Ulm glich in den nächsten Tagen einem großen Lager. Statt der
friedlichen Landleute, der geschäftigen Bürger, die sonst ehrbaren
und ruhigen Schrittes ihrem Gewerbe nach durch die Straßen gingen,
sah man überall nur wunderliche Gestalten mit Sturmhauben und
Eisenhüten, mit Lanzen, Armbrüsten und schweren Büchsen. Statt der
Ratsherren in ihrer einfachen schwarzen Tracht, zogen stolze Ritter
mit wehenden Helmbüschen, ganz mit Stahl bedeckt, begleitet von einer
großen Schar bewaffneter Dienstleute, über die Plätze und Märkte.
Noch lebhafter war dies kriegerische Bild vor den Toren der Stadt;
auf einem Anger an der Donau übte Sickingen seine Reiterei, auf einem
großen Blachfeld gegen Söslingen hin pflegte Frondsberg sein Fußvolk
zu tummeln.
An einem schönen Morgen, etwa drei bis vier Tage, nachdem Marie von
Lichtenstein mit ihrem Vater Ulm verlassen hatte, sah man eine
ungeheure Menge Menschen aus allen Ständen auf jener Wiese versammelt,
um diesen Übungen Frondsbergs zuzusehen. Sie betrachteten diesen
Mann, dem ein so großer Ruf vorangegangen war, vielleicht nicht mit
geringerem Interesse als wir, wenn wir die kaiserlichen oder
königlichen Söhne des Mars die Dienste eines Feldherrn verrichten
sahen. Knüpft sich doch ja gerade an die Person eines
ausgezeichneten Führers das Interesse, das dem ganzen Heer gilt, ja,
wir meinen oft, die Schlachten, von denen uns die Sage oder die
öffentlichen Blätter erzählen, um so deutlicher zu verstehen, wenn
wir uns die Gestalt des Heerführers vor das Auge zurückrufen können.
So mochte es wohl auch damals den Bewohnern von Ulm zumute sein, wenn
sie ihre engen Straßen verließen, um den Mann des Tages in seinem
Handwerk zu sehen. Die Geschicklichkeit, mit der er sein Fußvolk,
das sonst in zerstreuten Haufen gefochten hatte, zu geschlossenen
Massen vereinigte; die Schnelligkeit, womit sie sich nach seinem Wink
nach allen Seiten schwenkten oder in furchtbare, von Piken und
Donnerbüchsen starrende Kreise zusammenzogen; seine mächtige Stimme,
die selbst die Trommeln übertönte, seine erhabene, kriegerische
Gestalt, dies alles gewährte ein so neues, anziehendes Bild, daß auch
die bequemsten Bürger es nicht scheuten, einen langen Vormittag auf
dem Anger zu stehen und dieses Schauspiel zu genießen.
Der Feldhauptmann schien an diesem Morgen noch freundlicher und
fröhlicher zu sein als sonst. Mochte ihn der warme Anteil, den die
guten Ulmer an ihm nahmen und der auf allen Gesichtern geschrieben
stand, erfreuen; mochte ihm hier außen an dem schönen Morgen, unter
seinen Waffenübungen, wohler sein als in den engen kalten Straßen der
Stadt--er blickte so freundlich auf die Menge hin, daß jeder glaubte,
von ihm besonders beachtet und begrüßt zu werden, und der Ausruf:
"Ein wackerer Herr, ein braver Ritter!" jedem seiner Schritte folgte.
Besonders freundlich schien er immer an einer Stelle zu sein; wenn er
vorübersprengte, so durfte man gewiß sein, daß er dort mit dem
Schwert oder der Hand herübergrüßte und traulich nickte.
Die Hintersten stellten sich auf die Zehen, um den Gegenstand seiner
freundlichen Winke zu sehen; die Näherstehenden sahen sich fragend an
und verwunderten sich, denn keiner der versammelten Bürger schien
dieser Auszeichnung würdig. Als Frondsberg wieder vorübersprengte
und die Zeichen seiner Gnade wiederholte, gaben wohl hundert Augen
recht genau acht, und es fand sich, daß die Grüße einem großen,
schlanken, jungen Mann gelten mußten, der in der vordersten Reihe der
Zuschauer stand. Das Wams von seinem Tuch mit Seidenschlitzen, die
hohen Barettfedern, mit welchen der Morgenwind spielte, sein langes
Schwert und eine Feldbinde oder Schärpe zeichneten ihn auf den ersten
Blick vor seinen Nachbarn aus, die minder geschmückt als er, auch
durch untersetztere Figuren und breite Gesichter sich nicht zu ihrem
Vorteil von ihm unterschieden.
