Melenke Holgers ist in Hamburg bei einer Putzmacherin.
Edlef und ich haben’s durchgesetzt, daß sie dort blieb. Die Ahne wollte
sie in den Mutterhof zwingen. Das wär ja nimmer geglückt. Nomine hat
die Schwester öfters von Kiel aus besucht, hat sie aber noch nie
angetroffen. Sie hat auch Melenke zu sich eingeladen, denn das Band,
das Halliggeschwister verbindet, ist ein sehr festes. Aber die Jüngere
ist nicht gekommen, sie bäumt sich gegen jede Bevormundung. --
Die Ahne geht gebückt. -- War eine junge Frau mit ihren fünfundachtzig
Jahren, mit den roten Backen, den scharfen Augen und dem raschen Gang.
Und wenn sie auch manchmal bei Tisch einschlief, so war sie nachher
doppelt ausgeruht und schlug uns Jüngere mit Kreuz- und Querfragen.
Jetzt ist sie alt geworden. Bin ich bei ihr, dann redet sie mit guter,
leiser Stimme. Nicht mehr energisch und zupackend wie früher. Gleichsam
entschuldigend, daß sie mir kein besser Dach bieten könne als den
Mutterhof, aus dem eine Haustochter entlaufen. -- Mir zerreißt es das
Herz, sehe ich diesen zerbrochenen Stolz. -- --
Mein Buch gedeiht. Das Manuskript ist schon recht umfangreich und ich
liebäugle fast damit. Es ist ja auch mein Schatz. --
Gestern war Maren allein bei mir.
Fast erschreckte es mich. Sie trat so leise ein. Und ein gar so zager
Ruf: »Bruder Manne!«
Dann lag sie freilich rasch an meinem Herzen, und mir verschlug die
jähe Freude schier die Stimme. Ich nahm ihr Mantel und Kopftuch ab
und drückte sie fest in den Altväterstuhl hinein, drin alle Wögens
ausgerastet haben. Da saß sie geruhig wie der Vogel im Nest, und
ich erzählte und fragte und mußte mich baß wundern, warum ich so
karge Antwort erhielt. -- Zuletzt kam mir ein Freudengedanke, und
immer zarter sprach ich mit ihr. Um ihr vielleicht ein Geständnis zu
erleichtern, das sich etwa so formen könnte: »Bruder Manne, willst
du mir vom Oberboden die Kiste tun, darinnen unsere winzig kleinen
Kinderhemdchen und Häublein liegen?«
Aber sie sagte nichts, sah nur rings die Heimatwände mit den vertrauten
Bildern und dem Urväterhausrat an. Ganz still und besinnlich, als sähe
sie alles zum erstenmal.
Da stand ich auf, beugte mich über sie und sagte: »Süße Marenschwester,
das wird einmal alles wieder dir gehören -- -- und deinen Kindern.«
Wie herb und traurig sie lächelte. Ach, daß es solch ein Lächeln geben
darf auf dem Antlitz eines jungen, schönen Weibes ...
»Ich werde niemals Kinder haben, Bruder Manne.«
»Maren, -- was sprichst du da?«
»Die Wahrheit, Manne. Aber sie zerdrückt mich fast.«
»Woher hast du die traurige Weisheit, Maren?«
»Vor einer Stunde hat sie mir der Kreisarzt gegeben ...«
»Und Edlef???«
»Er ist in wichtiger Sache nach Husum. Mein Mannebruder, er erfährt es
früh genug.«
Dann ging die Süße still, wie sie gekommen. Ich konnte ihr keinen Trost
geben, das war bitterhart.
Nun falten sich immer meine Hände: Daß dieses herbe Frauenschicksal
nur ein stilles Leid bleibe, gemeinsam getragen von zwei liebenden
Gatten, die sich selbst genug sind. Daß mein Freund Edlef Holgers stark
erfunden werde, sein junges Weib auf Händen zu tragen und durch alle
Fährnisse der Hallig, insonderheit des Mutterhofes, zu steuern. Als da
sind: »Kälte, Schmähsucht und Vereinsamung.« --
Ich höre die fünf unbändigen Luersenkinder bis hierher toben. Neun
Luersens sind schon aus dem Hause ... Machen trotzdem noch viel Sorgen
und Mühen, und kaum das Brot schaffen können die hart arbeitenden
Eltern für die fünf Jungen im Nest.
Warum ...?
Nein! Mit Grübelfragen darf man sich auf einer Hallig nicht befassen.
Die fressen hier gleich den ganzen Menschen auf. Wenigstens Herz und
Hirn. --
Ich will an das Lied denken, das ich meiner Marenschwester an ihrem
Hochzeitstage auf der Orgel spielte:
...
Der wird auch Wege finden,
Da dein Fuß gehen kann. --
* * * * *
Es war ein naßkalter, windiger Oktoberabend, da Edlef Holgers
heimkehrte. Aber im »Jungteil« lachte ihm das freundliche Licht der
Lampe entgegen, die seine Maren dicht ans Fenster gestellt hatte. An
Heyens Lei mußte er denken. »Die treue Schwester wacht!«
Ja, _alles_ war ihm Maren. Nicht nur sein liebendes und geliebtes Weib,
nein, auch Mutter und Schwester in ihrer treuen Fürsorge. Wie er sich
freute, heimzukommen von dieser ärgernisreichen Reise ...
