Na, wer weiß denn, was es für Gründe hat, sagte Anton ihr zu

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Weihnachtsabend.

Roman

von

Theodor Mügge.

Berlin, 1853.

Verlag von _Otto Janke_.

Es begab sich an einem kalten und stürmischen Dezemberabende des

vergangenen Jahres, daß tief im untersten Grunde eines mächtigen

fünfstöckigen Hauses, welches im comfortabelsten Theile der Stadt, dicht

an der schönsten und vornehmsten Straße steht, ein fleißiges junges

Ehepaar emsig arbeitend beisammen saß, als es beinahe Mitternacht

schlagen wollte. Dies fleißige Pärchen gehörte zu der bedeutenden Zahl

moderner Troglodyten in den großen Tummelplätzen der menschlichen

Gesellschaft, die ihre Parias nicht allein fünf oder sechs halsbrechende

Treppen hoch in Dachwinkeln und Bodenkammern unterbringt, sondern sie

auch tief in den Schoß der mütterlichen Erde hinabsteigen läßt, um allda

zwischen feuchten, dumpfigen Mauern zu versuchen, was Hunger und Fieber

ihnen anzuthun vermögen.

So übel jedoch sah es in der Kellerwohnung nicht aus, in welcher die

beiden Arbeiter saßen. Es war ein ziemlich großes, grün angestrichenes

Zimmer, dessen Decke sich tonnenartig wölbte; auch lag es nicht gar tief

unter der Oberfläche der Straße. Denn die Fenster waren gut erreichbar,

hatten helle große Scheiben und waren von außen mit dichten Läden

geschlossen. Es war ganz sichtlich ein noch ziemlich neues Haus und über

diesem kleinen tiefen Raume lag ein Schimmer jenes wohlthuenden Geistes

der Ordnung und Sauberkeit, der auch mit Armuth zu versöhnen weiß.

Wenige Geräthe waren in dem Zimmer. Ein breites Bett stand an der langen

Wandseite, eine Kommode, über welcher ein kleiner Spiegel hing, befand

sich ihr gegenüber. Im Hintergrunde glänzte die blanke Front eines

Spindes und neben ihm hatte ein andres mit Glasscheiben Platz genommen.

Mitten in dem Gemach aber stand ein Tisch und zwischen Fenster und Ofen

ein zweiter ganz niedriger, an welchem die beiden Personen saßen.

Es war warm, reinlich und behaglich in dieser unterirdischen Wohnung.

Die obere Hälfte des Zimmers lag in schweigender Nacht und Stille, die

untere Hälfte war voll Licht und Rührigkeit. Die kleine Lampe hatte

einen breiten Schirm; ihre Strahlen fielen auf eine Glaskugel und durch

diese mit scharfem Glanz auf die Arbeit des fleißigen Mannes, der mit

großer Behendigkeit an einem feinen Stiefel nähte. Es war ein noch

ziemlich junger Mann, der hier mit aufgestreiftem Hemd und weißer

Arbeitsschürze hinter der Glaskugel saß. Sein langes, glänzend schwarzes

Haar fiel über eine hohe und gewölbte Stirn, ein listiges und lustiges

Lachen lag auf seinen Lippen, und wenn er aufblickte und seiner

Gefährtin bei dieser nächtlichen Arbeit dann und wann ein paar

ermunternde Worte sagte, zeigte er zwei Reihen so prächtiger weißer

Zähne, wie sie je schwarzes Brod tapfer zermalmt haben.

Die Frau ihm gegenüber war ebenfalls jung und rüstig. Ihre braunen

Flechten legten sich an ein gesundes Gesicht mit starken, vollen Zügen

und hellen Augen, die entschlossen um sich schauten. Sie sah wie Eine

aus, die zu arbeiten weiß und Hände wie Mund auf dem rechten Fleck hat.

Während sie mit dem Einfassen einiger Schuhe sich beschäftigte, die vor

ihr standen, trat sie dann und wann mit dem Fuß auf den Läufer einer

Wiege, welche an ihrer Seite stand, sobald der kleine Schläfer darin

sich bewegte. Der rumpelnde Ton der Wiege unterbrach dann die tiefe

Stille und wurde abgelöst durch das Heulen des Windes, der an den

Fensterläden rasselte, oder durch den dumpfen bebenden Ton rasch

rollender Wagen, die auf der großen Straße vorüberfuhren und die

Grundmauern des Gebäudes erschütterten.

Nach einer geraumen Zeit sagte die Frau gähnend: Höre auf, Anton, es muß

beinahe Mitternacht sein.

Der Schuhmacher warf einen schnellen Blick auf die schwarzwalder Uhr in

der Wandecke. Alleweil punkt halb erst, liebste Guste, gab er zur

Antwort, aber bist müde geworden den lieben langen Tag.

Na, es geht noch so, erwiederte sie; bei dem schlechten Geschäft wird

man so müde eben nicht.

Schlechte Zeiten! brummte der Mann halb laut, werden aber auch darüber

fort kommen.

Die Frau seufzte vor sich hin. Man mag es machen wie man will, sagte

sie, es ist kein Vorwärtskommen.

An Fleiß fehlts nicht, murmelte er leise.

An meinem Willen auch nicht, setzte sie hinzu.

Bist gut, rief er die Hand freundlich ausstreckend, es wird sich schon

machen. Jung sind wir, arbeiten wollen wir, zur Noth geht's noch, und

alleweil mag kommen was da will, manchem ehrlichen Kerl geht's wohl noch

schlechter. Die Frau erwiderte sein Lächeln, sagte aber dann mit einem

besonders scharfen Blick: Ich meine nur, Anton, es könnte besser gehen,

wenn Du nur wolltest.

Hörst wie der Wind pfeift? fragte er. Es ist ein schandbares Wetter

draußen und um nichts danke ich alleweil dem lieben Gott mehr, als daß

ich kein Wetterhahn geworden bin.

Ah! geh' doch mit Deinen Possen, antwortete sie gereizt, ich weiß schon,

was es bedeuten soll.

Na, meinte er lachend aufschauend, ich sitze hier warm, lasse den Wind

fahren wohin er will, und wenn es mich kränkt im Herzen, seh' ich Dich

an und die Wiege da, so wird's wieder gut.

Wenn Du uns beide ansiehst, Anton, sagte die Frau, müßte es Dir doch

einfallen, daß es gut wäre für uns Alle, wenn Du es machtest, wie es so

Viele gemacht haben.

Ihre letzten Worte verloren sich unter dem erschütternden Rollen

mehrerer Wagen, die schnell hintereinander vorüberfuhren.

Sakerment! rief der Schuhmacher, was ist das heut für Spektakel. Wir

wohnen doch hier um die Ecke und bekommen den Lärm erst aus zweiter

Hand, aber es ist als ob die Steine sich bewegten.

Die Herrschaften fahren nach Haus, erwiederte die Frau.

Hole sie der Henker! brummte Anton vor sich hin. Was ist denn eigentlich

heute los bei Geheimraths?

Es ist ein Ball oder so etwas, sagte sie. In allen Zimmern brannten die

Kronen als ich vorüberging und gefährlich viel Wagen und Menschen

standen vor dem Hause.

Dazu haben sie immer Zeit und Geld, meinte der Schuhmacher mit einer

gewissen zornigen Betonung.

Du würdest es auch nicht besser machen, wenn Du Geheimrath oder Baron

wärst, fiel sie ein.

