Sie aber lachte und sagte: „Nein, wir wollen Sie in Paris haben.“

„Madame wüßten eine Stelle für mich?“

„Die beste. Alle Abend hier in meinem Salon.“

Naboulione lächelte sauer, bemühte sich aber sehr, es in verbindlicher

Weise zu tun. Damals fragte ich mich empört: „Wo hat der Kerl nur seine

Augen?“

Heute weiß ich freilich, wo er sie hatte.

* * * * *

Eines Abends war man ungemein aufgeregt. Der König war hingerichtet

worden, und Ducrac gab im Salon, Frau v. Vermillon zuliebe, die

Generalprobe zu einer fürchterlichen Rede, die er kommenden Tages im

Parlament zugunsten weiterer Adelsguillotinierungen halten wollte. Es

war schaurig schön; alles applaudierte und prophezeite seiner Rede den

besten Erfolg.

Naboulione stand tiefbefriedigt nebenbei. In manchen Dingen erwies

er sich schon damals als der geniale Mensch, der später auch den

praktischen Erfindungen seiner Zeit weit vorauseilte. Damals hatte

er, im stürmischen Drang, seinen Hunger zu stillen und dennoch

den Gaumen mit all den reizvollen Genüssen zu bedienen, die man

hier als Erfrischungen umherbot, auf einem Brötchen folgende Dinge

zusammengestopft: ein Stückchen Käse, ein Stück Salmen vom Schwanzteil,

einen Essigpilz, etwas Räucherfleisch, eine Olive und ein wenig

Butter[1].

[1] Er war also auch der Erfinder der Sandwiches. Anm. d. Herausgebers.

Daran fraß er, beständig abbeißend. Nur die Revolution machte solche

Unsitten salonmöglich.

Als nun Herr Ducrac seine Rede beendet hatte, versicherte Madame

mit großer Lebhaftigkeit, es sei die höchste Zeit, daß die Adeligen

ihre Stellen räumten, um sie den unverbrauchten Kräften der Republik

abzutreten. Sie selbst habe, teils aus Überzeugung, teils aus Sorge um

den Kopf ihres Mannes, den Admiral de Vermillon bewogen, seine Stelle

niederzulegen und sich ins Privatleben zurückzuziehen.

„Unmöglich!“ schrie entsetzt Leutnant Naboulione dazwischen.

Reinezabelle fragte ihn, warum er so böse sei?

„Weil ein Mann auf seinen Posten gehört. Weil es von einem Kommandanten

schändlich ist, aus Sorge um seinen Kopf sich den Pflichten zu

entziehen, die er noch nicht einmal erfüllt hat! Marseille ist schlecht

armiert. Es mangelt dort an Artillerieoffizieren. In Marseille

ist Admiral Vermillon notwendig, in Paris als Privatier höchst

überflüssig!“

„Aber =mir= ist er nicht überflüssig,“ sagte Madame, der es Freude

machte, ihn mit ihrem Manne zu necken, in schuldlosem Ton. „Ich habe

ihm selbst geschrieben, zu mir zu eilen in einer Zeit, wo Liebe, Treue

und zartes Gefühl teuer zu werden beginnen. Ich habe ihm heute bei

der Nationalversammlung sein Entlassungsdekret erwirkt. Aber, Herr

Leutnant! Sehen Sie mich nicht so böse an. Sie werden mein täglicher

Freund bleiben, auch wenn der Admiral zu Hause ist.“

„Sie zerreißen das Entlassungsdekret! Nicht wahr, Ducrac, es ist doch

zu annullieren?“ bat der tolle, kleine Mensch.

„Aber im Gegenteil,“ rief Reinezabelle. „Ich habe es heute mit der

Eilpost abgeschickt und ...“

Naboulione schnitt ihr das Wort auf eine Weise ab, wie sie unmöglich in

Korsika, ja nicht einmal auf den Südseeinseln üblich sein konnte! Er

warf ihr die noch unverzehrte Hälfte seines belegten Brötchens an den

Kopf.

Reinezabelle schrie laut auf vor Schreck, und wir waren alle

zerdonnert, ja geradezu in Salzsäulen verflucht.