Da tat sich auch schon die Tür des Wohnpesels auf und zwei weiche Arme
legten sich um seinen Hals. Er preßte sein Weib an sich und sah ihr
tief in die Augen.
Wahrhaftig, sie wurde immer schöner. Er wußte nicht, was ihn mehr
entzückte. Das strahlende Lächeln, womit sie ihn vor einer Woche
entlassen, oder der stille Ernst, mit dem sie ihn heute empfing.
»Ach du,« sagte er glücklich, »ich will dich einfach Heimat nennen.
Willst du? Schau hinaus, wie es regnet und stürmt! Bei dir bin ich im
Himmel. Du! Du!« Er trank ihre Süße völlig in sich hinein. »Ich müßte
nie von dir fortzugehen brauchen, -- es ist eisig kalt, häßlich, öde
draußen in der Fremde.«
»Du Peterle!« meinte sie. »Bist ja nur bis zum Kreuzweg gekommen.«
»Ja, -- und da will ich auch immer umkehren fortan.«
Sie setzten sich auf das alte Thüringer Kanapee, das Manne der
Schwester mitgegeben. Beim Essen erzählte Edlef von seiner Reise.
»Willst du nicht Mutter und Ahne erst begrüßen?« hatte ihn Maren
gefragt.
»Nein, laß mich erst bei dir erwarmen«, entgegnete er zärtlich. »Sieh,
ich bringe wieder Trübes zu den zwei alten Frauen, und solche Wege
spart man gern auf. Ich habe Melenke nicht angetroffen. Wieder nicht.
Ist es nicht unnatürlich, daß sie sich vor mir versteckt?«
»Was meint die Putzmacherin? Bei der wohnt sie doch?«
»Nn--ein. Das tut sie nicht mehr. Melenke wohnt allein. Ja, da kannst
du wahrlich erschrecken, Maren, -- ich tat’s _auch_. Und Melenkes
jetzige Wirtin hat mir gar nicht gefallen. Wo das Mädel sei, wisse sie
nicht. Wohl spazieren gegangen, -- -- kurz, sie redete so herum und
sich selbst heraus. Mein Zug ging, ich mußte fort. Maren, nächste Woche
fahren wir beide nach Hamburg, und da warten wir, bis Melenke kommt.
Und nehmen sie mit. Sie soll hier Arbeit finden und Heimat kosten. Hast
du Mut, Maren, dies widerwillige Holgersblut zu bändigen? Bist ja doch
noch nicht allzu lange aus der Schulmeisterei heraus ...«
»Mit Schulmeistern ist da wohl nichts getan«, meinte Maren ernst. »Da
wird nur unsere Liebe helfen können. Ich will sie lieb haben, Edlef.«
»Du!!! ...« Edlef bettete Maren ganz in seinen Arm. »Aber zuerst mußt
du mich liebhaben. Kalt bin ich auf der garstigen Reise geworden. Komm,
küsse mich! Mein Einziges ...«
Heimelig war’s im Wohnpesel. Die alte Uhr tickte. Draußen schlugen Wind
und Regen gegen die Fenster. Im Ofen knisterte das Feuer.
»Geträumt hab’ ich letzte Nacht von dir«, raunte Edlef. »Du, das war
ein lieber Traum ... Ich kam heim von der Reise und -- was glaubst
du wohl? Ein paar Kinderchen kamen mir entgegen, -- jawohl, versteck
dich nur, -- gleich ein _paar_. -- Maren, süße Maren ... Da wurd ich
hellwach und so froh ... Von Rechts wegen müßt ja auch schon ein
Holgersjung oder ’ne lüttje Deern in der Wiege schreien ...«
Edlef hob mit raschem Schwung die zarte Maren auf seinen Schoß, ihr
Kopf sank an seine Schulter, er wiegte sie sacht und sang:
»Hop Marjanken, hop Marjanken,
Lat sin Frautje danzen.
He weegt dat Kind,
He feegt de Floor
Un lat sin Frautje danzen,
Hopsasa, hopsasa fallereden. --«
Hastig richtete sich Maren auf. Heiß und rot war ihr Kopf und ihre
Augen brannten. Sie sprang von seinen Knien und strich sich glättend
über das Haar.
Befremdet sah Edlef sie an.
»Ich muß dir etwas sagen«, sprach sie leise und hastig. »Ich habe
es wohl gespürt, wie die Ahne und deine Mutter mich anschaun und um
mich herumreden und wie sie dich fragen, mein Edlef. Ich dank dir,
daß du mich niemals damit gequält hast, du Guter. Aber heut muß ich
dich quälen -- und dir sehr weh tun, mein Edlef ... Ich werde nie ein
Kindchen wiegen ... der alte Doktor Brodersen hat es mir gesagt ...
Edlef ...«
Edlef Holgers war aufgesprungen, doch gleich griff seine Hand tastend
nach rückwärts, als bedürfe er einer Stütze.
»Was redest du da?« fragte er tonlos. »_Das ... das ist ja gar nicht
möglich!_«
Maren antwortete nicht. Sie sah ihn nur an. Nicht wie jemand, der
seinen Urteilsspruch erwartet. Nein, ganz ohne Angst, ganz fest und
ruhig. Ein stiller Schmerzenszug lag um ihren blassen Mund, der sagte:
»Das Schwerste hab ich bereits mit mir selbst durchgerungen, du kannst
es mir noch schwerer machen, indem du dein eigen Leid dazupackst, oder
du kannst mir alles tragen helfen ...« Aber ihr Mund blieb stumm.