Hast vielleicht Recht, Guste, sagte er lachend, alleweil ist blos schade

darum, daß ich es nicht bin. Aber wenn ich es wäre, würde ich doch

meinen Mitmenschen das Leben nicht saurer machen, wie es schon ist;

würde mich hüten, es so zu machen, wie sie es mir anthun. Ließe Jeden

denken und meinen und glauben was er Lust hat und thäte mich blos darum

bekümmern, macht der Anton Mertens mir gute Stiefeln und Schuhe, so ist

er mir recht. Mehr kann ich nicht von ihm verlangen.

Ja, wenn Du auch so denkst, rief die Frau, andere Leute sind nun einmal

nicht anders; ihre Gründe haben sie auch und mit dem Kopf durch die Wand

ist noch Keiner gekommen. Man sieht es ja, wie Viele untergehen oder

wenn sie klug sind bei Zeiten zu Kreuze kriechen; wer aber nichts hat

und doch nicht klug sein will, der muß nicht Andere anklagen.

Anton antwortete nicht. Er warf seine langen Haare von der Stirn zurück,

schüttelte den Kopf dabei und arbeitete eifrig weiter.

Ich habe es Dir nicht gesagt, fuhr seine Frau fort, aber gestern

begegnete ich der Frau Geheimräthin und Fräulein Elise auf der Straße.

Nun, wie geht's Auguste? fragte sie, als ich bei ihr vorüber ging und

grüßte. Nicht zum allerbesten, sagte ich. Ist Jemand bei Euch krank?

fragte sie. Gott sei Dank! gesund sind wir Alle, sagte ich, aber das

Geschäft geht schlecht, wir haben viele Kunden verloren; dazu ist mein

Kind jetzt unruhig von wegen der Zähne, helfen kann ich Anton auch nicht

so viel, wie ich möchte, denn Wirthschaft und Hausstand verlangen

Ordnung und nehmen mehr Zeit fort, wie man denkt. So haben wir denn

mancherlei Sorgen, obwohl es an Fleiß nicht mangelt. Da seid Ihr selbst

schuld, gab sie zur Antwort. Lieber Gott, ich bin gewiß nicht schuld,

sagte ich. Nein, Du nicht, sagte sie, Du bist immer vernünftig gewesen,

aber Dein Mann taugt nichts.

Donnerwetter! rief Anton ärgerlich lachend, indem er mit seinem Stiefel

aufklopfte. Das sagte die alte Hexe Dir ins Gesicht?

Bsch! winkte Guste, wecke das Kind nicht auf.

Er ist fleißig und ordentlich, sagte ich, ich kann nicht über ihn

klagen.

Aber er hat keinen Glauben und keine Gesinnung, rief sie so laut, daß

ich mich schämte, und das muß ein Mann haben, mit dem man sich einlassen

soll.

Als ob ich mich mit ihr einlassen wollte, rief der Schuhmacher.

Liebe, gnädige Frau Geheimräthin, sagte ich, Anton macht seine Arbeit

doch gewiß gut und immer sind Sie uns gewogen gewesen, und haben viel

für uns gethan.

Aber ich habe nur Undank davon gehabt, fuhr sie auf. Der Geheimrath hat

Deinen Mann erziehen lassen, wie sein Vater starb, der es auch wohl

verdient hat, daß man sich um das Kind kümmerte, denn er war zwanzig

Jahre lang ein treuer Diener. Wir haben Anton in die Schule geschickt,

haben ihn in die Lehre gebracht, ihn unterstützt, wo es nöthig war, und

aus meinem Hause hat er Dich geheirathet. Was ich damals gethan habe,

will ich nicht weiter erwähnen, aber der Geheimrath lieh Euch obenein

zweihundert Thaler zu Eurem Geschäft, und wie wir nur konnten, sorgten

wir, daß Ihr Kunden bekamt. Für alle diese Güte habt Ihr oder Dein Mann,

uns schlecht vergolten. Er hat im vorigen Jahre alle die Tollheiten und

Dummheiten mitgemacht.

Ach, gnädige Frau, sagte ich, das haben ja so Viele damals gethan, die

weit mehr bedeuten, wie er.

Das war recht, Guste! rief der Schuhmacher jubelnd, hast ihr Eins drauf

gegeben wie sich's schickt. Ich habe den Geheimrath selbst reden hören

damals, als wäre er dunkelroth bis in die Nieren. Eine dreifarbige

Kokarde hatte er am Hut, dreimal so groß wie meine; auf die Wache ist er

gezogen, obwohl er es gar nicht nöthig hatte, und was ich damals zu ihm

sagte, war ihm noch lange nicht links genug.

Sie mochte es auch wohl merken, daß es ein Stich sein sollte, fuhr die

Frau fort, denn sie sah mich groß an, aber ich machte ein unschuldiges,

betrübtes Gesicht. Höre, sagte sie, an vergangenen Dingen läßt sich

nichts ändern, was geschehen ist, ist geschehen, aber jetzt, wo die

Vernunft wiederkehrt, ist es doppelte Sünde und Schande, noch zu den

Unvernünftigen zu gehören. Und das sage Deinem Mann und thue dazu, wie

eine Frau, die weiß, was Recht ist. Er soll Einsehen haben, es ist die

höchste Zeit. Wir haben ihm seit längerer Zeit unsere Arbeit entzogen,

und das aus gutem Grunde. Ebenso haben es unsere Freunde gethan, und

jeder rechtliche Mensch wird es thun. -- Man giebt Denen nur Arbeit und

Verdienst, die sich als rechtschaffene Leute erweisen, es nicht mit den

Rotten der Elenden halten, die alle Ordnung vernichten, alle Pfeiler der

menschlichen Gesellschaft umstürzen wollen.

Daß dich die Pest! murmelte Anton. -- Die verfluchten Aristokraten!

Ach du mein Gott! gnädigste Frau Geheimräthin, sagte ich, Anton ist ein

ruhiger, bescheidener Mann.

Er hat sich geweigert, in den patriotischen konservativen Verein zu

treten, gab sie zur Antwort, obwohl ich es ihm dreimal gesagt habe. Auch

Elise hat es ihm wiederholt gesagt, nicht wahr, Elise?

Das Fräulein sah mich stolz an und sagte dann: halte Dich nicht weiter

auf, Mutter, wir müssen weiter. Herr Anton Mertens hat mir geantwortet,

er könne sein Gewissen doch nicht verkaufen; so mögen denn seine

Gesinnungsgenossen für dies zarte Gewissen sorgen.

Die ist von der rechten Sorte, rief Anton.

Nun geh, sagte die Geheimeräthin, fuhr die Erzählerin fort. Ich habe

immer noch Mitleid mit Euch. Schicke Deinen Mann in den Verein, und wenn

er sich aufrichtig bekehrt, so wollen wir sehen was zu thun ist. Sonst

aber glaube mir, Auguste, es sollte mir leid um Dich thun, aber es kommt

noch schlimmer. Die zweihundert Thaler fordert mein Mann zurück; es hat

schon geschehen sollen und kann morgen so kommen. Stürzt Euch nicht

muthwillig in's Elend.

Die hartherzigen, erbärmlichen Menschen! schrie Anton wild. Die wollen

Christen sein?

