Es ist nicht verwunderlich, daß die Überlieferung für das He

Anmerkungen zur Transkription

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Buches.

Landesverein Sächsischer

Heimatschutz

Dresden

Mitteilungen

Heft

10 bis 12

Monatsschrift für Heimatschutz und Denkmalpflege

Band XI

_Inhalt_: Weihnachtsspiele der Sächsischen Oberlausitz –

Wiedersberg – Zur Geschichte des Jägerhofes zu Dresden –

Das obere sächsische Erzgebirge – Die Schlösser im Walde,

Moritzburg und Fasanenschlößchen – Ludwig Richters

Weihnachtskunst – Edgar Hahnewald: Sächsische Landschaften –

Jagdschloß Rehefeld – Eine wiedergefundene alte Postmeilensäule –

Das Kamenzer Forstfest – Postmeilensäulen – Karl Schmidt †

Einzelpreis dieses Heftes M. 200.–, Bezugspreis für einen Band

(aus 12 Nummern bestehend) M. 200.–, für Behörden und Büchereien

M. 100.–. Mitglieder erhalten die Mitteilungen kostenlos,

_Mindest_jahresbeitrag M. 100.–, freiwillige Einschätzung

erbeten

Geschäftsstelle: Dresden-A., Schießgasse 24

Postscheckkonto: Leipzig 13987, Dresden 15835

Stadtgirokrasse Dresden 610

Dresden 1922

Dank und Bitte an unsre werten Mitglieder!

Ein Jahr nähert sich dem Ende, das in seiner zweiten Hälfte eine

Teuerung brachte, die jede und alle Berechnung unmöglich machte. Wenn

wir trotzdem bis hierher durchkamen und dieses stattliche letzte

diesjährige Heft unsrer Mitteilungen in uneingeschränktem Umfang, in

alter Ausstattung – wie früher – herausgeben konnten, so zeugt dies von

der Festigkeit der wirtschaftlichen Lage unsres Vereins, von unserm

unbeugsamen Willen »Durchzuhalten«. Tausende von Zuschriften mit

diesem Wort und reichen Geldspenden haben uns dazu ermuntert und dies

ermöglicht. Wir konnten nicht jedem einzelnen danken – und das lag auch

nicht in der Absicht unsrer Spender –, den Dank unseres Vereins statten

wir durch das weitere Erscheinen der grünen Hefte, durch unsre weitere

Tätigkeit ab. Und dazu bitten wir erneut – was eigentlich in dieser

schweren Zeit selbstverständlich ist – um die Hilfe, die Unterstützung

aller unsrer Mitglieder. Wenn wir den diesjährigen Jahresbeitrag

rückwirkend auf mindestens 100 M. erhöhen müssen, so bedeutet diese

Summe bei der heutigen Teuerung ein so kleines Entgelt bei dem vielen,

das wir bieten, daß wir, um bestehen zu können, auf erneute freiwillige

Beiträge von allen denen, die dazu _irgendwie_ in der Lage sind, direkt

angewiesen sind. Das Postgeld jedes Heftes kostet uns heute schon

12 M., ab 15. Dezember 24 M. Würden wir die alljährlichen Gesamtkosten

unsrer Mitteilungen auf die Zahl unsrer Mitglieder umlegen, so müßten

wir einen Jahresbeitrag von 300 M. fordern. Das wollen und können wir

nicht, weil wir sonst die vielen wirtschaftlich schwachen Mitglieder,

Rentner, Schüler, Schülerinnen und viele andere verlieren würden, und

warum sollen wir so vielen unsrer Volksgenossen die Zugehörigkeit zu

ihrem Heimatverein unmöglich machen, zu einem Verein der ihnen das

letzte, was wir besitzen, die Heimat erst lieb und wert macht.

Bei der Bemessung eines freiwilligen Weihnachtsbeitrages für uns, der

zur Beschaffung des Papiers für unsre nächstjährigen Mitteilungen

verwendet werden soll, bitten wir an die heutigen Kosten der

illustrierten Zeitschriften und der Tageszeitungen zu denken, um einen

Maßstab für unsre Leistungsfähigkeit zu erhalten. Von der Höhe der

eingehenden Beträge wird das weitere Erscheinen unsrer Mitteilungen

wesentlich abhängen. Wir bitten daher herzlich, uns im schweren Kampf

ums Dasein auch weiter zu helfen und dadurch die größte sächsische

Kulturbewegung lebensfähig zu erhalten zur eigenen Freude.

=Mögen alle bedenken, daß bei uns eine Arbeit geleistet wird, wo uns

kein politischer Trennungsgraben zerklüftet, auf der uns und unsren

Nachfahren eine verjüngende Freude an Heimat und Vaterland erwachsen

wird.=

=Weihnachten 1922.=

=Landesverein Sächsischer Heimatschutz=

=Dresden-A., Schießgasse.=

Band XI, Heft 10/12 1922

[Illustration: Landesverein Sächsischer Heimatschutz

Dresden]

Die Mitteilungen des Vereins werden in Bänden zu 12 Nummern

herausgegeben

Abgeschlossen am 1. November 1922

Weihnachtsspiele der Sächsischen Oberlausitz

Von _Friedrich Sieber_, Crostau bei Schirgiswalde

Ich weiß noch, wie freudig erregt wir Chorjungen eines kleinen Dorfes

der Südlausitz am ersten Adventsonntag auf unsren Chorplätzen saßen,

wie wir mit hellen Stimmen der festlichen Gemeinde das strahlende

Lied entgegenjubelten: »Macht hoch die Tür, die Tor’ macht weit, es

kommt der Herr der Herrlichkeit!« Lag doch das Totenfest mit seinen

Novembernebeln und düstern Melodien hinter uns, war doch endlich die

gleichförmige Zeit der festlosen Trinitatissonntage vorüber! Nun war

die Zeit wieder ahnungsreich geworden. Schnee und Weihnachten dufteten

von ferne. Und am Abende kamen die ersten Boten des hellen Festes: das

Christkind mit seiner wunder- und schauerreichen Begleitung zog durch

das dunkle, schweigende Dorf ...

Weihnachtsspiele sind bis zur Gegenwart in vielen Ortschaften der

Oberlausitz lebendig geblieben. Aber von Jahr zu Jahr werden die

Aufführungen seltner. Die Kinder spielen die Stücke für sich als

Kinderspiel. Dadurch werden Texte und Melodien immer entstellter. Oft

flattern nur noch schwerverständliche Bruchstücke durch die Köpfe. Und

doch lassen die Trümmer des noch Vorhandenen deutlich erkennen, daß in

unsrer Heimat die Überlieferung einst so üppig und breit strömte, wie

etwa in Schlesien. (Vergleiche das erschöpfende Werk Friedrich Vogts:

Die schlesischen Weihnachtsspiele, Teubner 1901.) Die Oberlausitzer

Weihnachtsspiele zerfallen ihrem Stoffcharakter nach in drei Gruppen:

Adventspiele, Christgeburtspiele, Herodesspiele. Innerhalb der

Oberlausitz bestehen in der Spielüberlieferung augenscheinliche

landschaftliche Besonderheiten. In der nördlichen Lausitz ist

die Überlieferung offenbar treuer und reichhaltiger. Vielleicht

ist dies durch die überwiegend landwirtschaftliche Bevölkerung

bedingt, vielleicht auch durch den Einfluß wendischen Volkstums, das

volkstümlichen Überlieferungen ausgeprägt konservativ gegenüberzustehen

pflegt.

