Das war ein Schmuckkästchen. Die Wände mit hellblauem Seidenstoff
verkleidet, die Möbel mit demselben Stoffe überzogen, Tische, Tischchen,
Etagèren von den verschiedensten Formen, mit theils sehr kostbaren
Nippesgegenständen besetzt, ein großer Ankleidespiegel mit vergoldetem
Gestell, und mitten in all' der Pracht die berühmte, geniale, viel
umworbene Madame Amélie. Sie war schön und geschmackvoll angethan in einem
spitzenbesetzten Schlafrock aus Atlas, der wie die Abendröthe schimmerte
und eine zwei Meter lange Schleppe hatte. Der Anzug war ein Kunstwerk und
machte so schlank als möglich; aber auch den höchsten Toilettenkünsten sind
die Wege gewiesen; Anmuth konnten sie der vierschrötigen Gestalt nicht
verleihen, die sich beim Eintreten Brands von dem Ruhebette erhob. Der Kopf
Madame Amélies saß auf kräftigem Nacken und trug eine Fülle stark
angegrauter Haare. Die gewellte, gelockte Frisur erinnerte in ihrem
künstlichen, architektonischen Aufbau an die der römischen Kaiserinnen. Das
Gesicht hatte einen ausgesprochenen Neger-Typus, aber die Augen waren schön
und intelligent. Leider befanden sie und auch die Nase sich eben in einem
Zustande, der nicht gleich errathen ließ, ob die Dame geweint hatte oder an
Schnupfen litt.
Als Dietrich eintrat, rieb sie sich eben die Schläfen mit weißer
Matteischer Elektrizität. Auf einem Tischchen neben ihr befanden sich
allerlei Riechmittel; in einer mit heißem Wasser gefüllten Achatschale
verdampften einige Tropfen Fichtennadelextrakt.
Brand dankte in seiner ritterlichen Weise für die Gunst, die Madame Vernon
ihm erwies, ihn trotz ihres Unwohlseins zu empfangen. Er wollte ihre Güte
nicht mißbrauchen, sie nicht lang in Anspruch nehmen; er kam nur, um sich
von ihr Auskunft zu erbitten über die beiden Kinder, die eben bei ihr
gewesen waren. Nicht Neugier leite ihn, sondern ein ernstes Interesse,
dessen Grund er ihr, wenn sie es gestatte, ein nächstes Mal darlegen
werde.
Madame Amélie versicherte ihn, daß sie bei einem Manne »#de sa trempe#« nur
die edelsten Absichten voraussetze, zögerte aber doch mit der Antwort, als
er nach dem Familiennamen der Kleinen fragte.
»Fürchten Sie nicht, ein Geheimniß zu verrathen,« sagte er und faßte sie
scharf ins Auge. »Es sind die Kinder des Majors von Müller.«
Sie widersprach nicht.
»Eines meiner besten Freunde und einstigen Kameraden,« fuhr er fort, »der
vor drei Jahren in seiner Vaterstadt Klausenburg gestorben ist. Ein nur zu
edler und großmüthiger Mensch.«
»#Certainement#,« fiel die Französin ein, »so großmüthig für Andere, daß
die Seinen in der #gêne# zurückblieben.«
»#Gêne#?« wiederholte Brand mit qualvoll gepreßter Stimme. »Was ich eben
gesehen habe, ist schlimmer als #gêne#. Diese Kinder sind schlecht genährt,
schlecht gekleidet, sie darben.«
»Nun, jetzt eigentlich nicht mehr,« meinte Madame Vernon und widerstand
nicht länger der Versuchung, »Monsieur Brand,« der ein so »#noble
coeur#« war und so tiefe Theilnahme für die Hinterbliebenen seines
Freundes hatte, die ganze Wahrheit zu sagen, und bei dieser Gelegenheit
sich selbst in schönem Lichte zu zeigen.
Dietrich erfuhr nun Alles.
In der langen Krankheit des Majors waren die Reste des Vermögens
aufgebraucht und leider sogar einige Schulden gemacht worden. Sophie mußte
ihre Pension für Jahre hinaus verpfänden, um die dringendsten Gläubiger zu
befriedigen. Sie wäre dem Elend preisgegeben gewesen, ohne ihr
außergewöhnliches, dem der großen Wiener Modistin congeniales Talent. Mit
ihren »#doigts de fée#« gewann sie den Lebensunterhalt für sich und ihre
Kinder. Kärglich, wie sich von selbst versteht, »#mon Dieu, en province!#«
bis eine Verwandte Madame Amélie's und Gattin eines österreichischen
Oberstlieutenants nach Klausenburg kam, dort erst die Werke Frau von
Müllers, dann sie selbst kennen lernte und eine begeisterte Freundschaft
und Bewunderung für sie faßte.
»Unglück und Talent, #quels titres# auf unsere Theilnahme, Monsieur,«
sprach die Modistin mit einer pathetischen Gebärde.
Die Frau Oberstlieutenant brauchte nur einige Proben der Kunstfertigkeit
Sophie Müllers an Madame Vernon zu schicken, um ihr Mitgefühl für die arme
Wittwe zu erwecken. Amélie hatte ihr sogleich geschrieben und sie
eingeladen, nach Wien zu kommen. Seit einem halben Jahre war sie da,
stellte ihre Begabung und ihren Fleiß ausschließlich in den Dienst des
Hauses Vernon und dürfte keinen Grund haben, es zu bereuen. Sie wurde
besoldet wie keine zweite. Ihre Verhältnisse müssen sich jetzt schon
gebessert haben.
»Müssen sich? Sie wissen nichts Genaues darüber?« fragte Brand.
»Das nicht. Frau von Müller spricht nie von sich. Sie ist sehr stolz, sehr
zurückhaltend.« »Jawohl, sehr stolz.« Er beugte sich vor auf dem niederen
Fauteuil, den Madame Amélie ihm angewiesen hatte, und wieder mußte sie den
forschenden Blick seiner ernsten, grundehrlichen Augen eine ganze Weile
hindurch aushalten und that es mit der Unbefangenheit eines vortrefflichen
Gewissens. Plötzlich gab sie ihrem Kopfe einen kleinen Ruck, ein
muthwilliges Lächeln glitt verschönernd über ihr derbes Gesicht, und sie
sprach:
»Ja, ja, Monsieur, ich bin eine gute und brave #personne#, man kann auf
mich zählen.«
Brand verneigte sich: »Gut und brav, ich bin überzeugt. Aber außerdem auch
Gedankenleserin. Ich bewundere. Eine echte Künstlerin freilich hat immer
etwas Divinatorisches.«
»O Monsieur!« Ihre Augen glänzten vor Freude über diese Schmeichelei:
»#Vous êtes aussi aimable que célèbre.#«