Er hatte die kleinen Gestalten bald entdeckt, und bald auch hatte er sie
eingeholt. Was war es doch, was ihn unwiderstehlich zu ihnen hinzog? Nicht
Theilnahme, nicht sein immer reger Helfedrang allein. Es war mehr; ein
tieferes, ein ganz eigenes Interesse, das besonders der Anblick des Knaben
in ihm erweckt hatte. Er fragte sich, an wen er ihn mahne, mit seinen
aschblonden Haaren, seiner durchsichtigen Haut, seiner Sprechweise, seiner
Haltung, in der zwei Gegensätze sich so anmuthig vereinten: Stolz und
Schüchternheit.
Die Kinder gingen über die beiden Burgplätze und verschwanden auf dem
Kohlmarkt im Thorweg eines alten, stattlichen Hauses, einst das Eigenthum
eines großen Herrn, jetzt das eines Pferdehändlers, und vermiethet an
allerlei Parteien. Ein Schild mit der Aufschrift: »Madame Amélie« war unter
dem Mittelfenster des ersten Stockes angebracht, und hinter den großen,
blanken Spiegelscheiben blühte ein Garten von Hüten und Hauben, quollen aus
halb geöffneten Kartons Bäche von Spitzen, Ströme von Gaze und
Seidenstoffen hervor.
So wenig Dietrich Brand sich auch um die Berühmtheiten der Damenmodenwelt
kümmerte, der Name Amélie Vernon war bis zu ihm gedrungen. Seine Cousinen
sagten in einem Tone: »O Madame Vernon! Ja, Madame Vernon!« der so viel
hieß wie: Erhaben über alle Kritik.
Eine solche Großmacht schickt ihre Waaren gewiß nicht durch Kinder aus. Was
hatten die armen Beiden hier zu holen oder hierher zu bringen?
Er wollte es wissen und entschloß sich, auf ihre Rückkehr zu warten. Nach
einer Viertelstunde erschien klein Annerl wieder und trug ein Weißbrot in
der einen und einen Apfel in der anderen Hand. Blaß und müde kam ihr Bruder
nach. Brand hielt ihn an und fragte auf gut Glück und in geschäftsmäßigem
Tone, ob Madame Vernon zu Hause sei? Ja wohl, die Kinder kamen von ihr,
hatten sie eben gesprochen.
»Und das hat sie mir geschenkt,« sagte Annerl, und hob ihr Weißbrot und
ihren Apfel triumphirend in die Höhe.
»Und das darfst Du auch annehmen, die Mutter erlaubt es Dir, Annerl?«
»Ja, das erlaubt die Mutter, und auch Georg erlaubt's.«
»Georg,« wiederholte Brand. »Dein Bruder, nicht wahr?« Er legte die Hand
auf den kleinen, blauen Capuchon und sagte ziemlich unüberlegt: »Ich wäre
froh, wenn ich Dir auch etwas schenken dürfte, Annerl.«
»Nein, nein, dank', wir danken,« stieß Georg rasch hervor. Er war bei den
Worten Dietrichs roth geworden über das ganze Gesicht bis unter die Haare,
und seine Augen leuchteten plötzlich auf.
Jetzt wußte Brand, an wen ihn das Kind vom ersten Moment an erinnert hatte.
Vergessene Unvergessene -- arme Sophie! Dieses Erröthen, dieses Aufleuchten
im Blicke hatten oft sein stilles Entzücken ausgemacht. Die ganze Reinheit,
aller Stolz des Mädchens, das er liebte, sprachen aus ihnen. Was ihr das
Blut in die Wangen und die Stirne trieb, war nicht Verwirrung, nicht
Beschämung, es war ein schmerzliches Staunen, eine leidvolle Entrüstung:
»Ich erröthe, ja, aber für Euch!« -- Brand sah sie vor sich, wie damals in
der peinlichen Stunde, in der der Riß zwischen ihnen entstanden war...
»Du heißest Georg Müller, mein lieber Junge,« sagte er zu dem Knaben.
Der erschrak und sah ihn voll Mißtrauen an. Wie kam der fremde Mann dazu,
nach seinem Namen zu fragen? Er suchte seine Angst hinter einer trotzig
abwehrenden Miene zu verbergen, ergriff die Hand seiner Schwester und
hastete mit ihr davon.
Brand blickte ihnen nach: Ihre Kinder! ja gewiß -- auch das Mädchen hatte
Ähnlichkeit mit ihr in den Bewegungen, dem Gang, in der Art und Weise, den
Kopf zu tragen. Im Forteilen noch wendete Annerl sich mehrmals um und
lächelte den ernsten, alten Herrn an, vor dem davon zu laufen ihr Bruder
sie zwang, und der ihr gar keine Furcht einflößte, o nein, nicht die
mindeste!
Ihre Kinder -- das waren sie, so hatte er sie gefunden. Die Wirklichkeit
übertraf seine traurigsten Befürchtungen. Das scheue Wesen des Knaben,
seine Beschäftigung, die Kleidung, das Aussehen der Kleinen. Alles, Alles
an ihnen erzählte von Dürftigkeit, von Entbehrung, von einem harten Kampfe
um das tägliche Brot.
Dietrich blieb noch eine Weile unter dem Thore stehen. Mit mächtiger
Selbstüberwindung rang er die tiefe Gemütsbewegung nieder, die ihn
ergriffen hatte: kein äußeres Zeichen durfte verrathen, was in ihm vorging.
Als ein sehr gelassener, fast übertrieben höflicher Mann betrat er den
Modesalon und wurde von Fräulein Julie, einer gut erhaltenen Schönheit,
»#comme il faut#« bis an die Spitzen ihrer langen, lanzenförmig
zugeschnittenen Nägel, würdevoll empfangen. Sie schien befremdet, als er
sie bat, fragen zu wollen, ob er die Ehre haben könne, mit Madame Vernon
selbst und zwar privatim zu sprechen. Das Fräulein übernahm seine Karte,
warf einen Blick darauf -- und war elektrisirt.
»Dietrich Brand! Herr Rittmeister Brand ...«
»Nein, mein Fräulein, Brand kurzweg; ich habe meinen Militär-Charakter
abgelegt.«
Aber das wußte Fräulein Julie besser. Ablegen, einen solchen Charakter? Als
ob man das könnte! Nie! O, sie hatte die Gnade, den Herrn Rittmeister zu
kennen, hatte so viel von ihm gehört. O, und wer nicht? Und einige ihrer
Verwandten hatten die Gnade gehabt, unter ihm zu dienen. Und nun wollte
_sie_ die Gnade haben, ihn der gnädigen Frau zu melden. Einen solchen
Besuch werde sie sicherlich empfangen, wenn auch sonst keinen andern, denn
die gnädige Frau sei heute nervos.
Sie enteilte, und Brand ließ ein mißbilligendes: »Hm, hm, nervos«
vernehmen, worauf ihn einige der Magazins-Damen verstohlen anguckten.
Andere kicherten vor sich hin, und ein lustiges Ding von einer Modistin,
das eben einer ältlichen Kundin einen sehr jugendlichen Hut anprobirte,
rang mit einem Lachkrampfe.
Nach kurzer Zeit war Fräulein Julie wieder da und ersuchte den Herrn
Rittmeister, die Gnade zu haben, ihr zu Madame Vernon zu folgen. Sie
geleitete ihn durch eine Reihe von Ateliers und Salons und verabschiedete
sich mit einem wundervollen Knix, in den sie ihre ganze Seele legte, an
der Thür des Boudoirs der Gebieterin.