In der Südlausitz ist das kurze Adventspiel, aus drei oder vier

Personen bestehend, gebräuchlich. Zu dieser Art gehört auch das von

Kruschwitz in den »Bunten Bildern aus dem Sachsenlande« mitgeteilte

Spiel vom Eigenschen Kreise. Engel, Christkind, Ruprecht treten

nacheinander auf. Der Engel übernimmt die Rolle des Ankündigers,

des Anklägers der Kinder, und als das Christkind daraufhin Ernst

macht, mit seinen Gaben zurückzuhalten, die Rolle des erfolgreichen

Verteidigers. Das Christkind, von einem Mädchen gespielt, ist milde,

sanfte Schenkerin. Der Ruprecht spielt die eigentlich pädagogische

Rolle. Das Ziel seines Auftretens ist Einschüchterung, die als erste

Stufe zur Besserung betrachtet wird. Worte und Gebaren sind aber mit

so reichlicher Plumpheit und gewollter Komik verbunden, daß er nur

bei den ganz Kleinen seinen Zweck erreicht, für die Größeren wird er

zur lustigen Figur, die allerdings noch mit einem angenehmen Gruseln

umwoben ist. Die drei immer wiederkehrenden Forderungen, die Ruprecht

den Kindern auferlegt und worüber er sie examiniert, sind: Ihr sollt

fleißig beten! Ihr sollt fleißig in der Schule sein! Ihr sollt den

Eltern gehorchen!

In der Zittauer Gegend wird das Spiel durch die Einführung des Petrus

erweitert. (Vergleiche die von Paul Stöbe in der »Oberlausitzer

Heimatzeitung« Nummer 7, 1919, mitgeteilten Zittauer Weihnachtsspiele.)

Aber die Gestalt des Petrus ist in der Südlausitz ziemlich

charakterlos. Er kommt über seine Selbstvorstellung als gewissenhafter,

strenger Schließer des Himmels nicht hinaus. Sowohl die Spiele mit

drei als auch mit vier Personen sind ihrer Art nach nahe verwandt

mit denen, die Friedrich Vogt im Riesengebirge sammelte und sammeln

ließ (Agnetendorf, Schreiberhau, Warmbrunn, Liebau). Es finden sich

zahlreiche, wörtlich übereinstimmende Versgruppen, zum Beispiel die

Einführungsworte des Ruprecht:

Flietz, Flatz, Fladerwiesch,

Drauß’n is mer’sch goar ze friesch,

War mich a de Stube mach’n

Und ’n Kinnern vertreib’n ’s Lach’n.

Oberlausitzer Spiele, die mit den bei Vogt aufgeführten völlig

übereinstimmten, wenn auch nur in ihrem Aufbau, habe ich nicht

gefunden. Aber nicht nur die Texte weichen voneinander ab; große

Teile der Spiele werden psalmodierend gesungen oder im Sprechgesang

vorgetragen. Melodie sowohl als Sprechgesang sind in der Oberlausitz

den schlesischen Spielen gegenüber oft von eigenartiger selbständiger

Prägung. Die melodische Grundfigur des kurzen Südlausitzer Spiels

klingt folgendermaßen. Der Engel als Spieleröffner singt im

Sprechgesang:

Gut’n Ab’nd, gut’n Ab’nd zu dieser Frist,

hierher schickt mich der heil’ge Christ;

ich sollte frag’n in der Gemein,

ob fromme Kinder drinne sein.

Ruprecht, Ruprecht komm herein.

[Music:

Gut’n Ab’nd, gut’n Ab’nd zu dieser Frist, hierher schickt mich der

heil’ge Christ; ich sollte frag’n in der Gemein, ob

fromme Kinder drinne sein. Ruprecht, Ruprecht komm herein.

]

In der Nordlausitz ist das Adventspiel mit dem Christgeburtspiele

zu einer innigen Einheit verschmolzen. In der Südlausitz ist mir

keine Überlieferung des Christgeburtspiels zu Gesicht oder zu Gehör

gekommen, trotzdem Zittau wegen seiner ausgelassenen Christaufführungen

berühmt und berüchtigt war. Bestand doch hier um 1700 unter der

Handwerkerschaft sogar ein »Heiliger Christrat«, der die Spiele

in Szene setzte. Das Adventspiel der Nordlausitz weist einige

Besonderheiten auf. Spielankündiger ist das Schäfermädchen. Es tritt

im Dirndlkleid auf, mit einem Hirtenstab, einem Schäfchen und einer

Klingel in den Händen. Es rezitiert im Sprechgesang:

Guten Abend, guten Abend, ich komm herein geschritten

Und möchte Frau Wirtin bitten,

Ob sie uns wolle vergönn’n

Ein Liedelein zu sing’n.

Maria und Joseph kommt auch herein

Mit euerm kleinen Jesulein.

[Music:

Guten Abend, guten Abend, ich komm herein geschritten

und möchte Frau Wirtin bitten, ob sie uns wolle vergönn’n

ein Liedelein zu sing’n. Maria und Joseph kommt

auch herein mit euerm kleinen Jesulein.

]

Diese eigenartige Spieleröffnerin hat das Nordlausitzer Adventspiel

gemeinsam mit einem Spiele aus der Reichenberger Gegend. Während

des Spiels bleibt das Schäfermädchen geradezu die Spielleiterin. Es

ruft alle erforderlichen Personen mit Klingelzeichen herein. Das

Schäfermädchen hat den Engel aus seiner Rolle verdrängt. Damit ist eine

durchaus volkstümliche, tief im Heimatleben wurzelnde Gestalt in das

Spiel eingedrungen, war doch die Schäferei an den Sudetenhängen und im

Vorlande der Sudeten ein wichtiger Erwerbszweig der Bewohner. In diesem

Zusammenhang ist auch der von Stöbe (a. a. O.) mitgeteilte Hirtenspruch

zu erwähnen:

O Frede, über Frede,

Ihr Nubbern kummt und hirt,

Wos jetzt ei unsrer Hede

Fer Wunnerding possiert.

Do koam dohar a Ängel

Zu huher Mitternacht,

Ha sung wuhl a Gesängel,

Doaß ’s Harz an Leibe lacht.

