Kapitel 6

Man blies schon längst zum ersten Tanz auf, als Georg von Sturmfeder

in den Rathaussaal eintrat. Seine Blicke schweiften durch die Reihen

der Tanzenden, und endlich trafen sie Marien. Sie tanzte mit einem

jungen, fränkischen Ritter seiner Bekanntschaft, schien aber der

eifrigen Rede, die er an sie richtete, kein Gehör zu geben. Ihr Auge

suchte den Boden, ihre Miene konnte Ernst, beinahe Trauer ausdrücken;

ganz anders als die übrigen Fräulein, die in der wahren Tanzseligkeit

schwimmend, ein Ohr der Musik, das andere dem Tänzer liehen, und die

freundlichen Augen bald ihren Bekannten, um den Beifall in ihren

Mienen zu lesen, bald ihren Tänzern zuwandten, um zu prüfen, ob ihre

Aufmerksamkeit auch ganz gewiß auf sie gerichtet sei.

In gehaltenen Tönen hielten jetzt die Zinken und Trompeten und

endeten; Herr Dietrich Kraft hatte seinen Gastfreund bemerkt und kam,

ihn, wie er versprochen, zu seinen Muhmen zu führen. Er flüsterte

ihm zu, daß er selbst schon für den nächsten Tanz mit Bäschen Berta

versagt sei, doch habe er soeben um Mariens Hand für seinen Gast

geworben.

Beide Mädchen waren auf die Erscheinung des ihnen so interessanten

Fremden vorbereitet gewesen, und dennoch bedeckte die Erinnerung

dessen, was sie über ihn gesprochen, Bertas angenehme Züge mit hoher

Glut, und die Verwirrung, in welche sie sein Anblick versetzte, ließ

sie nicht bemerken, welches Entzücken ihm aus Mariens Auge

entgegenstrahlte, wie sie bebte, wie sie mühsam nach Atem suchte, wie

ihr selbst die Sprache ihre Dienste zu versagen schien.

"Da bringe ich Euch Herrn Georg von Sturmfeder, meinen lieben Gast",

begann der Ratsschreiber, "der um die Gunst bittet, mit Euch zu

tanzen."

"Wenn ich nicht schon diesen Tanz meinem Vetter zugesagt hätte",

antwortete Berta, schneller gefaßt als ihre Base, "so solltet Ihr ihn

haben, aber Marie ist noch frei, die wird mit Euch tanzen."

"So seid Ihr noch nicht versagt, Fräulein von Lichtenstein?" fragte

Georg, indem er sich zu der Geliebten wandte.

"Ich bin an Euch versagt", antwortete Marie. So hörte er denn zum

ersten Mal wieder diese Stimme, die ihn so oft mit den süßesten Namen

genannt hatte; er sah in diese treuen Augen, die ihn noch immer so

hold anblickten wie vormals.

Die Trompeten schmetterten in den Saal; der Oberfeldleutnant Waldburg

Truchseß, dem man den zweiten Tanz gegeben hatte, schritt mit seiner

Tänzerin vor, die Fackelträger folgten, die Paare ordneten sich, und

auch Georg ergriff Mariens Hand und schloß sich an. Jetzt suchten

ihre Blicke nicht mehr den Boden, sie hingen an denen des Geliebten;

und dennoch wollte es ihm scheinen, als mache sie dieses Wiedersehen

nicht so glücklich wie ihn, denn noch immer lag eine düstere Wolke

von Schwermut oder Trauer um ihre Stirn. Sie sah sich um, ob

Dietrich und Berta, das nächste Paar nach ihnen, nicht allzu nahe

seien.--Sie waren fern.

"Ach, Georg", begann sie, "welch unglücklicher Stern hat Dich in

dieses Heer geführt?"

"Du warst dieser Stern, Marie", sagte er, "Dich habe ich auf dieser

Seite geahnt, und wie glücklich bin ich, daß ich Dich fand! Kannst

Du mich tadeln, daß ich die gelehrten Bücher beiseite legte und

Kriegsdienste nahm? Ich habe ja kein Erbe als das Schwert meines

Vaters; aber mit diesem Gut will ich wuchern, daß der deinige sehen

soll, daß seine Tochter keinen Unwürdigen liebt."