Aber Du kannst es doch auch thun, sagte die Frau. Warum willst Du ihnen

denn den Gefallen nicht erzeigen? Du gehst in den Verein, da sind viele

vornehme und reiche Leute. Sie drücken Dir die Hände, klopfen Dir auf

die Schulter, loben Dich, trinken sogar mit Dir und bezahlen es obenein,

und Du hast nichts dafür zu schaffen, als zuzuhören, was sie sagen. Du

weißt doch, was uns neulich erst Dein Freund Peschke davon erzählte, der

doch auch hingegangen ist.

Was ist denn da los? rief der Schuhmacher, indem er seine Arbeit sinken

ließ und aufhorchte.

Ein dumpfer Lärm mehrerer Stimmen drang von der großen Straße herüber.

Gleich darauf erscholl ein wildes Geschrei, dem ein scharfes, schnell

wiederholtes Pfeifen folgte.

Es müssen welche arretirt werden sollen, sagte Anton aufspringend.

Vielleicht sind es Spitzbuben, fiel die Frau ein.

Hörst Du nichts? Es kam mir vor, als ob Gewehre klirrten.

Daß Du hier bleibst, Anton, sagte sie bittend und befehlend, indem sie

die Hände nach ihm ausstreckte.

In diesem Augenblicke fiel ein Schuß. -- Allmächtiger Gott! sie

schießen, schrie sie auf. Du rührst Dich nicht, Anton. Sie hielt ihn am

Aermel fest und faßte mit der andern Hand nach der Wiege, wo das Kind

weinend aufgewacht war.

Laß mich los; sagte er, ich will bloß an der Kellerthür hören, was los

ist. Nicht einen Schritt gehe ich weiter.

Mit einer raschen Bewegung war er frei, und ohne weiter auf das Rufen

seiner Frau zu hören, sprang er durch den dunklen Raum, wo er seine

Waaren feil hielt, die Treppe hinauf, schob den Riegel von der Thür und

öffnete vorsichtig in demselben Augenblick, wo ein athemloser Mensch in

diese Oeffnung und in seine Arme stürzte.

Um ein Haar wäre Anton mit seiner Last rückwärts übergeschlagen, aber er

hielt sich an dem Ringe der Thür fest, die dadurch sogleich wieder

zuschlug. So stand er einige Minuten lang, während draußen viele Männer

wild schreiend vorübereilten. Dann schob er leise die Riegel wieder vor

und flüsterte dem Flüchtling ein paar Worte zu, die ohne Antwort

blieben. Dieser lag mit den Armen um Antons Nacken, der Kopf hing über

dessen Schulter; er faßte ihn mit aller Kraft um den Leib und trug ihn

die Stufen hinunter.

Komm mit Licht, Guste, rief er mit gedämpfter Stimme. Die Thür that sich

auf, Lampenschein fiel herein, aber mit einem Schrei prallte die Frau

zurück; sie sah in ein mit Blutstreifen überzogenes, todtblasses

Gesicht.

Schweig still! rief Anton seiner Frau zu, indem er den leblosen Körper

von der Schulter in seine Arme gleiten ließ. Nicht einen Laut gieb von

Dir und stülpe den Deckel auf die Lampe, damit sie draußen den

Lichtschein nicht sehen.

Ist er denn ganz todt? fragte sie erschrocken. Wo ist er hergekommen und

warum hast Du ihn hier hereingeschleppt? Was sollen wir jetzt mit ihm

anfangen? Und wenn es herauskommt, brocken sie Dir eine Suppe ein. Am

Ende ist es ein Räuber, ein Spitzbube, ein Mörder, ein Bösewicht, der

Schandthaten begangen hat. Ach, mein Gott! wie läuft das Blut von ihm.

Nur nicht auf's Bett, leg' ihn hierher auf die Decke, wir wollen das

alte Lederkissen unterschieben. Ich wollte, Du hättest Deine Füße

verstaucht, ehe Du die Treppen heraufgekommen wärst. Aber so bist Du; in

Alles mußt Du Dich mischen, überall Deine Nase haben, nur nicht da, wo

Du sie haben sollst.

Geduldig und ohne ein Wort zu erwiedern ließ Anton seine Frau weiter

keifen. Er mochte wohl fühlen, daß sie nicht so ganz Unrecht hatte,

dennoch aber wußte er gewiß, daß ihr Mitleid endlich über ihre Besorgniß

und ihren Aerger siegen würde.

Er lief ja alleweil grades Weges in den Keller und in meine Arme hinein,

sagte er aufathmend, als er den Leblosen auf die Decke und auf das

Lederkissen gelegt hatte. Es war eine Schickung, Guste, daß ich eben die

Thür aufmachen mußte, wie er jählings um die Ecke sprang, und eher

wollt' ich meinen Hals zuschnüren lassen, ehe ich den Konstablern etwa

zugerufen hätte: hier ist er, da habt Ihr ihn! Pfui Teufel! das wirst Du

doch nicht von mir erwarten.

So, antwortete Frau Mertens, das soll ich erwarten? aber was sollen wir

denn nun anfangen? Und wenn er todt ist oder wenn es ein Mörder ist?

Bring' Wasser her, rief der Schuhmacher entschlossen. Hier liegt er nun

einmal, und annehmen müssen wir uns seiner, was da auch kommen mag. Ein

Räuber oder Mörder wird er nicht sein, sieh doch her, was er für feine

Hände hat. Ein schmales, schlankes Bürschchen ist es, wohl guter

Leute Kind, das durch einen Zufall Streit bekommen mit den

Himmel-Sakermentern, sich nicht mißhandeln lassen wollte und das sie

dann unmenschlich behandelt haben. Man weiß ja, wie sie es machen.

Bring' Wasser her, Frau, so rasch Du kannst. Ich glaube, er lebt, eben

zuckte er mit den Armen. Gieb den Schwamm da und setze die Lampe auf den

Schemel. Jetzt halt ihm den Kopf in die Höhe, oder wart', ich will es

thun.

Er kniete an der Seite nieder und hob den Kopf des Liegenden empor.

Dieser hielt in der einen Hand krampfhaft den Hut fest, den er getragen

hatte, und machte damit eine plötzliche heftige Bewegung, indem er

zugleich einen tiefen Seufzer ausstieß. --

Es mag ihm wohl wehe thun, dem armen Schelm, murmelte Anton, und doch

bin ich so vorsichtig, wie ich sein kann. Er schob seinen Finger

behutsam unter das blutgetränkte Haar, unterstützte mit der anderen Hand

den Rücken und suchte den Körper ein wenig aufzurichten und auf die

Seite zu wenden.

Aber schon nach einigen Augenblicken hielt er erstaunt inne. Ein Knoten

oder eine Flechte schien sich aufzulösen und eine Fülle langen, dunklen

Haars fiel auf das Lederkissen herunter. Alle Wetter! rief Anton

halblaut, was ist das? Es ist ein Weib oder ein Mädchen, so wahr ich

lebe.

Bei dieser Entdeckung erneute sich der Zorn seiner Frau. Eine schöne

Wirthschaft ist das, sagte sie. Ein liederliches Weibsbild, die sich

Nachts in Männerkleidern umhertreibt, Gott weiß woher kommt,

aufgegriffen werden soll, wie es sich gehört, die schleppt er mir

hierher und da liegt sie nun in ihren Sünden. Wirf sie hinaus und laß

sie liegen, sie werden schon kommen und sie abholen. Wirf sie hinaus,

sag ich Dir, oder ich laufe auf die Straße und schreie nach Hülfe.