Der Jüngling schien aber zum Ärgernis der guten Spießbürger nicht
sehr erfreut über die hohe Gnade, die ihm vor ihren Augen zuteil
wurde. Schon seine Stellung, das Haupt gesenkt, die Arme über die
Brust gekreuzt, schien nicht anständig genug für einen feinen Junker,
wenn er von einem alten Kriegshelden gegrüßt wurde. Überdies
errötete er bei jedem Gruß des Feldhauptmanns, dankte nur durch ein
leichtes Neigen und sah ihm mit so düsteren Blicken nach, als gälte
es ein langes Scheiden, und dieser Gruß wäre der letzte eines lieben
Freundes gewesen.
Die Übungen des Fußvolkes waren zu Ende gegangen, das Volk verlief
sich, und auch den jungen Mann, der die unschuldige Ursache zu jenem
Streit gewesen war, sah man seine Schritte der Stadt zuwenden; sein
Gang war langsam und ungleich, sein Gesicht schien bleicher als sonst,
seine Blicke suchten noch immer den Boden oder schweiften mit dem
Ausdruck von Sehnsucht oder stillem Gram nach den fernen blauen
Bergen, den Grenzmauern von Württemberg.
Noch nie hatte sich Georg von Sturmfeder so unglücklich gefühlt wie
in diesen Stunden. Marie war mit ihrem Vater abgereist; sie hatte
ihn noch einmal beschwören lassen, seinem Versprechen treu zu sein,
und wie unglücklich machte ihn dieses Versprechen! Wohl hatte es ihn
damals nicht geringen Kampf gekostet, es zu geben; aber der
betäubende Schmerz des Abschiedes, der Gram des geliebten Mädchens
hatten ihn überwunden. Doch jetzt, wo er mit festerem Blick seinen
Umgebungen, seiner Zukunft ins Auge sah, wie traurig, wie schwierig
erschien ihm seine Lage! Nichts davon zu sagen, daß alle seine
goldenen Träume, alle jene kühnen Hoffnungen von Ruhm und Ehre mit
einem Mal verschwanden; nichts davon zu sagen, daß auch sein Ziel,
das so nahe lag, Marien durch Kriegsdienste zu verdienen, ungewiß in
die Weite hinausgerückt war--er sollte auf die Gefahr hin, von
Männern, deren Achtung ihm teuer war, verkannt zu werden, diese
Fahnen verlassen, gerade in einem Augenblick, wo man der Entscheidung
entgegenging, Von Tag zu Tag, so lange es ihm nur möglich war,
verschob er diese Erklärung, wo sollte er Gründe, wo Worte hernehmen,
vor dem alten, tapferen Degen Breitenstein, seinem väterlichen Freund,
seinen Abzug zu rechtfertigen? Mit welcher Stirn sollte er vor den
edlen Frondsberg treten? Ach, jene freundlichen Grüße, womit er den
Sohn seines tapferen Waffengenossen zu freudigem Kampf aufzumuntern
schien, hatten ihn mit tausend Qualen gefoltert. An seiner Seite war
sein Vater gefallen, er hatte gehört, wie der Sterbende den Ruhm
seines Namens und ein leuchtendes Beispiel als einziges Erbe dem
unmündigen Knaben zusandte; dieser Mann war es, der ihm jetzt so
liebevoll die Schranken öffnete, und auch ihm mußte er in so
zweideutigem Licht erscheinen.
Er hatte sich unter diesen trüben Gedanken langsam dem Tor der Stadt
genähert, als er sich plötzlich am Arm ergriffen fühlte; er sah sich
um, ein Mann, dem Anschein nach ein Bauer, stand vor ihm.