Dieses war die ungeheuerlichste Tat der Republik. Der Kopf des Königs

wog nicht so schwer als diese brutale Mißhandlung einer schönen Frau.

Naboulione entfernte sich in großer Bewegung, und mit einem Ausdruck

voll Schreck, Sorge und ausbrechender Liebe sah ihm Reinezabelle nach.

Im blonden Haar steckte ihr das Schweifstück des Salmen, am Ohrgehänge

hatte sich ein Bissen Räucherfleisch verfangen, und die Butter

befleckte ihr sonst stets lächelndes Grübchenkinn. Aber sie machte

keine Bewegung, sich zu reinigen.

Es war ein entsetztes Stillschweigen hinter dem wilden kleinen

Artilleristen. Erst als Ducrac die Roheit hatte, Bravo zu sagen, ging

das Gezeter über Naboulione los. Man fand, das Maß der Schrecken habe

seinen Höhepunkt erreicht, und während ich Madame abputzte, sagte ein

Orientalist, daß solches bei den Türken unmöglich wäre, und zitierte

einen arabischen Spruch hierzu:

Mit einer Blume nur zu schlagen

Ein Frauenbild sollst du nicht wagen.

Reinezabelle aber sagte, während ich sie abwischte, nur immer verklärt:

„Welche Leidenschaft! Welche Leidenschaft! Und bloß, weil mein Mann

zu mir kommen soll. Nein, diese Leidenschaft! Das ist korsisch, meine

Liebe!“

Ich glaube, sie hätte den kleinen, schlimmen Leutnant in allen Gassen

von Paris suchen lassen, wenn sich nicht am nächsten Tage Ducrac

ebenso abscheulich benommen hätte. Er hatte seine Rede gehalten.

Ein brüllender Aufruhr fegte durch die Gassen; aus dem wimmelnden

Volkstrott ragten auf Stangen gespießte Köpfe. Eben zog sich

Reinezabelle, die neugierig ans Fenster geeilt war, mit den Worten

zurück: „Kommen Sie, liebe Babette, ich sehe dergleichen immer noch

nicht gerne,“ da flog ein abgeschlagenes Menschenhaupt auf den Balkon

herauf, kollerte in das Zimmer und eine Stimme rief: „Besuch von Herrn

Savonnard! Souvenir der Revolution!“

Madame war leichenblaß geworden. „Nein,“ sagte sie dann, „das wird

zu arg! Diese Leute beginnen geschmacklos zu werden mit ihren Köpfen.

Räumen Sie das hinaus und lassen Sie sofort meine Koffer packen.

Wir wandern aus. Die Sitten sind hier zu frei. Nicht wegen dem belegten

Brötchen, o nein. Aber an die Art dieses Ducrac werde ich mich niemals

gewöhnen. Er hat mir alle Freude an Paris verdorben.“

Im Exil zu Köln verbrachte sie sehnsuchtsvolle Jahre. Sie konnte den

kleinen, rohen Naboulione seit seiner Schandtat nicht mehr vergessen.

Als dann der kleine Leutnant bei Lodi und Novi, bei den Pyramiden

und bei Marengo zum großen General wurde und die Welt auch am Konsul

Bonaparte noch immer nicht genug erlebt hatte, als er, der Kaiser,

seinen drolligen Taufnamen wieder hervorsuchte, nur daß er ihn jetzt

in besserem Französisch zu nennen wußte, da weinte die unglückliche,

einsame Frau vor leidenschaftlicher Liebe nach ihm, dem sie nie mehr

wieder nahetreten sollte.

„Ach,“ klagte sie. „Ich hatte die ganze Geschichte des Rokoko und der

Revolution in Gestalt von Freunden durchgeliebt und sie gaben sich

in allen Nüancen dieser wechselreichen Zeit; aber mißhandelt hat mich

keiner.

Er aber, er hat Völker, Könige, Ideen, Religionen, Philosophien und

Gelehrte geschlagen. Alle mit anderen Mitteln, mich aber, allein von

allen, durch den Schwung seiner zornigen Hand. Mir bestätigte er seine

Eigenart am persönlichsten.

Und nun ist er Kaiser; er heiratet diese Marie Louise und ich hätte ihn

so gut verstanden.

Vom sterbenden Rokoko · 第 23 / 25 题