Man blies schon längst zum ersten Tanz auf, als Georg von Sturmfeder
in den Rathaussaal eintrat. Seine Blicke schweiften durch die Reihen
der Tanzenden, und endlich trafen sie Marien. Sie tanzte mit einem
jungen, fränkischen Ritter seiner Bekanntschaft, schien aber der
eifrigen Rede, die er an sie richtete, kein Gehör zu geben. Ihr Auge
suchte den Boden, ihre Miene konnte Ernst, beinahe Trauer ausdrücken;
ganz anders als die übrigen Fräulein, die in der wahren Tanzseligkeit
schwimmend, ein Ohr der Musik, das andere dem Tänzer liehen, und die
freundlichen Augen bald ihren Bekannten, um den Beifall in ihren
Mienen zu lesen, bald ihren Tänzern zuwandten, um zu prüfen, ob ihre
Aufmerksamkeit auch ganz gewiß auf sie gerichtet sei.
In gehaltenen Tönen hielten jetzt die Zinken und Trompeten und
endeten; Herr Dietrich Kraft hatte seinen Gastfreund bemerkt und kam,
ihn, wie er versprochen, zu seinen Muhmen zu führen. Er flüsterte
ihm zu, daß er selbst schon für den nächsten Tanz mit Bäschen Berta
versagt sei, doch habe er soeben um Mariens Hand für seinen Gast
geworben.
Beide Mädchen waren auf die Erscheinung des ihnen so interessanten
Fremden vorbereitet gewesen, und dennoch bedeckte die Erinnerung
dessen, was sie über ihn gesprochen, Bertas angenehme Züge mit hoher
Glut, und die Verwirrung, in welche sie sein Anblick versetzte, ließ
sie nicht bemerken, welches Entzücken ihm aus Mariens Auge
entgegenstrahlte, wie sie bebte, wie sie mühsam nach Atem suchte, wie
ihr selbst die Sprache ihre Dienste zu versagen schien.
"Da bringe ich Euch Herrn Georg von Sturmfeder, meinen lieben Gast",
begann der Ratsschreiber, "der um die Gunst bittet, mit Euch zu
tanzen."
"Wenn ich nicht schon diesen Tanz meinem Vetter zugesagt hätte",
antwortete Berta, schneller gefaßt als ihre Base, "so solltet Ihr ihn
haben, aber Marie ist noch frei, die wird mit Euch tanzen."
"So seid Ihr noch nicht versagt, Fräulein von Lichtenstein?" fragte
Georg, indem er sich zu der Geliebten wandte.
"Ich bin an Euch versagt", antwortete Marie. So hörte er denn zum
ersten Mal wieder diese Stimme, die ihn so oft mit den süßesten Namen
genannt hatte; er sah in diese treuen Augen, die ihn noch immer so
hold anblickten wie vormals.
Die Trompeten schmetterten in den Saal; der Oberfeldleutnant Waldburg
Truchseß, dem man den zweiten Tanz gegeben hatte, schritt mit seiner
Tänzerin vor, die Fackelträger folgten, die Paare ordneten sich, und
auch Georg ergriff Mariens Hand und schloß sich an. Jetzt suchten
ihre Blicke nicht mehr den Boden, sie hingen an denen des Geliebten;
und dennoch wollte es ihm scheinen, als mache sie dieses Wiedersehen
nicht so glücklich wie ihn, denn noch immer lag eine düstere Wolke
von Schwermut oder Trauer um ihre Stirn. Sie sah sich um, ob
Dietrich und Berta, das nächste Paar nach ihnen, nicht allzu nahe
seien.--Sie waren fern.
"Ach, Georg", begann sie, "welch unglücklicher Stern hat Dich in
dieses Heer geführt?"
"Du warst dieser Stern, Marie", sagte er, "Dich habe ich auf dieser
Seite geahnt, und wie glücklich bin ich, daß ich Dich fand! Kannst
Du mich tadeln, daß ich die gelehrten Bücher beiseite legte und
Kriegsdienste nahm? Ich habe ja kein Erbe als das Schwert meines
Vaters; aber mit diesem Gut will ich wuchern, daß der deinige sehen
soll, daß seine Tochter keinen Unwürdigen liebt."