"Ach Gott! Du hast doch dem Bund noch nicht zugesagt?" unterbrach

sie ihn.

"Ängstige Dich doch nicht so, mein Liebchen, ich habe noch nicht

völlig zugesagt; aber es muß nächster Tage geschehen. Willst Du denn

Deinem Georg nicht auch ein wenig Kriegsruhm gönnen? Warum magst Du

um mich so bange sein? Dein Vater ist alt und zieht ja doch auch mit

uns."

"Ach, mein Vater, mein Vater!" klagte Marie. "Er ist ja--doch brich

ab, Georg, brich ab--Berta belauscht uns; aber ich muß Dich morgen

sprechen, ich muß, und sollte es meine Seligkeit kosten. Ach! Wenn

ich nur wüßte wie?"

"Was ängstigt Dich denn nur so?" fragte Georg, dem es unbegreiflich

war, wie Marie, statt sich der Freude des Wiedersehens hinzugeben,

nur an die Gefahren dachte, denen er entgegengehe? "Du stellst Dir

die Gefahren größer vor, als sie sind", flüsterte er ihr tröstend zu.

"Denke an nichts, als daß wir uns jetzt wieder haben, daß ich Deine

Hand drücken darf, daß Auge in Auge sieht wie sonst. Genieße jetzt

die Augenblicke, sei heiter!"

"Heiter? Oh, diese Zeiten sind vorbei, Georg! Höre und sei

standhaft--mein Vater ist nicht bündisch!"

"Jesus Maria! Was sagst Du?" rief der Jüngling und beugte sich, als

habe er das Wort des Unglücks nicht gehört, herab zu Marien. "Oh sag,

ist denn Dein Vater nicht hier in Ulm?"

Sie hatte sich stärker geglaubt; sie konnte nicht mehr sprechen; bei

dem ersten Laut wären ihre Tränen unaufhaltsam geflossen; sie

antwortete nur durch einen Druck der Hand und ging mit gesenktem

Haupt, nach Kraft suchend, ihren Schmerz zu bekämpfen, neben Georg

her. Endlich siegte der starke Geist dieses Mädchens über die

Schwäche ihrer Natur, die einem so großen, tiefen Kummer beinahe

erlegen wäre. "Mein Vater", flüsterte sie, "ist Herzog Ulrichs

wärmster Freund, und sobald der Krieg entschieden ist, führt er mich

heim auf den Lichtenstein!"

Betäubt wirbelten jetzt die Trommeln, in volleren Tönen schmetterten

die Trompeten, sie begrüßten den Truchseß, der eben an dem Musikchor

vorüberzog, er warf ihnen, wie es Sitte war, einige Silberstücke zu,

und von neuem erhob sich ihr betäubender Jubel.

Das leise Gespräch der Liebenden verstummte vor der rauhen Gewalt

dieser Töne, aber ihr Auge hatte sich in diesem Schiffbruch ihrer

Liebe um so mehr zu sagen, und sie bemerkten nicht einmal, wie ein

Geflüster über sie im Saal erging, das sie als das schönste Paar

pries.

Aber nur zu wohl hatte Berta diese Bemerkungen der Menge gehört. Sie

war zu gutmütig, als daß Neid darüber in ihre Seele gekommen wäre,

aber sie setzte sich doch im Geist an Mariens Platz, und fand, daß

man vielleicht das Paar nicht minder schön gefunden hätte. Auch das

Gespräch, das zwischen den beiden begonnen hatte, fiel ihr auf. Die

ernste Base, die selten oder nie mit einem Mann lange sprach, schien

mehr und angelegentlicher zu reden als ihr Tänzer. Die Musik

hinderte sie zu verstehen, was gesprochen wurde; die Neugierde wurde

in ihr rege, sie zog ihren Tänzer näher an das vordere Paar, um ein

wenig zu lauschen; aber war es Zufall oder Absicht, das Gespräch

verstummte, als sie näherkam, oder wurde so leise geführt, daß sie

nichts davon verstand.