Langsam wandte sich Edlef. Sie streckte die Hände nach ihm hin, aber
er sah sie nicht. Ein paar Worte stieß er heraus: »Der Arzt kann sich
irren ...«
»Er irrt sich nicht ...«
Da ging Edlef hinaus, die Tür schlug hinter ihm zu, und mit leisem
Wehruf brach Maren Holgers zusammen.
* * * * *
In ihrem Stübchen stand Maren Holgers früh vor Tau und Tag. Diese
Frühstunden, da die Sonne aus dem Meere emporstieg und die stille
Hallig grüßte, gehörten ihr allein. Sie beraubte niemand, wenn sie
still mit gefalteten Händen untätig und träumend dem Sonnenaufgang ins
gewaltige Antlitz schaute.
Es war ein winziges Gemach, das schlichteste im ganzen Mutterhof,
welches Maren von all den vielen Gelassen für sich ausgesucht hatte.
Seine Fenster gingen nach einem Krautgärtchen hinaus, das Maren selbst
betreute. In dem sie grub und säete, pflanzte und pflückte. Ein kleiner
Arbeitstisch und davor ein Sorgenstuhl, der Nähtisch der verstorbenen
Mutter und eine uralte »Erfurter Lade« bildeten die Ausstattung
des traulichen Gelasses. Auf den breiten Fenstersimsen blühten
zwischen schneeigen, weißgepunkteten Vorhängen blutrote Geranien und
starkduftende Reseden.
In den ersten Wochen ihrer jungen Ehe hatte sich Maren oft in ihr
kleines Reich geflüchtet, um mit all dem überwältigend Neuen, das in
ihr Leben getreten war, allein zu sein. Sie hatte stille Zwiesprache
mit der heimgegangenen Mutter gepflogen, deren Rat sie gerade jetzt
dem vielen Unbekannten gegenüber so schwer vermißte. -- Hie und da war
ihr Edlef nachgeschlichen. Da war ihnen beiden dann wohl in seligem
Ineinanderverlieren Zeit und Stunde vergangen.
Dann war es anders geworden. Die Ahne sah sie des öfteren ernst und
mißbilligend an. Sie empfand das Alleinseinwollen der jungen Frau
als »städtische Mode«, die sie nicht auf dem Mutterhof eingeführt
haben wollte. Und über Edlef kam allgemach das starke, frohe, stolze
Besitzergefühl, das sich seine süßen Feierstunden nicht erschleichen
wollte, solange draußen in Hof und Gewese hilde Arbeit drängte. Er
selbst rief mit schallender Stimme den Feierabend aus und wußte, daß
er nun erst mit Fug und Recht sein Königreich hinter sich zuschließen
durfte.
Wann war all dies Beglückende, Heimliche gewesen?
Maren dünkte es Jahrzehnte.
Wie jäh verändert Edlef war!
Alles Sonnige war von ihm gewichen. Wie seltsam düster und fremd er
sie oft anschaute! Als sei sie selbst die Schuldige, die ihm seine
Hoffnungen zertrümmert habe, und nicht das unergründliche, bittere,
unbegreifliche Schicksal. --
Und das war derselbe Edlef, der Tanten Frauke aus dem Wust und Staub
der Vorurteile herausgerettet und sie bedeutet hatte: »Du hast genug
gelitten!«
Wer löste Maren dies Rätsel von Halligweise und Holgersart?
In den ersten Monaten ihrer Ehe hatte Edlef oft die Zukunft in das
Bereich seiner Betrachtungen und Pläne gezogen.
»Wenn der Jung erst da ist ... Oder ... die Deerns müssen alle _dir_
gleichen, Maren, süße Maren.«
Dann hatte sie ihr Gesicht an seiner Brust geborgen und in heiliger,
ahnungsvoller Scheu gezittert vor dem Wunderbaren, das vielleicht noch
ihrer wartete. Dies »_Vielleicht_ ...«. Das war’s.
Das hatte sie nie verlassen, das war neben ihr geschritten als
zage Hoffnung. Die Erfüllung hatte sie kindlich-vertrauend Gott
anheimgegeben.
Anders Edlef.
In kühne Pläne verstieg er sich. Nicht leise und heimlich, nicht kosend
und verliebt, nicht bangend und hoffend, auch nicht scherzend sprach er
über seine Wünsche.
Es waren für ihn keine Hoffnungen, die eine höhere Macht zerstören
konnte, es waren Tatsachen, die früher oder später eintreffen _mußten_,
weil er, Edlef Holgers, es _wollte_. _Die heilige Überlieferung der
Hallig und des Mutterhofes._
Einmal hatte Maren ihm erschrocken gewehrt.
Als seine Erwartungen gar zu kühn und bestimmt sich kundtaten. »Du
Liebster, und wenn nun _kein_ Kindlein kommt ...?«
Da war er ganz fremd von ihr zurückgetreten und hatte mit jäh
veränderter Stimme zu ihr gesprochen:
»Nicht einmal im _Scherz_ darfst du so etwas sagen, Maren.«
Wunderlicher Edlef.
Er war auch gleich wieder lieb zu ihr gewesen.