Der Spruch wurde 1753 erstmalig gedruckt und gehört dem kurzen Spiel

»Vom guten Hirten« an, das in das Christgeburtspiel aufging. Das zur

Einheit verschmolzne Nordlausitzer Advent- und Christgeburtspiel ist

verhältnismäßig personenreich. Nach dem Schäfermädchen treten Maria

und Joseph auf, Maria im langen Rock, das Gesicht mit weißem Tuche

verhangen, Joseph in langen schwarzen Hosen, Hemdärmeln, Schnurrbart,

Halbzylinder, Stock, Quirl, Töpfchen in der einen Hand; in der andern

trägt er mit Maria die Wiege, in der das Jesulein als Puppe liegt. Die

Melodie ihres Eingangsliedes klingt an alte kirchliche Tonarten an:

Guten Abend, guten Abend, wir geben euch Gott,

Wir komm’n zu euch ohn allen Spott.

Habt ihr auch kleine Kinderlein,

Die Vater und Mutter nicht gehorsam sein,

So woll’n wir rufen Knecht Ruprecht herein,

Der soll sie tragen zur Höllenpein.

[Music:

Gut’n Ab’nd, gut’n Ab’nd, wir geb’n euch Gott, wir komm’n zu euch

ohn allen

Spott; habt ihr auch kleine Kinderlein, die Vat’r und Mutt’r nicht

gehorsam

sein, so woll’n wir ruf’n Knecht Ruprecht rein, der soll sie trag’n

zur Höllenpein.

]

In dieser letzten Drohung ist noch der düstre Teufelscharakter

Ruprechts angedeutet. Noch in den gelehrten Weihnachtsspielen des

siebzehnten Jahrhunderts erscheint Ruprecht als eine Art Teufel, der

dem heiligen Christ die Seelen der Kinder abspenstig machen will.

Nun wird vom Schäfermädchen das Christkind hereingerufen. Es trägt

ein weißes Kleid mit Sternen übersät, Stern auf dem Kopfe, Flügel,

geschmücktes Christbäumchen in der Hand. Mit dem Auftreten des

großen Christkindes neben dem kleinen ist das Volk einer beliebten

Darstellungseigentümlichkeit treu geblieben. Es liebt es, eine Person

in einer großen und einer kleinen Ausgabe vor Augen zu stellen und

findet darin nicht den geringsten Widerspruch. Dem Christkind folgt der

Engel Gabriel, dessen Tätigkeit infolge seiner Verdrängung durch das

Schäfermädchen nur darin besteht, zwei Strophen des »Vom Himmel hoch«

zu singen. Eine scharf ausgeprägte Persönlichkeit ist Petrus. Er ist

der heilige, leidenschaftliche Eiferer. Er trägt Vollbart, eine Krone

auf dem Haupte, Zepter und Schlüssel in der Hand:

Petrus, Petrus bin ich genannt,

Das Zepter hab’ ich in meiner rechten Hand,

Die Schlüssel hab’ ich alle hier,

Damit ich aufschließen kann die Himmelstür.

Die Kinder, wenn sie aus der Schule gehn,

Auf allen Gassen bleiben sie stehn,

Die Bücher zerreißen sie,

Blätter in alle Winkel schmeißen sie,

Ranzen rumschmeißen sie,

Ja solchen Unfug treiben sie.

Christkind, Christkind, wenn ich so wär’ wie du,

Mit Ruten und Peitschen hieb ich zu.

Während alle Personen in mehr oder weniger reinem Hochdeutsch sprechen,

dröhnt Ruprecht in derbster Mundart herein:

Holler, woller, kumm ich rei gewollert,

Hoa an gruß’n Zipplsak,

Sibmsibzsch Kinner sein schun drinne,

Die anern, die ne fulg’n, kumm olle no rei,

Doas sull ane Strofe sein.

Hätt’ mich de Mutt’r gewosch’n mit ’n Schwomm,

Wär ’ch weiß wie a Lomm,

Su hut se mich gewosch’n mit ’n Ufnlopp’n,

Do bi ’ch schworz wie a Ropp’n.

Besonders lehrreich ist das letzte vierreihige rhythmische Gefüge.

Es ist aus dem Dreikönigsspiel (der erste Teil des Herodesspiels)

hierher verweht worden und wird ursprünglich vom Mohrenkönig

gesprochen. Wir gewinnen hier einen tiefen Einblick in die Art und

Weise, wie die Spiele gestaltet werden. Um typische Persönlichkeiten

hat sich ein verwirrender Reichtum sprachlicher Formen gelagert,

die ihr Wesen ausdrücken. Die Hauptsorge der Überlieferung besteht

nicht darin, die Sprachformen getreu zu erhalten, sondern die

typischen Persönlichkeitscharaktere unverfälscht zu bewahren. So

herrscht in der Aneinanderreihung der Wortformen ziemliche Willkür.

Zahlreiche Abweichungen und Lesarten entstehen. Wir werden an die

Form der italienischen Stegreifkomödie (~comoedia dell’ arte~)

erinnert. In dem oben erwähnten Falle findet eine Annäherung zweier

Persönlichkeitssphären statt. Komik hier – Komik da: die Wortform

springt von der einen Sphäre in die andre über.

Nach dem Auftreten des Ruprecht zieht singend der Engelchor ein. Das

Adventspiel bricht ab, das Christgeburtspiel beginnt. Gemessen an

der, an dieser Stelle besonders breiten schlesischen Überlieferung,

sind die in der Nordlausitz noch lebendigen Reste dürftig zu nennen.

Es fehlt die Herbergsuche, die Erscheinung der Engel, das zögernde,

bäurisch-komische Aufbrechen der Hirten, die Hirtenanbetung, die

Beschenkung des Kindes, die Reue des Wirtes. Es hat sich erhalten der

wertvollste lyrische Kern des Stückes: das Kindelwiegen. Die Szene ist

von außerordentlicher Zartheit und Innigkeit. Sie geht zurück auf ein

hessisches Weihnachtsspiel des fünfzehnten Jahrhunderts. Die älteste

Form des Zwiegesanges zwischen Maria und Joseph ist uns in einer

Leipziger Aufzeichnung vom Jahre 1305 erhalten.

Maria (singt):

Joseph, liber neve myn,

hilff mir wiegen daß kindelin,

das got dyn lôner muße syn

im hymmelrich, der meyde sone Maria.

Joseph:

Gerne, libe mume myn,

helff ich dir wiegen dyn kindelin,

das got muß myn lôner syn

im hymmelrich, der meyde son Maria.

Das Lied wurde im Gottesdienst von Knaben und Mädchen gesungen, die den

Reihen um die Krippe schlangen, die am Altarplatz stand. Die gemessenen

Bewegungen wurden von Hymnen begleitet. Das Kindelwiegen hat in der

nördlichen Lausitz folgende Form angenommen:

[Music:

Maria:

Joseph, lieber Joseph mein, hilf mir wiegen das Kindlein ein.

Nani, nani, nein, trust, trust, trein, hilf mir wiegen das

Kindlein ein.

Chor der Darsteller wiederholt:

Nani, nani, nein, trust, trust, trein, hilf mir wiegen das Kindlein

ein.]

Maria (singt):

Joseph, lieber Joseph mein,

Hilf mir wiegen das Kindlein ein.