Ihr Interesse an dem schönen jungen Mann wuchs mit diesen

Hindernissen; noch nie war ihr der gute Vetter Kraft so lästig

geworden als in diesen Augenblicken; denn die zierlichen Redensarten,

womit er ihr Herz zu umspinnen gedachte, hinderten sie, jene genauer

zu beobachten. Sie war froh, als endlich der Tanz endete. Denn sie

durfte hoffen, daß der nächste an des jungen Ritters Seite desto

angenehmer für sie sein werde.

Sie täuschte sich nicht in ihrer Hoffnung, Georg kam, sie um den

nächsten Tanz zu bitten, der auch sogleich begann, und sie hüpfte

fröhlich an seiner Seite in die Reihen. Aber es war nicht mehr

derselbe, der vorhin mit Marien so freundlich gesprochen hatte.

Verstört, einsilbig, in tiefe Gedanken versunken, war der junge Mann

an ihrer Seite, und es war nur zu sichtbar, daß er sich immer erst

wieder sammeln mußte, wenn er eine ihrer Fragen beantworten sollte.

War dies jener "höfliche Ritter", welcher sie, ohne daß sie sich je

gesehen hatten, so freundlich grüßte? War es derselbe, welcher so

heiter, so fröhlich war, als ihn Vetter Kraft zu ihnen führte?

Derselbe, der mit Marien so eifrig sich unterredet hatte? Oder

sollte diese--? Ja, es war klar, Marie hatte ihm besser gefallen,

ach! vielleicht weil sie die erste war, die mit ihm getanzt. Je

weniger Berta gewohnt war, sich der ernsten Marie nachgesetzt zu

sehen, um so mehr befremdete sie dieser Sieg ihrer Base, um so mehr

glaubte sie sich beeifern zu müssen, ihren Rang, ihre Gaben geltend

zu machen Sie setzte daher mit ihrer heiteren Geschwätzigkeit das

Gespräch über den bevorstehenden Krieg, das sie mit Mühe angesponnen

hatte, fort, als sie nach Beendigung des Tanzes zu Marien und dem

Ratsschreiber traten.

"Nun, und der wievielte Feldzug ist es denn, Herr von Sturmfeder, dem

Ihr jetzt beiwohnt?"

"Es ist mein erster", antwortete dieser kurz angebunden, denn er war

unmutig darüber, daß jene ihn noch immer im Gespräch halte, da er mit

Marie so gerne gesprochen hätte.

"Euer erster?" entgegnete Berta verwundert, "Ihr wollt mir etwas

weismachen, da habt Ihr ja schon eine mächtige Narbe auf der Stirn."

"Die bekam ich auf der hohen Schule", antwortete Georg.

"Wie? Ihr seid ein Gelehrter?" fragte jene eifrig weiter. "Nun, und

da seid Ihr gewiß recht weit weg gewesen; etwa in Padua oder Bologna,

oder gar bei den Ketzern in Wittenberg."

"Nicht so weit, als Ihr meint", entgegnete er, indem er sich zu

Marien wandte, "ich war in Tübingen."

"In Tübingen", rief Berta voll Verwunderung. Wie ein Blitz erhellte

dies einzige Wort alles, was ihr bisher dunkel war, und ein Blick auf

Marien, die mit niedergeschlagenen Augen, mit der Röte der Scham auf

den Wangen, vor ihm stand, überzeugte sie, daß die lange Reihe von

Schlüssen, die sich an jenes Wort anschlossen, ihren nur zu sicheren

Grund hatten. Jetzt war ihr auf einmal klar, warum sie der artige

Ritter begrüßt, warum Marie geweint, die ihn gewiß gerne auf der

feindlichen Seite gesehen hätte, warum er so viel mit jener

gesprochen, warum er bei ihr selbst so einsilbig war. Es war keine

Frage, sie kannten sich, sie mußten sich längst gekannt haben.

Beschämung war das erste Gefühl, das bei dieser Entdeckung Bertas

Herz bestürmte; sie errötete vor sich selbst, wenn sie sich gestand,

nach der Aufmerksamkeit eines Mannes gestrebt zu haben, dessen Seele

ein ganz anderer Gegenstand beschäftige. Unmut über Mariens

Heimlichkeit verfinsterte ihre Züge. Sie suchte Entschuldigung für

ihr eigenes Betragen, und fand sie nur in der Falschheit ihrer Base.

