Nach Ablauf der zehn Jahre erfolgt die Rückzahlung, es sei denn, daß

eine Verlängerung von beiden Theilen genehmigt wird. Hat Herzer bei

Ihnen darauf angetragen?

Er hat bei seiner letzten halbjährigen Zinszahlung allerdings geäußert,

daß es ihm angenehm sein würde, wenn ich eine Verlängerung eintreten

ließe.

Und was haben Sie geantwortet?

Ich habe ihm im Allgemeinen geschrieben, daß ich keineswegs geneigt

wäre, einem wackeren Manne Verlegenheiten zu bereiten.

Einem wackeren Manne! Freilich, wer wird das thun! sagte der Geheimrath,

aber einem _Betrüger_ wird man zuvorzukommen suchen.

Meinen Sie, daß Herzer an Betrug denkt? fragte Alfred betroffen.

Er ist ruinirt, erwiderte Wilkau, fassen Sie zu, wenn Sie etwas von

Ihrem Gelde retten wollen. -- Noch sucht er vor der Welt sich zu halten,

seinen Schuldnern Sand in die Augen zu streuen, heimlich aber trifft er

Vorbereitungen, sich in die Zufluchtshöhle aller Spitzbuben und Schufte,

nach Amerika zu begeben. -- Ein großer Transport kostbarer Instrumente

soll in wenigen Tagen über Hamburg nach New-York abgehen. Angeblich will

er dort ein Magazin errichten. Sein Sohn Felix ist mehrere Jahre jenseit

des Wassers gewesen und vor einem Monate erst zurückgekommen. Vater und

Sohn haben nun den allerliebsten Plan geschmiedet, erst was sie noch

besitzen und dann sich selbst in Sicherheit zu bringen.

Und woher, fragte Alfred von Gravenstein, wissen Sie das Alles so genau?

Sein eigener Verwandter und früherer Kompagnon, unser Hauswirth, Herr

Zippelmann, hat mir Eröffnungen darüber gemacht. -- Es ist ein reicher,

allgemein geachteter und angesehener Mann. -- Hören Sie ihn darüber, er

kennt Herzer am besten.

Ich habe eine andere Meinung von ihm gehabt, sagte der junge Mann. Er

schien sehr thätig, unterrichtet und verständig zu sein.

Ich erinnere mich mit Vergnügen des Kreises dieser gebildeten Familie,

die mir, so jung ich war, immer als ein Muster schöner Häuslichkeit

vorschwebte. Den jungen Herzer habe ich wohl kaum einmal flüchtig

gesehen, aber eine Tochter -- wenn ich nicht irre, hieß sie Clara nach

meiner Mutter, die sie über die Taufe gehalten -- versprach ein

ausgezeichnetes musikalisches Talent zu werden. Es thut mir daher

doppelt weh, von Ihnen zu hören, wie übel es mit dieser einst so

glücklichen Familie steht.

Es steht so, sagte der Geheimrath mit einem bösen Lächeln, daß Sie eilen

müssen, wenn Sie etwas haben wollen.

Gravenstein schüttelte den Kopf, indem er einen scharfen Blick auf den

Geheimrath richtete. Sie waren einst, wie ich denke, ein sehr vertrauter

Freund des Mannes.

Ich war es, erwiderte Wilkau, so lange ich es sein konnte. Herzers Haus

war lange Jahre lang äußerst angenehm; er selbst ein begabter Mensch.

Kein Fremder von Talent und Namen kam hierher, der nicht bei ihm

eingeführt wurde. Obenein galt er als vermögend und auf dem Wege zu

großem Reichthum.

Um so mehr Grund für seine Freunde aus guter Zeit, fiel Alfred mit

mühsam verhaltenem Unmuth ein, ihn zu stützen, als trübe Tage kamen. Ich

kann mir denken, daß Herzer's großes Geschäft durch den Aufruhr und die

Handelsstockungen furchtbar gelitten hat.

Ganz gewiß, sagte der Geheimrath. Er steckte tief in verwickelten

Geschäften als die Revolution losbrach, beschäftigte überdies eine große

Zahl Arbeiter und kam in Wien bei dem Sturm und Brand zur Herstellung

der Ordnung um ein Magazin, das von den Kroaten gänzlich zertrümmert

wurde, ohne daß eine Entschädigung zu erreichen gewesen wäre.