Nani, nani, nein, trust, trust, trein,

Hilf mir wiegen das Kindlein ein.

Joseph (spricht):

Wie kann ich denn das Kindel wiegen,

Kann selber men’ krumm’n Buckel ne biegen.

Chor der Darsteller wiederholt:

Nani, nani, nein, trust, trust, trein,

Kann selber men’ krumm’n Buckel ne biegen.

In dieser Art wiederholt der Chor während der ganzen Szene, was der

Chorführer vorsingt oder spricht.

Maria (singt):

Joseph zieh dein Hemde aus,

Mach dem Kind zwei Windlein draus.

Nani, nani, nein, trust, trust, trein,

Mach dem Kind zwei Windlein draus.

Joseph (singt):

Wie kann ich denn mein Hemd ausziehn,

Kann mit dem Buckel ne nackicht giehn.

Maria (singt):

Joseph, lieber Joseph mein,

Koch dem Kind ein Breielein.

Nani, nani, nein, trust, trust, trein,

Koch dem Kind ein Breielein.

Joseph (bückt sich und quirlt).

Schäfermädchen (singt):

Maria breit dein Schürztuch aus,

Schenk dem Kind Gold, Weihrauch draus.

Nani, nani, nein, trust, trust, trein,

Schenk dem Kind Gold, Weihrauch draus.

Maria (tut es).

Die Lausitzer Form des Kindelwiegens zeigt allen schlesischen Lesarten

gegenüber folgende Eigentümlichkeiten auf: es fehlt in Schlesien die

Aufforderung zum Breikochen, die Aufforderung des Schäfermädchens an

Maria, es fehlt der immer wiederkehrende Wiegengesang nani, nani,

nein, der vielleicht einen Rest hymnischer Gesänge darstellt; die

Melodie ist durchaus selbständig, auch der von Bernhard Schneider in

seiner wertvollen Sammlung mitgeteilten gegenüber (»Lied und Spiel

zum Preise des Christkinds«. A. Huhle, 1913, Heft 5). Der allgemeine

Abschiedsgesang aller Darsteller, der im Anfang an die bei Vogt

mitgeteilte Schreiberhauer Lesart erinnert, schließt das Spiel ab:

Ade, wir müssen scheiden,

Wir müssen weiter ziehn,

Die Zeit will uns nicht reichen,

Wir müssen zum Himmel einziehn.

Ade, wir könn’n nicht länger warten,

Wir müssen gehn zum Himmelsgarten,

Ade, wir könn’n nicht länger stehn,

Wir müssen zum Himmel eingehn.

Und hab’n wir auch das Liedel nicht recht gemacht,

So wünschen wir euch eine gute Nacht.

[Music:

Ade, wir müssen scheiden, wir müssen weiter ziehn; die

Zeit will uns nicht reichen, wir müssen zum Himmel einziehn.

Ade, wir könn’n nicht länger warten, wir müssen gehn zum

Himmelsgarten.

Ade, wir könn’n nicht länger stehn, wir

müssen zum Himmel eingehn. Und hab’n wir euch das Liedel nicht

recht gemacht,

so wünschen wir euch eine gute Nacht.

]

Die dritte Gruppe der Weihnachtsspiele bilden die Herodesspiele. Für

sie fließt meiner Erfahrung nach die Überlieferung in der Oberlausitz

am spärlichsten. Bekannt geworden ist das von Professor ~Dr.~ Curt

Müller im Schulprogramm der Realschule zu Löbau (1900) bearbeitete

Markersdorfer Herodesspiel. Eine nah verwandte, bruchstückartige

Fassung habe ich in Crostau vorgefunden. Das Oberlausitzer Spiel

gehört zu dem Typus, der auf Hans Sachs zurückzuführen ist. Nach einem

kurzen Vorspruch des ersten Weisen hört Herodes ein Geräusch. In

schlesischen Lesarten klopft es, oder Trompeten werden geblasen, oder

ein fürchterlicher Knall erdröhnt.

Bei uns spricht Herodes:

Was hör’ ich denn jetzt für ein Singen!

Wer will mich um die Krone bringen?

Der Marschall (Diener) holt die drei Könige, die Urheber des

Geräusches, herbei. Herodes erkundet Zweck und Ziel der Reise. Jüdische

Schriftgelehrte werden um Rat gefragt. Die Weisen brechen von Herodes

auf. Nun fehlen im Oberlausitzer Spiel wichtige Stücke: die Anbetung

in Bethlehem, die Engelsbotschaft. Dargestellt ist wieder, wie die

Weisen erwachen, ihren Traum austauschen und beschließen, auf andern

Wegen heimwärts zu ziehen. Am Hofe des Herodes herrscht Unruhe über

das Ausbleiben der Weisen. Herodes gibt dem Marschall den Befehl zum

Kindermord. Der Marschall meldet den Vollzug des Befehls. Der Tod

tritt zu Herodes mit der Sense (nicht mit dem Pfeil) und nimmt ihn in

vergeltender Gerechtigkeit mit in sein Totenhaus.

Es ist nicht verwunderlich, daß die Überlieferung für das Herodesspiel

spärlicher fließt. Der Stoff ist starr und spröde und widersetzt

sich der ästhetischen Verzauberung. Die Form ist in weiten Teilen

der Dialog. Das Spiel ist melodienarm. Trotzdem weist es ausgeprägte

volkstümliche Eigenheiten auf. Die Personen sind in derben Strichen

flächenhaft umrissen. Nuancierende und vertiefende Linien fehlen. Das

Herodesspiel gleicht wie kein andres einem kräftigen, grell bemalten

Holzschnitt. Adventspiel und Christgeburtspiel sind mehr musikalisch

als bildhaft. Sie bringen in überwiegender Weise seelischen Ausdruck,

nicht raum-zeithafte Darstellung. Der reine Sprechvortrag nimmt in

ihnen nur geringen Raum ein. Er steigert sich zum Sprechgesang, um an

den Höhepunkten in reine Ausdruckskunst, Lyrik und Musik, überzugehen.

Das, was den Spielen bei allen technischen Unbeholfenheiten

unaussprechlichen Zauber verleiht, ist ihr Hervorströmen aus einer

machtvollen, innig und tief erlebten Geisteswelt. Der volkstümliche

Spieler steht im magischen Banne zwingender Überlieferung und spricht

sie ergriffen aus. Er wird zum Instrument einer übersinnlichen,

symbolhaft erschauten Welt. Seine engumschränkte Einzelpersönlichkeit

wird dabei ausgelöscht. Ich kann nicht verschweigen, daß ich so

ergreifende Darstellungen in der Oberlausitz nur von Kindern erlebt

habe. In früheren Jahrzehnten hat, wie mir erzählt wurde, ein ähnlich

würdiger Ernst die erwachsenen Spieler beseelt, wie wir es etwa heute

noch in Oberammergau erleben können. Aber zu so ergriffenen Spielern

gehört eine ebenso ergriffene Zuhörerschaft. Die Darstellungen der

Volksspiele waren keine Theateraufführungen; allen gemeinsames

innerstes Seelentum trat bild- und klanghaft vor die Sinne. Über den

Szenen schwebten die magischen Zauber des kultischen Ursprungs. Die

meisten Wiederbelebungsversuche der Spiele durch Erwachsene sind

heute aus tiefen entwicklungspsychologischen Gründen unecht. Der

Durchschnittserwachsene ist ungläubig. Er ist ausgeprägtes Individuum.

