XI.

Diese Frage war nicht die einzige, die ihn bedrängte. Das erste Wiedersehen

zwischen Sophie und ihm war für sie ein mit Schrecken verbundenes, für ihn

ein glückliches gewesen, denn er hatte ihr einen Dienst leisten dürfen. Was

aber nun? Ihr gleich, ihr heute noch einen Besuch abstatten, ginge nicht

an. Es sähe gar zu hungrig aus nach Lob und Dank, und wahrlich dadurch, daß

man einen Zudringlichen fern gehalten hat, erwirbt man doch zu allerletzt

das Recht, selbst zudringlich zu sein. Andererseits wieder -- verfluchtes

Dilemma! -- möchte er doch um keinen Preis gleichgültig und theilnahmslos

erscheinen.

Vierundzwanzig Stunden lang ertrug Brand die Zweifelsqualen. Länger nicht.

Am nächsten Tag war das Wetter schön, er hatte Klein-Peterl im Stadtpark

besucht und wie gewöhnlich unter der fröhlich spielenden Jugend lehr- und

segensreich gewaltet. Als es Zwölf schlug, als die Zeit wiederkehrte, zu

der die tapfere Frau gestern ausgewandert war, um den Ertrag ihrer Arbeit

heimzuholen, als sie vor seinem Geiste stand, wie er sie mit Augen gesehen

hatte, in ihrer lieblichen Verwirrung beim unerwarteten Wiedersehen -- da

war's beschlossen: »Um Drei bin ich bei ihr.«

Die Stunde schien ihm die passendste für einen ersten Besuch. Es ist eine

so hübsche Stunde, diese dritte -- nach der Mittagshöhe. Sie lastet nicht

mehr drückend schwül und ist doch kräftig von Sonnenlicht durchtränkt. Die

dritte Nachmittagsstunde hat manche Analogie mit gewissen gesetzten Jahren

im Leben ...

Brand ging ins Restaurant, rascher als nothwendig gewesen wäre, und hatte,

nach Hause zurückgekehrt, schon um halb zwei Uhr seine Cigarre fertig

geraucht. Dann wurde Toilette gemacht. Cylinder Nr. 2, dunkelgrauer

Straßenanzug Nr. 2. Alles sehr einfach, aber bürsten mußte Peter den Hut,

den Anzug, die Stiefel, daß ihm das Herz weh that um den Filz, das Tuch und

das Leder. Brand warf sogar einen Blick in den Spiegel, schüttelte den Kopf

und sah unzufrieden aus. Ist auch an _seinem_ Lebenstage früher

Nachmittag ... oder naht schon der Abend?

Es muß heute eine Andere sein, dachte Peter. Zu den Besuchen bei der

»#Marchand' Mod'#« wird nur Garderobe Nr. 1 angelegt. Nun ja, von so einer

Putzgredl will man sich nicht spotten lassen.

»Jetzt geh' ich,« sagte Brand, und hinter den armseligen Worten schwoll es

empor wie komprimirter Jubel, dem man ein bißchen Luft macht. »Wohin

glaubst Du wohl?« setzte er nach kurzem Nachdenken hinzu, und sah den guten

Peter, und wußte selbst nicht warum, streng an: »Zur Frau Major von

Müller.«

Peter war verblüfft; er gestand sich ungern, daß er nicht wußte, was er

denken sollte von seinem Rittmeister. So stieß er denn einen Seufzer aus

und sprach: »Die Frau Major von Müller, ja. Belieben jetzt in Klausenburg

zu sein, die Frau Major.«

»Sie war dort, ist jetzt in Wien.«

»Da muß sie g'rad hergereist sein, Herr Rittmeister, stotterte Peter, und

ein Licht ging ihm auf, sonnenhell, sonnengroß, und er platzte

aufleuchtenden Blickes heraus: »Die Frau Major sind jetzt auch eine

Witib.«

»Was -- auch? Wer -- auch?« Ein solcher Esel! setzte er im Stillen hinzu,

ob man mit einem solchen Esel ein Wort reden darf, das nicht absolut zum

Dienst gehört.