Der arme Herzer! rief Alfred von Gravenstein. Das sind schwere

unverschuldete Schicksale.

Was seine Schuld betrifft, fuhr der Geheimrath kalt lächelnd fort, so

besteht diese darin, daß er sich mitten in die Wühlereien warf, Theil

nahm an den wildesten Klubs und unter der Zahl der Schlechtgesinnten

leider noch jetzt mit obenan steht.

Was sagen Sie da! rief der junge Baron mit geröthetem Gesicht.

Ich sage, erwiderte Wilkau, daß die ganze Familie wie aus einem Gusse

ist. Der Sohn macht dem Vater den Rang streitig. Im Frühjahr, wo er hier

war, machte er es so arg, daß man ihn fortschicken mußte, und ganz von

demselben Stoffe ist das süße Clärchen.

Wenn es so ist, sagte Gravenstein düster blickend, dann freilich haben

Sie Recht, dann wäre Mitleid Mitschuld. Es wäre mehr als Thorheit, sich

betrügen zu lassen. Morgen läuft das Darlehn ab, ich werde es einfordern

und mein Recht behaupten.

Und Beschlag auf Alles legen, ehe er sich besinnen kann, fiel der

Geheimrath ein.

Auch darin haben Sie Recht. Ich werde Ihrem Rathe folgen.

So geben Sie mir den Schuldschein, sprach der Geheimrath, während seine

Augen von lebhafter Befriedigung glänzten. Ich werde mit einem Freunde

über die nöthigen Mittel sprechen, um Alles in Bereitschaft zu halten,

damit er Ihnen nicht entgehen kann. -- Und jetzt, theurer Alfred, kommen

Sie zu Elisen herüber. Wir haben den ganzen Morgen von Ihnen gesprochen

und sind glücklich, Sie wieder bei uns zu sehen. Nichts in der Welt

hätte uns größere Freude machen können.

Der Geheimrath führte Alfred von Gravenstein in das große Wohn- und

Empfangzimmer; als er jedoch die Thür öffnete, war seine Laune auf einen

Augenblick gestört, denn er fand nicht, wie er erwartete, die Damen

allein.

Zwei Herren unterhielten die Geheimräthin, während Elise am Tische

sitzend in einem Hefte zu lesen schien.

Nun da ist Alfred, sagte der Geheimrath, zugleich nickte er dem Besuch

freundlich entgegen und setzte dann hinzu: das trifft sich ja herrlich,

Sie so früh bei uns zu sehen. Herr Professor Viereck, Herr Alfred von

Gravenstein, Herr Zippelmann, unser lieber Freund und Hauswirth. Er

deutete dabei auf die beiden Herren und auf Alfred, der die

Vorstellungsverbeugungen kurz und steif erwiderte.

Herr Zippelmann, eine ziemlich hagere Gestalt, machte dagegen eine sehr

unterthänige Reverenz. Sein kahler Kopf, der von grauen Haarstreifen

bedeckt war, die aus dem Nacken aufwärts gekämmt, höchst kunstvoll und

lebensgefährlich an den Ohren vorbei nach dem Scheitel aufwärts liefen,

neigte sich so tief, als wollte er versuchen, ob es möglich sei, mit der

langen, schmalen Nase die Stiefelspitzen zu erreichen. Sein Rücken blieb

eine volle Minute dann in so horizontaler Richtung, daß Alfred von

Gravenstein unwillkürlich lächelte, weil ihm die Geschichte einfiel, in

welcher ein Fürst seinem devoten Minister aus Zerstreuung die

Kaffeetasse auf den gekrümmten Rücken setzt und nach einer halben Stunde

sie noch auf derselben Stelle findet. Er war überzeugt, daß Herr

Zippelmann es ganz eben so gemacht haben würde, obwohl er diesmal nicht

so lange aushielt, sondern mit einem Blinzeln aus seinen grauen Augen

und einem einnehmenden Grinsen sich wieder aufrichtete.

