Kapitel 11

Der Trupp, den Gefangenen in der Mitte, bewegte sich schweigend dem

Rathaus zu. Nur eine einzige Fackel leuchtete ihnen voran, und Georg

dankte dem Himmel, daß sie nur sparsame Helle verbreitete; denn er

glaubte, alle Menschen, die ihm begegneten, müßten es ihm ansehen,

daß er ins Gefängnis geführt werde. Nächst diesem beschäftigte ihn

unterwegs vorzüglich ein Gedanke: Es war das erste Mal in seinem

Leben, daß er in ein Gefängnis geführt wurde, er dachte daher nicht

ohne Grauen an einen feuchten, unreinlichen Kerker. Das Burgverlies

in seinem alten Schloß, das er als Knabe einmal besucht hatte, kam

ihm immer vor das Auge. Er war einige Male im Begriff, seinen Führer

darüber zu befragen, doch drängte der Gedanke, man möchte es für

kindische Furcht ansehen, seine Frage immer wieder zurück.

Nicht wenig war er daher überrascht, als man ihn in ein geräumiges,

schönes Zimmer führte, das zwar nicht sehr wohnlich aussah, denn es

enthielt nur eine leere Bettstelle und einen ungeheuren Kamin, aber

im Vergleich mit den Bildern seiner Phantasie eher einem Prunkgemach

als einem Gefängnis glich. Der alte Kriegsmann wünschte dem

Gefangenen gute Nacht und zog sich mit seinen Knechten zurück. Ein

kleiner hagerer, ältlicher Mann trat ein: Der große Schlüsselbund,

welcher an seiner Seite hing und jeden seiner Schritte wie mit

Kettengerassel bezeichnete, gab ihn als den Ratsdiener oder Schließer

kund. Er legte schweigend einige große Scheiter Holz ins Kamin, und

bald loderte ein behagliches Feuer auf, das dem jungen Mann in der

kalten Märznacht sehr zustatten kam. Auf die Bretter der breiten

leeren Bettstelle breitete der Schließer eine große, wollene Decke,

und das erste Wort, das Georg aus seinem Mund hörte, war die

freundliche Einladung an den Gefangenen sich's bequem zu machen. Die

harten Brettchen, nur mit einer dünnen Decke überlegt, mochten nun

freilich nicht sehr einladend aussehen, doch lobte Georg die

Bemühungen des Alten und sein Gefängnis.

"Das ist halt die Ritterhaft", belehrte ihn der Schließer. "Die für

den gemeinen Mann ist unter der Erde und nicht so schön, doch ist sie

dafür desto besuchter."

"Hier war wohl seit langer Zeit niemand?" fragte Georg, indem er das

öde Gemach musterte.

"Der letzte war vor sieben Jahren ein Herr von Berger, er ist in

jenem Bett verschieden. Gott sei seiner armen Seele gnädig! Es

schien ihm aber hier zu gefallen, denn er ist schon in mancher

Mitternacht aus seiner Bahre heraufgestiegen, um sein altes Zimmer zu

besuchen."

"Wie?" sagte Georg lächelnd. "Hierher soll er sich nach seinem Tod

noch bemüht haben?"

Der Schließer warf einen scheuen Blick in die Ecken des Zimmers, die

von dem unruhigen Flackern des Kaminfeuers kaum erhellt, sich bald

vor-, bald zurückzudrängen schienen. Er legte das Holz zurecht und

brummte: "Man spricht so mancherlei."

"Und auf jener Decke ist er verschieden?" rief Georg, den bei allem

jugendlichen Mut doch ein unwillkürlicher Schauder überlief.

"Ja, Herr!" flüsterte der Schließer leise, "dort auf jener Decke ist

er abgefahren. Gott gebe, daß es nicht tiefer als ins Fegefeuer ging.

Wir nennen deswegen die Decke nur das Leichentuch, das Zimmer aber

heißt des Ritters Totenkammer!" Mit leisen Schritten, als fürchte er,

durch jeden Laut den Toten zu erwecken, schlich er aus dem Gemach,

desto vernehmlicher rauschten außen seine Schlüssel im Türschloß, als

feierten sie seinen Triumph, einem greulichen Spuk entflohen zu sein.

"Also auf dem Leichentuch in des Ritters Totenkammer?" dachte Georg,

und fühlte, wie sein Herz lauter pochte.