"Was willst Du?", fragte Georg etwas unwillig, in seinen Gedanken
unterbrochen zu werden.
"Es kommt darauf an, ob Ihr auch der Rechte seid", antwortete der
Mann "Sagt einmal, was gehört zu Licht und Sturm?"
Georg wunderte sich ob der sonderbaren Frage und betrachtete jenen
genauer. Er war nicht groß, aber kräftig; seine Brust war breit,
seine Gestalt gedrungen. Das Gesicht, von der Sonne braun gefärbt,
wäre flach und unbedeutend gewesen, wenn nicht ein eigener Zug von
List und Schlauheit um den Mund und aus den grauen Augen Mut und
Verwegenheit geleuchtet hätten. Sein Haar und Bart war dunkelgelb
und gerollt; er trug einen langen Dolch am ledernen Gurt, in der
einen Hand hielt er eine Axt, in der andern eine runde, niedere Mütze
aus Leder.
Während Georg diese flüchtigen Bemerkungen machte, wurden auch seine
Züge lauernd beobachtet.
"Ihr habt mich vielleicht nicht recht verstanden, Herr Ritter", fuhr
jener nach kurzem Stillschweigen fort, "was paßt zu Licht und Sturm,
daß es zwei gute Namen gibt?"
"Feder und Stein!" antwortete der junge Mann, dem es auf einmal klar
wurde, was unter jener Frage zu verstehen sei. "Was willst Du damit?"
"So seid Ihr Georg von Sturmfeder", sagte jener, "und ich komme von
Marien von--"
"Um Gottes willen, sei still, Freund, und nenne keinen Namen", fiel
Georg ein, "sage schnell, was Du mir bringst."
"Ein Brieflein, Junker!" sprach der Bauer, indem er die breiten,
schwarzen Kniegürtel, womit er seine ledernen Beinkleider umwunden
hatte, auflöste und einen Streifen Pergament hervorzog.
Mit hastiger Freude nahm Georg das Pergament; es waren wenige Worte
mit glänzend schwarzer Tinte geschrieben:
"Bedenk' Deinen Eid--Flieh bei Zeit.
Gott Dein Geleit.--Marie Dein in Ewigkeit."
Es liegt ein frommer, zarter Sinn in diesen Worten; und wer sich ein
liebendes Herz dazu denkt, wie es mit diesen Zeilen in die Ferne
fliegen möchte, ein Auge voll Zärtlichkeit, umflort von einem
Schleier stiller Tränen, einen holden Mund, der das Blättchen noch
einmal küßt, verschämte Wangen, die bei diesem geheimnisvollen Gruß
erröten, wer dies hinzudenkt, der wird es Georg nicht verargen, daß
er einige Augenblicke wie trunken war. Ein freudiger, glänzender
Blick, nach den fernen blauen Bergen hin, dankte der Geliebten für
ihren tröstenden Spruch; und wahrlich, er war auch zu keiner anderen
Zeit nötiger gewesen als gerade jetzt, um den gesunkenen Mut des
jungen Mannes zu erheben. Wußte er doch, daß ein Wesen, das teuerste,
das für ihn auf der Erde lebte, ihn nicht verkannte. Der Schluß
jener Zeilen erhob sein Herz zur alten Freudigkeit, er bot dem guten
Boten die Hand, dankte ihm herzlich und fragte, wie er zu diesen
Zeilen gekommen sei.
"Dacht' ich's doch", antwortete dieser, "daß das Blättchen keinen
bösen Zauberspruch enthalten müsse; denn das Fräulein lächelte so gar
freundlich, als sie es mir in die rauhe Hand drückte. Es war
vergangenen Mittwoch, als ich nach Blaubeuren kam, wo unser
Kriegsvolk stand. Es ist dort in der Klosterkirche ein prächtiger
Hochaltar, worauf die Geschichte meines Patrons, des Täufers Johannes,
vorgestellt ist. Vor sieben Jahren, als ich in großer Not und einem
schmählichen Ende nahe war, gelobte ich alle Jahre um diese Zeit eine
Wallfahrt dahin. So hielt ich es alle Jahre seit der Zeit, da mich
der Heilige durch ein Wunder von Henkers Hand errettet hat. Wenn ich
nun mein Gebet verrichtet hatte, ging ich allemal zum Herrn Abt, um
ihm ein Paar schöne Gänse oder ein Lamm zu bringen, oder was er sonst
gerade gerne hat.--Aber ich langweile Euch mit meinem Geschwätz,
Junker?"