Ganz unähnlich diesem höflichen Nachbar schien der Professor, ein im

Hochgefühl seines Ichs schwelgender Mann zu sein. Er war klein und rund,

eine gewaltige Silberbrille saß auf einer etwas dicken, aufgestülpten

Nase, zu der sein röthliches, aufgedunsenes Gesicht vortrefflich paßte.

Aber er trug sich stolz, und ein gewisses herausforderndes Wesen

begleitete den kurzen stummen Gruß und den messenden Blick, welchen er

auf Alfred warf.

Der Herr Professor ist so gütig gewesen, lieber Wilkau, sagte die

Geheimräthin, uns die erfreuliche Nachricht zu bringen, daß unsere

Weihnachtssammlung einen höchst günstigen Fortgang hat. Sie müssen

wissen, lieber Alfred, daß wir in unserem patriotischen, konservativen

Vereine den Beschluß gefaßt haben, unseren ärmeren leidenden Mitbürgern

und deren Kindern eine Weihnachtsfreude zu machen.

Ein höchst edler und menschlich schöner Entschluß, erwiderte der junge

Mann, indem er sich zu Elisen wandte.

An welchem die Damen mit ihrem schönen Mitleid das meiste Verdienst sich

zusprechen dürfen, wie ich die Ehre habe zu bemerken, fiel der Professor

mit einer pathetischen Handbewegung ein.

Wissen Sie was, Professor? sagte Herr Zippelmann sich grinsend die Hände

reibend, es ist eine schöne Idee, ungefähr so wie die deutsche Einheit,

Hehe! -- Ist es nicht wahr, Herr Geheimrath, wie die deutsche Einheit?

Ganz akkurat so wie die deutsche Einheit! Der Professor zuckte mit einem

stieren Blick auf Herrn Zippelmann die Achseln. -- Ich weiß in der That

nicht, sagte der Geheimrath lachend, wie Sie Ihren Vergleich

rechtfertigen wollen.

Hehe! sagte Herr Zippelmann, die deutsche Einheit war auch so eine

Bescheerung für das deutsche Volk, das sich dazu freute, wie Kinder zum

Christbaum, und von der Nichts übrig geblieben ist, gerade so wie von

unserer Sammlung Nichts übrig bleiben wird, als das Gelüste, es möchte

bald wieder Weihnachten sein und unsere Taschen sich dann noch etwas

weiter aufthun.

Ich denke, fiel die Geheimräthin mit einem frommen Blicke ein, Jeder

wird die Taschen so weit aufthun, wie er es immer vermag, um seine

leidenden Mitbrüder zu unterstützen.

Die darauf ein heiliges Recht besitzen, wie ich die Ehre habe zu

bemerken, rief der Professor, indem er eine rednerische Stellung einnahm

und mit Würde umherblickte. Wir Alle sind die Söhne einer großen Mutter,

die Kinder eines Vaters, der seinen Geschöpfen das Gefühl gegeben hat,

glücklich zu sein. Leider gelingt dies aber Vielen nicht; so ist es denn

Pflicht der glücklichen Brüder, ihnen die Hand zu reichen und sie

emporzuheben.

Edle Grundsätze! sehr edle Grundsätze! sagte die Geheimräthin, indem sie

Alfred anblickte.

Hehe! schrie Zippelmann grinsend dazwischen, sehr edle Grundsätze! Aber

je mehr man giebt, je mehr soll man geben, und je schlechter die

Aussichten, je schlechter sind die Menschen. Geben, herausgeben,

theilen, ungerechten Mammon abnehmen, das nennen sie soziale Gedanken.

Ich gebe recht gern, wenn es sein muß, aber ich sage Ihnen, was heut

geschieht, um zu zeigen, daß wir unsere armen Brüder lieben, wird über's

Jahr von den lieben Brüdern gefordert werden und noch etwas dazu. Es ist

akkurat so, wie mit der deutschen Einheit.

Sie vergessen, Herr Zippelmann, sagte der Professor stolz, daß es unsere

Pflicht ist, den Verlassenen Trost zu bringen.

Sie zu wahren Menschen zu machen durch unser Beispiel, sprach der

Geheimrath.

Sie zu uns zu erheben, wie der Professor so schön sagt, fuhr seine

Gemahlin fort. Ihre Herzen der Tugend und der Liebe zu öffnen.