Das wirst Du bleiben lassen, Guste, antwortete der unerschütterliche

Mann, indem er von seinen Knien zu seiner erzürnten Ehehälfte aufsah. Er

hatte den Schwamm in dem Wasser ausgedrückt und fuhr damit leise über

Gesicht und Stirn seines Schützlings. So schlecht bist Du nicht, fuhr er

dabei fort, daß es Dein Ernst sein könnte von mir zu fordern, ich sollte

dies Weib, wer sie auch sein mag, in Nacht und Eis auf die Straße

werfen. Element ja! wenn's wahr wäre, rief er, stärker den Schwamm

drückend, ich könnte Dich nicht mehr ansehen. Aber wenn ich es thun

wollte, Du würdest sie wieder hereinholen. Todt ist sie nicht, jetzt

athmet sie ja, und da hat sie den Schlag auf den Kopf bekommen. Es ist

eine lange blutige Schramme, muß ein Säbelhieb sein, aber viel hat es

nicht auf sich, wenn es weiter nichts ist. Die Betäubung ist das meiste,

Angst und Schreck obenein. Bald wird sie wieder munter sein wie ein

Fisch und ehe es irgend ein Mensch gewahr wird, kann sie gehen und

sehen, was sich weiter mit ihr zuträgt.

Eine zuckende Bewegung der Unbekannten endete seine Ermahnungen. Sie

schlug die Augen einen Augenblick auf und schloß sie wieder; ein paar

unverständliche Laute kamen über ihre Lippen und endeten mit einem

dumpfen Stöhnen.

Das Wasser macht ihr Schmerzen, flüsterte der gutmüthige Schuhmacher,

und sieh mal da, Guste, was es für ein feines, blasses Gesicht ist. Die

sieht nicht aus wie Eine, die einen schlechten Lebenswandel führt.

Ein ordentliches, anständiges Mädchen thut das nicht, sagte die Frau,

noch immer grollend. Du bildest Dir wohl am Ende ein, einen

Tugendspiegel Nachts um 12 Uhr in Rock und Hosen aufgefangen zu haben.

-- Bei alle dem aber beugte sie sich zu der Leidenden nieder, horchte

auf ihr leises schnelles Athmen und unterstützte, ohne ein Wort weiter

zu sprechen, die Bemühungen ihres Mannes, dem sie endlich den Schwamm

fortnahm und die Waschung selbst verrichtete.

Hole ein reines Tuch aus der Kommode, sagte sie nach einer kleinen

Weile, wir müssen es zusammenlegen und einen feuchten Umschlag machen.

Anton sprang auf und brachte, was er fand.

Ach, bewahre Gott, rief Guste, das ist ja ein baumwollenes. Rechts in

der Ecke liegen die beiden feinen Leinentücher, die mir Fräulein Elise

zur Hochzeit geschenkt hat.

Die willst Du nehmen? fragte Anton erstaunt. Wirst das Blut nicht wieder

herauskriegen.

Ich habe nichts anderes, was paßt, sagte sie ärgerlich. Warum hast Du

uns das Unglück in's Haus gebracht.

Anton machte ein Gesicht als wollte er lachen, aber er unterdrückte es

zur rechten Zeit und nach wenigen Minuten lag eine Kompresse auf der

langen Schnittwunde, die eine zerrissene Oberfläche zeigte, dann wurde

das zweite Tuch vorsichtig darüber gebunden und nun sagte Guste: hole

rasch den großen Lederstuhl herein, das ist der einzige Platz, wo man

sie niedersetzen und wo sie den Kopf anlehnen kann.

Auch dieser Befehl wurde auf der Stelle vollzogen. Der Schuhmacher trug

aus seinem Laden den Stuhl herein, auf welchem er seinen Kunden Maß zu

nehmen pflegte. Es war ein bequemer Sessel mit Armen und hoher Lehne.

Vorsichtig faßte er den Körper unter den Schultern, die Frau trug ihn an

den Beinen und nach einer Minute war das Werk vollbracht. Die kleine

Lampe brannte wieder unter dem dichten Schirm, das tiefe Schweigen

kehrte zurück, die beiden barmherzigen Samariter aber standen ängstlich

und ungewiß vor der Unbekannten, die noch immer nicht erwachen wollte.

Das jugendliche und einnehmende Gesicht lag vorn über, der Brust

zugeneigt, die sich dann und wann in kurzen heftigen Schlägen hob. Die

Arme fielen schlaff auf die Lehnen des Stuhls, über welche die weißen,

schmalen Hände herabhingen.

Gearbeitet hat die nicht, murmelte Anton seiner Frau zu.

Es ist mir so, als hätte ich sie schon früher gesehen, flüsterte diese

zurück, aber ich weiß nicht, wo es gewesen ist. Sie lüftete den Deckel

der Lampe ein wenig und plötzlich fiel ein hell zuckender Lichtstrahl

auf den ruhenden Kopf. Es war ein schönes Oval mit hochgewölbter Stirn.

Kühn geformte Augenbrauen liefen darunter hin, und lange Wimpern, welche

die geschlossenen Augen bedeckten, bildeten einen schwarzen Schatten,

der seltsam auf der bläulichen Blässe des Gesichts ruhte. Im Verein mit

den festgeschlossenen schmalen Lippen und der Nase, die wie bei einem

Todten scharf und blutlos hervortrat, schien es wirklich, als sei das

Leben aus dieser Hülle entflohen, wenn nicht die einzelnen krampfhaften

Bewegungen dagegen gezeugt hätten.

Und jetzt als das blendende Licht ihre Augen berührte, thaten sich diese

rasch auf und sandten einen wirren fragenden und befremdeten Blick

umher. Dann umklammerte die linke Hand die Lehne des Stuhls, der Kopf

richtete sich von der Brust empor und mit größerer Gewalt als sich

vermuthen ließ, rief die Kranke: Was ist mit mir vorgegangen? Wo bin

ich? Wer seid ihr? Mein Gott, was ist das?! Sie fuhr mit der Hand an

ihren Kopf, fühlte das Tuch und ihr nasses Haar und als kehre ihr in

diesem Augenblick die volle Erinnerung zurück, stieß sie einen Schrei

des Entsetzens aus, indem sie von dem Stuhle sich aufrichtete und ihre

Umgebungen anstarrte.

Beruhigen Sie sich, sagte Anton, ihren Arm fassend, und verhalten Sie

sich still. Sie sind nicht im Gefängniß, nicht unter den Konstablern und

dergleichen, sondern alleweil bei ordentlichen Leuten, die sich Ihrer

angenommen haben, so weit es geschehen konnte.

Weil es so hat sein sollen, Mamsell, oder wer Sie sind, fuhr Frau

Mertens fort, als die Fremde sich wieder niedersetzte. Weil es so hat

sein sollen, denn eine Fügung ist es jedenfalls, daß Anton eben die Thür

aufmachte, wie Sie ihm in die Arme sprangen, aber allemal geschieht das

nicht, und sonderbar genug ist es auch, daß Damen um Mitternacht in

Mannskleidern sich blutige Köpfe auf offener Straße schlagen lassen.

