DER NEUNUNDDREISSIGSTE PSALM

Ich überwache meine Stimmen

daß ich nicht Sünde begehe

mit der Zunge, Herr.

Ein Zaun bindet

den Mund mir, solang der Böse

vor mir schwebt

und zu verführen versucht.

Ich stumme in der Stille ein,

Enthaltung des Wortes

übe ich bis zum Verschweigen des Guten --

doch mein Schmerz schwillt

immer lauter an

hitzt mein Herz in mir,

und das Klagelied

umschlingt mich leidenschaftlich:

Herr, zeige mir mein Ende

und das Ausmaß meiner Tage.

Du schufst meine Dauer

vier Finger breit -- und ich

bin nichts vor Dir -- ach jeder Mensch,

aufrecht und stehend

ist nichts als Vergeblichkeit

alles ist Eitelkeit.

Ach der Mensch lustwandelt

sicher doch ein farbloser Schatten

ach und vergeblich und eitel

jede Bewegung und Sammeln von Gütern

-- doch wer wird sie besitzen?

Befreie mich, Herr, ich schweige, laut

geschlossen bleibt der Mund,

weil Du ihn mir schlossest,

doch wende ab die Züchtigung,

ich vergehe vor dem Schlag Deiner Hand.

Fassest Du den Menschen an den Sünden

zerfällt wie von Motten zerfressen

selbst Schönheit an ihm --

alles ist Eitelkeit und vergeblich.

Höre mich, Herr, sei

vor meinen Tränen nicht taub,

ich bin nur ein Fremder vor Dir

ein Vorübergeher wie meine Väter

o lasse mich los,

daß ich

meine Kräfte versammele

bevor ich gehe und nicht mehr bin.

Der zerstörte Tasso: Ausgewählte Gedichte · 第 65 / 70 题