Hätte diese ihr gestanden, in welchem Verhältnis sie zu dem jungen

Mann stehe, sie hätte ihr nie ihre Teilnahme an ihm gezeigt; er wäre

ihr dann, meinte sie, höchst gleichgültig geblieben, sie hätte nie

diese Beschämung erfahren.

Berta hat an diesem Abend den unglücklichen jungen Mann keines

Blickes mehr gewürdigt, was ihm übrigens über dem größeren Schmerz,

der seine Seele beschäftigte, völlig entging. Sein Unglück wollte es

auch, daß er nie mehr Gelegenheit fand, Marien wieder allein und

ungestört zu sprechen, der Abendtanz ging zu Ende, ohne daß er über

Mariens Schicksal und über die Gesinnungen ihres Vaters gewisser

wurde, und Marie fand kaum noch auf der Treppe Gelegenheit, ihm

zuzuflüstern, er möchte morgen in der Stadt bleiben, weil sie

vielleicht irgendeine Gelegenheit finden würde, ihn zu sprechen.

Verstimmt kamen die beiden Schönen nach Hause. Berta hatte auf alle

Fragen Mariens kurze Antwort gegeben, und auch diese, sei es, daß sie

ahnte, was in ihrer Freundin vorgehe, sei es, weil sie selbst ein

großer Schmerz beschäftigte, war nach und nach immer düsterer,

einsilbiger geworden.

Aber auf beiden lastete die Störung ihres bisherigen

freundschaftlichen Verhältnisses erst recht schwer, als sie ernst und

schweigend in ihr Gemach traten. Sie hatten sich bisher alle jene

kleinen Dienste geleistet, welche junge Mädchen nur zu noch engerer

Freundschaft verbinden. Wie ganz anders war es heute! Berta hatte

die silberne Nadel aus dem reichen blonden Haar gezogen, daß es in

langen Ringellocken über den schönen Nacken herabströmte. Sie

versuchte, es unter das Nachthäubchen zu stecken; ungewohnt, diese

Arbeit ohne Mariens Hilfe zu verrichten, kam sie nicht damit zu Rande,

aber zu stolz, ihrer Feindin, wie sie Marien in ihrem Sinn nannte,

ihre Verlegenheit merken zu lassen, warf sie das Häubchen in die Ecke

und ergriff ein Tuch, um es um das Haar zu winden.

Schweigend nahm Marie das verworfene Häubchen wieder auf und trat

hinzu, das Haar ihrer Base nach gewohnter Weise zu ordnen und

aufzubinden.

"Hinweg, Du Falsche!" rief die erzürnte Berta, indem sie die

hilfreiche Hand zurückstieß.

"Berta; hab' ich dies um Dich verdient?" sprach Marie mit Ruhe und

Sanftmut. "Oh wenn Du wüßtest, wie unglücklich ich bin, Du würdest

sanfter gegen mich sein!"

"Unglücklich?" lachte jene laut auf, "unglücklich! Vielleicht, weil

der artige Herr nur einmal mit Dir tanzte?"

"Du bist recht hart, Berta", antwortete Marie, "Du bist böse auf mich

und sagst mir nicht einmal warum?"

"So? Du willst also nicht wissen, daß Du mich betrogen hast? Nicht

wissen, wie mich Deine Heimlichkeiten dem Spott und der Beschämung

aussetzten? Ich hätte nie geglaubt, daß Du so schlecht, so falsch,

an mir handeln würdest!"

Von neuem erwachte in Berta das kränkende Gefühl, sich hintangesetzt

zu sehen Ihre Tränen strömten, sie legte die heiße Stirn in die Hand,

und die reichen Locken flossen über ihr zusammen und verhüllten die

Weinende.

Tränen sind die Zeichen milderen Schmerzes. Marie kannte diese

Tränen und fuhr mit mehr Vertrauen fort: "Berta! Du schiltst meine

Heimlichkeit. Ich sehe, Du hast erraten, was ich nie von selbst

sagen konnte. Setze Dich selbst in meine Lage. Ach, Du selbst, so

heiter und offen Du bist, Du selbst hättest mir Dein Geheimnis nicht

vertrauen können. Aber jetzt ist es ja aus. Du weißt, was meine

Lippen auszusprechen sich scheuten. Ich liebe ihn, ja ich werde

geliebt, und nicht erst von gestern her. Willst Du mich hören? Darf

ich Dir alles sagen?"