Na, wer weiß denn, was es für Gründe hat, sagte Anton ihr zuwinkend. Man

kann zu allerlei Schaden kommen, man weiß selbst nicht wie, und heut zu

Tage steht die Welt auf dem Kopf, es geschehen Geschichten, wie man sie

nie erlebt hat. Mags also sein, wie es will, soviel ist gewiß, daß es

für diesmal keine Gefahr mehr hat. Draußen ist Alles ruhig geworden,

denn nachdem sie in allen Winkeln umhergeschnüffelt haben und geflucht

haben wie sich's gehört, sind sie abgezogen, und hier können Sie nun so

lange bleiben bis Sie auf den Beinen fort können.

Das heißt spätestens bis es Tag wird, fiel Guste wiederum ein. Jeder muß

am besten wissen, was er zu thun hat und ob er sich bei Tage sehen

lassen darf.

Ich danke Ihnen von Herzen für die Güte, welche Sie mir erwiesen haben,

sagte die Fremde mit mattem und sanftem Ton, indem sie die Hand von

ihrem Gesicht nahm. Ich hoffe in einer halben Stunde schon mich

fortbegeben zu können, und nehme es Ihnen nicht übel, wenn Sie Mißtrauen

gegen mich hegen. Die Verkleidung, in welcher Sie mich finden, betrifft

eine Angelegenheit, welche für Sie kein Interesse haben kann. Durch

einen Zufall gerieth mein Begleiter mit einem Polizeisoldaten in

Wortwechsel. Der brutale Mensch wollte ihn verhaften, er schleuderte ihn

von sich, es kamen zwei andere herbei, die sofort Gewalt brauchten.

Siehst Du wohl, Guste, rief Anton frohlockend, da haben wir die

Geschichte, wie ich dachte.

Sie zogen ihre Säbel und in dem Bemühen, uns zu schützen, in der

Verwirrung und Bestürzung, empfing ich einen harten Schlag und wurde von

meinem Begleiter getrennt, der sich fortgesetzt vertheidigte. Plötzlich

fiel ein Schuß, ich floh, verlor die Besinnung und weiß nichts weiter.

Und wer sind Sie denn? Wo ist Ihre Wohnung? fragte die Frau, halb nur

gläubig, wie es schien.

Das, Madame, erwiderte die Fremde, muß ich Ihnen verschweigen, aber ich

werde Ihnen dankbar sein, gewiß, ich werde dankbar sein, -- wenn auch

nicht sogleich, fuhr sie fort, denn im Augenblick besitze ich nichts,

was ich für Ihre große Güte und Freundlichkeit Ihnen bieten könnte.

Der Ton ihrer Stimme und die Art, wie sie dies sagte, hatte eben so viel

Herzliches wie Bestimmtes. -- Wir haben nichts um Lohn gethan, erwiderte

der Schuhmacher großmüthig. Bleiben Sie hier, bis es hell wird, wir

wollen schon mit einander auskommen.

Nein, nein! ich darf nicht bleiben, versetzte die Fremde aufstehend, und

von heftiger Unruhe erfüllt, die ihr Gesicht röthete, setzte sie mit

größerer Lebhaftigkeit hinzu: Ich fühle mich wohl, und kann nicht länger

zögern. Man wird sehr besorgt um mich sein. Oeffnen Sie die Thür und

seien Sie überzeugt, daß ich nicht vergessen werde, was mir hier

geschehen ist. Leben Sie wohl, Madame, leben Sie wohl! -- Sorgen Sie

nicht, es geht mit mir, es geht recht gut, ich fühle mich kräftig genug.

Nach einigen Minuten kam Anton lachend zurück. -- Fort ist sie, sagte

er. Es ist rabenfinster und eben schlägt es Eins. Wie ein Schatten

schlüpfte sie an den Häusern hin und verschwand. Die Hand hat sie mir

gedrückt, die war so klein und fein und warm. Es muß was Vornehmes sein,

Guste.

Aber die Tücher, rief die Frau plötzlich erschreckend. Wo sind die

Tücher?

Ja, die hat sie wahrhaftig alle beide mitgenommen.

Das Ehepaar sah sich stumm an. Die sind fort auf Nimmerwiedersehen, rief

die junge Frau endlich voller Aerger. Das haben wir für unsere Dummheit,

oder für Deine Dummheit vielmehr, denn Du bist an Allem schuld. Es

dauerte lange, ehe Anton den Sturm besänftigen konnte.

Die glänzende Wohnung des Geheimeraths Wilkau zeigte am folgenden Morgen

deutlich genug die Spuren des Festes, welches am Abend vorher hier

gefeiert wurde; allein mit dem ersten Licht des Tages waren fleißige

Hände geschäftig, die gewohnte Sauberkeit und Ordnung wieder

herzustellen. Drei oder vier rüstige Frauen und Mägde, ein Bedienter mit

bedenklich rother Nase und eine Wirthschafterin von gereiftem Alter, die

mit leiser Stimme Befehle und handgreifliche Püffe in aller Stille

austheilte, liefen auf Socken durch die Zimmer, räumten die Geschirre

fort, setzten Stühle und Geräthe an Ort und Stelle, lüfteten und

wischten, fegten und bohnten die Fußböden und säuberten jeden Fleck, dem

sich beikommen ließ, bis nach einigen Stunden Alles so stattlich,

prunkend und nobel aussah, als je vorher.

Endlich wurden die Oefen geheizt, die Fenster geschlossen, die Vorhänge

niedergelassen, und wenn die Wirthschafterin bisher mit aller Strenge

darauf gehalten hatte, daß kein Gepolter und Gelärm entstand, so kehrte

nun die tiefste Stille in diese schönen, dämmernden Räume zurück, in

denen das Geräusch des Lebens auf der Straße lange Stunden träumerisch

wiederhallte.

Zehn Uhr war vorüber, als eine Flügelthür geöffnet wurde und eine junge

Dame, fröstelnd in einen Morgenmantel gewickelt, hereintrat. Die Thür

blieb offen stehen und zeigte einen Ecksalon mit Decken belegt; auf der

Mitte des großen Tisches waren alle Vorbereitungen zum nahen Frühstück

getroffen.

Dem Fräulein folgte eine Zofe, welche dienstfertig und geschmeidig die

Vorhänge in dem Wohnzimmer aufzog und eine lustige Bemerkung machte, daß

die Sonne schon bis auf die Straße gelangt sei.

Ist meine Mutter aufgestanden? fragte das Fräulein.

So eben aufgestanden, sagte das Mädchen. Auch der Herr Geheimerath waren

schon munter. Friedrich mußte Erkundigung einziehen wegen des Skandals

vor unserm Hause.

Nun, was ist es denn gewesen? fragte Fräulein Elise gähnend.

Ein paar Vagabonden, erwiederte die Kammerjungfer, die sich lange schon

umhertrieben und an unserer Thür Posto gefaßt hatten. Wahrscheinlich

hatten sie die Absicht, sich einzuschleichen und wenn Alles zu Ende war,

unser Silberzeug näher zu besehen. -- Die Schutzmänner nahmen sie ins

Gebet, da schoß der eine Kerl eine Pistole ab, und richtig sind sie

davongekommen.

Wie? davongekommen?

Es ist merkwürdig, sagte das Mädchen lachend. Der Eine ist verschwunden,

wie ein Gespenst. Der Andere lief mitten durch Alle, die ihn halten

wollten und schlug mit seiner Pistole Einen noch an den Kopf, daß er das

Aufstehen vergaß. Ein Dutzend waren hinter ihm her, die Kirchstraße

hinunter, wo er mit einem Satz über die Kirchhofmauer sprang. -- Da

standen sie nun wieder und besannen sich, denn nachspringen wollte und

konnte Keiner. Endlich halfen sie sich hinüber, aber stundenlang haben

sie mit Licht jeden Winkel untersucht und nichts gefunden.