Die kleine Verstimmung Brands verflog im Augenblick, in dem er aus dem

Hause trat. So schlecht das Wetter gestern gewesen, so wunderschön war es

heute. In strahlender Herrlichkeit stand die Sonne am lichtblauen Himmel;

ein verklärender, wie von Millionen winziger Fünkchen durchschimmerter

Dunst lag über den Prachtbauten der Ringstraße und über den fernen Bergen.

Das alte, ewig junge Wien prangte im Frühlingsschmuck seiner Alleen,

Rasenplätze und Gärten: aber noch lag ein winterlicher Hauch in der Luft

und gab ihr etwas Kerniges, Stärkendes. Jeder Blick trank Schönheit, jeder

Athemzug Kraft, und mit jedem Schritte, den Brand vorwärts machte,

steigerte sich sein Glücksgefühl, und sein Unternehmungsgeist wirbelte,

wirbelte empor, bis er ins Übermüthige umschlug.

Dietrich trat in einen äußerst eleganten Spielereiladen und kaufte dort den

gediegensten Malkasten, der sich auf Lager fand, und die größte Pariser

Puppe: ein Wickelkind, von einem lebendigen nur dadurch zu unterscheiden,

daß es im zartesten Alter schon beim leisesten Drucke »Papa« und »Mama«

quietschte.

Da Brand durchaus nicht wünschte, beladen wie er war, einem Bekannten zu

begegnen, nahm er einen Wagen und fuhr bis an die Ecke der Berggasse.

Indessen fühlte er sich auch hier nicht ganz behaglich: die Puppe war

schlecht verpackt, aus einem Spalt des Papiers kam eine ihrer blonden

Locken zum Vorschein, und aus einem anderen ihre rosenfarbige Hand, und mit

der schlug sie einem seiner Grundsätze ins Gesicht. Wie oft hatte er Mütter

und Gouvernanten gewarnt: »Von dem Tragen großer Puppen werden die Kinder

schief.« Und was wird Frau von Müller sagen, wird sie es nicht taktlos

finden, daß er gleich beim ersten Besuche mit Geschenken angerückt kommt?

Er verwünschte den Ankauf, zu dem ihn der berauschende Einfluß der

Frühlingsluft verleitet hatte und würde seine Übereilung gar zu gern

ungeschehen gemacht haben. Die Gasse war ziemlich öde, die wenigen

Menschen, die er traf, schenkten ihm keine Aufmerksamkeit; er glaubte etwas

wagen zu dürfen, er unternahm den Versuch, sein Paket hinter ein Hausthor

zu legen. Aber das unselige Puppenzeug quietschte, und ein angetrunkener

Maurer, der plötzlich, wie aus einer Versenkung, auftauchte (es dürfte die

Kellerstiege gewesen sein, erklärte Brand sich später), schrie ihn an, das

Haus sei kein Findelhaus, er möge sein Kind wo anders weglegen.

In der Entrüstung über diese stupide Verdächtigung fand Dietrich seine

Seelenstärke wieder. Mit dem Bewußtsein, daß er Frau von Müller gegenüber

nur eine Ungeschicklichkeit, nicht aber ein Unrecht begehe, verfolgte er

seinen Weg, erreichte sein Ziel und stieg die schmale Wendeltreppe des

alten Hauses mit ihren gefährlich ausgetretenen Stufen empor. Auf dem Gange

wendete er sich nach rechts. Dicht neben der Thür 6½ befand sich ein

Fenster, das ein weißer Vorhang von innen verhüllte. Brand zog an dem

Glockenstrang, und dabei durchzuckte es ihn vom Wirbel bis zur Sohle wie

ein elektrischer Schlag.

Alter Mann! alter Mann, was sind das für Gefühle? So war Dir ja zu Muthe,

als Du, ein zwanzigjähriger Lieutenant, der unvergeßlich schönen Frau

Bürgermeisterin von Wilna zum Geburtstag gratuliren gingst, mit einem

Rosenbouquet.