Er war daher unschlüssig, ob er sich auf das Leichentuch legen sollte

oder nicht. Aber er sah keinen Stuhl, keine Bank in der ganzen

Totenkammer; der Boden, mit Backsteinen zierlich ausgelegt, war noch

kälter als das kalte feuchte Leichentuch. Er begann sich dieser

Untersuchungen, dieses Zögerns zu schämen, und bald nahm ihn das

gastliche Lager des Verstorbenen auf.

Auch das härteste Lager ist weich für den, der mit gutem Gewissen zur

Ruhe geht. Georg hatte sein Nachtgebet gesprochen und war bald

entschlummert. Aber aus dem Leichentuch stiegen wunderliche Träume

auf und lagerten sich bange über den jungen Mann. Er sah deutlich

wie der alte Schließer zu dem großen Schlüsselloch hereinguckte und

sich segnete, daß er auf der anderen Seite der Tür stehe, denn in der

Totenkammer begann es, recht unheimlich zu werden. Es fing an,

wunderlich umherzurauschen, auf den Backsteinen schlurften alte

Sohlen in häßlichen Tönen. Georg glaubte zu träumen; er ermannte

sich, er horchte, er horchte wieder, aber es war keine Täuschung.

Schwere Tritte tönten im Gemach. Jetzt wurde das Feuer heller

angeschürt. Der ungewisse Schein der Flamme spielte um eine große,

dunkle Gestalt. Sie bewegte sich, der Weg vom Kamin zum Bett war gar

nicht weit. Die Schritte kommen näher, das Leichentuch wird angefaßt

und geschüttelt. Georg, von unabwendbarer Furcht befallen, drückt

die Augen zu, aber als die Decke gerade neben seinem Haupt gefaßt

wurde, als eine kalte, schwere Hand sich auf seine Stirn legte, da

riß er sich los aus seiner Angst, er sprang auf und maß mit

ungewissen Blicken jene dunkle Gestalt, die jetzt dicht vor ihm stand.

Hell flackerten die Flammen im Kamin, sie beleuchteten die

wohlbekannten Züge von Frondsberg.

"Ihr seid es, Herr Feldhauptmann?" rief Georg, indem er freier atmete

und seinen Mantel zurechtlegte, um den Ritter nach Würde zu empfangen.

"Bleibt, bleibt", sagte jener und drückte ihn sanft auf sein Lager

nieder. "Ich setze mich zu Euch auf das Bett, und wir plaudern noch

ein halbes Stündchen, denn es ist auf allen Glocken erst neun Uhr,

und in Ulm schläft noch niemand als dieser Sprudelkopf, den man zur

Abkühlung heute nacht recht hart gebettet hat." Er faßte Georgs Hand

und setzte sich zu seinen Füßen auf das Bett.

"Oh wie kann ich diese milde Nachsicht verdienen!" sprach Georg,

"Stehe ich nicht in Euren Augen als ein Undankbarer da, der Euer

Wohlwollen zurückstößt, und was Ihr gütig für ihn ausgesonnen mit

rauher Hand zerreißt?"

"Nein mein junger Freund!" antwortete der freundliche Mann. "Du

stehst vor meinen Augen als der echte Sohn Deines Vaters. Gerade so

schnell fertig mit Lob und Tadel, mit Entschluß und Rede war er. Daß

er ein Ehrenmann dabei war, weiß ich wohl, aber ich weiß auch, wie

unglücklich ihn sein schnelles Aufbrausen, sein Trotz, den er für

Festigkeit ausgab, machten."

"Aber sagt selbst, edler Herr!" entgegnete Georg. "Konnte ich heute

anders handeln? Hatte mich nicht der Truchseß aufs Äußerste

gebracht?"

"Du konntest anders handeln, wenn Du die Weise und Art dieses Mannes

beachtetest, welche sich Dir letzthin schon kundgab. Auch hättest Du

denken können, daß Leute genug da waren, die Dir kein Unrecht

geschehen ließen. Du aber schüttetest das Kind mit dem Bade aus und

liefst weg."

"Das Alter soll kälter machen", erwiderte der junge Mann, "aber in

der Jugend hat man heißes Blut. Ich kann alles ertragen, Härte und

Strenge, wenn sie gerecht sind und meine Ehre nicht kränken. Aber

kalter Spott, Hohn über das Unglück meines Hauses kann mich zum

wütenden Wolf machen. Wie kann ein so hoher Mann nur Freude daran

haben, einen so zu quälen?"

"Auf diese Art äußert sich immer sein Zorn", belehrte ihn Frondsberg.