Das Fräulein verließ ihre geschwätzige Dienerin, denn sie hörte die

Stimmen ihrer Eltern im Nebenzimmer. -- Der Geheimerath saß schon am

Kaffeetisch, die Zeitung in der Hand, seine Gattin versenkte sich so

eben an der andern Seite in den bequemen Polsterstuhl.

Der lange, hagere Herr, leicht ergrautes Haar um seine hohe Stirn, sein

eckiges Gesicht mit hervortretender gerader Nase voll scharf

ausgeprägter bureaukratisch stolzer Züge, bildete einen grellen

Gegensatz zu seiner wohlbeleibten Frau, deren vollwangiges Antlitz

einige kupferfleckige Stellen enthielt.

Nach der ersten Begrüßung trat ein Schweigen ein, während Elise Theil am

Frühstück nahm, der Geheimrath weiter las und das Klappen der Tassen

allein die Stille unterbrach.

Wird Gravenstein heut Vormittag kommen? fragte die Dame endlich, nachdem

sie einige halblaute Worte an ihre Tochter gerichtet hatte.

Er hat es versprochen, erwiederte diese.

Nun, und? sagte sie mit einem lächelnden Blick, der Elisen erröthen

machte.

Ich glaube beinahe, daß Du Recht hast, flüsterte diese.

Die Geheimeräthin lachte auf. -- Du glaubst es beinahe, rief sie, wir

haben nichts dagegen, Kind. Unsere Ansichten kennst Du. Gravenstein ist

ein herrlicher Mensch, und Du weißt, was seine verstorbene Mutter, meine

gute Cousine Clara, immer gewünscht hat. Deßwegen ist er gekommen, er

hat uns überrascht.

Der Geheimrath legte die Zeitung auf den Tisch und mischte sich in's

Gespräch, als seine Tochter eine Antwort gab, die ihm nicht ganz zu

gefallen schien.

Wenn Gravenstein nur gekommen ist, sagte Elise, weil seine Mutter es

begehrte, würde ich mich doch sehr besinnen, meine Zukunft davon

abhängig zu machen.

Possen, sprach der Geheimrath. Alfred ist viel zu selbstständig und

starrsinnig, wie wir wissen, um etwas so wichtiges zu thun, wenn er es

nicht aus Ueberzeugung thun will.

Aus wahrer Herzensneigung, fiel die Dame ein.

Meinetwegen, sagte ihr Gemahl, aber das kann ich Euch versichern, daß er

nicht auf Wunsch der Verewigten gekommen ist, sondern weil ich ihn darum

ersucht habe.

Du?! riefen Mutter und Tochter zu gleicher Zeit.

Ich, erwiederte der Geheimrath lächelnd, weil ich mit ihm eine für ihn

wichtige Angelegenheit zu besprechen habe.

Welche Angelegenheit, Papa?

Vor der Hand ist das nichts für Euch, sagte Wilkau; übrigens ist es eine

Geld- und Geschäftssache. -- Alfred kam gestern eben noch zur rechten

Zeit, um an dem Balle Theil zu nehmen. Heut Vormittag aber wird er nicht

allein Dich, sondern auch mich besuchen. -- Ich habe mit Vergnügen

gesehen, daß er sich mit alter Freundschaft bei uns gefallen und mit Dir

viel getanzt hat.

Er war der schönste Tänzer auf dem Balle, rief die Geheimräthin.

Nun, was das anbelangt, Mutter, erwiederte Elise spöttisch, so ließe

sich wohl Manches dagegen einwenden.

Also ist er nicht der beste Tänzer, fiel der Geheimrath mit amtlicher

Entschiedenheit ein. Ich glaube es gern. Alfred scheint mir zu schwer

und zu ernsthaft, es mag sich mancher flinker drehen, Assessor Stephani

zum Beispiel, aber darauf kommt es nicht an. Gute Tänzer, liebe Elise,

sind nicht immer gute Männer. Ein Mann aber, der ein bedeutendes

Vermögen und ein paar Rittergüter besitzt, mag immerhin ein schlechter

Tänzer sein. --

Man kann es sich wenigstens gefallen lassen, lachte das Fräulein. Du

hast ganz Recht, Papa.

Der Geheimrath legte über den Tisch fort seine Hand auf Elisens Arm und

sagte freundlich blickend: Du siehst heute angegriffen aus, gestern

blühtest Du wie eine Rose. Alfred war entzückt, wie er Dich sah; er

sprach von Deiner prächtigen Entwickelung mit dem Feuer, dem man

anmerkt, woher es stammt. -- Du bist ein Schmetterling Elise, es kann

jedoch kaum anders sein. Das Hofmachen verdreht allen Mädchen die Köpfe,

und Du machst keine Ausnahme von der Regel. Ich wundere mich auch nicht

darüber, daß man Dir zu gefallen strebt. Du bist jung, hübsch, lebhaft

und bist meine Tochter, aber eines möchte ich Dir empfehlen. Zeichne

keinen Deiner Anbeter ferner aus, auch wenn sie noch so schön tanzen und

schwatzen; behandle den jungen Herrn Stephani wie Du unsern würdigen

Hauswirth, den alten Rentier Zippelmann behandelst, das heißt, jeden in

seiner Weise, wenn Du meinst, es sei wohlgethan, an ein ernsthaftes

Einlassen mit Alfred zu denken. Er ist stolz, reizbar und von strengen

Grundsätzen. -- Unseren Segen hast Du auf jeden Fall. Alfred von

Gravenstein ist ein junger Mann, wie es wenige giebt. Alle anderen

Vorzüge abgerechnet, ist er ein gediegener Charakter; durchaus

konservativ in jeder Beziehung, sowohl in der Liebe, wie in der Politik.

Vielleicht geht er darin fast zu weit, selbst bis zum Extrem, denn er

hat mit Wort und Schrift und That gegen die Umstürzer gekämpft, und sich

nicht gescheut, seinen Namen bei allen Bestrebungen voran zu stellen.

Dafür findet er jetzt die gebührende Anerkennung und, wenn er will, eine

glänzende Zukunft. Ich weiß, daß er in die Kammer gebracht werden soll,

wo er eine Rolle spielen wird. Seine Partei hofft etwas von ihm, seine

Verwandten können ihn durch ihren Einfluß unterstützen; er kann leicht

einmal in's Kabinet kommen.

Ich zeige Dir das alles nur, Elise, fuhr er fort, als er sah, daß das

Fräulein einige stolz lächelnde und nachsinnende Blicke auf ihn

richtete, weil Du Verstand und Takt hast. Mische Deine Karten, Ihr

Weiber versteht das; ich sage nur das noch: Von allen den jungen Herren,

die hier umherschweben, weiß ich keinen, der solche Zukunft hätte.

Stephani ist ein ehrgeiziger Kopf, aber sein Vermögen ist unbedeutend.

Die Uebrigen kommen nicht weiter in Betracht. Bedenke also wohl, was Du

thust. Ich lege Deinem Herzen keinen Zwang an, wünschenswerth würde mir

diese Partie aber gewiß sein. Sie brächte mich auch politisch Personen

näher, die alberner Weise mir manches nicht vergessen können, was sie

nicht besser gemacht haben.