Er steht vor seinem Publikum. Neben der Tradition zeigt er sich, er

spielt Theater ... Er weiß, daß er in diesen Spielen eine Rarität vor

sich hat, und all das vernichtet die Wirkung der schlichten Stücke

im Keime. Nur auserlesenen frommen Seelen mag es in hingebender

Liebe und eindringendem Eifer heute noch hier und da gelingen, die

heilige Einfalt, die tiefe Gebundenheit und Innigkeit der Spiele

zum Ausdruck zu bringen (Haas-Berkow). Aber was die fortschreitende

individualistische Zerstäubung dem Erwachsenen genommen hat, das ist

im Kinde lebendig geblieben. Das Kind unsrer Heimat steht noch im

tiefen Banne des Weihnachtszaubers. Mag es auch bereits bei vielen

Gelegenheiten individueller Schauspieler sein: beim Weihnachtsspiel ist

es erklingende Saite großer Symbole. Damit haben die Weihnachtsspiele

wie manches andre uralte Volksgut ihre letzte Pflege- und

Zufluchtstätte erreicht: das Kind ...

Wiedersberg

Von _Paul Apitzsch_, Ölsnitz i. V.

Unweit der sächsisch-bayrischen Grenze, etwas abseits der Staatsstraße

Plauen-Hof, hockt zwischen den schräggeneigten Waldhängen des oberen

Feilebachtales ein Häuflein Häuser: das vogtländische Kirchdorf

_Wiedersberg_. Hoch über Tal und Dorf liegen im dichten Mischwalde

versteckt die Mauerüberreste des gleichnamigen alten Raubschlosses. Es

ist eigenartig, daß über Entstehung, Geschichte und Verfall der wenigen

vogtländischen Burg- und Kirchenruinen geheimnisvolles Dämmerdunkel

ausgebreitet ist. Oder vielmehr nicht eigenartig. Zahlreiche Kriege und

Brandschatzungen des Mittelalters haben in dem alten Durchzugslande

zwischen Mittel- und Süddeutschland Schloßarchive und Rathausakten,

Klosterurkunden und Kirchenbücher vernichtet. Daß man die Zeit

der Erbauung der Burg Elsterberg, des Schlosses Libau, der Veste

Wiedersberg, der Wallfahrtskirchen am Burgstein nicht mit Bestimmtheit

anzugeben vermag, nimmt weiter nicht wunder. Aber daß man über Zeit

und Art ihres plötzlichen oder allmählichen Untergangs so gar nichts

weiß, daß man nicht einmal anzugeben imstande ist, ob Zerstörung, Brand

oder Verfall vorliegt, ist doch immerhin merkwürdig. So soll die Veste

Elsterberg bereits in dem sogenannten Vogtländischen Kriege 1354 in

Trümmer gesunken sein. Von den andern drei weiß man nicht, ob sie auch

schon in diesem Kriege oder im Hussitenkriege oder im Dreißigjährigen

Kriege zerstört worden sind oder ob sie überhaupt auf gewaltsame Weise

ihren Untergang gefunden haben. Möglicherweise teilen sie alle das

Schicksal eines fünften Schlosses, des zu Geilsdorf. Von diesem ist

urkundlich nachweisbar, daß es 1667 durch den Grafen Tattenbach erbaut

worden ist. Ebenso sicher ist, daß keinerlei Kriegsnöte an seinem Mark

gezehrt haben und daß lediglich der berühmte und berüchtigte Zahn der

Zeit die Ursache seines Dahinscheidens war.

[Illustration: =Schloß Wiedersberg=

Nach einer Schwarzweißzeichnung von Kunstmaler Enders

]

Völlig sagenhaft ist die von einzelnen Historikern vertretene Ansicht,

_Schloß Wiedersberg_ sei von Kaiser Heinrich I. (919 bis 936) zum

Schutze gegen die Sorben angelegt worden. Vielmehr wird 1203 zum

ersten Male eine Burg Wiedersberg erwähnt und 1288 ein Eberhard von

Wiedersperch. Im Jahre 1386 belehnte Markgraf Wilhelm I. von Meißen

den Ritter Jan Rabe mit Wiedersberg. 1421 verkauften die Rabe das

Besitztum an die Familie von Machwitz, die es bis 1580 besaß. Der

Rittersitz wechselte dann rasch nacheinander seinen Eigentümer und

gehört seit 1840 der Familie Gräf. Eine ausführliche Geschichte der

Veste Wiedersberg brachte A. Moschkau im Jahrgange 1878 der Zeitschrift

»Saxonia« (Seite 36, 49 und 56).

Die _Ruinen_ sind gegenwärtig von sehr geringem Umfange. Sie bestehen

aus einem viereckigen Turm, einigen Mauerresten und dreifachen

Schanzgräben. Ein stark angekohlter Balken im Wartturm deutet auf

Brand. Indes kann dies auch in ursächlichem Zusammenhange mit

der bis in die Mitte des vorigen Jahrhunderts hier betriebenen

Pechsiederei stehen. Denn unmittelbar darunter liegen, halb im

Erdreich vergraben, zwei alte, geborstene Griebenherde. Das neben den

Mauerüberresten stehende ehemalige herrschaftliche Jägerhäuschen ist

in ein bescheidenes _Bergwirtshaus_ umgewandelt worden. Der in dieser

winzigen Waldklause hausende Pächter, Namens Bauer, hat den Krieg 1870

bis 1871 mitgemacht, wurde verwundet und ins Lazarett nach Dresden

gebracht. Dort gehörte er zu denen, die sich der besonderen Fürsorge

der damaligen Kronprinzessin und nachmaligen Königin Carola zu erfreuen

hatten. Nach Gesundung und Rückkehr in die vogtländische Heimat

entspann sich ein interessanter Briefwechsel zwischen der Königin und

dem einfachen Tischlermeister Bauer in Wiedersberg. Bis zum Tode der

Königin währte das gewiß seltene Freundschaftsband. Der alte Veteran

weiß recht anregend davon zu plaudern und zeigt auf Verlangen die

Originale der zahlreichen Briefe, die er pietätvoll in einer großen

Mappe vereinigt hat. Seine Behausung gleicht dem Knusperhäuschen

der Hexe im Märchen von Hänsel und Gretel. Vor dem Eingange krallt

eine mächtige knorrige Kiefer ihre Wurzeln ins Felsgestein, und am

prächtigsten zeigt sich der Wiedersberger Burgberg, wenn im Frühherbst

die buntfarbigen Laubbäume aus dem dunklen Grün der Fichten und Föhren

hervorleuchten.