Und keine Wolke war an seinem Zukunftshimmel schattend zurückgeblieben.
Weil er kein »_vielleicht_« kannte, es nicht kennen _wollte_. -- --
Dann waren Tage gekommen, da sie mit hastigen, körperlichen Schmerzen
kämpfte, die sie schon in der Mädchenzeit heimgesucht hatten. Tapfer
ging sie dabei ihrer Arbeit nach ...
Und die starknervige Holgerssippe gewahrte nichts von Marens
schattenhafter Blässe und ihrem müden Gang, -- es war nicht Sitte
auf dem Mutterhof, körperlichem Unbehagen auch nur die kleinsten
Zugeständnisse zu machen.
Da erbarmte sich Tanten Frauke ihrer.
Mit ruhiger Selbstverständlichkeit rüstete sie für sich und die
leidende Maren zu einer Reise. Gab der Ahne und der Schwägerin
beschwichtigenden Bescheid und fuhr mit der jungen Frau nach Kiel.
Der berühmte Frauenarzt hatte ruhig, freundlich und aufrichtend mit ihr
gesprochen, aber sein sachlich-ernstes Gutachten war vernichtend.
So wurde die Heimreise angetreten, und die herbe, verschlossene »Tanten
Frauke« erlebte an der Seite der trostlosen Maren noch einmal den
eigenen bitteren Schmerz früher durchlebter und durchlittener Jahre.
Vor wenigen Tagen hatte nun der alte, erfahrene Kreisarzt, der Maren
seit ihrer ersten Kinderzeit kannte, das Urteil seines berühmten
Kollegen bestätigt.
Die Ahne hatte den Physikus aus dem »Jungteil« treten sehen und ihm
durch das Fenster des Wohnpesels im Mutterhofe mit ihrer hellen,
scharfen Stimme die Tagszeit geboten. Aber er, der sonst gern mit der
schlagfertigen Greisin plauderte, winkte nur grüßend mit der Hand und
war eilends den Weg über die Fennen hingeschritten. Verwundert und
kopfschüttelnd hatte die Ahne das Fenster wieder geschlossen, aber dann
war ein Schmunzeln, wie frohes Begreifen über ihr Antlitz geflogen ...
Und in der Dämmerung hatte sie lange mit Maren allein auf
der Ofenbank gesessen. Zuerst mit Kreuz- und Querfragen über
Wirtschaftsangelegenheiten, dann schweigend. Jedes tief in seine
eigenen alten und jungen Gedanken versenkt. Dann war sacht und
wie beiläufig die Frage der Ahne gekommen: »Hast du mir nichts zu
vertrauen, Enkelin Maren?«
»Nichts, Ahne.«
Wieder Schweigen.
Dann der zürnende Ausruf: »Das ist nicht recht, Enkelin Maren.
Was du tust und unterläßt, geht den Mutterhof an. Deine Wege sind
Mutterhofwege. Denk dran.«
»Allstunds«, sagte Maren gequält.
»Du kannst aber abirren und fehlgehen. Auch ohne deine Schuld. Ahne
und Mutter sind dazu da, zu weisen und zu beraten. Allwissend bin ich
nicht, so rede mir selbst von deiner Not. Denn daß du in Not bist,
sagen mir meine sechsundachtzig Jahre.«
Der Ahne Stimme war leise geworden. So hatte sie gütiger als sonst
geklungen, da nur immer das Herrschen und das Befehlen mitschwang.
Da hatte Maren den Kopf in den Schoß der Ahne gelegt. Es war wie ein
Zufluchtsuchen und Ausruhen gewesen. Und es war das erstemal, daß ein
junges Menschenkind der alten Frau mit einer Zärtlichkeit nahte.
So wachte auch in der herben Greisin etwas Liebes, kaum Gekanntes auf.
Scheu waren die Runzelhände über Marens weiches Haar geglitten.
»Erzähl’ mir eine Geschichte, Ahne«, bat Maren müde.
Die Ahne hatte wunderlich gelacht, wie die Alraune im Märchen. »Wollt’
ich nicht etwas von Enkelin Maren hören? Mich dünkt doch.« Aber gleich
drauf willfahrte sie. Als wolle sie einen Gedanken festhalten und auf
andere Weise zu ihrem Ziele gelangen.
Leise und einschläfernd erzählte die Ahne, aber es war ein Unterton
darin. Ein scheues Tasten und Fragen und ein Antwortheischen ...
»Es gibt eine Zeit, da verlieren wir Gott. Jungerweis’ oder alterweis’,
-- es kommt wohl über alle. Übergroße Lust oder übergroßes Leid
heben ihn plötzlich hinaus aus unserm Kopf und Sinn und aus der
Herzenskammer. Schließen die Tür hinter ihm zu. Wäre Gott nicht die
Geduld selbst, die immer wieder anklopft, wir stünden schon längst
verlassen. Da war aber einmal ein junges Weib, ein Gegenspiel von
andern Frauen. Das hatte die _Welt_ verloren ... das lebte _nur_ in
_Gott_. Das sah ihn in jedem Ding der Schöpfung, in Wald und Wasser, in
Licht und Sonne, Feuer und Wind. Und in dem kleinen Alltag des Lebens.