Hier wurde das Gespräch durch den Bedienten unterbrochen, der den

Polizei-Kommissarius des Bezirks meldete.

Was will denn der? fragte der Geheimrath verdrießlich. Die Polizei ist

ein Institut, ohne welches kein civilisirter Staat bestehen kann. Es ist

ganz richtig: je mehr Polizei, je mehr wahre Freiheit, denn um so besser

werden Verbrecher gefaßt und gestraft; aber dennoch ist mir persönlich

alles was Polizei heißt zuwider. -- Doch was hilft's, laß ihn herein

kommen.

Nach einigen Minuten trat ein breitschultriger starkbärtiger Herr

herein, den der Geheimrath mit herablassender Freundlichkeit empfing.

Ich bitte um Entschuldigung, sagte der Kommissar, aber ich halte es für

meine Pflicht, Ihnen einen Besuch zu machen, Herr Geheimerath.

Es betrifft die nächtliche Ruhestörung vor Ihrem Hause, fuhr er fort,

als der Geheimerath mit einer einladenden Handbewegung antwortete.

Die beiden Vagabonden oder Diebe, fiel die Geheimeräthin erfreut ein.

Sie haben sie also gefangen?

Noch nicht, gnädige Frau, erwiederte der Beamte, aber auf keinen Fall

werden sie uns entgehen. Der Eine ist durch mehrere Hiebe verwundet

worden, der Andere wahrscheinlich auch. Wir werden uns die größte Mühe

geben, diese Verbrecher in unsere Gewalt zu bekommen, denn die

Frechheit, eine Pistole abzufeuern und mit dem Kolben Löcher in

Gesichter und Köpfe der Polizeiwache zu schlagen, ist noch nicht

dagewesen.

Ich wünsche sehr, daß es Ihnen gelingt, ein Beispiel zu geben, sagte der

Geheimerath, was mich jedoch betrifft, so weiß ich von den beiden Dieben

nichts, auch nicht, daß wir bestohlen wären.

Ich komme eben deßwegen, sprach der Kommissar höflich, um Ihnen die

Mittheilung zu machen, daß allem Vermuthen nach auch kein Einbruch

beabsichtigt wurde.

Nicht? fragte Wilkau. Und was denn?

Ein Mord! erwiderte der Beamte.

Himmlischer Vater! schrie die Geheimeräthin auf. Wer sollte ermordet

werden?

Beruhigen Sie sich, gnädige Frau, beruhigen Sie sich, sprach der

Kommissarius mit Selbstgefühl. Kein Haar soll Ihnen gekrümmt werden.

Darf ich um näheren Aufschluß bitten, was die mörderische Absicht der

beiden Schelme beweist? fragte der Geheimerath.

Ich habe hier die Aussage des Mannes, der zuerst die Inculpaten

bemerkte, beobachtete, festhielt und den Kampf mit ihnen begann. -- Er

zog einige Bogen Papier hervor und las:

»Gegen neun Uhr bemerkte ich zwei Männer, welche vor dem Hause

auf und abgingen, und wohl eine Stunde lang trotz des bösen

Wetters nicht vom Platze wichen. Es kamen immer noch Wagen,

welche bei dem Geheimerath vorfuhren, und jedesmal sah ich, daß

die Verdächtigen die Aussteigenden genau beobachteten. -- Ich

drängte mich in ihre Nähe, allein ich konnte von ihren

Gesichtern wenig sehen, da sie die Kragen ihrer Ueberzieher bis

über die Ohren hochgezogen hatten. -- Ihr Flüstern aber und ihr

ganzes Benehmen verstärkte meinen Verdacht. Endlich, es hatte

eben zehn Uhr geschlagen, fuhr wieder ein Wagen vor, aus

welchem ein großer schlanker Herr stieg, der schnell ins Haus

ging.

Ist er das? rief der Eine mit gedämpfter Stimme. Der Andere

nickte, hielt seinen Kameraden aber am Arm fest. -- Laß mich

los, fuhr der Erste fort, ich will ihm nach, ich treffe ihn auf

der Treppe. Aber der Andere schien mich bemerkt zu haben, er

zog ihn zurück und sagte flüsternd: Noch nicht, hier nicht!

Der Elende! rief nun der Erste, er tanzt, aber ich will ihm

Musik machen. Sei sicher, der Verräther soll uns nicht

entkommen. Bei diesen Worten gingen sie fort und über eine

Stunde lang war nichts von ihnen zu sehen. Dann aber kamen sie

nochmals vorüber, und da ich mit meinen Kameraden inzwischen

Abrede genommen, vertrat ich den beiden Menschen den Weg und

forderte sie auf, mich zu begleiten, was sie trotzig

verweigerten.«

Das Uebrige ist bekannt, sprach der Kommissar. Es kommt aber nun darauf

an, ob Sie, Herr Geheimerath, Ihre Frau Gemahlin oder das gnädige

Fräulein sich nicht erinnern, wer von Ihren Gästen so spät gekommen ist?

Der Geheimerath warf einen raschen Blick auf Frau und Tochter, und

zuckte die Achseln. -- Es sind um zehn Uhr und gegen zehn Uhr mehrere

Herrn gekommen, die ich nicht genau nahmhaft machen kann, sagte er.

Ist aber nicht Jemand dabei, der sich durch seine Gesinnung den

besondern Haß wüthender Anarchisten zugezogen haben kann? fragte der

Beamte.

Glauben Sie, daß es solche Subjekte waren? erwiederte der Geheimerath.

Der Eine trug einen Hut mit breiter Krempe und breitem Bande, der Andere

soll einen dichten Bart rund um's Gesicht gehabt haben. Man erkennt den

Vogel an den Federn.

Herr Alfred von Gravenstein, sagte der Bediente eintretend, indem er dem

Geheimerath eine glänzende Karte hinhielt.

Sehr willkommen, erwiederte dieser, doch halt! Führe den Herrn von

Gravenstein in mein Zimmer, ich komme sogleich.

Es ist nichts! sagte der Geheimrath zu dem Beamten. -- Wenn einer

unserer Freunde wirklich von den mörderischen Drohungen fanatischer

Schurken berührt werden könnte, so müßte es Alfred von Gravenstein sein.

Ist er nicht etwas spät gekommen, Elise?

Gewiß, lieber Vater, er kam spät; ich glaube jedoch nicht, daß es zehn

Uhr war.

Unsinn! fuhr der Geheimrath, die Hände reibend, fort. Gravenstein ist

gestern erst hier angekommen, er ist seit Jahren nicht hier gewesen, wer

sollte ihm auflauern? -- Die ganze Geschichte scheint mir, offen

gestanden, wenig auf sich zu haben; vielleicht kommt uns nähere

Aufklärung durch weitere Nachforschungen und jedenfalls haben wir nichts

mehr damit zu thun. Wir lassen die Damen Toilette machen, Herr

Kommissar, sobald sich jedoch irgend etwas ermittelt, hoffe ich es von

Ihnen zu hören, während wir in der Stille ebenfalls unser Heil versuchen

wollen.

Nach einigen scherzenden Worten begleitete er den Beamten hinaus, aber

im Vorzimmer hielt er ihn plötzlich fest.