Ja, rief der Professor mit Energie, das ist die Aufgabe unseres Lebens:

Liebe auszusäen, den Haß zu vernichten, brüderliche Gefühle in die

Herzen zu bringen und einen Bund zu errichten, der uns Alle zu

glücklichen Menschen, das heißt zu Kindern Gottes macht. Ich habe die

Ehre Ihnen zu bemerken, daß ich manche meiner Freunde schon auf dem Wege

fand, den Herr Zippelmann geht. Noch gestern äußerte mein Freund, der

Oberst von Arnstein: alle unsere Vereine und Bestrebungen würden doch

nichts helfen, und ein anderer meiner Freunde, Graf Buchholz, meinte,

man verwöhne nur damit den großen Haufen, der uns an der Nase

umherführe. Ich bewies beiden jedoch so eindringlich ihr Unrecht, daß

sie mir mit tiefer Rührung die Hände reichten.

Hehe! sagte Herr Zippelmann, es ist aber doch wahr. Sie nehmen das Geld

und die Geschenke und behalten ihre schlechte Gesinnung bei, nachher wie

vorher. Die sitzt fest bei dem Volke. Es giebt nur Ein Mittel, um die

Demokraten los zu werden, das besser ist, als alle Weihnachtsgaben. Ein

einziges praktisches Mittel.

Welches Mittel? fragte der Professor angeregt.

Aufhängen! rief Herr Zippelmann vergnügt, einfach aufhängen! Hehe, was

meinen Sie, Herr Geheimrath. Wüßten wir beide nicht ein Paar, die gleich

baumeln sollten?

Das Sicherste wäre es jedenfalls, erwiderte Wilkau lachend, indeß muß

ich dem Herrn Professor doch Recht geben, daß die sanften Mittel der

Menschenliebe viele Verirrte und Irrende zur Wahrheit und Vernunft

zurückführte. Mit den Unverbesserlichen wird man sich nicht einlassen,

allein den Schwachen und Zagenden muß man die Hand reichen, ihnen muß

man zeigen, daß ihre wiederkehrende gute Gesinnung Beistand und Hülfe zu

erwarten hat. So betrachte ich unseren Verein und diese

Weihnachtssammlung. Wir sind eine Art Freimaurerorden. Unsere

Bundesbrüder haben Rechte an uns, wer zu uns tritt, muß Schutz finden.

Er muß unsere Zeichen tragen, unseren Fahnen folgen, unsere Götter

anbeten. Wollte man sich damit einlassen, Jedem zu geben, so würde ich

es abgeschmackt finden, denn wir haben einen bestimmten Zweck bei

unseren Wohlthaten.

Es fällt uns auch gar nicht ein, die Demokraten zu bestechen, sagte der

Professor mit einem strengen Blick auf Herrn Zippelmann. Im Gegentheil,

wir wollen mit diesem fabelhaften Wesen nichts gemein haben. Ich habe

die Ehre, fabelhaft zu sagen, denn ich möchte wissen, was denn

eigentlich ein Demokrat sei?! Ich weiß es nicht, rief er, sich auf die

Brust schlagend, und wie Viele ich schon darnach gefragt habe, es weiß

es kein Mensch. Die Demokraten wissen es am allerwenigsten.

Hehe! rief Herr Zippelmann, es ist Schade, daß Sie nicht vor einer

halben Stunde etwa mich besucht haben, Professor Viereck, es war gerade

Einer bei mir, der Ihnen eine gute Erklärung darüber geben konnte: der

junge Herzer, Felix Herzer, Sie kennen ihn doch?

Der Professor wurde roth und stierte den Rentier wild an. Ich habe die

Ehre Ihnen zu bemerken, sagte er dann stolz, daß ich mit der Gemeinheit

mich nie befasse, sondern nur mit Leuten umgehe, die eine Debatte

wissenschaftlich zu führen wissen. Mein Freund, der Baron Hellwitz,

sagte neulich: Gott sei Dank, daß wir uns wieder gehörig waschen und mit

Handschuhen in Gesellschaft gehen dürfen. Das haben wir endlich

glücklich erreicht. Wir haben die Gemeinheit wieder in den Winkel

gebracht und können das Sprichwort von Neuem anwenden: Sage mir, mit wem

du umgehst und ich will dir sagen, wer du bist. Er schleuderte einen

seiner vernichtenden Blicke auf Herrn Zippelmann, der ihn schalkhaft

angrinste und seine langen, magern Hände rieb, während der Professor von

der Geheimräthin zum Fenster genöthigt wurde, wo sie ihn mit der

Weihnachtssammlung beschäftigte, um den Streit abzubrechen.