Die Welt und alle Menschen versanken ihm völlig. Es kamen Krankheit,
Not und Trübsal, es kamen Ehre und Freuden ohne Zahl. Und das junge
Weib lobte Gott in jedem Falle und spürte seine Nähe. Aber die Menschen
schienen ausgelöscht aus dem Gesicht und Gedächtnis. Ein Mann sah sie
und begehrte ihrer. Aber sie war wie unirdisch, weil sie nur Gott
kannte und die Welt verloren hatte. Da wollte der Mann ihr suchen
helfen in seiner großen Liebe. Aber er vermochte sie nicht zu lehren,
und sie fand nicht die Welt und nicht die Menschen. Und der eigene Mann
fürchtete sich vor ihr.
Nun ward sie gesegneten Leibes.
Und als sie geboren hatte, und das Kindlein schrie neben ihr, da
ward ihr plötzlich die _Welt_ offenbar. Und als sie dem Kindlein die
Mutterbrust reichte und der zarte Mund ihr Herzblut trank, da kam so
unendliche _Menschenliebe_ in das Herz des Weibes, daß es unter der
Fülle zu sterben vermeinte ... Und Gott hatte ein Wohlgefallen an des
jungen Weibes Wandlung, denn er sagt: ›Die Liebe ist die Größeste unter
ihnen.‹«
So schloß die Ahne:
»_Das Kind_ ... Enkelin Maren! _Das Kind ist des Weibes und des Lebens
Erfüllung!_«
Jäh hatte Maren ausgeweint.
»So bin ich ausgestoßen von aller Erfüllung, Ahne, Und auch der
Mutterhof hat sich mit mir betrogen.«
Da hatte sich die alte Frau langsam erhoben. Die Hände abwehrend
ausgestreckt, stand sie steil hochgerichtet, also daß der müde Kopf der
gepeinigten, jungen Frau keine Ruhestatt mehr gefunden.
»Ja, _betrogen_«, wiederholte die Greisin laut und hart. Sie war mühsam
zur Tür geschritten. Dort hatte sie sich noch einmal umgedreht und voll
Grimm geforscht: »War’s nur ein Rausch? Ist’s Feuer ausgebrannt? Wo
blieb die himmellodernde Liebe?«
Der Stolz straffte die gebeugte Maren. »Ich sollte Euch nicht drauf
antworten, aber Ihr seid die Ahne. -- Mit unserer _Liebe_ hat das
Schicksal nichts zu tun ...«
»So hat wohl Gott den Mutterhof verlassen, und er soll aussterben und
dahinfahren ...«
Die Tür war zugeschlagen, und Maren fand sich allein.
Dies alles überdachte Maren, da sie heute wieder eine stille Stunde in
ihrem Reich gesucht und gefunden hatte.
Vor wenig Tagen erst war die Aussprache mit der Ahne gewesen. Was für
Tage der Qual lagen dazwischen! Und das sollte nun so fortgehen durch
eine Ewigkeit.
Sie war so jung, so schrecklich jung ... Unerträglich dünkte ihr die
Zeit, die vor ihr lag.
Ein Sturm ging jetzt über sie hin. Wild und weh weinte sie in jäh
ausbrechender Verzweiflung.
Heiß, bitter und ätzend waren ihre Tränen.
Und groß und gewaltig stand eine Sehnsucht in ihr auf. Die Sehnsucht
nach einem Paar Kinderaugen, die sich doch nie für sie öffnen würden.
Nach Kinderärmchen, die sich doch nie als süßestes Joch um ihren Hals
legen würden.
Herrgott gib mir Kraft ...!
-- -- -- -- -- -- -- -- -- --
Nach einer Stunde hatte sie sich durchgerungen.
Eine andere Maren schritt durch die Tür des Jungteils in den Mutterhof.
Hoch und aufrecht mit ruhigen Augen und klarer Stirn. Aber der herbe
Schmerzenszug, den Kinderlose zu eigen haben, blieb um ihren jungen
Mund eingegraben. Sie hatte wohl erst sterben müssen, um recht leben
zu können in lauterer, selbstloser Liebe zum Mutterhof und zu all den
Menschen ringsum.
So wertete sich Maren Holgers in dieser Kampfstunde ihr Leid in Segen
um. --
* * * * *
Ein paar Abende später saßen alle im Wohnpesel.
»Es ist ungutes Wetter«, sagte die Ahne und schaute nach dem Fenster,
an dem der Sturm rüttelte. Ihr Spinnrad schnurrte, surrend tanzte die
Spindel.
»Keinen Hund möcht man hinausjagen«, nickte Ohm Rickert.
»Sei ruhig, Finn«, rief Edlef dem Hund zu, der an der Türe lag. »Was
bist du einmal unstet heute?«
»De ganze Nahmiddag wull he sick ni gewen«, meinte der Knecht. »Ik heff
dat all an Fru Mudder seggt.«
»Kusch dich, Finn! ...«
Ein langgezogenes Geheul stieß der Hund aus.
»So will ich selbst einmal nachsehen.« Edlef Holgers stand auf. Der
Sturm riß ihm ungestüm die geöffnete Tür aus der Hand, und an ihm
vorbei schoß der Hund mit großen Sätzen in das abendliche Dunkel
hinaus.
»Hierher, Finn!« Das aufgeregte Tier kam zurück, wedelte, bellte und
schoß wieder fort.
»Was mag er nur haben?« sagte eine Stimme neben Edlef, und Maren
schritt fest und selbstverständlich neben ihm her.