"Ach Gott! Du hast doch dem Bund noch nicht zugesagt?" unterbrach
sie ihn.
"Ängstige Dich doch nicht so, mein Liebchen, ich habe noch nicht
völlig zugesagt; aber es muß nächster Tage geschehen. Willst Du denn
Deinem Georg nicht auch ein wenig Kriegsruhm gönnen? Warum magst Du
um mich so bange sein? Dein Vater ist alt und zieht ja doch auch mit
uns."
"Ach, mein Vater, mein Vater!" klagte Marie. "Er ist ja--doch brich
ab, Georg, brich ab--Berta belauscht uns; aber ich muß Dich morgen
sprechen, ich muß, und sollte es meine Seligkeit kosten. Ach! Wenn
ich nur wüßte wie?"
"Was ängstigt Dich denn nur so?" fragte Georg, dem es unbegreiflich
war, wie Marie, statt sich der Freude des Wiedersehens hinzugeben,
nur an die Gefahren dachte, denen er entgegengehe? "Du stellst Dir
die Gefahren größer vor, als sie sind", flüsterte er ihr tröstend zu.
"Denke an nichts, als daß wir uns jetzt wieder haben, daß ich Deine
Hand drücken darf, daß Auge in Auge sieht wie sonst. Genieße jetzt
die Augenblicke, sei heiter!"
"Heiter? Oh, diese Zeiten sind vorbei, Georg! Höre und sei
standhaft--mein Vater ist nicht bündisch!"
"Jesus Maria! Was sagst Du?" rief der Jüngling und beugte sich, als
habe er das Wort des Unglücks nicht gehört, herab zu Marien. "Oh sag,
ist denn Dein Vater nicht hier in Ulm?"
Sie hatte sich stärker geglaubt; sie konnte nicht mehr sprechen; bei
dem ersten Laut wären ihre Tränen unaufhaltsam geflossen; sie
antwortete nur durch einen Druck der Hand und ging mit gesenktem
Haupt, nach Kraft suchend, ihren Schmerz zu bekämpfen, neben Georg
her. Endlich siegte der starke Geist dieses Mädchens über die
Schwäche ihrer Natur, die einem so großen, tiefen Kummer beinahe
erlegen wäre. "Mein Vater", flüsterte sie, "ist Herzog Ulrichs
wärmster Freund, und sobald der Krieg entschieden ist, führt er mich
heim auf den Lichtenstein!"
Betäubt wirbelten jetzt die Trommeln, in volleren Tönen schmetterten
die Trompeten, sie begrüßten den Truchseß, der eben an dem Musikchor
vorüberzog, er warf ihnen, wie es Sitte war, einige Silberstücke zu,
und von neuem erhob sich ihr betäubender Jubel.
Das leise Gespräch der Liebenden verstummte vor der rauhen Gewalt
dieser Töne, aber ihr Auge hatte sich in diesem Schiffbruch ihrer
Liebe um so mehr zu sagen, und sie bemerkten nicht einmal, wie ein
Geflüster über sie im Saal erging, das sie als das schönste Paar
pries.
Aber nur zu wohl hatte Berta diese Bemerkungen der Menge gehört. Sie
war zu gutmütig, als daß Neid darüber in ihre Seele gekommen wäre,
aber sie setzte sich doch im Geist an Mariens Platz, und fand, daß
man vielleicht das Paar nicht minder schön gefunden hätte. Auch das
Gespräch, das zwischen den beiden begonnen hatte, fiel ihr auf. Die
ernste Base, die selten oder nie mit einem Mann lange sprach, schien
mehr und angelegentlicher zu reden als ihr Tänzer. Die Musik
hinderte sie zu verstehen, was gesprochen wurde; die Neugierde wurde
in ihr rege, sie zog ihren Tänzer näher an das vordere Paar, um ein
wenig zu lauschen; aber war es Zufall oder Absicht, das Gespräch
verstummte, als sie näherkam, oder wurde so leise geführt, daß sie
nichts davon verstand.