Ich bin dennoch beunruhigt, sagte er, denn eine Möglichkeit ist

allerdings vorhanden, daß die energische patriotische Gesinnung unseres

jungen Freundes ihm wüthende Feinde gemacht hätte. Jedenfalls würde es

gut sein, ihn genau zu beobachten.

Wo wohnt er? fragte der Kommissar.

Für jetzt noch im russischen Hofe, aber er wird heute oder morgen eine

Privatwohnung nehmen.

Ich werde dafür sorgen, daß ihm keine Gefahr zustößt, sagte der

Kommissar zuversichtlich.

Sie werden mich auf's Erkenntlichste verbinden, erwiederte der

Geheimrath, ihm die Hand drückend, wenn Sie bestmöglichst für ihn

sorgen.

Er soll keinen Augenblick ohne eine Sicherheitswache sein.

Aber er darf nichts davon merken, fuhr Wilkau leise fort. Er ist stolz

und empfindlich.

Seien Sie unbesorgt, flüsterte der Beamte lächelnd, er wird nicht ahnen,

daß er keinen Schritt thun kann, ohne gut beschützt zu sein.

Und darf ich darauf rechnen, daß Sie mir Nachricht geben über Alles, was

ihn betrifft?

Sie sollen jeden Morgen einen kleinen Rapport darüber erhalten, wie Herr

von Gravenstein seinen Tag verlebte.

Vortrefflich, sagte der Geheimerath, dem Kommissar nochmals die Hand

reichend, ich hoffe mich Ihnen erkenntlich zeigen zu können. Alfred von

Gravenstein ist der Sohn meines theuersten Freundes. Er steht mir und

meiner Familie sehr nahe. Ich darf meiner Frau und Tochter nicht die

geringste Besorgniß erregen. Sie verstehen!

Ich verstehe vollkommen, sagte der Kommissar sich verbeugend.

Und ich kann mich auf Sie verlassen?

Auf's Bestimmteste, Herr Geheimrath. Ich versichere nochmals, er soll

keinen Schritt thun können, ohne daß wir es wüßten.

Der Geheimrath nickte ihm lebhaft zu, öffnete dann selbst die Glasthür

des Corridors und ging mit Befriedigung nach seinem Zimmer.

Mein theurer Alfred! sagte er hereintretend und beide Hände dem jungen

Herrn entgegenstreckend, der sich von dem Platze am Fenster erhob, wo er

wartend mit einem Buche in der Hand gesessen hatte, entschuldigen Sie

mich und so auch die Meinigen. Wir haben sämmtlich bis in den Tag hinein

geschlafen. Wie ist Ihnen der Abend bekommen?

So gut mir Ungewohntes bekommen kann, erwiederte Alfred von Gravenstein.

Ich bin heut in aller Frühe schon umhergelaufen, um eine für mich

passende Wohnung zu finden, weil das Gasthausleben mir tief zuwider ist.

Sie sind ein Mann der Ruhe und Ordnung, lachte der Geheimrath. Ich

erinnere mich, daß als Sie noch hier studirten und in unserem Hause

wohnten, Alles in Ihrem Zimmer aufs Sauberste aussah und Ihre

Pünktlichkeit bewundernswerth war.

Zu den Flüchtigen und Zerstreuten, das heißt, zu den liebenswürdigen

Verwirrten habe ich nie gehört, erwiederte Alfred lächelnd. Ich halte

den Sinn für Ordnung für Etwas, was mit dem Lebensglück der Menschen in

engster Wechselwirkung steht. Eben dieser Sinn für Ordnung ist es, der

den Meisten leider fehlt, daher die Unordnung, der Leichtsinn, die

wachsende Verarmung, und so in Kettenschlüssen weiter: die wachsenden

Verbrechen, die Eingriffe in die Rechte und das Eigenthum Anderer, der

Aufruhr, der Verrath.

Sehr wahr, nur zu wahr! rief der Geheimrath, der diese Worte mit

beifälligem Kopfnicken begleitete, aber wer will der Prophet in der

Wüste sein, und was nützt es den Leidenschaften Weisheit zu predigen?

Sie haben dazu die volle Energie gehabt, Alfred, haben sich dem Strom

entgegengeworfen, haben Sie aber nicht dafür auch den Haß und die Rache

einer ganzen Partei auf sich geladen.

Der junge Herr von Gravenstein lächelte verächtlich. Er schlug die Arme

über seine breite Brust und hob stolz seinen Kopf auf, der nicht aussah,

als wohne ein Gefühl der Furcht darin. Die hohe kräftige Gestalt sah

ritterlich genug aus, um Helm und Harnisch seiner Ahnen aus dem

vierzehnten Jahrhundert wieder umzuschnallen. Kurzes blondes Haar fiel

auf eine eckige Stirn, unter welcher große blaue Augen glänzten, die nur

zu starr blickten, um schön zu sein. Ein kurzer blonder Bart hielt Lippe

und Kinn besetzt, und dies Gesicht voll entschlossener, fester Züge

hatte etwas zurückschreckend Strenges und Hartes.

Die Feigheit dieser sogenannten Partei, sagte er, ist wenigstens eben so

groß wie ihre Verworfenheit.

Nun, sprach der Geheimrath, es kommen doch noch immer Fälle vor, an

denen man sieht, daß verwegene Bursche, die zum Aergsten entschlossen

sind, der Rotte nicht fehlen.

Sie nennen das rechte Wort, erwiderte Alfred. Eine Rotte von Elenden

aller Art soll uns jedoch nicht mehr beschäftigen, als unumgänglich

nöthig ist.

Ich fürchte dennoch, fiel Wilkau lächelnd ein, daß Sie mancherlei mit

ihr zu thun haben werden, eben weil es unumgänglich nöthig ist. Ich habe

Sie in meinem Briefe darauf vorbereitet.

Sie haben mir geschrieben, sagte Alfred, daß die fünftausend Thaler,

welche meine verstorbene Mutter dem Herrn Herzer geliehen hat, in Gefahr

sind, verloren zu gehen, und mich aufgefordert, die nöthigen Schritte zu

thun.

So ist es, gab der Geheimrath zur Antwort, und ich halte mich doppelt

verpflichtet Ihnen beizustehen, weil ich es war, der Ihre Mutter bewog,

das Geld herzugeben. -- Es sind jetzt zehn Jahre her, Herzer war damals

uns genau befreundet, er brauchte das Geld zur Vergrößerung seiner

Fabrik musikalischer Instrumente, zum Bau einer Schneidemühle und

Dampfmaschine, und da er ein eben so geschickter Künstler wie

spekulativer Kaufmann war, trug ich gern dazu bei, Ihre Mutter zu

bestimmen, ihm ein Kapital anzuvertrauen. Haben Sie die

Schuldverschreibung mitgebracht?

Hier ist das Instrument in bester Form Rechtens, erwiederte der junge

Mann. Das Kapital soll in zehn Jahren nicht gekündigt werden, es sei

denn, daß die Zinsen nicht pünktlich erfolgen.

Haben Sie diese stets richtig erhalten?

Pünktlich und richtig bis auf Tag und Stunde.

Für das Kapital, fuhr der Geheimrath fort, bürgen alle Einrichtungen,

Geräthe, Maschinen und Bestände der Fabrik, überdies aber sämmtliches

Mobiliarvermögen des Schuldners.

Meine Mutter hat sich vorgesehen, sagte Alfred.

Weihnachtsabend · 第 1 / 15 段