Auf steinigem Wege steigen wir hinunter ins _Dorf Wiedersberg_. Ein

steiler, beschwerlicher Abstieg. Der Klausner im Knusperhäuschen ist

neben seinem Doppelberufe als Gastwirt und Tischlermeister auch noch

als Standesbeamter tätig, und die guten Wiedersberger, die sich dem

Ehejoche zu beugen gedenken, treten einen schweren Gang an, wenn sie

zum Standesamte wallen.

Im Dorfe selbst sind drei bemerkenswerte Gebäude: Rittergut, Kirche und

Gasthof, welche, wie auch anderswo, eng beisammenliegen. Die _Pfarrei

Wiedersberg_ gehörte nebst Sachsgrün, Eichigt, Krebes und einigen

anderen zu den sogenannten »Streitpfarren«. Obwohl in Sachsen gelegen,

übte in diesen ehemals zum Erzbistum Bamberg gehörigen Kirchgemeinden

die Krone Bayern das Patronatsrecht aus, und erst 1845 wurde dieses

Recht durch Vergleich an Sachsen abgetreten. Das _Wiedersberger

Gotteshaus_ enthält zwei Holzschnitzwerke unbekannter Meister: einen

Taufengel und den mit der Kanzel verbundenen Hochaltar. Den Taufengel

mit dem »hölzernen Wiesenblumenstrauß« hat Kurt Arnold Findeisen in

seinem ersten Versbuch »Mutterland« besungen.

Zu Wiedersberg im schmalen Gotteshaus

Steht ein großer Engel vor den Bänken,

Der trägt seit Menschengedenken

In der Hand einen hölzernen Wiesenblumenstrauß.

Mit der andern stützt er in Himmelsgeduld

Das samtbeschlagene Lesepult.

Der Schnitzaltar ist kein Kunstwerk, ist vielmehr in seiner

köstlichen Naivität als Arbeit eines bäuerlichen oder bürgerlichen

Handwerksmeisters anzusprechen. Zwischen den lebensgroßen Figuren

des Petrus und Paulus ist eine etwas kleinere Kreuzigungsgruppe

dargestellt. Als eine Art Predella erhebt sich unmittelbar über

dem Altartisch eine stark realistische »Einsetzung des heiligen

Abendmahls«. Der unbekannte Schnitzmeister war nicht imstande, den

an der Brust Jesu liegenden Lieblingsjünger Johannes naturwahr

darzustellen. Diese Einzelfigur wirkt in ihrer mißratenen Kleinheit

als Knabengestalt. Sehr geschickt dagegen sind die links und rechts

herabhängenden Blumenbänder ausgearbeitet.

Ein wahres Juwel echter Heimatkunst ist der in der Mitte des

Dorfes gelegene, im Jahre 1711 erbaute _Gasthof_. Das an derselben

Stelle stehende frühere Wiedersberger Wirtshaus beherbergte, wie

eine in Dresden liegende Urkunde berichtet, den im Jahre 1354

hier durchreisenden Kaiser Karl IV. Eine Stange ragt vom braunen

Fachwerkbau weit über die schmale Dorfstraße. Am vorderen Ende dieser

Stange hängt ein altertümliches, wertvolles Wirtshausschild. Kein

Geringerer als _Hermann Vogel_ hat das Wiedersberger Gasthaus samt

dem Wirtshausschilde im Bilde festgehalten, und zwar im »Märchen

von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen« in der illustrierten

Ausgabe der Grimmschen Kinder- und Hausmärchen: An der rechten Seite

der Dorfstraße der Gasthof, links das Holzgeländer am Feilebach.

Droben auf waldiger Höhe das Raubschloß. Auf der Straße der Wirt mit

dem tapferen Junker. Und das Malersignum ~H. V.~ ist eingedrückt dem

feisten Hinterschenkel eines über den Weg laufenden – Schweines. Der

Märchenmaler, der so gern hier oben im abgelegenen Feilebachtal seine

Staffelei aufstellte, ruht nun schon seit zwei Jahren im kleinen

Krebeser Dorfkirchhofe. Zwei noch lebende heimische Künstler traten

sein geistiges Erbe an. Das Mittelalter ging in der künstlerischen

Innen- und Außenschmückung von Gebäuden lediglich bei Schlössern

und Rathäusern, Kirchen- und Patrizierwohnungen über das rein

Handwerksmäßige hinaus. Die neuere Zeit hat das höchst anerkennenswerte

Bestreben, auch bei Neu- und Umbauten großstädtischer Warenhäuser und

Banken, Fabrikanlagen und Fremdenhöfe, Dielen und Bars hervorragende

Künstler und Kunstgewerbler zur Mitarbeit heranzuziehen. Daß aber

ein vom Kunstbetriebe der Großstadt weit abgelegener Dorfgasthof

sich etwas derartiges leistet, dürfte doch wohl zu den Seltenheiten

gehören. Die fünf graugrün gestrichenen Fensterläden des Wiedersberger

Gasthauses sind von den Kunstmalern _Albin Enders, Weischlitz_ und

_Alfred Hofmann, Stollberg_ mit Originalbildern und Sinnsprüchen

geziert worden. Die geräumige _Gaststube_ atmet wohltuende

Beschaulichkeit, und ihre ländlich-einfache Innenausstattung zeugt

von feinem, künstlerischem Empfinden. Buntgeblümte Vorhänge an den

niedrigen Fenstern. Geranien und Levkoien auf allen Simsen. Eine

von der Diele bis zur Decke reichende altmodische Ticktackuhr. Ein

glänzender Spiegel aus Urgroßvaters Zeiten über dem Sofa in der Ecke.

Überhaupt diese Ecke! Die ganze Wand ist bedeckt mit Radierungen von

Albin Enders – Ruine Burgstein, Rittergut Wiedersberg und Rathaus

Plauen –, mit alten Stichen in braungetönten Holzrahmen und allerhand

andern Köstlichkeiten. In der Mitte des Tisches steht ein Strauß

leuchtender Chrysanthemen, blaublütiger Glockenblumen und purpurner

Kuckuckslichtnelken. Daneben liegt, mit seinem buntgekästelten

Buchdeckel stimmungsvoll dazu passend, Kurt Arnold Findeisens

»Mutterland«. In der rechten Wandecke eingebaut, ein kleiner Schrank

mit dem _Fremdenbuch_. Dies Buch ist es wert, daß man ein geruhsam

Stündlein sich mit ihm abgibt. Hier ist Albin Enders, der Hausmaler,

zum Hauspoeten geworden. Das von ihm verfaßte und eigenhändig

eingetragene Geleitwort lautet:

Trägst sinnig froher Wandrer du, in dieses Buch dich ein,

So wird es eine Freude auch für jeden andern sein.

Und kehrst du selbst nach Jahr und Tag in Wanderlust zurück,

Wirst abermals genießen dann ein längstvergangnes Glück.

Und dann folgen in bunter Reihe Beiträge von Louis Riedel, Emil

Schwarz und anderen bekannten und unbekannten Poeten des Vogtlandes.