Alfred von Gravenstein hatte während dieser ganzen Zeit am Tisch Elisen

gegenüber gesessen und mit ihr Vielerlei halblaut und heimlich

gesprochen. Ihre zahlreichen Erinnerungen aus früheren Tagen

beschäftigten sie, Personen und Verhältnisse boten reichlichen Stoff,

und Gravenstein hatte dabei Gelegenheit, die schöne Tochter des

Geheimraths seiner kritischen Prüfung zu unterwerfen. -- Elise war in

der That eine glänzende Erscheinung. Groß und schlank, ein wenig blaß,

aber die Hautfarbe durchsichtig klar und die graublauen Augen nicht ohne

Feuer und Stolz, war sie aller ihrer Vorzüge und Ansprüche sich bewußt.

Ihre fein gewählte Toilette war eben so einfach wie zierlich, und was

Alfred immer bewundert hatte, den Reiz ihrer Unterhaltung, ihre

lebhaften Fragen und Antworten und ihre muthwilligen Neckereien und

Scherze, die von einem allerliebsten Lachen begleitet wurden, fand er im

reichsten Maße wieder.

Ich wollte, sagte sie endlich halblaut bei dem Gezänk des Professors,

wir könnten ungestört unsere Herzen ausschütten. Diese langweiligen

Pedanten mit ihren Vereinen und politischen Salbadereien fangen an mir

unerträglich zu werden.

Ei, erwiderte Alfred lächelnd, haben Sie gar keine politischen und

patriotischen Sympathien, Elise?

Wie können Sie zweifeln, war die Antwort. Ich glaube wirklich, daß ich

mir einiges Verdienst zuschreiben darf, meinen Vater von kleinen

Abirrungen auf den rechten Weg geführt zu haben. Mir ist nichts

widerlicher als das souveräne Volk und was damit zusammenhängt. Ich habe

einigen Volksfesten und Volksbällen beiwohnen müssen, die mir den

Geschmack auf immer verdorben haben.

Aber wenn ich nicht irre, sagte er mit einem spöttischen Zucken der

Lippen, sind Sie durch diesen glorreichen Professor und seines Gleichen

nicht sehr viel gebessert. Die konservativen Bälle und Feste um Gevatter

Schneider und Handschuhmacher zu veredeln und patriotisch

heraufzubilden, sind nach den Beschreibungen, welche ich davon erhalten

habe, auch nicht besonders einladend.

Elise nickte ihm lustig zu. Ich werde dafür sorgen, flüsterte sie, daß

Sie nächstens selbst die Probe machen. Es ist herzzerreißend, aber es

hat doch viel Komisches, zu sehen, wie Herren und Damen aus den feinsten

Kreisen, die früher um keinen Preis sich in die Nähe dieser Handwerker

und Arbeiter gewagt hätten, jetzt mit spartanischer Selbstverläugnung

Geld, Zeit und sich selbst wegwerfen, um sie zu unterhalten, zu

belustigen, zu erfreuen und in brüderlicher Vertraulichkeit bei guter

Laune zu erhalten.

Wir werden auch darüber fortkommen, versetzte Alfred stolz lächelnd,

indem er zu Zippelmann und dem Professor hinblickte, und solche

Subjecte, wie diese da, nicht mehr brauchen.

Ich müßte mich irren, sagte sie lachend, oder Sie haben gegen dies

würdige Paar, das mich oft schon köstlich belustigt hat, einen

unverdienten Widerwillen gefaßt. Beide sind meine Verehrer und bringen

mir Huldigungen dar, die mich stolz machen müssen.

