch fand sie in Lady Dilke eine
gleichwertige Nachfolgerin. In den folgenden Jahren trat der League ein
ähnlicher Verein unter dem Namen »_National Union of Working Women_«
mit gleichen Zielen zur Seite.
Anfangs hatten diese Bestrebungen nicht allein mit der Indolenz der
Frauen selbst und der Abneigung der öffentlichen Meinung, sondern auch
mit dem Widerstande der _trade unions_ zu kämpfen, die auf dem alten
bürgerlichen Standpunkte standen, daß die Frau ins Haus gehöre. Später
drang jedoch die Einsicht durch, daß die Organisation der Arbeiterinnen
in dem eignen Interesse der Männer liege, und so beschloß der Kongreß
von Dundee 1889 ausdrücklich, dieselbe zu unterstützen.