»Nicht doch, Maren, -- das ist kein Wetter für dich.«
»Wüßt nicht, warum.« Sie fing ihr Tuch, das der Sturm entführen wollte,
mit beiden Armen und wickelte sich fester drein. Edlef zuckte die
Achseln. Wie toll gebärdete sich der Hund. Er zerrte an den Kleidern
der beiden, sie mußten ihm weiter folgen.
Auf den Stufen der Treppe, die zur Großwarf führte, hockte eine
Gestalt. Edlef leuchtete ihr ins Gesicht.
Rasch legte Maren den Arm um die Kauernde. »Du bist krank, Melenke,
komm, wir bringen dich heim.«
»Heim?« Melenke lachte schrill. Dann stöhnte sie in grimmen Schmerzen.
»Ja, ich bin krank. Morgen, -- morgen gehe ich wieder.«
Es war ein mühseliger Weg zurück im Sturm mit der Kranken. Auf dem Hof
unter dem Birnbaum zögerte Melenke. »Ich fürchte mich vor der Ahne«,
raunte sie.
»Ich nehme dich zu _mir_«, begütigte Maren.
Das Bett in der Gastkammer war bald sorglich geschichtet. Hin und
her schritt Maren in ruhiger Geschäftigkeit. Melenke hockte in
einem Ohrenstuhl, und Edlef war ohne Gruß und Wort zu den andern
zurückgekehrt, um sie auf den Gast vorzubereiten.
»Komm,« sagte Maren liebevoll, »ich will dich auskleiden. --«
Da ließ Melenke mit wehem Lachen das große, verhüllende Tuch sinken,
und Maren taumelte zurück ...
Nach einer Stunde kam Edlef. Es war heiß drüben zugegangen bei Ahne und
Mutter. »Die Ahne geht uns noch zugrund,« meinte Edlef und warf sich
müde in einen Stuhl, »aber sie kommen jetzt beide herüber, um Näheres
über Melenkes Krankheit zu erfahren ..., was tust du da, Maren?«
unterbrach er sich und sah sie befremdet an.
»Ich rüste die Wiege auf dem Mutterhof, mein armer Edlef«, sagte Maren
ernst und sah den geliebten Mann aus leidvollen Augen an.
»Barmherziger Gott ... Melenke?«
»Ja, Edlef. Halte Mutter und Ahne fern. Tante Frauke sitzt drüben, sie
ist mir wahre Hilfe und Stütze.« Maren legte ihre beiden Hände auf
Edlefs Arm. »Bitte die Mutter, daß du heute drüben schlafen kannst.«
Ein liebliches Rot stieg in ihr junges Gesicht. »Wir können dich hier
so gar nicht brauchen heut nacht.«
Schrille, herzzerreißende Klagelaute tönten aus der Kammer nebenan.
»Geh, -- geh, mein Edlef.«
»Herrgott!« stammelte er, -- »will denn die Schmach gar nicht enden für
den Mutterhof?«
Sie sah ihn still an. Dann meinte sie: »Wie wir das Schicksal
betrachten. Es kommt nur auf unsere Augen an.«
Da senkte Edlef Holgers tief das Haupt.
Am andern Morgen schritt Maren aus dem Jungteil hinüber nach dem
Mutterhof. Ahne und Mutter Holgers saßen bei ihrer Brennsuppe. Ohm
Rickert paffte große Wolken. Edlef schaffte schon in Hof und Stall
umher.
»Es ist ein Knabe«, sagte Maren statt aller Begrüßung. Und faßte gleich
darauf das klein gewordene Runzelgesicht der Ahne in ihre jungen,
lebenswarmen Hände. »Nicht wieder krank werden, nicht verzagen, Ahne!«
Die Mutter war hinausgegangen.
Die Ahne hatte die Hände ineinander gekrampft. Nicht zum Beten. »Der
Herrgott hat den Mutterhof verlassen«, sagte sie laut und hart.
Da tönte Marens weiche, junge Stimme: »Ich kann das nicht glauben. Wo
Gott ein Kindlein hinschickt, solch Haus ist nimmer verlassen ...«
Sie wollte noch fragen: Warum femt ihr mich denn, wenn ein Kind euch
doch so wenig gilt? Aber sie wollte der Greisin nicht noch weher tun.
»Seit Menschengedenken ist kein unehelich Kind auf dem Mutterhof
gewesen«, hub die Ahne wieder an. »Junggaster und Haustöchter lebten
allstunds untadelig Leben ...«
Sie schlug die welken Hände vor das Antlitz, die alten Augen hatten die
Tränen verlernt, um so erschütternder klang ihr trockenes Schluchzen.
Nach einer Weile verstummte es, und die Ahne erhob sich mühsam.