Alfred betrachtete die schöne Dame mit tadelndem Ernst. Man soll mit

Narren und Taugenichtsen auch nicht einmal Scherz treiben, sagte er.

O! Sie sind doch immer noch der alte Moralist, erwiderte sie; ich muß

versuchen, Ihnen das abzugewöhnen. Um's Himmels willen! Alfred! wir

haben seit Jahr und Tag so viel von den ernsthaften Narren zu leiden

gehabt, daß es uns wohl vergönnt sein kann, über die Gecken zu lachen.

Fangen Sie keine Händel mit mir an, wie ehemals, fuhr sie fort, als er

etwas antworten wollte. Ach, glauben Sie, mein theurer Freund, ich habe

so viel Sorge um Sie, und möchte so gern Sie heiter und froh wissen, daß

alle meine Laune vergeht, wenn Sie mich nicht augenblicklich wieder

freundlich ansehen.

Ihre Augen begegneten sich und Alfred fühlte ein stärkeres Klopfen

seiner Pulse. Er glaubte etwas in Elisens Blicken zu lesen, das einen

überwältigenden Eindruck auf ihn machte. Ehe er jedoch zu seinem

beglückten Lächeln das passende Wort finden konnte, legte der Geheimrath

die Hand auf seine Schulter und winkte ihm geheimnißvoll zu. Einen

Augenblick, lieber Alfred, sagte er, Sie sollen etwas Neues hören.

Kommen Sie hierher, fuhr er fort, indem er ihn zum Ofen führte, wo Herr

Zippelmann so eben bequem angelehnt eine Priese aus seiner großen

goldenen Dose nahm, die er wohlgefällig besichtigte. Sie sollen hören

wie es Herzer macht. Sein Sohn ist heut bei Herrn Zippelmann gewesen:

lassen Sie sich erzählen, was er wollte.

Ach, sagte Herr Zippelmann, mit einem wehmüthigen Blick auf Alfred von

Gravenstein, ich höre mit Bedauern wie es mit Ihrem Kapitale steht. Sie

haben keine Deckung, nicht die geringste Deckung, und wenn Sie nicht

zufassen, gleich morgen bei richtiger Zeit, werden Sie wenig mehr

finden, was sich der Mühe verlohnt zu nehmen.

Erklären Sie sich näher, wenn ich bitten darf, erwiederte Alfred.

Hehe! grinste Herr Zippelmann, indem er mit dem Zeigefinger zierlich auf

seinem kahlen Scheitel kratzte: das ist wieder so eine Geschichte, grade

wie von der deutschen Einheit. Ist es nicht wahr, liebster Geheimrath?

Absolut, wie von der deutschen Einheit!

Der junge Edelmann warf einen stolzen und ungeduldigen Blick auf ihn.

Ich habe gehört, daß der junge Herzer Sie heut besucht hat? sagte er.

Ich sage, es ist gerade so damit wie mit der deutschen Einheit, fuhr

Herr Zippelmann ungestört fort; das heißt, es ist Schwindel und geht

pleite. -- Ist es nicht so, meine Herren? Hehe! auf mein Wort, es ist

so.

Der Geheimrath hielt es für Zeit sich einzumischen, denn Alfred war im

Begriff das Gespräch aufzugeben. Die Sache ist einfach die, sprach er

leise, daß der junge Herzer in keiner andern Absicht unsern Freund

aufsuchte, als um ihm Geld abzuschwindeln. -- Herr Zippelmann ist mit

Herzer verwandt; er ist früher sogar ein Theilnehmer des Geschäfts

gewesen, hat sich aber zurückgezogen und ist so glücklich gewesen sein

Kapital zu retten.

Ich merkte den Braten längst, hehe! sagte Herr Zippelmann, sich vergnügt

die Hände reibend.

Herzer behauptete hierauf, daß sein Compagnon größere Summen aus dem

Geschäft gezogen habe, als ihm gebührten. Es entstand ein höchst

verwickelter Prozeß daraus, Rechnungen und Gegenrechnungen erforderten

Vorsicht. Quittungen wurden beigebracht und bestritten und endlich ein

Eid geleistet, worauf in letzter Woche Herzer abgewiesen und verurtheilt

worden ist.