Ihr Interesse an dem schönen jungen Mann wuchs mit diesen
Hindernissen; noch nie war ihr der gute Vetter Kraft so lästig
geworden als in diesen Augenblicken; denn die zierlichen Redensarten,
womit er ihr Herz zu umspinnen gedachte, hinderten sie, jene genauer
zu beobachten. Sie war froh, als endlich der Tanz endete. Denn sie
durfte hoffen, daß der nächste an des jungen Ritters Seite desto
angenehmer für sie sein werde.
Sie täuschte sich nicht in ihrer Hoffnung, Georg kam, sie um den
nächsten Tanz zu bitten, der auch sogleich begann, und sie hüpfte
fröhlich an seiner Seite in die Reihen. Aber es war nicht mehr
derselbe, der vorhin mit Marien so freundlich gesprochen hatte.
Verstört, einsilbig, in tiefe Gedanken versunken, war der junge Mann
an ihrer Seite, und es war nur zu sichtbar, daß er sich immer erst
wieder sammeln mußte, wenn er eine ihrer Fragen beantworten sollte.
War dies jener "höfliche Ritter", welcher sie, ohne daß sie sich je
gesehen hatten, so freundlich grüßte? War es derselbe, welcher so
heiter, so fröhlich war, als ihn Vetter Kraft zu ihnen führte?
Derselbe, der mit Marien so eifrig sich unterredet hatte? Oder
sollte diese--? Ja, es war klar, Marie hatte ihm besser gefallen,
ach! vielleicht weil sie die erste war, die mit ihm getanzt. Je
weniger Berta gewohnt war, sich der ernsten Marie nachgesetzt zu
sehen, um so mehr befremdete sie dieser Sieg ihrer Base, um so mehr
glaubte sie sich beeifern zu müssen, ihren Rang, ihre Gaben geltend
zu machen Sie setzte daher mit ihrer heiteren Geschwätzigkeit das
Gespräch über den bevorstehenden Krieg, das sie mit Mühe angesponnen
hatte, fort, als sie nach Beendigung des Tanzes zu Marien und dem
Ratsschreiber traten.
"Nun, und der wievielte Feldzug ist es denn, Herr von Sturmfeder, dem
Ihr jetzt beiwohnt?"
"Es ist mein erster", antwortete dieser kurz angebunden, denn er war
unmutig darüber, daß jene ihn noch immer im Gespräch halte, da er mit
Marie so gerne gesprochen hätte.
"Euer erster?" entgegnete Berta verwundert, "Ihr wollt mir etwas
weismachen, da habt Ihr ja schon eine mächtige Narbe auf der Stirn."
"Die bekam ich auf der hohen Schule", antwortete Georg.
"Wie? Ihr seid ein Gelehrter?" fragte jene eifrig weiter. "Nun, und
da seid Ihr gewiß recht weit weg gewesen; etwa in Padua oder Bologna,
oder gar bei den Ketzern in Wittenberg."
"Nicht so weit, als Ihr meint", entgegnete er, indem er sich zu
Marien wandte, "ich war in Tübingen."
"In Tübingen", rief Berta voll Verwunderung. Wie ein Blitz erhellte
dies einzige Wort alles, was ihr bisher dunkel war, und ein Blick auf
Marien, die mit niedergeschlagenen Augen, mit der Röte der Scham auf
den Wangen, vor ihm stand, überzeugte sie, daß die lange Reihe von
Schlüssen, die sich an jenes Wort anschlossen, ihren nur zu sicheren
Grund hatten. Jetzt war ihr auf einmal klar, warum sie der artige
Ritter begrüßt, warum Marie geweint, die ihn gewiß gerne auf der
feindlichen Seite gesehen hätte, warum er so viel mit jener
gesprochen, warum er bei ihr selbst so einsilbig war. Es war keine
Frage, sie kannten sich, sie mußten sich längst gekannt haben.
Beschämung war das erste Gefühl, das bei dieser Entdeckung Bertas
Herz bestürmte; sie errötete vor sich selbst, wenn sie sich gestand,
nach der Aufmerksamkeit eines Mannes gestrebt zu haben, dessen Seele
ein ganz anderer Gegenstand beschäftige. Unmut über Mariens
Heimlichkeit verfinsterte ihre Züge. Sie suchte Entschuldigung für
ihr eigenes Betragen, und fand sie nur in der Falschheit ihrer Base.