"Nein, nein, erzähle nur weiter", antwortete Georg, "komm, setze Dich
zu mir auf jene Bank."
"Das würde sich schön schicken!" entgegnete der Bote, "wenn ein Bauer
an des Junkers Seite sitzen wollte, den der Oberfeldhauptmann vor
aller Augen so oft gegrüßt hat; erlaubt mir, daß ich mich vor Euch
hinstelle."
Georg ließ sich auf einen Steinsitz am Weg nieder, der Bauer aber
fuhr, auf seine Axt gestützt, in seiner Erzählung fort: "Ich hatte
diesmal bei den unruhigen Zeiten wenig Lust zur Wallfahrt, aber
'gebrochener Eid tut Gott leid', heißt es, und so mußte ich mein
Gelübde vollbringen. Wie ich vom Gebet aufstand, um dem Abt zu
bringen, was recht ist, sagte mir einer der Pfaffen, daß ich diesmal
nicht zu Seiner Ehrwürden könne, weil viele Herren und Ritter dort zu
Besuch seien. Ich bestand aber doch darauf, denn der Abt ist ein
leutseliger Herr und hätte mir's nicht verziehen, wenn ich ihn nicht
heimgesucht hätte. Wenn Ihr je ins Kloster hinauskommt, so vergeßt
nicht nach der Treppe zu schauen, die vom Hochaltar zum Dorment führt.
Sie geht durch die dicke Mauer, welche die Kirche ans Kloster
schließt, und ist lang und schmal. Dort war es, wo mir das Fräulein
begegnet ist. Es kommt mir nämlich ein feines Weibsbild im Schleier
mit Brevier und Rosenkranz die Treppe herab entgegen, ich drücke mich
an die Wand, um sie vorbeizulassen, sie aber bleibt stehen und
spricht: 'Ei, Hans, woher des Wegs?'"
"Woher kennt Euch denn das Fräulein?" unterbrach ihn Georg, "Meine
Schwester ist ihre Amme, und--"
"Wie, die alte Rose ist Eure Schwester?" rief der junge Mann "Habt
Ihr sie auch gekannt?" fragte der Bote. "Ei, seh doch einer! Aber
daß ich weiter sage: Ich hatte meine große Freude, sie wiederzusehen,
denn ich besuchte meine Schwester häufig in Lichtenstein und habe das
Fräulein gekannt, als man sie noch in ihres Vaters Schwertkuppel
gehen lehrte. Aber ich hätte sie kaum wieder erkannt, so groß war
sie geworden, und die roten Wangen sind auch weg wie der Schnee am
ersten Mai. Ich weiß nicht, wie es ging, aber mich dauerte ihr
Anblick in der Seele, und ich mußte fragen, was ihr fehle und ob ich
ihr nicht etwas helfen könne? Sie besann sich dann eine Weile und
sagte dann: 'Ja, wenn Du verschwiegen wärest, Hans, könntest Du mir
wohl einen großen Dienst leisten!' Ich sagte zu, und sie bestellte
mich nach der Vesper."
"Aber wie kommt sie nur in das Kloster?" fragte Georg, "Sonst darf ja
doch kein Weiberschuh über die Schwelle."
"Der Abt ist mit ihrem Vater befreundet, und da so viel Volk in
Blaubeuren liegt, so ist sie dort besser aufgehoben, als im Städtchen,
wo es toll genug zugeht. Nach der Vesper, als alles still war, kam
sie ganz leise in den Kreuzgang. Ich sprach ihr Mut zu, wie es eben
unsereins versteht, da gab sie mir dies Blättchen und bat mich, Euch
aufzusuchen."
"Ich danke Dir herzlich, guter Hans", sagte der Jüngling. "Aber hat
sie Dir sonst nichts an mich aufgetragen?"