"Je kälter und schärfer er aber von außen ist, desto heißer kocht in

ihm die Wut. Er war es, der auf den Gedanken kam, Dich nach Tübingen

zu senden, teils weil er sonst keinen wußte, teils auch, um das

Unrecht, das er Dir angetan, wiedergutzumachen. Denn in seinem Sinn

war diese Sendung höchst ehrenvoll. Du aber hast ihn durch Deine

Weigerung gekränkt und vor dem Kriegsrat beschämt."

"Wie?" rief Georg. "Der Truchseß hat mich vorgeschlagen? So kam

also jene Sendung nicht von Euch?"

"Nein", gab ihm der Feldhauptmann mit geheimnisvollem Lächeln zur

Antwort, "nein. Ich habe ihm sogar mit aller Mühe abgeraten, Dich zu

senden, aber es half nichts, denn die wahren Gründe konnte ich ihm

doch nicht sagen. Ich wußte, ehe Du eintratst, daß Du Dich weigern

würdest, dieses Amt anzunehmen.--Nun, reiße doch die Augen nicht so

auf, als wolltest Du mir durch das lederne Koller ins Herz

hineinschauen. Ich weiß allerlei Geschichten von meinem jungen

Trotzkopf da!"

Georg schlug verwirrt die Augen nieder. "So kamen Euch die Gründe

nicht genügend vor, die ich angab?" sagte er. "Was wollt Ihr denn so

Geheimnisvolles von mir wissen?"

"Geheimnisvoll? Nun, so gar geheimnisvoll ist es gerade nicht, denn

merke für die Zukunft: Wenn man nicht verraten sein will, so muß man

weder bei Abendtänzen sich gebärden wie einer, der vom St.-Veits-Tanz

befallen ist, noch nachmittags um drei Uhr zu schönen Mädchen gehen.

Ja, mein Sohn, ich weiß allerlei", setzte er hinzu, indem er lächelnd

mit dem Finger drohte, "ich weiß auch daß dieses ungestüme Herz gut

württembergisch ist."

Georg errötete und vermochte den lauernden Blick des Ritters nicht

auszuhalten. "Württembergisch?" entgegnete er, nachdem er sich mit

Mühe gefaßt hatte. "Da tut Ihr mir Unrecht; nicht mit Euch zu Feld

ziehen zu wollen, heißt noch nicht, sich an den Feind anzuschließen;

gewiß, ich schwöre Euch--"

"Schwöre nicht!" fiel ihm Frondsberg rasch ins Wort. "Ein Eid ist

ein leichtes Wort, aber es ist doch eine drückend schwere Kette, die

man bricht, oder von der man zerbrochen wird. Was Du tun wirst, das

wird so sein, daß es sich mit Deiner Ehre verträgt. Nur eines mußt

Du dem Bund an Eides Statt geloben, und dann erst wirst Du aus Deiner

Haft entlassen: In den nächsten vierzehn Tagen nicht gegen uns zu

kämpfen."

"So legt Ihr mir also dennoch falsche Gesinnungen unter?" sprach

Georg bewegt. "Das hätte ich nicht gedacht! Und wie unnötig ist

dieser Schwur! Für wen und mit wem sollte ich denn auf jener Seite

kämpfen? Die Schweizer sind abgezogen das Landvolk hat sich

zerstreut, die Ritterschaft liegt in den Festungen und wird sich

hüten, den nächsten Besten, der vom Bundesheer herüberläuft, in ihre

Mauern aufzunehmen, der Herzog selbst ist entflohen--"

"Entflohen?" rief Frondsberg aus. "Entflohen? Das weiß man noch

nicht so gewiß; warum hätte der Truchseß denn die Reiter

ausgeschickt?" setzte er hinzu. "Und überhaupt, wo hast Du diese

Nachrichten alle her? Hast Du den Kriegsrat belauscht? Oder sollte

es wahr sein, was einige behaupten wollen, daß Du verdächtige

Verbindungen mit Württemberg unterhältst?"

"Wer wagt dies zu behaupten?" rief Georg erblassend.

Frondsbergs durchdringende Augen ruhten prüfend auf den Zügen des

jungen Mannes. "Höre, Du bist mir zu jung und zu ehrlich zu einem

Bubenstück", sagte er, "und wenn Du etwas der Art im Schild führst,

hättest Du Dich wohl nicht vom Bund losgesagt, sondern auch ferner

Württembergs Spion gemacht."