»Ohm Rickert und Enkelin Maren! Ihr werdet niemand sagen, daß ihr
mich schwach gesehen habt. -- Ich danke dir, Maren, daß du die
verlorene Tochter pflegst, als sei sie ehrlich. Am neunten Tage ihres
Wochenbettes werde ich zu ihr gehen und sie nach dem Vater des Kindes
fragen. Rüstet zu einer stillen Hochzeit. Vorher soll das Kind getauft
werden. Mein Enkel Edlef wird den Namen bestimmen, weil uns die Schmach
angetan worden ist, niemand von der Sippe des Kindvaters zu kennen. Und
da wir keine Wehmutter hatten, so soll das Kind von unserer alten Magd
zur Kirche getragen werden ohne Festkleid und ›Brokaten Holl‹[4]. Auch
soll die Wöchnerin keine ›Wöffesamling‹[5] abhalten dürfen, so hart mir
diese Pön ankommt, die den Mutterhof trifft wie einen Schlag. Dagegen
wird meine Enkelin Melenke ganz allein den ›Un Sark gung‹[6] halten,
doch soll ihr niemand Opfergeld geben. Und will der Pastor ihr Fem und
Pön dabei auferlegen, so muß sie es tragen.«
[4] Erbmütze.
[5] Frauenversammlung.
[6] Kirchgang.
(Anm. d. Verf.)
Die Ahne schwieg erschöpft und Ohm Rickert war hinter seinen
Rauchwolken schier verschwunden. Seine Stimme klang grollend hinter dem
Nebel: »Nun wird der Soot zugedeckt, aber erst nachdem das arme, junge
Blut hineingefallen ist ...«
Maren ging müde in das Jungteil des Mutterhofes zurück. Dort sah
es ganz friedlich aus. Die junge Wöchnerin schlief fest nach
der erschöpfenden Nacht. Auch Tanten Frauke hatte sich etwas
niedergelegt. In Marens Wohnpesel stand die Wiege mit dem Neugeborenen.
»Du Armes!« sagte die junge Frau zu dem kleinen Bündel in den
rotgewürfelten Kissen. »So gar nicht willkommen geheißen, und doch ein
Gottesgeschenk ...«
Sacht bewegte ihr Fuß die Schwengel und leise sang ihr Mund uralte
Wiegenweise:
Nu will ick to Bedde gaan,
Fjertein Engelkin bi mi staan.
Twe bi min Höde, twe bi min Föde.
Twe bi min rechte Hand;
Twe bi min linke Hand,
Twe, de mi decken,
Twe, de mi wecken,
Twe, de mi fören int himmelske Paradeis.
* * * * *
Neun Tage später klopfte es mit hartem Finger an die Schlafstube im
Jungteil. Maren Holgers, die noch die letzte Hand an das Aufräumen
des Pesels legte, erschrak bis ins Herz hinein. Melenke lachte
geringschätzig. »Wie willst du das Leben ertragen, Maren, wenn du so’n
Bangbüx bist. Als ob _du_ die Dummheit gemacht hättest und nicht ich.
Ganz blaßßnuutig sühst du ut.«
»Seid ihr fertig dadrinnen?« tönte die Stimme der Ahne hinter der
verschlossenen Tür. »Ich bin es nicht gewohnt zu warten.«
Wieder lachte Melenke hart. Und schob Marens stützende Hand fort und
ging selbst zur Tür, die sie entriegelte. »Gö Dai, Ahne, gö Dai,
Mutter, da habt ihr mich. Macht’s kurz.«
Die Ahne schaute finster auf die Enkelin, während Mutter Holgers
nichts zu sehen schien als die plumpe, blumenbemalte Holzwiege mit dem
Enkelkinde, das man ihr so lange vorenthalten. --
Sie hob das Kind aus den Kissen.
Alles Herbe fiel von ihr ab. Was da so winzig und hilfsbedürftig auf
ihren Armen lag, war Fleisch und Blut von ihrem eigenen Selbst. Ihr
erstes Enkelkind. Tausend unsichtbare Quellen sprangen in ihr auf.
Wie geschah ihr? So hatte sie nie ihre eigenen Kinder geliebt, wie
dieses verfemte Lebewesen, das man so gern auf dem Meeresgrunde bei
Ekke Nekkepenns Weib gelassen hätte. Gleichviel, sie liebte es. Trotz
der Schande, die seine Mutter über den stolzen Mutterhof gebracht. Und
trotzdem man nicht seines Vaters Namen wußte. Scheu und ungeschickt
küßte Mutter Holgers das kleine, rote Gesichtchen. Dann legte sie
das Bündelchen sorgsam in die Wiege zurück und hielt hastig eine
Milchflasche mit rotem Saugpfropfen der jungen Mutter entgegen: »Was
ist das? Seit wann zieht man auf dem Mutterhof Flaschenkinder groß?«
Melenke gab keine Antwort und Maren sah wie schuldbewußt vor sich
nieder.
»Antworte deiner Mutter«, gebot rauh die Ahne.
Melenke zuckte die Achseln und ließ sich in den Ohrenstuhl gleiten,
denn ihre Kräfte waren noch nicht völlig wiedergekehrt. »Das
Selbstnähren ist für seßhafte Leute«, sagte sie mürrisch. »Sobald ich
arbeiten kann, gehe ich wieder nach Hamburg. Da muß das Kind ohnehin
die Flasche bekommen ..., eine Freundin von mir will’s aufziehen ...«
Maren sah in ungläubigem, schreckhaftem Staunen auf die Schwägerin.
Die Ahne winkte ihr. »Laß uns allein, Maren.« Da erhob sich rasch auch
Mutter Holgers und ergriff mit Maren zusammen die Holzwiege und trug
sie mit ihr hinüber in den Wohnpesel.