Die Glocke tönte, wie sie zu tönen pflegt in den Wohnungen der Armen:

»Bring was, bring was!« sagt sie. Ein Zipfel des Vorhangs wurde in die Höhe

gehoben und hinter der sehr sauber geputzten Fensterscheibe erschien ein

ältliches, gutmüthiges Frauengesicht. Brand wurde mit prüfendem Blick

gemustert und schien einen Vertrauen einflößenden Eindruck zu machen; der

Vorhang sank wieder, die Thür öffnete sich.

Auf die Frage, was er wünsche, gab er zur Antwort:

»Ich heiße Brand, ich möchte Frau Major von Müller sprechen, wollen Sie

mich gefälligst bei der gnädigen Frau melden.«

Die Küche, in der er eingeladen worden war, bildete den Zugang zum

Wohnzimmer. Von dorther ließ eine fröhliche Kinderstimme sich vernehmen,

kleine Schritte trippelten, kleine Hände zerrten ungeduldig und ungeschickt

an der Klinke der Thür. Sie ging auf. Aus einem Fenster ihr gegenüber

strömte eine breite Lichtwelle herein, es sah ins Freie, und von

leuchtendem Grunde hoben sich die Gestalten Sophiens und Annerls, die auf

der Schwelle erschienen.

Brand grüßte mit einem tiefen Neigen des Hauptes: »Frau Major, gnädige

Frau! entschuldigen, verzeihen Sie, daß ich es wage ...«

»Verzeihen?« wiederholte Sophie -- »ich habe Sie erwartet, Herr

Rittmeister.«

Erwartet? ja dann! ... dann waren alle seine Skrupel todt, dann war er von

allem Bangen erlöst: »Brand, kurzweg, gnädige Frau, ich habe meinen

Militär-Charakter« ... Er hielt inne. Was Teufel kümmerte sie sein

Militär-Charakter und in diesem Augenblick ihn selbst? Sie stand vor ihm,

ihre Augen sahen ihn freundlich, gütig an, sie hatte ihn erwartet ...

»Gnädige Frau,« begann er von Neuem und -- hörte auch damit auf. Wer zu

viel zu sagen hätte, zu viel des Innigen, Warmen, Liebevollen, sagt lieber

nichts.

Annerl zupfte die Mutter am Kleide: »Du Mama, das ist der Herr, der mir so

gern etwas schenken möcht'.«

Sophie runzelte ein wenig die Stirn, und Brand wurde sich erst jetzt wieder

bewußt, daß er seine Darbringungen noch immer unter dem Arme hielt:

»Können Sie mir verzeihen, gnädige Frau, daß ich mir den indiskreten Wunsch

erfüllen wollte, daß ich, einer übermüthigen Regung nachgebend ... ich bin

beschämt, wirklich ... besann mich zu spät, hätte unterwegs gern Alles

weggeworfen, wenn ich nur gewußt hätte, wohin?«

Seine Verlegenheit entwaffnete sie, und sie lächelte sogar, als er die

Puppe aus ihrer Umhüllung befreite, in beide Hände nahm und der Kleinen

entgegen hielt.

Annerl war wie geblendet, sie betrachtete das kostbare Spielzeug mit

scheuer Ehrfurcht, legte die Ärmchen auf den Rücken und wich Schritt für

Schritt langsam zurück. Brand machte sich so klein er konnte und nahm die

feinste Stimme an und den bittendsten Ton und zirpte:

»Nimm mich! ich bin eine gute Puppe, ich bin eine arme Puppe, ich habe

keine Mama.«

Bewunderung und Zärtlichkeit drückten sich in den schönen Augen Annerls

aus, aber sie setzte ihren Rückzug ununterbrochen fort. Brand folgte und

hinter ihm ging Sophie, und hinter Sophie die Dienerin, die den Malkasten

trug.