"Wie? Spricht man so von mir?" unterbrach ihn Georg, "Wenn Ihr nur

ein Fünkchen Liebe zu mir habt, so nennt mir den schlechten Kerl, der

so von mir spricht!"

"Nur nicht gleich wieder so aufbrausend!" entgegnete Frondsberg und

drückte die Hand des jungen Mannes. "Du kannst denken, daß, wenn ein

solches Wort öffentlich gesprochen würde oder ich an diese

Einflüsterungen glaubte, Georg von Frondsberg nicht zu Dir käme.

Aber etwas muß denn doch an der Sache sein. Zu dem alten

Lichtenstein kam öfters ein schlichter Bauersmann in die Stadt; er

fiel nicht auf zu einer Zeit, wo so vielerlei Menschen hier sind.

Aber man gab uns geheime Winke, daß dieser Bauer ein verschlagener

Mann und ein geheimer Botschafter aus Württemberg sei. Der

Lichtensteiner zog ab, und der Bauer und sein geheimnisvolles Treiben

war vergessen. Diesen Morgen hat er sich wieder gezeigt. Er soll

vor der Stadt lange Zeit mit Dir gesprochen haben; auch wurde er in

Deinem Haus gesehen. Wie verhält sich nun diese Sache?"

Georg hatte ihm mit wachsendem Staunen zugehört. "So wahr ein Gott

über mir ist", sagte er, als Frondsberg geendet hatte, "ich bin

unschuldig. Heute früh kam ein Bauer zu mir und--"

"Nun warum verstummst Du auf einmal", fragte Frondsberg, "Du glühst

ja über und über, was ist es denn mit diesem Boten?"

"Ach! Ich schäme mich, es auszusprechen und dennoch habt Ihr ja

schon alles erraten; er brachte mir ein paar Worte von--meinem

Liebchen!" Der junge Mann öffnete bei diesen Worten sein Wams und zog

einen Streifen Pergament hervor, den er dort verborgen hatte. "Seht,

dies ist alles, was er brachte", sagte er, indem er es Frondsberg bot.

"Das ist also alles?" lachte dieser, nachdem er gelesen hatte.

"Armer Junge! Und Du kennst also diesen Mann nicht näher? Du weißt

nicht, wer er ist?"

"Nein er ist auch weiter nichts als unser Liebesbote, dafür wollte

ich stehen!"

"Ein schöner Liebesbote, der nebenher unsere Sachen auskundschaften

soll; weißt Du denn nicht, daß es der gefährlichste Mann ist, es ist

der Pfeifer von Hardt."

"Der Pfeifer von Hardt?" fragte Georg. "Zum ersten Mal höre ich

diesen Namen, und was ist, wenn er der Pfeifer von Hardt ist?"

"Das weiß niemand recht; er war beim Aufstand des armen Konrad einer

der schrecklichsten Aufrührer, nachher wurde er begnadigt; seit

dieser Zeit führt er ein unstetes Leben und ist jetzt ein

Kundschafter des Herzogs von Württemberg."

"Und hat man ihn aufgefangen?" forschte Georg weiter, denn

unwillkürlich nahm er wärmeren Anteil an seinem neuen Diener.

"Nein, das gerade ist das Unbegreifliche; man machte uns so still als

möglich die Anzeige, daß er sich wieder in Ulm sehen lasse; in Eurem

Stall soll er zuletzt gewesen sein, und als wir ihn ganz geheim

ausheben wollten, war er über alle Berge. Nun, ich glaube Deinem

Wort und Deinen ehrlichen Augen, daß er in keinen anderen

Angelegenheiten zu Dir kam--Du kannst Dich übrigens darauf verlassen,

daß er, wenn es derselbe ist, den ich meine, nicht allein

Deinetwegen sich nach Ulm wagte. Und solltest Du je wieder mit ihm

zusammentreffen, so nimm Dich in acht, solchem Gesindel ist nicht zu

trauen. Doch der Wächter ruft zehn Uhr. Lege Dich noch einmal aufs

Ohr und verträume Deine Gefangenschaft. Vorher aber gib mir Dein

Wort wegen der vierzehn Tage, und das sage ich Dir, wenn Du Ulm

verläßt, ohne dem alten Frondsberg Lebewohl zu sagen--."

"Ich komme, ich komme", rief Georg, gerührt von der Wehmut des

verehrten Mannes, die jener umsonst unter einer lächelnden Miene zu

verbergen suchte. Er gab ihm Handtreue, wie es der Kriegsrat

verlangte; der Ritter aber verließ mit langsamen Schritten die

Totenkammer.

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