Das Wertvollste aber sind zahlreiche Federzeichnungen des zweiten

Wiedersberger Hauskünstlers Alfred Hofmann, Stollberg. Es gibt im

Vogtlande nur noch _ein_ Fremdenbuch, das sich an künstlerischem Werte

dem Wiedersberger an die Seite stellen könnte: das Burgsteinalbum der

Rahmig-Milda.

So ist der kleine Raum geweiht durch Eigenarbeiten begnadeter

heimischer Maler und Dichter.

Die Heimat ist auch in ihren unbedeutendsten und abgelegensten Winkeln

groß und bedeutend für den, der mit offenem Auge und warmem Herzschlag

ihre Schönheiten schaut.

Zur Geschichte des Jägerhofes zu Dresden

Von ~Dr.~ _Koepert_

Bei den nahen Beziehungen des _Landesvereins Sächsischer Heimatschutz_

und dem _Verein für Sächsische Volkskunde und Volkskunst_ dürfte

auch die Geschichte des _Jägerhofes_, in dessen Restgebäude der

letztgenannte Verein sein herrliches Volksmuseum untergebracht hat,

für unsere Leser von Interesse sein. Handelt es sich doch hier um ein

Baudenkmal, das in früheren jagdfrohen Zeiten von großer Bedeutung war,

wie die folgenden Ausführungen beweisen werden.

Was nun zunächst die _Baugeschichte_ betrifft, so sei bemerkt, daß das

älteste Jägerhaus, von dem berichtet wird, vor dem Wilsdruffer Tor an

der Weißeritz gelegen war. Sein Erbauer war Herzog _Albrecht_. Im Jahre

1492 schenkte Herzog _Georg der Bärtige_ dieses Haus einem alten Diener

seines Vaters wegen treuer Dienste mit dem dazugehörigen Garten. Als

Ersatz hierfür errichtete er in der Nähe des Jakobihospitals ein neues

Jägerhaus, das gleichfalls die Jagdgerätschaften beherbergte, für die

Jäger aber keine Unterkunft bot. Diesem Zwecke diente vielmehr ein

in der Nähe des Schlosses gelegenes Förstereihaus. Kurfürst _August_

(1553–1586) begnügte sich nicht mit der Jagd auf inländisches Wild,

sondern erwarb einige Löwen, die bei Kampfjagden Verwendung finden

sollten und zu deren Unterbringung er die Herstellung eines besonderen

Löwenzwingers auf der Elbbrücke durch folgendes Schreiben an den

Brückenmeister anordnete: »Lieber getrewer. Wir haben unsern Oberzeug-

und Baumeister und lieben und getrewen Kaspar Vogt ein Baw uf der

ElbBrücken zu Behaltung ezlicher Lewen zu thun befolhen, dargegen

wir begern, Ihr wollet den zum forderlichsten seiner Angabe nach

machen und fertigen lassen, dergleichen Torhaus auch vollenden, wie

er euch anzeigen wirdt und ihn den nichts verhindern lasset, darum

thut er unsere Meinung. Datum Dresden den 8. Tag Aprilis 1554. An den

Brücken Meister.« Daß das Gebäude wirklich vollendet und seinem Zwecke

dienstbar gemacht wurde, geht aus der Tatsache hervor, daß 1558 die

»Brückenlöwen« aus ihren Fängen zu einem Kampfjagen herbeigeführt

wurden. Im Jahre 1612 wurde ein besonderes _Löwenhaus_ auf der

Schössergasse in Form eines viereckigen niedrigen Turmes erbaut, der

aber 1839 wieder abgetragen wurde. Im Jahre 1568 verlegte Kurfürst

August die Jägerei nach Altdresden, der jetzigen Neustadt, und zwar

»um allda, weil selbige Stadt (die jetzige Altstadt) damals ganz offen

und unverschlossen gestanden, der Wildbahne zum Fürsuchen, Spüren und

in Sonderheit den Wolfsjagden desto näher zu sein.« Damit war der

Grund zu dem »_Jägerhofe_« gelegt, dessen Lage noch jetzt ungefähr an

dem stehengebliebenen Restgebäude zu erkennen ist. Der Jägerhof hat

im Laufe der Jahrhunderte mancherlei Erweiterungen und Veränderungen

erfahren, die sich bis in die Mitte des achtzehnten Jahrhunderts

hinein erstreckten. Nachdem schon die beiden Kurfürsten _Christian_

I. und II. (1582–1611) den Jägerhof vergrößert hatten, erfolgte

durch Kurfürst _Johann Georg_ I. eine wesentliche Verschönerung und

Vergrößerung, die ihren Abschluß fand in der im Juli 1617 erfolgten

feierlichen Einweihung. Über einige Grundstückserwerbungen, die

für die Vergrößerung benötigt wurden, gibt ein Aktenstück vom 28.

März 1611 Auskunft, das mir gelegentlich meiner Forschungen über

altsächsische Jagdgeschichte im hiesigen Hauptstaatsarchiv zu Gesicht

kam. Dasselbe behandelt eine Grundstückserwerbung aus dem Jahre 1608

und lautet: »Ew. churfürstliche Gnaden sind meine unterthänigste,

gehorsambste Dienste treuen Vleißes jederzeit zuvorn; gnädigster Herr,

Euer fürstlichen Gnaden soll ich unterthänigst nicht vorbehalten, das

wir Euer fürstlichen Gnaden vor drey Jahren (1608) das Jägerhauß zu

Altdresden erweitern lassen, uf Euer fürstlichen Gnaden gnedigstes

Begern Ich meinen Garten darzu, vor und umb 300 Fl. Meißnische Werung,

21 Groschen für ein Gulden gerechnet, welche der schösser mir davor

einheischigk geworden, und Michaelis 1608 zalett werden sollen,

unterthänigst hinlassen müssen, welcher dann zum teill zu solchem

Jägerhaus gezogen, zum teill aber mit andern daran stoßenden Stücken

verwechselt worden. Wan ich aber solche 300 Fl. bishero nicht bekommen,

viel weniger einige Zinsen davon erlanget, und mir armen gesellen

solcher verzugk zu größtem Schaden gereihen tut, also gelanget an Euer

fürstlichen Gnaden mein unterthänigstes höchst vleißiges Bitten, Euer

fürstlichen Gnaden wollen gnedigst zu befehligen geruhen, das mir 300

Fl. zu sambt den Zinsen sonder ferneren verzugk gefolget werden mögen.