Hätte diese ihr gestanden, in welchem Verhältnis sie zu dem jungen
Mann stehe, sie hätte ihr nie ihre Teilnahme an ihm gezeigt; er wäre
ihr dann, meinte sie, höchst gleichgültig geblieben, sie hätte nie
diese Beschämung erfahren.
Berta hat an diesem Abend den unglücklichen jungen Mann keines
Blickes mehr gewürdigt, was ihm übrigens über dem größeren Schmerz,
der seine Seele beschäftigte, völlig entging. Sein Unglück wollte es
auch, daß er nie mehr Gelegenheit fand, Marien wieder allein und
ungestört zu sprechen, der Abendtanz ging zu Ende, ohne daß er über
Mariens Schicksal und über die Gesinnungen ihres Vaters gewisser
wurde, und Marie fand kaum noch auf der Treppe Gelegenheit, ihm
zuzuflüstern, er möchte morgen in der Stadt bleiben, weil sie
vielleicht irgendeine Gelegenheit finden würde, ihn zu sprechen.
Verstimmt kamen die beiden Schönen nach Hause. Berta hatte auf alle
Fragen Mariens kurze Antwort gegeben, und auch diese, sei es, daß sie
ahnte, was in ihrer Freundin vorgehe, sei es, weil sie selbst ein
großer Schmerz beschäftigte, war nach und nach immer düsterer,
einsilbiger geworden.
Aber auf beiden lastete die Störung ihres bisherigen
freundschaftlichen Verhältnisses erst recht schwer, als sie ernst und
schweigend in ihr Gemach traten. Sie hatten sich bisher alle jene
kleinen Dienste geleistet, welche junge Mädchen nur zu noch engerer
Freundschaft verbinden. Wie ganz anders war es heute! Berta hatte
die silberne Nadel aus dem reichen blonden Haar gezogen, daß es in
langen Ringellocken über den schönen Nacken herabströmte. Sie
versuchte, es unter das Nachthäubchen zu stecken; ungewohnt, diese
Arbeit ohne Mariens Hilfe zu verrichten, kam sie nicht damit zu Rande,
aber zu stolz, ihrer Feindin, wie sie Marien in ihrem Sinn nannte,
ihre Verlegenheit merken zu lassen, warf sie das Häubchen in die Ecke
und ergriff ein Tuch, um es um das Haar zu winden.
Schweigend nahm Marie das verworfene Häubchen wieder auf und trat
hinzu, das Haar ihrer Base nach gewohnter Weise zu ordnen und
aufzubinden.
"Hinweg, Du Falsche!" rief die erzürnte Berta, indem sie die
hilfreiche Hand zurückstieß.
"Berta; hab' ich dies um Dich verdient?" sprach Marie mit Ruhe und
Sanftmut. "Oh wenn Du wüßtest, wie unglücklich ich bin, Du würdest
sanfter gegen mich sein!"
"Unglücklich?" lachte jene laut auf, "unglücklich! Vielleicht, weil
der artige Herr nur einmal mit Dir tanzte?"
"Du bist recht hart, Berta", antwortete Marie, "Du bist böse auf mich
und sagst mir nicht einmal warum?"
"So? Du willst also nicht wissen, daß Du mich betrogen hast? Nicht
wissen, wie mich Deine Heimlichkeiten dem Spott und der Beschämung
aussetzten? Ich hätte nie geglaubt, daß Du so schlecht, so falsch,
an mir handeln würdest!"
Von neuem erwachte in Berta das kränkende Gefühl, sich hintangesetzt
zu sehen Ihre Tränen strömten, sie legte die heiße Stirn in die Hand,
und die reichen Locken flossen über ihr zusammen und verhüllten die
Weinende.
Tränen sind die Zeichen milderen Schmerzes. Marie kannte diese
Tränen und fuhr mit mehr Vertrauen fort: "Berta! Du schiltst meine
Heimlichkeit. Ich sehe, Du hast erraten, was ich nie von selbst
sagen konnte. Setze Dich selbst in meine Lage. Ach, Du selbst, so
heiter und offen Du bist, Du selbst hättest mir Dein Geheimnis nicht
vertrauen können. Aber jetzt ist es ja aus. Du weißt, was meine
Lippen auszusprechen sich scheuten. Ich liebe ihn, ja ich werde
geliebt, und nicht erst von gestern her. Willst Du mich hören? Darf
ich Dir alles sagen?"