"Ja", antwortete der Bote, "mündlich hat sie mir noch etwas
aufgetragen; Ihr sollt Euch hüten, man habe etwas mit Euch vor."
"Mit mir?" rief Georg. "Das hast Du nicht recht gehört, wer und was
soll man mit mir vorhaben?"
"Da fragt Ihr mich zu viel", entgegnete jener, "aber wenn ich es
sagen darf, so glaube ich, die Bündischen. Das Fräulein setzte noch
hinzu, ihr Vater habe davon gesprochen, und hat nicht der Frondsberg
Euch heute zugewinkt und Euch geehrt wie des Kaisers Sohn, daß sich
jedermann darob verwunderte? Glaubt nur, es hat allemal etwas zu
bedeuten, wenn solch ein Herr so freundlich ist."
Georg war überrascht von der richtigen Bemerkung des schlichten
Bauern, er entsann sich auch, daß Mariens Vater tief in die
Geheimnisse der Bundesobersten eingedrungen sei und vielleicht etwas
erfahren habe, was sich zunächst auf ihn beziehe. Aber er mochte
sinnen, wie er wollte, so konnte er doch nichts finden, was zu dieser
geheimnisvollen Warnung Mariens gepaßt hätte. Mit Mühe riß er sich
aus diesem Gewebe von Vermutungen, indem er den Boten fragte, wie er
ihn so schnell gefunden habe?
"Dies wäre ohne Frondsberg so bald nicht geschehen", antwortete er,
"ich sollte Euch bei Herrn Dietrich von Kraft aufsuchen. Wie ich
aber die Straße hereinging, da sah man viel Volk auf den Wiesen. Ich
dachte, eine halbe Stunde mache nichts aus, und stellte mich auch hin,
um das Fußvolk zu betrachten. Wahrlich, der Frondsberg hat es weit
gebracht.--Nun, da war mir's, als hörte ich nahe bei mir Euren Namen
nennen, ich sah mich um, es waren drei alte Männer, die sprachen von
Euch und deuteten auf Euch hin; ich aber merkte mir Eure Gestalt und
folgte Euren Schritten, und weil ich meiner Sache doch nicht ganz
gewiß war, so gab ich Euch das Rätsel von Sturm und Licht auf."
"Das hast Du klug gemacht", sagte Georg lächelnd, "aber komm in mein
Haus, daß man Dir etwas zu essen reiche; wann kehrst Du wieder heim?"
Hans bedachte sich eine Weile, endlich aber sagte er, indem ein
schlaues Lächeln um seinen Mund zog: "Nichts für ungut, Junker; aber
ich habe dem Fräulein versprechen müssen, nicht eher von Euch zu
weichen, als bis Ihr dem bündischen Heer Valet gesagt habt."
"Und dann?" fragte Georg.
"Und dann gehe ich stracks nach Lichtenstein und bringe ihr die gute
Nachricht von Euch; wie wird sie sich sehnen! Alle Tage steht sie
wohl im Gärtchen auf dem Felsen und sieht ins Tal hinab, ob der alte
Hans noch nicht komme!"
"Die Freude soll ihr bald werden", antwortete Georg, "vielleicht
schon morgen, und dann schreibe ich vorher noch ein Briefchen."
"Aber greift es doch klug an", sagte der Bote, "das Pergament darf
nicht breiter sein, als jenes, das ich brachte. Denn ich muß es
wieder im Kniegürtel verstecken. Man weiß nicht, was einem in so
unruhiger Zeit begegnen kann, und dort sucht es niemand."
"Es sei so", antwortete Georg, indem er aufstand. "Für jetzt lebe
wohl, um Mittag komme zu Herrn von Kraft, nicht weit vom Münster.
Gib Dich für meinen Landsmann aus Franken aus, denn die Ulmer sind
den Württembergern nicht ganz grün."
"Sorgt nicht, Ihr sollt zufrieden sein", rief Hans dem Scheidenden zu.
Er sah dem schlanken Jüngling nach und gestand sich, daß das holde
Pflegekind seiner Schwester keine üble Wahl getroffen habe, wenn auch
die rosigen Wangen des Kindes bei der ersten Liebe der Jungfrau etwas
von ihren blühenden Farben verloren hatten.