Alfreds Auge ruhte nachdenkend auf dem Rentier, in dessen magerem

Gesichte ein höhnisches Lächeln von Falte zu Falte flog.

Nun denken Sie sich die Schlechtigkeit dieser Menschen, sagte er in

seiner Weise grinsend. Vor einer Stunde kommt der Felix zu mir, also der

Sohn, ich weiß nicht, ob Sie ihn kennen. Er ist lange fort gewesen, ich

habe ihn in Jahren kaum ein paar Male gesehen, aber im Sommer, als er

damals sich hier aufhielt, hat er mich einmal auf's tiefste gekränkt,

denn ein gröberer, unbändigerer Bursche wird nicht leicht gefunden. --

Sie wissen auch ein Lied davon zu singen, liebster Geheimrath, hehe!

Er kam, fiel der Geheimrath ein, um von Neuem die abgeschlagenen

Forderungen geltend zu machen, oder doch eine Art Vergleich zu Stande zu

bringen und wollte durch Vorstellungen etwas erreichen.

Hehe! rief Herr Zippelmann seine grauen Augen zukneifend, er wollte mich

rühren, wollte mein Herz erweichen; stellen Sie sich vor, er wollte mich

erweichen!

Das gelang ihm ohne Zweifel nicht, sagte Alfred von Gravenstein mit

unverhehlter Verachtung.

Nicht einen Groschen, nicht einen Pfennig sollen sie haben, lächelte

Herr Zippelmann sanft den Kopf schüttelnd. -- Der Bursche erzählte mir

höchst beweglich, daß sein Vater unverschuldet in großer Verlegenheit

sei, daß seine Redlichkeit und übergroßes Vertrauen ihn dahin gebracht

hätten, seine Aussichten aber sehr glänzend sein würden, wenn nur erst

diese Krisis überstanden wäre. -- Es ist Alles so wie mit der deutschen

Einheit, hehe! gerade so wie mit der deutschen Nation, die auch mächtig

und groß werden wird, wenn nur erst die Krisis glücklich überstanden

wäre.

Nun, sprach der Geheimrath, der junge Herzer theilte Herrn Zippelmann

mit, daß er in wenigen Tagen mit einem Transport schöner und kostbarer

Instrumente nach New-York abgehen werde. Er bestätigte Alles, was ich

Ihnen darüber schon mitgetheilt habe.

Und ich gab ihm meinen Segen, sagte Herr Zippelmann, wohlgefällig

nickend. Amerika ist ein schönes großes Land, die ganze deutsche Einheit

flüchtet sich dahin. Warum sollen die freien deutschen Bürger nicht dort

ihre schwarz-roth-goldenen Kokarden tragen können? Aber Geld, um sie

fortzuschaffen, habe ich nicht. Nicht einen Groschen, nicht einen

Pfennig!

Die Hauptsache ist, flüsterte der Geheimrath, daß so viel feststeht,

Herzer will, was er noch hat, fortschicken. Als Herr Zippelmann sich auf

nichts einlassen wollte, wurde der junge Herzer grob und heftig, und

überhäufte unseren redlichen Freund, der sich nicht beschwatzen ließ,

mit Beleidigungen, die ihm übel bezahlt werden können, denn zufällig ist

ein Zeuge in der Nähe gewesen.

Gott bewahre! sagte Herr Zippelmann sanftmüthig, ich will nicht klagen

gegen den Bettler und Tagedieb, aber eine redliche Freude wird mein Herz

erfüllen, wenn ich etwas beitragen kann, dem Herrn von Gravenstein zu

seinem Gelde zu helfen. -- Der Herr Geheimrath, fuhr er fort, hat mir

den Schuldschein gezeigt, der wohl eine kleine Hoffnung geben kann,

wenigstens Etwas zu retten, wenn man sich nicht irre machen läßt und den

richtigen Weg einschlägt.

Was würden Sie mir also rathen? fragte Alfred.

Hehe! lachte Herr Zippelmann, seine langen Hände reibend, ich möchte

Ihnen einen Vorschlag machen, möchte Ihnen die Schuld abkaufen.

Das wäre vielleicht so übel nicht, fiel der Geheimrath ein.

Weihnachtsabend · 第 2 / 15 段