Bertas Tränen flossen noch immer. Sie antwortete nicht auf jene
Fragen, aber Marie hob an zu erzählen, wie sie Georg im Haus der
seligen Muhme kennengelernt habe. Wie sie ihm gut gewesen, lange ehe
er ihr seine Liebe gestanden Alle jene schöne Erinnerungen lebten in
ihr auf, mit glühenden Wangen, mit strahlendem Auge führte sie die
Vergangenheit herauf. Sie erzählte von so mancher schönen Stunde,
vom Schwur ihrer Treue, von ihrem Abschied "Und jetzt", fuhr sie mit
wehmütigem Lächeln fort, "jetzt hat ihn dieser unglückliche Krieg auf
diese Seite geführt. Er hört, wir seien hier in Ulm, er glaubt nicht
anders, als mein Vater sei dem Bund beigetreten, er hofft, mich durch
sein Schwert zu verdienen, denn er ist arm, recht arm! Oh Berta, Du
kennst meinen Vater. Er ist so gut, aber auch so streng, wenn etwas
seiner Meinung widerspricht. Wird er einem Mann seine Tochter geben,
der sein Schwert gegen Württemberg gezogen hat? Siehe, das waren
meine Tränen! Ach, ich wollte Dir so oft sagen, warum sie fließen,
aber eine unbesiegbare Scham schloß meine Lippen. Kannst Du mir noch
zürnen? Muß ich mit dein Geliebten auch die Freundin verlieren?"
Auch Mariens Tränen flossen und Berta fühlte den eigenen Schmerz von
dem größeren Kummer der Freundin besiegt. Sie umarmte Marien
schweigend und weinte mit ihr.
"In den nächsten Tagen", fuhr diese fort, "will mein Vater Ulm
verlassen, und ich muß ihm folgen. Aber noch einmal muß ich Georg
sprechen, nur ein Viertelstündchen. Berta, Du kannst gewiß
Gelegenheit geben. Nur ein ganz kleines Viertelstündchen!"
"Du willst ihn doch nicht der guten Sache abwendig machen?" fragte
Berta.
"Was nennst Du die gute Sache?" antwortete Marie. "Des Herzogs Sache
ist vielleicht nicht minder gut als die Eure. Du sprichst so, weil
Ihr bündisch seid. Ich bin eine Württembergerin, und mein Vater ist
seinem Herzog treu. Doch sollen wir Mädchen über den Krieg
entscheiden? Laß uns lieber auf Mittel sinnen, ihn noch einmal zu
sehen."
Berta hatte über der Teilnahme, mit welcher sie der Geschichte ihrer
Base zugehört hatte, ganz vergessen, daß sie ihr jemals gram gewesen
war. Sie war überdies für alles Geheimnisvolle eingenommen, daher
kamen ihr diese Mitteilungen erwünscht. Sie fühlte, wie wichtig und
ehrenvoll der Posten einer Vertrauten sei, und gab sich daher alle
mögliche Mühe, dem liebenden Paar mit ihrem Scharfsinn zu dienen.
"Ich hab's gefunden", rief sie endlich aus, "wir laden ihn geradezu
in den Garten."
"In den Garten?" fragte Marie schüchtern und ungläubig, "und durch
wen?"
"Sein Wirt, der gute Vetter Dietrich, muß ihn selbst bringen",
antwortete sie, "das ist herrlich, und dieser darf auch kein Wörtchen
davon merken, lass' nur mich dafür sorgen."
Marie, entschlossen und stark bei großen Dingen, zitterte doch bei
diesem gewagten Schritt. Aber ihre mutige, fröhliche Base wußte ihr
alle Bedenklichkeiten auszureden, und mit erneuerter Hoffnung, und
befreit von der Last des Geheimnisses, umarmten sich die Mädchen, ehe
sie sich zur Ruhe legten.