So gelangte die Gesellschaft in das Wohnzimmer. Es war niedrig, ärmlich und

reinlich, hatte zwei Fenster und zwei Thüren und die Aussicht in einen

ziemlich großen und gut gehaltenen Garten. Ein Arbeitstisch, über dem eine

Petroleumlampe an der Decke hing, ein paar Schränke, vier Strohsessel

bildeten die Einrichtung des grau getünchten Gelasses.

Georg, der, eifrig mit Zeichnen beschäftigt, am Tische gesessen hatte, war

beim Einzug der kleinen Karavane aufgestanden, rückte einen Stuhl für Brand

herbei und ersuchte ihn, Platz zu nehmen, mit einer hausväterlichen Art,

die komisch gewesen wäre bei jedem anderen Kinde, bei diesem frühreifen,

mit den Sorgen des Lebens schon vertrauten Knäblein jedoch wehmüthig

berührte.

Sophie nahm Brand die Puppe ab und stellte ihm ihren Jungen vor: »Er hat

mir gebeichtet, daß er unartig gegen Sie gewesen ist, er meinte -- er

fürchtete ... Verzeihen Sie ihm. So einem kleinen Waarenausträger muß man

leider Mißtrauen ins Herz pflanzen, und er ist dumm und unerfahren und

wendet es am unrechten Orte an.«

Brand erwiderte, daran läge nichts, aber Georg soll jetzt beweisen, daß er

sein Mißtrauen gegen ihn aufgegeben hat, indem er diesen Malkasten von ihm

annimmt; »Willst Du, mein lieber Junge?«

Ob er wollte! Lautere Seligkeit strahlte aus seinem armen Gesichtchen, und

er machte sich sogleich daran, die Geheimnisse des Wunderschranks zu

erforschen: »Nein, aber -- aber!« murmelte er, bei jeder neuen Entdeckung

von Neuem entzückt, vor sich hin, und Brand staunte über die

Geschicklichkeit, mit der das Kind die kleinen Werkzeuge in die Hand nahm,

prüfte, und zu benützen begann.

»Sie hätten ihn nicht glücklicher machen können,« sagte Sophie; »und sehen

Sie einmal die Kleine an.«

Annerl hatte sich endlich an das schöne Wickelkind, das auf dem Schoß der

Mutter lag, heran gewagt, ihren Kopf an den seinen gelegt und streichelte

ihm voll wonniger Zärtlichkeit die blonden Locken.

Sophie nickte ihr, dann aber auch Brand freundlich zu: »Die ist im Himmel.

Und der Kunstjünger dort ... Machen Sie sich gefaßt, jetzt bekommen wir ein

wohlgetroffenes Bild von Ihnen,« sie deutete mit einem Augenwink nach

Georg, der mit unendlichem Ernst daran gegangen war, Brand zu porträtiren.

Alles, was nicht zu seiner Beschäftigung gehörte, schien für den Kleinen

versunken; der Eifer röthete seine Wangen, furchte seine kluge, überkluge

Stirn. Er schob die Unterlippe ein wenig vor, hob die Augen zu Dietrich

hinauf und senkte sie dann auf die Arbeit, nach einem so merkwürdig

forschenden, in die Tiefe dringenden Blick, daß Brand sich auf dem

lächerlichen Verdacht ertappte, daß diesem Kind mehr darum zu thun sei,

ihm auf den Grund der Seele zu schauen, als sein Gesicht abzukonterfeien.

»Die Mutter hat heute viel zu thun,« sagte Georg plötzlich ganz laut, aber

in sein Buch hinein.

Dietrich blickte Sophie fragend an. Ja wohl, es waren noch einige

Nachbestellungen gekommen, die morgen abgeliefert werden mußten.

»Da kostet Sie die Zeit, die ich hier zubringe, etwas von Ihrem Schlafe?«

»Und was weiter?«

»Was weiter!« rief er bekümmert aus. Er war aufgesprungen: »Gnädige Frau,

entschuldigen Sie, und nicht wahr? dieser Besuch gilt nicht; haben Sie die

Großmuth, ihn zu vergessen.«

Rittmeister Brand; Bertram Vogelweid Zwei Erzählungen · 第 20 / 68 题