Unterschrieb: Kilian Prager.« 1625 verkaufte der Bürger und Leineweber

Martin Schilling dem Kurfürsten für 450 Gulden einen Acker, um dessen

Bezahlung er 1628 bittet. Eine bedeutende Erweiterung erfolgte 1632,

als durch Vermittlung des Schössers wieder eine Anzahl Häuser, die auf

der Klostergasse gelegen waren, angekauft wurden. Hierüber ist folgende

Designation, datiert vom 28. Januar 1632, vorhanden:

1. Auf der Nachtseite, den Röhrenkasten und Weinbergen zu: Christoph

Fröhlich, ein Handelsmann, welcher zwar wegen leibesbeschwerung nicht

selbst erscheinen kann, hat sich durch seine Hausfrau Catharine

erbieten lassen, das er seine beiden wohnhäuser, als eins nach der

gassen, das andre nach der Wiesen gelegen, nebst ein Garthen und

Weinberglein, ganz bezahlt, Ihrer Churfürstlichen Durchlaucht zu

schuldigen, unterthänigst Gehorsamb umb und vor 1200 Thaler abtreten

und abfolgen lassen will, ungeachtet es ihm um viel mehreres kostete.

2. Joachim Koch, Jagt-Zeugknecht, berichtet, das er sein Hauß umb

und vor 145 Thaler bahrgeld anno 1629 erkaufft, so er auch albereit

bahr bezahlt, erbietet sich, solches umb 145 Thaler, wie er dasselbe

erkaufft, wiederum abzutreten, weil er noch wenig darin gebessert hat.

3. Valentin Hieße, Jagtzeugschneider, hat sein Hauß vermöge des

Kaufbriefs umb 220 Thaler erkauft; darauf er 150 Thaler bezahlt und ist

die übrigen 70 Thaler wie auch, was an Steuern und andern gefällen,

bis dato fellig, noch zu bezahlen schuldig, erbietet sich bey obiger

Kaufsumme solches wiederumb abzutreten.

4. Hanns Wolff, Thorwärter im Jägerhauß, hat sein Haus umb 185 Thaler

bahrgeldt erkaufft und bezahlt, auch über 70 Thaler darin verbauet,

will solches um 200 Thaler wieder abtreten.

Auf der linken Seite, gegen den Althan zu:

5. Anna Baßin, Hans Andreas Witbe, helt ihr Hauß umb 400 Thaler, weil

es ihr unlängst so viel gelten wolle; Ist eine arme Witbe und viel

schuldig; 20 Thaler ist an der Kaufsumme ihr zurückgehandelt worden,

verbliebe 380 Thaler.

6. Christian Eckardt, helt sein Hauß umb 400 Thaler. Ist endlich auf

300 Thaler gehandelt worden.

7. Silvester Kahlhorn, Trommelschläger, hat sein Hauß anfangs umb 480

Thaler erkaufft, 60 Thaler darin verbessert und gebauet, und 9 Thaler

15 Groschen der Herrschaft vor den Raum geben, will solches umb 350

Thaler wieder abtreten.

8. Christian Urban Hoffmanns Witbe, hat ihr Häußlein vor 24 Jahren

umb 160 Thaler bahr geldt erkaufft und bezahlt und diese Zeit über

30 Thaler darin gebessert, will solches, als eine arme Witbe, um 190

Thaler wieder hinlassen.

Summe der ganzen Kaufsumme aller ob specifizirten Häußer thuts 2985

Thaler.

Für eine Erweiterung des Jägerhofes hatten auch 1639 mehrere Bürger in

Altdresden ihre Grundstücke verkauft. Auf ihre Bitte um Bezahlung ihrer

Häuser äußert sich Kurfürst _Johann Georg_ I. in einem an den Schösser

Paul Weber für den Rat zu Dresden gerichteten Schreiben wie folgt:

»Liebe getrewe, Ihr wißet Euch zu erinnern, was wir wegen Abtragung

teils Häußer auf der Klostergaßen und den Kohlmarkt zu Altdresden

mündlich befohlen. Was es dann aus derlei angeführten vrsachen nicht

zu endern gehet, also begehren wir hiermit, ihr wollet solchen

unsern Befehlich gehorsambst nachkommen, zu verhütung aber vielen

besorglichen Klagens vorher mit den Besizern einen ungefähren Kauff

schließen, die noch rückständigen Herrschaftsgefälle an Landtsteuern,

Jagddienst, Raumgeldern und dergleichen abziehen undt _Sie im übrigen

biß zu beßer Zeit zur gedult vermahnen lassen_, sodann, wie ihr dieser

unser verordnungk nachgekommen, unterthänigst berichten, und unser

~ratificatio~ darüber erwartten« ...

Demnach scheint in der Zeit des Dreißigjährigen Krieges das Geld sehr

knapp gewesen zu sein, denn wegen obiger Schuld hatten sich die Bürger

Georg Wolf, Soldat in der Untergarde, Michael Basse, Büchsenmacher,

und Martha Tobias Pohlens, »Defensioners allhier selige nachgelassene

arme lahme Witbe« an den Nachfolger Kurfürst _Johann Georg_ II. mit

folgendem Schuldverzeichnis gewandt (5. Dezember 1556): Verzeichniß,

was wir nachgesetzte arme Bürger und Witbe wegen Ihro Churfürstlichen

Durchlaucht nahe gelegenen Jägerhauses anno 1639 im Monat Marty

unser abgebrochenen Häußer, nach Abzug aller Churfürstlichen sowohl

Ratsgefälle annoch zu fordern und bitten unterthänigst, daß Ihro

Churfürstliche Durchlaucht solche uns von den izo einkommenden

Hufengeldern gnädigst bezahlen lassen wollten. Als: 176 Thaler 9

Groschen 5 Pfennige Michael Basse, dessen Hauß im Kauf 200 Thaler galt;

163 Thaler 4 Groschen George Wolf, dem Kaufe nach 200 Thaler; 276

Thaler 20 Groschen 11 Pfennige Tobias Pohlens Witbe, dem Kaufe nach 300

Thaler. Thut 616 Thaler 8 Groschen 4 Pfennige.

Eine ausführliche Beschreibung des Jägerhofes findet sich in der

_Dresdner Chronik_ von Weck vom Jahre 1680. Hier sind auch die in den

Sälen befindlichen Gemälde ausführlicher geschildert, ferner ist die

Rede von einem Löwenhaus, in welches die früher im Löwenhause auf der

Schössergasse aufbewahrten ausländischen Raubtiere überführt wurden.

In dem Festsaal des Jägerhofes wird vor allem ein Gemälde erwähnt, das

den Einzug des Kaisers _Matthias_, König von Böhmen, nebst Erzherzog

_Ferdinand_ in Altdresden (1617), ferner die Jagden, die ihnen zu Ehren

auf dem Altmarkt stattfanden, darstellt; ein anderes Gemälde stellt die

1602 erfolgte Rettung des Kurfürsten aus Lebensgefahr dar, als derselbe

auf einem Schiff infolge einer Pulverexplosion bei Pillnitz beinahe

ums Leben gekommen wäre. Auch befand sich in gedachtem Saal eine große

Tafel, auf welcher alle Tiere, welche Seine Churfürstliche Durchlaucht

von 1611 bis 1653 gefangen, geschossen und gehetzt hat, verzeichnet

sind und deren Zahl sich auf 113629 Stück erstreckte.

Landesverein Sächsischer Heimatschutz — Mitteilungen Band XI, Heft 10-12 · 第 1 / 6 段