Bertas Tränen flossen noch immer. Sie antwortete nicht auf jene

Fragen, aber Marie hob an zu erzählen, wie sie Georg im Haus der

seligen Muhme kennengelernt habe. Wie sie ihm gut gewesen, lange ehe

er ihr seine Liebe gestanden Alle jene schöne Erinnerungen lebten in

ihr auf, mit glühenden Wangen, mit strahlendem Auge führte sie die

Vergangenheit herauf. Sie erzählte von so mancher schönen Stunde,

vom Schwur ihrer Treue, von ihrem Abschied "Und jetzt", fuhr sie mit

wehmütigem Lächeln fort, "jetzt hat ihn dieser unglückliche Krieg auf

diese Seite geführt. Er hört, wir seien hier in Ulm, er glaubt nicht

anders, als mein Vater sei dem Bund beigetreten, er hofft, mich durch

sein Schwert zu verdienen, denn er ist arm, recht arm! Oh Berta, Du

kennst meinen Vater. Er ist so gut, aber auch so streng, wenn etwas

seiner Meinung widerspricht. Wird er einem Mann seine Tochter geben,

der sein Schwert gegen Württemberg gezogen hat? Siehe, das waren

meine Tränen! Ach, ich wollte Dir so oft sagen, warum sie fließen,

aber eine unbesiegbare Scham schloß meine Lippen. Kannst Du mir noch

zürnen? Muß ich mit dein Geliebten auch die Freundin verlieren?"

Auch Mariens Tränen flossen und Berta fühlte den eigenen Schmerz von

dem größeren Kummer der Freundin besiegt. Sie umarmte Marien

schweigend und weinte mit ihr.

"In den nächsten Tagen", fuhr diese fort, "will mein Vater Ulm

verlassen, und ich muß ihm folgen. Aber noch einmal muß ich Georg

sprechen, nur ein Viertelstündchen. Berta, Du kannst gewiß

Gelegenheit geben. Nur ein ganz kleines Viertelstündchen!"

"Du willst ihn doch nicht der guten Sache abwendig machen?" fragte

Berta.

"Was nennst Du die gute Sache?" antwortete Marie. "Des Herzogs Sache

ist vielleicht nicht minder gut als die Eure. Du sprichst so, weil

Ihr bündisch seid. Ich bin eine Württembergerin, und mein Vater ist

seinem Herzog treu. Doch sollen wir Mädchen über den Krieg

entscheiden? Laß uns lieber auf Mittel sinnen, ihn noch einmal zu

sehen."

Berta hatte über der Teilnahme, mit welcher sie der Geschichte ihrer

Base zugehört hatte, ganz vergessen, daß sie ihr jemals gram gewesen

war. Sie war überdies für alles Geheimnisvolle eingenommen, daher

kamen ihr diese Mitteilungen erwünscht. Sie fühlte, wie wichtig und

ehrenvoll der Posten einer Vertrauten sei, und gab sich daher alle

mögliche Mühe, dem liebenden Paar mit ihrem Scharfsinn zu dienen.

"Ich hab's gefunden", rief sie endlich aus, "wir laden ihn geradezu

in den Garten."

"In den Garten?" fragte Marie schüchtern und ungläubig, "und durch

wen?"

"Sein Wirt, der gute Vetter Dietrich, muß ihn selbst bringen",

antwortete sie, "das ist herrlich, und dieser darf auch kein Wörtchen

davon merken, lass' nur mich dafür sorgen."

Marie, entschlossen und stark bei großen Dingen, zitterte doch bei

diesem gewagten Schritt. Aber ihre mutige, fröhliche Base wußte ihr

alle Bedenklichkeiten auszureden, und mit erneuerter Hoffnung, und

befreit von der Last des Geheimnisses, umarmten sich die Mädchen, ehe

sie sich zur Ruhe legten.

Lichtenstein · 第 10 / 40 题