»Melenke ...« sagte heiser die Ahne. »Wer sein Kind nicht an die Brust
nimmt und mit eigenem Herzblut nährt, der ist schlecht. Und eine
Sünde ist’s wider Natur und Gottsgebot. Lieber wollt’ ich, ich wär’
vorher taub geworden, damit ich solche Red’, wie deine vorhin, nicht
verstanden hätte -- -- Bist du denn auch eine _Mutter_?«
»Leider Gotts, ja.«
»Versündige dich nicht! Mutterschaft ist heilig. Du bleibst bei deinem
Kind. Der Hof trägt’s. Jetzt gibst du erst einmal dir selbst einen
Beschützer, deinem Kind den Vater. Dein Bruder Edlef wird den Mann
dann empfangen, und soll kein unrechtes Wort weiter fallen über deinen
Fehltritt. Büßt es gemeinsam ab, und bringt euch selbst wieder zu
Ehren ...«
»Ich weiß nicht, was die Ahne will ...« sagte Melenke unbehaglich.
»Glaub’s schon, daß du schwerere Strafe erwartet hattest, als das
Ja und Amen deiner Sippe.« Wieder zuckte der Ahne Blick scharf nach
dem Mädchen hin. »Wir tun’s auch nicht um deinetwillen, sondern um
Mutterhofs Ehre und Ansehen.«
Melenke schwieg.
Die Ahne erhob sich. »So schreib jetzt das Nötige auf, der Edlef wird
den Brief selbst nach Hamburg bringen. Dank es recht deinem ältesten
Bruder, es ist ein schwerer Weg. --«
»Ich verlang ihn nicht von ihm.«
»Melenke!!!«
Düster brannten die Augen des Mädchens in dem blassen Gesicht: »Laßt
mich wieder nach Hamburg!« stieß sie hervor.
»_Nein!_ Hierher soll der Mann kommen und dich und sein Kind holen.
Ich _will’s_. Und ich rede im Namen der Sippe, der toten wie der
lebendigen. Kann der Schuldige euch beide ernähren, so folgt ihr ihm
nach Hamburg. Kann er’s nicht, so wird euch dreien der Mutterhof das
Brot geben ... den _Namen_ will ich, Melenke!!! ...«
Tiefes Schweigen.
»Mußt du dich seiner schämen?« fragte leise die Ahne. »Warst du so von
Gott verlassen? Melenke hör’ zu! Hab’ keine Furcht! Vielleicht denkst
du, die Sippe wird herabschauen auf ihn ... Melenke, _ich_, die Ahne,
werd’s nicht leiden. Hörst du mich? Sieh mich an. Sie _sollen_ ihn
und dich achten ich, ich -- die Ahne, befehl es ihnen. Nur mach’ dich
ehrlich! Den Namen -- Melenke, sprich den Namen!«
Die dürren, runzligen Hände streckten sich flehend der Jungen entgegen,
heiser und schrill, wie zerbrochen klang die Stimme der Ahne.
Fliegende Hitze jagte über Melenkes Gesicht. Sie wollte die alte Hand
fortschütteln, die sich um ihren Arm krampfte.
»Laß mich, Ahne ...«
»_Den Namen ... Melenke!_«
Mit einem Ruck riß sich das Mädchen los und sprang auf. »Ich weiß ihn
nicht!«
Da veränderte sich jäh das Antlitz der Ahne, und Melenke schrie laut
auf vor Angst, als sie in die verfallenen Züge sah.
»Du weißt ihn nicht???«
»_Nein_!!! Hab’ ihn nie gewußt ... War nicht neugierig in jener
lustigen Stunde ... _Das Lachen wollt ich lernen, das man mir im
Mutterhof verbot_ ...«
Da ächzte die Greisin auf. Ganz still war es dann im Pesel. Minuten
verrannen. Tief lag das weiße Haupt gebeugt auf den krampfhaft
verschlungenen Händen. Dann wieder das schwere Ächzen ... und wieder,
und wieder ...
Vor Melenkes Augen tanzte die Stube. Sie griff nach dem Wasserkrug
auf dem Tische und trank daraus. Einen scheuen Blick warf sie auf das
zusammengekrümmte Etwas am Tisch, dann kroch sie fröstelnd ins Bett. --
Als Maren etwas später an die Kammertür pochte, wurde ihr keine
Antwort. Sie legte das Ohr an die Tür, sie hörte rufen und lachen ...
Da schritt sie befremdet herein.
Und fand ein totkrankes junges Weib, das rang mit dem Fieber und lachte
... lachte ...
Und fand eine Tote mit tiefgeneigtem Haupt über den gefalteten Händen.
* * * * *
_Aufzeichnungen des Halligschulmeisters Manne Wögens._
Der verkrüppelte Baum am Schulgarten ächzt im Sturm.
Und als tue es ihm selbst weh, daß er ihn so zausen muß, so klagt er zu
seinem Stöhnen.
Gut stimmt die trübe Melodei zu meinem eigenen Empfinden. Irgendwo in
Herzenstiefen schlummert die Frohnatur von Manne Wögens, aber niemand
weckt sie auf.
Nicht einmal die Schulkinder, diese täglichen, hellen Mahner: »Und
abermals freuet euch!«
Wie ist die Lücke so unnatürlich weit und groß, welche der Heimgang der
Ahne in mein Leben gerissen.
Kaum um ein junges Weib, das mir Herz und alle Sinne füllte, könnte ich
so trauern, wie um die fast Neunzigjährige.